„Neue Oder-Zeitung“ (Breslau) Nr. 115 vom 9. und Nr. 145 vom 27. März 1855. Text nach Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 11, Berlin 1961, S. 110-112 und 155-157, ohne den Apparat der Herausgeber; der Titel stammt von den Herausgebern. Druckfehler der Digitalfassung berichtigt („Die Press““, „[in)“, „Hätten w 1853“, „Le Paix“). Traducción al español.
Nr. 115 vom 9. März 1855
London, 6. März. Der heutige "Morning Herald" überrascht London mit folgender Ankündigung:
"Wir haben ausgezeichnete Autorität für den Glauben, daß der Kaiser der Franzosen remonstriert hat gegen das Untersuchungskomitee über die Kriegführung und daß er erklärt hat, falls es fortfahre tätig zu sein, könnten die Armeen der beiden Nationen nicht länger zusammen handeln, obgleich sie beide für denselben Zweck handeln möchten. Um Louis-Napoleon daher Genüge zu tun, ohne das englische Volk vor den Kopf zu stoßen, wird eine Auflösung des Parlaments sobald als möglich stattfinden."
Ohne diesem Paragraphen des "Herald" besondere Wichtigkeit beizumessen, registrieren wir ihn als eines der vielen Symptome, daß geheime Kräfte diesseits und jenseits des Kanals an einer Auflösung der englisch-französischen Allianz arbeiten.
Man erinnere sich der Erklärungen des ausgeschiedenen Ministers Sir James Graham: Unter dem Zwang des Untersuchungskomitees wird unser Admiral gezwungen sein, alle Gründe zu enthüllen, die zum Aufschub der Blockade führten, und die Untersuchung würde bis zu unserer Verbindung mit unserem großen und mächtigen Verbündeten treiben zu einer Zeit, wo es von der äußersten Wichtigkeit ist, daß nicht das allergeringste Mißverständnis obwalte.
Sidney Herbert: Er fordere das Komitee heraus, auf den Grund der Sache zu gehen, ohne Gefahr unsere Armee in der Krim zu beschimpfen und vielleicht das Vertrauen unserer Alliierten zu erschüttern. Wenn nicht ein Mitglied des Komitees fähig sei, es aufzuhalten, wo es auf gefährlichem Grund grabe, würde großes Unrecht verübt werden, und selbst die Offiziere, die es vorlade, würden vielleicht geopfert werden, da ihnen beschuldigende Fragen gestellt werden möchten, während sie nicht die Erlaubnis erhalten würden, Antwort zu geben, weil sie dadurch gefährliche und delikate Enthüllungen wagen müßten. Er für seinen Teil halte es für seine Pflicht, zu verhindern, die Offiziere der britischen Armee in eine Situation zu stellen, wo sie zum Gegenstand von Anklagen gemacht würden, während ihre Hände gebunden und sie unfähig wären, sich selbst zu verteidigen.
Gladstone: Unter anderen Dingen werde ein Komitee zu ergründen haben, warum nicht früher ein Weg von Balaklawa gebaut worden. Wenn das Komitee dies nicht untersuche, tue es gar nichts. Wenn es untersuche, werde die Antwort sein: Mangel an Arbeitskraft. Wenn es weiter frage, woher dieser Mangel an Arbeitskraft, werde es lauten, daß die Leute in den Laufgräben schanzten und daß diese von großem Umfang waren infolge des Verhältnisses, worin die Linien zwischen Franzosen und Engländern verteilt wurden. Ich erkläre auch, daß eine Untersuchung leerer Schein sein würde, wenn ihr die Frage der Wege nicht ergründet, und wenn ihr sie ergründet, wird die Verteidigung der angeklagten Parteien direkt die intimsten Beziehungen zwischen England und Frankreich berühren.
