Ohne Unterschrift erschienen in der Neuen Rheinischen Zeitung, Nr. 23, 23. Juni 1848 (Köln), S. 4, Rubrik „Italien“ (ohne die Meldung aus Neapel vom 5. Juni, die das Blatt als aus einer anderen Zeitung übernommen kennzeichnet); von der MEGA² (I/7) Friedrich Engels zugeschrieben. Text nach dem Original der Zeitung (Digitale Sammlungen der USB Köln). Traducción al español.

* Vicenza. Die A. A. Z. bringt einen östreichischen Brief aus Verona über die Einnahme von Vicenza, aus dem wieder hervorgeht, mit welcher wohlfeilen Tapferkeit die Oesterreicher in Italien kämpfen: „Am 10. um 12 Uhr wurde der Angriff auf die Stadt und den sie beherrschenden Monte della Madonna unternommen. Der Kampf um diese Stellung dauerte lang und kostete viele Opfer. Der Feind, einsehend, daß der Besitz dieser Höhe entscheidend sei, hatte dieselbe stark befestigt; päpstl. Schweizertruppen und die Elite der Crociati vertheidigten sich dort hartnäckig, bis sie nach 6stündig. Gefecht, durch das wiederholte Stürmen unserer Truppen, durch das kräftige Feuer der Congreveschen Raketen immer mehr gedrängt, sich in die Stadt zurückzogen. Diese war zur hartnäckigsten Vertheidigung hergerichtet; mehr als 80 Barrikaden, viele Batterien sollten in Wirksamkeit treten; an einen Straßenkampf war daher nicht zu denken, die Artillerie konnte und mußte hier allein wirken. Bis 9 Uhr Abends dauerte das Kanonenfeuer, das Bomben- und Raketenwerfen.“ Die heldenmüthigen Oestreicher bleiben sich überall gleich. An einen Straßenkampf denken sie nicht. Sie stecken sich lieber weit vom Schuß hinter sichere Verschanzungen und schießen die Stadt in Brand, wie sie es mit fast allen italiänischen Städten gemacht haben. Aber dafür prahlen sie desto mehr, nachdem sie diese ungebührliche Heldenthat zu Stande gebracht haben vermittelst Congrevescher Brand-Raketen, die außer den Oestreichern von keiner Nation seit 1813 angewandt worden sind. Der Korrespondent hat so eben selbst die Tapferkeit der Italiäner und die feige Barbarei der Oestreicher geschildert. Aber jetzt, nachdem er siegreich in das niedergebrannte Vicenza eingezogen — jetzt prahlt er: „der Ausmarsch (der Italiäner) bot ein ergötzliches Schauspiel; einen solchen Mischmasch, eine solche Musterkarte von Uniformen und Phantasic-Anzügen wird man selten zu sehen bekommen, eben so wenig wie solche Rudel von unreifen Burschen und liederlichen Dirnen . . . unser Verlust ist bedeutend.“ — Und dieser Mischmasch, diese Musterkarte, diese Rudel von unreifen Burschen haben einem dreifach überlegenen „wohldisziplinirten,“ „tapfern,“ „ruhmbedeckten“ östreichischen Heere sechs Stunden widerstanden! Diese unreifen Burschen scheinen im heißen Feuer der Oestreichischen Brand-Raketen sehr rasch gereift zu seyn, da die Oestreicher nicht wagten, einen Straßenkampf mit ihnen zu versuchen.

Die italiänischen Blätter bringen ebenfalls Nachrichten über die Einnahme Vicenzas, die uns erlauben die österreichischen Briefe der A. A. Z. zu kontrolliren. Nach der A. A. Z. haben die Italiäner 2000—2500 Mann Verlust, nach italiänischen Blättern nur 500, was auch, bei ihrer verschanzten Stellung, viel wahrscheinlicher ist. Nicht Mittags, wie die A. A. Z. schreibt, sondern Morgens früh begann der Angriff. Erst gegen Mittag ging die erste Barrikade verloren. Um diese Zeit begann die österreichische Artillerie ihre ganze Kraft zu entwickeln. Um 2 Uhr war der Monte della Madonna verloren. Die Obersten Azeglio und Cialdini wurden hier verwundet. Ueber 50 Kanonen beschossen die Stadt; vier Batterien standen auf dem Berge, dennoch konnten die Feinde nicht eindringen, obwohl sie bis auf wenige Schritte den Barrikaden sich näherten. Fünfzehn Stunden dauerte das Bombardement, endlich ging den Belagerten die Munition aus, und Durando erhielt eine höchst ehrenvolle Kapitulation. Der General d’Aspre war des Lobes voll über die tapfre Vertheidigung Vicenzas.

