Brief von Karl Marx an Ferdinand Lassalle, Manchester, 8. November 1855. Text nach Gustav Mayer (Hg.), Ferdinand Lassalle. Nachgelassene Briefe und Schriften, Bd. III: Der Briefwechsel zwischen Lassalle und Marx, Stuttgart und Berlin 1922, Nr. 41, S. 103–104, nach dem Original, ohne den Apparat des Herausgebers. Traducción al español.
- November 1855.
34 Butlerstreet, Greenheys, Manchester.
Lieber Lassalle!
Du erhältst sehr spät Antwort. Einerseits bekam ich Deine Briefe später, weil ich in Manchester und die Briefe in London waren, meine Frau auch nicht genau wußte, ob ich nicht Manchester wieder verlassen. Andererseits war ich so von den infamsten Zahnschmerzen heimgesucht, daß mir das geschah, was Hegel vom sinnlichen Bewußtsein verlangt, auf der Station, wo es in das Selbstbewußtsein herüberreiten soll — daß mir nämlich Hören und Sehen verging, also auch Schreiben.
Was nun Deine Frage wegen des Buchs, betitelt: „Les mystères de la Bourse“ par Coffineau betrifft, so glaube ich, befindet sich dieses miserable Machwerk noch unter meinen im Vaterland zurückgebliebnen Büchern. Während meines ersten Aufenthalts in Paris ließ ich mich durch den Titel verführen, die Sache erst zu kaufen und dann zu lesen. Herr Coffineau ist ein Advokat, der von der Börse au fond nichts kennt und nur vor den „juristischen“ Prellereien der „agents de change“ warnt. Es ist also nichts aus dem Buch zu nehmen, weder facts, noch Theorie, nicht einmal unterhaltende Anekdoten. Zudem jetzt durchaus veraltet. „Laß ihn laufen, holde Donna“ — nämlich den Coffineau. „Er ist Deines Zorns nicht wert.“
Weerth ist jetzt, nach einer längeren Reise über den Kontinent (er kehrte Ende Juli von Westindien zurück), wieder in Manchester. In acht Tagen wird er hier aufs neue nach den Tropen absegeln. Es ist sehr interessant, ihm zuzuhören. Er hat viel gesehen, erlebt und beobachtet. Großen Teil von Süd-, West- und Mittelamerika durchreist. Zu Pferd die Pampas durchritten. Den Chimborasso erstiegen. Nicht minder in Kalifornien sich aufgehalten. Wenn er jetzt keine Feuilletons schreibt, spricht er sie dafür, und da hat der Zuhörer noch den Vorzug der lebendigen Aktion, der Mimik und des schalkhaften Lachens. Übrigens schwärmt er sehr für das Leben in Westindien und ist keineswegs auf den Menschenkehricht und das Wetter des hiesigen nordischen Chinas gut zu sprechen. Und indeed, es ist hier schlimm, sehr schlimm.
Die Jerseyaffäre und den sonstigen Skandal über die Flüchtlingsfrage in England wirst Du aus den Zeitungen kennen. Ich glaube nicht, daß die Affäre einen ernsthaften Verlauf nehmen wird. Ich glaube nicht einmal, daß die hiesige Regierung ein seriöses Resultat bezweckt hat. Der Skandal wäre sonst aufgespart worden bis kurz vor der Eröffnung des Parlaments. Jetzt hat man der public opinion Zeit zum Umschlag gelassen, der auch schon vielseitig eingetreten.
Adressiere Deinen nächsten Brief an meine alte Adresse in London, da ich nicht weiß, wie lange ich noch hier bei Freund Engels bleiben werde. Engels und Lupus lassen Dich bestens grüßen.
Dein K. M.