Man begreift, daß diese ministeriellen Erklärungen schon ausgestreuten Samen des Mißtrauens treibhausmäßig zur Entwickelung drängen. Die Relegation der englischen Armee in der Krim zum Wachtpostendienst bei Balaklawa hatte schon das Nationalgefühl empfindlich verletzt. Dann kam der halboffizielle Artikel im "Moniteur" mit seinen "imperatorischen" Betrachtungen über die englische Konstitution. Er rief beißende Repliken in der hiesigen Wochenpresse hervor. Dann die Veröffentlichung des Brüsseler "Memoires", worin Louis Bonaparte einerseits als Urheber der Krimexpedition, anderseits der Konzessionen an Österreich dargestellt wird. Die Kommentare, die zu diesem Memoire z.B. im "Morning Advertiser" erschienen, erinnern in ihrer Rücksichtslosigkeit an die "Briefe des Englishman" über den Staatsstreich vom 2. Dezember. Welches Echo dies alles in der eigentlichen Volkspresse findet, mag man aus folgendem Auszug aus dem "People's Paper", dem Chartistenorgan, ersehen:
"Bonaparte lockte England nach der Krim ... Unsre Armee, einmal in dieser Falle, wurde von ihm in eine solche Position gestellt, daß sie die Schneide der russischen Streitkraft brach, bevor diese Schneide seine eigene Armee erreichen konnte. Zu Alma, zu Balaklawa, zu Inkerman, zu Sewastopol wurden die Briten in den Posten der Gefahr hineingespielt. Sie hatten die Hitze des Gefechts zu tragen, sie den Hauptverlust zu erdulden. Vertragsmäßig hatte England nur ein Drittel der Mannschaft zu stellen im Verhältnis zu Frankreich. Dieses eine Drittel hatte beinahe alle Schlachten zu kämpfen. Dieses eine Drittel hatte mehr als die Hälfte der Linien vor Sewastopol einzunehmen. Unsere Armee ward vernichtet, weil sie nicht an die Nahrung und Kleidung, die zu Balaklawa verfaulten, herankommen konnte. Sie konnte es nicht, weil kein Weg von Balaklawa nach Sewastopol vorhanden, und dieser Weg war nicht vorhanden, weil Napoleon darauf bestand, daß die Engländer mit weniger als ein Drittel der Gesamtstreitkraft mehr als die halbe Arbeit in den Laufgräben verrichten sollen; und darum hatten sie keine Leute für Wegebau zu entbehren. Dies ist das Geheimnis, worauf Graham, Herbert, Gladstone anspielten ... So hat Napoleon absichtlich 44.000 unserer Truppen gemordet etc. etc."
Alle diese Anzeigen mißtrauischer Verstimmung gegen den französischen Alliierten erhalten dadurch Bedeutung, daß Lord Palmerston sich an der Spitze der Regierung befindet - ein Mann, der jedesmal auf der Leiter der französischen Allianz seine Stellung erklettert und dann plötzlich die Allianz in fast unvermeidlichen Krieg zwischen Frankreich und England verkehrt. So in der türkisch-syrischen Angelegenheit 1840 und dem Vertrage vom 15. Juli, womit er seine 10jährige Allianz mit Frankreich krönte. Sir Robert Peel bemerkte in bezug hierauf im Jahre 1842:
"Er habe nie klar verstanden, warum die Allianz mit Frankreich gebrochen worden sei, auf welche der edle Lord stets so stolz zu sein vorgeschützt."
So abermals 1847 bei Gelegenheit der spanischen Heiraten. Damals behauptete Palmerston - der 1846 nur seinen Posten wieder antreten durfte, nachdem er Louis-Philippe seine Aufwartung gemacht, sich mit großer Ostentation mit ihm versöhnt, und dem Franzosen in einer Rede im Hause der Gemeinen geschmeichelt -, Louis-Philippe habe die Allianz aufgelöst, weil der Vertrag von Utrecht verletzt (ein Vertrag, der seit 1793 erloschen und seit der Zeit nie wieder erneuert war) und weil er eine "Treulosigkeit" gegen die englische Krone begangen. Mit der Treulosigkeit hatte es seine Richtigkeit, aber wie die später veröffentlichten Dokumente bewiesen, hatte Palmerston in der raffiniertesten Weise den französischen Hof in diese Treulosigkeit hineinmachiniert, um einen Vorwand zum Bruche zu erhalten. Während der schlaue Louis-Philippe ihn zu überlisten glaubte, fiel er nur in die sorgsam gelegte Falle des "scherzhaften" Vicomte. Die Februarrevolution allein verhinderte damals den Ausbruch des Krieges zwischen England und Frankreich.
