Text nach der Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abteilung, Band 2 (Berlin 1930, S. 88-89), ohne den textkritischen Apparat der Herausgeber. Erstdruck: Telegraph für Deutschland (Hamburg), September 1840, Nr. 149, S. 596. Der Titel stammt von den Herausgebern der MEGA. Traducción al español.

* Die zwei Predigten liegen vor uns, welche die sonst so frommen Bremenser veranlaßten, dem Elberfelder Eiferer, F. W. Krummacher, das fernere Hospitieren in der Kirche St. Ansgarii zu untersagen. Wenn man von den gewöhnlichen Predigten, wo Gott nur der Weltenvater oder das höchste Wesen genannt wird, einen meist sehr wässerigen Eindruck hat, so ist der Text dieser Krummacher’schen Reden Lauge, Beize, ja Scheidewasser. Schon der Originalität wegen, so von der Kanzel herab, wie es hier geschieht, mit den Gemeinden zu verkehren, wird man die Reden mit Interesse lesen; sie zeigen, daß Krummacher ein geistvoller, mit Witz und Phantasie gesegneter Zelote ist. Ob diese geharnischte Sprache aus einem wirklichen Felsenglauben an das Christentum fließt, kann man bezweifeln. Wir glauben, daß Krummacher kein Heuchler ist, sich aber in diese Predigtweise nur aus Geschmack festrannte und sie um so weniger lassen kann, als allerdings der gewöhnliche Ton der evangelischen Liebessäusler und der Damenprediger ein sehr abgeschmackter ist. Soviel aber ist gewiß, daß Krummacher die Bedeutung der Kanzel sehr verkennt, wenn er sie zum Inquisitionsstuhle erhebt. Was kann eine Gemeinde aus einer solchen Predigt mit nach Hause nehmen? Nichts, als jenen geistlichen Hochmut, der am Pietismus so widerwärtig ist. Wer von seiner Gemeinde nur Glauben verlangt, dies starre Gebot nur mit Synonymen umschreibt und den übrigen Teil des Predigtvortrags zur Tagespolemik benutzt, wird sehr viel Eigendünkel, Hochmut und orthodoxe Verstocktheit, aber sehr wenig Christentum verbreiten. Krummacher scheint diese Aufgabe, die christliche Einfalt zum Hochmut zu emanzipieren, methodisch zu betreiben. Die Wendung, daß Geist, Witz, Phantasie, Dichtertalent, Kunst, Wissenschaft, alles vor Gott nichts wäre, ist ihm stereotyp. Er sagt: „Im Himmel ist ein Festtag, nicht wenn ein Dichter geboren wird, sondern ein Irrender geweckt wird.“ Er schildert dem Ärmsten in seiner Gemeinde eine Bedeutung, die er haben könne, daß dieser unfehlbar sich höher und weiser bedünken muß als Kant, Hegel, Strauß etc., die Krummacher fortwährend in seinen Predigten anathematisiert. Sollte Krummacher’s eigenstes Wesen nicht auch aus einem — zurückgetretenen Ehrgeize, aus der Sucht nach Auszeichnung entstehen? Es gibt viele Köpfe, die das Höchste erstrebten, es nicht durch Fleiß, Talent und Gediegenheit erreichen konnten und dann hoffen, durch eine beispiellose Glaubens-Virtuosität es bis zur ewigen Krone zu bringen. Wenigstens möchte man sehr geneigt sein, die fortwährende Polemik Krummacher’s gegen alles, was in der Welt berühmt ist, sich so und nicht anders zu erklären. — Recht schmerzlich ist es, in den erwähnten Predigten wenig auflösende Elemente, Rührung, Gemüt, echten Schmerz zu finden. Einem so starren, eifernden Wesen kann der Ton der Liebe nicht geläufig sein. Indessen finden sich doch Stellen, die mit dem wunderlichen Wesen dieses Mannes wieder aussöhnen. Wie wenig Predigten haben wir, in denen sich eine so schöne Stelle, wie die folgende, finden wird: „Ja, Freunde, die Welt ist da noch nicht zu Ende, wo am fernen Seegestade der Sturm heult, oder wo droben der trauernde Mond geht und die stillen Sterne wehmütig zur Erde niederschauen. Es geht darüber hinaus eine andere, weitere, lichtere Region. O da ist’s besser sein, als hier. Da trägt man keine Rosen mehr zu Grabe; da droht der Liebe keine Trennung mehr; da ruht kein Galletropfen mehr im Freudenbecher. Eine solche Welt ist da, so wahr sich der Herr Jesus sichtbar (?) in sie hinüberschwang.“