Brief von Friedrich Engels an Karl Marx in London, Manchester, 15. November 1857. Text nach MEGA¹ III/2, Berlin 1930, Nr. 468, S. 239–243, ohne den Apparat der Herausgeber. Traducción al español.

Manchester, 15. November 1857.

Lieber Marx,

Es tut mir leid, daß Du vorigen Montag gewartest hast — ich kam erst nach sechs in Euston Square an, thanks to bad arrangements of the Railway Company in Brighton, und fuhr selbe Nacht nach Manchester.

Die Gesundheit ist gut, die Leute sind alle verwundert, auch Heckscher, daß ich mich so erholt. Das Gedächtnis ist noch schwach, ein bißchen dulness besteht, und ich kann keinen Alkohol mehr vertragen. Das letzte Loch ist im schönsten Heilen. Reiten und reduziertes Comptoirarbeiten muß dem abhelfen; was letzteres betrifft, habe ich mich in Übereinstimmung mit unsrer Fabrik auf short time gesetzt.

Cannon sollst Du bis zur nächsten Freitagspost positiv haben. Eher ist’s nicht möglich. Es werden ca. zehn lange Blätter. Der Rest von C kann bald folgen; das sind meist kleine Lumpereien, die hier bei meinen Büchern rasch abzumachen sind.

Sobald ich irgend in meinen eignen Geldverhältnissen etwas klar sehe (die sehr in Konfusion sind), will ich Dir Geld schicken.

Die Krisis entwickelt sich diesmal etwas eigentümlich. Der Aktienschwindel in Frankreich und Deutschland hat schon seit einem Jahr beinah in einer vorläufigen Krisis gelegen; jetzt erst ist der Hauptaktienschwindel in New York zum Kollapse und dadurch alles zur Entscheidung gekommen. Das Merkwürdige ist, daß die Yankees zwar, wie immer, mit ausländischem Kapital, aber diesmal besonders mit kontinentalem geschwindelt haben. Die Bureaukraten und Rentiers, die in Deutschland alles für sich aufgekauft haben, was nur amerikanisch war, werden schön bluten müssen. Die Vorkrisis des kontinentalen Aktienschwindels und die wenigen direkten Berührungspunkte, die er mit dem amerikanischen hatte, verzögern die sofortige zerstörende Rückwirkung der amerikanischen auf die kontinentalen Schwindelgeschichten, doch wird das bald kommen.

Die Spekulation hatte außer den Aktien alle Rohprodukte und Kolonialwaren ergriffen, also auch alle Manufakturwaren, bei deren Preisen der des Rohprodukts noch stark durchklingt; und also je näher nach dem Rohprodukt und je teurer das Rohprodukt, desto mehr Garn, mehr als rohe Gewebe, diese mehr als gedruckte und buntgewebte Seidenwaren, mehr als Baumwollwaren. In Seide hatten wir hier eine Vorkrisis seit August, ca. 20 Fabrikanten fallierten mit einer Masse, die ich auf nicht unter £ 200000 anschlagen möchte, und bei der im besten Fall 35—40% herauskommen. Wir sitzen mit £ 6000 drin, macht auf mein Teil £ 300!! oder nach Bezahlung der Dividenden im günstigsten Fall noch £180. Unter diesen Umständen werde ich wohl mit meinem Alten ein neues Abkommen treffen müssen. Dies beiläufig. Die Seidenkrisis geht noch voran. Das Falliment von Bennoch, Twentyman & Rigg (Konkurrenten von Blank) reitet in Coventry fünf Fabrikanten von Seidenbändern mit 100 000 £ herein, davon der größte £ 40 000, der kleinste £6000. T. C. Reed & Co. Derby, bedeutende Seidenspinner, Doublerer und Fabrikanten, sind außerdem gleich nach und infolge von Bennoch falliert. In Glasgow sind außer den 30 in den Blättern angeführten noch eine ganze Menge mittlerer und kleiner Leute gepurzelt, ohne daß jemand danach fragt oder davon spricht. Ob das Haus Ernst Dronke auch unter der Zahl ist, weiß ich nicht. Vielleicht hat er nicht den Verstand gehabt, den Zeitpunkt zu einem ehrenvollen Exit zu benutzen.

