Rosa Luxemburg, Die industrielle Entwicklung Polens, Leipzig, Duncker & Humblot, 1898 (Dissertation, Universität Zürich, 1897). Text der ersten Ausgabe, nach dem von Google digitalisierten Exemplar (archive.org, bub_gb_btmzDavdO4AC). Traducción al español.

Vorwort

Obwohl das Thema der nachstehenden Abhandlung ein sehr specielles ist, glauben wir doch, dafs es aus verschiedenen Gründen auch für den westeuropäischen Leser ein nicht geringes Interesse bieten dürfte. Die ökonomischen Fragen stehen heute im Vordergrunde des geistigen Lebens aller civilisierten Länder, man hat in ihnen bereits die Triebfeder des ganzen gesellschaftlichen Seins und Werdens erkannt; die politische Physiognomie, die historischen Schicksale eines Landes sind für uns ein Buch mit sieben Siegeln, wenn wir nicht sein wirtschaftliches Leben mit allen sich daraus ergebenden socialen Folgen kennen.

Es ist noch nicht lange her, dafs Polens Name in der ganzen civilisierten Welt wiederhallte, dafs seine Geschicke alle Gemüter bewegten, alle Herzen in Erregung brachten. In der letzten Zeit hört man wenig mehr von Polen und zwar — seit Polen ein kapitalistisches Land ist. Will man nun wissen, was aus dem alten Rebellen geworden, wohin ihn die historischen Schicksale lenken — die Antwort kann nur durch die Erforschung seiner ökonomischen Geschichte der letzten Jahrzehnte gegeben werden. Man kann die sogenannte „polnische Frage“ von verschiedenen Standpunkten betrachten und diskutieren, für denjenigen aber, der in der materiellen Entwicklung der Gesellschaft den Schlüssel zu ihrer politischen Entwicklung erblickt, kann die polnische Frage nur auf Grund des ökonomischen Lebens Polens und dessen Tendenzen gelöst werden. Wir haben uns bemüht, in der folgenden Abhandlung das vorhandene Material zur Lösung der Frage zu sammeln und möglichst übersichtlich zu ordnen, wobei wir uns stellenweise auch einige direkte Fingerzeige politischer Natur erlaubt haben. Das auf den ersten Blick trockene und specielle Thema dürfte also auch für den Politiker von einigem Interesse sein.

Dies aber noch aus anderen Gründen. Wir leben in einer Zeit, wo das mächtige Reich des Nordens eine immer wichtigere Rolle in der europäischen Politik spielt. Alle Blicke richten sich beharrlich auf Rufsland und mit Besorgnis beobachtet man die erschreckenden Fortschritte der russischen Politik in Asien. Es dürfte bald für niemand ein Geheimnis sein, dafs sich die wichtigsten kapitalistischen Länder auch über kurz oder lang auf eine ernste ökonomische Konkurrenz Rufslands in Asien gefafst machen müssen. Die ökonomische Politik des Zarenreichs kann deshalb schon für den Westeuropäer nicht ganz gleichgültig sein. Polen bildet aber einen der wichtigsten und fortschrittlichsten Industrierayons des russischen Reiches und zwar einen, in dessen Geschichte die ökonomische Politik Rufslands vielleicht am deutlichsten zum Ausdruck kommt.

Das Material zu unserer Arbeit lag zerstreut in zahlreichen, vielfach einander widersprechenden, statistischen Werken, polemischen Broschüren, Zeitungsnotizen, offiziellen und nicht offiziellen Berichten, — ein erschöpfendes Werk über die Geschichte der polnischen Industrie im ganzen und besonders über ihren heutigen Stand findet sich weder in der polnischen, noch in der russischen oder deutschen Litteratur vor. Wir glaubten daher, das rohe und zerrissene Material verarbeiten und in möglichst fertiger Form bieten zu müssen, um den Leser zu den allgemeinen Schlüssen am leichtesten gelangen zu lassen.

