Text nach: Protokoll des Internationalen Sozialistischen Arbeiterkongresses in der Tonhalle Zürich vom 6. bis 12. August 1893. Herausgegeben vom Organisationskomite. Zürich, Buchhandlung des Schweiz. Grütlivereins, 1894, S. III–VIII und 1–65 (archive.org), mit dem Druck verglichen. Die vom Kongress angenommenen Resolutionen werden nicht wiederholt, sondern auf der Seite des Kongresses nachgewiesen, die Schlussrede von Friedrich Engels in unserer Abteilung Marx und Engels. Die Überschriften der Tagesordnungspunkte sind zum Teil von uns. Traducción al español.
Vorwort
Wenn dieses Protokoll etwas verspätet erscheint, so ist das nicht die Schuld des Protokollführers. Von ihm ist das Manuskript mit der gewünschten Beförderung eingegangen. Als aber die Korrekturabzüge den Mitgliedern des Organisationskomites, wie vorher beschlossen, eingehändigt waren, da zeigten sich Differenzen darüber, ob das Protokoll mit der nötigen Unbefangenheit abgefasst sei. Die Meinungen der Mitglieder über gewisse Vorgänge am Kongress waren geteilt. Es wurde wiederholt Frist eingesetzt zur Eingabe von Bemerkungen oder Berichtigungen, ohne Erfolg.
Schliesslich verständigte man sich in einer Sitzung, es seien mit dem Protokollführer Verständigungen bezüglich einiger Abänderungen anzuknüpfen, die sich auch in kurzer Zeit bewerkstelligten. Sodann einigte sich das Organisationskomite, dass es die Herausgabe des Protokolls wohl übernehme, die Verantwortlichkeit für seinen Inhalt aber seinem Verfasser überlasse.
Damit keine Missverständnisse über den Sinn dieses Beschlusses auftauchen können, sei hier im Auftrage des Organisationskomites ausdrücklich erklärt, dass das Protokoll so gut und so gewissenhaft abgefasst ist, als dies von einer Person unter solchen Umständen möglich ist, und dass die Mühe des Verfassers unsern Dank verdient, da er eine Arbeit leistete, die kein Mitglied des Organisationskomites zu leisten die Zeit hatte.
Was man wohl aussetzen kann, und was fast nicht zu umgehen ist, liegt darin, dass die Voten der Redner, die in der Muttersprache des Referenten fallen, meist ausführlicher wiedergegeben werden, als solche in andern Sprachen. Dies kommt auch da vor, wenn der Referent wie im vorliegenden Falle fremder Sprachen wohl mächtig ist, weil das Notiren auf Übung beruht und diese Übung in fremden Sprachen selbstverständlich nicht so gross sein kann, wie in der Muttersprache. Das sollte um so leichter zu begreifen sein, als es sich ja schon bei den meisten Übersetzungen am Kongresse selbst zeigt, und doch folgt hier die Übersetzung dem Originalvotum auf dem Fusse und mit ganz frischem Gedächtnisse.
Wollte man diesem Übelstande abhelfen, so müsste man für künftige Kongresse entweder eine Einrichtung treffen, wie sie an andern Kongressen bereits existirt, nämlich: Man müsste jeden Redner unmittelbar nach Abgabe seines Votums ersuchen, es in seiner Sprache sofort niederzuschreiben, oder man müsste Stenographen für die Kongresssprachen anstellen, oder man müsste Protokollführer für die verschiedenen Sprachen bezeichnen und das Protokoll aus allen diesen verschiedenen Aufzeichnungen abfassen. Das würde aber in den beiden letztern Fällen mehr Zeit und Mittel in Anspruch nehmen, als sie dem Organisationskomite eines Internationalen sozialistischen Arbeiterkongresses zur Zeit noch zur Verfügung stehen dürften. Man wolle darum das gebotene Protokoll mit keinem höhern Masstabe messen, als es den verfügbaren Mitteln entspricht.
Einen Teil der Schuld an der Verspätung muss freilich der Verfasser dieses Vorworts auf sich nehmen, bittet das aber zu entschuldigen mit einer starken Anhäufung von Amts- und Berufsgeschäften und mit einer Augenentzündung, die seine Arbeitsfähigkeit stark hinderte.
Das Organisationskomite wünscht hier eine gedrängte Darstellung seiner Tätigkeit vor dem Kongresse zu geben, an die sich einige Notizen über den Kongress selbst, die aus dem Protokoll selbst nicht zu entnehmen sind, reihen sollen.
Der Kongress in Brüssel von 1891 hatte beschlossen, dass der nächste Kongress 1893 in der Schweiz tagen solle. Am 10. Januar 1892 traten nun die Komites der drei grössten Arbeiterverbände der Schweiz zusammen, die der Sozialdemokratischen Partei, des Grütlivereins und des Gewerkschaftsbundes. Es wurde beschlossen: 1. der Kongress findet in Zürich statt; 2. ein aus je fünf Vertretern der drei Verbände gebildetes Organisationskomite hat alle nötigen Arbeiten für Einleitung und Durchführung des Kongresses an Hand zu nehmen; 3. die Kosten des Kongresses sollen auf dem Wege freiwilliger Beiträge (Verkauf von Marken) aufgebracht werden.
Das Organisationskomite bestand aus folgenden Vertretern der Sozialdemokratischen Partei: J. R. Jäger, X. Karrer, O. Lang, R. Seidel, A. Widmer; Grütliverein: K. Bürkli, H. Greulich, F. Häfeli, A. Ilg, J. Vogelsanger; Gewerkschaftsbund: E. Beck, C. Conzett, A. Lüthi, K. Manz und A. Merk. Es wählte zum Präsidenten: Karl Bürkli, Vizepräsident: Herman Greulich; Sekretär: Robert Seidel; Protokollführer: J. R. Jäger und zum Kassier: August Merk.
Ein erstes Zirkular in deutscher und französischer Sprache richtete sich an die Arbeitervereine und Arbeiter der Schweiz, machte ihnen die Bedeutung des Kongresses klar und organisirte den Markenvertrieb zur Aufbringung der Mittel, die damals auf 5—6000 Franken veranschlagt waren.
Unmittelbar darauf, auch noch im Februar, wurde das erste Zirkular an die Arbeiter aller Länder erlassen, das die Anzeige der Konstituirung des Organisationskomites, eine erste Einladung zum Besuche des Kongresses und zur Einreichung von Anregungen und Anträgen enthielt. Die Einladung war an alle Gewerkschaften und sozialistischen Parteien gerichtet, sofern sie die Notwendigkeit der Arbeiterorganisation und deren Betätigung an der Politik anerkennen«. Dieses Zirkular wurde in deutscher, französischer und englischer Sprache an alle uns bekannten Adressen geschickt.
Das Gesamtkomite hielt in der Regel allmonatlich eine Sitzung, der engere Vorstand so oft es dazwischen noch nötig war. Von den eingehenden Korrespondenzen wurde dem Gesamtkomite Kenntnis gegeben, auch die lokalen Vorarbeiten wurden rechtzeitig in Angriff genommen.
An den in Glasgow zusammentretenden Jahreskongress der englischen Gewerkschaften wurde am 1. September 1892 durch den Präsidenten unseres Organisationskomites ein besonderes Einladungsschreiben zum Besuche des Zürcher Kongresses geschickt.
Dieser Kongress in Glasgow nahm aber wenig Notiz von unserm Einladungsschreiben, das erst auf wiederholte Reklamationen zu seiner Kenntnis gebracht wurde, sondern beauftragte das Parlamentarische Komite, bald einen Internationalen Kongress für den Achtstundentag in London einzuberufen. In dieser Situation musste das Organisationskomite rasch handeln. Es versandte zunächst ein Sonderzirkular an die Gewerkschaften, Gewerkschaftsräte und Arbeiterorganisationen von Grossbritannien und Irland. Darin wurde nachgewiesen, dass der Kongress in Zürich ein Jahr vor dem Glasgower Kongress in Brüssel unter Teilnahme britischer Delegirter festgesetzt worden sei, und dass ein Internationaler Kongress nicht anders, als durch internationale Verständigung einberufen werden könne. Es wurde weiter mitgeteilt, dass die grossen Arbeiterorganisationen der wichtigsten Länder bereits beschlossen haben, den Zürcher Kongress zu beschicken, und unter Beigabe des Einladungsschreibens an den Glasgower Kongress wurden die britischen Gewerkschaften besonders eingeladen, unsern Kongress zu beschicken.
Diesem Sonderzirkular vom 28. September liessen wir bald, am 15. November das zweite Zirkular an die Arbeiter aller Länder folgen, in dem wir ihnen Kenntnis von den getanen Schritten gaben, die vorläufige Tagesordnung mitteilten und Ansichtsäusserungen darüber, wie neue Anträge, bis spätestens Ende Februar 1893 erbaten. Infolge dieser beiden Zirkulare erhielt das Organisationskomite eine grosse Zahl von Zustimmungserklärungen aus allen Ländern und auch aus England. Das Parlamentarische Komite nahm infolge dessen seine Einladung zurück und entschuldigte sich mit einem Missverständnis.
Da bis Mitte Februar 1893 eine grössere Anzahl von Anträgen eingegangen war und eine Verständigung über deren Gruppirung, sowie über die Aufstellung von Vorlagen für die Zulassungsbestimmungen und über die Geschäftsordnung des Kongresses nötig erschien, wurde eine Vorkonferenz in Brüssel auf den 26. März angeordnet. Zu ihrer Beschickung wurden durch gedrucktes Zirkular eingeladen: für Frankreich Comité révolutionnaire central, Parti ouvrier und Bourse du travail; für Deutschland Parteikomite und Generalkommission der Gewerkschaften; für England Parlamentarisches Komite, Londoner Gewerkschaftsrat, Social-Democratic Federation, Independent Labour Party und grössere Einzelvereine; ferner die Zentralvorstände der sozialistischen Parteien von Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Österreich und Schweden. Von den weiter abliegenden Ländern glaubte man eine Beteiligung von vornherein nicht annehmen zu können.
Dem Zirkular waren die vom Organisationskomite beratenen Vorlagen für die Zulassungsbestimmungen und die Geschäftsordnung, sowie die eingegangenen und nach Materien gruppirten Anträge beigefügt. Gegenüber später erfolgten Angriffen auf das Organisationskomite mag hier konstatirt werden, dass noch bei keinem frühern Kongresse so rechtzeitig solche Vorlagen den Teilnehmern zur Vorberatung dargeboten wurden.
Die Vorkonferenz fand am vorbezeichneten Tage in Brüssel statt und erledigte ihre Geschäfte in wenigen Stunden. Nach ihren Beschlüssen wurden nun die weiteren Vorarbeiten getroffen. Da über einen Hauptpunkt der Tagesordnung des Kongresses, Achtstundentag, kein Antrag eingegangen war, hielt sich das Organisationskomite für verpflichtet, im Namen der Schweizer Organisationen eine Vorlage auszuarbeiten, desgleichen eine weitere für die direkte Gesetzgebung durch das Volk. Die sämtlichen Vorlagen wurden mit einem dritten Zirkular, das den Zeitpunkt und das Lokal des Kongresses, sowie anderweitige Mitteilungen für die Delegirten enthielt, am 15. Juni versandt, um noch rechtzeitig den europäischen und amerikanischen Organisationen zuzukommen.
Zu Anfang Juli kam von französischen und deutschen Genossen das Gesuch ein, es möchte der Kongress auf später (17. September) verschoben werden, da die Wahlen zur französischen Deputirten-Kammer wahrscheinlich am 20. August stattfinden und alle Kräfte für die Agitation in den letzten Wochen vorher in Anspruch genommen seien, der Kongress daher nur kümmerlich beschickt werden könnte.
Das Organisationskomite trat am 4. Juli sofort in eine ernste Beratung dieses Gesuches ein. Eine offizielle Ausschreibung der Wahlen hatte zur Zeit noch nicht stattgefunden, trotzdem wurden sofort die nötigen Schritte getan, um für den Fall einer Verschiebung des Kongresses auch der Lokalitäten sicher zu sein. Ebenso wurden telegraphische Anfragen an die französischen Genossen wegen der Verschiebung des Kongresses gerichtet. Sodann telegraphirte man an das Parlamentarische Komite der britischen Gewerkschaften, ob bei einer Verschiebung des Kongresses keine Kollision mit dem Jahreskongresse und dem Ausbleiben der Gewerkschaftsdelegirten zu befürchten sei.
Die Antworten auf unsere dringlichen Anfragen kamen nicht so geschwind ein, so dass das Organisationskomite erst am 12. Juli über diese Angelegenheit beraten konnte. Der Wahltermin in Frankreich war immer noch nicht offiziell ausgeschrieben; Genosse Vaillant in Paris hielt es nicht für ausgeschlossen, dass der Termin auf später angesetzt werde, das Parlamentarische Komite hielt bei einer Verschiebung des Kongresses eine namhafte Beteiligung aus Grossbritannien für unmöglich. Den Organisationen der entfernten Länder hätte man nur noch telegraphisch Kenntnis von der Verschiebung geben können, der australische Delegirte war nach Mitteilung schon auf der Reise, amerikanische Delegirte vielleicht auch. Unter solchen Umständen blieb dem Organisationskomite nichts übrig, als von einer Verschiebung Umgang zu nehmen und am festgesetzten Eröffnungstage nichts mehr zu ändern.
Die Mitglieder des Bureau beeilten sich, die Mitteilung dieses Beschlusses beförderlichst den Genossen in Frankreich, Deutschland und England zuzustellen; leider verzögerte sich eine Mitteilung etwas, so dass eine Reklamation einlangte, der sofort entsprochen wurde.
Die kurze noch verbleibende Zeit wurde zur Beendigung der lokalen Vorarbeiten für den Kongress und seine Delegirten verwendet, und wenn es am Kongress auch nicht ohne alle Reklamation abging, so hoffen wir doch, die Kongressbesucher werden den Eindruck erhalten haben, dass das Organisationskomite alles vorbereitet habe, was sich immer voraussehen liess, um die Arbeiten des Kongresses zu fördern und den Delegirten so gut wie möglich Unterkunft, Bequemlichkeit des Verkehrs und Unterhaltung zu verschaffen. Dass viele Kräfte aus der Arbeiterschaft dabei behülflich sein mussten und mit Begeisterung mitwirkten, soll hier dankend erwähnt werden.
Das Ausgabenbudget des Kongresses ist allerdings höher geworden, als vorausgesehen werden konnte. Die Rechnung konnte bis zur Stunde noch nicht abgeschlossen werden; die Ausgaben belaufen sich auf nahezu 8700 Franken. Das wird hier nur mitgeteilt, um andern Orten, die künftig solche Kongresse durchzuführen haben, einen Anhaltspunkt für die damit verbundenen Kosten zu geben.
Der beste Beweis von dem allgemeinen und grossen Charakter des Zürcher Kongresses ist die grosse Zahl von Berichten über die Bewegung in den verschiedenen Ländern, die gedruckt zur Verteilung gelangt sind; wohl nie vorher ist eine annähernd so grosse Zahl abgegeben worden.
Es lagen Berichte vor von folgenden Ländern und in nachbezeichneten Sprachen: Australien (englisch), Bulgarien (deutsch), Dänemark (deutsch), Deutschland (deutsch), Grossbritannien, Socialdemocratic Federation (englisch), Gasarbeiter- und Allgemeine Arbeiter-Union etc. (deutsch), Italien (französisch), Norwegen (deutsch), Österreich (deutsch), Ungarn (deutsch), Kroatien (deutsch), Polen, Allgemeine Delegation (deutsch), Sprawa Robotnicza« (deutsch), Rumänien (französisch), Schweiz (deutsch und französisch), Schweden (deutsch), Spanien, Parti socialiste ouvrier (französisch), Union générale des travailleurs (französisch) und den Vereinigten Staaten von Amerika (englisch, deutsch und französisch).
Diese Berichte bilden einen kleinen Band und die Frage wurde aufgeworfen, ob sie nicht als Anhang zum Protokoll herausgegeben werden sollten. Die Kosten der Übersetzung und des Druckes wären jedoch so bedeutend, dass sie nur bei bedeutendem Absatz gedeckt werden könnten und es erschien doch fraglich, ob ein solcher Absatz angenommen werden dürfe. Deshalb musste vorläufig auf die Herausgabe verzichtet werden.
Der Zürcher Kongress hat allerdings einige missliche Erscheinungen aufzuweisen, teils wegen der Lücken in der französischen Delegation, deren Hauptvorkämpfer fern bleiben mussten, was wohl niemand mehr bedauerte als das Organisationskomite, teils weil sich Elemente mit grosser Beharrlichkeit zudrängten, von denen die grosse Mehrheit des Kongresses nichts wissen wollte. Die Zulassungsbedingungen, die wohl für künftige Kongresse von Wichtigkeit sein werden, sind am Zürcher Kongress verschärft worden, so dass künftig viel unnützer Streit vermieden werden kann. Die Gegner der sozialistischen Bewegung haben diesen Misshelligkeiten natürlich eine grosse Bedeutung beigelegt und sind darin leider durch Sozialisten selbst unterstützt worden, aber man wird sich vergeblich bemüben, abzuleugnen oder zu verwischen, dass der Zürcher Kongress seinen Zweck erreicht hat; er war trotz aller Machenschaften von rechts und von »links« eine grossartige Kundgebung der Internationalen sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, die trotz aller »Spaltungen« in Bezug auf Tiefe und Breite im siegreichen Vormarsch begriffen ist.
Zürich, 15. März 1894. Im Auftrage: Herman Greulich.
I. Sitzung. Sonntag den 6. August, vormittags 10 Uhr
Den grossen Tonhallesaal schmücken Embleme in den 16 Sprachen der am Kongress vertretenen Nationen mit dem Kriegsrufe der internationalen Arbeiterbewegung: Proletarier aller Länder vereinigt Euch! Hoch oben über der Tribüne ist ein von der Zürcher Künstlerin Margarete Greulich ausgeführtes prächtiges Porträt Marx’ angebracht, umrahmt von roten Bannern.
Nach 10 Uhr eröffnet Karl Bürkli, Präsident des Organisationskomites, einer der Veteranen des europäischen Sozialismus, den Kongress mit folgender Begrüssungsrede, die er nachher in englischer und französischer Sprache wiederholt:
Werte Genossen! Es erfüllt mich mit grosser Freude, diese imposante Versammlung von Vertretern der Arbeiter aller Länder in meiner Vaterstadt begrüssen zu können. Ich habe die ersten Kongresse der Internationale — in Genf, Lausanne und Basel — in den 60iger Jahren mitgemacht. Welch ein Unterschied zwischen damals und heute! Welch ein Vormarsch der proletarischen Bewegung in wenig mehr als einem Vierteljahrhundert! Damals waren es kleine Vereine begeisterter Männer. Heute sind hier wirklich Millionen organisirter Arbeiter vertreten... und weitere Millionen schauen auf unsere Arbeiten.
Was die Bourgeoisie einst versprochen, aber nicht gehalten hat, das ist die nächste Aufgabe des organisirten Proletariates: Friede, Freiheit und Wohlfahrt für Alle! Der Kapitalismus hat es dahin gebracht, dass Europa in Waffen starrt; diese Waffen richten sich in erster Linie gegen das aufstrebende Proletariat; sie halten es zurück von der Eroberung der Freiheit, der Volksrechte und der Anteilnahme an den Reichtümern, die das Proletariat selbst erzeugt. Als Vorwand der stetigen Vermehrung des Militärs muss die künstliche Verhetzung der Völker dienen, als ob die Völker auch nur das geringste Interesse hätten, sich gegenseitig zu zerfleischen.
Der Kapitalismus hat grosse Massen des Volkes verelendet, ihre Lebensbedingungen und ihre Lebensmittel verschlechtert, ihre Gesundheit und Lebenskraft zerrüttet, Sorge, Hunger und Jammer über sie gebracht.
Der Kapitalismus als Privat-Raubwirtschaft hat sogar die Natur verwüstet; die Wälder verheert, den Boden ausgesaugt und das Klima verschlechtert, daher die Witterungsextreme, wie Fourier es schon vor 80 Jahren voraussagte: Dürre und Überschwemmung, grosse Hitze und starker Frost und dazu schreckliche Stürme und Hochgewitter. Und alles das nur um des Profites willen, damit die „raubstaatserhaltende“ Bourgeoisie Privatreichtümer anhäufen kann. Die Hölle des Dante hat solches Massenelend nicht aufzuweisen, wie der Himmel des Kapitalismus.
Nur das Proletariat hat ein Lebensinteresse, den Widersinn der heutigen Gesellschaft zu beseitigen: Weltwirtschaft — und ständige Kriegsgefahr; riesige Anhäufung des Reichtums bei Wenigen — und Massenelend; und an Stelle der Privat-Raubwirtschaft die gesellschaftliche Wirtschaft zu setzen; eine höhere Stufe der Entwicklung, die der heutigen notwendig folgen muss, wenn es überhaupt ein Gesetz der menschlichen Entwicklung gibt. Und es muss ein solches Gesetz geben: es lebt in der Brust der ganzen Menschheit! Das Proletariat aller Länder ist bereits an die Lösung seiner grossen geschichtlichen Aufgabe herangetreten; es beginnt politische Macht zu erobern und sich die Rechte dafür zu verschaffen; es streitet aller Orten für die Verbesserung seiner Lage, um für seine Befreiung Kraft zu gewinnen.
Das organisirte Proletariat aller Länder ist einig, dass die Verbrüderung der Völker am wirksamsten vorbereitet wird durch die Verbrüderung der Proletarier aller Länder. Dieser Kongress soll ein wichtiger Fortschritt sein in der Beratung und Organisation unserer Kampfmittel, er soll uns aufs neue stärken zur Erfüllung unserer grossen Aufgabe.
Darum begrüssen wir Euch alle, die Ihr hierher gekommen seid, um zu tagen auf unserm Schweizerboden, der mit unserer Vereinigung verschiedener Volksstämme (Deutsche, Franzosen, Italiener, Rhäto-Romanen) und mit seinen demokratischen Volksrechten ein kleines Vorbild der Vereinigten Staaten von Europa und der zukünftigen Weltrepublik ist.
Das Wort der Befreiung soll hier eine freie Stätte haben. Möge der Geist der Brüderlichkeit, der das Wahrzeichen des Kongresses sein soll, auch da jeden beseelen, wo Verschiedenheiten in Ansichten vorhanden sind. Diese Verschiedenheiten sind ja unbedeutend gegenüber dem grossen Gedanken, der uns Alle einigt, nämlich: Die Befreiung der Arbeiterklasse durch sich selbst. (Lebhafter Beifall.)
Unter dem Vorsitz des Arbeitersekretärs Greulich, Vizepräsident des Organisationskomites, tritt der Kongress in die Beratung seiner Geschäftsordnung ein.
Mit 243 gegen 53 Stimmen erklärt sich der Kongress nach längerer Debatte für die en bloc-Annahme der von dem schweizerischen Organisationskomite vorgelegten Geschäftsordnung.
Geschäftsordnung des Kongresses
Die Delegirten der verschiedenen Nationalitäten treten am Sonntag der Eröffnung des Kongresses, vormittags 9 Uhr, in den ihnen vom Organisationskomite bezeichneten Lokalen zur Mandatprüfung zusammen; gleichzeitig bezeichnen sie ihre Vertreter für das Bureau, Übersetzer inbegriffen.
Um 10 Uhr versammeln sich sämtliche Delegirte im Kongresslokal zur Konstituirung, Feststellung der Geschäfts- und der Tagesordnung, sowie zur Bestellung der vorberatenden Kommissionen.
(Nachmittags öffentliche Begrüssung des Kongresses.)
Der Kongress hält täglich zwei Sitzungen und zwar von 9 bis 12 und 3 bis 6 Uhr. Am Samstag fällt die Nachmittagssitzung aus.
Der Kongress ernennt in der ersten Sitzung für jeden Tag einen Präsidenten, der aus den verschiedenen auf dem Kongress vertretenen Nationalitäten gewählt wird. Das Bureau, welches Delegirte jeder Nationalität zu enthalten hat, bestimmt aus seiner Mitte die Träger der verschiedenen Funktionen (Sekretäre, Übersetzer etc.).
Die vorberatenden Kommissionen für Fragen der Tagesordnung werden aus Vertretern der Nationalitäten von diesen selbst gewählt.
Berichte über Gang und Stand der Arbeiterbewegung in den verschiedenen Ländern werden nicht mündlich entgegengenommen; sie sind dem Organisationskomite gedruckt im Format seiner Zirkulare (Druckfläche einer Seite: 193 Millimeter Höhe und 109 Millimeter Breite) in deutscher, englischer oder französischer Sprache (wo möglich in allen drei Sprachen) zur Verteilung an die Kongressdelegirten einzureichen.
Begehren ums Wort sind schriftlich dem Bureau zu übergeben.
Alle Anträge sind schriftlich einzureichen. Die Anträge der Kommissionen, sowie grundsätzliche Anträge, die von wenigstens zehn Delegirten unterstützt sind, werden in französischer, deutscher und englischer Sprache gedruckt und an die Delegirten verteilt. Grundsätzliche Hauptanträge gelangen erst dann zur Abstimmung, wenn sie gedruckt in den Händen der Delegirten sind.
Die Redezeit ist für Berichterstatter 20 Minuten, für andere Redner 10 Minuten. Redner, die über einen Gegenstand noch nicht gesprochen haben, erhalten das Wort vor solchen, die zum zweiten Male sprechen wollen. Mehr als zweimal wird dem gleichen Redner über den gleichen Gegenstand das Wort nicht erteilt.
Anträge, Berichte und Reden werden ins Englische, Französische und Deutsche übersetzt.
In der Regel wird nach Köpfen abgestimmt. Bei grundsätzlichen Hauptfragen wird auf Antrag einer Nationalität nach Nationalitäten abgestimmt und gilt ein Antrag als angenommen, wenn die Mehrheit der Nationalitäten dafür stimmt.
Alle Sitzungen des Kongresses sind öffentlich; den Berichterstattern der Presse werden auf Anmeldung hin vom Organisationskomite besondere Plätze angewiesen.
Um jedes Übergewicht der natürlich sehr zahlreich erschienenen Schweizer bei den einzelnen Abstimmungen zu vermeiden, erklären die Schweizer Genossen unter grossem Beifalle des Kongresses nur mit 20 Stimmen an der Abstimmung sich zu beteiligen. Zahlreiche Depeschen aus verschiedenen Ländern (Deutschland) gelangen zur Verlesung und nach 12 Uhr wird die Sitzung geschlossen.
Nachmittags 2 Uhr fand eine Demonstration der Zürcherischen Arbeiterschaft statt, wie Zürich noch keine gesehen hatte; aus einer ganzen Reihe von Städten waren Vereine und Delegationen erschienen, Winterthur allein hatte per Extrazug 1500 Teilnehmer an den Festzug geliefert, dessen Gesamtzahl auf mindestens 10,000 — nur organisirte Arbeiter — geschätzt werden muss. Tausende aus der sympathisirenden Zürcher Arbeiterbevölkerung grüssten mit freudigem Zuruf den Festzug, als er durch die dichtgefüllten Strassen der Stadt zog. Selbstverständlich verlief die ganze Demonstration ohne jeden Zwischenfall und die Verschiedenartigkeit der politischen Verhältnisse und der Stellung der Behörden gegenüber dem Volke trat auch darin zu Tage, dass beispielsweise hier die Behörden nichts taten, was der Demonstration hätte Schwierigkeiten bereiten können. Als das konservative Rektorat des Gymnasiums den Turnplatz der Kantonsschule zur Abhaltung einer Demonstrationsversammlung verweigern wollte, stellte ihn kurzerhand die Kantonsregierung zur Verfügung. Und ebenso befahl der Stadtrat von Zürich der Pferdebahngesellschaft, von ½2—6 Uhr den Betrieb einzustellen in allen den Strassen, die der Festzug passirte.
Dutzende von Fahnen flatterten an der Spitze des Festzuges; die einzelnen Gewerkschaften hatten ihre verschiedenen Gewerksembleme zum Teil in künstlerischer, zum Teil in origineller Durchführung aufgepflanzt. Die Tischler z.B. hatten eine aus Hobelspähnen angefertigte Fahne mitgebracht, auf der eine flotte Malerei den Zweck des Vereins versinnbildlichte; die Buchbinder ein riesiges Buch mit der Aufschrift: „Wissen ist Macht“. Den Buchdruckern wurde ein riesiges Plakat vorangetragen, auf dessen Vorderseite stand: „Hoch lebe die Internationale Arbeiterpresse“, auf der Rückseite waren die Titel der Arbeiterblätter in den verschiedenen Ländern Europas und Amerikas aufgeklebt mit der Umschrift: „Die Schrift ist mächtiger als das Schwert“. Den Zug beschloss ein grosses Plakat, auf dem eine Riesenheuschrecke abgebildet war mit der Unterschrift: Der Kapitalismus. Diese Verkörperung des gefrässigen, länderverwüstenden Kapitalismus begegnete auf dem ganzen Wege der freudigsten Aufnahme.
Besondern Jubel rief die Kindergruppe hervor; ein hübsches Mädchen in weissem Gewande und geschmückt mit der phrygischen Mütze trug eine rote Fahne, ein anderes die Inschrift: „Der Väter Streben wird uns zum Segen“; hinter ihnen folgten, Blumenguirlanden tragend, Hunderte von Knaben und Mädchen und ein stattlicher Zug von Arbeitermädchen und Arbeiterfrauen schloss die Gruppe. So ging es beim herrlichsten Wetter durch die sonnenbeschienenen Strassen der Stadt auf die Höhe der Kantonsschule hinan, wo eine Riesenversammlung von Tausenden Reden von Greulich, Hobson-Sheffield, Volders-Brüssel, Bebel und Turati-Mailand mit begeisterten Beifallsrufen begrüsste und begleitete.
Nach Schluss der Versammlung zogen die Demonstranten in neugeordnetem Zuge nach dem Bahnhofplatze, wo der Zug sich unter begeisterten Hochs auf die internationale revolutionäre Sozialdemokratie auflöste.
II. Sitzung. Montag den 7. August, vormittags 9 Uhr
Die Verhandlungen werden von Greulich eröffnet, der den Geschäftsordnungsvorschlag macht, den Präsidentensitz am ersten Tage einem Deutschen, am zweiten einem Franzosen, am dritten einem Engländer, am vierten einem Österreicher, am fünften einem Belgier, am sechsten einem Italiener einzuräumen. Der Vorschlag wird widerspruchslos genehmigt und als erster nimmt Paul Singer den Präsidentensitz ein.
Das Bureau setzt sich zusammen aus Singer, Vorsitz; Argyriadès, Vizepräsident; Turati, Louise Kautsky, John Hodge, de Leon, Schriftführer; Mrs. Aveling, Smith, Reimann, Bonnier, Andr. Scheu, Übersetzer.
Singer dankt mit folgendem Worte für die Übertragung des Vorsitzes: Mit besonderer Freude übernehme ich heute im Namen der deutschen Sozialdemokratie den Vorsitz, weil sich für uns Deutsche gleichzeitig eine freudige Erinnerung an die Augusttage dieses Jahres knüpft. In wenigen Tagen wird es 25 Jahre, dass auf dem Verbandstage der deutschen Arbeitervereine in Nürnberg die Statuten der Internationale angenommen worden sind. Dadurch hatte das deutsche Proletariat die Notwendigkeit anerkannt, durch die internationale Organisation des Klassenkampfes die Bourgeoisie zu stürzen. Wir haben von jeher in Deutschland die internationale Solidarität gepflegt; in allen unsern Kämpfen haben wir uns eins gefühlt mit dem Proletariat aller Länder; aber auch die Genossen der andern Länder haben uns nicht bloss in den schweren Zeiten der Verfolgungen, sondern stets und erst vor wenigen Wochen wieder mit einem so hohen Masse von Freundschaft und Zeichen von internationaler Solidarität beglückt, dass ich hier im Namen der deutschen Sozialdemokratie das erste Wort dazu benutzen muss, unsern Dank hierfür auszusprechen.
