Ohne Unterschrift erschienen in der Neue Rheinische Zeitung Nr. 263 vom 4. April 1849 (Köln), S. 2; nach der MEGA² (I/9) von Friedrich Engels. Text nach dem Original der Zeitung (Digitalisat der USB Köln). Traducción al español

Ungarn.

* Von allen Seiten kommt uns heute die Nachricht zu, daß die Ungarn über Gyöngyös bis in die Gegend von Waitzen, 5 Stunden von Pesth, vorgedrungen sind. Kein Mensch wagt jetzt mehr daran zu zweifeln; die „Kölnische Zeitung,“ die A. A. Z., das C. Bl. a. B., Alle stimmen sie darin überein. Die Oesterreicher haben sich in aller Eile von Szatvan und Gödöllö auf den schlechtesten Landwegen nach Waitzen zurückziehen müssen. Sie sind in ihrer Flanke von den Ungarn bedroht, die zu gleicher Zeit dem Belagerungsrayon von Komorn gefährlich werden.

In Folge dieser Fortschritte der Ungarn ist den Pesthern der Muth wieder gestiegen. In Pesth sind Proklamationen von Madarasz, dem Debrecziner Polizeiminister, in Menge ausgestreut, worin die Bewohner der beiden Hauptstädte zur Ausdauer aufgefordert werden; ihre Befreiung sei nahe.

Das vorgerückte magyarische Corps steht unter dem Oberbefehl von Görgey. Das Gerücht von der Abdankung Dembinski's wegen seiner Mißhelligkeiten mit Görgey wiederholt sich. Vetter, der mit Bem die ursprünglichen Feldzugspläne entwarf, soll an seiner Statt das Kommando übernommen haben.

Eine Nachricht an der ebenfalls nicht mehr zu zweifeln ist, ist die von dem Einrücken von 30,000 Mann neuer russischer Hülfstruppen nach Siebenbürgen. Der Lloyd und mehrere lith. Korresp. aus Wien theilen dies übereinstimmend und gleichzeitig mit, sowie daß die Bukowina ebenfalls von den Russen besetzt wurde.

Der Lloyd erzählt übrigens außerdem noch, daß Bem von den Russen total geschlagen und zum Rückzug in die Walachei gezwungen sei. Ob der erste Theil dieser Nachricht wahr ist, darüber können wir nicht urtheilen; aber daß ihr zweiter Theil gänzlich falsch, ist fast nicht anders möglich. Bem hatte die Russen bis an den Rothenthurmpaß verfolgt, diesen Paß aber nicht forciren können. Wurde er geschlagen, so wurde er es nur durch die neu herbeigezogenen Russen, und diesen, die gerade bei Hermannstadt nöthig waren, stand kein anderer Weg zum Einrücken offen als der Rothethurmpaß. Durch diesen Paß konnte also Bem keinenfalls auf walachisches Gebiet geworfen werden. Rechts vom Rothenthurmpaß sind noch drei Pässe, die nach der Walachei führen; aber um zu diesen zu gelangen, hätte Bem erst das von Kaiserlichen und Russen besetzte Kronstadt nehmen müssen, das ohnehin noch durch Puchner, der an der Küküllo (Kokel) stand, gedeckt war. Auch hier kann Bem also nicht durchgekommen sein. Der fünfte der siebenbürgisch-walachischen Pässe endlich, der Sillpaß, liegt links von Hermannstadt. Hätte Bem diesen Paß benutzt, so müßte er wie ein Wahnsinniger gehandelt haben. War er bei Hermannstadt geschlagen, so standen ihm offen: 1) die Straße längs der Maros nach Ungarn, 2) die nach Klausenburg, 3) die nach Maros-Vasarhely. In allen drei Fällen konnte er auf dem Kampfplatz bleiben und sich auf magyarische Corps zurückziehen, um sich zu verstärken. Um dagegen durch den Sillpaß zu passiren, hätte er die einfachsten strategischen Maximen mit Füßen treten, sich freiwillig von seiner Operationsbasis, der Maros, abschneiden, und so zu sagen aus Lebensüberdruß über die Gränze gehen müssen. So lange wir also nicht hören, daß bis jetzt unbekannte und unerhörte Fortschritte der Kaiserlichen ihm den sonst gesicherten Rückzug abgeschnitten, so lange können wir allenfalls an seine Niederlage durch die russische Uebermacht, nicht aber an seinen Uebertritt auf walachisches Gebiet glauben.

Von der Einnahme der Arader Citadelle durch die Magyaren hört man nichts. Dagegen gestehen selbst die schwarzgelbsten Blätter ein, daß in und um Alt-Arad, diesem „magyarischen Saragoza,“ eine bedeutende ungarische Armee sich konzentrire und sich hier offenbar wichtige Schläge vorbereiteten.

Uebrigens hat Bem in Siebenbürgen gegen die Russen denselben heilsamen Terrorismus geübt, wie gegen die Sachsen und Rumänen. So soll er unter Anderm 300 Kosaken, welche bei dem Angriffe auf Hermannstadt von seinen Truppen gefangen genommen wurden, haben aufhängen lassen, und dabei geäußert haben, daß diese That für ihn eine der befriedigendsten seines Lebens gewesen sei.

Zur Strafe für diese und andere Schandthaten, sagt der Lloyd, hätten die Russen nach der angeblich gewonnenen Schlacht sechs gefangene Bem'sche Stabsoffiziere hängen lassen.

Komorn und Peterwardein, hofft die k. k. Presse, werden sich bald ergeben. Man weiß, wie oft und wie lange diese für die Kaiserlichen so wünschenswerthen Thatsachen schon „anzuhoffen“ waren. Das Regenwetter hält noch immer an, die Straßen werden immer grundloser, die Post kommt täglich später und auch die kriegerischen Operationen müssen vor der Hand beschränkt werden.

Kurz, die k. k. Sache steht in Ungarn so, daß die Olmützer Regierung ernstlich an Unterhandlungen denkt. In Miskolcz soll, wie es heißt, ein Friedenskongreß stattfinden. Die „Ostd. Post“ schreibt darüber:

„Ueber Ungarn scheint die Regierung neue Beschlüsse gefaßt zu haben. Einer derselben soll die wiederholte Aufforderung sein, die Waffen niederzulegen, nebst der Zusage der vollen Straflosigkeit (Amnestie) für alle jene Truppen und Offiziere, die zum Gehorsam zurückkehren.“

Die Serben werden immer ernsthafter. Daß sie mehr als eine bloße Phrasen-Selbstständigkeit verlangen, geht aus folgender Korrespondenz des Lloyd hervor:

„Semlin, 21. März. Außer den Deputirten, welche der serbische Nationalkongreß auf Verlangen der Regierung nach Wien sandte, und von denen ich Ihnen in meinem vorgestrigen Schreiben die Meldung machte, sind noch zwei erwählte Abgeordnete, Alexander Kostich und Georg Stojakovich nach Ofen abgegangen, um von der Statthalterei alle jene Aktenstücke, welche die serbische Nation betreffen, sowie auch die serbischen Nationalfonds und andere Institute von Ofen herunter zu bringen.“

Kurz, wenn die Russen nicht wären, so würde man weit eher rufen können: „Finis Austriae!“ als: „Finis Hungariae!“ Das sieht jetzt endlich selbst der benachbarte Publizist ein.