Erster Teil. Die Geschichte und der heutige Stand der polnischen Industrie

1. Die Manufakturperiode 1820—1850

Die politischen Ereignisse versetzten Polen gegen Anfang des 19. Jahrhunderts in gänzlich neue Verhältnisse. Aus den eigenartigen naturalwirtschaftlichen, feudal-anarchischen Zuständen der Adelsrepublik, die wir in dem Polen des 18. Jahrhunderts vorfinden, geriet es durch die Teilungen unter ein Regime des aufgeklärten Absolutismus und unter die centralistisch-bureaukratische Administration von Preufsen, Österreich und Rufsland. Der uns hier interessierende russische Hauptteil Polens erhielt zwar sehr bald, noch als Herzogtum Warschau, und später nach dem Wiener Kongrefs, eine eigene ständische Verfassung, sie war aber von derjenigen des alten Polens himmelweit verschieden, und der ganze administrative, finanzielle, militärische, gerichtliche Staatsapparat war auf einen modernen centralisierten Staat zugeschnitten. Mit den ökonomischen Verhältnissen, auf welche derselbe aufgepfropft war, befand er sich im grellsten Widerspruch. Das ökonomische Leben Polens konzentrierte sich nach wie vor in dem Grundbesitz. Die im 13. Jahrhundert begonnene Entwicklung des städtischen Handwerks war im 17. Jahrhundert im Sande verlaufen, die Versuche des Magnatentums am Ende des 18. Jahrhunderts, eine Manufaktur zu schaffen, gingen ebenfalls in die Brüche. Der Grundbesitz war aber ganz und gar ungeeignet, zur Basis einer modernen Staatsorganisation zu dienen. Schon durch die Abhängigkeit von dem Weltmarkt, in die er im alten Polen seit dem 15. Jahrhundert geraten war, zu einer höchst extensiven Latifundienwirtschaft und zur äufsersten Erpressung der Frohnarbeit getrieben, wurde er immer irrationeller bewirtschaftet und deshalb immer unausgiebiger. Die Kriege der letzten Epoche Polens, nachher die napoleonische Wirtschaft in dem Herzogtum Warschau, die Kontinentalsperre und mit ihr der Rückgang der Getreideausfuhr, das Sinken der Getreidepreise, die Abschaffung der Hörigkeit 1807, alle diese verschiedenartigen Schläge hagelten im Laufe von ungefähr zehn Jahren nacheinander auf den Grundbesitz und hatten ihn bis an den Rand des Ruins gebracht. Da er indessen die Haupteinnahmequelle im Lande bildete, so mufsten auch die verhältnismäfsig grofsen Kosten der neuen Administration des Landes mit ihrer ganzen Last wieder auf ihn fallen. Die zehnprozentige Einkommensteuer vom Grundbesitz, welche schon im alten Polen eingeführt, erst jetzt aber wirklich erhoben wurde, sollte nun auf 24 Prozent erhöht werden. Aufserdem lasteten die Einquartierungen und Lieferungen für das Militär in Natura auf dem Adel.

Die Folge davon war, dafs der Grundbesitz in kurzer Zeit in die Klauen des Wuchers fiel. Wenn das alte Polen infolge des Verfalls der städtischen Produktion und des Handels keine städtische Kapitalistenklasse besafs, so taucht gleich nach der Teilung Polens eine solche auf. Teils bestand sie aus eingewanderten Beamten und Wucherern, teils aus polnischen Emporkömmlingen, die ihre materielle Existenz der grofsen politischen und ökonomischen Krise des Landes verdankten. Diese neue Bevölkerungsschicht versah nun den geldbedürftigen Adel mit Kapitalien. In hohem Mafse hat übrigens den Anfang zu seiner Verschuldung schon die zehnjährige preufsische Herrschaft (1796—1806) gemacht, während welcher dem polnischen Adel zum erstenmal ein organisierter Bodenkredit weit eröffnet wurde.