So wie bisher werden wir auch künftig weiter arbeiten; und dies Parlament der Arbeiter wird darum auch ein Parlament der Arbeit werden, die uns dem Tag entgegenführt, wo das rote Banner des Sozialismus siegreich über das Erdenrund wehen wird. (Reicher Beifall.)
Der Kongress tritt in die Beratung über die von der Vorkonferenz in Brüssel vorgeschlagenen Bestimmungen über die Zulassung zum Kongress ein. Dieselben lauten:
Siehe Bestimmungen über die Zulassung zum Kongress.
Keufer (Paris, Schriftsetzer) stellt den Antrag, in den Bestimmungen über die Zulassungsbedingungen den Passus über die politische Aktion zu streichen. Es seien Proletarier aller politischen Richtungen hier anwesend, die Hand in Hand mit dem kämpfenden Proletariate gehen, die vom besten Willen beseelt sind, im Interesse der Arbeiterklasse zu arbeiten, die aber doch nicht mit der politischen Aktion einverstanden sind. Wie wir damit einverstanden sind, dass alle Ruhestörer hinausgewiesen werden, so sollte man doch auch jede politische Meinung hier zum Worte kommen lassen und jedem Vorkämpfer des Proletariates hier im Saale einen Platz einräumen, und im Auftrage der Majorität der französischen Delegation beantrage ich die Zulassungsbestimmungen folgendermassen zu fassen:
„Zum Kongress zugelassen werden die beruflichen Arbeitersyndikate, sowie alle die sozialistischen Parteien und Verbindungen, welche die Notwendigkeit der Arbeiterorganisation anerkennen.“
P. Argyriadès, A. Bonnet, J. Mojonnet, A. Keufer, Saint-Domingue, E. Degay, E. Guérard, B. Mortier, V. Renou, Louis Fière, Léon Remy, Marchand, Marianne.
Hunter Watts (England): Die Vertreter der Trades Unions haben beschlossen, den Punkt 1 der Zulassungsbedingungen in der Fassung der Beschlüsse der Brüsseler Vorkonferenz vollinhaltlich aufrecht zu erhalten. Es ist allerdings die Ansicht aufgetaucht, dass eventuell auch die Trades Unions ausgeschlossen werden könnten, weil sie ja zum Teil die politische Aktion nicht vertreten. Punkt 1 solle deshalb in der weitesten Auslegung aufrecht erhalten werden, dass jeder Gewerkschaftsdelegirte Zutritt habe, ohne Rücksicht, ob seine Gewerkschaft mit Politik sich befasse oder nicht. Bezüglich der Anarchisten seien die Engländer der Ansicht, dass jeder Anarchist zurückgewiesen werden soll, wenn er anarchistische Prinzipien vertrete, nicht aber, wenn die Gewerkschaft oder Verein, die das Mandat ausgestellt, diese anarchistischen Theorien selbst nicht betätigen.
Bonnier (im Namen der Minorität der französischen Delegation) tritt für die Aufrechterhaltung der Brüsseler Bestimmung ein: eine Trennung der Gewerkschaftsbewegung von der politischen sei heute nicht mehr möglich; anarchistisch freilich könne keine Gewerkschaft sein, das widerspreche ihrem Wesen, und was sich heute Anarchist nenne, sei entweder Wirrkopf oder Agent provocateur.
Landauer (Berlin, Redakteur des „Sozialist“) teilt im wesentlichen den Standpunkt Keufers; er beantragt Streichung der Bestimmung von der Notwendigkeit der Arbeiterorganisation, weil jeder Verein, jede Partei und Gewerkschaft diese selbstverständliche Voraussetzung erfüllt habe; ebenso müsse gestrichen werden die Bestimmung der politischen Aktion, weil dieses Wort ganz nichtssagend sei, wenn es nicht etwa parlamentarische Aktion heissen soll; über diese Frage habe der Kongress erst zu entscheiden. Anarchisten seien zuzulassen, wenn die Anarchisten — so wie er — Sozialisten seien (Allgemeines Gelächter).
Dann möchte er noch hervorheben, dass nach den in Deutschland geltenden Vereinsgesetzen Delegirte von Parteien oder Vereinen überhaupt nicht gewählt werden könnten. Gewählt werden die Delegirten vielmehr ganz allgemein nur von öffentlichen Volksversammlungen, mit der Fiktion, dass eine Partei dahinter stehe. Auf Grund dieser seiner Ausführungen in der gestrigen Vorbesprechung der deutschen Nation sei er allerdings deshalb von Bebel als Polizeispitzel hingestellt worden; das sei eine infame Beleidigung, gegen die er protestire.
Er stelle deshalb den Antrag, dass alle diejenigen Delegirten anerkannt werden sollten, welche in öffentlichen Volksversammlungen gewählt sind, wenn die Voraussetzung erfüllt ist, dass hinter denselben eine politische Partei steht. Die Fassung der Zulassungsbedingungen würde demnach so lauten:
„Zugelassen zum Kongress werden alle Arbeitergewerkschaften; ferner die sozialistischen Parteien und Vereine. Für alle diejenigen Länder, in denen es wegen der Straf- und Vereinsgesetze nicht möglich ist, im wörtlichen Sinne Delegirte zu erwählen, werden die in öffentlichen Volksversammlungen gewählten Delegirten anerkannt, sofern es ersichtlich ist, dass hinter dieser Versammlung eine politische Partei steht.“ (Lebhafter Widerspruch und Beifall.)
Mawbray (London, Vertreter der internationalen Schneidergewerkschaft). Man solle keine Inquisition treiben. Der Kongress sei eine öffentliche Versammlung, wo jeder seine Meinung zu vertreten das Recht habe. Wir wollen keine Beeinflussung der Meinungen. Die Majorität aber wolle offenbar nur einen sozialdemokratischen Kongress, dagegen wende er sich mit Entschiedenheit. — Man kann ein sehr guter Gewerkschafter und dabei doch ein Anarchist sein. Beweis: Ich selbst (Heiterkeit). Die Minorität sei stets geknebelt worden, wie man jetzt die Anarchisten in sozialdemokratischen Versammlungen und Kongressen misshandle. — Der Begriff der politischen Aktion sei sehr dehnbar, auch die Anarchisten seien gar nicht gegen jede politische Aktion, oder sei die Hinrichtung Alexanders II. keine politische Aktion? Auch die Sozialisten Deutschlands würden über kurz oder lang zur politischen Aktion der Gewalt übergehen müssen. Wo stecke da der eigentliche Unterschied zwischen Anarchisten und Sozialdemokraten? Man solle die Minoritäten nicht erdrücken.
Vorsitzender Singer. Es ist folgender Antrag eingelaufen:
„Wir beantragen dem Absatz I der Resolution über die Zulassung zum Kongress hinzuzufügen:
Siehe Zusatz zu Punkt 1.
Dr. Adler, B. Edwards, Aug. Bebel, K. Kautsky, Liebknecht, Frau Mendelssohn-Jankowska, Otto Lang.
Ich stelle diesen Antrag mit zur Diskussion.
Bebel: Ich werde, bevor ich auf die Begründung meines und meiner Freunde Antrag eingehe, auf die persönliche Anzapfung Landauers antworten. Landauer hat gestern in der deutschen Delegirtenkonferenz nachdrücklich davor gewarnt, dass Vertreter von Vereinen aus Deutschland auf dem Kongress erscheinen, weil diese sich sonst in Konflikt mit den bestehenden Gesetzen brächten und schwere Strafe zu erwarten hätten. (Landauer: Das ist nicht wahr). Bebel: Sie scheinen nicht zu wissen, dass Sie dasselbe vorhin in Ihrer Rede sagten. (Stürmische Zustimmung). Ich habe nur meine Verwunderung ausgesprochen, dass ein Mann, der es liebe, sich sonst als einer der radikalsten aufzuspielen, hier wie ein Polizeimann spreche. An dieser Auffassung habe ich nach der heutigen Rede Landauers nichts zu ändern. (Beifall, stürmische Unterbrechung seitens der Anarchisten.) Damit ist dieser Punkt für mich erledigt.
Eins hat die Landauersche Rede heute bewirkt: sie hat mich überzeugt, dass der Wortlaut des Brüsseler Beschlusses deutungsfähig ist. In Brüssel freilich wusste jeder, was wir unter politischer Aktion verstanden wissen wollten. Um aber jede Missdeutung vorzubeugen, stelle ich mit Kautsky, Adler, Lang, Edwards, Liebknecht den eben verlesenen Antrag.
Unsere Haltung ist durch die Erfahrung gegeben. Von den Anarchisten trennen uns grundsätzliche Gegensätze; unser Standpunkt ist so verschieden, dass jede Diskussion überflüssig ist. Bei solch schroffem Gegensatz in allen prinzipiellen Fragen hätte die Zulassung der anarchistischen Delegirten nur das eine Resultat: die Zeit totzuschlagen und schliesslich die Verhandlungen des Kongresses resultatlos verlaufen zu lassen. Der Hinweis auf die Gewerkschaften sei sinnlos, die Gewerkschaften stehen alle auf dem Boden des Klassenkampfes; sie sind alle darin einig, jedes Mittel zu gebrauchen, das ihnen im Kampfe gegen den Kapitalismus Erfolg verspreche, und sie sind allesamt auch darin einig, für ihre Forderung in den politischen Kampf einzutreten. Gerade die englischen Gewerkschaften haben seit Jahren durch die Schaffung ihres parlamentarischen Komites den schlagendsten Beweis dafür erbracht, dass sie überall da das Mittel des Parlamentarismus, der Gesetzgebungsmaschine benützen, wo sie glauben, dass ihre eigene Kraft nicht hinreiche, die gestellten Forderungen zu erlangen.
Alle frühern Kongresse haben diesen Standpunkt eingenommen; sowohl die Pariser wie die Brüsseler Kongressbeschlüsse in der Frage der Arbeiterschutzgesetzgebung (Achtstundentag, Verbot der Kinderarbeit, der Nachtarbeit etc.) sind alle gefasst unter der ausgesprochenen Voraussetzung, dass sie verwirklicht werden sollen, nur verwirklicht werden können auf dem Wege der Gesetzgebung. Wenn nun alle diese Forderungen die Grundlagen unserer Verhandlungen bilden, wenn der Zweck unserer Beratungen ist, über Mittel und Wege uns zu verständigen, wie wir die politische Macht erobern, dann haben diese Herren hier nichts zu suchen.
Wenn eingewendet wird, erst dieser Kongress habe über das Mittel der politischen Aktion zu entscheiden, denn die Holländer protestirten ja auch gegen die parlamentarische Betätigung, so ist das nicht richtig. Gewiss gehen wir mit den Holländern auseinander, aber in einem stehen wir mit den Holländern auf dem gleichen Boden. Die Holländer lehnen nicht grundsätzlich die Teilnahme an den allgemeinen Wahlen ab, ist doch ein Teil ihrer propagandistischen Tätigkeit daraufhin gerichtet, das allgemeine gleiche politische Wahlrecht zu erobern. Eine abweichende Meinung zwischen uns besteht nur über das Mass der Teilnahme am parlamentarischen Kampfe.
Anders die Anarchisten. Diese lehnen jede Beteiligung ab; wo das allgemeine Wahlrecht vorhanden, verzichteten sie darauf, wo es sich um die Eroberung desselben für die Arbeiterklasse handle, stemmten sie sich dagegen, weil sie es für überflüssig halten.
Bei solcher prinzipiellen Meinungsverschiedenheit sind wir Deutschen entschlossen, ein Ende zu machen. Es ist doch kein Vergnügen, erst drei Tage zu diskutiren, und dann den Leuten doch die Türe zu weisen, weil sie nicht zu uns gehören... [Landauer: Uns besonders wollen Sie hinauswerfen, weil wir Ihnen unbequem sind!] Wir Deutschen wollen es allerdings ermöglichen, dass Sie auf diesem Kongresse keine Stimme haben. Sie mögen einen besondern Kongress für sich einberufen, genau so wie diejenigen separate Kongresse abhalten, welche den christlich-sozialen Standpunkt vertreten. Wie wir nach rechts in dieser Hinsicht die Grenzlinie gezogen haben, ebenso sind wir entschlossen, sie nach links zu ziehen.
Nun wird heute von diesen Herren freilich der Anarchist möglichst in den Hintergrund gedrängt, man spielt sich als Sozialisten auf. Was wollen diese Herren Anarchisten oder „Unabhängige“? Sie haben keinen gemeinsamen Standpunkt, kein gemeinsames Prinzip, kein Programm, nicht einmal einen gemeinsamen Namen; sie wissen überhaupt nicht was sie wollen. So viel Köpfe, so viel Meinungen. Nur einen gemeinsamen Berührungspunkt haben sie alle: Die Bekämpfung der deutschen Sozialdemokratie. Wenn man ihr Blatt liest, so könnte man den Eindruck gewinnen, als ob die Bourgeoisie gar nicht existire, und der Hauptfeind die Sozialdemokratie sei. Mit einer solchen Sekte können wir nicht unterhandeln; wir müssen klar und bestimmt aussprechen, wer auf den Kongress gehört und wer nicht.
(Die Ausführungen Bebels wurden wiederholt von lautem Beifall unterbrochen und am Schluss mit sehr lebhaftem Beifall von den Delegirten und dem Galleriepublikum begrüsst.) — Von seiten der anwesenden Anarchisten und unabhängigen Sozialisten wird ein solcher Lärm verursacht, dass die Redner nur schwer verständlich sind. Singer ersucht deshalb einige Genossen vom schweizerischen Organisationskomite, für Aufrechthaltung der Ordnung zu sorgen.
Cahan, Delegirter der jüdisch-amerikanischen Arbeiter: Die französischen Delegirten hier auf dem Kongress haben kein Recht, sich hier als Vertreter Frankreichs hinzustellen. Während wir hier noch diskutiren, ob man in die politische Aktion eintreten solle oder nicht, machen gerade diejenigen, die nicht hier sind, die politische Arbeit, über die wir hier erst noch abstimmen wollen. Wären diese Vertreter Frankreichs anwesend, so wäre der Beschluss anders ausgefallen, als er jetzt vorliegt. Als wir amerikanischen Delegirten abreisten, wussten wir, dass wir zu einem Kongress von Sozialdemokraten und Arbeiterorganisationen gingen. Die Anarchisten scheinen das freilich nicht gewusst zu haben; das ist allerdings nicht wunderbar, denn die wechseln ja alle Augenblicke ihre Überzeugung. Anfangs waren sie gegen die Gewerkschaftsorganisation wie gegen jede Organisation, jetzt werfen sie sich auf die gewerkschaftliche Bewegung, aber nur, um sie als Deckmantel zu benutzen, unter dem sie für ihre Ideen Propaganda machen können. Wenn wir hier mit Anarchisten diskutiren wollen, müssen wir so viele Meinungen anhören, als Anarchisten anwesend sind, nur in einem sind sie einig, dass sie sich gegen jedes Repräsentativsystem wenden. Wenn aber jemand Gegner desselben ist und sich dann hier als Repräsentant einer Organisation ausspricht, so kommt mir das gerade so vor, als wenn jemand Gefrorenes gekocht essen wolle. Hier wollen die Unabhängigen und Anarchisten die mildeste Form der Arbeiterbewegung, die Gewerkschaften, und wenn sie nach Amerika kommen, da drücken sie dem Dynamitard die Hand. Man hat hier die Tötung Alexander II. mit in die Diskussion hineingezogen, um den Beweis zu führen, dass eine anarchistische Tat eine politische Handlung sein könne. Aber das ist total falsch. Die, welche Alexander II. den Tod gaben, waren keine Anarchisten, sondern Sozialisten und dazu noch so sehr von der Notwendigkeit der politischen Tätigkeit des Proletariats überzeugt, dass sie Alexander II. gerade deshalb den Tod gaben, weil er Gegner des Repräsentativsystems war. Ich und die amerikanischen Delegirten werden für den Antrag der Brüsseler Vorkonferenz mit dem Amendement Bebel stimmen.
Cornelissen (Holland). Auf der Brüsseler Vorkonferenz war beschlossen worden, dass dem Punkte I des Zulassungspassus unter der Bezeichnung des Minoritätsantrages beigefügt werden sollte, dass die Holländer die Streichung des letzten Passus wünschen. Wir sind hier, um uns zu vereinigen, nicht aber, um uns gegenseitig auszuschliessen. Wenn man auf der einen Seite alle Arbeitergewerkschaften zulässt, so muss man auf der andern Seite auch alle sozialistischen Vereine zulassen. Wir können wohl fragen, ob jeder von der Notwendigkeit der Arbeiterorganisation überzeugt sei, wer aber im Auftrage einer Arbeiterorganisation kommt, hat diese Frage schon bejaht. — Und nun noch ein Wort gegen Bebel. Bebel führte aus, die „Jungen“ haben keine Partei. Aber Bebel hat kein Recht, darüber zu entscheiden, ob die Jungen eine Partei sind oder nicht. Wir stehen in Bezug auf die Brüsseler Beschlüsse auf dem Standpunkte der französischen Delegation, und die Holländer sind darin vollständig einig; keine einzige Sektion ist vorhanden, die darin anderer Meinung wäre. Nur da und dort ist eine einzelne Person, die sich gegen uns erklärt.... weil sie Geld hat. Wir hoffen, dass der Antrag der Franzosen zum Beschluss erhoben wird. (Beifall bei den Franzosen und Holländern.)
Schluss der Vormittagssitzung.
III. Sitzung. Montag den 7. August, nachmittags 2 Uhr
Die englischen Delegirten lassen durch Hobson erklären, dass sie Schluss der Debatte beantragen; werde der Antrag abgelehnt, so werden sie ihn nach jedem Redner wieder einbringen; sie seien entschlossen, diese unfruchtbare Debatte unter allen Umständen zum Abschluss zu bringen; es sei nur Zeitvergeudung, denn sachlich komme die Frage unter Punkt 3 der Tagesordnung zur Entscheidung. Die übergrosse Mehrheit beschliesst Schluss der Debatte. Zur Abstimmung gelangt folgende Resolution Volders:
„Indem die belgische Delegation sich lediglich an die Resolution des Brüsseler Kongresses über die Zulassungsbedingungen und die Beschlüsse der Brüsseler Vorkonferenz hält, beantragt sie, dass der Kongress durch Nationalitätenabstimmung den Text des vorgelegten Reglements acceptirt“.
Die Abstimmung erfolgt nach Nationalitäten: Deutschland, Belgien, Bulgarien, Dänemark, Norwegen, Holland, Ungarn, Italien, Polen, Rumänien, Russland, Amerika und Australien sind einstimmig dafür, Österreich dafür gegen 3 Stimmen, England mit allen gegen 7 bis 8 Stimmen dafür, Schweiz mit allen gegen 2 Stimmen dafür, Spanien dagegen. Frankreich enthält sich der Abstimmung. — Nachträglich erklärt Holland, dass es nur für diesen Antrag gestimmt habe, in der Meinung, dass damit die Zulassung der Anarchisten etc. ausgesprochen sei, andernfalls hätte es dagegen gestimmt.
Auch über den Antrag Bebel und Genossen soll besonders abgestimmt werden; dagegen protestirt Volders, indem er zur Geschäftsordnung erklärt, dass durch die Annahme des belgischen Antrages jeder andere Antrag, auch das Amendement Bebel, erledigt sei. Da sich darüber auf dem Bureau Meinungsverschiedenheiten erheben, lässt Singer darüber abstimmen, ob über den Zusatzantrag Bebel noch gesondert abgestimmt werden solle. Der Kongress beschliesst in seiner grossen Mehrheit, dass alle Anträge und Amendements ausser dem Zusatzantrag Bebel durch die vorhergehende Abstimmung erledigt seien.
Der Zusatzantrag Bebel wird sodann von folgenden Nationen angenommen: Deutschland (gegen Landauer, Werner etc., deren Mandate beanstandet sind), Australien, Bulgarien, Italien, Dänemark, Amerika, Rumänien, Russland, Serbien, Norwegen, Ungarn einstimmig dafür; England (mit allen gegen 6); Österreich (mit allen gegen 3), Schweiz (mit allen gegen 2 Stimmen) dafür; Belgien einstimmig dagegen, Holland dagegen (2 Stimmen dafür), Spanien fehlte; Frankreich und Polen enthalten sich der Abstimmung.
Nach der Abstimmung schreit Buchdrucker Werner (Berlin) durch den Saal: „Wir protestiren, dass das ein Arbeiterkongress ist“.
Werner und Konsorten provoziren hierauf eine minutenlange Unruhe. Die auf der Tribüne anwesenden Unabhängigen versuchen in den Saal zu dringen. Die Verhandlungen geraten infolge des Tumultes ins Stocken; schliesslich mussten Werner, Landauer u. s. w. aus dem Saale entfernt werden.
Nachdem die Ruhe wieder hergestellt ist, gibt Degay im Namen der französischen Delegation die Erklärung ab, dass diese nur deshalb sich der Abstimmung enthalten habe, weil ihr Antrag nicht auch zur Abstimmung gekommen sei. Sie seien weit davon entfernt, die politische Aktion zu verdammen; diejenigen, welche gegen die Brüsseler Beschlüsse gesprochen haben, sind durchaus nicht Anarchisten, es sind Vertreter revolutionärer Komites, der Arbeitersyndikate, der Arbeiterbörse.... aber sie wollten nicht, dass diejenigen ausgeschlossen würden, welche sich von den andern kämpfenden Proletariern nur dadurch unterschieden, dass sie die politische Aktion verwerfen. Es gibt Leute, die sich wohl Anarchisten nennen, in Wahrheit aber gar keine Anarchisten sind, weil sie die Notwendigkeit der Gewerkschaftsbewegung anerkennen. Wenn man den Ruf: „Proletarier aller Länder vereinigt Euch“ — in allen Sprachen an die Wände anheftet, so müsse man auch die Proletarier aller Richtungen zulassen. Hätte man dem Antrage Frankreichs zugestimmt, so wäre es nicht zu den misslichen Vorkommnissen gekommen, deren Zeuge wir eben gewesen sind.
Schliesslich habe er namens der französischen Delegation die Erklärung abzugeben, dass dieselbe wohl vollste Anerkennung über die Durchführung der gestrigen Manifestation ausspreche, aber doch nicht ihr Bedauern darüber unterdrücken könne, dass gestern auf dem Festplatze an Stelle Vaillants, der verhindert sei zu erscheinen, der Belgier Volders zum Worte gekommen sei. Volders habe wohl mit mächtig packenden Worten gesprochen und jeder Franzose sei mit seiner Rede einverstanden gewesen; aber die grosse französische Nation hätte wohl ein Recht darauf gehabt, auch zum Worte zu kommen. Genosse Renou sei bereits zum Festredner bestimmt gewesen, man habe ihn aber nicht sprechen lassen.
Greulich erklärt sofort darauf, dass er in der grossen Zahl von Teilnehmern Renou nicht bemerkt habe, sonst hätte dieser sicher das Wort erhalten. Vor allem hätte sich Renou aber selbst an die Rednerbühne wenden müssen. Wenn man einen grossen Zug organisiren und dann noch den Bürger Renou suchen soll, so ist das zu viel! (Heiterkeit.)
Renou erklärt, dass er persönlich mit der Erklärung Degays, seine projektirte Festrede betreffend, nicht einverstanden sei. Greulich gegenüber müsse er aber doch bemerken, dass er sich in nächster Nähe der Rednerbühne befunden habe und also leicht hätte ermittelt werden können.
Volders erklärt im Namen der Belgier, gegen den Zusatzantrag Bebels gestimmt zu haben, weil er der Meinung sei, dass mit der ersten Abstimmung auch dieser Zusatzantrag erledigt gewesen sei.
Iglesias (Spanien) erklärt, dass er nur deshalb bei der ersten Abstimmung gegen die Resolution gestimmt habe, weil er sie falsch verstanden hatte, er hätte anders, für dieselbe und auch für den Bebel’schen Zusatzantrag gestimmt. Die spanischen Sozialisten hassen die Anarchisten, denn sie kennen sie durch und durch.
Auf Antrag der deutschen Delegation werden die übrigen Bestimmungen über die Zulassung der Delegirten mit grosser Majorität en bloc angenommen.
Sodann wird in die eigentliche Tagesordnung eingetreten. Es liegt der Antrag vor, sie in der vorgelegten Form en bloc zu acceptiren.
Mille (Rumänien) stellt den Antrag, die Agrarfrage, die für Rumänien und auch für andere Staaten Europas brennende Bedeutung habe, mit auf die Tagesordnung zu stellen. Der Zürcher Kongress müsse sich schon deshalb mit dieser Frage beschäftigen, weil ihm vom Brüsseler Kongresse ihre Erledigung übertragen worden sei.
Unterstützt wird dieser Antrag von den Delegationen Serbiens, Bulgariens, Italiens, Spaniens, Hollands.
Der Kongress beschliesst, die Agrarfrage mit auf die Tagesordnung zu setzen.
Die französische Delegation beantragt, auch die Frage des Generalstreiks auf die Tagesordnung zu stellen; es wird hierbei nach Nationalitäten abgestimmt. 12 Nationen stimmen dafür und zwar: Australien, Amerika, Belgien, Bulgarien, Dänemark, Frankreich, Holland, Ungarn, Serbien, Norwegen einstimmig, England mit kleiner Majorität; 6 Nationen stimmen dagegen: Spanien, Italien, Russland einstimmig, Deutschland mit allen gegen drei, die Schweiz mit allen gegen eine Stimme; Rumänien enthält sich der Abstimmung.
Die Tagesordnung hat nunmehr folgende Fassung:
Massregeln zur internationalen Durchführung des Achtstundentages.
Gemeinsame Bestimmungen über die Maifeier.
Die politische Taktik der Sozialdemokraten:
a) Parlamentarismus und Wahlagitation; b) Direkte Gesetzgebung durch das Volk.
Stellung der Sozialdemokratie im Kriegsfalle.
Schutz der Arbeiterinnen.
Nationale und internationale Ausgestaltung der Gewerkschaften.
Internationale Organisation der Sozialdemokraten.
Agrarfrage.
Generalstreik.
Verschiedenes.
Schluss der Nachmittagssitzung 6 Uhr.
IV. Sitzung. Dienstag den 8. August, vormittags 9 Uhr
Den Vorsitz führt Argyriadès (Frankreich), Vizepräsident Dr. Vandervelde (Belgien). Argyriadès eröffnet die Sitzung mit einer kurzen Ansprache: Wenn auch die Franzosen heute an Zahl schwächer, so seien doch alle Richtungen und vor allem das arbeitende Frankreich, das wirkliche Proletariat vertreten. Wenn die Franzosen ihre Stimmung und ihr Votum lauter und energischer zum Ausdruck bringen, so müsse man das ihrem Temperamente zu gute halten. Aber die Franzosen hätten gewünscht, dass neben Marx auch die Bilder von Vorkämpfern anderer Nationen, z.B. Blanqui, Fourier, Saint-Simon, den Saal geschmückt hätten, weil diese alle beigetragen, den wissenschaftlichen Sozialismus zu begründen.
Der Vorsitzende gibt dem Kongress Kenntnis von einem Protest der Anarchisten und unabhängigen Sozialisten gegen ihren Ausschluss und von einem Begrüssungsschreiben Lawroffs. Der Protest lautet:
Wir Unterzeichneten sind von der Sektion unseres Landes unserer Mandate für verlustig erklärt worden. Wir protestiren mit aller Entschiedenheit dagegen. Man hat uns auf Grund von Meinungsverschiedenheiten ausgeschlossen. Wir erkennen jenen nicht das Recht zu, uns, weil wir andere politische Überzeugungen haben als viele Kongressbesucher oder weil wir vielleicht Anarchisten sind, vom Kongresse zu entfernen. Wir sind nicht einzelne Individuen ohne Mandat, sondern Delegirte von Arbeiterorganisationen und das ist das einzige, was den Kongress angeht.
Von der österreichischen Delegation ist folgender Antrag eingebracht worden:
Siehe Sympathieerklärung für die streikenden Bergarbeiter Englands. (Unterschriften.)
Durch Acclamation und unter lebhaftem Beifall nimmt der Kongress diesen Antrag an und beschliesst gleichzeitig in seiner Mitte eine Sammlung für die streikenden Bergleute zu veranstalten.
Picard (England, Bergarbeiterabgeordneter im englischen Parlament) spricht seinen Dank für diese Sympathieerklärung aus; wiewohl hier viele verschiedene Sprachen gesprochen werden, habe doch die Sprache des Herzens hier das Übergewicht. Was die Unterstützungsfrage anbetreffe, so liegen zwar zur Zeit 200,000 Bergleute auf der Strasse; wenn sie auch der Unterstützung augenblicklich noch nicht bedürfen, so werden sie doch die Spenden als ein herzliches Zeichen der Sympathie mit Dank entgegennehmen.
Die deutsche Delegation zeichnet Fr. 500 für die Bergleute, desgleichen die französische Delegation Fr. 270.
Nieuwenhuis erklärt, er habe gestern mit der ganzen holländischen Delegation unter dem Eindruck gestanden, dass mit der Abstimmung über den Antrag Volders alle Amendements erledigt seien; nur unter dieser Voraussetzung haben sie für denselben gestimmt — und doch habe der Vorsitzende noch über den Antrag Bebel abstimmen lassen. Er protestire gegen eine solche Geschäftsleitung; er habe sich zuerst gefragt: „Ist das ehrlich?“ setze aber den guten Glauben voraus. Das Amendement Bebel bedeute eine Beschneidung des freien Wortes; durch die Abstimmung über dasselbe habe man der Minderheit die Ansichten der Mehrheit aufoctroyirt. Holland protestire gegen die Beschränkung der Zulassungsbedingungen und beantrage, nochmals auf die Abstimmung zurückzukommen; er hoffe, dass bei einer Neuabstimmung über den Antrag Volders das Abstimmungsresultat ein wesentlich anderes sein würde als gestern. Unter dem Eindruck der Abstimmung müsste das Bild da oben (Marx’ Porträt) mit Trauerflor verhüllt werden, denn das Wort: „Proletarier aller Länder vereinigt Euch“ sei zur Phrase herabgewürdigt worden.
Volders kritisirt gleichfalls in abfälligster Weise das Verfahren des gestrigen Tagespräsidenten und bittet den Kongress, auf seine gestrige Abstimmung zurückzukommen. Es sei gar nicht zweifelhaft, dass mit dem Antrag der Belgier alle Amendements ausgeschlossen gewesen seien, und dass auch unter der deutschen Delegation zahlreiche Personen anwesend seien, welche mit dem Amendement Bebel nicht einverstanden sind. Argyriades frägt den Kongress an, ob man noch einmal auf die gestrige Abstimmung zurückkommen wolle oder einfach zur Tagesordnung übergehen solle.
Olivier (England) spricht für den Schluss der Diskussion und Übergang zur Tagesordnung; 1½ Stunden seien bereits heute mit der Besprechung einer bereits erledigten Frage vergeudet worden, 11 wichtige Punkte ständen noch auf der Tagesordnung; wohin solle es führen, wenn man an jedem folgenden Tage kritisiren wolle, was an dem vorhergehenden Tage beschlossen worden ist.
Mit grosser Majorität beschliesst sodann der Kongress Übergang zur Tagesordnung.
Seidel, Sekretär des Organisationskomites, macht dem Kongress Mitteilung von einer ganzen Reihe eingelaufener Begrüssungsschreiben und Telegramme (siehe Beilage).
Es erfolgt sodann Berichterstattung der Mandatsprüfungskommissionen.
