Brief von Friedrich Engels an Karl Marx in London, Manchester, 6. Juni [1853]. Text nach MEGA¹ III/1, Berlin 1929, Nr. 259, S. 478–482, ohne den Apparat der Herausgeber. Traducción al español.

Manchester, 6. Juni, abends.

Lieber Marx,

Ich wollte Dir heute per erste Post schreiben, wurde aber bis acht Uhr durch Comptoirarbeiten aufgehalten. Die beiden Erklärungen Weydemeyers und Cluß’ in der Kriminal-Zeitung gegen Willich wirst Du erhalten haben, d. h. von Amerika direkt, wo nicht, so schreib mir gleich. Vater Weydemeyer ist wie gewöhnlich zu breit, weiß die Pointe nur stellenweise zu finden, stumpft sie auch dann durch seinen Stil ab und entwickelt seinen bekannten Mangel an verve mit seltner Gelassenheit. Trotzdem hat der Mann sein Möglichstes getan, die Geschichte mit dem „Waffengefährten“ Hentze und der von andern inspirierten Schreibart des Hirsch richtig gedreht, sein hahnebüchner Stil und seine Gelassenheit, die dort für Impassibilität gilt, wird dem Philisterium zusagen, und im ganzen kann man mit seiner Leistung zufrieden sein. Die Erklärung von Cluß dagegen gefällt mir ausgezeichnet. Der homme supérieur, der seiner Überlegenheit durch die „persönliche Berührung“ mit Willich sich sozusagen physisch bewußt geworden, lacht aus jeder Zeile hervor. An Leichtigkeit des Stils ist das Ding das beste, was Cluß je geschrieben, auch nicht eine holprige Wendung drin, keine Spur von gêne oder Verlegenheit. Wie gut steht ihm der fingierte Biedermann mit der Miene des bonhomme, der aber doch überall den Teufel durchblicken läßt, der ihm im Nacken sitzt. Wie famos ist die Wendung mit dem „Schwindel, wie Revolutionsagenturen sind“, von denen er lebe, wie Willich behaupten soll. Der Ritterliche wird sich gewundert haben, unter den rohen „Agenten“ einen Kerl zu finden, der so flott, so geschickt, so von Natur offensiv und zu gleicher Zeit so unprätentiös nobel auftritt und der ihm so fein, viel feiner und gewandter als er selbst, seine eignen Finten a tempo stößt. Wenn der Willich nur Geschmack genug hat, das herauszufinden, aber ich hoffe, der Ärger und das notwendige Spintisieren werden ihm schon ein gewisses Verständnis eröffnen.

Daß man diese Scheiße bis auf den Grund ausfressen muß, ist klar. Je resoluter man dran geht, desto besser. Übrigens wirst Du sehn, daß sie gar so arg nicht wird. Der Ritterliche hat xmal mehr versprochen als er halten kann. Wir werden von Mordversuchen etc. hören, die Schrammsche Geschichte wird feenhaft ausgeschmückt werden, es werden Phantaste[reien] vorkommen, bei denen wir uns verwundert ansehn werden, weil wir uns absolut nicht erklären können, wovon der Mann eigentlich spricht, und im schlimmsten Fall erzählt er die Geschichte, wie M[arx] und E[ngels] eines Abends besoffen in die Great Windmillstreet kamen (vide Kinkel in Cincinnati, coram Huzelio). Kommt es dahin, so erzähl ich dem skandalliebenden amerikanischen Publikum, wovon sich die Kompagnie Besançon zu unterhalten pflegte, wenn Willich und formosus pastor Corydon Rau abwesend waren. Au bout du compte, was kann denn solch ein Vieh uns nachsagen? Gib acht, es wird ebenso pauvre, wie die Telleringsche Schmiere.

Den Borchardt werde ich dieser Tage wieder sehn. Wenn Empfehlungen zu haben sind, beiß ich sie heraus. Doch glaub ich nicht, daß Steinthal etc. derartige Verbindungen in London haben. Es liegt fast ganz außer ihrem Geschäftsbereich. Außerdem wird der Kerl schon der minderen Blamage halber die hiesige Geschichte in die Länge zu ziehen suchen. Wäre es nicht wegen Lupus, so könnte der Kerl mich hinten etc. Er ist mir unausstehlich, dies gesalbte, wichtigtuende, prahlhansige, verlogene Charlatansgesicht.