Für den polnischen Grundbesitz bedeutete das eine förmliche Revolution. Was in den westeuropäischen Ländern im Mittelalter durch eine langsame und stete Wirkung von Jahrhunderten bewerkstelligt wurde — die Zersetzung des patrimonialen Grundbesitzes durch den Wucher — das ward in Polen, wo sich der Grundbesitz vom Wucher bis zu Ende der Republik frei gehalten hatte, jetzt in weniger als zwanzig Jahren fertig gebracht. Schon im Jahre 1821 mufste er von der Regierung des Königreiches durch eine Ausnahmsmafsregel — das Moratorium — vor dem Untergang gerettet werden.

Unter solchen Umständen wurde das Deficit gleich von Anfang an zu einer stehenden Erscheinung im Budget des Königreiches. Die Schaffung neuer Einnahmequellen für den Fiskus und neuer Gebiete ökonomischer Thätigkeit im Lande wurde deshalb für das Königreich vom ersten Augenblick an zu einer Existenzbedingung. Nach dem Vorbild anderer Staaten und von unmittelbaren Bedürfnissen getrieben, unternahm nun die Regierung die Gründung einer städtischen Industrie in Polen.

Das Jahrzehnt 1820—1830 ist die Entstehungsperiode der polnischen Industrie oder richtiger der polnischen Manufaktur.

Bezeichnenderweise ist sie ganz ähnlich der ehemaligen Entstehung des polnischen Handwerks auf dem Wege der Herbeiziehung fremder, meist deutscher Handwerker zustande gekommen. Ebenso wie im 13. Jahrhundert die polnischen Fürsten durch allerlei Privilegien fremde Arbeiter nach Polen zu locken suchten, so auch die Regierung Kongrefs-Polens. Eine ganze Reihe von bezüglichen Zarenukasen wurde in den Jahren 1816—1824 erlassen. Die Regierung stellte unentgeltlich Häuser, Baumaterial zur Verfügung, erliefs den Pachtzins, gründete den sogenannten eisernen Fonds zur Errichtung von Industriegebäuden und Wohnhäusern für Industrielle. 1816 wurde den einwandernden Handwerkern die Befreiung von allen Steuern und öffentlichen Lasten für sechs Jahre zugesichert, ihre Söhne vom Militärdienst befreit und die zollfreie Einführung ihrer Mobilien gestattet. 1820 gewährte die Regierung den Einwanderern für zehn Jahre unentgeltlichen Bezug von Baumaterial aus Staatswäldern und errichtete eigene Ziegeleien, um ihnen möglichst billige Ziegel zu liefern.

Ein Gesetz vom Jahre 1822 befreite alle industriellen Unternehmungen für drei bis sechs Jahre von der Einquartierung. 1820 und 1823 wurde verordnet, dafs die Städte zu diesen Unternehmungen Plätze für sechs Jahre zinsfrei herzugeben haben. Der für Zwecke der industriellen Kolonisation 1822 gegründete Industriefonds betrug anfangs 45 000 Rubel, 1823 schon das Doppelte und von da an 127 500 Rubel jährlich1.

