Ohne Unterschrift erschienen in der Neue Rheinische Zeitung Nr. 247 vom 16. März 1849 (Köln), S. 3; nach der MEGA² (I/9) von Friedrich Engels. Text nach dem Original der Zeitung (Digitalisat der USB Köln). Traducción al español

Ungarn.

* Die Bresl. Ztg. bringt heute zwei magyarische Correspondenzen, vom 6. und 7. März, die diesmal ausnahmsweise etwas verworren geschrieben sind. Man merkt in ihnen den ungeheuren Eindruck, den der plötzliche eilige Rückzug der Oestreicher in Pesth machte, die tausend Gerüchte, die er hervorrief, und die Thatsachen und Uebertreibungen durcheinander werfen.

Bei Mezökövesd, eine Meile hinter Maklar und zwei hinter Kapolna, soll am 3. März eine große Schlacht vorgefallen sein, in der Dembinski durch meisterhafte Benutzung des Terrains und geschickte taktische Manöver die Kaiserlichen total geschlagen habe. Ihr Verlust wird auf 7000 Mann und 60 Kanonen angegeben.

Daß die Ungarn keineswegs, wie östreich. Blätter in die Welt posaunten, über die Theiß zurückgegangen sind, sondern daß diesseits der Theiß etwas vorgefallen sein muß, das einer Niederlage der Kaiserlichen ähnlich sieht, (wenn auch obige Angaben übertrieben sein sollten) ist außer Zweifel. Umsonst zieht sich Windischgrätz nicht zurück.

Daß bei Szolnok die Kaiserlichen ebenfalls geschlagen und ihr dort aufgestelltes Armeekorps, wie wir vermutheten, gefangen genommen ist, bestätigt die magyar. Corr. vom 6. März:

„Gestern früh um 7 Uhr traf aber noch ein entscheidender Schlag die kaiserl. Armee. Die 5000 Mann starke Brigade Grammont in Szolnok an der Theiß wurde nämlich von einem ungarischen Heere, welches bei Zibakhaza die Theiß übersetzte, umzingelt, und nach einem furchtbaren Gemetzel sammt dem Feldmarschall-Lieutenant Grammont gefangen genommen. Der Kavalleriegeneral Ottinger erhielt hierbei eine tödtliche Wunde, an welcher er in Ofen gestern starb.“

Die Ungarn sind übrigens hierbei nicht stehen geblieben. Sie sind, nach der magyarischen Korrespondenz, bis Czegled vorgedrungen und haben dort am 5. in einem blutigen Gefechte die Kaiserlichen (wohl die durch Zeisberg in Pesth geholten drei Bataillone Sukkurs) geschlagen. Ebenso haben sie Kecskemet, eine sehr bedeutende Stadt zwischen Theiß und Donau, wieder besetzt. In Folge dieser Niederlagen soll Jellachich dem Fürsten Windischgrätz gefolgt sein und ebenfalls Pesth verlassen haben. Die um Pesth aufgeworfenen Verschanzungen sollen bereits von den Kaiserlichen selbst wieder eingerissen werden; sie wollen also Pesth selbst nicht vertheidigen, sondern es bloß durch die Kanonen von Ofen beherrschen. Die Festung von Ofen wird stark verproviantirt, doch auch von hier werden Geschütze schweren Kalibers fortgeführt, und man scheint hiernach nicht an eine sehr lange Vertheidigung zu denken.

Soweit die wahrscheinlich klingenden Berichte der magyar. Corr. Unwahrscheinlicher sieht folgendes aus:

Görgei soll mit einem Armeekorps gegen Raab vordringen und den Kaiserlichen den Rückzug abschneiden — ob dies Vordringen nördlich oder südlich von der Donau geschehen soll, wird nicht gesagt.

Die Magyaren sollen unterhalb Pesth über die Donau gegangen sein und Stuhlweißenburg (im Rücken von Pesth) besetzt haben, um den Rückzug über die Fleischhackerstraße abzuschneiden.

Was an diesen beiden Gerüchten Wahres ist, läßt sich nicht bestimmen. Jedenfalls aber scheinen sie übertrieben.

Ferner meldet die mag. Corr. aus dem ungarischen Lager:

„Reisende aus Debreczin erzählen, daß auf Antrag Kossuth's die ungarische Nationalversammlung dekretirt hat, einen Landsturm zur Unterstützung der Armee aufzubieten. Die meisten Repräsentanten sind als Regierungskommissäre mit der Organisirung des Landsturms beauftragt worden. Diese außerordentliche Maßregel scheint auf die Nachricht der russ. Einmischung in Siebenbürgen getroffen worden zu sein. Dieselben Reisenden erzählen auch, daß der Polizeiminister Ladislaus Madaraß aus der provisorischen Regierung in Debreczin geschieden ist.