Wenn Lassalle Dir eine gute, gleichgültige Adresse in Düsseldorf gegeben hat, so kannst Du mir 100 Exemplare schicken. Wir werden sie in Twistballen durch hiesige Häuser verpacken lassen; aber sie dürfen nicht an L[assalle] selbst adressiert sein, da die Pakete nach Gladbach, Elberfeld oder so gehn und von da, als postpflichtig, per Post nach Düsseldorf gehn müssen. Ein Paket an Lassalle oder die Hatzfeldt können wir aber keinem hiesigen Hause geben, denn 1. ist in jedem dieser Häuser hier mindestens ein Rheinländer, der den Tratsch kennt, oder 2. wenn das gut geht, so wissen die Empfänger des Ballens drüben Bescheid, oder 3. im günstigsten Fall sieht sich die Post die Sachen an, eh sie sie abgibt. In Köln haben wir eine gute Adresse, kennen aber leider die Leute nicht besonders, die hier die Haupteinkäufer für das Kölner Haus sind, und können ihnen daher keinen Schmuggel zumuten. Wir sagen hier den Leuten nämlich, die Pakete enthielten Präsente für Damen.

Du wirst hieraus sehen, daß ich mich mit Charles wieder auf einen gangbaren Fuß gesetzt habe. Wie sich erst eine passende Gelegenheit fand, machte sich die Sache sehr rasch. Trotzdem begreifst Du, daß der Narr immer noch eine gewisse Freude dran hat, mir durch den Neid des Herrn G[ottfried] E[rmen] gegen meinen Alten wenigstens in einer lausigen Beziehung vorauspoussiert worden zu sein. Habeat sibi. Er hat jedenfalls gemerkt, daß, wenn es mir darauf ankäme, ich binnen 48 Stunden immer wieder maître de la situation sein kann, und das ist genug.

Die Abwesenheit des Grundeigentums ist in der Tat der Schlüssel zum ganzen Orient. Darin liegt die politische und religiöse Geschichte. Aber woher kommt es, daß die Orientalen nicht zum Grundeigentum kommen, nicht einmal zum feudalen? Ich glaube, es liegt hauptsächlich im Klima, verbunden mit den Bodenverhältnissen, speziell mit den großen Wüstenstrichen, die sich von der Sahara quer durch Arabien, Persien, Indien und die Tatarei bis ans höchste asiatische Hochland durchziehn. Die künstliche Bewässerung ist hier erste Bedingung des Ackerbaus, und diese ist Sache entweder der Kommunen, Provinzen oder der Zentralregierung. Die Regierung im Orient hatte immer auch nur drei Departements: Finanzen (Plünderung des Inlands), Krieg (Plünderung des Inlands und des Auslands) und travaux publics, Sorge für die Reproduktion. Die britische Regierung in Indien hat Nr. 1 und 2 etwas philiströser geregelt und Nr. 3 ganz beiseite geworfen, und der indische Ackerbau geht zugrunde. Die freie Konkurrenz blamiert sich dort vollständig. Diese künstliche Fruchtbarmachung des Bodens, die sofort aufhörte, wenn die Wasserleitungen in Verfall kamen, erklärt die sonst kuriose Tatsache, daß jetzt ganze Striche wüst und öde sind, die früher brillant bebaut waren (Palmyra, Petra, die Ruinen in Yemen, x Lokalitäten in Ägypten, Persien und Hindustan); sie erklärt die Tatsache, daß ein einziger Verwüstungskrieg ein Land für Jahrhunderte entvölkern und seiner ganzen Zivilisation entkleiden konnte. Dahin gehört, glaub’ ich, auch die Vernichtung des südarabischen Handels vor Mohammed, die Du sehr richtig als ein Hauptmoment der mohammedanischen Revolution ansiehst. Ich kenne die Handelsgeschichte der sechs ersten christlichen Jahrhunderte nicht genau genug, um urteilen zu können, inwieweit allgemeine materielle Weltverhältnisse den Handelsweg durch Persien nach dem Schwarzen Meer und durch den Persischen Meerbusen nach Syrien und Kleinasien dem übers Rote Meer vorziehen ließen. Aber jedenfalls war nicht ohne bedeutende Wirkung die relative Sicherheit der Karawanen im persischen, geregelten Sassanidenreich, während Yemen von den Abessiniern von Anno 200 bis 600 fast fortwährend unterjocht, invasiert und geplündert wurde. Die zur Römerzeit noch blühenden Städte des südlichen Arabien waren im siebten Jahrhundert wahre Wüsten von Ruinen; die benachbarten Beduinen hatten in 500 Jahren rein mythische, fabelhafte Traditionen über ihren Ursprung sich angeeignet (s. den Koran und den arabischen Geschichtsschreiber Novaïri), und das Alphabet, in dem die dortigen Inschriften geschrieben, war fast total unbekannt, obwohl kein andres da war, so daß sogar de facto das Schreiben in Vergessenheit geraten. Dergleichen Sachen setzen neben einem durch etwaige allgemeine Handelsverhältnisse veranlaßten superseding auch noch eine ganz direkte gewaltsame Zerstörung voraus, wie sie nur durch die äthiopische Invasion zu erklären ist. Die Vertreibung der Abessinier geschah um 40 Jahre vor Mohammed und war offenbar der erste Akt des erwachenden arabischen Nationalgefühls, das außerdem durch persische Invasionen von Norden her, die fast bis nach Mekka drangen, gestachelt war. Ich werde die Geschichte Mohammeds selbst erst dieser Tage vornehmen; bis jetzt scheint sie mir aber den Charakter einer beduinischen Reaktion gegen die ansässigen, aber verkommenden Fellahs der Städte zu tragen, die damals auch religiös sehr zerfallen waren und mit einem verkommenen Naturkultus ein verkommenes Judentum und Christentum vermischten.

