„Neue Rheinische Zeitung. Politisch-ökonomische Revue“, Zweites Heft, Februar 1850. Rezension I. Text nach Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 7, Berlin 1960, S. 198-203, ohne den Apparat der Herausgeber; offensichtliche Druckfehler der Vorlage berichtigt. Traducción al español
G. Fr. Daumer, „Die Religion des neuen Weltalters. Versuch einer combinatorisch-aphoristischen Grundlegung“, 2 Bde., Hamburg 1850
"Ein sonst sehr freisinniger fürs Neue gar nicht unempfänglicher Mann zu Nürnberg warf auf das demokratische Treiben einen ungeheuren Haß. Den Ronge verehrte er und hatte sein Bild im Zimmer hangen. Als er aber hörte, daß sich derselbe zu den Demokraten halte, hängte er das Bild in den Abtritt. Er sagte einmal: O wenn wir doch unter der russischen Knute lebten, wie glücklich würde ich mich fühlen! Er ist während der Unruhen gestorben, und ich vermute, daß ihn, wiewohl er schon alt war, bloß der Unmut und Gram über den Gang der Dinge ins Grab gebracht." II. Bd. pag. 321, 322.
Wenn dieser beklagenswerte Nürnberger Spießbürger statt zu sterben, seine Gedankenspäne aus dem "Correspondenten von und für Deutschland", aus Schiller und Goethe, aus alten Schulbüchern und neuen Leihbibliotheksmaterialien zusammengestoppelt hätte, hätte er sich den Tod erspart und Herrn Daumer seine sauer erarbeiteten zwei Bände "combinatorisch-aphoristischer Grundlegung". Uns wäre dann freilich nicht die erbauliche Gelegenheit geworden, mit der "Religion des neuen Weltalters" gleichzeitig ihren ersten Märtyrer kennenzulernen.
Das Werk des Herrn Daumer teilt sich in zwei Teile, einen "vorläufigen" und einen "eigentlichen". In dem vorläufigen Teil spricht der treue Eckart der deutschen Philosophie seine tiefe Bekümmernis darüber aus, daß selbst die denkenden und gebildeten Deutschen seit zwei Jahren sich haben verleiten lassen, die unschätzbaren Errungenschaften des Gedankens aufzugeben für die bloß "äußerliche" revolutionäre Tätigkeit. Er hält den jetzigen Moment für geeignet, nochmals an das bessere Gefühl der Nation zu appellieren; er weist darauf hin, was es auf sich habe, die ganze deutsche Bildung, durch die allein der deutsche Bürger noch etwas war, so leichtfertig fahrenzulassen. Er stellt den ganzen Inhalt der deutschen Bildung in den kräftigsten Kernsprüchen zusammen, die das Schatzkästlein seiner Belesenheit bietet, und kompromittiert dadurch diese deutsche Bildung nicht minder als die deutsche Philosophie. Seine Blumenlese der erhabensten Produkte deutschen Geistes übertrifft an Plattheit und Trivialität selbst das ordinärste Lesebuch für Töchter gebildeter Stände. Von den spießbürgerlichen Ausfällen Goethes und Schillers gegen die erste französische Revolution, von dem klassischen: "Gefährlich ist's, den Leu zu wecken" an bis auf die neueste Literatur herab jagt der Hohepriester der neuen Religion emsig jeder Stelle nach, worin der deutsche Zopf mit schläfrigem Mißbehagen sich gegen die ihm widerwärtige geschichtliche Bewegung steift. Autoritäten von der Force eines Friedrich Raumer, Berthold Auerbach, Lochner, Moriz Carrière, Alfred Meißner, Krug, Dingelstedt, Ronge, "Nürnberger Bote", Max Waldau, Sternberg, German Mäurer, Louise Aston, Eckermann, Noack, "Blätter für literarische Unterhaltung", A. Kunze, Ghillany, Th. Mundt, Saphir, Gutzkow, eine "geborne Gatterer" etc. sind die Säulen, auf welchen der Tempel der neuen Religion ruht. Die revolutionäre Bewegung, wogegen hier ein so vielstimmiges Anathema ausgesprochen wird, beschränkt sich für Herrn Daumer einerseits auf die banalste Kannengießerei, wie sie in Nürnberg unter den Auspizien des "Correspondenten von und für Deutschland" an der Tagesordnung ist, und andrerseits auf Pöbelexzesse, von denen Herr Daumer die abenteuerlichste Vorstellung hegt. Die Quellen, woraus hier geschöpft wird, reihen sich den obigen würdig an: Neben dem mehrerwähnten Nürnberger "Correspondenten" figurieren die "Bamberger Zeitung", die Münchner "Landbotin", die Augsburger "Allgemeine Zeitung" usw. Dieselbe spießbürgerliche Gemeinheit, die den Proletarier stets nur als wüsten, verkommenen Lumpen kennt und sich bei den Pariser Junimassacres von 1848, wo über 3.000 dieser "Lumpen" niedergemetzelt wurden, zufrieden die Hände reibt, dieselbe Gemeinheit entrüstet sich über den Spott, dem die gemütlichen Vereine gegen Tierquälerei erlegen sind.