Aus Wien vom 9. wird ferner geschrieben:

„Die Ihnen in meinem Gestrigen gemachte Mittheilung über die Schlacht bei Szolnok bestätigt sich. Die Ungarn sind glänzend Sieger geblieben, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre das Hauptquartier von ihnen aufgehoben worden. Fürst Windischgrätz selbst ist an einem Arm bedeutend verwundet worden. Von dem Schicksale der Brigade Zeisberg weiß man noch gar nichts und soll sie ganz aufgerieben sein. Die Brigade Karger wurde in die Theiß gedrängt und entkamen nur wenige. Der General Karger selbst dankte seine Rettung nur der Aufopferung dreier Dragoner, die sich mit ihm durchschlugen. Kurz, die Niederlage der Oestreicher war allgemein, und erkennt selbst der Feind es an, daß die Führer der ungarischen Armee ein außerordentliches Feldherrngenie bewährt haben. Außer denen Ihnen letzt gemeldeten Namen dieser Generale verdienen noch die Generale Duchatel (soll wohl Duhamel heißen) Franzose, Gyon (Engländer) und Fürst Czartoriski (Sohn des Adam Czartoriski) rühmliche Erwähnung; sie standen dem General Dembinski, der das Oberkommando führte, tapfer zur Seite.

Kossuth hat den Serbenhäuptling Stratimirowich zum Ban von Kroaten und Wojiwoden von Serbien ernannt, eine Wahl, die allgemeine Anerkennung findet, da die Serben wie die Kroaten diesen jungen, schönen und tapfern Mann hoch verehren.

Nachschrift. Mittags 3 Uhr. Ein aus Pesth kommender Reisender, der Pesth am 9 (?) verließ, berichtet, daß die Stadt bei seiner Abreise in großer Aufregung gewesen; in Ofen wurden große Vertheidigungsmaßregeln getroffen und wogte das Militär in beiden Städten bunt durcheinander; die Magyaren dagegen erwarteten stündlich den Einmarsch der Ihrigen, und an manchen Orten machte sich der nationale Enthusiasmus trotz der Heere von Militär, die übrigens sich mit anderen zu beschäftigen hatten, in feurigen Exklamationen Luft.

Von anderer Seite wird ebenfalls aus Wien geschrieben:

Die Taktik des Fürsten Windischgrätz den feurigen Magyaren und Polen gegenüber erfährt viele Mißbilligung unter der Armee selbst, die dadurch demoralisirt erscheint. Die zahlreichen Generale, welche die Ungarn commandiren, ziehen immer mehr Verstärkungen an sich, und ohne Verrath von der einen Seite oder namhafte Verstärkung von der andern ist ein Ende so bald nicht abzusehen.

Windischgrätz hat übrigens erklärt, wenn er nicht noch 50,000 Mann Verstärkung erhalte, werde er mit den Magyaren nicht fertig!!

Die Kölnische Zeitung beliebe nun zu sagen, in das wievielste „Stadium“ der ungarische Krieg durch die neuen Siege der Magyaren und durch diese Erklärung von Windischgrätz getreten ist.

Von der Drave, 3. März. Ueber die Bewegungen in der Türkei und zunächst in Bosnien erfahren wir Folgendes: Der Sultan hat den Raja's die Robot nachgelassen und bloß die Leistung des Zehents angeordnet. Die Grundherren begingen aber ein falsum, und publicirten die Leistung des Drittels, um den Robotverlust auszugleichen; und das ist einerseits, was Mißvergnügen erzeugt hat. Andererseits ist eine allgemeine Conscription ohne Unterschied der Religion anbefohlen, der sich der Raja willig unterzieht, der Moslemim dagegen widersetzt.

Ein Befehl des Vezirs ruft gegen Ende Mai alle waffenfähige Mannschaft nach Travnik zusammen, wozu, das ist ein Räthsel. Während dabei die Raja's mit zwei Pistolen oder einem Gewehr zu erscheinen haben, werden die zum Kriegsdienste Unfähigen zu Hause entwaffnet. Die unbewaffneten Waffenfähigen erhalten in Travnik Schaufeln und andere Apparate zur Schanzarbeit. Man sieht, daß auch hier am südlichen Ufer der Save ernste Vorgänge im Anzuge sind, deren Endzweck noch in einen tiefen Schleier gehüllt ist.