England ist vertreten durch 65 Delegirte, die 44 politische und gewerkschaftliche Organisationen repräsentiren, darunter 9 ausschliesslich aus jüdischen Arbeitern bestehend; Österreich 34, darunter 7 czechische Delegirte, für sämtliche Parteien und Berufsorganisationen; Australien 1 Delegirter für 5 sozialistische Organisationen, darunter eine deutsche; die sogenannte Arbeiterpartei und die Gewerkschaftszentralisation habe eine Beschickung abgelehnt, so dass die Ehre der Vertretung ausschliesslich den Sozialisten gebühre; Belgien 17 Delegirte, darunter 2 Frauen, für politische und gewerkschaftliche Organisationen; Bulgarien 2 Delegirte und 31 Organisationen; Dänemark 2 Delegirte für die sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften Kopenhagens, erstere 150 Vereine mit 17,000, letztere 90 Organisationen mit 20,000 Mitgliedern; Spanien 2 Delegirte: Iglesias für die sozialdemokratische Arbeiterpartei, Garcia für die Gewerkschaften; Amerika 3 Delegirte: Cahan für die jüdischen Gewerkschaften, de Leon für die sozialistische Arbeiterpartei, Sanial für die Central Labour Federation in New-York; das Mandat eines vierten Delegirten (Henryot, Möbelarbeiter-Gewerkschaft) wird beanstandet, da es für die internationale Holzarbeiter-Konferenz ausgestellt ist. Frankreich 39 Delegirte für 54 verschiedene Organisationen. Holland 6 Delegirte, wovon 3 für den Sozialdemokratischen Bund, je 1 für die Buchdrucker, Zuckerbäcker und einen sozialistischen Lehrerverein. Ungarn (inklusive der kroatischen Landesorganisation) 9 Delegirte für die politische Partei und 23 Gewerkschaften; ein Mandat wird für ungültig erklärt, weil der Delegirte aus der Partei ausgeschlossen worden. Rumänien 5 Delegirte für die Partei und Gewerkschaften. Russland 1 Delegirter (Plechanoff) für eine Geheimorganisation „Emanzipation der Arbeit“ in Petersburg; (aber, erklärt Plechanoff, wenn auch die Organisation geheim sei, so sei sie nicht anarchistisch und in Russland werde auch für den Anarchismus nie ein Boden sein, weil die russischen Sozialisten auf dem Standpunkt des demokratischen Sozialismus stehen). Serbien 1 Delegirter für verschiedene sozialistische Vereine; die ökonomische und politische Entwicklung sei in ihrem Lande noch so rückständig, dass es zur Entwicklung einer sozialdemokratischen Arbeiterpartei leider noch nicht habe kommen können. Schweiz 101 Delegirte für Grütliverein (15,000), Gewerkschaftsbund (15,000), Sozialdemokratische Partei (5000 Mitglieder). Deutschland 92 Delegirte mit 153 Mandaten für die Partei und Gewerkschaften, darunter eine Frau für die sozialistischen Arbeiterinnen-Vereinigungen. 11 Mandate für 10 Delegirte mussten, weil sie den Bedingungen über die Zulassung des Kongresses nicht entsprachen, zurückgewiesen werden. Norwegen 1 Delegirter. Italien 21 für Partei und Gewerkschaften. Polen 11 Delegirte, davon einer beanstandet.
Eine Anzahl italienischer, deutscher und schweizerischer Delegirten beantragen, der Kongress soll den im Wahlkampf stehenden französischen Delegirten seine Sympathie kundgeben, der Kongress stimmt unter jubelnden Zurufen dieser Aufforderung zu. Die englische Delegation berichtet, dass sie einstimmig beschlossen habe, der französischen Arbeiterschaft ihre Solidarität zu bekunden angesichts der Feindseligkeit zwischen Frankreich und England, die durch die siamesische Frage hervorgerufen sei. Mögen die Bourgeois sich befeinden, die Interessen der Arbeiterklasse zwingen sie in Frankreich und England zum gemeinsamen Kampf gegen die kapitalistische Ausbeutung. Deshalb wolle sie ihre Bruderliebe öffentlich bekunden und sende den französischen Arbeitern und ihren Wahlen die herzlichsten Glückwünsche. Schluss der Vormittagssitzung 12 Uhr.
V. Sitzung. Dienstag den 8. August, nachmittags 2 Uhr
Sanial beantragt eine Sympathieerklärung für die amerikanischen Arbeiter, die durch die gegenwärtige Krise, welche bald auch den Kontinent in ihre Kreise ziehen würde, zu Tausenden auf das Pflaster geworfen seien. — Der Kongress nimmt sie per Acclamation an.
Bebel gibt folgende Erklärung zu Protokoll:
Gegenüber den fortgesetzten Missdeutungen des Zusatzantrages Bebel und Genossen zum Punkt 1 des Reglements für die Zulassung zum Kongress erklären die unterzeichneten Antragsteller zu Protokoll:
Dieser Zusatzantrag, der die Feststellung des Begriffs „politische Aktion“ enthält, war für uns eine Notwendigkeit, nachdem Herr Landauer in der deutschen Delegation und im Kongress namens der Anarchisten und ihrer Freunde erklärt hatte, das Wort „politische Aktion“ sei nichtssagend, man könne darunter verstehen, was man wolle. Damit war für diesen und alle nächsten Kongresse dem Missbrauch und den endlosen Verzettelungen von Zeit Tür und Tor geöffnet.
Der Zusatzantrag besagt durchaus nicht, dass jeder, der zum Kongress kommt, sich verpflichtet, die politische Aktion unter allen Umständen in jedem Detail unserer Definition auszuüben. Er fordert nur die Anerkennung des Rechtes der Arbeiter, sämtliche politischen Rechte ihres Landes nach ihrem Ermessen für die Förderung der Interessen der arbeitenden Klassen auszunutzen und sich als selbständige politische Arbeiterpartei zu konstituiren.
Damit haben wir uns durchaus nicht auf den engherzigen Standpunkt gestellt, der uns untergeschoben worden ist. Wir haben nur ein gedeihliches Zusammenarbeiten mit Leuten für unmöglich erklärt, die selbst in höchst engherziger und sektirerischer Auffassung den Arbeitern und Sozialisten die Hände binden und sie auf bestimmte Mittel beschränken wollen, und die ihre Aufgabe darin sehen, denjenigen Sozialisten und Arbeitern, die sich anderer als der von ihnen gebilligten Mittel bedienen, zum Vorteil der Ausbeuterparteien in die Arme zu fallen.
Wir erklären ausserdem, dass gemäss dem durch den Zusatzantrag jetzt modifizirten Reglement keine wirkliche gewerkschaftliche Arbeiterorganisation von diesem und künftigen Kongressen ausgeschlossen oder in der Auswahl ihrer Delegirten beschränkt ist. Der Zusatz bezieht sich nur auf die nichtgewerkschaftlichen Vereine und Gruppen.
Bebel, Edward, Kautsky, Otto Lang, Adler.
Vandervelde erstattet Bericht über die Mandatsprüfung. Beanstandet sind zwei italienische, ein polnisches, ein ungarisches und elf deutsche Mandate. Die zwei italienischen Mandate sind von Anarchisten ausgestellt und daher abzulehnen; das polnische Mandat wird bestritten, weil es von einer Zeitung ausgestellt ist, deren Redaktion ganz unbekannt sei; das Bureau ist für Gültigerklärung sowohl dieses als des ungarischen Mandates. Bezüglich der beanstandeten deutschen Mandate ist das Bureau geteilter Meinung. Die Majorität beantragt Zurückweisung von Werner und Landauer und der übrigen „unabhängigen“ Delegirten der Schweiz, die sich nach ihrer Zurückweisung durch die Schweizer an die deutsche Delegation gewandt; ein Mandat muss für ungültig erklärt werden, weil sämtliche 15 Unterschriften von einer Hand herrühren.
Daszinski bittet, das beanstandete polnische Mandat zurückzuweisen. Die Zeitung sei nur in einer Nummer erschienen, über die Richtung sei also kein Urteil möglich; das Mandat sei ohne Unterschrift; niemand wisse, wer der Redakteur der Zeitung sei, die hier eine Delegirtin entsende.
Frl. Luxemburg erklärt diese Tatsache mit den eigentümlichen Verhältnissen in Russisch-Polen. Die Zeitung werde von einem sozialdemokratischen literarischen Vereine herausgegeben, müsse als Ausdruck des polnischen sozialistischen Proletariats betrachtet werden.
Nach längerer Diskussion beschliesst der Kongress mit Stimmenmehrheit Zurückweisung der Delegirtin. Das Bureau bezweifelt die Abstimmung; Polen beantragt Nationalitäten-Abstimmung. Sieben Nationen sind für Anerkennung, neun für Verwerfung des Mandates, drei enthalten sich.
Für die Gültigkeit der bestrittenen deutschen Mandate spricht Gilles (London); die englische Delegation erklärt aber, dass Gilles nicht in ihrem Auftrage spreche. Gilles erklärt unter grossem Widerspruche der Deutschen, die Wahlen seien ordnungsmässig erfolgt, die beanstandeten Delegirten vertreten die gleichen Ziele, seien keine Anarchisten, sondern nennen sich nur so mit einer gewissen Prahlerei, einzelne erheben sogar ausdrücklich Widerspruch. Der Kongress soll ein Exempel statuiren, ob er so tolerant sein will, Sozialisten abzuweisen, weil sie eine andere Taktik verfolgen.
De Leon (Amerika): Die Deutschen sind gewiss nicht immer unfehlbar gewesen, aber sie haben unstreitig grosse Verdienste um die Sache des internationalen Proletariats. Dass die Unabhängigen es ehrlich meinten, diesen Eindruck habe er nicht; aber wenn dies der Fall, so haben sie sich ausgedrückt wie Esel.
Im Interesse der Deutschen liege es, dass sie von solchen Elementen in ihrer propagandistischen Tätigkeit nicht gestört würden; die Deutschen könnten selbst am besten beurteilen, ob sie mit solchen Elementen zusammen arbeiten konnten, man solle demzufolge nach dem Antrage der Deutschen beschliessen.
Hobson beantragt den Schluss der Diskussion über diese Frage. Die Engländer sind dieser zwecklosen Debatten übersatt; jeder von ihnen wisse, wie er zu stimmen habe. Wir haben wichtige Fragen zu verhandeln und wir sind es unsern Mandanten schuldig, unsere Pflicht zu erfüllen; würde der Kongress nicht endlich in seine Tagesordnung eintreten, so wäre die englische Delegation leider gezwungen, den Kongress zu verlassen.
Marchand (Frankreich). Die englische Delegation habe wohl Recht mit ihren Ausführungen, aber es handle sich doch hier ebenfalls um eine hochwichtige Frage. Diejenigen Delegirten (auf die Deutschen gemünzt), welche sich gestern als Wahrer der Ordnung aufgespielt haben, haben sich heute gerade in erster Linie als Ordnungsstörer gezeigt. Es sei zwar viel für die Ausschliessung, wenig für die Zulassung gesprochen worden; er verlange nochmalige Verlesung der zu kassirenden Mandate, damit man wisse, was man eigentlich tue.
Schluss der Debatte wird angenommen und zur Abstimmung nach Nationalitäten geschritten. Es stimmen einstimmig für Ausschliessung der Delegirten Deutschlands mit beanstandetem Mandat: Deutschland, England, Australien, Belgien, Bulgarien, Dänemark, Spanien, Amerika, Ungarn, Italien, Polen, Rumänien, Russland, Serbien, Norwegen; Österreich ist dafür (zwei Stimmen dagegen), ebenso die Schweiz (acht Stimmen dagegen). Gegen die Ausschliessung stimmen Holland (eine Stimme für), Frankreich (zwei Stimmen für). — Das Resultat der Abstimmung wird von dem Kongress mit grossem Beifall begrüsst.
Bebel beantragt nunmehr den Ausfall der morgigen Sitzung, damit die für die einzelnen Punkte der Tagesordnung von den Nationen bestimmten Kommissionen zusammentreten, über ihre Stellungnahme sich beraten und die dem Kongress vorzulegenden Resolutionen ausarbeiten könnten. Erst wenn diese unerlässlichen Vorarbeiten getan, sei ein ordnungsmässiges Arbeiten möglich. Der Kongress stimmt dem widerspruchlos zu. Dann erfolgt der Schluss um 6 Uhr.
VI. Sitzung. Mittwoch den 9. August, nachmittags 3 Uhr
Den Vorsitz übernimmt der Engländer Hodge, Vertreter des Parlamentarischen Komites und Präsident des vorjährigen Gewerkschaftskongresses. Er habe an jenem Kongress nicht geglaubt, dass er sobald zur Ehre berufen sein werde, einen internationalen Kongress zu präsidiren. Er werde unparteiisch aber energisch präsidiren. Wir haben bisher noch wenig getan, unsere von unsern Mandanten übertragene Pflicht zu erfüllen; bisher habe es ihm den Eindruck gemacht, als bestände eine Verschwörung, uns daran zu hindern.
Zwei Anträge sind eingelaufen: die Redezeit auf 10 Minuten für Referenten, 5 Minuten für die Debattredner festzusetzen; jeder Redner soll nur einmal das Wort erhalten.
Der zweite Antrag fordert: für jeden Gegenstand der Tagesordnung soll die Verhandlungszeit auf anderthalb Stunden festgesetzt werden.
Die englische Delegation befürwortet diese Anträge mit dem Hinweise darauf, dass wir noch 10 Gegenstände zu verhandeln und dafür nur 18 Stunden zur Verfügung haben.
Beide Anträge werden angenommen.
Cipriani sendet einen Protest gegen die gestrige Beschlussfassung über den Ausschluss der Anarchisten. Der Protest lautet:
Zürich, den 9. August 1893.
An die Herren Delegirten des Marxisten-Kongresses von Zürich.
Meine Herren! Ich kam zu Ihrem Kongresse in der Hoffnung, dass Gerechtigkeit und Brüdersinn allen seinen Beratungen zu Grunde liegen würden; doch ich bin schmerzlich enttäuscht worden.
Vom ersten Tage an haben Sie eine beklagenswerte Unduldsamkeit entwickelt, die des Sozialismus unwürdig ist; eine Unduldsamkeit, die so weit ging, mir das Wort zu verweigern, das ich erbeten hatte, um die Delegirten zu verteidigen, die man ohne irgend einen Grund brutal aus dem Kongress-Saale hinaustrieb, und um zu protestiren gegen diese Ausweisung, welche die Ideen, die Sie zu bekennen vorgeben, entwürdigt.
Hinausgewiesen wurden diese Männer, weil sie Revolutionäre sind.
Wenn ein Kongress, der sich sozialistisch nennt, die Unduldsamkeit so weit treibt, die Ideen zu verfolgen, so hört er auf, sozialistisch zu sein und wird eben so reaktionär wie die Regierungen, die uns einkerkern und uns erdrosseln.
Ich sage Ihnen, meine Herren, dieses rote Banner, um das Sie sich sammeln, stammt vom Grabe der 35,000 französischen Proletarier, die von den Autokraten von Versailles hingeschlachtet sind, und die gestorben sind für die Freiheit aller, für das Heil aller und nicht einer kleinen Sekte.
Der Sozialismus unserer Toten schliesst niemanden aus; er heisst Einigung und nicht Trennung, Liebe und nicht Hass, Freiheit und nicht Unterdrückung.
Sie, meine Herren, haben in diesen drei Tagen alles dies mit Füssen getreten; Sie haben die Internationale getötet, und für dieses Verbrechen haben Sie zu antworten vor dem Richterstuhl der Menschheit, der Weltgeschichte.
Treu dem Principe der wahren Internationale, die nicht die Ihre ist, ziehe ich mich von diesem Kongresse, der nichts Sozialistisches an sich hat, zurück; ich gehe mit den Vertriebenen, mit den Opfern Ihrer Intoleranz und Ihrer Brutalität, um von neuem meinen Platz im Kampfe einzunehmen, und dieses Mal, um zu verhindern, dass Ihr freiheits- und brudermörderisches Werk an Ausbreitung gewinne und schliesslich die Arbeit unserer Märtyrer vernichte.
Amilcare Cipriani.
Der Kongress geht mit Stillschweigen darüber hinweg.
Die schweizerischen Genossen protestiren gegen das Benehmen des Delegirten Gilles, der versucht haben soll, in einer öffentlichen Versammlung die Genossin Zetkin lächerlich zu machen. Nach heftiger Diskussion, in welcher Gilles die Begründetheit dieser Anschuldigung bestritt, wird das Bureau mit der Untersuchung der Angelegenheit betraut. Der Kongress tritt in den ersten Punkt der Tagesordnung ein:
Massregeln zur internationalen Durchführung des Achtstundentages
Berichterstatter ist Fauquez, Kantonsrat, in Lausanne. Die Kommission habe mit Ausnahme Frankreichs den Antrag der vereinigten Schweizer Organisationen: Grütliverein, Gewerkschaftsbund, Sozialdemokratische Partei acceptirt, dazu ein Amendement der Engländer auf Einberufung einer internationalen Staatenkonferenz. Von den Polen war beantragt, die Bestimmungen ausser Wirkung zu setzen für die Arbeiter, die weniger als acht Stunden arbeiten; Holland beantragt Herabsetzung der Arbeitszeit auf 7 bezw. 6 Stunden; die Franzosen beantragen, der Kongress solle den Generalstreik in allen Ländern dekretiren, falls die Regierungen nicht innerhalb eines Jahres der Aufforderung betr. der internationalen Staatenkonferenz entsprochen hätten. Auch die Forderung des Minimallohnes und der Abschaffung der Accordarbeit wünschten die französischen Delegirten aufgenommen. Alle diese Anträge seien abgelehnt worden und bitte er, die Resolution in der von der Kommissionsmehrheit vorgeschlagenen Form anzunehmen.
Montagnard, als Vertreter der Minderheit der Kommission, beantragt Verwerfung, weil den gerechten Wünschen der Minorität nicht Rechnung getragen worden; namentlich sei es die Forderung des Minimallohnes, auf die sie das Hauptgewicht legten; einesteils verhindere derselbe die Lohndrückerei der verschiedenen Städte gegeneinander, der Arbeiter werde dann nicht gezwungen, des höhern Lohnes wegen von Stadt zu Stadt zu ziehen und damit seinen Kollegen die Preise zu drücken, auf der andern Seite ermögliche die Einführung des Minimallohnes zugleich die Durchsetzung einheitlicher Tarife.
Chausse beantragt Aufnahme der Forderung der Überzeitarbeit, Wahl der Fabrikinspektoren durch die Arbeiterorganisationen, statt der bisherigen Ernennung durch die Bourgeoisregierungen; auf die Staatenkonferenz gebe er gar nichts, die Forderungen der Resolution müssten einzig durch die Arbeiter selbst realisirt werden.
Leo Frankl beantragt, es möge auch die Forderung aufgenommen werden, dass die Gemeindevertretungen überall da, wo die Majorität die Möglichkeit zur Durchführung habe und seitens der Regierung keine gesetzlichen Hindernisse bestehen, verpflichtet seien, den Achtstundentag für alle von der Gemeinde beschäftigten Arbeiter einzuführen, wenn sie öffentliche Arbeiten in selbständiger Regie ausführen; wo Gemeindearbeiten an Unternehmer zur Ausführung vergeben werden, solle die Gemeindevertretung unter den Ausführungsbestimmungen die Verpflichtung der Unternehmer aufnehmen, allen bei solchen Aufträgen beschäftigten Arbeitern den Achtstundentag zu gewähren.
Seitens der französischen Genossen sei zu seinem grossen Bedauern vielfach ein gewisses Misstrauen gegen die geistigen Proletarier zu Tage getreten. Er meine, der Gedanke des Sozialismus sei so hoch und so erhaben, wie im vorigen Jahrhundert der Gedanke der bürgerlichen Freiheit. Und wie damals die Vertreter des Bürgertums Hand in Hand gegangen seien mit allen Feinden des Feudalismus, auch wenn sie aus den Reihen des Adels hervorgegangen, er verweise nur auf Marquis Mirabeau, dessen glänzende, bedeutende Rednergabe die wirksamste Waffe in diesem Geisteskampfe gewesen, so müssen auch wir heute mit allen jenen Hand in Hand gehen, die aus den Reihen der Bourgeoisie zu uns kommen, um mit uns zu kämpfen gegen den Kapitalismus. Und warum auch diese geistigen Proletarier zurückweisen, wo dieselben doch fast durchgängig in noch viel elenderer Lebenslage sich befinden als die Handarbeiter. Er selbst wisse das am besten; ihm könne man nicht den Vorwurf machen, dass er als geistiger Proletarier einseitig eigene Interessen vertrete; er sei selber Handarbeiter (Goldschmied) gewesen, und wenn er heute Geistesproletarier sei, so könne er offen sagen, dass seine soziale Situation besser gewesen als Handarbeiter, denn als Geistesproletarier.
Coda (italienischer Delegirter aus Lausanne): Gegenüber dem Antrage der Engländer, eine internationale Staatenkonferenz zu provoziren, möchte er den Kongress bitten, sein Augenmerk lieber auf die Frage des Minimallohnes zu lenken. Die Forderungen des Achtstundentages und des Minimallohnes müssten mit einander verbunden werden, sonst würde die Arbeiterbewegung um hundert Jahre zurückgeworfen werden. Die Kapitalisten würden den Achtstundentag wegen der Überproduktion gerne bewilligen, aber gleichzeitig die Löhne kürzen, wenn nicht ein gesetzlicher Minimallohn dies verhinderte. Wie die Beamten ein festes Gehaltsminimum besässen, müssten auch die Arbeiter diese Garantie haben. Die australischen Arbeiter hätten seiner Zeit den Achtstundentag nicht angenommen, wenn sie auf der andern Seite sich hätten Lohnreduktionen gefallen lassen müssen. Die Zahl der Arbeitslosen würde durch den Achtstundentag nicht abnehmen, sondern die industrielle Reservearmee immer mehr anschwellen.
Der Präsident macht die Mitteilung, dass noch zwei weitere französische Delegirte eingetroffen seien, die Zahl der französischen Delegirten belaufe sich also jetzt auf 40.
Grillenberger gibt angesichts der knappen Übersetzung der Fauquez’schen Darlegungen eine eingehendere Schilderung der Kommissionsverhandlungen. Man habe die Schweizer Resolution, die in ihrer sorgfältigen Ausarbeitung ein ganzes Referat ersetze, annehmen müssen, um eine Einigung zu erzielen. Sie sei aber auch eine sehr dankenswerte Arbeit. Der englische Zusatz betreffend Einberufung einer Staatenkonferenz sei acceptirt worden, obwohl die Deutschen nach den Erfahrungen der letzten Berliner Arbeiterschutzkonferenz nicht dazu ermutigen könnten, abermals eine solche zu fordern. Aber demgegenüber hätten die Engländer darauf hingewiesen, dass in England gerade infolge jener Konferenz ganz wichtige gesetzliche Regelungen, besonders bezüglich der Beschränkung der Kinderarbeit, stattgefunden hätten. Die Deutschen hätten lieber auf den letzten Absatz der bekannten Pariser Kongressresolution zurückgegriffen, wonach die Proletarier aller Länder aufgefordert werden, in dem Sinne der internationalen Vereinbarung auf die Regierungen einzuwirken. Die Holländer hätten beantragt, die Achtstunden-Forderung nicht zu einseitig, zu positiv zu betonen; es würden sich bald die Hoffnungen, die heute über deren Wirkungen vielfach vorhanden seien, als Illusion erweisen, und dann wäre es gut, wenn man sofort auf den siebenstündigen oder sechstündigen Arbeitstag zurückgreifen könnte. Die Österreicher hätten gleichzeitig auch die Art der Maifeier regeln wollen. Aber — (der Redner muss abbrechen, da die 5 Minuten verflossen).
Fauquez beklagt sich vor allem über die kurze Zeit, die für die Diskussion dieser wichtigen Frage gelassen worden sei: auch über die Verdächtigungen von seite der Franzosen müsse er sich beklagen, aber er würdige sie keiner Antwort. — Die Frage des Minimallohnes sei ohne Zweifel sehr wichtig, aber dies sei ein Gegenstand, der zu seiner Behandlung einen Kongress für sich allein beanspruche. Persönlich sei er für Aufnahme der Forderung des Minimallohnes, aber er sei doch der Ansicht, dass es noch nicht angebracht sei, jetzt schon auf den Minimallohn einzugehen, wo noch erst der Achtstundentag erkämpft werden müsse. Man solle sich deshalb lediglich auf die schweizerische Resolution beschränken.
Clynes (England) wendet sich gegen die Anträge der Minorität, weil die behandelte Frage zu viel Zeit beanspruchen würde. Erst muss die Achtstundenfrage geregelt werden; unter der englischen Arbeiterklasse gibt es viele, die von der ausschliesslichen Wichtigkeit der Lohnfrage so sehr durchdrungen sind, dass sie sich gegen den Parlamentarismus wenden, obgleich sie keine Anarchisten sind. Sie glauben auch nicht, dass die Frage der Arbeitszeit etwas mit dem Parlament zu tun habe; deshalb haben unsere Vertreter im Parlament die Regierungen aufzufordern, die Frage der Arbeitszeit international zu regeln. Die englischen Kapitalisten haben die Arbeiter immer auf die längere Arbeitszeit auf dem Kontinent verwiesen; demgegenüber müssen die Arbeiter auf den Weg der internationalen Regelung verwiesen, ihnen die Augen geöffnet werden, das Mittel des Parlamentarismus zur Regelung dieser Achtstundenfrage zu benutzen.
Es kommt zur Abstimmung; alle eingebrachten Amendements werden abgelehnt. Für die Forderung betreffend Minimallohn stimmten Amerika, Spanien, Frankreich, Italien, Rumänien, Norwegen; Holland enthielt sich; die andern dagegen. Die von der Kommission vorgeschlagene Resolution wurde per Acclamation in folgender Form angenommen:
Siehe Massregeln zur internationalen Durchführung des Achtstundentages.
Die italienische Delegation gibt zu Protokoll, sie habe nur deshalb einstimmig gegen die Schweizer Resolution gestimmt, weil sie in Verbindung gebracht worden sei mit dem englischen Antrage.
Da die Maifeier-Kommission und ebenso die betreffende der politischen Taktik der Sozialdemokratie ihre Resolutionen noch nicht vereinbart haben, gelangt zur Verhandlung Punkt IV der Tagesordnung:
Stellung der Sozialdemokratie im Kriegsfalle
Berichterstatter ist Plechanof.
Plechanof. Die Kommission hatte zwei Anträge zu erledigen: den der Holländer, der folgendermassen lautet:
Der Kongress beschliesst, die internationale Arbeiterpartei einzuladen, sich bereit zu halten, um unverzüglich auf eine Kriegserklärung durch die Regierung mit einer allgemeinen Arbeitseinstellung zu antworten, überall da, wo die Arbeiter einen Einfluss auf den Krieg ausüben können und in den fraglichen Ländern die Kriegserklärung zu beantworten mit einer militärischen Dienstverweigerung.
Dem stand folgender Antrag der Deutschen gegenüber:
Siehe Stellung der Sozialdemokratie im Kriegsfalle.
Im Laufe der Diskussion hat Bonnier (Frankreich) den Antrag gestellt, die ganze Frage durch den Beschluss des Brüsseler Kongresses für erledigt zu erachten; Smith (England) stellt ein Zusatzamendement, die Arbeiter sollten überall darauf hinwirken, ihre gegenseitigen Beziehungen fester zu knüpfen, die freundschaftlichen Verhältnisse zu steigern, um durch diese internationale Verbrüderung die Kriege einfach unmöglich zu machen.
Nach längerer Beratung sei beschlossen worden, an der deutschen Resolution festzuhalten; sie schliesse jeden chauvinistischen Gedanken aus und gewähre jeder Nation doch auch gleichzeitig die Möglichkeit, in dem Rahmen für die Beseitigung des Krieges zu arbeiten, der ihr durch ihre heimatlichen Verhältnisse gegeben ist. Man müsse eben daran festhalten, dass die Wurzeln des Krieges in der kapitalistischen Wirtschaftsweise begründet seien; wenn der Kapitalismus abgeschafft sein wird, dann fällt auch von selbst der Krieg. — Es war in der Kommission der Vorschlag gemacht worden, den Holländern eine gewisse Konzession insoweit zu machen, als ihnen im Falle eines Krieges das Recht einer Sonderstellung, entsprechend ihrem Antrage, eingeräumt werden solle. Es wurde jedoch auch dieser Antrag verworfen und schliesslich die deutsche Resolution mit allen gegen drei Stimmen unverändert angenommen. Die Gründe, welche zur Verwerfung der holländischen Resolution führten, sind folgende: Ein allgemeiner Streik ist nicht durchführbar auf dem Boden der heutigen Gesellschaft, denn das Proletariat besitzt eben die Mittel dazu nicht. Wären wir andererseits in der Lage, einen Generalstreik durchzuführen, dann wäre die ökonomische Macht bereits in den Händen des Proletariats und dann wäre der Generalstreik eine lächerliche Plattheit.
Was die Frage des Militärstreiks anbetrifft, so kann ein solcher Gedanke nur in einem Lande auftauchen, der nicht so in dem Militarismus aufgeht wie dies beispielsweise bei Frankreich und Deutschland der Fall ist. In diesen beiden Ländern ist ein Militärstreik ein Unding; er würde nur dazu führen, mit einem einzigen Schlage alle Manifestanten zu vernichten, aber auch in anderer Hinsicht würde der Militärstreik das Gegenteil von dem bewirken, was beabsichtigt worden war. Der Militärstreik würde gerade in erster Linie die Kulturvölker entwaffnen und würde Westeuropa den russischen Kosaken preisgeben. Der russische Despotismus würde unsere ganze Kultur hinwegschwemmen und anstatt der Freiheit des Proletariates, für welche der Militärstreik ein glänzendes Zeichen sein sollte, würde die russische Knute herrschen. So würde der anscheinend so revolutionäre Antrag Hollands in ein reaktionäres Gegenteil umschlagen. Der deutsche Antrag dagegen zeichnet allen Völkern scharf ihre Verhaltungsweise vor und ist gleichzeitig weit davon entfernt, den vagen Utopismus zu atmen, wie die holländische Resolution.
Wahrhaft revolutionär ist nur die deutsche Resolution. Die deutsche Resolution muss im Interesse der Freiheit, der Zivilisation und des revolutionären Proletariates angenommen werden. (Grosser, stürmischer Beifall.)
Der Präsident teilt eine Reihe von Begrüssungstelegrammen und ein Begrüssungsschreiben der Londoner Zimmerleute mit (siehe Beilage).
Schluss der Sitzung 6 Uhr nachmittags.
VII. Sitzung. Donnerstag den 10. August, vormittags 9 Uhr
Den Vorsitz übernimmt Schmidt (Österreich) mit einer kurzen Ansprache, worin er den Dank der österreichischen Delegation ausspricht und die Erklärung abgibt, dass die österreichischen Arbeiter mit aller Kraft für die Durchführung der hier gefassten Beschlüsse eintreten werden.
Das Bureau teilt in der Angelegenheit Gilles mit, die Untersuchung habe ergeben, dass der gegen Gilles erhobene Vorwurf auf einem Missverständnis beruhe. Er wird daraufhin zurückgenommen.
Auf der Tagesordnung steht:
Stellung der Sozialdemokratie im Kriegsfalle (Fortsetzung)
Nieuwenhuis wünscht als Korreferent eine Redezeit von 10 Minuten, die ihm bewilligt wird. Im Lauf der Rede wird die Redezeit noch einmal um 10 Minuten verlängert. — Nieuwenhuis führt sodann aus: Wie viel Staub hat unsere Resolution auf dem Kongresse in Brüssel aufgewirbelt! Wenn man überall diese Idee so propagirt hätte, wie bei uns in Holland, wir wären viel weiter. Was haben denn unsere Gegner in dem Streit gegen unsere Auffassung, den Krieg mit allen Mitteln zu führen, einzuwenden? Nichts, absolut nichts, und man wird auch ohne weiteres beistimmen, dass eine Idee erst in die Köpfe eindringen muss, ehe man daran denken kann, sie zu verwirklichen.
Das Merkwürdigste ist, dass die Idee, die ich 1891 verteidigte, schon im Jahre 1868 auf dem Kongress der Internationale in Brüssel nicht nur besprochen, sondern sogar einstimmig angenommen worden ist. Man hat mich einen Träumer, einen Schwärmer, einen Utopisten genannt — aber ich teile diesen Namen mit Longuet, der 1868 in Brüssel diesen Antrag stellte, mit Cäsar de Paepe, ja mit dem ganzen Kongress. Nach einem Protest gegen den Krieg lautete die damalige Resolution weiter:
Der Kongress empfiehlt den Arbeitern, im Falle eines Krieges jede Arbeit einzustellen; im Vertrauen auf die Solidarität aller Länder erwartet er, dass alle mittun werden in diesem Kriege gegen den Krieg.