"Die schauderhaften Qualen", ruft Herr Daumer pag. 293, I. Bd. aus, "die das unglückliche Tier unter der grausamen Tyrannenhand des Menschen erduldet, sind diesen Barbaren ein 'Dreck', um den man sich nicht bekümmern soll!"
Der ganze moderne Klassenkampf erscheint Herrn Daumer nur als ein Kampf der "Roheit" gegen die "Bildung". Statt ihn aus den historischen Bedingungen dieser Klassen zu erklären, findet er seine Ursache im wühlerischen Treiben einiger Böswilligen, die die niedern Begierden des Pöbels gegen die gebildeten Stände aufhetzen.
"Dieser demokratische Reformatismus ... reizt den Neid, den Grimm, die Raubgier der untern Klassen der Gesellschaft gegen die höheren auf; ein saubres Mittel, den Menschen edler und besser zu machen und eine höhere Kulturstufe zu gründen." I. Bd. pag. 288/289.
Herr Daumer kennt nicht einmal die Kämpfe "der unteren Klassen der Gesellschaft gegen die höheren", die es gekostet hat, selbst nur eine Nürnberger "Kulturstufe" herbeizuführen und einen Molochsfänger à la Daumer möglich zu machen.
Der zweite "eigentliche" Teil enthält nun die positive Seite der neuen Religion. Hier spricht sich der ganze Ärger des deutschen Philosophen über die Vergessenheit [aus], worin seine Kämpfe gegen das Christentum geraten sind, über die Gleichgültigkeit des Volks gegen die Religion, den einzigen der Betrachtung des Philosophen würdigen Gegenstand. Um sein durch die Konkurrenz beseitigtes Handwerk wieder zu Ehren zu bringen, bleibt unserm Weltweisen nichts andres übrig, nachdem er gegen die alte Religion hinlänglich angebellt hat, als eine neue Religion zu erfinden. Diese neue Religion aber beschränkt sich, im angemessenen Verfolg des ersten Teils, auf eine fortgesetzte Blumenlese der Sentenzen, Stammbuchverse und versus memoriales der deutschen Spießbürgerbildung. Die Suren des neuen Koran sind nichts als eine Reihe von Phrasen, in denen die bestehenden deutschen Verhältnisse moralisch beschönigt und poetisch verbrämt werden. Phrasen, die darum nicht minder mit der alten Religion verwachsen sind, weil sie die unmittelbar religiöse Form abgestreift haben.
"Ganz neue Weltzustände und Weltverhältnisse können nur durch neue Religionen entstehn. Zu Beispielen und Beweisen dessen, was Religionen vermögen, können das Christentum und der Islam, zu einem sehr einleuchtenden und fühlbaren Belege der Ohnmacht und Resultatlosigkeit, an der die abstrakte, ausschließliche Politik leidet, die im Jahr 1848 ins Werk gesetzten Bewegungen dienen." I. Bd. pag. 313.
