Brief von Friedrich Engels an Karl Marx in London, Waterloo, 21. August 1857. Text nach MEGA¹ III/2, Berlin 1930, Nr. 447, S. 208–210, ohne den Apparat der Herausgeber. Traducción al español.
Waterloo, 21. August 1857.
Lieber Mohr,
Die Artikel wirst Du heut morgen erhalten haben.
Deine Thesen halte ich doch für open to some observations. Daß Eisen in drei Wochen wirke, wo Lebertran in drei Monaten, ist wohl nicht wörtlich zu nehmen. Von einer Kur in drei Wochen kann überhaupt bei so einer Krankheit keine Rede sein, und ich möchte dagegen sagen, daß, Eisen oder kein Eisen, der Fälle mehr sind, wo die Kur drei Jahre, als nur drei Wochen gedauert hat.
Daß Eisenmangel im Blut Grundcharakter der Skrofulose, ist mir allerdings neu. Trotz aller Literatur aber ist es sicher, daß seit einiger Zeit die Mode grassiert, alle Krankheiten auf Eisenmangel im Blute zu reduzieren, eine Mode, die bereits eine Reaktion anzuregen beginnt; von der Krankheit, von der es noch am meisten feststeht, daß dies ihr Grundcharakter ist, der Bleichsucht, behaupten neuerdings einige Franzosen, das Eisen habe gar nichts mit ihr zu tun. Was der Grundcharakter der Skrofulose ist, scheint mir noch sehr im Trüben zu liegen.
Daß im Lebertran unter andern auch das Jod ein Hauptelement der Wirkung ist, ist gewiß. Aber lange nicht das einzige. Mit Jod in andren Gestalten kommt man nicht so weit. Außerdem ist Chlor und Brom darin, beides direkt oder indirekt auf das Übel wirkend, und inwiefern die Gallenbestandteile und flüssigen Fettsäuren mithelfen, ist noch nicht festgestellt. Ich weiß nur, daß norwegischer Lebertran, der bitter nach Galle schmeckt, mir mehr genützt hat als neufundländer oder englischer, der dies nicht tut.
Jodeisen hab ich während der ganzen Zeit, wo ich in Manchester war (zwischen London und Waterloo), gleichzeitig mit Lebertran genommen, und die Entzündung nahm fortwährend zu und wurde schließlich chronisch. Seit ich hier bin, hab ich kein Jodeisen mehr genommen, habe aber längst schon mit H[eckscher] abgemacht, daß entweder Jodeisen oder Guerennesches Eisen mit Lebertran als Nachkur gebraucht wird.
Das Fett im Tran ist pour le moment durchaus kein unnützer Ballast für mich. Seit ich wieder zu Kräften gekommen, geht auch die Fettansammlung wieder vor sich. Fertiges tierisches Fett ist natürlich nur in sehr geringem Maß in meiner Diät zulässig; die Folge davon ist, daß ich mehr Stärkemehl essen muß, und wirklich hab ich zuzeiten einen wahren Heißhunger auf Brot; ich esse doppelt soviel Fleisch, aber viermal soviel Brot wie sonst. Das Fett im Lebertran hilft mir bei dieser Mast vortrefflich, da es in einer höchst unschuldigen Form genommen wird und nicht so irritierend wirkt wie Fleischfett oder fettgekochte Sachen.
Du siehst, daß wir das Eisen nie ganz aus dem Gesicht ließen, und selbst nachdem es schon über drei Wochen erfolglos angewandt, vielleicht sogar unter den obwaltenden Umständen die Sache verschlimmert hatte, dennoch es für die Nachkur schon reserviert hatten. Heckscher, mit dem ich vorigen Sonntag wegen Eisen sprach, war positiv dagegen, nach der gemachten Erfahrung schon jetzt wieder Eisen anzuwenden, und ich muß ihm recht geben. Später natürlich. Ich wiederhole übrigens, daß ich trotz der Einstimmigkeit der Literatur ein großes Mißtrauen gegen die Reduzierung aller Krankheiten auf Eisenmangel habe, solange wir von dem Zustande und selbst der normalen Quantität des Eisens im Blut nicht etwas mehr wissen als bis jetzt. Jedenfalls hatte ich Eisen genug im Blut, als die Geschichte ausbrach, das muß mir jeder Medicus bezeugen, der mich damals gesehn hat. Daß bei Leuten mit positiv skrofulösem Habitus, blasser Farbe, durchsichtiger Haut etc. Eisenmangel existieren mag, glaub ich gern.
Aber admis, daß dies der Grundcharakter ist, so folgt daraus noch lange nicht der indiscriminate und sofortige Gebrauch des Eisens. Eisen ist sehr schwer ins Blut anders als in den kleinen Quantitäten zu bringen, in denen es sich in den gewöhnlichen Nahrungsmitteln findet. Gesetzt also, der Charakter meiner Krankheit wäre, daß das Blut nicht mehr fähig sei, das Eisen in den Nahrungsmitteln zu assimilieren, so assimiliert ’s das aus der Medizin noch weniger. Seeluft und Seebad stärken das System insoweit, daß das Blut diese Fähigkeit wieder erhält. Es assimiliert also auch wieder Eisen aus Fleisch und Brot, und da ich viel mehr esse als sonst, also auch soviel mehr Eisen. Hier nun, wenn diese Fähigkeit wiederhergestellt, kann medizinisch gegebnes Eisen nützen, obgleich ich glaube, daß neun Zehntel davon unnütz durch den Körper geht, und selbst auf die Eisentheorie hin ist Anwendung von Eisen in jeder Periode der Krankheit nicht als richtig erwiesen. Nun aber kommt noch die Varietät der einzelnen Kasus und Konstitutionen hinzu. Ich scheine z. B. gegen alle Metalle besonders empfindlich zu sein; auch äußerliche Anwendung von Quecksilber, um die lokale Ausbreitung der Entzündung zu verhindern, wirkten sehr rasch bei mir, und es ist sehr möglich, daß das Jodeisen, zu einer Zeit genommen, wo mein Blut zu desorganisiert war es zu assimilieren, die steigende Entzündung befördert hat.
Jedenfalls sehe ich nicht ein, inwiefern Deine Thesen, selbst die Eisentheorie zugegeben, etwas Wesentliches an den Behauptungen meines früheren Briefs umstoßen, in dem es sich übrigens nur um die sofortige Anwendung von Eisen, in keiner bestimmten Form, mit Ausschluß des Lebertrans handelte.
Heute hab ich mein erstes Seebad genommen, ist famos bekommen und hat einen Appetit gemacht vom Teufel. Vorderhand soll ich nur jeden zweiten Tag baden.
Jetzt aber Postzeit. „Army“ in Arbeit.
Viele Grüße an Deine Frau und Kinder.
Dein F. E.