Cäsar de Paepe schlug damals zwei Mittel vor:
Die Militärdienstverweigerung oder, was dasselbe ist, die allgemeine Arbeitseinstellung, denn die Armeen brauchen Proviant zur Existenz.
Die soziale Frage definitiv zu lösen, d.h. die soziale Revolution in Europa zu entfachen.
Ist es nun ein Fortschritt oder ein Rückschritt, dass man 1891 gegenüber 1868 zurückwich?
Wenn Sie beide Vorschläge, die heute hier zur Verhandlung stehen, ohne Voreingenommenheit lesen, so kann man keinen Augenblick schwanken, welchen man zu wählen hat. In ihrem Ziel sind die beiden natürlich identisch; beide wollen den Krieg unmöglich machen, beide sehen in dem Kapitalismus den grossen Feind. Aber unser Vorschlag gibt ein Mittel an die Hand, ihn zu besiegen, der zweite nicht.
Der zweite Vorschlag besagt: „Die Stellung der Arbeiter zum Kriege ist durch den Beschluss des Brüsseler Kongresses über den Militarismus scharf bezeichnet“. Ich muss deshalb die Brüsseler Resolution in Erinnerung bringen. Wenn Sie dieselbe unbefangen durchlesen, werden Sie selbst sagen, das ist eine gute Resolution für eine Friedensliga, aber nicht für eine sich ihrer Kraft bewusste Arbeiterpartei. Welches Mittel ist hier genau vorgezeichnet? Protestiren, energisch protestiren! Aber wer kümmert sich darum?
Was bedeutet denn überhaupt ein Protest? Es ist ein Wort, eine Phrase, und ich meinerseits halte es für die grösste Utopie, Gewehr- und Kanonenfeuer mit papierenen Protesten zu beantworten. Aber die Freunde der deutschen Resolution tun ja noch mehr: „Sie machen die Regierungen verantwortlich vor der Geschichte der Menschheit“. Ein homerisches Gelächter wird auf diese Auseinandersetzung der Verantwortlichkeit folgen... Die Mächte aber werden solche Erklärungen den Erklärungen der Friedensliga beifügen, welche damit bereits einen stattlichen Band füllen können.
Man nennt die deutsche Resolution in Übereinstimmung mit den Beschlüssen des Brüsseler Kongresses. Wenn das genau ist, so weiss ich nicht, was ungenau ist; denn sie ist so phrasenhaft, so unklar wie nur irgend möglich. „Die internationale, revolutionäre Sozialdemokratie hat in allen Ländern mit dem Aufgebot aller Kräfte den chauvinistischen Gelüsten der herrschenden Klasse entgegenzutreten“; — und gegen die chauvinistischen Gelüste der Sozialisten? Bestehen diese etwa nicht? Ich habe nicht vergessen, wie man in Deutschland den Krieg gegen den „Erbfeind“ Russland gepredigt hat, wie Bebel selbst alle Missetaten der Bourgeoisie mit einem Schwamm wegwischte, wenn es den Erbfeind betraf. — Muss man nicht lachen, wenn man Russland den Hort der Grausamkeit und Barbarei nennt, als ob Deutschland ein Hort der Bildung und Sanftmut wäre. Deutschland hat seine Despoten in duodecimo, genau so wie sie Russland hat, und man bildet sich da noch etwas auf die Freiheit in Deutschland ein! Aber was hat schon Heine in seinen Reisebildern gesagt: „Wir Deutschen haben nichts zu riskiren, etwas mehr oder weniger Knechtseligkeit, darauf kann es nicht ankommen. Man droht uns mit der Herrschaft der Knute, aber ich will gern etwas Knute aushalten, wenn ich sicher weiss, dass unsere Feinde sie mitbekommen. Ich wette aber, sie werden, wie sie es immer getan, der neuen Macht entgegenwandern und graziöse lächeln und zu den schandbarsten Diensten sich darbieten, und sich dafür, da doch einmal geknutet werden muss, das Privilegium einer Ehrenknute ausbedingen“. [Bebel: Das ist lange her!] — Vielleicht würde Heine aber heute auch noch so schreiben!
Dies Bangemachen mit Russland, dem auch Plechanoff Ausdruck gab, sei wie wenn man kleine Kinder mit dem Wauwau schrecke. Wenn Bebel die russische Nation (Widerspruch) als den Hort der Grausamkeit und Kulturfeindschaft hinstelle, so könne Frankreich ebenso gegen Deutschland diesen Vorwurf erheben, denn Frankreich sei eine Republik. Wo soll aber das Ende sein, wenn die Sozialisten gegen andere Nationen solche Vorwürfe erheben? — Als Plechanoff gesprochen, habe er einen Augenblick das Gefühl gehabt, als ob Bismarck zu unserm Kongresse spreche. Wenn in Deutschland Flugblätter verteilt werden, dass die Kosaken kommen, so müsse er fragen, ob denn diese Invasion am Ende so ein grosses Unglück wäre, Griechenland, Rom seien durch Invasionen der Barbaren zerstört worden, die Kultur sei aber nicht vernichtet worden, und unsere heutige Zivilisation sei erst am Anfange ihrer Entwicklung und verdanke sie nur der Aneignung dieser alten Kultur. Mit dieser seiner Reichstagsrede habe Bebel dem Militarismus die Hand gereicht und mit der Parole: „dem Militarismus keinen Mann und keinen Groschen“ gebrochen. [Bebel: Bis heute haben wir diesen Standpunkt unverbrüchlich festgehalten.] Man ist zum Standpunkt der Volkspartei herabgesunken. Ich sage das nicht aus Antipathie gegen Deutschland. [Bebel: Aus reiner Liebe.] Auch die sozialistischen Abgeordneten im französischen Parlamente haben dort nicht ein einziges Mal protestirt gegen den Militarismus.
Die eigentliche Kraft des Militarismus liege nicht in dem stehenden Heere, sondern in der Reserve. Der Reservemann sei ein Stück Bürgersoldat — und die Mobilisirung dieser Reserve zu verhindern, das sei unsere eigentliche Aufgabe. Nun habe man gesagt, die Verweigerung des Militärdienstes sei unmöglich, die Leute würden prozessirt, füsilirt. Man stelle sich die Sache vor: jedes Dorf hat 5—10 Reservisten, wenn diese sich weigern, wer solle sie verfolgen? Die Polizei? Die Bürger? Die Folge der Verweigerung ist allerdings der Bürgerkrieg, aber der Bürgerkrieg ist dem Kriege der Nationen vorzuziehen; der Bürgerkrieg wird wenigstens gegen den wahrhaften Feind, den Kapitalismus, geführt.
Wir haben hier gleichzeitig einen Kongress der Eisenbahnangestellten; diese haben es in der Hand, durch einfache Arbeitseinstellung jeden Krieg unmöglich zu machen, und wenn wir auch noch die Frauen gewinnen, dann ist es Zeit, mit der Phrase zu brechen, und praktische Arbeit zu verrichten. Und es sprechen viele Zeichen der Zeit für unsere Resolution. Die Meutereien der Armeen in England, Belgien, Italien. Die Revolution 1871 auf dem Montmartre, dieser Militärstreik, wo die Soldaten mit „Kolben hoch“ den Dienst verweigerten, war nur ein spontaner Streik — wie müsste erst der von uns vorgeschlagene organisirte Streik wirken. Nehmen Sie unsern Antrag einstimmig an, dann werden Sie sehen, wie die Fürsten auf ihren Tronen zittern und sich zweimal besinnen, ehe sie Kriege anfangen. (Vereinzelter Beifall.)
Es wird beschlossen, dass jede Nation zu dieser Debatte nur einen Redner stellen soll.
Mendelsohn (Polen): Nieuwenhuis hat den Deutschen Chauvinismus vorgeworfen; ein solcher Vorwurf kann nur bei offener Verkennung der politischen Lage Europas eingenommen werden. Holland ist in isolirter abgetrennter Lage, nur so lässt sich der holländische Internationalismus verstehen, der nicht in Einklang zu bringen ist mit dem sozialistischen, revolutionären Internationalismus. Nieuwenhuis hat Bebels Rede den Vorwurf des Chauvinismus gemacht. Und diese angeblich chauvinistische Rede hat unter der polnischen Bevölkerung geradezu als Ansporn des sozialistischen Gedankens gewirkt, und den alten revolutionären, historischen Sinn der Bevölkerung wieder erweckt. Das also ist der Eindruck des Bebel’schen Chauvinismus in einem Lande, das keine besondern Sympathien für das deutsche Reich hegt. Die Polen haben in der Kommission den Antrag auf Übergang zur Tagesordnung gestellt, weil der Brüsseler Beschluss deutlich, und wir endlich ein Ende machen müssen mit dem System, diese Dinge immer wieder an jeden Kongress zu bringen. Wir unterdrückten Polen hoffen und arbeiten auf die Wiederherstellung Polens; wir sind aber von keinen chauvinistischen Gedanken dabei geleitet, sondern erstreben diese Wiederherstellung, um im sozialistischen Sinn am Leben der Völker teilnehmen zu können.
Zalkai (Ungarn): Der holländische Antrag lässt sich nicht durchführen, deshalb sind wir dagegen. In Ungarn, wo man so viel mit der Freiheit „herumplantschert“, wird das Militär verwandt, streikende Arbeiter wie Bestien niederzuschiessen. Bei jeder Gelegenheit treten wir dem Militarismus gegenüber. Aber noch sind wir ohnmächtig, weil wir noch im Beginn unserer Organisation stehen. Nicht einmal aussprechen liesse sich bei uns der holländische Standpunkt. Ungarn ist ein Europa im kleinen. Acht Nationen (Ungarn, Kroaten, Rumänen u. s. w.) sind in ihm vereint. Die herrschenden Klassen spielen die Nationalitäten gegen einander aus und suchen sie zu verhetzen. Dem ungarischen Proletariat steckt noch der Chauvinismus im Herzen. Wir werden ihn überwinden auf dem Wege, den uns der deutsche Antrag zeigt, dem wir aus voller Überzeugung beistimmen. (Beifall.)
Liebknecht: Ich will das Thema nicht auf das persönliche Gebiet herabzerren, wie es begonnen worden; aber ich habe doch einen Vorwurf zurückzuweisen, der gegen die deutsche sozialdemokratische Partei erhoben worden ist. Die Rede Bebels im Reichstag soll chauvinistisch angekränkelt gewesen sein. Wollte ich den Vorwurf des Chauvinismus zurückgeben, so hätten wir mehr Grund, diesen Chauvinismus dem Genossen Nieuwenhuis zum Vorwurf zu machen. Die deutsche Sozialdemokratie ist dem Standpunkt treu geblieben, den sie von Anfang an eingenommen hat; und wer da sagt, sie sei auch nur um eines Haares Breite davon abgewichen, der spricht die Unwahrheit. Man hat die französischen Genossen gegen die deutsche Sozialdemokratie aufzuhetzen versucht; er wolle daran erinnern, dass die deutsche Sozialdemokratie seit 1871 immer gegen die Annexion von Elsass-Lothringen protestirt, sie als einen politischen Fehler, als ein politisches Verbrechen gebrandmarkt hat, und erst in neuester Zeit haben wir diese Anklage wiederholt. Und wir haben das getan, nicht unter dem Schutze der Indemnität, sondern wir haben diesen Protest erhoben gegen die ganze Militärmacht, gegen die ganze Nation, und die Folgen getragen. (Grosser Beifall.) Nieuwenhuis sagt, wir hätten auch den Standpunkt aufgegeben, dem Militarismus keinen Mann und keinen Groschen zu bewilligen. Auch das ist eine Unwahrheit. Seit ihrem Bestehen hat die deutsche Sozialdemokratie nicht einen Groschen bewilligt. Gegen jede Militärvorlage haben wir protestirt und gestimmt. Aber wir haben uns nicht mit blinden Protesten begnügt; wir haben auch im Volke mit allen unsern Kräften agitirt. Und wenn jüngst die Frage des Fortbestehens des Militarismus zur Wahlparole gemacht wurde, wenn jetzt die Mehrheit des deutschen Volkes sich gegen den Militarismus erklärt hat, so ist das nur der sozialdemokratischen Agitation zu danken. (Brausender Beifall.) Und nicht sicher und weit vom Schuss, im steten Kampf mit der Regierung und Polizei haben wir diesen Kampf seit Jahren geführt, und die Partei hat ihn bezahlt mit mehr als tausend Jahren Gefängnis. Wir deutsche Sozialisten haben nicht nötig, Phrasen zu machen, unser Handeln spricht für uns und wir halten es unter unserer Würde, uns weiter gegen solche Vorwürfe zu verteidigen. (Sehr lebhafter Beifall.)
Und nun zum sachlichen Teil. Ich will nicht wiederholen, was ich bereits gestern bei Übertragung der Plechanoff’schen Ausführungen dargelegt habe. Zwei Anträge liegen vor: der holländische und der unsrige. Nieuwenhuis sagt, der deutsche Antrag sei eine Phrase; die holländische Resolution, auch in ihrer verwässerten Form, ist weit mehr eine Phrase. Bereits der ungarische Delegirte hat erklärt, er würde für den Antrag der Holländer stimmen, wenn er ausführbar wäre. Er ist nicht bloss unausführbar, er ist ein blosser frommer Wunsch. Von der Ferne aus lässt sich solch ein Antrag leicht begreifen; Holland hat keinen Militarismus, anders ist die Sache in Deutschland mit seinem Militarismus. Wenn der Militärstreik und der wirtschaftliche Streik mehr wären als ein frommer Wunsch, wenn die sozialdemokratische Partei in Europa und in der ganzen Welt die Mächtigkeit besässe, diese Streiks durchzuführen, dann würden in Europa Zustände herrschen, die jeden Krieg unmöglich machen. Soweit sind wir noch nicht. Viel Schweiss ist schon geflossen, mancher ist gefallen, aber wir sind noch lange nicht am Ziel, die schwerste Aufgabe steht uns noch bevor. Wollten nun wir die Soldaten zur Desertion, zur Dienstverweigerung auffordern, so würden wir dem Moloch Militarismus neue Opfer liefern und ihm Gelegenheit geben, die sozialistische Bewegung mit eiserner Faust niederzuschlagen. Gewiss ist es unsere Aufgabe, den Moloch zu stürzen; wir müssen dahin arbeiten, dass sein eiserner Arm gelähmt wird durch den Geist des Sozialismus; das vermögen aber nicht kindische Verschwörungen in den Kasernen, das vermögen wir nur durch unermüdliche Propaganda im Volk. Wir müssen dahin arbeiten, dass die Massen von den sozialistischen Ideen durchdrungen werden, dass die Leute schon als Sozialisten in die Kasernen kommen. Das ist das einzige Mittel, zum Ziele zu kommen. Und wir sind auf dem besten Wege dazu. Wie sein Vater, der Kapitalismus, muss sich auch der Militarismus immer weiter ausdehnen, immer weitere Kreise heranziehen, immer mehr sozialistische Rekruten sich einverleiben und so auf dem Wege der Selbstvernichtung immer weiter schreiten, bis schliesslich der Militarismus keine Schutzwehr für den Kapitalismus mehr bildet. Diesen Kampf hat die Sozialdemokratie in Deutschland bisher für Deutschland geführt; sie wird ihn auch so weiter führen, bis der Militarismus niedergedrückt, getötet ist. (Rauschender Beifall.)
Die Holländer bringen ihren Antrag in folgender Abänderung ein:
In Erwägung, dass die nationalen Gegensätze keineswegs im Interesse des Proletariats, wohl aber in dem der Unterdrücker desselben liegen; in Erwägung, dass alle modernen Kriege ausschliesslich durch die kapitalistische Klasse in deren Interesse hervorgerufen, in deren Hand ein Mittel sind, um die Macht der revolutionären Bewegung zu brechen und die Bourgeoisherrschaft durch die Fortdauer der schimpflichsten Ausbeutung zu befestigen; in Erwägung, dass keine Regierung sich entschuldigen kann, provozirt worden zu sein, da der Krieg das Ergebnis des internationalen Willens des Kapitalismus ist, erklärt der internationale sozialistische Arbeiterkongress in Zürich, dass die sozialistischen Arbeiter der in Betracht kommenden Länder eine Kriegserklärung seitens der Regierungen mit der Dienstverweigerung der Militärpflichtigen der Reserve (Militärstreik), durch einen allgemeinen Streik, besonders in all den Industriezweigen, welche auf den Krieg Bezug haben, und durch einen Appell an die Frauen, ihre Männer und Söhne zurückzuhalten, beantworten sollen.
Dr. Adler (Wien): Im Namen der österreichischen Delegation habe ich zu erklären, dass wir für den Antrag der Deutschen stimmen werden. Wir sind Gegner des Militarismus ebenso gut, wie die Holländer, wir sind Revolutionäre ebenso wie die Holländer, und ebenso wie die Holländer haben wir den Wunsch, dass die herrschenden Klassen und die Regierungen wissen, dass hier eine Armee versammelt ist zur Befreiung der Welt von der Herrschaft des Kapitalismus. Aber wir überschätzen nicht unsere Kraft und wir unterschätzen nicht die Intelligenz unserer Gegner. Domela Nieuwenhuis meinte, die Regierungen würden zittern, wenn wir den Antrag der Holländer annähmen. Nicht zittern würden sie, sondern uns auslachen. (Lebhafter Beifall.) Wie Greulich am Fest des Eröffnungstages sagte: Unsere Sache ist unüberwindlich, so lange wir den festen Boden der Tatsachen nicht verlassen. Hebt uns auf in die Luft der Phantasie und wir sind verloren. Vernichten kann uns niemand, nur wir selber. Die Meinung der herrschenden Klassen von uns kommt erst in zweiter Linie in Betracht, in erster Linie steht uns, was die Proletarier von uns halten. Fassen wir hier Beschlüsse, von denen wir selber wissen, dass sie undurchführbar sind, so teilen sich unsere Anhänger in zwei Teile. Die Wissenden unter ihnen sagen: Das war ein leichtsinniger Beschluss, er ist in unsern Militärstaaten unausführbar. Auf die Massen, auf die Enthusiasten, halb noch Unklaren, die in Not und Elend leben, aber noch nicht genau wissen, wie es aus der Welt zu schaffen ist, würde unser Beschluss wie eine Verleitung, wie eine falsche Vorspiegelung wirken. (Lebhafte Zustimmung.) Wir zeigen ihnen einen Weg, der nicht gangbar ist. Wir würden — Domela Nieuwenhuis möge es mir verzeihen — ein Verbrechen verüben an der Masse der Proletarier, weil wir sie glauben machen wollen, der Weg, den die Resolution der Holländer weist, lasse sich mit Erfolg betreten. Wenn wir, ein sozialistischer Kongress, nur eine Gesellschaft von Leuten darstellen, die bloss fromme Wünsche aussprechen, dann wird man fernerhin weder in Europa, soweit es herrscht, noch in Europa, soweit es unterdrückt ist, irgend welchen Wert auf unsere Beratungen legen. (Lebhafter Beifall) Nicht Ratschläge wollen wir geben, die wir selber nicht befolgen würden. Es ist ja leicht, solche Vorschläge zu machen, wenn man in keinem Militärstaat lebt, wie die Holländer. Es würde mich auch nicht wundern, wenn die Schweizer für die holländische Resolution eintreten würden, aber das sind zu vernünftige Leute dazu. (Grosse Heiterkeit.) Domela Nieuwenhuis hat uns Chauvinismus vorgeworfen den Russen gegenüber. Nun, wenn wir Russland nicht den Weg öffnen wollen, der über die Leiber der polnischen Märtyrer führt, wenn wir ihm nicht das halbe sozialistische Europa ausliefern wollen, so weiss ein jeder, dass wir nicht das russische Volk unter Russland verstehen, das Volk, das dem internationalen Sozialismus manches zu danken hat, sondern den Zarismus. Und in jedem Lande — auch bei uns in Österreich — haben wir Zarismus genug. Wir wollen dem Zarismus die Wege nicht ebnen, und Holland wird mit seinem Standpunkt isolirt bleiben. Wenn wir, die wir im Mittelpunkt der europäischen Politik und auf dem Schlachtfeld, wo der Kampf zwischen Ausgebeuteten und Unterdrückern zur Entscheidung gelangen wird, stehen, wenn wir die russische Barbarei bekämpfen, so meinen wir damit den blutbefleckten Zarismus! (Lebhafter Beifall.) [D. Nieuwenhuis ruft: Er spricht wie Caprivi!] Dr. Adler: Es freut mich, wenn Caprivi so spricht! (Stürmische Heiterkeit.) Mögen Sie (zu den Holländern gewendet) uns als die schlechtern Revolutionäre ansehen; wenn es Zeit ist, wenn die Entscheidung kommt, wird es sich finden, wo die sind, die zu handeln wissen und stets zu handeln gewusst haben, und wo die sind, die zu reden wissen und zu reden gewusst haben. (Langer, lebhafter Beifall.)
Johannsen erklärt namens der Norweger kurz, dass sie für die holländische Resolution stimmen würden, die sie für ausführbar halten. Zwar würde sie Blutvergiessen bringen, aber geringeres als ein Krieg.
Schluss der Vormittagssitzung.
VIII. Sitzung. Donnerstag den 10. August, nachmittags 3 Uhr
Der Vorsitzende Schmidt teilt mit, dass auf Grund eines aus Paris eingelaufenen Telegrammes, das beanstandete Mandat der Polin Frl. Luxenburg betreffend, das Bureau sich noch einmal mit der Frage der Zulassung von Frl. Luxenburg beschäftigt habe, dass es aber auf die Erklärung der polnischen Delegation hin, dass sie das Mandat nicht anerkenne, Übergang zur Tagesordnung empfehle. Der Kongress ist, während die Franzosen lebhaft protestiren, in seiner Majorität für den Übergang zur Tagesordnung und setzt demgemäss die Debatte fort.
Stellung der Sozialdemokratie im Kriegsfalle (Fortsetzung)
De Leon (Amerikanische Sozialistische Arbeiterpartei): Für Amerika sei die vorliegende mehr eine Humanitätsfrage als eine praktische. Im allgemeinen sympathisiren die Amerikaner mit dem holländischen Antrag; aber man müsse ihn näher betrachten, und da stelle er sich ganz anders dar. Ein Militärstreik verliere seinen Charakter als Streik im ersten Augenblick, wo er in Kraft trete; dann bedeute er einfach die gewaltsame Revolution; wirtschaftliche Streiks aber seien allmälig überflüssig, weil die Arbeiter eingesehen, dass die Kapitalistenklasse mehr Vorteil davon zöge als die Arbeiter. Es komme hauptsächlich darauf an, wie weit die Idee des Sozialismus ins Volk gedrungen. Man könne daher die Frage nicht unbedingt beantworten, sondern müsse sich jeweilen fragen, ob es ratsam, diesen Schritt zum Anfang vom Ende zu machen. Die amerikanischen Arbeiter würden, weil sie auch künftig in ihrem Verhalten den politischen Verhältnissen Rechnung tragen würden, sich daher nicht binden lassen können durch Kongressbeschluss und folglich sich der Abstimmung enthalten.
Aveling (für die englische Delegation): Mit überwiegender Majorität habe die englische Delegation sich für den Antrag der Deutschen erklärt. Die englischen Arbeiter betrachten den Krieg jetzt und immer als ein Verbrechen, denn jetzt und immer müssten die Arbeiter die Lasten tragen und ihr Blut vergiessen. Niemals sei England in solcher Zahl und solcher Vertretung an einem internationalen Arbeiterkongress vertreten gewesen. Die 65 Delegirten vertreten grösstenteils rein sozialistische Organisationen; ein anderer Teil sei von unabhängigen Arbeiterparteien delegirt, die gegen Konservative und Liberale Front machten und auf einem sozialistischen Programm ständen. Ein dritter Teil repräsentire die Gewerkschaften, die zum ersten Mal mit Sozialisten Hand in Hand gingen und Miene machten, dem sozialistischen Programm sich anzuschliessen. Diese Tatsache berechtige zu den schönsten Hoffnungen, denn die alten Gewerkschaften seien es, die in ihrer Jugendzeit alle Lasten des Lohnkampfes getragen, und auch heute noch tragen. Vor kurzem habe es geschienen, als ob zwischen Deutschland und Frankreich ein Krieg ausbrechen sollte; da sei es notwendig, dass die deutschen Arbeiter erklären, sie wollten keinen Streit mit den französischen Arbeitern und umgekehrt müssten auch die französischen Arbeiter zurücksagen, dass sie die deutschen Arbeiter als ihre Brüder betrachteten. (Grosser Beifall.) Ebenso hätten die Engländer eine solche Erklärung abgegeben, als vor kurzem ein Krieg zwischen der englischen und französischen Bourgeoisie drohte. In der Tat, wir müssen einstimmig erklären, dass wir nur einen berechtigten Krieg kennen, nur einen anerkennen: den Klassenkampf. (Grosser Beifall.)
Mit dem Gedankengang des holländischen Antrags sind die Engländer einverstanden, sind wir alle hier einverstanden. Aber es handelt sich um die Form der Ausführung. Wenn wir stark genug sind, den Militärstreik durchzuführen, dann tun wir ganz was anderes, dann handelt es sich für uns darum, den Kapitalismus zum Himmel oder zur Hölle zu befördern. (Stürmischer Beifall.) Heute aber handelt es sich nicht um internationalen Streik, sondern um Einheit und Klarheit über diese Frage zu schaffen, und zu zeigen, dass alle Herzen in diesem einen Gefühle zusammenschlagen, unsere Stimmung mächtig zu erheben gegen den Krieg, für den Frieden.
Héritier (Genf): Ich bezweifle energisch, dass sich in Bezug auf die Kriegsfrage strenge Regeln für das gemeinsame Handeln aller Völker niederlegen lassen. Auch ich finde Gefallen an dem Geiste der holländischen Resolution, aber ebenso sehr erkenne ich die Undurchführbarkeit derselben. Es ist etwas anderes, Resolutionen zu machen, und etwas anderes, sie in Taten umzusetzen. Wenn je eine Gelegenheit gewesen wäre, die Durchführbarkeit des militärischen Streiks darzutun, so wäre dies im heurigen Frühjahre gewesen, als holländischen Soldaten befohlen wurde, auf das wehrlose Volk zu schiessen; wenn die Holländer aber damals in ihrem eigenen Lande dies nicht durchführen konnten, wie können sie dann eine solche Massnahme der ganzen Welt empfehlen. Unsere Aufgabe ist es, das Proletariat zum Sozialismus zu erziehen, es für alle Eventualitäten stark zu machen, dann haben wir eine gewaltige Macht hinter uns, welche jeden Krieg von vornherein ausschliesst, diesen Geist atmet die deutsche Resolution, deshalb stimmen wir für diese.
Volders (Belgien): Der deutsche Antrag gehe nicht weit genug, weshalb die Belgier ihn durch eine Resolution ergänzen. Die Deutschen gingen von dem Standpunkt aus, wenn man Propaganda für den Sozialismus mache, mache man die beste Propaganda gegen den Krieg, und sei eine spezielle Propaganda gegen den Krieg überflüssig; aber solange es einmal Kriege gebe, komme der Sozialismus nicht zur Herrschaft. Daher müsse der Krieg einen speziellen Angriffspunkt bilden. Belgien stehe zwar weniger in Gefahr, in den Krieg hineingezogen zu werden, grösser sei die Gefahr der Annexion; deshalb hätten auch sie allen Grund, präzise Stellung zu nehmen. Darum suchten sie auch unter dem Militär zu agitiren, die sozialistische Propaganda in die Kasernen hineinzutragen; sie halten ihre Versammlungen in der Nähe der Kasernen, um den Soldaten die Wahrheit sagen zu können; sie schrieben gegen den Krieg in der Presse und erlitten deshalb Strafen, die sie gerne ertragen. Sie beantragen deshalb folgenden Zusatzantrag:
Die Vertreter der Arbeiterklasse in allen gesetzgebenden Versammlungen sind verpflichtet, die Militärkredite abzulehnen, gegen den Militarismus zu protestiren und für Entwaffnung einzutreten.
Dejeante von den französischen Allemanisten spricht sich gegen die deutsche Resolution aus. Er hatte gehofft, dass nur Arbeiter und nicht eine Majorität von Berufspolitikern auf dem Kongress vertreten sein würden, die Stimmung des Kongresses würde dann wohl eine wesentlich andere sein. Er sei nicht der Meinung, dass man aus Furcht vor der Übermacht des Militarismus auf den Militärstreik oder auf den Generalstreik verzichten dürfe. Auch am 1. Mai werde die Militärmacht gegen das Proletariat aufgeboten, und dennoch lasse sich dasselbe doch nicht abhalten von einer internationalen Manifestation für den Weltfrieden. Das Vorgehen der Belgier habe übrigens bewiesen, dass der Generalstreik keine Utopie, sondern sehr wohl durchführbar sei. Man soll sich nicht um die Verhandlung in den einzelnen Ländern, sondern nur um das gemeinsame Ziel kümmern, deshalb gehe man allerorten daran, Organisationen gegen den Militarismus zu schaffen, gleichzeitig gehe man sofort daran, den Generalstreik zu organisiren. Die Majorität der französischen Delegation werde von diesem Gesichtspunkte aus für die holländische Resolution stimmen.
Turati (Italien): Er wolle die bereits erfolgten Erörterungen nicht fortführen, sondern sich mit der Erklärung begnügen, dass seine Landsleute für die deutsche Resolution stimmten. Die holländische Resolution sei gewiss edel gedacht, aber ihre Durchführung heute unmöglich, wir müssten sie verschieben bis zum Tag, wo wir die Macht hätten, und dann wäre sie unnötig. Wir scheuen uns auch vor der Verantwortung eines solchen Beschlusses; wenn wir nicht bloss Maulhelden, sondern Männer der Tat sein wollen, so müssen wir die Beschlüsse ausführen, und bei dem Heldensinn und Opfermut unserer Genossen wissen wir, dass sie sich dann in den Tod stürzen würden, ohne etwas auszurichten. Der allgemeine Streik würde zur allgemeinen Füsilade. Er wolle auch noch beifügen, dass der von den Bourgeois und Regierungen künstlich genährte Franzosenhass bei den italienischen Sozialisten keinen Boden findet; im Herzen der italienischen Sozialisten sei der Chauvinismus tot, die Propaganda der italienischen Sozialisten immer antichauvinistisch und antimilitaristisch gewesen. Und die Einigkeit der Arbeiter aller Länder beherrsche heute alle Herzen, sei Tatsache geworden. (Grosser Beifall.)
Rakowsky im Namen der bulgarischen Delegation erklärt, dass die Bulgaren gegen den Despotismus im eigenen Lande ebenso energisch Front machen, wie gegen den Despotismus der Regierungen und des Kapitalismus in Deutschland und Frankreich; der Krieg unterstützt diesen Despotismus, von diesem russischen Despotismus aber ist Bulgarien mehr bedroht als irgend ein anderes Land, deshalb ist die bulgarische Delegation für den Weltfrieden. Wir verwerfen den Militärstreik, weil er unmöglich ist und weil er der Reaktion eine neue Waffe gegen uns gewähren würde; er würde, wenn er misslänge, den Sozialismus für lange Zeit hinaus zu Boden schmettern. Aber wir sind auch gegen den Generalstreik der Arbeiter, weil er eine Illusion ist und wie jede Illusion zum Unheil der Arbeiter ausfallen würde.
Sceusa (Australien): Ich komme aus einem Lande, wo es weder eine Militärmacht noch eine Diplomatie gibt. Deshalb kann ich es nicht verstehen, wie sich Brüder noch dazu kommandiren lassen können, sich gegenseitig zu zerfleischen; würde ich zu einem solchen Morde kommandirt werden, so würde ich der erste sein, der meinen Kommandanten niederschösse; aus diesem Grunde stimme ich für den holländischen Antrag.