Die Mailänder Regierung erklärt in ihrem Bulletin: „Der Fall Vicenzas ist ein großer Verlust, aber ein ersetzbarer Verlust. Das Heer Karl Alberts hält noch immer seine starken Positionen beset, die es nicht verlassen durfte ohne vorher dem Feinde die Verbindung mit Tirol abzuschneiden. Verona gibt den Ausschlag des Kriegs; in seinen Ebenen wird sich wohl bald der greße Kampf entscheiden. Verona einmal genommen, sind alle venetianischen Städte unser. Es ist ein großer Schade, daß wir des päpstlichen Korps beraubt sind; aber in Kurzem wird der Verlust ersetzt sein durch unsre regelmäßigen unb freiwilligen Korps, die sich vorbereiten dahin zu gehen, wo die Gefahr am größten is. Die Regierung fühlt die großen Pflichten, die ihr grade jetzt auferlegt sind, sie wird sie zu erfüllen wissen.“ Die lombardische Regierung hat Recht. Die Großthaten der Oesterreicher gegen die offnen Städte in der Etsch-Ebene haben gar nichts zu bedeuten. In wenig Tagen werden ihnen die Italiäner beweisen, daß man solche Städte auch ohne Brandraketen nehmen kann.

* Rovigo, 16. Juni. Der Ersatz für die dem Kampf entzogenen Truppen Durandos ist schon da. Heute hat General Pepe hier einen Armeebefehl erlassrn, wonach in drei Tagrn 2 Dragonerregimenter, ein Lancierregiment, neun Bataillone Infanterie, zwei Bataillone Volontaire, eine Batterie Artillerie, eine Kompagnie Sappeurs — der der italiänischen Sache treugebliebene Theil des neapolitanischen Heeres — sofort den Po überschreiten und sich in Rovigo zusammen ziehen sollen.

† Vom Brenner, 17. Juni. „Treviso ist von Welden besetzt, und zwar ohne Verlust von unserer Seite. Die Garnison von 5000 Mann ist mittelst einer unglaublich milden Capitulation abgezogen. Daß diese nicht von Weldens Philantropie zugestanden worden, wird jeder glauben der Welden kennt. Dieses so wie Radetzky's mildes Verfahren bei Vicenza scheint durch höhere Instruktion veranlaßt, und möchte zu der Meinung berechtigen, daß man das venezianische Reich im Frieden zu behalten meint, und daher die Schonung der verlornen Söhne bei ihrer Rückkehr ins Vaterhaus vorwalten lassen wolle.“

So schreibt die A. A. Z. „Mildes Verfahren“ nennt sie das „zwölfstündige betäubende Bombardement“ von Treviso, (Armeebericht Nro. 10 des Erzherzogs Johann) mildes Verfahren das siebenstündige Bombardement von Padua, das fünfzehnstündige von Vicenza! Eine Stadt nach der andern im venetianischen Gebiete wird mit kongrevischen Raketen in Brand geschossen, und die östreichische bezahlte Allgemeine spricht von „Milde und Schonung“!

Padua. Nach Handelsbriefen aus Mailand vom 16. und nach der A. A. Z. sind die Oestreicher hier eingezogen. Bei dieser Gelegenheit läßt sich die A. A. Z. aus Verona von ihrem östreichischen Landstürmer schreiben, Radetki und Welden hätten „durch ein Manöver vom 30. Mai bis 14. Juni die neapolitanische und toskanische Stellung bei Mantua — zehntausend Mann gesprengt und vernichtet“ (!) nach welcher Heldenthat die beiden großen Feldherrn freilich nichts Besseres thun konnten als sich eiligst nach Vicenza zurückzuziehen und an den schwachen Corps von Durando ihren Muth zu versuchen. Daß diese „Sprengung“ und „Vernichtung“ eine reine Erfindung des Landstürmers ist, versteht sich von selbst.

Venedig 13. Juni. Die A. A. Z. schreibt: Die Regierung von Venedig hat sich an die französische Republik gewendet, und um deren Einschreiten in dem Kampfe mit Oestreich nachgesucht. Was Karl Albert bisher mit Sorgfalt vermied, hat also Venedig gethan — schwerlich zum Besten seiner Freiheit.