So mannigfache Anziehungsmittel verfehlten nicht ihre Wirkung. Bald kamen deutsche Handwerker truppweise nach Polen und siedelten sich an. Ungefähr zehntausend deutsche Familien sind zu jener Zeit in wenigen Jahren eingewandert. Auf diese Weise entstanden bald die heute wichtigsten industriellen Städte: Lodz, Zgierz, Rawa, Pabjaniz u. a. Neben Handwerkern rief die Regierung Kongrefs-Polens zur Leitung ihrer Unternehmungen hervorragende Industrielle vom Auslande herbei: Coqueril aus Belgien, Fraget, Girard u. a. Die Regierung Kongrefs-Polens begnügte sich jedoch nicht mit der Gewährung von Privilegien an Einwanderer und mit der Errichtung deutscher Manufakturstädte. Im Unterschied vom mittelalterlichen Handwerk konnte sich die Manufaktur nicht mit dem engen Konsumtions- und Cirkulationskreis innerhalb einer Stadt begnügen, sie erforderte von vornherein einen Massenabsatz, daher auch einen wenigstens auf das ganze Land sich erstreckenden Warenverkehr. Deshalb mufste die Regierung gleichzeitig mit der Gründung von Manufakturkolonien eine Reihe administrativer und legislativer Reformen vornehmen, welche das Land ökonomisch zu einem Komplex vereinigen und die notwendigen juristischen Formen für den inneren Warenverkehr schaffen sollten. Die gröfste Bresche in die Eigentums- speciell die Grundeigentumsverhältnisse des alten Polens hatte bereits der im Herzogtum Warschau 1808 eingeführte Code Napoleon gelegt. Er hatte juristische Formen einer modernen bürgerlichen Ökonomik in ganz fertiger Gestalt auf ökonomische Zustände einer rein feudalen Naturalwirtschaft aufgepfropft. Ohne die Produktionsweise an sich im mindesten umgestalten zu können, hatte er jedoch die alten Eigentumsverhältnisse stark durchlöchert und so ihre Zersetzung beschleunigt. Durch die Abschaffung der ewigen Renten, der Fideikommisse u. a. wurde der Grundbesitz aus der Unbeweglichkeit gerissen und in die Cirkulation geschleudert. — Zugleich hatte der Code Napoleon für den Handel und die Handelsgerichtsbarkeit rechtliche Normen geliefert. 1817 wurden ferner Handels- und Manufakturkammern errichtet und das Handelsreglement zum Abschlufs gebracht, im folgenden Jahre Hypothekenbücher eingeführt, 1825 die Landkreditgesellschaft gegründet2. Seit 1819 nahm man von Staatswegen den Bau von Chausseen und die Regulierung von Wasserstrafsen, 1825 die Anlage des Kanals zwischen dem Niemen und der Weichsel in Angriff3. Die Regierung ging endlich auch, ganz wie in anderen Ländern in den Anfängen der Manufaktur, mit eigenen industriellen Gründungen voran, richtete Musterbetriebe, Musterschafzucht u. dgl. ein. Den mächtigsten Stützpunkt gab sie aber der aufkeimenden Manufaktur durch die Gründung der Polnischen Bank, die durch den Zarenukas von 1828 ins Leben gerufen und nach dem Vorbild der deutschen „Seehandlung“ und der belgischen „Société générale“ eingerichtet wurde. Das war eine Emissions-, Effekten-, Depositen-, Hypotheken-, Kommissions- und Industriebank zugleich. Dotiert ursprünglich mit einem Fonds im Betrage von 3 Millionen Rubel, bekam sie daneben noch Depositen-, Kautions-, geistliche, Feuerversicherungs-, Pensions- und andere Kapitalien auf Depot, was bis 1877 zusammen 282 Millionen Rubel repräsentierte. Die Bank eröffnete der Industrie, ebenso wie der Landwirtschaft Kredit. Im Laufe von 50 Jahren seit ihrer Gründung hat sie den kommerziellen und industriellen Unternehmungen allein Kredit im Betrage von 91 Millionen Rubel gewährt. Die Thätigkeit der Bank war äufserst vielseitig. Sie gründete nicht nur selbst Fabriken, betrieb den Bergbau und die Landwirtschaft, sondern sorgte auch für Verkehrsmittel. Die erste polnische Eisenbahnlinie „Warschau-Wien“ 1845 war hauptsächlich das Werk der Polnischen Bank.

Die oben skizzierte Thätigkeit der Regierung war der erste wichtige Faktor der Entwicklung der Industrie in Russisch-Polen. Welche Umstände auch ihre fernere Geschichte beeinflufst haben mögen, ihre Entstehung verdankte sie unzweifelhaft der Initiative und den Bemühungen der Regierung.