Wie es mit dem Baumwollenmarkt dies Jahr gegangen hat, siehst Du aus beiliegender Zeichnung, die nach den offiziellen gedruckten Berichten unsres Maklers von mir angefertigt ist. Wo die wagerechte schwarze Linie in die Mittellinie zwischen zwei Achtel fällt, heißt das, der Preis war das dazwischenliegende, ein Sechzehntel, also z. B. zwischen 7⅜ und 7½ heißt 7 7/16 d.

Was die industrielle Produktion selbst betrifft, so scheint der übergroße Vorrat in Amerika hauptsächlich im Westen zu liegen; in den östlichen Häfen ist der Vorrat an Manufakturwaren nach allen Richtungen, die ich habe, sehr gering. Daß dieser aber auch schon a drug on the market ist, beweist die Rücksendung ganzer Ladungen von New York nach Liverpool. Hier arbeiten drei Viertel der Spinner auf Vorrat, nur ein Viertel höchstens hat noch einige laufende Kontrakte. Short time beinahe ganz allgemein. Ein sehr aktives Garnkommissionshaus hier, das vor drei Wochen noch für £45 000 Kontrakte laufen hatte, hat jetzt nur noch für 3000, so rasch haben die Spinner abliefern können, selbst bei short time.

Die eigentümlich günstigen Nachrichten von Madras und Bombay (Verkäufe mit Profit, seit 1847 nicht mehr dagewesen) machen das indische Geschäft belebter. Alles wirft sich darauf, was nur kann. S. Mendel, indian Agent, hat sein ganzes großes Warehouse zum Ärger der andern Kommissionäre bis 10 Uhr abends erleuchtet und schickt fort, was das Zeug hält. No doubt, Hunderte von Spinnern und Webern konsignieren dahin. Dort bereitet sich also eine Reservekrise vor, für den Fall, daß dieser erste Stoß nicht imstande ist, den alten Dreck umzuwerfen.

Der allgemeine Aspekt der hiesigen Börse war höchst ergötzlich in der vorigen Woche. Die Kerle ärgern sich schwarz über meine plötzlich sonderbar gehobene Laune. Indeed die Börse ist der einzige Ort, wo meine jetzige dulness sich in Elastizität und bouncing verwandelt. Dabei prophezeie ich natürlich immer schwarz; das ärgert die Esel doppelt. Am Donnerstag war der Zustand am jammervollsten, Freitag grübelten die Herren über den möglichen Effekt der Bankaktsuspension, und da Cotton wieder 1d. stieg, hieß es: wir sind über das Schlimmste weg. Bis gestern war aber schon wieder die erfreulichste despondency eingetreten; die ganze Glorie war reine Redensart und fast kein Mensch wollte kaufen, so daß der hiesige Markt schlecht blieb wie vorher.

Was dieser Krisis eine glänzende Entwicklung verspricht, ist die sofortige Notwendigkeit der Bankaktsuspension beim ersten Stoß. Dadurch wird die Bank selbst direkt hereingeritten. 1847 war es doch möglich, die Sache von 1845 an bummeln zu lassen und erst im allerletzten und schlimmsten Moment zu dieser Maßregel zu greifen.

Für Ausbreitung und Fortdauer der Krise ist auch gesorgt. Die Seidenkrisis, die schon die größte Masse Seiden- (handloom) weber außer Brot gesetzt, und die short time allein sind hinreichend, den home trade für den Winter vollständig zu ruinieren, bis Ende Oktober ging er noch gut. Die amerikanische Krisis reitet die Barmer und Elberfelder smallware manufacturers, die Elberfelder und Krefelder und Lyoner Seidenfabrikanten, die deutschen, französischen und belgischen Tuchfabrikanten tief in die Sauce. Die smallware manufacturers von Barmen leiden noch besonders durch Bennoch, Twentyman. Draper, Pietroni & Co. reiten Italien, besonders Mailand, die Herzogtümer, Bologna etc. herein.