Nieuwenhuis: Auch in Holland ist der Kampf gegen den Militarismus mit Gefahren verbunden, wie der Prozess beweist, der gegen mich wegen Aufreizung zum Umsturz auf Grund meiner Brüsseler Resolution eingeleitet wurde. Der sozialdemokratische Militärbund Hollands wünscht telegraphisch die Annahme der holländischen Resolution.
Plechanoff ergreift das Schlusswort und führt aus: Es ist falsch, von einer deutschen Resolution zu sprechen; diese Resolution ist nichts anderes als die vor zwei Jahren in Brüssel von der Majorität des Kongresses angenommene deutsch-französische Resolution, deren Verfasser Vaillant ist, der tapfere Vertreter der revolutionären Sozialdemokratie, dessen Namen in der internationalen Sozialdemokratie einen guten Klang hat. Aber um ein falsches Vorurteil zu erwecken, spreche man immer von einem deutschen Antrag. Plechanoff gab dann ein längeres Resumé aus diesen Ausführungen Vaillants, der darauf hingewiesen, dass der Dreibund nicht schmachvoller sei als der Zweibund zwischen Russland und dem Frankreich, das vor 100 Jahren die Menschenrechte proklamirt hat und heute vor dem russischen Zar auf den Knieen rutscht. Das war eine freie Rede, frei von jedem Chauvinismus, und in diesem Geiste müssen auch wir den vorliegenden Antrag behandeln. Von diesem Gesichtspunkte geht auch eine Erklärung eines Teiles der französischen Delegation aus. Diese lautet:
Wir glauben nicht für die Resolution Domela Nieuwenhuis stimmen zu können, da sie nach unserer Meinung zu einer unnützen Metzelei führen würde; ganz abgesehen davon, dass nicht einmal angedeutet ist, wie der Militärstreik in Angriff genommen werden sollte. Überdies sind wir der Meinung, dass selbst diejenigen, welche für die Proposition Nieuwenhuis stimmen, trotzdem den deutschen Antrag nicht zurückweisen können, welcher erklärt, dass das einzige Mittel, den Krieg zum Verschwinden zu bringen, die Beendigung des Klassenkampfes durch Vernichtung des Kapitalismus ist. Die Resolution Nieuwenhuis ist für uns eine gefährliche Illusion. Jeder Sozialist kann und muss für den deutschen Antrag stimmen, wie er auch immer über die Vorschläge Domela Nieuwenhuis denken mag.
Jaclard (Syndikat der soz. Presse), Bonnier (Arbeiterpartei), Dezay (revolutionäres Zentralkomite), Weber (unabhängige Sozialisten).
Nieuwenhuis hat mir den Anschein erweckt, als habe er den Antrag auf Einführung des Volapük für sich bereits in die Tat umgesetzt, denn so wenig Logik und Sinn hat seine Rede verraten. (Zwischenrufe bei den Holländern.) Er war es, der den Deutschen Chauvinismus vorgeworfen hat, aber seine ganzen Ausführungen hatten nur bezweckt, die Eifersucht der Franzosen gegen Deutschland zu erwecken. Ja, mein Herr, man darf nicht die geringsten chauvinistischen Gefühle haben, und Schmach denen, welche hierher mit solchen Gefühlen gekommen sind, Schmach denen (lebhafte und langandauernde Unterbrechungen von seite der Franzosen), welche in ihrem Herzen nationale Eifersucht und nationalen Hass verbergen; — und ich, ich soll diese zehnfach verdammenswerten Gefühle hegen? Man hat sie den Deutschen vorgeworfen und man hat sich hier auf eine Rede Bebels berufen, der angeblich Nationalhass gegen Russland gepredigt haben soll. Diesem aber entgegne ich, wenn Bebel in Wahrheit das gesagt haben soll, was man ihm vorwirft, ja er ist ein Chauvinist, und ich, der Russe, der seine Ansicht teilt, ich bin dann ein Verräter an meinem Vaterlande! Aber liegt denn die Sache wirklich so, wie man angibt? Was hat denn Bebel gesagt? Welchen Nationalhass hat er denn gepredigt? Nun wohl Bürger, er hat gegen das offizielle Russland gesprochen, er hat den Zaren denunzirt, er hat ihn an den Schandpfahl der Geschichte gestellt. Ja, in Bezug auf diesen sind wir in voller Übereinstimmung mit unserm Freund Bebel. Es ist hohe Zeit, mit dem russischen Zarismus ein Ende zu machen, der Schmach der ganzen zivilisirten Welt, der beständigen Gefahr des europäischen Friedens und kulturellen Fortschrittes. Und je mehr unsere deutschen Freunde den Zarismus angreifen, desto mehr Dank wissen wir ihnen. Bravo meine Freunde, schlagt ihn auf das Haupt, zieht ihn auf die Anklagebank, so oft Ihr nur irgend könnt, greift ihn mit allen Mitteln an, die Euch zu Gebote stehen. Was das russische Volk anbetrifft, so weiss dasselbe, dass unsere deutschen Freunde seine Freiheit wollen.
Niemand hat durch Annahme unserer Resolution gegen das russische Volk gesprochen, vielmehr nur gegen den Zarismus. Ginge aber die holländische Resolution durch, so würde nur der Zar unterstützt werden, der Mann, der die Freiheit unterdrückt, das Volk ausgehungert hat, der Mann, der fallen muss mit seinem ganzen System, wenn das russische Volk, wenn die Freiheit siegen will. Wenn die deutsche Armee über unsere Grenzen einziehen würde, so kämen sie als Befreier, wie die Franzosen des Nationalkonventes vor 100 Jahren nach Deutschland kamen, um als Sieger über die Fürsten dem Volke die Freiheit zu bringen.
Man spricht davon, dass die russische Gefahr durchaus nicht so drohend ist. Aber haben Sie denn vergessen, dass der russische Zar sich mit Ihrer (zu den Franzosen gewandt) Bourgeoisie alliirt hat, dass er der Mörder Polens ist! Wie kann Frankreich seine alte revolutionäre Vergangenheit so sehr vergessen, dass es sich durch Annahme der holländischen Resolution zum Helfershelfer des Zarismus machen will? (Lärm bei den Franzosen.)
Die holländische Resolution ist nur eine Phrase, deren Durchführung im besten Falle, wie die französische Minorität anführt, zu einer Metzelei führen würde, und zwar zu einer Niedermetzelung der Besten des Proletariates, ohne dem Despotismus den geringsten Schaden zuzufügen. Eine russische Gefahr besteht angeblich nicht, aber fragen Sie nur einmal die Delegirten Ungarns, Bulgariens, Serbiens, welche Gefahr ihnen von seiten des russischen Zarismus droht.
Nieuwenhuis wies darauf hin, dass die deutsche Bourgeoisie einen intensiven Hass gegen Frankreich nähre, der über kurz oder lang zu einer Invasion der deutschen Armeen nach Frankreich führen müsse. Sei denn die deutsche Invasion weniger gefährlich als die russische Invasion?
Das aber ist doch eine völlige Verkennung des Tatsachenverhaltes. Wir haben in Frankreich und Deutschland ein organisirtes Proletariat, und die Völker haben deshalb dafür zu sorgen, dass eine solche Invasion zur Unmöglichkeit würde. Aber um dies zu erreichen, muss jeder Chauvinismus in Frankreich und in Deutschland ausgemerzt werden, und damit dies geschehe, nehmen Sie die vorgeschlagene Resolution mit überwältigender Majorität an als Demonstration des Friedens, als Demonstration des gewaltigen und einmütig geschlossenen Proletariates.
Durch fortwährende Unterbrechungen und andauernden Lärm seitens der Franzosen, einiger Holländer und anderer Delegirter wurde Plechanoff, der seine Redezeit überschritten hatte, gezwungen, seine Rede abzubrechen. Nach der deutschen und englischen Übersetzung erntete er sehr lebhaften Beifall.
Bei der Abstimmung nach Nationen über die holländische Resolution stimmen für dieselbe Australien, Holland, Frankreich, Norwegen, die übrigen 14 Nationen dagegen. Bei der darauf folgenden Abstimmung über das Amendement der Belgier, „dass die Vertreter der Arbeiter im Parlament verpflichtet sein sollen, gegen jedes Kriegsbudget zu stimmen und für allgemeine Entwaffnung einzutreten“, wird dasselbe mit grosser Majorität angenommen. Bei der Abstimmung über die deutsche Resolution einschliesslich des belgischen Amendements enthalten sich Australien, Amerika, Holland, Frankreich und Norwegen der Abstimmung. Die übrigen 14 Nationen stimmen für die deutsche Resolution.
Schluss der Sitzung gegen 6½ Uhr.
IX. Sitzung. Freitag den 11. August, vormittags 9 Uhr
Volders (Brüssel) übernimmt den Vorsitz, bittet, bei den vorstehenden Diskussionen sich möglichst kurz zu fassen; für die grosse Zahl der Verhandlungsgegenstände stehen nur zwei Tage zur Verfügung.
Nieuwenhuis protestirt namens der holländischen Fraktion dagegen, dass Plechanoff sein Schlussreferat dazu benutzt habe, Unwahrheiten zu sagen. Die Brüsseler Resolution sei keine französisch-deutsche, denn die Franzosen hätten in Brüssel für seine Resolution gestimmt.
Liebknecht gibt an Stelle des abwesenden Plechanoff die Erklärung ab, er halte es des Kongresses unwürdig, auf persönliche Streitigkeiten einzugehen. Die Resolution sei eine französisch-deutsche, denn der Franzose Vaillant und der Deutsche Liebknecht haben sie eingebracht und die Majorität des Kongresses acceptirt.
Er habe noch eine Mitteilung zu machen. Am Kongress seien 20 Nationen vertreten; bisher hätten nur 19 gestimmt, eine, Brasilien, hat sich enthalten. Dieses Mandat sei ihm von dem Sozialdemokratischen Arbeiterbund Brasiliens übertragen worden; um aber eine Häufung der Mandate zu verhindern, habe er dasselbe bisher nicht ausgeübt. Es wäre aber ein Unrecht gegen Brasilien, wenn er dieses Mandat nicht wenigstens von jetzt ab ausübte.
Es folgt als weiteres Traktandum:
Die Maifeier
Namens der Kommission referirt hierüber Dr. Adler (Wien): Die Kommission hat folgende Resolution vereinbart:
- Der Kongress erneuert den Beschluss des Brüsseler Kongresses, welcher lautet:
„Um dem 1. Mai seinen bestimmten ökonomischen Charakter: der Forderung des Achtstundentages und der Bekundung des Klassenkampfes zu wahren,
beschliesst der Kongress:
Der 1. Mai ist ein gemeinsamer Festtag der Arbeiter aller Länder, an dem die Arbeiter die Gemeinsamkeit ihrer Forderungen und ihre Solidarität bekunden sollen.
„Dieser Festtag soll ein Ruhetag sein, soweit dies durch die Zustände in den einzelnen Ländern nicht unmöglich gemacht wird.“
- Der Kongress beschliesst folgenden Zusatz:
Die Sozialdemokratie jedes Landes hat die Pflicht, die Durchführung der Arbeitsruhe am 1. Mai anzustreben und jeden Versuch zu unterstützen, der an einzelnen Orten und von einzelnen Organisationen in dieser Richtung gemacht wird.
- Der Kongress beschliesst ferner:
Die Kundgebung des 1. Mai für den Achtstundentag soll zugleich eine Kundgebung des festen Willens der Arbeiterklasse sein, durch die soziale Revolution die Klassenunterschiede zu beseitigen und so den einzigen Weg zu betreten, der zum Frieden innerhalb jedes Volkes wie zum internationalen Frieden führt.
Zur Begründung dieses Antrages führt Dr. Adler an: Um zwei Dinge handelt es sich: der Kommission haben eine Anzahl Anträge vorgelegen, den 1. Mai nicht nur zu einer Manifestation für den Achtstundentag, sondern auch zu einer internationalen Friedensdemonstration zu gestalten. Zweitens haben wir Österreicher einen Antrag eingebracht, der sich nicht auf den Inhalt, sondern auf die Form der Maifeier bezieht.
In der Frage der Friedensdemonstration sind der Kommission eine Reihe von Anträgen aus Frankreich zugegangen, die sich für diesen Gedanken aussprechen. Ebenso viel französische Parteigruppen wie für, haben sich aber auch gegen diesen Gedanken erklärt. Die Österreicher, Belgier, Italiener u.s. w. waren in der Kommission der Ansicht, dass eine besondere Friedensdemonstration überflüssig sei, und zwar weil der 1. Mai an und für sich die mächtigste Friedensdemonstration wäre. Belgien erklärte, eine internationale Friedensdemonstration sei deshalb gefährlich, weil es eine sehr bequeme und billige Sache sei, der sich auch die Bourgeoisie, soweit sie nicht Geschäfte mache, die im höchsten Masse harmlosen Friedenskongressler, anschliessen würden. Die bürgerlichen Friedensvereinler nehmen auf ihren Kongressen Resolutionen gegen den Krieg an und bewilligen dann, soweit sie Parlamentarier sind, das Militärbudget ihrer Regierungen. Mit diesen Leuten wollen wir nichts zu tun haben, diese Leute wollen wir nicht bei uns haben. (Lebhafte Zustimmung.) Aber die Engländer sprachen diesmal den besondern Wunsch aus, dass die Friedensdemonstration mit dem 1. Mai vereinigt würde. Die Trades-Unions sind entschlossen, diesmal die Arbeitsruhe am 1. Mai eintreten zu lassen (Beifall) und sie meinen, dass ihnen die Durchführung viel leichter werden würde, wenn der internationale Frieden mit zum Gegenstand der Maidemonstration gemacht würde. Deshalb haben die Deutschen einen entsprechenden Antrag gestellt, dem sich die Österreicher und andere Nationen angeschlossen haben. Die Friedensdemonstration am 1. Mai soll danach so veranstaltet werden, dass die Proletarier, indem sie mit allen Mitteln für die proletarische Revolution damit gleichzeitig für den Frieden demonstriren, also in einer Form, die uns die „Friedensengel“ der sektirerischen Bourgeoisie vom Leibe hält. Die zweite Frage hat mehr zu Meinungsverschiedenheiten Anlass gegeben. Wir Österreicher beantragen, dass der Brüsseler Beschluss in Bezug auf die Arbeitsruhe am 1. Mai nicht nur erneuert, sondern in der Form verschärft werde. Es scheint uns, als nähmen es verschiedene Länder zu leicht mit dem, was möglich und was nicht möglich ist am 1. Mai. Der agitatorische Charakter des 1. Mai als einer wirklich proletarischen und revolutionären Demonstration kann allein erhalten werden durch die Arbeitsruhe. (Beifall) Das sprach der Brüsseler Beschluss aus. Die Engländer, die gegen ihn gestimmt hatten, erklärten, sich fügen zu wollen. Trotzdem verlegten sie nicht einmal die Feier auf den 1. Mai, sondern wieder auf den ersten Sonntag im Mai. Deutschland zählte von vornherein zu den Ländern, wo die Arbeitsruhe unmöglich ist. In Frankreich war zwar in Paris die Arbeitsruhe gering, in der Provinz aber wurde der 1. Mai ausgiebig und würdig gefeiert. Die Sache liegt jetzt so: Machen wir nicht einen Schritt vorwärts, so wird die Maifeier einschlafen. (Zustimmung.) In ihr aber sehen wir Österreicher den mächtigsten Hebel der Agitation, das beste Mittel zur Aufwühlung des Proletariats. Sie ist eine proletarische, eine Klassenfeier, nicht bloss eine sozialdemokratische Feier. Darum sind wir der Ansicht, dass man es jenen Ländern, die andere Methoden der Demonstration besitzen, nicht zu leicht machen dürfe mit dem 1. Mai. Wir Österreicher sind durch das Verhalten der Ausländer, besonders der Deutschen, schwer geschädigt worden in unserer Agitation. (Zustimmung.) Wir grollen den Deutschen nicht, wir begreifen ihr Verhalten, aber wir entschuldigen sie nicht. Auch in Deutschland wurden einige Stimmen für die Arbeitsruhe laut, ja ganze Orte waren dazu bereit, aber sie wurden durch den Beschluss des deutschen Parteitages daran gehindert. Um so mehr hat es mich gefreut, dass von deutscher Seite der Antrag auf Arbeitsruhe in der Kommission gestellt wurde, den wir hier bringen, und dem sich die Schweiz, Italien und England angeschlossen haben. Von nun an wird ja auch England am 1. Mai Arbeitsruhe haben. Da ist es sehr möglich, dass dort bald eine grössere Maifeier zu stande kommt, als in Deutschland. Wird unser Antrag angenommen, so steht der Brüsseler Beschluss aufrecht: Arbeitsruhe dort, wo es nicht unmöglich ist. Aber jeder Partei wird es ausserdem als Pflicht auferlegt, dort, wo die Arbeitsruhe heute noch nicht möglich ist, es möglich zu machen. Die Deutschen sollen sich ihrer Pflicht bewusst werden, dass es nicht mit der blossen Erklärung: Es geht nicht — abgemacht sein darf. Man kann zudem wirklich nicht für ein ganzes grosses Reich erklären, die Arbeitsruhe ist möglich, oder sie ist ausgeschlossen. Wie in Österreich ist in Deutschland die Arbeitsruhe in manchen Orten möglich, in andern nicht. In Deutschland war man aber viel strenger darin, den Beschluss, keine Arbeitsruhe eintreten zu lassen, aufrecht zu erhalten, als man streng darauf geachtet hätte, die Feier am 1. Mai und nicht an irgend einem Sonntag im Monat zu veranstalten. (Zustimmung.) Künftig hat die Partei in allen Ländern, wo die Arbeitsruhe bisher unmöglich war, sie möglich zu machen, sie hat die Organisationen, die feiern wollen, zu ermutigen, nicht zu entmutigen! (Bravo!) Wir Österreicher sind keine Träumer, ja manchen hier im Saal vielleicht zu nüchtern. Wenn wir die Maifeier als vorzügliches Agitationsmittel erkannt haben, so entspringt das nicht der Phantasie, sondern der Realität. Der Kopf ist gewiss eine wichtige Sache, aber das Gefühl der internationalen Solidarität, das die Maifeier im letzten Proletarier weckt, dem wir mit unsern Argumenten gar nicht beikommen, dies Gefühlsmoment ist auch eine Realität. (Bravo!) Wir wären ebenso schlechte Politiker, wenn wir den Kopf, als wenn wir das Herz vernachlässigen wollten. (Lebhafter Beifall.)
Volders gibt namens der Belgier und Holländer die Erklärung ab, dass diese, ohne sich an der Diskussion zu beteiligen, für die Resolution stimmen werden.
Maxwell (unabhängige Arbeiterpartei Englands) spricht für die Majorität der Engländer seine Sympathie mit der Resolution aus. In England habe man bisher aus Rücksichten für die grossen Gewerkschaften die Feier am Sonntag begangen. Der Erfolg sei auch nicht ausgeblieben, doch sei es Zeit, davon abzugehen und am 1. Mai zu demonstriren. Das erste und zweite Mal werde die Demonstration vielleicht schwächer ausfallen, allmälig aber werde sie zu einer mächtigen Demonstration. Bereits hätten infolge der Achtstundendemonstration die Parlamente sich mit der Frage beschäftigt. Nun solle man auch noch die internationale Friedensdemonstration einbeziehen, damit auch diese Frage in Fluss komme.
Steadman (vom Londoner Gewerkschaftsrat) spricht für die Beibehaltung der Feier am ersten Sonntag im Mai im Namen der englischen Minderheit. Die Gewerkschaften-Demonstrationen am Sonntag seien so gewaltig, dass sie nicht bloss auf die Bevölkerung, sondern auch auf die beiden grossen politischen Parteien, Liberale und Konservative, Eindruck gemacht haben. Sie seien nicht weniger begeistert für die Maifeier als die andern, aber die praktischen Gründe sprechen für ihre Haltung, denn nur am Sonntag seien solch grosse eindrucksvolle Massendemonstrationen möglich.
Vandervelde (Brüssel) macht auf einen Unterschied im Text aufmerksam. Der französische spreche von Demonstration, der deutsche von Festtag; man müsse hier einen einheitlichen Text herstellen, die Resolution habe in Österreich, Deutschland, Italien u. s. w. sofort Anklang gefunden, die Franzosen hätten aber Widerstand gegen die Bezeichnung Festtag geleistet. Denn das Blutvergiessen in Fourmies könne man nicht Festtag nennen. Man müsse manifestiren, nicht feiern. Wolle man aber feiern, dann heraus aus den Fabriken, und die Arbeit ruhen lassen.
Volders macht darauf aufmerksam, dass in Brüssel beschlossen worden ist, um allen Zweifeln zu begegnen, den 1. Mai als Manifestationstag zu bezeichnen. Der Kongress möge sich darüber schlüssig machen, ob diese Änderung des Textes acceptirt werden solle, er schlage vor, den französischen Text zu Grunde zu legen.
Bebel: Freund Adler begann seine Auseinandersetzungen mit der Erklärung, dass die Kommission in ihrer Majorität der Meinung gewesen sei, man müsse den Wortlaut der Brüsseler Resolution verschärfen, weil es einzelnen Nationen zu leicht gemacht sei, dem Brüsseler Beschluss sich zu entziehen, das treffe auch für Deutschland zu. In Brüssel sei der Ruhetag beschlossen worden, soweit dessen Durchführung nicht unmöglich. Man ist von dem Gedanken ausgegangen, die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse seien in den einzelnen Ländern zu verschieden; man müsse daher den einzelnen Nationen die Freiheit gewähren, nach Massgabe ihrer Verhältnisse die Form der Maifeier zu beschliessen. Gewiss könne unter den Genossen sowohl des einzelnen Landes, als namentlich auch des Auslandes, Meinungsverschiedenheit darüber entstehen, welche Form der Maifeier im einzelnen Fall zu wählen sei. Aber man müsse doch in jede Nation das Vertrauen setzen, dass sie selber am besten zu beurteilen verstehe, wie sie die Entscheidung zu treffen habe. Auf dem deutschen Parteitag, an dem auch Adler teilgenommen, sei die Frage eingehend erörtert worden und mit 223 gegen 6 Stimmen wurde beschlossen, von der Arbeitsruhe am 1. Mai abzusehen. Die Versammlung hat damit die Frage keineswegs ein für allemal entschieden; auch der Parteitag hat ausgesprochen, dass die Arbeitsruhe die würdigste Form der Feier sei; ob sie jeweilen durchführbar sei, das hat nach Massgabe der politischen und ökonomischen Lage der jährliche Parteitag von Fall zu Fall zu entscheiden. Ein prinzipieller Gegensatz besteht also nicht, aber wir müssen uns das Recht vorbehalten, selbst zu entscheiden, ob die Arbeitsruhe durchzuführen ist oder nicht. Unter keinen Umständen können wir dem zweiten Teile der vorgeschlagenen Resolution zustimmen. Dieser steht auch in unlösbarem Widerspruch mit dem ersten Teil, der den Brüsseler Beschluss wiederholt. In Brüssel wurde ausdrücklich jeder Nation das Recht zugestanden, die Form der Feier selbst zu entscheiden. Sie wiederholen heute diesen Beschluss und wollen hinterher gleich jedem Lande die Verpflichtung auferlegen, die Feier in einer ganz bestimmten Form zu begehen. Das ist undenkbar. Wie gestaltet sich diese Frage in der Praxis? Man nehme an, in einer Versammlung beschliesst ein kleiner Teil die Arbeitsruhe; die grosse Mehrheit ist dagegen; auch der Parteitag hat einen gegenteiligen Beschluss gefasst. Was ist nun die Folge? Nach dieser Resolution muss die Majorität der Minderheit sich fügen, wider alle bessere Überzeugung Beschlüsse zur Ausführung bringen, die man als falsch, als schädlich erkannt hat. Das ist geradezu ein Bruch der Parteidisziplin. Und die Partei muss nicht nur die moralische, sondern auch die finanzielle Verantwortung dafür übernehmen. Tausende von Arbeitern werden existenzlos, auf die Strasse geworfen; andere werden wegen Kontraktbruch gerichtlich bestraft. [Zuruf der Österreicher: Auch bei uns!] Und nach einem Gesetz aus dem Jahre 1891, das geradezu für diesen Zweck ausgearbeitet worden, werden Tausende von deutschen Arbeitern noch dazu mit dem Verluste eines ganzen Wochenlohnes bestraft. Wir haben also dann die Verpflichtung, alle diese Opfer materiell zu unterstützen. [Zurufe aus den andern Nationen: Nein! Nein! Von den deutschen: Jawohl!]
Wenn in Deutschland der Beschluss der Arbeitsruhe gefasst wird, dann haben wir auch die Verpflichtung, dass dieser Beschluss in würdiger Form durchgeführt wird. Und dann wird eine Schlacht mit der Bourgeoisie und Regierung entbrennen wie in keinem andern Lande der Welt. Nehmen wir aber diesen Kampf einmal auf, dann wollen wir auch den Tag der Schlacht selber wählen. (Grosser Beifall.)
Nun klagen die Österreicher uns an, dass wir ihnen durch unsern Standpunkt ihren Kampf erschwert haben. Ich habe das immer anerkannt und lebhaft bedauert. Aber soweit dürfen wir die Selbstverleugnung doch nicht treiben, dass wir, bloss um ihnen ihren Kampf zu erleichtern, unsere eigene Partei und deren Lebensinteresse aufs Schwerste schädigen. Wie sie, müssen auch wir hierbei unsere eigenen Wege gehen.
Wir haben hierin auch unsere Erfahrungen. 1890 hat eine Stadt, wo unsere Parteigenossen am besten disziplinirt sind, über die geschlossensten und stärksten Organisationen und die reichsten Mittel verfügen, die Arbeitsruhe am 1. Mai durchzuführen versucht. Der Versuch musste mit schweren Opfern bezahlt werden und hat uns belehrt, dass die Opfer in absolutem Missverhältnis zum Erfolg stehen, nicht bloss zum erreichten, sondern erreichbaren. Und wie in Hamburg, so ist es überall.
Noch Eines: Wir haben in Deutschland zirka ¾ Millionen Staatsarbeiter im Eisenbahn- und Postbetrieb, in den Bergwerken u. s. w. Alle diese Hunderttausende sind infolge der dort gehandhabten Disziplin unmöglich in der Lage, einen solchen Beschluss durchzuführen. Andererseits gebe es grosse Bezirke in Deutschland, wo unsere Partei stark vertreten, wo wir aber angesichts der traurigen Erwerbsverhältnisse den Arbeitern die Arbeitsruhe einfach nicht zumuten können.
Von der deutschen Delegation werden also höchstens ein paar Delegirte diesem Beschlusse zustimmen. Ganz unannehmbar ist die vorliegende Fassung des 3. Punktes der Resolution, dass die Klassenunterschiede durch das Mittel der „sozialen Revolution“ beseitigt werden sollen. Damit wäre einfach für eine ganze Reihe deutscher Staaten die Maifeier gesetzlich unmöglich. (Beifall.)
Die englische Delegation spricht den Wunsch aus, dass die Diskussion geschlossen, beziehungsweise die Redner nach dem Vorschlag Volders nur zwei Minuten Redezeit erhalten.
Schumeier (Österreich): Wenn die Engländer in ihrer Majorität zu der Überzeugung gekommen sind, dass die Feier am 1. Mai möglich ist, und wenn die übrigen Gewerkschaften, die sich jetzt noch dagegen erklärten, auch zu derselben Überzeugung kommen werden, so sei es sehr zu beklagen, dass die deutsche Partei, die sonst vorgibt, an der Spitze der Arbeiterbewegung zu marschiren, hier in dieser Frage im Hintertreffen bleibt. In einigen Orten Deutschlands ist die Arbeitsruhe gewiss möglich, und es ist Punkt 2 der Resolution die weiteste Konzession, die gemacht werden konnte. Bei den innigen Beziehungen zwischen der deutschen und der österreichischen Arbeiterschaft würde ich es lebhaft bedauern, wenn die Deutschen, indem sie auf ihrem ablehnenden Standpunkt beharren und nicht einmal den Mut haben, den Versuch der Arbeitsruhe zu wagen, uns weiter durch ihr Verhalten schädigen.
Sceusa, Vertreter Australiens, beklagt sich zunächst darüber, dass ihm, der 5000 Meilen über den Ozean gekommen sei, durch den Schlussantrag das Wort abgeschnitten worden sei.
Volders erklärt es deshalb für ganz gerechtfertigt, wenn Sceusa noch nachträglich das Wort gestattet würde und es fährt danach Sceusa fort:
Australien nimmt der Maifeier gegenüber eine Sonderstellung ein; während für die nördliche Halbkugel der Mai der Anfang des Frühlings sei, stellt er für die südliche Erdhälfte, also auch für Australien, den Winteranfang, etwa dem November entsprechend, dar. Dazu kommt noch, dass in Australien bereits ein Arbeiterfeiertag für das Proletariat vorhanden ist, der Jahrestag des Sieges der Gewerkschaften, an welchem der Achtstundentag erkämpft worden ist und der auch von den Regierungen als Arbeiterfeiertag anerkannt werde. Trotzdem aber schliesse sich die sozialdemokratische Partei den Beschlüssen des Kongresses an und feiere auch den 1. Mai; das ist dann freilich kein Feiertag des Proletariates im allgemeinen, wohl aber der Feiertag der Sozialdemokratie. Wenn auch die Sozialdemokratie noch schwach sei, so habe sie doch schon kräftige Ansätze zur Entwicklung und je mehr der Sozialismus in der Masse des Proletariates um sich greift, desto mehr werde auch der 1. Mai zu einem allgemeinen Proletarierfeiertage werden.
Volders teilt sodann mit, dass in der vorliegenden Resolution, Punkt 3, das Wort soziale Revolution durch: „soziale Umgestaltung“ ersetzt wird. Die Resolution lautet jetzt folgendermassen:
Siehe Die Maifeier.
Nach Vorschlag Bebels erfolgt getrennte Abstimmung. Punkt 1 und 3 werden per Acclamation einstimmig angenommen. Bei Punkt 2 erfolgt Nationalitätenabstimmung; für die Resolution stimmen: Holland, Österreich, England (Majorität), Amerika, Italien, Spanien, Rumänien, Serbien, Belgien, Frankreich, Schweiz, Ungarn, Polen (5 dafür, 3 dagegen). Gegen dieselbe Deutschland (mit allen gegen 8), Dänemark, Bulgarien, Russland. Der Stimmabgabe enthalten sich Schweden und Australien.
Nach der Abstimmung erklärt Singer im Namen der deutschen Delegation zu Protokoll, dass die eben behandelte Resolution in den verschiedenen Sprachen verschieden laute. Wäre der deutschen Delegation derselbe Wortlaut zur Abstimmung vorgelegt worden, wie der englischen, so hätte die deutsche Delegation einstimmig dafür gestimmt. Während der deutsche Text davon spreche, dass jeder einzelne Versuch jeder einzelnen Gewerkschaft an jedem einzelnen Orte unterstützt werden müsse, begnügt sich die englische Übersetzung mit folgender Form:
Es ist die Pflicht der Sozialdemokratie jedes Landes, die Feier des 1. Mai als einen Tag der Arbeitsruhe zu erstreben und die lokalen Organisationen in ihren Bestrebungen nach dieser Richtung hin zu unterstützen.
Ähnlich lautet der französische Text. Im dritten Punkte der Tagesordnung fehlen in der englischen Übersetzung die Worte, dass „durch die soziale Revolution“ die Klassenunterschiede zu beseitigen seien. Weiter erklärt Singer, dass auch die deutschen Genossen im Prinzip der Arbeitsruhe ebenso herzlich und aufrichtig zustimmen, wie die Österreicher und andere Nationen, aber wir können uns nicht von irgend einem einzelnen Vorschriften in dieser Richtung machen lassen. (Beifall.)
X. Sitzung. Freitag den 11. August, nachmittags 3 Uhr
Zur Debatte gelangt, da die Resolution zu Punkt 3 noch nicht vorliegt, Punkt 5 der Tagesordnung:
Schutz der Arbeiterinnen
Berichterstatterin Louise Kautsky (Vertreterin der Wiener Arbeiterinnen) begründet und empfiehlt im Auftrage der Kommission nachstehende Resolution:
Siehe Schutz der Arbeiterinnen.
