Brief von Karl Marx an Friedrich Engels in Bridlington Quay, Argenteuil, 3. August 1881. Text nach MEGA¹ III/4, Berlin 1931, Nr. 1502, S. 505–507, ohne den Apparat der Herausgeber. Traducción al español.
- August 1881. 11 Boulevard Thiers, Argenteuil.
Dear Fred,
Es ist mir sehr peinlich, daß ich so hart auf Deinen Exchequer drücke, aber die Anarchie, die während der letzten 2 Jahre in dem Haushalt einriß und allerlei Rückstände verursachte, lastet seit geraumer Zeit auf mir. Am 15. dieses Monats muß ich in London 30 £ zahlen, und drückte mir das auf den Kopf seit dem Tag unsrer Abreise von dort.
Wann wir zurückkehren werden, ist keineswegs klar. Wir erleben hier von Tag zu Tag dieselben Wechselfälle wie in Eastbourne, nur mit dem Unterschied, daß plötzlich entsetzliche Schmerzen eintreten, wie namentlich gestern. Unser Doktor Dourlen, der ein ausgezeichneter Arzt ist und glücklicher Weise ganz nah bei uns wohnt, griff sofort ein und wandte eins der heroischen Opiummittel an, die Donkin mit vollem Bewußtsein in Reserve hielt. Darauf hatte sie eine gute Nacht und fühlt sich heute so wohl, daß sie ausnahmsweis schon um 11 Uhr Morgens aufstand und in der Umgebung Jennys und der Kinder sich zerstreut. (Die Diarrhöe wurde stopped am 2. Tage unsrer Ankunft. Dourlen sagte von vornherein: wenn nur ein accident, sei es nichts; aber es könne auch Symptom sein, daß die Eingeweide selbst infiziert. Dies war also glücklicher Weise nicht der Fall.)
Die temporären „Besserungen“ hindern natürlich nicht den natürlichen Fortschritt des Übels, aber sie täuschen meine Frau und befestigen Jenny — trotz meiner Einsprache — in dem Glauben, daß der Aufenthalt in Argenteuil möglichst lang währen müsse. Ich weiß die Sache besser und stehe um so mehr Angst aus. Ich habe in fact gestern Nacht zum erstenmal wieder einen annähernd vernünftigen Schlaf gehabt. Ich fühle mich im Kopf so dumm, als ging ein Mühlrad drin herum. Ich habe mich deswegen auch bis jetzt ausschließlich in Argenteuil gehalten, weder Paris besucht noch irgendeine Person daselbst durch eine Zeile encouragiert, mich besuchen zu kommen. Hirsch hat im Bureau der „Justice“ bereits Longuet seine gerechte Verwunderung über diese „abstention“ ausgesprochen.
Into the bargain fand während der letzten 5 Tage hier ein Kotzebuesches Drama statt.
Jenny hatte als Köchin a very lively young girl from the country, mit der sie in jeder Art zufrieden war, da sie auch die Kinder aufs freundlichste behandelte. Von ihrer letzten mistress, der Frau des Dr. Reynaud (auch Arzt in Argenteuil), hatte sie nur das „negative“ Zeugnis, daß sie freiwillig ihren Dienst verlassen habe. Die alte mother Longuet, welche, soweit möglich, Diktatur über Jenny auszuüben sucht, war damit keineswegs zufriedengestellt und hat nichts Eiligeres zu tun, als auf ihre Faust an die Frau Reynaud zu schreiben.
Madame Reynaud ist eine hübsche Coquette und ihr Mann ist ein wilder Esel; es gehn also in dem Hause dieses Paars Dinge vor, wovon in Argenteuil viel gekohlt wird. Sie wußten nicht, daß ihre ehmalige Magd wieder am Ort selbst Dienst gefunden, und nun gar bei Mr. Longuet, einem intimen Freund des Dr. Dourlen, dessen Frau eine intime Feindin der Madame Reynaud! This was to be looked after.
Also eines schönen Vormittags kommt Madame Reynaud — bis dato Jennychen persönlich unbekannt —, erzählt letzterer, das Mädchen habe unsaubre Affaires mit Mannspersonen gehabt (et Madame?), aber, was schlimmer, sie sei eine Diebin, dans l’espèce, sie habe ihr selbst einen goldnen Ring gestohlen; sie versichert Jenny, sie wolle die Sache en famille, ohne Zuflucht an die „autorités“, abmachen etc. Kurz und gut, Jennychen summons the girl, Madame Reynaud schwatzt ihr zu und bedroht sie at the same time, das Mädchen gesteht, retourniert ihr den Ring — und darauf denunziert Dr. Reynaud die Unglückliche dem juge de paix. Upshot: gestern ist sie nach Versailles abgeführt worden zum juge d’instruction! Du weißt, daß als Rest des römischen Rechts, wo familia = servi, der Code dieselben kleinen Verbrechen, die gewöhnlich vors Zuchtpolizeigericht kommen, an die Assisen verweist.
Jenny hatte in der Zwischenzeit alle möglichen Schritte beim juge de paix, einem sehr braven Mann, getan, aber die Sache war nicht mehr in seiner Hand, sobald sie ihm offiziell denunziert war. Doch werden Jennys Aussagen, die er schriftlich aufgenommen, und die extrajudizielle Prozedur der Reynaud, die sie ebenfalls zu Protokoll gegeben, dem Mädchen zugut kommen.
Jennys Verteidigung des Mädchens verwunderte den juge de paix, doch nahm er alles sehr humoristisch auf. Er fragte sie: Mais vous ne voulez pas défendre le vol? — Mais non, Monsieur, commencez par arrêter tous les grands voleurs d’Argenteuil, et de Paris par dessus le marché!
Das nächste Resultat ist, daß sie ohne Köchin. Die dumme girl von London — Schwester unsrer ehmaligen Carry — is good for nothing in that line, hat außerdem die Hände voll mit den 4 Kindern.
Apropos! Nordau-— der den Hirsch deplaziert bei der Vossischen Zeitung — erhielt einen französischen Orden! Darauf denunziert Hirsch ihn bei der „Justice“! Diese greift das Ministerium an, das solchen Verleumder Frankreichs (er ist deutschungarischer Jude, schrieb für Bismarck gegen Tissot „le vrai pays des milliards“) beordene wie ditto den Bleichröder, der la belle France mit 10 statt 5 Milliarden Strafgelder belasten wollte.
Der Esel Nordau, in diesem Augenblick in Paris, antwortet in Brief an „Justice“, worin er sich als champion Frankreichs repräsentiert. Wurde darauf in „Justice“ und Tag nachher in „République française“ bloßgestellt.
Salut.
Dein Mohr.