Karl Marx an Ludwig Feuerbach in Bruckberg, Kreuznach, 20. [?] Oktober 1843. Nach: Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abteilung, Band 1, 2. Halbband, Berlin 1929, Nr. 85, S. 316–317, die den unvollständigen Abdruck bei Karl Grün (Ludwig Feuerbach in seinem Briefwechsel und Nachlaß, Leipzig und Heidelberg 1874) wiedergibt. Spätere Ausgaben bringen den Brief nach der Handschrift vollständig und datieren ihn auf den 3. Oktober 1843. Übersetzung ins Spanische

Kreuznach, den 20. [?] Oktober 1843.

Hochverehrter Herr! Dr. Ruge hat Ihnen bei seiner Durchreise vor einigen Monaten unseren Plan, französisch-deutsche Jahrbücher zu edieren, mitgeteilt und zugleich Ihre Mitwirkung erbeten. Die Sache ist jetzt soweit abgemacht, daß Paris Druck- und Verlagsort ist und das erste Monatsheft bis Ende November erscheinen soll.

Ich glaube fast, aus Ihrer Vorrede zur 2. Auflage des „Wesens des Christentums“ schließen zu können, daß Sie mit einer ausführlicheren Arbeit über Schelling beschäftigt sind oder doch manches noch über diesen Windbeutel in petto hätten. Sehen Sie, das wäre ein herrliches Debut.

Wie geschickt hat Herr Schelling die Franzosen zu ködern gewußt, vorerst den schwachen eklektischen Cousin; später sogar den genialen Leroux. Dem Pierre Leroux und seinesgleichen gilt Schelling nämlich immer noch als der Mann, der an die Stelle des transzendenten Idealismus den vernünftigen Realismus, der an die Stelle des abstrakten Gedankens den Gedanken mit Fleisch und Blut, der an die Stelle der Fachphilosophie die Weltphilosophie gesetzt hat! Den französischen Romantikern und Mystikern ruft er zu: „Ich die Vereinigung von Philosophie und Theologie“, den französischen Materialisten: „Ich die Vereinigung von Fleisch und Idee“, den französischen Skeptikern: „Ich, der Zerstörer der Dogmatik“, mit einem Worte: „Ich . . Schelling!“

Sie würden unserem Unternehmen, aber noch mehr der Wahrheit daher einen großen Dienst leisten, wenn Sie gleich zu dem ersten Hefte eine Charakteristik Schellings lieferten. Sie sind gerade dazu der Mann, weil Sie der umgekehrte Schelling sind. Der — wir dürfen das Gute von unserem Gegner glauben — der aufrichtige Jugendgedanke Schellings, zu dessen Verwirklichung er indessen kein Zeug hatte als die Imagination, keine Energie als die Eitelkeit, keinen Treiber als das Opium, kein Organ als die Irritabilität eines weiblichen Rezeptionsvermögens, dieser aufrichtige Jugendgedanke Schellings, der bei ihm ein phantastischer Jugendtraum geblieben ist, er ist Ihnen zur Wahrheit, zur Wirklichkeit, zu männlichem Ernst geworden. Schelling ist daher Ihr antizipiertes Zerrbild, und sobald die Wirklichkeit dem Zerrbilde gegenübertritt, muß es in Dunst, in Nebel zerfließen. Ich halte Sie daher für den notwendigen, natürlichen, also durch Ihre Majestäten, die Natur und die Geschichte, berufenen Gegner Schellings. Ihr Kampf mit ihm ist der Kampf der Imagination von der Philosophie mit der Philosophie selbst . . .

Ganz der Ihrige

Dr. Marx.