Wir sehen zwar — wie gesagt — auch in anderen Ländern, in Frankreich und Deutschland z. B., die Regierungen an der Wiege der Manufaktur stehen und mit thätiger Hand in ihre Schicksale eingreifen. Hier boten aber die Regierungen ihre Unterstützung nur einer natürlichen Entwicklung der städtischen Produktion, welche von selbst und kraft objektiver Faktoren, wie die Accumulation des Handelskapitals, die Erweiterung des Absatzmarktes, die technische Entwicklung des Handwerks, zur Umwandlung in die manufakturmäfsige Produktionsweise vorschritt. In Polen war die Manufaktur, ganz wie ehemals das städtische Handwerk, ein in fertiger Gestalt importiertes fremdes Produkt, welches weder in technischer noch in socialer Beziehung an eine eigene ökonomische Entwicklung Polens anknüpfen konnte. Die Thätigkeit der Regierung war hier daher der einzige positive Faktor der Entstehung der Manufaktur, und dies erklärt uns die Vorliebe, mit welcher polnische Ökonomisten und Publizisten auf dieselbe zurückkommen, dabei ihre Bedeutung in der Geschichte der polnischen Industrie im ganzen nur zu oft überschätzend. Vor allem vergessen sie aber, dafs die autonome polnische Regierung in ihrer geschilderten Thätigkeit im innigsten Einvernehmen mit dem russischen Zarismus handelte, der dabei von Absichten geleitet war, die in nationaler Beziehung nichts weniger als freundlich Polen gegenüber waren.

Die Bemühungen der Regierung Kongrefs-Polens fanden übrigens vom ersten Augenblick an den günstigsten Boden in den Zollverhältnissen Polens vor. Durch die Wiener Kongrefsakte erfolgten für Polen in dieser Beziehung zwei wichtige Mafsregeln, erstens wurde es mit Rufsland vereinigt, zweitens wurde ihm der freie Handelsverkehr mit den anderen Landesteilen des ehemaligen Polens, oder, was im Grunde genommen dasselbe bedeutete, mit Deutschland und Österreich, gesichert. Was die Vereinigung mit Rufsland betrifft, so wurden die Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern durch den Zolltarif von 1822 und 1824 dahin reguliert, dafs dieselben eigene Erzeugnisse fast zollfrei miteinander austauschten4. Die Bedeutung dieser Neuregelung für Polen wird aber erst klar, wenn man ins Auge fafst, dafs Rufsland seit dem Jahre 1810 und besonders später unter der Leitung von Kankrin eine äufserste, oft an Unsinn grenzende Prohibitivpolitik Europa gegenüber befolgte, und von allen Seiten durch eine unübersteigliche Zollmauer vor fremden Fabrikaten geschützt war. Durch die Vereinigung mit Polen auf Grund der erwähnten Zolltarife wurde Rufsland nun von dieser Seite den deutschen Waren zugänglich gemacht. Für Polen hatte diese Thatsache zur Folge, dafs es zur Werkstatt für die Bearbeitung deutscher Halbfabrikate wurde, welche meist zollfrei nach Kongrefs-Polen eingeführt, hier appretiert wurden und als polnische Fabrikate wieder fast zollfrei nach Rufsland wanderten. Auf solchem Wege kam namentlich die grofse Tuchfabrikation Polens in wenigen Jahren in Blüte5. Erst in den Jahren 1817 bis 1826 gegründet, erreicht sie im Jahre 1829 schon die für die damalige Zeit ansehnliche Höhe von 5 752 000 Rubel Produktionswert6. Dafs dieses überraschend rapide Wachstum fast ausschliefslich dem russischen Konsum zu verdanken war, zeigt die folgende Tabelle der Ausfuhr von Wollfabrikaten nach Rufsland in tausend Rubel:

1823: 1 865, 1825: 5 058, 1827: 7 218, 1829: 8 4187.

Wenn der Wert der exportierten Fabrikate nach dieser Tabelle den Wert der im Lande produzierten übersteigt, so rührt dies daher, dafs aufser den in Polen verfertigten Waren auch deutsche nach Polen geschmuggelte fertige Fabrikate unter polnischer Marke massenhaft nach Rufsland ausgeführt wurden.