Nr. 145 vom 27. März 1855
London, 24. März. Die "Press", Disraelis Organ, erregte letzte Woche einen Sturm in einem Glas Wasser durch die Behauptung, "Kaiser Louis" sei das einzige Hindernis gegen den Abschluß des Friedens und habe Österreich durch eine geheime "Übereinkunft" an sich gefesselt, die es loszuwerden strebe. Die Tories hatten bisher die englisch-französische Allianz als ihr Machwerk vindiziert. Hatte nicht ihr Lord Malmesbury den Bund mit Bonaparte besiegelt? Schüttete Disraeli nicht im Parlament seine Sarkasmen auf Graham und Wood, die frevlerisch vor ihren Wählern den Staatsstreich vom 2. Dezember verleumdet hätten? Waren seit zwei Jahren, auf der Tribüne und [in] der Presse, nicht die Tories die lautesten Herolde des Krieges? Und nun plötzlich, ohne Übergang, ganz ohne alle mildernde Umstände Insinuationen gegen die französische Allianz, Anzüglichkeiten auf den "Kaiser Louis" und Friedenshomilie? Das altersschwache Organ der Alttories, der "Morning Herald", uneingeweiht in das Geheimnis der Parteiführer, schüttelte bedenklich das Haupt und murmelte heftige Proteste gegen die ihm unbegreiflichen Halluzinationen der "Press". Letztere kommt indes heute auf das verhängnisvolle Thema zurück. Auf ihrem Kopfe ist folgende, großgedruckte Ankündigung angeschlagen:
"Wichtige Umstände haben transpiriert. Als wir neulich schrieben, war die Aussicht vorhanden, daß der Kongreß re infecta aufbreche und Lord John Russell plötzlich nach England zurückkehre. Der veränderte Ton Österreichs gegen Rußland seit dem Tode des Kaisers Nikolaus - und besonders die Erklärung des österreichischen Kaisers an Alexander II. - haben zweifelsohne zu diesem Resultat beigetragen. Wir haben Grund, zu glauben, daß der Kaiser der Franzosen die Hindernisse, die gegen eine allgemeine Pazifikation bestanden, entfernt hat und daß Frankreich zustimmen will zur völligen Räumung der Krim ohne irgendwelche Bedingungen über Zerstörung oder Verminderung der Befestigungen dieser Provinz."
Zur Aufklärung dieses Orakels verweist die "Press" auf "die authentischen Details ihres Leitartikels". Sonderbarerweise widerlegen grade diese Details den auf sie gegründeten und ihnen vorhergesandten Schluß.
"Die Angelegenheiten zu Wien", heißt es in dem Leitartikel, "werden stündlich minder rational und befriedigend; und es ist wichtig, daß die erleuchtete Meinung auf beiden Seiten des Kanals ihren Einfluß ausübe zur Vermeidung von Resultaten, die gleich ärgerlich und bedauernswert ausfallen möchten. ... Wäre die englisch-französische Allianz aufrichtig gewesen auf Seite unserer Minister im Jahre 1853, so würde wahrscheinlich die Gelegenheit zum Kriege gefehlt haben; aber, wenn notwendig, wäre seine Führung aller Wahrscheinlichkeit nach siegreich und erfolgreich gewesen. Statt solcher herzlichen Allianz mit Frankreich wurde ein Jahr von der britischen Regierung vergeudet mit dem, was sie Adhäsion der großen deutschen Staaten nannte. Nichts konnte einen Krieg mit Rußland rechtfertigen auf Seite der Westmächte als der feste Entschluß, sein Reich im Süden materiell zu schmälern. Das ist die einzige Lösung der orientalischen Frage. 1853 war die Gelegenheit günstig; sie ist verloren worden. Zeit, Schätze, Armeen, Ruf sind gleichmäßig verschwendet worden. Hätten wir 1853 herzlich mit Frankreich gehandelt, so hätten die deutschen Mächte unsren Fußstapfen folgen müssen. Was ist jetzt geschehen? Der Kaiser von Österreich hat dem Kaiser Alexander von Rußland versichert, 'daß Österreich weder die Grenzen seines Reiches zu vermindern noch irgendeine Schmach über sein Gebiet zu verhängen sucht'. Diese Worte lassen nur eine Deutung zu. Was die geheime Übereinkunft zwischen Frankreich und Österreich betrifft, auf die wir früher angespielt, so sind wir durch hohe Autorität versichert, daß, obgleich sie auf wahrscheinlich permanente Verbindung zwischen den beiden Reichen deutet, nichts darin enthalten, was notwendig zu einer Invasion Rußlands seitens Österreichs führen müßte. - Der Kaiser von Rußland ist