In den zwei Sitzungen der Kommission wurde beschlossen, den ursprünglichen Antrag mit Ausnahme des letzten Satzes beizubehalten. Einzige entschiedene Gegnerschaft war nur bei den zwei belgischen Delegirtinnen vorhanden. Die belgischen Delegirtinnen sind gegen jede Schutzgesetzgebung, insbesondere gegen die sieben Punkte der Resolution mit der Begründung, dass alle solche Gesetze nur eine Benachteiligung der Frauen zu Gunsten der Männer bedeuten. Ihre Vorschläge zielen nur auf Fachschulen, Gewerbeschulen und Suppenküchen hin. Diese Vorschläge wurden jedoch von den übrigen Mitgliedern der Kommission abgelehnt. Dagegen wurde der Zusatz der Italiener, auch die Landarbeiterinnen mit einzubeziehen, mit grosser Mehrheit angenommen. Die gegenwärtig vorliegende Resolution wurde mit allen Stimmen gegen die Belgierinnen und den Franzosen Keufer angenommen, welch letzterer wohl mit der Resolution einverstanden war, aber auch andere Forderungen mit einbezogen haben wollte; aus den Debatten ging hervor, dass die weibliche Arbeit in allen Ländern am meisten ausgebeutet werde, hier fallen längere Arbeitszeit mit niedrigerem Lohne überall zusammen. Auch das Trucksystem ist bei den Frauen durchwegs mehr vorhanden als bei den Männern; dazu kommt noch, dass die Arbeit des Mannes abgeschlossen ist, wenn er die Werkstatt verlässt, während für die Frau dann erst noch die Arbeit im Haushalt, die Kindererziehung beginnt. — Der Arbeitslohn der verheirateten Frau ist nur als Zubusse zu dem Lohne des Mannes aufzufassen. Immer sind bisher die Frauen die Mauerbrecherinnen für den Schutz der Männer geworden, indem die Verkürzung der Frauenarbeit meist auch in den Gewerben, in welchen Männer und Frauen zusammenarbeiten, eine Verkürzung der Arbeitszeit der Männer im Gefolge gehabt habe. Von diesem Gesichtspunkte aus müsse man den Schutz der Frauen betrachten. Dabei muss man im Auge behalten, dass die lange Arbeitszeit der Frauen in Verbindung mit ihrem geringen Lohne eine Degeneration der ganzen Arbeiterklasse im Gefolge hat. — Wir stellen unsere Forderung auf Schutz der Frauen nicht im Interesse unseres eigenen Geschlechtes, sondern zur Förderung der Interessen der ganzen Gesellschaft. Die Männer kämpften bisher nur mit einem Arm, der linke Arm, die Frau fehlte; wird die Frau noch mit einbezogen, dann sei erst der ganze Kämpfer fertig. (Beifall.)
Eine Anzahl von Delegirten Russlands, Spaniens, Hollands, Englands beantragen, dass auch die Forderung: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ mitaufgenommen werde; Fräulein Clays (Belgien) befürwortet diesen Antrag. Der Arbeiterinnenbund von England und Irland beantragt folgenden Zusatzantrag:
Der Kongress verwirft die Bestrebungen der Mittelklasse, welche angeblich die Frauen der Arbeit schützen wollen, aber sich gegen eine Gesetzgebung wenden, welche die Macht der Arbeitgeber mit Bezug auf die Überarbeitung und schlechter Bezahlung brechen will.
Der Kongress erklärt sich gegen die Anstellung von Frauen und Kindern zu niedrigen Löhnen, mit der einzigen Absicht, gegen die männlichen Arbeiter aufzutreten und den Verdienst der männlichen Arbeiter herunterzudrücken.
Zur Bekämpfung dieser Übelstände wünscht der Kongress, dass die Arbeiter der ganzen Welt sich bestreben, Frauen und Kinder zur Bildung von Vereinen bezw. Gewerkschaften zu veranlassen und denselben gleiche Löhne zu sichern wie den Männern.
Ferner sollten die Arbeiter von ihrer politischen Macht solchen Gebrauch machen, dass alle Gesetze, welche schädliche Industrien, Verkürzung der Arbeitszeit etc. betreffen, auf die Frauen sowohl als auf die Männer Anwendung finden.
Von Bernard Shaw (von der Fabian Society in London) liegt noch folgender Antrag vor:
Der internationale Kongress erklärt es als Pflicht der Arbeitervertreter aller Länder, auf der Anstellung einer gehörigen Anzahl Fabrikinspektorinnen, und zwar in allen Zweigen des Handels und der Industrie, fest zu bestehen, und mit Entschlossenheit gegen alle Gesetzesvorlagen aufzutreten, die zum Zweck haben, Schutzmassregeln für Frauen zu treffen, die nicht gleichmässig auf die Männer Anwendung finden sollen.
Emilie Clays (Belgien). Die belgische Kommission hat sich gegen die Resolution erklärt, nicht weil sie prinzipielle Gegnerin der Arbeiterinnenschutzgesetzgebung sei, sondern nur wegen der Art und Weise, wie man die Frage behandelt habe. Wir sind überzeugt, dass diese Behandlung gerade zu dem entgegengesetzten Resultat führen würde, was beabsichtigt worden ist. Wenn man die Arbeiterinnen, ihre Gesundheit, ihre Moral auf der einen Seite schützen wolle, dürfe man sie auf der andern Seite diesen Gefahren nicht doppelt aussetzen. Und besonders können wir uns damit nicht einverstanden erklären, dass man für die Frauen eine grössere Verkürzung der Arbeitszeit verlangt als für den Mann; wir verlangen keine Reservatrechte für die Frau. Ausserdem sind wir der Meinung, dass die Frauenfrage, die erst noch gründlichst studirt werden muss, zu umfangreich ist, als dass man sie in eine solche Resolution einzwängen konnte. Überdies will man es sich doch nicht verhehlen, dass gerade bei dieser Frage eine solche Menge von Unzuträglichkeiten vorhanden sind, welche jede Garantie für die Durchführbarkeit der Forderungen oder auch gegen die misstrauliche Ausnutzung derselben vereiteln würde. — Obwohl Sozialistin, bin ich doch der Meinung, dass die Frauenfrage getrennt von der Frage der Lohnarbeiter behandelt werden müsse.
Frln. Dworschak (Österreich). Wir verlangen keinen besondern Schutz für uns Frauen, abgesehen von der Zeit, zwei Wochen vor und vier Wochen nach der Entbindung, welchen besondern Schutz uns wohl kein Mann übel nehmen wird. Wir sind davon überzeugt, dass dieser Schutz, wie er in Österreich bereits verwirklicht ist, viel zu gering ist; wir beantragten deshalb auch eine sechswöchentliche Schonungszeit nach der Entbindung, stiessen aber auf den Widerstand der Engländer, die in dieser Beziehung noch gar keine gesetzlichen Bestimmungen haben und die deshalb mit der geringern Forderung beginnen müssen, um überhaupt Erfolge zu erzielen. Hauptnachdruck legen wir aber auf Einbeziehung der Hausindustrie unter die Schutzgesetzgebung, weil hier Arbeitszeiten von 13—16 Stunden die üblichen sind.
Frau Kulischoff (Mailand) vertritt den Standpunkt des gleichen Lohnes für gleiche Arbeit, weil sonst eine Verdrängung der männlichen Arbeit durch die Frau die unausbleibliche Konsequenz sein würde; ausserdem liegt die Gefahr nahe, dass sonst die Frau in Masse zur Prostitution gedrängt werden würde, deshalb beantrage sie einen Zusatz zu der vorliegenden Resolution.
Clara Zetkin: Die Frage des Lohnminimums gehört nicht zur Tagesordnung, kann also bei diesem Punkte gar nicht in die Debatte gezogen werden; ausserdem ist aber die gesetzliche Regelung eines Lohnminimums oder gleichen Lohnes für gleiche Arbeit eine Utopie. Der Einwand der Vorrednerin, dass wenn das Lohnminimum nicht gefordert würde, die Arbeiterinnen auf dem industriellen Gebiete den Mann vollständig verdrängen würden, ist durchaus unbegründet; es würde vielmehr durch die Verkürzung der Arbeitszeit der Frauen die Arbeitszeit der Männer gleichzeitig verkürzt und demnach auch die Nachfrage nach Händen steigen und damit auch die Löhne in die Höhe gehen. Damit aber fällt auch der Einwand, dass die Prostitution bei den geschützten Arbeiterinnen grössern Umfang annehmen würde. Gerade das Gegenteil lehrt die Erfahrung; die nicht geschützten Arbeiterinnen stellen das grösste Kontingent zur Prostitution. Dann muss ich mich auch gegen Frau Clays wenden; der Standpunkt, den diese Delegirtin vertrat, ist der alte frauenrechtlerische Standpunkt; wegen der prinzipiellen Bedeutung für einen Proletarierkongress müssen wir dagegen protestiren, dass der frauenrechtlerische Standpunkt, in jedem Mann einen Feind des Weibes zu sehen, zur Anerkennung komme; wir müssen als Proletarierinnen das Tischtuch zwischen ihnen und uns zerschneiden.
Die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen vergessen immer, dass zwischen Bürgerfrauen und Proletarierinnen ein unüberbrückbarer Klassengegensatz besteht. Die Arbeiterinnen müssen diesen zurufen: Wir halten uns für zu gut, Euch die Kastanien aus dem Feuer zu holen; Euere Privilegien sind die Folgen unserer Armut, Euere Bildung nur ermöglicht durch die uns aufgezwungene Unwissenheit. „Recht auf Arbeit“ in ihrem Munde bedeutet nur Zulassung zu den höhern Berufen! Und die Phrase von allgemeinen Menschenrechten haben noch keine der Bourgeoisfrauen veranlasst, hinabzusteigen in die Minen oder Steine auf den Bau zu schleppen 14 und 16 Stunden lang Tag für Tag. Nicht für Erweiterung der sog. Frauenrechte, sondern für Beschränkung der Ausbeuterfreiheit haben die Frauen zu kämpfen.
Frau Irvin (England) ist im ganzen mit der Resolution einverstanden, aber sie möchte den Passus bezw. die scharfe Fassung gegen die bürgerliche Frauenbewegung gestrichen haben, weil man damit Elemente zurückstosse, die weit mit uns Hand in Hand gehen.
Frau van Kol (Holland) spricht sich gegen die Resolution aus. Sie sieht in der Resolution keine ausreichende Garantie gegen die Misstände, welche von der Frauenarbeit herrühren. Sie fürchtet, dass Millionen von unverheirateten Frauen, wenn man ihnen irgend eine Arbeit untersagt, d. h. wenn man ihnen die Mittel zum Lebensunterhalt nimmt, sich vor die fürchterliche Alternative gestellt sehen werden, entweder sich in die Arme der Prostitution oder in die Arme des Todes zu werfen, um dem Elend zu entrinnen.
Die Diskussion wird geschlossen.
Shaw protestirt dagegen, dass seine Resolution nicht zur Beratung gestellt worden sei.
Von einer grossen Anzahl Delegirter Belgiens, Spaniens, Rumäniens, Hollands, Italiens, Frankreichs und Englands ist folgende Resolution eingebracht worden:
Siehe Schutz der Arbeiterinnen, Zusatz.
Frau Louise Kautsky als Berichterstatterin befürwortet die Annahme der Resolution Shaw als Amendement zu der ursprünglichen Resolution, da sie nur eine textliche Erweiterung derselben; sie wendet sich aber gegen das Amendement, in welchem gleicher Lohn für gleiche Leistung verlangt werde. Ein Lohngesetz besteht nicht einmal für Männer, die Forderung sei also undurchführbar.
Der Urtext wird durch Acclamation angenommen, desgleichen wird der Zusatzantrag, gleichen Lohn für gleiche Leistung betreffend, durch einfache Abstimmung mit grosser Majorität angenommen.
Von einigen österreichischen Delegirten wird folgende Erklärung zu Protokoll gegeben:
Diejenigen österreichischen Delegirten, welche gegen die Frauenschutz-Resolution stimmten, erklären, um jedem Missverständnisse vorzubeugen, dass sie bloss deshalb gegen dieselbe gestimmt haben, weil ihnen insbesondere der Punkt 5 zu wenig weitgehend ist, da selbst der derzeitige Gesetzesantrag des zürcherischen Regierungsrates weitgehender ist.
Joh. Resel, Schumeier, Sikaret, Joseph Steiner, Jos. Hannich, Tomschik, Roscher, Carl Dedie, Jos. Hybes.
Zur Debatte gelangt nun Punkt 3 der Tagesordnung:
Die politische Taktik der Sozialdemokratie
Berichterstatter Vandervelde (Belgien) begründet folgende von der Kommission vorgelegte Resolution:
Siehe Die politische Taktik der Sozialdemokratie.
Vandervelde: Der Kommission haben viele Vorschläge vorgelegen; ich will die nicht berühren, welche nicht in der Resolution Aufnahme gefunden haben; erwähnen will ich nur, dass der detaillirte Vorschlag Allemane’s bezüglich der direkten Gesetzgebung nicht deshalb nicht aufgenommen worden ist, weil er auf prinzipielle Gegnerschaft gestossen, sondern weil er in der Form über den Rahmen einer solchen Resolution weit hinausging. Dann lagen noch zwei Resolutionen der Holländer vor, die eine Stellung zu den Anarchisten, die zweite Stellung zum Staatssozialismus nehmend. Auf den erstern Punkt sind wir deshalb nicht eingegangen, weil durch die Haltung des Kongresses unsere Stellung zu den Anarchisten bereits scharf umgrenzt ist; auf den zweiten Punkt gingen wir deshalb nicht ein, weil diese Resolution nur in deutscher Sprache vorgelegen hatte und deshalb nicht diskutirt werden konnte und weil andererseits diese Frage wichtig genug ist, um den nächsten Kongress zu beschäftigen. Die Resolution wurde sodann in ihrer gegenwärtigen Fassung einstimmig angenommen.
Es wurde festgestellt, dass die parlamentarische Taktik nur ein Mittel zum Zweck sein könne, der Hauptzweck ist die Emanzipation des Proletariates; aber um dies zu erreichen, sind auch andere Mittel notwendig als der Parlamentarismus allein, vor allem auf dem Gebiet der Gewerkschaftsbewegung und der Organisation des klassenbewussten Proletariates. Die Gewerkschaftsbewegung ist selbst bei einer starken politischen Agitation durchaus unentbehrlich, denn ohne eine vollkommene Arbeiterorganisation ist es unmöglich, die Durchführung der Arbeiterschutzbestimmungen zu überwachen. Jeder Arbeiter muss sein eigener Fabrikinspektor sein, das kann er aber nur sein, wenn eine starke Organisation hinter ihm steht. Die Gewerkschaftsbewegung steht in derselben Reihe mit der politischen Organisation. Es wäre demnach verkehrt, wollte man die eine oder die andere Tätigkeit in den Hintergrund drängen; so können wir auch den Standpunkt nicht billigen, die politische Betätigung zu Gunsten der Gewerkschaftsbewegung vollständig zu vernachlässigen. Wir fordern vielmehr durch unsere Resolution die Arbeiter aller Länder auf, von ihren politischen Rechten Gebrauch zu machen, wo sie dieselben besitzen, sie mit allen Mitteln, die ihnen zu Gebote stehen, zu erobern, wo sie sie noch nicht besitzen, aber nur zu dem Zwecke, sich die politische Macht zu erobern zur Befreiung des Proletariates von der Herrschaft des Kapitalismus.
Es ist geltend gemacht worden, dass die Arbeiterschutzgesetze nichts schützen, dass sie den Arbeitern nichts nützen und dass es demgemäss nutzlose Mühe sei, an der Ausgestaltung der Arbeiterschutzgesetzgebung mitzuarbeiten. Demgegenüber aber steht doch das Zeugnis der englischen Gewerkschaftsbewegung. Durch ihre Agitation für die Zehnstundenbill ist es gelungen, eine physische und moralische Hebung der Arbeiterklasse anzubahnen; aber das ist gerade das, was wir von der Arbeiterschutzgesetzgebung wollen.
Wir verkennen nicht die Gefahren der Korruption durch den Parlamentarismus, da er zu den unnatürlichsten Kompromissen, selbst zum Prinzipienverrat führt. Aber diese Gefahr der Korruption liegt nicht im Parlamentarismus selbst begründet, sondern darin, dass die Parlamente sich in der Hand der Bourgeoisie befinden; gelangen die Parlamente erst in die Hand des befreiten Proletariats, so ist der Korruption die Wurzel untergraben. Weil wir aber die Gefahren des Parlamentarismus in der bürgerlichen Gesellschaft erkennen, haben wir gewisse Garantien gestellt, indem wir verlangen, dass diejenigen Arbeitervertreter, welche in die Parlamente kommen, gewisse Bedingungen erfüllen. Sie dürfen im Klassenkampf unter keinen Umständen ausser Auge lassen, dass keine Kompromisse mit bürgerlichen Parteien eingegangen werden dürfen, durch welche auch nur ein Tüpfelchen von dem Klassencharakter des Proletariats verloren gehen könnte. Nur so kann der Sieg des Proletariats erzielt werden; wenn nicht der Kapitalismus vernichtet zu Boden geschmettert wird, kann das Proletariat nicht triumphiren; aber jeder Kompromiss hält die Vernichtung des Kapitalismus auf.
Freiheit — Gleichheit — Brüderlichkeit — diese Forderung hat die heutige Gesellschaft schon aufgestellt. Aber diese Dreieinigkeit ist in der heutigen Gesellschaft nur eine Lüge. Die einzige Partei, welche diese Worte verwirklicht hat und auch nur verwirklichen kann, ist die Partei des Proletariats — Gleichheit in den wirtschaftlichen Verhältnissen alles dessen, was Menschenantlitz trägt, Brüderlichkeit in der moralischen Welt.
Die Frage der Kompromisse und Allianzen hat in der Kommission zu heftigen Debatten geführt, aber man gelangte schliesslich zu voller Einigkeit. In denjenigen Ländern, in welchen die proletarischen Parteien voll entwickelt sind, wo die Parteien stark dastehen, bedeutet jeder Kompromiss einen Verrat an der Arbeitersache; aber es wurde in der Kommission geltend gemacht, dass in den Ländern, in welchen die Arbeiterparteien wenig stark entwickelt seien, wo das allgemeine Wahlrecht nicht vorhanden ist, das strikte Verbot jedes Kompromisses mit bürgerlichen Parteien den Arbeitern die Hände fesseln würde. Deshalb hat sich die Mehrheit der Kommission entschlossen, an diese Länder eine gewisse Konzession zu machen, indem sie die Allianzen mit bürgerlichen Parteien den Arbeitern nicht vollständig verboten hat, aber unter der ausdrücklichen Bedingung, dass durch einen solchen Kompromiss nicht die geringste Konzession gemacht werden dürfe, welche von den Prinzipien der Arbeitersache auch den kleinsten Teil verwischen würde. Hier ist es nun Sache der einzelnen Nationen, dafür zu sorgen, dass diese Bestimmungen überall befolgt werden. Das Proletariat ist eins in allen Ländern in seinem Kampfe gegen den Kapitalismus. Dass dieser Kampf weit länger sein wird, weit furchtbarer und mehr Opfer erfordern wird, als je die Klassenkämpfe zuvor, das wissen wir schon lange, und auch das wissen wir, dass der politische Kampf wie der wirtschaftliche manche Enttäuschung bringen wird und es kann auch keinem Zweifel unterliegen, dass die Machtfrage nicht auf dem Boden der Parlamente entschieden werden wird, denn die Parlamente, wie sie heute existiren, fälschen den Willen des Volkes. Um die Gesetzgebungsmaschine möglichst in Übereinstimmung mit dem Willen und den Bedürfnissen des Volkes zu bringen, um den Widerspruch zwischen dem Willen des Volkes und den Beschlüssen der Parlamente zu beseitigen, um den jungen Bronnen der Volkssouveränität zu stärken, sind wir in der Kommission übereingekommen, die Einführung der direkten Gesetzgebung, d. h. das Recht des Volkes, Gesetze vorzuschlagen (Initiative) und über Gesetze abzustimmen (Referendum), anzustreben. Wir haben es ja erst vor kurzem in Deutschland gesehen, wie die Parlamente den Willen des Volkes fälschen und zwar erst letzthin bei den Wahlen. Das Volk erklärte sich gegen die Militärvorlage, das von dem Volke gewählte Parlament aber nahm sie trotzdem mit Mehrheit an. Durch Einführung von Referendum und Volksinitiative wäre ein solches Vorkommnis gänzlich unmöglich gemacht.
In Übereinstimmung mit den Anschauungen einzelner Kommissionsmitglieder wurde dann weiter noch Nachdruck auf das Proportional-Wahlsystem gelegt, welches verhindern soll, dass die Minoritäten vergewaltigt werden.
Schliesslich habe ich noch im Namen der österreichischen Delegation dem Wunsche Ausdruck zu geben, dass der Kongress durch eine einmütige Sympathie-Erklärung an die österreichischen Genossen, welche jetzt im Kampfe um das allgemeine Wahlrecht stehen, den österreichischen Arbeitern seine moralische Unterstützung verleihen möge. Durch eine einmütig angenommene Resolution werden wir sie in ihrem Beginnen fördern, werden wir ihren Sieg erleichtern, der gleichzeitig ein Sieg des gesamten Proletariates ist.
Noch ein Wort: Wir haben im Anfang des Kongresses Debatten gehabt, welche die Gegner hoffen liessen, als ob unter uns keine Einigkeit herrsche; es gab Szenen, die den Anschein erweckten, als ob einzelne Nationen sich freuen, wenn eine andere Nation eine kleine Niederlage erlitten. Verwischen wir diesen Eindruck, zeigen wir der Welt der Gegner, dass wir einig sind, dass wir nur einen Feind kennen, und wir bekunden diese Einigkeit am besten, am deutlichsten durch einstimmige Annahme der eingebrachten Resolution.
Vliegen spricht für die Majorität der Holländer. In der Resolution der Kommission sind unsere Forderungen grossenteils aufgenommen; nur ein Punkt befriedigt uns nicht. Dagegen sind wir einverstanden, dass auch der ökonomische Kampf aufgenommen wurde. Politische Aktion kann immer nur ein Mittel sein, die ökonomische Macht für die Arbeiterklasse zu erlangen. Die Ökonomie beherrscht die Politik, nicht umgekehrt. Dieser Gedanke war in der Resolution der Deutschen nicht enthalten. Das Kennzeichen des Possibilismus ist, dass ein Mittel zum Zweck erhoben wird. In einigen Ländern handelt man possibilistisch, wenn man es auch nicht sagt, und nicht schreibt. Wir verwerfen den Parlamentarismus nicht, aber wir wollen ihn einschränken. Manches Gute liegt in der politischen Aktion, Wahlzeiten sind Agitationszeiten. Das allgemeine Stimmrecht bietet ein gutes Mittel zur Organisation. Das Böse am Parlamentarismus ist die Korruption. In der Kommission hat Allemane die Folgen des Parlamentarismus in sehr dunklen Farben gezeichnet. Aber nicht nur bei den Gewählten, auch bei den Wählern bricht die Korruption hervor. Um die Kandidaten durchzusetzen, macht man Kompromisse mit den bürgerlichen Parteien. Man verhüllt die Prinzipien der Partei und verfolgt nur die Augenblickszwecke. Ich habe keine Zeit, meine Behauptungen mit Tatsachen zu belegen, diese sind aber da. [Rufe: Her damit.] Was ich sagte, gilt nicht bloss von Deutschland, sondern auch für England und Frankreich. Und so ist es in der ganzen Welt. Vor zwei Jahren haben wir in Brüssel den Standpunkt des Klassenkampfes acceptirt; auf dem Boden des Klassenkampfes gibt es keinen Kompromiss. — Sehr viel Freude hat uns die Aufnahme der direkten Gesetzgebung gemacht. Wir haben ein bestimmtes Mandat, für unsern Antrag zu stimmen; wir können also nicht für die Resolution der Kommission, aber auch nicht dagegen stimmen, deshalb werden wir uns der Abstimmung enthalten.
Die holländische Resolution lautet:
Der Kongress, in Erwägung, dass, wenn die Regierungen dazu übergehen, durch Arbeiter-Reformgesetze kleine Verbesserungen in der Lage der arbeitenden Klasse herbeizuführen, sie dies nur unter der Bedingung tun können und werden, dass diese Verbesserungen unter ihrer Aufsicht zur Ausführung kommen; in Erwägung, dass solche Verbesserungen zur Reglementirung der Arbeit von Regierungswegen und zur Stellung der Arbeiter unter obrigkeitliche Vormundschaft führen, kurz, uns einen Staatssozialismus bringen, welcher seinen Charakter als Staatssozialismus auch dann beibehält, wenn die Regierer durch das allgemeine Wahlrecht gewählt werden; in Erwägung endlich, dass eine dauerhafte Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen nicht möglich ist auf dem Boden des Privateigentums an den Produktionsmitteln, erklärt:
dass es die Aufgabe der Arbeiter aller Länder sein muss, bei der Regelung des Arbeitsvertrags das Prinzip der Selbstbestimmung und Selbstverwaltung für die in Betracht kommenden Arbeiter zu verteidigen und so alle zur Unterdrückung der Arbeiter bestimmten Waffen umzuschmieden in Waffen für die Befreiung der Arbeiter; erklärt weiter, dass Verbesserungen in der Lage der Arbeiter innerhalb der heutigen Gesellschaft von den Arbeitern nur im Sinne einer Verbesserung ihrer Kampfstellung willkommen geheissen werden können, und zwar als ein Mittel zur bessern Organisation und zur leichtern Durchführung der Expropriation der besitzenden Klassen.
Wegen allgemeiner Abspannung infolge der grossen Hitze und schlechten Ventilation im Saal fällt die beabsichtigte Abendsitzung aus und wird die Sitzung um 7 Uhr abgebrochen.
XI. Sitzung. Samstag den 12. August, vormittags 8 Uhr
Den Vorsitz übernimmt die Genossin Turati-Kulischoff (Mailand). Man werde von ihr keine lange Rede erwarten; Disziplin, Toleranz, Ruhe — das sind die Forderungen, die heute an die Kongressteilnehmer gestellt werden müssten, damit die Beratungen zu einem gedeihlichen Ende geführt werden.
Die politische Taktik der Sozialdemokratie (Fortsetzung)
Der Kongress setzt die Beratung fort über die politische Taktik der Sozialdemokratie.
Als erster Redner spricht Liebknecht: Es erfüllt uns mit freudiger Genugtuung, dass nach den heftigen Verhandlungen der ersten Tage sich nun eine wunderbare Harmonie in der Frage des Parlamentarismus herausgestellt hat. Gegen den Antrag der Holländer besteht keine prinzipielle Gegnerschaft. Wir acceptiren ihn nur deshalb nicht, weil wir uns mit dem Staatssozialismus auf einem neuen Kongress auseinandersetzen wollen. Vliegen hat gestern seine Verwunderung darüber ausgesprochen, dass auch wir den Standpunkt vertreten, die politische Aktion sei nur Mittel zum Zweck. Das hat uns so recht gezeigt, wie das kleinliche, unbrüderliche Gefühl gegen uns entstanden ist. Man macht sich von der deutschen Bewegung eben falsche Begriffe. Ich habe mit Genugtuung den Holländern zu erklären, dass in unserm Programm der Grundgedanke des Klassenkampfes klar und deutlich ausgesprochen ist. Im Programm der Internationale, im Programm, das sich unser erster Kongress in Nürnberg im Jahre 1868 gab, ist dieser Passus schon aufgenommen. Wir können uns Glück wünschen, dass der Kongress nach heftigen Auseinandersetzungen über die Mythen zur Klarheit gekommen ist, die über uns Deutsche von der Bourgeoisie und der Polizei angefacht worden sind, als ständen wir nicht mehr auf dem Boden des revolutionären Klassenkampfes. Unser Programm ist das radikalste von allen Programmen der Bruderparteien. In keinem andern Lande der Welt herrsche eine solche Klarheit über diesen Punkt, wie bei uns. Diejenigen, die uns angreifen, haben erst von uns gelernt. (Beifall.) Auch über die Frage der Taktik ist gesprochen worden. Die Taktik ist keine Frage des Prinzips, sondern eine der Praxis. Es gibt keine revolutionäre und keine reaktionäre Taktik, sondern nur eine Taktik zu revolutionären oder reaktionären Zwecken. Nach den Verhältnissen richtet sich die Taktik. Wenn an einem Tage sich vierundzwanzigmal die Verhältnisse ändern würden, würden wir vierundzwanzigmal unsere Taktik ändern. (Zustimmung.) Nach dem Verhalten der Gegner richtet sich unsere Taktik. Gäbe es in Deutschland russische Zustände, dann würde uns deutschen Sozialdemokraten nichts anderes übrig bleiben, als die Taktik der Nihilisten. (Stürmischer Beifall.) Dem Streit über die Taktik liegt eine Verwechslung von Ursache und Wirkung zu Grunde. Ums Ziel handelt es sich! Bei den Zuständen, wie sie in Deutschland herrschen, ist es unsere Ansicht, die von allen Bruderparteien, mit Ausschluss der Holländer, in der Kommission geteilt wurde, dass wir verpflichtet sind, alle diejenigen Mittel, die Staat und Gesellschaft uns zur Verfügung stellen, anzuwenden gegen diesen Staat und gegen diese Gesellschaft. Dass wir das allgemeine Wahlrecht benutzen, darin sind auch die holländischen Genossen mit uns einverstanden. Nur die Ausübung der parlamentarischen Tätigkeit wollen die Holländer beschränken. Wir sollen nur protestiren im Parlament, weil der Vertretungskörper reaktionär sei und die Teilnahme an seinen Arbeiten zu Kompromissen und zur Korruption führe. Auch hier liegt eine Verwechslung des Tatbestandes vor. Ebenso wenig wie es eine revolutionäre oder reaktionäre Taktik gibt, ebenso wenig ist die Staatsmaschinerie an sich reaktionär. Sie ist nichts als ein Werkzeug zur Ausübung der Macht, eine gewaltige, schneidende Waffe. Wenn mich ein Feind mit der Waffe angreift, so werde ich nicht dadurch seiner Herr, dass ich die Waffe verachte, ich werde sie ihm zu entwinden trachten, wenn ich sie nicht am eigenen Leibe empfinden will. Die Macht, die uns gegenüber steht, können wir nur dadurch besiegen, dass wir ihr das gewaltige Schwert entreissen! (Bravo!) Um einen Kampf um die Macht handelt es sich, und dieser Kampf muss auf politischem Boden ausgefochten werden, um die Gesetzgebungsmachinerie in die Hand zu bekommen, die unsere Gegner seit hundert Jahren in raffinirter Weise zur Unterdrückung und Ausbeutung des Proletariats anwenden. [Cornelissen (Holland) ruft: Lesen Sie das kommunistische Manifest!] Das haben wir gelesen, ehe Sie noch auf der Welt waren! Ich wünschte dem holländischen Genossen nur, dass er es verstehen lernt. (Lebhafter Beifall.) Die Frage der Korruption ist eine Frage der Organisation der Partei! Die Engländer haben noch keine starke Partei-Organisation, deshalb konnte dort Korruption bei einzelnen Führern, die sich von den Gegnern bestechen liessen, vorkommen. Bei uns wäre ein solcher Abgeordneter sofort ein toter Mann, ausgestossen mit Schimpf und Schande aus der Partei. (Lebhafter Beifall.) Nur in einem Punkt herrschte Meinungsverschiedenheit in der Kommission. Es war bei der Frage der Kompromisse mit bürgerlichen Parteien. Wir Deutsche sind gegen jeden Kompromiss. Wir wollten der betreffenden Stelle in der Resolution die schärfste Fassung geben, die jede Allianz mit bürgerlichen Parteien ausschliesst. In der Kommission wurde aber geltend gemacht, dass in einzelnen Ländern, wo die Partei noch jung ist, die Verhältnisse so lägen, dass sich gelegentlich ein Kompromiss nicht zurückweisen liesse. Da wir nicht glaubten, das Recht zu haben, den Genossen derjenigen Länder, in welchen ein Kompromiss möglich ist, ihre Taktik vorzuschreiben, billigten wir einen Kompromiss aber nur unter der Bedingung, dass die Unabhängigkeit der Partei und die Reinheit des Prinzips dadurch nicht verletzt würden. In Deutschland ist jeder Kompromiss unmöglich. (Beifall.) Wären alle Länder so einig wie Deutschland in dieser Frage, dann brauchte sie den Kongress gar nicht erst zu beschäftigen. Die Differenzen, die zwischen uns lagen, waren nicht prinzipieller Natur, das trat sofort zu Tage, sobald die Wolken der revolutionären Phrase, die sich dazwischen geschoben, verweht waren. Die Sozialdemokratie muss sich emanzipiren von der Phrase! (Lebhafter Beifall.) Die revolutionäre Phrase allein hat allen Skandal verursacht. Brüderlich soll man fühlen für den Freund, der schweiss- und blutbedeckt aus heisser Schlacht kommt, nicht nach irgend welchen Blössen bei ihm spähen! Freilich — wer nichts zu tun hat, der macht auch keine Fehler. (Stürmischer Beifall.) In der Hitze des Kampfes kann ein Schritt leicht nach rechts oder links getan werden, der von der Linie abweicht. Aber die Marschroute muss die richtige sein. Die Marschroute der deutschen Bewegung ist klar und bestimmt, sie wird jetzt durch diese Resolution der gesamten internationalen Arbeiterschaft empfohlen. Nehmen Sie die Resolution einstimmig an. (Stürmischer Beifall.)