Die erwähnten Zollverhältnisse hatten aber für Kongrefs-Polen noch eine andere wichtige Seite. Sie eröffneten ihm einen freien Handelsweg nach China, wohin ebenfalls polnisches Tuch in grofsem Umfange exportiert wurde. Dieser Export betrug nämlich in tausend Rubeln:

1824: 331, 1826: 332, 1828: 1 024, 1830: 1 0708.

Obwohl sich die ganze Ausfuhr Polens in dem ersten Jahrzehnt seiner industriellen Entwicklung eigentlich nur auf einen einzigen Zweig, die Wollproduktion, erstreckte, so war doch ihre Bedeutung für das Land eine grofse, da sie auch auf andere Produktionszweige belebend rückwirkte und die Einwanderung deutscher Handwerker mächtig förderte. Ein Historiker des polnischen Textilindustriecentrums, der Stadt Lodz, nennt den damaligen Tuchhandel Polens mit Rufsland und China „die Haupttriebfeder der Entwicklung der Industrie“9.

Im Jahre 1831 nahm jedoch dieser Handel ein Ende. Der polnische Aufstand, der für einige Zeit die Entwicklung der Manufaktur im Lande lahmlegte, hatte noch zur dauernden Folge, dafs in dem erwähnten Jahre der Zolltarif zwischen Polen und Rufsland bedeutend erhöht wurde10. Schon längst war die Konkurrenz des polnischen Tuchs in Rufsland und China den russischen Fabrikanten ein Dorn im Auge. Ihre wiederholten Gesuche um Erhöhung der Zollsätze an der polnischen Grenze blieben jedoch ohne Folgen, bis der Aufstand von 1831 und mit ihm der Stillstand in der Ausfuhr polnischen Tuches nach Rufsland den dortigen Industriellen die Möglichkeit gewährt hatte, das geräumte Feld durch Erweiterung der eigenen Produktion rasch in Besitz zu nehmen und so der Regierung zahlenmäfsig nachzuweisen, wie sehr die „vaterländische“ Industrie von der polnischen Konkurrenz bis dahin zu leiden gehabt hatte. Mit der Erhöhung des Zolltarifs und zugleich der Aufhebung des freien Transits nach China sinkt die polnische Ausfuhr rapid:

JahrAusfuhr im ganzen (tausend Rubel)davon Fabrikate (tausend Rubel)
18342 8872 385
18501 27475511

Für die polnische Wollproduktion war das ein harter Schlag. Nachdem ihr Wert im Jahre 1829 — wie wir gesehen — die Höhe von 5 752 000 Rubel erreicht hatte, sank er im Jahre 1832 auf 1 917 000 Rubel und stieg erst nach und nach auf 2 564 000 Rubel 1850, also auf die Hälfte des ehemaligen Betrages12.