In diesem inhaltsvollen Satz tritt uns gleich die ganze Flachheit und Unwissenheit des deutschen "Denkers" entgegen, der die kleinen deutschen und speziell bayrischen "Märzerrungenschaften" für die europäische Bewegung von 1848 und 49 ansieht und der von den ersten selbst noch sehr oberflächlichen Eruptionen einer sich allmählich herausarbeitenden und konzentrierenden großen Revolution verlangt, daß sie schon "ganz neue Weltzustände und Weltverhältnisse hervorbringen sollen. Der ganze verwickelte soziale Kampf, der zwischen Paris und Debreczin, Berlin und Palermo in den letzten zwei Jahren zu seinen ersten Tirailleurgefechten kam, beschränkt sich für den Weltweisen Daumer darauf, daß "im Januar 1849 die Hoffnungen der konstitutionellen Vereine von Erlangen in unabsehbare Ferne gerückt sind" (I. pag. 312), und auf die Furcht vor einem neuen Kampf, der Herrn Daumer noch einmal in seinen Beschäftigungen mit Hafis, Mohammed und Berthold Auerbach unangenehm aufscheuchen könnte.
Dieselbe schamlose Seichtigkeit macht es Herrn Daumer möglich, total zu ignorieren, daß dem Christentum das vollständige Zusammenbrechen der antiken "Weltzustände" vorherging, dessen bloßer Ausdruck das Christentum war; daß "ganz neue Weltzustände" nicht durch das Christentum von innen heraus entstanden, sondern erst dann, als die Hunnen und Germanen "äußerlich" über die Leiche des römischen Reichs herfielen; daß nach der germanischen Invasion nicht die "neuen Weltzustände" sich nach dem Christentum richteten, sondern das Christentum mit jeder neuen Phase dieser Weltzustände sich ebenfalls veränderte. Herr Daumer möge uns übrigens ein Exempel angeben, wo mit einer neuen Religion die alten Weltzustände sich veränderten, ohne daß zugleich die gewaltigsten "äußerlichen" und abstrakt politischen Konvulsionen eintraten.
Es ist klar, daß mit jeder großen historischen Umwälzung der gesellschaftlichen Zustände auch zugleich die Anschauungen und Vorstellungen der Menschen und damit ihre religiösen Vorstellungen umgewälzt werden. Der Unterschied der gegenwärtigen Umwälzung von allen früheren besteht aber gerade darin, daß man endlich hinter das Geheimnis dieses historischen Umwälzungsprozesses gekommen ist und daher, statt sich diesen praktischen, "äußerlichen" Prozeß unter der überschwenglichen Form einer neuen Religion abermals zu verhimmeln, alle Religion abstreift.
Nach den sanften Sittenlehren der neuen Weltweisheit, die insofern sogar über Knigge stehn, daß sie nicht nur über den Umgang mit Menschen, sondern auch über den Umgang mit Tieren das Nötige enthalten - nach den Sprüchen Salomonis kommt das Hohelied des neuen Salomo.
"Natur und Weib sind das wahrhaft Göttliche im Unterschiede von Mensch und Mann ... Hingebung des Menschlichen an das Natürliche, des Männlichen an das Weibliche ist die echte, die allein wahre Demut und Selbstentäußerung, die höchste, ja einzige Tugend und Frömmigkeit, die es gibt." II. Bd. p. 257.
Wir sehen hier, wie die seichte Unwissenheit des spekulierenden Religionsstifters sich in eine sehr prononcierte Feigheit verwandelt. Herr Daumer flüchtet sich vor der geschichtlichen Tragödie, die ihm drohend zu nahe rückt, in die angebliche Natur, d.h. in die blöde Bauernidylle, und predigt den Kultus des Weibes, um seine eigene weibische Resignation zu bemänteln.
Der Naturkultus des Herrn Daumer ist übrigens eigner Art. Es ist ihm gelungen, selbst gegenüber dem Christentum reaktionär aufzutreten. Er versucht die alte vorchristliche Naturreligion in modernisierter Form herzustellen. Dabei bringt er es freilich nur zu einer christlich-germanisch-patriarchalischen Naturfaselei, die sich z.B. folgendermaßen ausspricht:
"Süße, heilige Natur,
Laß mich geh'n auf deiner Spur,
Leite mich an deiner Hand,
Wie ein Kind am Gängelband!"