Wenn Baumwolle nicht auf 6 d. pro Pfund kommt, ist keine, selbst momentane Wiederbelebung der Baumwollenindustrie hier möglich. Und jetzt steht sie noch auf 7 à 7¼ d. Daraus siehst Du, wie wenig hier die Sache nur die Möglichkeit einer Wendung erreicht hat. Trotzdem ist im Frühjahr eine momentane Wendung möglich und sogar wahrscheinlich, eine Wendung nicht zum „guten Geschäft“, aber doch so, daß wieder Geschäfte gemacht werden können, so daß die Handelsmaschinerie im Gang bleibt und nicht einrostet. Bis jetzt hat keine Krisis sich so rasch und mit einem Schlage ausgelebt, und diese, die auf zehn Jahre Prosperität und Schwindel folgt, ist am wenigsten dazu geeignet. Auch ist kein neues Australien und Kalifornien mehr da zur Rettung, und China auf zwanzig Jahre im Dreck. Die Heftigkeit dieses ersten Schlags aber zeigt, welche kolossalen Dimensionen die Sache nimmt. Nach der enormen Goldproduktion und der entsprechenden kolossalen Ausdehnung der Industrie ist dies auch nicht anders möglich.

Es wäre zu wünschen, daß erst diese „Besserung“ zur chronischen Krise einträte, ehe ein zweiter und entscheidender Hauptschlag fällt. Der chronische Druck ist für eine Zeitlang nötig, um die Bevölkerungen warm zu machen. Das Proletariat schlägt dann besser, in bessrer connaissance de cause, und mit mehr Einklang; grade wie eine Kavallerieattacke viel besser ausfällt, wenn die Pferde erst eine 500 Schritt traben mußten, um an den Feind zur Carrieredistanz zu kommen. Ich möchte nicht, daß es zu früh etwas gäbe, ehe ganz Europa vollständig ergriffen ist, der Kampf nachher würde härter, langweiliger und mehr hin und her wogend. Mai oder Juni wäre fast noch zu früh. Die Massen müssen durch die lange Prosperität verdammt lethargisch geworden sein. Unsre Freunde Kinkel & Co. werden aber jetzt Wechsel auf Sicht für eine Revolution bei uns zur Zahlung präsentieren, das steht zu erwarten; never mind, wir werden sie den Herren noch früh genug zahlen.

Daß Du über diese Krisis Material sammelst, ist sehr schön. Ich schick heute wieder zwei Guardians, Du sollst ihn regelmäßig und den Examiner und Times von Zeit zu Zeit erhalten. Auch werde ich Dir möglichst oft alles rapportieren, was ich erfahre, damit wir einen guten stock of facts haben.

Mir geht es übrigens wie Dir. Seitdem der Schwindel zusammenbrach in New York, hatte ich keine Ruhe mehr in Jersey, und ich fühle mich enorm fidel in diesem general downbreak. Der bürgerliche Dreck der letzten sieben Jahre hatte sich doch einigermaßen an mich gehängt, jetzt wird er abgewaschen, ich werde wieder ein andrer Kerl. Die Krisis wird mir körperlich ebenso wohl tun wie ein Seebad, das merk’ ich jetzt schon. 1848 sagten wir: jetzt kommt unsere Zeit, und sie kam in a certain sense, diesmal aber kommt sie vollständig, jetzt geht es um den Kopf. Meine Militärstudien werden dadurch sofort praktischer, ich werfe mich unverzüglich auf die bestehende Organisation und Elementartaktik der preußischen, östreichischen, bayerischen und französischen Armeen, und außerdem nur noch auf Reiten, d. h. Fuchsjagen, was die wahre Schule ist.

Grüße Deine Frau und Kinder herzlich. Die werden auch fidel sein, trotz des Pechs, aus dem es mich Tag und Nacht ärgert, daß ich Dich nicht herausreißen kann.

Dein F. E.

In Failsworth, vier Meilen von hier, ist gestern ein Fabrikant Liddle in optima forma und unter Verlesung des burial service durch einen als Pfaffen angezognen Weber in effigie gehangen worden. Statt der Stelle „May the Lord have mercy upon your soul“, las er: „May the Lord blast your soul“. — Now is the time for Jones, wenn er sie nur zu benutzen versteht.