Dr. Ellenbogen (Wien): Wenn auch wir Österreicher die Gefahren des Parlamentarismus nicht verkennen, so sind wir doch einverstanden mit der vorgeschlagenen Resolution. Bei uns bedeutet der Ausschluss der Arbeiterklasse aus den gesetzgebenden Körperschaften für die herrschenden Klassen ein wohltätiges Dunkel, unter dem sie ihren Herrschaftsgelüsten fröhnen. Wir brauchen den Parlamentarismus dazu, um unsere Bourgeoisie, die sich in einzelnen Teilen unseres Landes so gebärdet, wie wenn Österreich in Asien läge, zu zwingen, wenigstens ihre eigenen Gesetze zu achten. Wir wollen den Klassenkampf in das Parlament hineintragen, das wissen die herrschenden Klassen und deshalb liegt es ihnen so am Herzen, uns von den Parlamenten auszuschliessen. Wir brauchen den Parlamentarismus weiter — und hier stehen wir im Gegensatze zu Holland — um in den Parlamenten die wirksamste Propaganda zu treiben, die man sich denken kann. Vandervelde sprach gestern, dass vielleicht in gewissem Sinne Kompromisse notwendig seien, wir Österreicher stehen dagegen auf dem Standpunkt, jeden Kompromiss mit voller Entschiedenheit zu verwerfen.
In diesem Sinne stellen wir den Antrag, dass der Kongress den Augenblick für gekommen erachtet, wo in allen Ländern eine allgemeine Bewegung zu Gunsten des allgemeinen Wahlrechtes für beide Geschlechter inszenirt werden müsse. Wir stehen bereits in dieser Bewegung, und die Erfolge, die Belgien erzielt hat, haben unserer eigenen Bewegung einen mächtigen Nachdruck gegeben und nicht bloss bei unsern Arbeitern, sondern auch bei den herrschenden Klassen. Nehmen Sie die Resolution an, so werden Sie die österreichischen Arbeiter auf das wirksamste unterstützen.
Turati (Mailand) tritt Vandervelde entgegen und bestreitet, dass Kompromisse bei kleinen Parteien angebracht seien. Im Gegenteil, eine starke und mächtiggeschlossene Partei könne weit eher einen Kompromiss mit bürgerlichen Parteien abschliessen, ohne Gefahr zu laufen, etwas an ihrer Bedeutung einzubüssen, während gerade die jungen und schwächern Parteien eifersüchtig darauf bedacht sein müssen, ihre prinzipielle Stellung in vollständigster Reinheit zu erhalten.
Cahan (Amerika). Wir sind für die vorgelegte Resolution und wir haben auch danach bisher gehandelt, bei der letzten Präsidentenwahl wurden bereits 23,000 sozialistische Stimmen abgegeben. Aber wir verlangen weiter, dass in den Parlamenten nicht bloss propagandistische Arbeit, sondern auch wirklich praktische Arbeit geleistet werden solle. Wir können eine wirksame Propaganda nur dann entfalten, wenn wir auch durch positive Arbeit den Massen etwas bieten. Das beweiskräftigste Beispiel ist Deutschland. Hätten die Deutschen bei der Militärvorlage einfach nur prinzipiell protestirt, so hätten sie die Massen in Verwirrung gebracht; so haben sie positiv gearbeitet und Tausende von Anhängern neu gewonnen. Was nun die Gefahr der Korruption betrifft, so hat Nieuwenhuis als ehemaliger Parlamentarier den besten Beweis vom Gegenteil geliefert, aber auch Liebknecht und Bebel sind nicht korrumpirt worden.
Singer schlägt vor, die Diskussion zu schliessen und sowohl bei dieser Frage, wie bei den folgenden, nur noch die Berichterstatter zu hören und dann sofort über die vorgelegten Resolutionen abzustimmen.
Cornelissen. Sind wir denn Stimmvieh! (Lärm bei den Franzosen.)
Vandervelde. Singer hat bei seinem Vorschlage gewiss nicht im entferntesten daran gedacht, den beiden eingezeichneten Franzosen das Wort abzuschneiden. Er beantragt, noch die beiden Franzosen und einen Engländer zum Wort kommen zu lassen und dann die Diskussion über diesen Punkt zu schliessen.
Der Antrag wird angenommen.
Allemane (Paris) verteidigt seinen Vorschlag betreffend direkte Gesetzgebung; da er aber infolge beschränkter Redezeit nicht aussprechen kann, verlässt er unter Protest den Saal.
Die Holländer beantragen, den Kongress nach diesem Traktandum zu schliessen und die nicht erledigten Punkte einem neuen Kongress zuzuschieben. Nach dem Amendement, dass noch die Agrarfrage und die Gewerkschaftsfrage behandelt werden solle, beschliesst der Kongress mit 9 gegen 8 Nationen, dem Antrage Hollands zuzustimmen.
Caumeau (Pariser Gemeinderat): Auch seine Gruppe sei für die politische Aktion; es sei höchste Zeit, dass die Arbeiter den skandalösen Vorgängen in den kapitalistischen Parlamenten und Regierungen ein Ende machen. Er verwies auf die Panama-Skandale, den Überfall der Arbeiterbörse. Mit diesem Parlamentarismus müsse aufgeräumt werden, auch mit den extremsten Mitteln, wenn kein anderes Mittel bleibe: durch Proklamirung der sozialen Revolution.
Quelch (Sozialdemokr. Föderation London): Die Arbeiterparteien müssten unabhängig von allen bürgerlichen Parteien politische Aktion treiben. Aber sie dürfe nicht das einzige Mittel bilden, auch der wirtschaftliche Kampf der Gewerkschaftsorganisation müsse betont werden. Viele englische Gewerkschaften lieben das Wort „Revolution“ nicht, aber in der Sache Umwandlung der kapitalistischen Gesellschaft sind alle einig. Mit den Kompromissen mit bürgerlichen Parteien haben die Engländer die bittersten Erfahrungen gemacht, die Kompromisse haben geradezu verwüstend gewirkt, so dass die englische Delegation sich ganz entschieden gegen jeden Kompromiss erklären muss.
Bei der Abstimmung erklären sich 18 Nationen für die Kommissions-Resolution, Holland enthält sich der Abstimmung, Norwegen fehlt. Die Abstimmung wird mit grossem Jubel aufgenommen.
Die Holländer beantragen durch Vliegen, nach diesem Traktandum den Kongress zu schliessen. Ohne Diskussion ist eine Abstimmung ein Unding, deshalb solle man lieber den Schluss des Kongresses eintreten lassen und die unerledigten Traktanden dem nächsten Kongresse zuweisen. Ausserdem müsse in der kurzen noch übrig gebliebenen Zeit Ort und Zeit für den nächsten Kongress bestimmt werden.
Greulich ist insoweit dagegen, als wenigstens die Agrarfrage, in welcher ein Widerspruch nicht zu erwarten sei, nach Anhörung des Berichterstatters durch einfache Annahme der Resolution erledigt werden könne.
Der Kongress beschliesst mit 9 gegen 8 Nationen, den Kongress erst nach Abstimmung der Resolution über die Agrarfrage, sowie die internationale und nationale Umgestaltung der Gewerkschaften zu schliessen, nachdem italienische und rumänische Delegirte erklärt hatten, welche eminente Wichtigkeit die Agrarfrage für sie habe. Die amerikanischen und englischen Delegirten erklären ihrerseits, dass ihnen die Regelung der Gewerkschaftsfrage so wichtig sei, dass sie ihr ferneres Erscheinen auf internationalen Kongressen von der Behandlung und Erledigung dieser Frage hier abhängig machen müssten. Die Holländer sind mit der Einbeziehung dieser Frage in die Diskussion einverstanden.
Von Prof. Labriola, der durch den Schluss der Diskussion bei der Behandlung der Frage der Taktik nicht mehr zum Worte kommen konnte, wird folgende Erklärung zu Protokoll gegeben:
Bescheiden, sehr bescheiden war hier das Auftreten der Italiener wie das so Leuten geziemt, die eine erst im Entstehen begriffene Partei vertreten. Es stand uns deshalb auch nicht zu, hier das grosse Wort über die Fragen des Prinzips und der Taktik zu führen. Damit wollen wir warten, bis die Selbsterfahrung und eigene Taten unserm Rate und unsern Worten Nachdruck verleihen werden; aber wir Italiener als Vertreter der klassenbewussten Sozialdemokratie können doch die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, den Österreichern, die jetzt in dem Kampf um das allgemeine Wahlrecht sind, in welcher Bewegung sie durch die eben angenommene Resolution hoffentlich auf das wirksamste unterstützt werden, unsere herzlichste Sympathie auszusprechen. Wir wissen, was Österreich ist, ich meine damit natürlich nicht nur das despotische, bureaukratische und klerikale Österreich von ehemals, sondern auch das jetzige Oesterreich des Scheinkonstitutionalismus. Ich bin als Italiener sehr froh und stolz darüber, gerade den österreichischen Genossen die Hand drücken zu können: der italienische Sozialist dem österreichischen Sozialisten, zwischen denen keine Ströme frevelhaft vergossenen Blutes liegen. In dieser Tatsache liegen für die Zukunft alle Chancen der Freiheit und des Wohles, alle Hoffnungen der Verbrüderung der verschiedenen Nationalitäten und Rassen. Uns stehen noch keine Mittel zur Verfügung, um unsern österreichischen Brüdern in ihrem Kampfe gegen die Regierung helfend zur Seite zu stehen — nur unsere besten Wünsche können sie hier begleiten und unsere Mitwirkung an dem Zustandekommen der eben angenommenen Resolution. Die Zeiten sind jetzt vorüber, wo es für den Italiener eine strenge patriotische Pflicht war, alle Österreicher als Despoten und Despotenhelfer zu hassen. Jetzt herrscht über uns allen und namentlich in Italien despotisch der Panama-Dreibund.
Aber doch sind wir als Italiener in diesem Augenblicke dem früher berechtigten Patriotismus nicht untreu geworden, wenn wir heute für das österreichische Proletariat eintreten; denn wir kämpfen gegen die österreichische Regierung weiter als internationale Sozialisten, gegen den alten Despotismus und gegen die neue Bourgeoisie.
Zur Diskussion gelangt sodann das Traktandum:
Die Agrarfrage
Jaclard (Paris) begründet als Berichterstatter in kurzen Worten die Resolution. Diese Kommission konnte nur eine allgemeine Fassung beschliessen, aber die Frage ist so hochwichtig, dass man das System der Nichtbeachtung aufgeben muss. Die Wahlen in Deutschland haben einen starken Zuwachs von Stimmen der Landproletarier ergeben; in Frankreich sind sozialistische Gemeinderäte von Bauern gewählt worden. Er bitte folgende Resolution einstimmig anzunehmen. Diese lautet:
Siehe Die Agrarfrage.
Die Annahme erfolgt per Acclamation einstimmig.
Zur Behandlung gelangt schliesslich Punkt 6 der Tagesordnung:
Nationale und internationale Ausgestaltung der Gewerkschaften
Als Berichterstatter begründet Elm (Hamburg) die Resolution.
In der Gesamtkommission herrsche grundsätzliche Übereinstimmung darüber, dass es notwendig sei, die Gewerkschaftsbewegung sowohl auf nationalem als internationalem Gebiet zu stärken; dieselbe anerkenne die vom Brüsseler Kongress bezüglich der wirtschaftlichen Kämpfe beschlossene Resolution.
Nur die Frage, wie die Gewerkschaften international am besten zu verbinden seien, habe Meinungsverschiedenheiten hervorgerufen; es seien hierbei die gesetzlichen Schwierigkeiten in den einzelnen Ländern, namentlich in Deutschland und Österreich, zu berücksichtigen.
Die grosse Mehrzahl der in Deutschland gewerkschaftlich organisirten Arbeiter stimme darin mit den Engländern überein, dass eine lose Organisation nicht wirkungsvoll sein könne, dass lokale Organisationen dem heutigen Stand der wirtschaftlichen Entwicklung nicht entsprächen, dass eine Zentralisation notwendig und dass die beste Form der Zentralisation der Zentralverband wäre. Bei der Errichtung nationaler Zentralverbände hätten die deutschen Arbeiter einen ständigen Kampf mit den einzelnen Landesregierungen zu führen gehabt. In Deutschland gebe es 26 verschiedene Vereinsgesetze; hätte eine Gewerkschaft glücklich die Klippen des einen Gesetzes umschifft, so werde dieselbe vielleicht bald wieder in den reaktionären Schlingen eines der übrigen Gesetze des Kleinstaaterei-Gesetzgebungsnetzes gefangen; die willkürlichsten, widersprechendsten Entscheidungen der Kommunalbehörden seien an der Tagesordnung. Sich in diesem Labyrinth zurechtzufinden, bedürfe besonderer Gewandtheit und längerer Erfahrung.
Nationale Verbände über ganz Deutschland seien auch heute noch nicht möglich, viel weniger aber fest gegliederte internationale Verbände, welche die deutschen Gewerkschaften sofort mit dem Staatsanwalt in Konflikt bringen würden. Es komme hierbei lediglich auf die zu wählende Form der Verbindung an. Durch internationale Kartellverträge resp. Vereinbarungen könne bei gegenseitigem guten Willen dasselbe erreicht werden, wie durch festgegliederte internationale Organisationen, wie dieses die Buchdrucker und auch die Tabakarbeiter bewiesen hätten. Bezüglich der Frage der internationalen Arbeitersekretariate halte die Mehrzahl der Kommissionsmitglieder es organisatorisch am zweckmässigsten, zunächst in den verschiedenen Berufen nationale Sekretariate zu bilden; diese könnten alle Nachrichten von Bedeutung über die Arbeiterbewegung, Strikes und Ausschlüsse, sowie die Jahresberichte der einzelnen Gewerkschaften gegenseitig austauschen; einem gemeinschaftlich zu bestimmenden Lande müsse die Aufgabe zuerteilt werden, das Haupt- oder internationale Sekretariat zu bilden. — In Ländern, in denen behördliche Scherereien zu erwarten seien, könnten die nationalen Sekretariate durch in öffentlichen Versammlungen oder auf den internationalen Kongressen zu wählende Vertrauenspersonen gebildet werden. Ein einziges internationales Sekretariat für alle Gewerkschaften eines Landes würde organisatorisch zu schwerfällig arbeiten; bezüglich Auskunft- und Raterteilungen in allen internationalen Arbeiterangelegenheiten sei dasselbe zu empfehlen.
Über die Frage der Errichtung von Arbeitsbörsen sei die Kommission einig; dieselbe halte es aber für notwendig, zu betonen, dass die Gewerkschaften die Leitung derselben selbst in die Hand nehmen müssten, da andernfalls die Institution des Arbeitsnachweises zur Unterdrückung der Arbeiter ausgebeutet werden könnte. Redner berührt dann kurz die auf Antrag der amerikanischen, australischen und italienischen Delegationen in der Kommission einstimmig beschlossenen Resolutionen und empfiehlt deren Annahme auf dem Kongress.
In der vorhergehenden Debatte, bemerkt Redner schliesslich, sei schon betont worden, dass neben der Erringung der politischen Macht die Stärkung der Gewerkschaftsbewegung notwendig sei. Nach den in der Kommission gegebenen Berichten sei in mehrern Hauptländern die Organisation eine gute; Deutschland habe eine starke politische Arbeiterpartei, die Gewerkschaftsbewegung dagegen sei dort nur schwach. Einesteils sei dies auf die andauernde Krisis, andernteils auf das geringe Mass von Bewegungsfreiheit in Deutschland zurückzuführen. Die Gewerkschaftsbewegung zu fördern, sei im Interesse der gesamten Arbeiterbewegung dringend erforderlich. Auf diesem Kongress hätten sich die Vertreter der englischen Arbeiter mit den Delegirten der übrigen Länder bezüglich der politischen Taktik geeinigt. Wir wollen nicht scheiden, sagt Redner, ohne unsern englischen Brüdern die Versicherung zu geben, dass das, was sie in heroischem Kampfe geleistet, uns mit Bewunderung erfüllt, dass wir ihre Organisationen als mustergültige anerkennen und uns bestreben wollen, ihnen auf der Bahn der Organisation nachzueifern. Die Masse der Arbeiter gewerkschaftlich gut organisirt und politisch aufgeklärt, werden wir bald das grosse Ziel erreichen, welches uns Allen vorschwebt, die Befreiung des Proletariats vom Joche des Kapitalismus!
Er bitte um Annahme folgender Resolution:
I.
Unter Bezugnahme und Anerkennung der auf dem Brüsseler Kongress im Jahre 1891 über Streiks und Boykotts beschlossenen Resolution, beschliesst der Internationale sozialistische Arbeiterkongress 1893 in Zürich:
Den Kampf der Arbeiterklasse auf wirtschaftlichem Gebiet einheitlich und wirkungsvoll gestalten kann nur die Arbeiterorganisation. Pflicht aller klassenbewussten Arbeiter ist es, sich ihren respektiven Organisationen anzuschliessen. Pflicht der politischen Arbeiterpartei und der Arbeiterpresse ist es, die Organisationen der Arbeiter auf gewerkschaftlichem Gebiet mit aller Energie zu fördern; die Gewerkschaften sind berufen, die Pfeiler der künftigen Organisation der Gesellschaft zu bilden und ist deren Ausbau deshalb neben der Erringung der politischen Macht der Arbeiterklasse eine absolute Notwendigkeit.
Die vereinten Anstrengungen der Kapitalistenklasse, die Arbeiter in ihrer Lebenshaltung zurückzudrängen, gebieten einen grössern Zusammenschluss der Kräfte auf gewerkschaftlichem Gebiete, die Pflege der Zusammengehörigkeit und der Gemeinsamkeit der Interessen sämtlicher Arbeiter aller Branchen und Länder, ohne Rücksicht auf Religion und Volksabstammung, der tatkräftigen gegenseitigen Unterstützung derselben in allen Kämpfen gegen den Kapitalismus.
Der Kongress empfiehlt zu diesem Zweck:
- die Gründung von nationalen Verbänden der gleichen Berufe; 2. den Abschluss von internationalen Vereinbarungen zwecks gegenseitiger Hülfeleistung; 3. die Errichtung von nationalen Arbeitersekretariaten der einzelnen Arbeitsbranchen, bei denen alle Verbände beteiligt sind; denselben wird es zur Pflicht gemacht, alle Nachrichten von Bedeutung über die Arbeiterbewegung, Streiks und Ausschlüsse, sowie die Jahresberichte der einzelnen Gewerkschaften gegenseitig auszutauschen; 4. zwecks einheitlicher Organisation des Arbeitsnachweises sollen die Gewerkschaften in allen Plätzen die Errichtung von Arbeitsbörsen von den Gemeinden verlangen, deren Leitung einzig und allein den organisirten Gewerkschaften der betreffenden Stadt zu übertragen ist.
Siehe Nationale und internationale Ausgestaltung der Gewerkschaften, II und III.
Volders bringt folgenden Gegenantrag ein:
Siehe Nationale und internationale Ausgestaltung der Gewerkschaften, I.
Folgen Punkt II und III des Kommissionsantrages.
England: Alfr. Greenwood; Belgien: Jean Volders, E. Pierron; Italien: F. Turati; Vereinigte Staaten: L. Sanial; Australien: F. Sceusa; Rumänien: Many, Mille; Spanien: Iglesias; Bulgarien: Gabrowsky; Serbien: Iv. Baloudjtich; Frankreich: Mortier; Holland: Domela Nieuwenhuis, Cornelissen.
Die Abstimmung über den ersten Punkt der Resolutionen ergibt 12 Nationen für den Volders’schen Antrag, sechs Nationen (Deutschland, Österreich, Dänemark, Schweiz, Ungarn, Polen), für den Antrag der Kommission, zwei (Schweden, Russland) enthalten sich. Punkt II und III der Resolution werden nach dem Kommissionsantrage durch Acclamation angenommen.
Eugenie Collon spricht den Wunsch aus, dass diese Organisationen nunmehr in anarchistischem Sinne agitiren sollen.
Renou spricht sein lebhaftes Bedauern darüber aus, dass dem Pariser Beschlusse bezüglich der Arbeiterberichte bishin noch nicht nachgekommen worden sei und ersucht die Gewerkschaften um Abgabe ihrer Adressen.
Sigg, Kantonsrat, Genf, macht Mitteilung davon, dass der internationale Kongress sozialistischer Studenten und ehemaliger Studirender vom 21. bis 24. Dezember in Genf stattfinden wird.
Damit ist die Tagesordnung, nach dem angenommenen Antrage der Holländer, erledigt.
Als nächsten Kongressort für 1895 schlägt Hobson im Auftrage der englischen Delegation London vor; man werde dann dort sehen, dass die sozialistische Bewegung in England viel weiter vorgeschritten sei, als man allgemein annehme.
Singer erklärt, die Deutschen nehmen die englische Einladung mit Freuden an, wünschen aber, dass der Kongress erst auf 1896 berufen werde.
Elf Nationen stimmen für 1896, acht für 1895. Damit ist der nächste Kongress für 1896 nach London einzuberufen.
Die österreichische Delegation stellt folgenden Antrag:
Siehe Das allgemeine Wahlrecht.
Dieser Antrag gelangte sofort ohne Debatte zur Annahme durch Acclamation.
Frau Kulischoff. Hiermit wären die Geschäfte des Kongresses erledigt. Ich habe dem Kongress nur noch eine Mitteilung zu machen. In diesem Augenblicke befindet sich in unserer Mitte der ruhmreiche Vorkämpfer des Proletariates, der geistige Vorkämpfer der internationalen Sozialdemokratie, Friedrich Engels. Das Bureau hat einmütig beschlossen, ihn zu bitten, das Ehrenpräsidium zu übernehmen und den Kongress zu schliessen.
Diese Mitteilung und das Erscheinen Engels, der einer wunderbaren Frische und Gesundheit sich erfreut, wird jubelnd begrüsst. Immer von neuem ertönen die begeisterten Hochrufe, mit welchen die Delegirten und das Publikum auf den Gallerien den treuen und tapfern Genossen willkommen hiessen. Nachdem Ruhe eingetreten war, hielt Engels folgende Ansprache:
Die Schlussrede ist in unserer Abteilung Marx und Engels veröffentlicht: Schlußrede auf dem Internationalen Sozialistischen Arbeiterkongreß in Zürich.
Die Versammlung bricht in stürmische Hochrufe aus. Der Jubel dauert eine ganze Zeit lang an. Die Anwesenden erheben sich und singen stehend die Marseillaise.
Über die nicht mehr zur Verhandlung gelangten zwei Gegenstände: Weltstreik und Internationale Organisation der Sozialdemokratie, waren von den bestellten Kommissionen folgende Resolutionen vorgeschlagen worden:
Siehe Nicht mehr verhandelt: Beschluss betreffend den Weltstreik.
Siehe Nicht mehr verhandelt: Internationale Organisation der Sozialdemokratie.
Als Protokollführer: Dr. H. Lux, Magdeburg.
Liste der Delegirten zum Internationalen Sozialistischen Arbeiterkongress in Zürich (6. bis 13. August 1893)
Australien.
- Sceusa, F., Sidney (Australien), Social-demokrat. Federation of Australia.
Belgien.
- Van Beveren, Edm., Gand, Fédération Gantoise (Belgien).
- Claeys, Eugénie, Belgique.
- Debrouckerc, Louis, Bruxelles, Fédération des étud.-soc.
- Defnet, Gustave, Bruxelles, La maison du peuple.
- Goetschalk, C., Anvers, Fédérat. anversoise.
- Van Kol, Henri, Gent, Vereenigde Weerstandskassen.
- Van Kol, Nellie, Bruxelles, Ligue des femmes hollandaises et flamandes; Union pour la solidarité des femmes.
- Lafontaine, Henri, Bruxelles, Cooperativ. La Justice.
- Léonard, H., Belgique, Fédérat. du Centre.
- Malenpré, J., Enseral, Tissiands Gaulois Fédération Verrétoire.
- Pierron, E., Belgique, Fédération nat. des métallurgistes.
- Sas, François, Bruxelles, Fédération générale des Travailleurs du bois.
- Serwy, Victor, Belgique, Fédération Bruxelloise.
- Standaert, Camille, Bruxelles, La maison du peuple.
- Vandervelde, E., Bruxelles, Parti ouvrier belge.
- Volders, Jean, Bruxelles, Parti ouvrier belge.
- Vanleda, Jean, Belgique, Fédération nationale cigariers.
Brasilien.
- Liebknecht, Wilhelm, Berlin, Arbeiterpartei Brasiliens.
- Seidel, Rob., Zürich, Deutsche Arbeiter in San Paulo.
Bulgarien.
- Gabrovsky, N.Ch., Bulgarien. Parti social-démocrate bulgare. Congrès de Tirnowa.
- Rakowsky, Kresta, Choumla, Sozialdem. Bund Bulgariens.
Dänemark.
- Jensen, J., Kopenhagen, Zentral. Fachvereine.
- Knudsen, P., Kopenhagen, Sozialdemokratische Partei Dänemarks; vertritt auch die sozialdem. Partei Schweden.
Deutschland.
- Albrecht, Adolf, Halle, Sozialdem. Partei Prov. Sachsen-Anhalt.
- Antrick, Otto, Berlin, Partei.
- Arnold, Hans, Konstanz, Partei.
- Autenrieth, Offenburg.
- Baudert, A., Apolda, Partei Thüringen.
- Bebel, Aug., Berlin, Sozialdemokratische Reichstagsfraktion.
- Beck, Emil, Zürich, Deutsche Sozialisten.
- Bernauer, H., Freiburg.
- Bernstein, Ed., London, Partei Schaumburg-Lippe.
- Birk, München, Partei.
- Bock, W., Gotha, Schuhmacher Deutschlands.
- Brey, Aug., III. und IX. Hannoverischer Wahlkreis.
- Bruhns, J., Bremen.
- Bucho, Friedr., Deutsche Vereine der Schweiz.
- Bueb, F., Mühlhausen i. E.
- Calwer, R., Braunschweig.
- Dempwolf, Friedrich, Zürich, Deutscher Verein Eintracht.
- Deussen, Joseph, Schaffhausen, Arbeiterbildungsverein.
- Diener, August, Frankfurt a. M., Partei.
- Dreesbach, August, Mannheim, Sozialdemokratischer Verein Mannheim.
- Dullens, Hugo, Arbeiter - Wahlverein St. Ingbert.
- Elm, A. von, Schleswig-Holstein, Partei.
- Emmel, L., Saarbrücken, Partei.
- Fischer, Richard, Berlin, Partei.
- Franckel, Paris, Deutscher Leseklub.
- Fräsdorf, J., Dresden.
- Freistetten, Amrisweil, Arbeiterbildungsverein.
- Fritz, St., Berlin, Genossen von Berlin.
- Gebel, Albert, Bergedorf, Glasarbeiter.
- Grillenberger, Nürnberg, Partei.
- Grimpe, Elberfeld.
- Grünberg, K., Hartha (Sachsen), Partei.
- Hampel, Chur, Deutscher Arbeiterbildungsverein.
- Hase, Königsberg, Partei.
- Haug, J. F., Freiburg, Partei.
- Haupt, K., Apolda, Verband der Textilarbeiter und -Arbeiterinnen.
- Herbert, Fritz, Stettin, Partei.
- Helms, Basel, Deutscher Arbeiterbildungsverein.
- Hildenbrand, Karl, Stuttgart, Partei.
- Hoch, Partei von Hanau, Höchst und Wiesbaden.
- Hofmann, A., Saalfeld.
- Horn, Georg, Löbtau, Glasarbeiter.
- Hübsch, Karl, Berlin.
- Hug, Paul, Bant.
- Jahn, R., Berlin, Porzellanarbeiter Deutschlands.
- Junge, A., Esslingen.
- Keufenneuer, Mühlheim, Partei.
- Kloss, C., Stuttgart.
- Lehmann, G., Dortmund.
- Lehmann, C., Offenburg, Reichstagswahlkreis Offenburg.
- Liebknecht, W., Berlin, Sozialdemokratische Reichstagsfraktion.
- Lux, Dr., Magdeburg, Partei.
- Meist, Köln.
- Metzner, Th., Berlin, Genossen von Berlin.
- Metzschke, A., Altenburg.
- Müller, Elberfeld.
- Näther, Otto, Berlin, Metallarbeiter.
- Pinkau, K., Leipzig.
- Reichelt, Albin, Burgstädt.
- Ruf, Heinr., Osternburg bei Oldenburg, Glasarbeiter.
- Sauerborn, Genf, Deutsche Vereine der Westschweiz.
- Schättgen, Zürich, Deutsche Sozialisten.
- Schippel, M., Chemnitz.
- Schmidt, C., Königsberg.
- Schmidt, Heinrich, Zürich, Deutsche Sozialisten.
- Schmitt, Pirmasens, Partei Ludwigshafen.
- Schober, Karl, Schleifer, Ravensburg.
- Schöf, S., Schreiner, Ravensburg.
- Schreiber, Erdmann, Aarau, Arbeiterverein.
- Schumann, Bruno, Bielefeld, für das östliche Westfalen u. Lippe-Detmold.
- Schuhmacher, G., Solingen.
- Schwarz, Theodor, Lübeck, Partei.
- Segitz, M., Nürnberg, Metallarbeiter Deutschlands.
- Seifert, J., Zwickau.
- Siebert, Joh., Nürnberg.
- Singer, P., Berlin, Sozialdemokratische Reichstagsfraktion.
- Sperber, F., Rosenheim.
- Stadthagen, A., Berlin, Nieder-Barmen.
- Stamm, Cannstatt, Sozialdemokratischer Verein Calw und Partei Cannstatt.
- Stengele, G., Hamburg.
- Störmer, A., Hamburg, Seemannsverein.
- Stolpe, H., Breslau.
- Stühmer, H., Hamburg.
- Timm, J., Berlin, Genossen von Berlin.
- Töpper, Fritz, Karlsruhe, Schneider.
- Ulrich, Karl, Offenbach, für das Grossherzogtum Hessen.
- Ulrich, G, Neu-Ulm.
- Wächter, Th., Stuttgart, Partei.
- Wesch, C., Crefeld und Essen.
- Wieser, Kommunistischer Arbeiterbildungsverein; London.
- Wiehle, R., Hannover.
- Wurm, E., Gera.
- Winkler, Chur, Deutscher Arbeiterbildungsverein.
- Zenker, Th., Karlsruhe, Partei.
- Zetkin, Clara, Stuttgart, Socialdemokratische Frauen (Mannheim) und Parteigenossen Berlin.