bereit, Friedensbedingungen anzunehmen, die zwar keine Lösung der orientalischen Frage bieten, aber zweifelsohne ein Zugeständnis vereitelter Aggression und einigermaßen eine Buße für die Gewalttat sind. Wir glauben, daß die Gelegenheit für eine großartigere Politik verloren ist und daß die Kombination von Umständen, die die Unabhängigkeit von Europa gesichert haben konnte, nicht sobald wiederkehren wird; aber ein Friede, im ganzen vorteilhaft für Europa, nützlich für die Türkei und nicht entehrend für die Westmächte, kann jetzt noch erhalten werden. Wir haben Grund, zu fürchten, daß ein solcher Friede nicht negoziiert werden wird. Was ist das Hindernis?... Der Kaiser der Franzosen. Wäre er trotz der nun ungünstigen Umstände noch der Meinung, daß die Lösung der orientalischen Frage zu unternehmen sei, so würden wir nicht sagen, daß England zurücktreten solle; aber wir erfahren, daß die Ansichten des Kaisers ganz verschiedener Art sind ... Zwischen der Schmälerung der russischen Grenzen und der Negotiation des projektierten Friedens hat der Kaiser der Franzosen einen mezzo termine ersonnen, der gefährlich ist und verhängnisvoll werden kann. Er beabsichtigt eine Kampagne voll brillanter Großtaten, die das Prestige" (Glanz) "wiederherstellen und dann mit einem Frieden schließen soll, der nicht einen Pfifferling mehr die Territorialverfassung von Europa oder Asien ändern würde als die österreichisch-russischen Vorschläge, denen beizutreten der außerordentliche englische Bevollmächtigte zu Wien bereit war. Abgesehn von dem Teil des Planes, der viele tausend Menschenleben opfern will für die bloße Restauration von Prestige ..., halten wir die Unpolitik dieses Projekts für so schreiend wie seine Immoralität. Gesetzt, die Kampagne des Prestige sei nicht erfolgreich?... Außer den Hindernissen, die die russische Armee in der Krim entgegenstellt, droht die Pest so sehr als die Waffen. Wenn die Kampagne des Prestige fehlschlägt, was wird aus England und Frankreich? Auf welcher Seite werden sich dann die deutschen Großmächte befinden? Die Aussicht ist keine andere als der Verfall und Fall Europas. Selbst wenn die Chancen nicht gegen uns wären, sind wir gerechtfertigt, solche Gefahren zu laufen, nicht einmal zugunsten einer bestimmten Politik, sondern einer bloßen Demonstration? Es mag marternd sein für den Herrscher von Frankreich, daß eine große Gelegenheit verlorengegangen; es ist nicht minder so für das englische Volk. Aber Staatsmänner müssen die Umstände nehmen, wie sie sind. Weder Frankreich noch England, noch Rußland befinden sich 1855 in denselben Stellungen wie 1853. Wehe den Männern, die die höchsten Interessen Europas verraten haben. Möge das Schicksal sie treffen, das sie verdienen. Der Herrscher von Frankreich und die Königin von England sind schuldlos; aber sie müssen nicht, gleich irre gewordenen Spielern, darauf bestehen, ihr Mißgeschick zu forcieren in einem Wahnsinn der Enttäuschung und einem Paroxismus der Verzweiflung."
In demselben Blatt wird auf Girardins Pamphlet "La Paix" hingewiesen, worin die gleichzeitige Entwaffnung Sewastopols und Gibraltars als die wahre Friedenslösung gefeiert wird.
"Bedenkt", ruft die "Press", "daß dieses Pamphlet oder vielmehr sein Verkauf durch die französische Regierung autorisiert und sein Verfasser der teure und intime Freund, Ratgeber und Gefährte des präsumtiven Thronerben ist!"
Hier sei nur angedeutet, daß die Derbyiten, deren Organ die "Press", an einer Koalition mit der (friedlichen) Manchester School arbeiten und daß das Ministerium seinerseits durch die Zeitungsstempelbill (auf die wir zurückkommen) die Manchester School zu gewinnen sucht. Die Idee eines bloßen Demonstrationsfeldzugs, eines europäischen Krieges nicht zur Gefährdung der feindlichen Macht, sondern zur Rettung des eigenen Prestige, eines Spektakelstücken-Krieges, muß allerdings jeden nüchternen Engländer außer Fassung bringen. Frage: Ist sie nicht eine der "idées napoleoniennes", wie das restaurierte Kaisertum sie versteht und verstehen muß?