"Dergleichen ist aus der Mode gekommen; aber nicht zum Vorteil der Bildung, des Fortschritts und der menschlichen Glückseligkeit." II. Bd. p. 157.
Der Naturkultus beschränkt sich, wie wir sehen, auf die sonntäglichen Spaziergänge des Kleinstädters, der seine kindliche Verwunderung darüber zu erkennen gibt, daß der Kuckuck seine Eier in fremde Nester legt (II. Bd. p. 40), daß die Tränen die Bestimmung haben, die Oberfläche des Auges feucht zu erhalten (II. Bd. p. 73) etc., und der schließlich seinen Kindern mit heiligen Schauern Klopstocks Frühlingsode vordeklamiert (II. Bd. p. 23 ff.). Von der modernen Naturwissenschaft, die in Verbindung mit der modernen Industrie die ganze Natur revolutioniert und neben andern Kindereien auch dem kindischen Verhalten der Menschen zur Natur ein Ende macht, ist natürlich keine Rede. Dafür erhalten wir geheimnisvolle Andeutungen und erstaunte Philisterahnungen über Nostradamus' Prophezeiungen, das zweite Gesicht der Schotten und den animalischen Magnetismus. Es wäre übrigens zu wünschen, daß die träge Bauernwirtschaft Bayerns, der Boden, worauf die Pfaffen und die Daumers gleichmäßig wachsen, endlich einmal durch modernen Ackerbau und moderne Maschinen umgewühlt würde.
Mit dem Kultus des Weibes verhält es sich gerade wie mit dem Naturkultus. Es versteht sich von selbst, daß Herr Daumer nicht ein Wort von der gegenwärtigen gesellschaftlichen Stellung der Frauen sagt, daß es sich im Gegenteil bloß um das Weib als solches handelt. Er sucht die Frauen über ihre bürgerliche Misere dadurch zu trösten, daß er ihnen einen ebenso leeren wie geheimnisvoll tuenden Phrasenkultus widmet. So beruhigt er sie damit, daß ihre Talente mit der Ehe aufhören, da sie dann mit den Kindern zu tun haben (II. Bd. p. 237), daß sie die Fähigkeit besitzen, selbst bis ins sechzigste Jahr Kinder zu stillen (II. Bd. p. 251) usw. Herr Daumer nennt dies "Hingebung des Männlichen an das Weibliche". Um nun die benötigten idealen Frauengestalten für seine männliche Hingebung in seinem Vaterlande zu finden, ist er gezwungen, zu verschiedenen aristokratischen Damen des vorigen Jahrhunderts seine Zuflucht zu nehmen. Der Frauenkultus reduziert sich also wieder auf das gedrückte Literatenverhältnis zu verehrten Gönnerinnen - Wilhelm Meister.
Die "Bildung", über deren Verfall Herr Daumer Jeremiaden anstimmt, ist die Bildung der Zeit, in der Nürnberg als freie Reichsstadt florierte, in der die Nürnberger Industrie, jenes Zwitterding zwischen Kunst und Handwerk, eine bedeutende Rolle spielte, die Bildung des deutschen Kleinbürgertums, die mit diesem Kleinbürgertum zugrunde geht. Wenn der Untergang früherer Klassen, wie des Rittertums, zu großartigen tragischen Kunstwerken Stoff bieten konnte, so bringt es das Spießbürgertum ganz angemessen nicht weiter als zu ohnmächtigen Äußerungen einer fanatischen Bosheit und zu einer Sammlung Sancho Panzascher Sinnsprüche und Weisheitsregeln. Herr Daumer ist die trockne, alles Humors bare Fortsetzung von Hans Sachs. Die deutsche Philosophie, die Hände ringend und wehklagend am Sterbebette ihres Nährvaters, des deutschen Spießbürgertums, das ist das rührende Bild, das uns die "Religion des neuen Weltalters" entrollt.