- Zielowosky, Otto, Offenburg, Partei Pforzheim.
- Zinner, Winterthur, Deutsche Socialisten.
- Zitt, Joseph, Augsburg, Partei.
Frankreich.
- Allemane, Paris, Cercle typographique d’études sociales.
- Amoretti, Marseille, Fédération nationale des syndicats corporatifs de France.
- Amphoux, Union des Chambres syndicales ouvrières d’Aix.
- Argyriadès, Paris, a. Comité révolutionnaire central; b. Comité central du Parti ouvrier (Section Armentières) ; c. agglomération des travailleurs socialistes de l'Allier.
- Arndt, Paul, Paris, a. Comité révolutionnaire central; b. Groupe des Etudiants socialistes révolutionnaires internationalistes de Paris.
- Beusse, Fernand, Chambre syndicale des ouvriers approprieurs chapeliers de Lyon.
- Bonnet, Paris, a. Comité révolutionnaire central; b. Groupe des Etudiants socialistes révolutionnaires internationalistes de Paris; c. Union socialiste révolutionnaire du VI (Parti ouvrier).
- Bonnier, Ch., Paris, a. L’Ere nouvelle (revue mensuelle); b. Parti ouvrier (conseil national).
- Borniol, Cannes, a. Chambre syndicale des ouvriers typographes de Cannes; b. Chambre syndicale des ouvriers cuisiniers de Cannes et du littoral; c. Chambre syndicale des employés limonadiers restaurateurs de Cannes.
- Caumeau, Jules, a. Comité national de la Fédération des travailleurs socialistes de France; b. La Solidarité, groupe d'études et d’action politique et sociale de Chatellerault; c. Chambre syndicale des employés de Paris; d. Chambre syndicale des ouvriers en fer de Paris.
- Chabert, Marseille, Fédération nationale des syndicats corporatifs de France.
- Collot, Eugénie (citoyenne), Paris, Chambre syndicale des ouvrières tapissières en ameublements.
- Chausse, Paris, Parti ouvrier socialiste révolutionnaire (secrétariat général).
- Contensouzac, Paris, Ligue intransigeante socialiste.
- Cortès, Marseille, Bourse du travail de Marseille.
- Degay, Paris, Comité révolutionnaire central.
- Dejeante, Paris, Fédération des ouvriers chapeliers de France.
- Desmurs, Chambre syndicale des ouvriers et ouvrières de chapellerie de Paris.
- Dissard, Lyon, a. Bourse du travail; b. Fédération nationale, Conseil local.
- Doublier, Lyon, Syndicat professionnel de l'Union des tisseurs et similaires.
- Ferra, Lyon, a. Bourse du travail; b. Fédération nationale, Conseil local.
- Fière, Louis, Romans, a. Groupe des travailleurs socialistes révolutionnaires de Romans et Bourg de Péage (Drôme); b. Fédération socialiste du Dauphiné.
- Gros, Hypolyte, Marseille, Fédération nationale des syndicats corporatifs de France.
- Guérard, Paris, Chambres syndicales des ouvriers et employés des chemins de fer français.
- Jaclard, a. Syndicat des Journalistes socialistes; b. Fédération des socialistes indépendants.
- Keufer, Auguste, Paris, a. Fédération française des travailleurs du livre; b. Chambre syndicale typographique parisienne.
- Marianne (citoyenne), La question sociale.
- Marchand, Nantes, a. Syndicat métallurgiste de Couërou; b. Bourse de travail de Nantes; c. Bourse du travail de Cholet; d. Bourse du travail de St-Nazaire; e. Comité socialiste révolutionnaire de Nantes.
- Mojonnet, Dijon, a. Bourse du travail de Dijon et de la côte d’or; b. Fédération des travailleurs socialistes de l'Est (Dijon).
- Montagard, Marseille, Bourse du travail de Marseille.
- Mortier, B., St-Etienne, a. Fédération nationale des ouvriers métallurgistes de France; b. Comité du parti ouvrier socialiste (St-Etienne); c. Fédération nationale des ouvriers métallurgistes de France (section de la Loire-St-Etienne).
- Pinatel, Marseille, Fédération nationale des syndicats corporatifs de France.
- Planteau, Paris, Ligue intransigeante socialiste.
- Remy, L., Paris, a. Comité révolutionnaire central; b. Groupes des Etudiants socialistes révolutionnaires internationalistes de Paris; c. Union socialiste révolutionnaire du VI (Parti ouvrier).
- Renou, Paris, Secrétariat national du travail.
- Roussin, Xavier, Paris, Union des Chambres syndicales ouvrières du Var, Toulon.
- Reynaud, Marseille, Fédération nationale des syndicats corporatifs de France.
- Simon, Lyon, a. Bourse du travail; b. Fédération nationale (Conseil local lyonnais); c. Bourse du travail de Roanne; d. Chambre syndicale des ouvriers en chaussures de Voiron; e. Chambre syndicale des cordonniers de Lyon.
- Stettbacher, Fédération ouvrière du Tarn, de l'Aveyron et de l'Hérault.
- St-Domingue, Paris, Cercle des prolétaires positivistes de Paris, de Buda-Pesth et de la société positiviste de Londres.
- Veber, Paris, a. La revue socialiste; b. Fédération des socialistes indépendants.
Grossbritannien und Irland.
- Anderson, John, Parliamentary Committee of the Trades Union Congress.
- Anderson, R. W., The Yorkshire Fabian Society.
- Ashton, J., Miners’ Federation of Great Britain.
- Aveling, Ed., London, National Union of Gas Workers.
- Bax, E., Belfort, Tottenham, Social Democratic Federation.
- Byrne, Mich., Manchester, Amalgamated Society of Tailors.
- Champion, H. H., Independent Labour Party of Aberdeen.
- Cleves, E. A., Canning Town, Social Democratic Federation.
- Clynes, J. R., Oldham, Oldham Trades Council.
- Crœsel, H., London, Soc. Scientific Instrument makers.
- Davis, W. J., Birmingham, National Society of Brass workers.
- Edwards, B., London, Communistischer Arbeiterbildungsverein.
- Edwards, E. G., Dover, The Kentish Ind. Labour Party.
- Field, Arthur, Leicester, The Independent Labour Party.
- Fitzpatrick, R. H., Dublin, Dublin Socialist Union.
- Freake, Chas., National Society of Boot makers etc., London.
- Galbraith, Samuel, Durham Miners.
- Gilles, Ferd., London, The Workers Productive Society.
- Glynn, L. A., Leeds, The Independent Labour Party.
- Greenwood, A., London, Glass Bottle Makers of Great Brit.
- Quelch, Harry, London, Social Democratic Federation.
- Harford, Ed., Trades Unions Congress, Parliamentary Commitee.
- Hobson, Chas., Sheffield, Trades Council.
- Hodge, John, Parliamentary Commitee of the Trades Union Congress.
- Holmes, David. Parliamentary Commitee of the Trades Union Congress.
- Holmes, James, Leicester, Nat. Hosiery Federation.
- Juggins, R., Midland Counties Trades Federation.
- Irwin, Marguerite, Glasgow, Womens Provident Protective League.
- Jarvis, J., Tunbridge Wells, Social Democratic Federation.
- Johnson, John, Durham Miners.
- Lessner, Frd., Bloomsbury, Bloomsbury Soc. Society.
- Lyons, Lewis, London, The international Tailors, Machinists and Pressers Union.
- Macdonald, James, London, The London Trades Council.
- Maclaren, C. Scott, London, Amalgamated Society of Tailors.
- Martin, J. W., Wolverhampton, The Fabian Society.
- Mrs. Marx-Aveling, E., London, National Union of Gas Workers.
- Maxwell, Shaw, London, The Independent Labour Party.
- Macleod, Ed., London, Amalgamated Society of Tailors.
- Mowbray, C. W., London, Amalgamated Society of Tailors.
- Mrs. Morris-Sparling, M., London, Hammersmith Soc. Society.
- Miss Ogilvy, Edinburgh, The Scottish Labour Party.
- Ogilvy, J., Edinburgh, The Scottish Labour Party.
- O’Connor, J., London, Coal Porters Federation.
- Oliver, S., Walworth, Social Democratic Federation.
- Olivier, Sydney, London, The Fabian Society.
- Pickard, B., Miners’ Federation of Great Brit.
- Robinson, G., Nottingham and District Trades Council.
- Roland, H., International Amalgamated Society of Tailors.
- Sauerborn, J., Marylebone, Social Democratic Federation.
- Shaw, G. Bernard, London, The Fabian Society.
- Scheu, Andreas, London, Deptford C. Greenwich Social Society.
- Sheridan, E. F., London, Spitalfields Market Porters Union.
- Smart, Russel, London, Cheshire Fabian Society.
- Smith, J. H., Edinburgh, Scottish Soc. Federation.
- Smith, Ad., London, Womens Trades Unions League.
- Stanley, A., Glasgow, Miners’ Federation of Great Brit.
- Steadman, W. C., London, The London Trades Council.
- Summers, J. D., Battersea, Social Democratic Federation.
- Taylor, John, Dudley, Midlands Counties Trades Federation.
- Thorne, Will, London, National Union of Gas Workers.
- Vœlkel, Theobald, London, Glass Bottle Makers of Great Brit. and Irland.
- Warrington, J. W., Glasgow, United Trades Council.
- Watts, Hunter, London, Social Democratic Federation.
- Winchewsky, B., Jewish Trades Unions and socialist Society.
- Wordsworth, G., Glasgow, Miners’ Federation of Great Brit.
Holland.
- Cornelissen, Chr., Amsterdam, Partie socialiste.
- Domela-Nieuwenhuis, F., Amsterdam, Partie socialiste.
- Gerhard, J. W., Amsterdam, Sozialdemokratischer Lehrerverein von Hoiland.
- Hovingh, H., Amsterdam, Typographenband „Voorwaarts“.
- Van Kol, H., Amsterdam, Verein der Zuckerbäcker.
- Vliegen, W. H., Maastricht, Partie socialiste.
Italien.
- Bussi, Reggio-Emilia, Federazione delle cooperative.
- Cabrini e Berenini, Parma, Associationi socialiste.
- Canepa, Oneglia, Lega socialista.
- Coda, Milano, Federazione muraria italiana.
- Croce, Milano, Società guantai.
- Dall’Ovo, Pavia, Circolo socialista.
- Filippetti, Dr. A., Milano, Unione Democratico-Socialista.
- Genoni, Rosa, Reggio-Emilia, Cooperativa fabbri e fonditori di ghisa.
- Kuliscioff, Anna, Milano, Unione figlie del lavoro.
- Labriola, Napoli, Circolo socialista.
- Leonardi, Milano, Unione typografica-socialista.
- Pini, Reggio-Emilia, Società cooperativa muratori.
- Prampolini, Milano, Comitato centrale del partito del lavoratori.
- Riccardi, Terni, Federazione socialista „Armata dell’ Avvenire“.
- Rondani, Reggio-Emilia, Lega socialista.
- Rossi, Genova, Lega socialista.
- Serrati, Milano, Lega lavoranti mobili.
- Soldi, Cremona, Lega Resistenza e socialista contadini.
- Soja, Milano, Federazione litografica.
- Tanzi, Carlo, Milano, Lega socialista Milanese.
- Turati, Filippo, Milano, Nueleo socialista di Porta Venezia; Palermo, Partito dei Lavoratori italiani; Molfetta, Federazione socialista Pugliese.
- Voghera, Reggio-Emilia, Società cooperativa marmisti.
Norwegen.
- Kröger-Johansen, Kristiania, „Det norske Arbejderparti“.
Österreich.
- Dr. Adler, Victor, Wien, Sozialdemokratische Partei Österreichs.
- Aich, Wilh., Villach, Kärnten, Landesorganisation.
- Bösenböck, Franz, Wien, Hutmacher Österreichs.
- Daszinsky, Ignaz, Krakau, Landesorganisation Galiziens.
- Dittrich, Robert, Wien, Schuhmacher Österreichs.
- Dworschak, Adelheid, Wien, Landesorganisation Niederösterreichs.
- Ehrentraut, Julius, Wien, Sekretär des Unterrichtsverbandes der Arbeitervereine Niederösterreichs.
- Dr. Ellenbogen, Wilh., Wien, Sozialdemokratische Partei Österreichs.
- Harrich, Joseph, Zürich, Österr.-ungar. Arbeiterverein Zürich.
- Hanich, Joseph, Steinschönau, Bezirksorganisation und Glasarbeiter Steinschönaus und Haida.
- Heinrich, K., Wien, Hutmach. Österreichs.
- Höger, Karl, Wien, Buchdrucker und Schriftgiesser Österreichs.
- Kautsky, K., Stuttgart, Landesorganisation Niederösterreichs.
- Kautsky, Louise, London, Landesorganisation Niederösterreichs.
- Kiesewetter, W., Reichenberg, Landesorganisation Nordböhmen.
- Dedic, Karl, Prag, Landesorganisation.
- Hybes, Joseph, Brünn, czechische Landesorganisation Mährens.
- Scaloud, Josefine, Prag, organisirte Arbeiterinnen Böhmen und Mähren.
- Kozakiewicz, Jan, Lemberg, Landesorganisation Galiziens.
- Lischka, Joseph, Wien, Metallarbeiter Österreichs.
- Mokloski, Kazimierz Stanislaus, Landesorganisation Galiziens.
- Neururer, Peter, Wien, Schneider Österreichs.
- Prähauser, Jakob, Salzburg, Landesorganisation Oberösterreichs u. Salzburg.
- Resel, Hans, Graz, Landesorganisation Steiermark und Krain.
- Roscher, Franz, Reichenberg, Textilarbeiter Böhmen und Niederösterreich.
- Saska, Ignaz, Innsbruck, Landesorganisation Tirol und Vorarlberg.
- Scaret, Ferdinand, Wien, Holzarbeiter Österreichs.
- Scheu, Jos., Wien, Landesorganisation Niederösterreichs.
- Schmidt, Hugo, Jägerndorf, Landesorganisation Mähren und Schlesien.
- Schuhmeier, Franz, Wien, Landesorganisation Niederösterreichs.
- Stechenberg, Jakob, Lemberg, jüdische sozialdemokratische Arbeiter Lemberg und Krakau.
- Tomschik, Jos., Wien, Eisenbahnarbeiter Österreichs.
Czechische Delegirte.
- Schaller, Franz, Prag, organis. Tischler Böhmens.
- Steiner, Joseph, Pilsen, Landesorganisation Westböhmens.
Ungarn.
- Ancel, Joh., Agram (Kroatien), Sozialdemokratische Partei u. Holzarbeiter.
- Ditz, Jos., Budapest, Gewerkschaft der Drechsler.
- Jaszai, Samuel, Budapest, Sozialdemokratische Partei.
- Kiss, Adolf, Neupest, Sozialdemokratische Partei.
- Kittel, F., Budapest, Gewerkschaft der Schuhmacher, Bildhauer u. Eisendreher.
- Kösa, Ludw., Budapest, Gewerkschaft der Hutmacher, Spengler u Wasserleitungsarbeiter.
- Rädi, Alexander, Neupest, Sozialdemokratische Partei.
- Reisch, Franz, Budapest, Sozialdemokratische Partei.
- Schuldes, Franz, Budapest, Gewerkschaft der Tischler.
- Zalkai, Alois, Pressburg, Sozialdemokratische Partei und mehrere Gewerkschaften.
Polen.
- Daszynsky, Ignacy, Krakau, Landeskomite von West-Galizien.
- Grabski, Stanislaw, Paris, Parti socialiste polonais Posen.
- Karski, Warschau, Sozialdemokratische Gruppe von Russisch-Polen.
- Kozakiewicz, Jan, Lemberg, Landeskomite von Ost-Galizien.
- Mendelson, Stanislas, London, Polnische sozialistische Partei (Russisch-Polen); Ausländischer Verband der polnischen Sozialisten.
- Mendelson, Maria, London, Ligue étrangère des socialistes polonais; Parti socialiste polonais.
- Moklowsky, Casimir, Machitz, Parti socialiste polonais Stanislawow.
- Perl, Felix, London, Parti socialiste polonais.
- Steckenberg, Jakob, Lemberg, Jüdischer Arbeiterverein.
- Vitold, Jodko, London, Parti socialiste polonais.
Rumänien.
- Digrim; Dobrogeano-Ghera, C.; Mille, Const.; Panaitesco, Gregoire; Radovici, Jean: Sozialdemokratische Partei von Rumänien, Congrès von Bucharest.
Russland.
- Plechanoff, Georg, Petersburg, Russische sozialdemokratische Partei New York.
Schweiz.
- Affolter, Jakob, Bern, Arbeiterunion.
- Arnold, Wilhelm, Basel, Arbeiterbund Basel und Schweizerisches Parteikomite.
- Bärtschi, Julius, Baden, Arbeiterunion und Allgemeiner Arbeiterverein.
- Berger, Arbeiterbund Oerlikon.
- Bertschi, J., Arbeiterunion Winterthur.
- Bertschinger-Hug, Wülflingen, Arbeiter-Union Winterthur.
- Bitsch, Zürich, Schweiz. Schneiderverband.
- Blanc, Felix, Lausanne, Union ouvrière de Lausanne.
- Bommeli, Rud., Genf, Deutscher Arbeiter-Verein, Grütliverein etc.
- Bosshardt, J., Thalweil, Sozialdemokratische Mitgliedschaft u. Grütliverein.
- Brandt, Paul, St. Gallen, Arbeiterunion.
- Brun, Zürich, Maler.
- Caderas, J., Küsnacht, Grütliverein.
- Coda, J. B., Lausanne, Fédération international des Manœuvres Maçons, Section de Lausanne.
- Conrad, P., Horgen, Holzarbeitergewerkschaft von Thalweil und Horgen.
- Conzett, C., Oerlikon (Zürich), Arbeiterverein Oerlikon und Umgebung.
- Conzett, Frau, Zürich, Arbeiterinnenverein Zürich.
- Coullery, P., Chaux-de-Fonds, Grutli Romande.
- Degen, Joseph, Oberwil, Sozialdemokratische Mitgliedschaft Oberwil.
- Dürsteler, Jak., Wetzikon, Grütliverein.
- Dubois, A., Nyon, Holzarbeiter.
- Dunkel, G., Zürich, Maurerfachverein.
- Dunkel, Winterthur, Arbeiterunion Winterthur.
- Egli, Frau, Arbeiterunion Winterthur.
- Fauquez, Alois, Lausanne, Union ouvrière de Lausanne.
- Frech, L., Metallarbeitergewerkschaft Zürich.
- Freimüller, J., Bern, Schweiz. Schuhmacher-Verband.
- Frick, K., Zürich, Schweiz. Gewerkschaftsbund.
- Fürholz, Solothurn, Sozialdemokratische Partei.
- Gasser, Thun, Kreisverband.
- Gasser, Florian, Montreux, Menuisiers de la Suisse romande.
- Graf, W., Zürich, Grütliverein u. Buchbinderverein Zürich.
- Greiner, Louis, Lausanne, Holzarbeiter.
- Greulich, Herman, Zürich, Sozialdemokratische Partei.
- Gschwind, Stephan, Oberwil, Sozialdemokratische Mitgliedschaft Oberwil und Grütliverein Baselland.
- Haug, Karl, Kreuzlingen, Grütliverein.
- Hediger, Thalweil, Holzarbeitergewerkschaft von Thalweil und Horgen.
- Heierli, D., St. Gallen, Arbeiterunion St. Gallen.
- Hell, W., Zürich, Schweiz. Schneider u. Schneiderinnen.
- Hensler, Aussersihl, Grütliverein Industriequartier.
- Héritier, Louis, Genf, Comité du Partie social.
- Hotzenköcherle, R., Chur, Arbeiterbund.
- Huber, Dr., Winterthur, Sozialdemokratische Partei.
- Hug, Emil, Neumünster, Grütliverein.
- Hungerbühler, Zürich, Schweiz. Gewerkschaftsbund.
- Jauslin, Emil, Basel, Posamenterverein Basel.
- Käser, F., Bern, Schweiz. Typographenbund und Société typographique de la Suisse romande.
- Keel, Zürich, Schweiz. Gewerkschaftsbund.
- Keller-Schwing, J., Basel, Grütliverein Gross-Basel.
- Kessler, Ed., Solothurn. Arbeiterpartei.
- Kottmann, Wynenthal, Zentralverband der Tabakarbeiter.
- Kubli, Jakob, Netstal, Grütliverein.
- Künzler, Joh., Moutier, Grütliverein.
- Landolt, C., Zürich, Verein schweiz. Buchbinder.
- Lang, Otto, Zürich, Sozialdemokratische Partei.
- Levy-Isliker, T., Basel, Sozialdemokratische Partei.
- Link, R., Glaser, Schaffhausen, Arbeiter-Union Schaffhausen.
- Luginbühl, R., Langenthal, Grütliverein Langenthal.
- Mäder, St. Gallen, Grütli- und Arbeitervereine.
- Manz, C, Zürich, Verband schweiz. Buchbindergehilfen.
- Mauchle, Frida, Oerlikon, Arbeiterinnenverein.
- Mauchle, Oerlikon, Sozialdemokratische Mitgliedschaft.
- Maurizio, Adam, Bern, Arbeiterunion.
- Meier, Joh., Wollishofen, Grütliverein Wollishofen.
- Merk, Aug., Zürich, Schweiz. Gewerkschaftsbund.
- Meili, St. Georgen, Giesserfachverein St. Georgen.
- Meili, Arbeiterbund Oerlikon.
- Mettier, H., Zürich, Grütliverein Zürich.
- Moor, Karl, Lyss, Grütliverein.
- Morf, Aug., Zürich, Färbergewerkschaft.
- Morf, Rudolf, Zürich, Metallarbeitergewerkschaft.
- Muggli, G., Winterthur, Zentralkomite des Grütlivereins.
- Müller, J. B., St. Gallen, Grütliverein.
- Müller-Ott, Basel, Sozialdemokratische Partei.
- Näf, Eduard, Uzwil, Giesserfachverein.
- Ostheim, Zürich, Typographia Zürich.
- Peter, K., Horgen, Sozialdemokratische Partei und Grütliverein.
- Philipp, Philipp, Winterthur, Schneidergewerkschaft.
- Pietsch, Hermann, Zürich, Schweiz. Schneider- u. Schneiderinnenverband.
- Pivaz, Fritz, Vevey, Holzarbeiter.
- Reif, Arbeiterunion Winterthur.
- Reimann, G., Biel, Federation ouvrier horlogère.
- Roy, B., Zürich, Schreinergewerkschaft.
- Ruf, Aug., Zürich, Fachverein der Holzarbeiter.
- Sauerborn, Genf, Schneider- u. Schneiderinnenverband.
- Schatzmann, Fried., Lenzburg, Grütliverein.
- Schenkel, Zürich, Schuhmacherfachverein.
- Schmid, Jak., Zürich, Allgem. Arbeiterverein Zürich.
- Schiller, Bernh., Töss, Arbeiterverein.
- Schmitz, Zürich, Schweiz. Gewerkschaftsbund.
- Schönenberger, Arbeiterunion Winterthur.
- Schrag, L., Bern, Grütliverein.
- Schumacher, Wipkingen, Grütliverein.
- Schwitzguebel, A., Biel, Fédération ouvrier horlogère.
- Seidel, R., Zürich, Arbeiterunion Zürich.
- Sigg, Genf, Parti socialiste de Genève.
- Sigrist, Eduard, Basel, Sozialdemokratische Partei.
- Standhardt, Zürich, Zentralverband der Glaser (Schweiz).
- Steck, A., Bern, Schweiz. Parteikomite.
- Steiger, Gustav, Bern, Arbeiterunion.
- Stünzi, Heinr., Aussersihl, Grütliverein.
- Teufel, A., Lausanne, Allgem. Arbeiterverein.
- Thomann, Aug., Zürich, Schweiz. Gewerkschaftsbund.
- Thurowe, Davos.
- Vogt, Schreiner, Zürich, Gewerkschaft (Ersatz).
- Frl. Wahlen, Basel, Schweiz. Arbeiterinnenverein.
- Waldvogel, Schaffhausen, Arbeiterunion.
- Wassilieff, Bern, Arbeiterunion.
- Weber, Rudolf, Affoltern, Grütli- und Arbeiterverein.
- Werner, Winterthur, Zentralkomite des Grütlivereins.
- Wetzel, Solothurn, Arbeiterpartei.
- Widmer, Alois, Zürich, Fachverein der Buchbinder.
- Wolf, Hans, Melchnau, Grütliverein.
- Würgler, Zürich, Arbeiterbildungsverein Zürich III.
- Wyss, J., Zofingen, Sozialdemokratische Mitgliedschaft und Grütliverein.
- Zeisberg, J., Zürich, Schweiz. Gewerkschaftsbund.
Serbien.
- Balukdzitsch, Zivoin, Belgrad, Sozialisten und Arbeiter Serbiens.
Spanien.
- Iglesias, Pablo, Madrid, Partido Socialista obrero.
- Parcia-Luendo, A. G., Barcelona, Union general de trabajadores de Espana.
Vereinigte Staaten von Nordamerika.
- Cahan, Abraham, New York, United Hebrew Trades of New York and Brooklin.
- De Leon, Dan., United States of Amerika, Socialist Labour Party.
- Sanial, L., New York, Central Labor Federation.
Verzeichnis der Glückwunschtelegramme
die dem Internationalen Sozialisten-Kongress in Zürich bis zum 10. August zugegangen sind.
Granada: Sozialisten. — Lissabon: Cercle socialiste et Fédération Chambres syndicales. — S. Francisco: Arbeitsrat. — Palermo: Sozialisten. — Bergamasco: Sozialisten. — Neapel: Sozialistischer Zirkel. — Ravenna: Revolutionäre sozialistische Partei. — Burnley (England): Sozialdemokratische Föderation. — London: Zimmerleute. — Rouen: Arbeiterpartei. — Marseille: Fédération socialiste Méridionale. — Calais: Arbeiterpartei. — Paris: Verband sozialistischer Arbeiter. — Brüssel: Mechaniker. — Karl Henckell. — Kruschewatz (Serbien): Arbeiter. — Eine Anzahl Sozialisten. — Belgrad: Verband der Arbeiter und Gewerbsleute. — Tirnowa: Sozialdemokratische Partei. — Schumla (Bulgarien): Bulgarischer sozialdemokratischer Arbeiterbund. — Polnische Sozialdemokraten in Paris. — Polnische Revolutionäre in Wien. — Amsterdam: Verband sozialdemokratischer Soldaten. — Amsterdam: Verband niederländischer Eisenbahn- und Tramway-Angestellter. — Genosse Gafenmeier.
Österreich. Eger: Sozialdemokratische Landesvertretung. — Karlsbad: Fachvereine der Schneider und Schuhmacher. — Greslitz (Böhmen): Die Genossen daselbst. — Neu-Welt: Genossen im böhmischen Riesengebirge. — Klattau (Böhmen): Die Parteigenossen. — Reichenberg: Czechische und deutsche Sozialisten in Rochlitz. — Reichenberg: Für die zielbewussten Arbeiter Nordböhmens, die Landesvertretung. — Arad (Ungarn): Die vereinigten Sozialisten. — Agram (Kroatien): Die sozialdemokratischen Schlosser. — Fünfkirchen (Ungarn): Die Genossen daselbst. — Prag: Organisirte Typographen.
Aus Budapest: Die Hutarbeiter Ungarns. — Fachverein der Spengler. — Fachverein der Tischler. — Schneider-Gewerkschaft. — Die Redaktionen der Zeitungen: „Munkas“, „A Munka Örö“, „Czipesz“ und „Typographia“, namens der Sozialdemokraten Ungarns. — Pressburg: Sozialistische Arbeiterschaft. — Jägerndorf: Die Arbeiter daselbst. — Arad: Sozialisten daselbst. — Deutsch-Liebau: Die Genossen daselbst. — Bennisch (Österr. Schlesien): Arbeiterverein daselbst. — Agram: Parteigenossen. — Villach: Buchdrucker. — Brünn: Buchdrucker, Sozialdemokratische Arbeiterpartei. — Innsbruck: Parteivertretung für Tirol und Vorarlberg. — Die Pradler Genossen. — Temesvár: Sozialistische Bezirksvertretung.
Aus Wien: Organisirte Buchdrucker Österreichs. — Verband der Arbeitergesangvereine Niederösterreichs. — Genossen. — Kupferschmiede Wiens. — Brettschneider. — Genossen aus dem XIII. Bezirk. — Arbeitergesangverein Freisinn. — Unterrichtsverband Niederösterreich. — Seifensieder. — Die organisirten Drechsler. — Metallarbeiter. — Organisirte Tapezierer.
Marne (Holstein): Mehrere Genossen. — Breslau: Ein eingesperrter Sozialist. — Apolda: Freie Turner Thüringens. — Solingen: Genossen daselbst. — Cottbus: Sozialdemokratische Partei. — Magdeburg: Zentralverein der Gärtner. — Friedrichshagen: Marie Kunst, für den verhafteten Fritz Kunst. — Reutlingen: Deutscher Metallarbeiterverband. — Bielefeld: Vereinigte Metallarbeiter. — Elberfeld: Die daselbst tagenden 10,000 rheinischen Arbeiter. — Adorf: Der Parteitag des 23. sächsischen Wahlkreises. — Loschwitz bei Dresden: Die Genossen. — Halberstadt: Sängerbund der Provinzen Sachsen und Anhalt. — Feuerbach (Württemberg): Sozialdemokratischer Verein Stuttgart, Bezirk Stockach. — Frankfurt: Sozialdemokraten. — Pforzheim: Die Genossen. — Wandsbeck: Versammlung von Parteigenossen. — Lübeck: Sozialdemokratische Partei. — Bromberg: Feriencolonisten des 129. Regiments. — Brandenburg: Die Genossen. — Lausitz: Parteigenossen. — Homburg: Die roten Rekruten daselbst. — Dresden: Die Parteigenossen. — Bromberg: Die Arbeiter der Ostbahnwerkstatt. — Ostrode: Die Genossen im Harz. — Bonn: Die Parteigenossen. — Leipzig: Sozialdemokraten. — Leipzig: Die Schmiede. — Hamburg: Einige Maurer. — München: Die Genossen des Discutirclub.
Aus Berlin: Genossen des 5. Wahlkreises. — Die roten Kaufleute und Handlungsgehilfen und Gehilfinnen. — Freie Vereinigung von Civil-Berufsmusikern. — Sozialdemokratischer Wahlverein im 4. Berliner Wahlkreis. — Generalversammlung des Wahlvereins des 2. Berliner Wahlkreises. — Verein Berliner Gastwirtsgehilfen. — Genossen des 6. Wahlkreises.
Payerne: Internationaler Arbeiterverein. — Interlaken: Allgemeiner Arbeiterverein. — Chur: Arbeiterbund. — Chaux-de-Fonds: Allgemeiner Arbeiterverein. — Thun und Bern: Gewerkschaften der Eidgenössischen Werkstätten. — Thun: Schneiderfachverein.
Imbach (Sachsen): Arbeiterwahlverein. — London: Keir Hardie. — Niederlande: Bund niederländischer Zimmerleute. — Wien: Wiener Zimmerer.
Budapest: Ein Genosse. — Paris: l’Ère nouvelle. — Komorn: Die Schneider und Tischler. — New-York: John Swinton. — Reims: Sozialisten. — Kohlengräber. — Wien: Parteivertretung der Österreichischen Sozialdemokratie. — Hamburg: Zweigverein Hamburg deutscher Barbiere, Friseure und Perückenmacher.
Budapest: Schneider und Tischler. — Altona: Bäckergehilfen in Altona. — Bern: Cutta. — Wien: Österreichisch-ungarische Feilenarbeiter. — Genf: Maurer und Handlanger. — Charlottenburg: Wahlverein. — Bonn: Verein Neue Zeit. — Klagenfurt: Die Genossen.
Frankfurt: Sozialistische Frauen. — München: Sozialistische Frauen. — Rothenburgsort-Weddel: Sozialistische Frauen. — Lissabon: Arbeiterpartei Portugals.