Die Sachen vom alten Bernier sind wirklich sehr schön. Man freut sich ordentlich, einmal wieder etwas von einem alten nüchternen, klaren Franzosen zu lesen, der überall den Nagel auf den Kopf trifft sans avoir l’air de s’en apercevoir.

Da ich nun doch einmal auf ein paar Wochen in der orientalischen Schmiere festsitze, so habe ich die Gelegenheit benutzt, um Persisch zu lernen. Von dem Arabischen schreckt mich einerseits mein eingeborner Haß gegen die semitischen Sprachen zurück, andrerseits die Unmöglichkeit, in einer so weitläuftigen Sprache, die 4000 Wurzeln hat und sich über 2000 bis 3000 Jahre erstreckt, ohne viel Zeitverlust es zu etwas zu bringen. Persisch dagegen ist ein wahres Kinderspiel von einer Sprache. Wäre es nicht wegen des verfluchten arabischen Alphabets, worin immer je sechs Buchstaben sich gleich sehn und wo man die Vokale nicht schreibt, so würde ich mich anheischig machen, die ganze Grammatik binnen 48 Stunden zu lernen. Dies zum Trost für Pieper, wenn er etwa Lust haben sollte, mir diesen schlechten Witz nachzumachen. Ich habe mir drei Wochen als Maximum für das Persische angesetzt, wenn er also zwei Monate dran riskiert, so schlägt er mich jedenfalls. Für Weitling ist es ein Pech, daß er kein Persisch kann, er würde seine langue universelle toute trouvée haben, da es meines Wissens die einzige Sprache ist, wo kein Krakeel zwischen Mir und Mich entsteht, da der Dativ und der Akkusativ sich immer gleich sind.

Übrigens ist es ganz angenehm, den liederlichen alten Hafis in der Ursprache zu lesen, die ganz passabel klingt, und der alte Sir William Jones gebraucht mit Vorliebe persische Zoten als Beispiele in seiner Grammatik, die er dann nachher in seinen Commentariis poeseos asiaticae in griechische Verse übersetzt, da ihm das doch im Lateinischen selbst noch zu unflätig vorkommt. Diese Kommentare: Jones’ Works, Band II, de poesi erotica, werden Dich amüsieren. Dagegen ist die persische Prosa zum Totschießen. Z. B. der Ranzât-us-safâ des edlen Mirkhond, der die persische Heldensage in sehr bilderreicher, aber inhaltsloser Sprache erzählt. Hier heißt es von Alexander dem Großen: Der Name Iskander heißt in der jonischen Sprache Akschid Rûs (verstümmelt, wie Iskander, aus Alexandros), das bedeutet soviel wie Filusûf, welches herkommt von fila, Liebe, und sufa, Weisheit, so daß Iskander dasselbe ist wie ein Freund der Weisheit. — Von einem retired König heißt es: Er schlug die Trommel der Abdankung mit dem „Trommelstock des Sichzurückziehens“, wie père Willich dies tun wird, wenn er sich etwas weiter in den literarischen Kampf lanciert. Demselben Willich wird es auch ergehn wie dem König Afrasiat von Turân, als seine Truppen ausrissen, und von dem Mirkhond sagt: „Er biß sich die Nägel des Entsetzens mit den Zähnen der Verzweiflung, bis das Blut des geschlagenen Bewußtseins ihm aus den Fingerspitzen der Scham quoll.“ — Morgen mehr.