Für die nächsten Schicksale der polnischen Manufaktur im ganzen konnte jedoch die russische Grenzsperre von keiner grofsen Bedeutung sein. Weder waren damals in Rufsland selbst die Bedingungen für eine wachsende Nachfrage nach Fabrikaten gegeben, noch waren auch die Verkehrsmittel zum Massentransport geeignet. Der grofse Tuchexport kann vorzugsweise nur durch den Bedarf der russischen Armee erklärt werden. Im übrigen hatte die polnische Manufaktur noch nicht einmal Zeit gehabt, sich einen inneren Markt zu schaffen. Nach der Sperrung der russischen Zollgrenze fährt sie daher langsam fort, durch begünstigende Regierungsmafsnahmen und besonders durch die Polnische Bank unterstützt, im Lande Fufs zu fassen. In den folgenden zwei Jahrzehnten entwickeln sich gut viele Produktionszweige, so in den dreifsiger Jahren die Gerberei und die Seifenfabrikation, in den vierziger die Zuckerproduktion, ebenso in den dreifsiger Jahren der Bergbau, desgleichen die Papierfabrikation13. Dem Wachstum der Industrie in Polen waren jedoch durch die socialen Zustände des Landes ziemlich enge Schranken gezogen. Im ganzen nur die winzige Zahl von 4 bis 5 Millionen Menschen darstellend, lebte die Bevölkerung Kongress-Polens obendrein zum gröfsten Teil in Naturalwirtschaft. Trotz der Abschaffung der Hörigkeit im Jahre 1807 blieb die Frohnarbeit die herrschende Arbeitsweise in der Landwirtschaft und dadurch waren die Grundbesitzer, ebenso wie die Bauern vom Waren- und Geldverkehr in hohem Mafse abgeschnitten. Die Städte kamen erst langsam auf, und wenig bevölkert und arm, wie sie waren, konnten sie ebenfalls keine starke Nachfrage für die Manufakturprodukte schaffen. Die Entwicklung ist denn auch eine sehr langsame. Nach 30 Jahren seit ihrer Entstehung, in welcher Periode die polnische Manufaktur vorwiegend auf den inneren Markt angewiesen war, sehen wir sie noch in ganz zwerghaften Dimensionen befangen. Der fortschrittlichste aller Industriezweige, die Textilindustrie, wird noch in den fünfziger Jahren vorwiegend durch Handarbeit, ohne Dampfkraft, deshalb auch nur von gelernten Handwerksmeistern und Gesellen ohne eine Spur von Frauenarbeit betrieben. Im ganzen weist schon die Zersplitterung der Produktion auf ihren vorwiegend handwerksmäfsigen Charakter hin, denn noch im Jahre 1857 sehen wir in Polen 12 542 „Fabriken“ mit 56 364 Arbeitern und 21 278 592 Rubel Produktionswert: im Durchnitt 4—5 Arbeiter und 1 700 Rubel Produktion auf eine „Fabrik“14.

Den obigen Verhältnissen entsprechend, spielt auch die städtische Industrie in dem socialen Leben Polens bis zu den fünfziger und sogar bis zu den sechziger Jahren nur eine untergeordnete Rolle. Tonangebend in der Ökonomik wie in der Politik des Landes blieb immer noch der Grundbesitz. Ja, die breite Masse der mittleren Grundbesitzer, diejenige, welche zur Zeit die öffentliche Meinung darstellte, betrachtete sogar die aufkeimende städtische Industrie und mit ihr die kapitalistische Wirtschaft als eine ausländische giftige Pflanze, als einen „deutschen Schwindel“, der an der verzweifelten Lage des Grundbesitzes und des ganzen Landes die Schuld trage.

2. Der Übergang zur Grofsindustrie 1850—1870

Wir haben die ersten Anfänge und die Entwicklung der Industrie in Polen auf dem inneren Markte kennen gelernt. Wir haben gesehen, dafs sie ihre Entstehung den Bemühungen der Regierung verdankte und dafs sie infolge des beschränkten inneren Marktes bis zu den fünfziger Jahren die Formen der Manufaktur nicht abzustreifen vermochte. Hier ist aber die erste Epoche ihrer Geschichte zu Ende, und es beginnt ein neues Blatt derselben. Seit den fünfziger Jahren tritt nämlich eine Reihe neuer Faktoren auf, die, obgleich an sich sehr verschieden, in letzter Linie doch alle bewirken, dafs der polnischen Produktion die russischen Absatzmärkte erschlossen werden und damit ein Massenabsatz gesichert wird. Dies bringt allmählich eine völlige Umwälzung in der polnischen Industrie hervor und verwandelt sie aus einer Manufaktur in eine echte fabrikmäfsige Grofsindustrie. Wir können deshalb die zweite Periode in ihrer Geschichte als die grofsindustrielle Periode bezeichnen. Die Jahrzehnte 1850—1870 bilden die Übergangszeit von der ersten in die zweite Phase.

Es waren vier wichtige Faktoren, welche in der erwähnten Übergangsperiode die polnische Industrie revolutioniert haben.

Erstens die Abschaffung der Zollgrenze zwischen Rufsland und Polen. Im Jahre 1851 wurden die Zollverhältnisse Polens nach zwei Richtungen umgestaltet. Einerseits wurde die Zollgrenze, welche es bis dahin von Rufsland trennte, beseitigt, andererseits der selbständigen Handelspolitik Polens nach aufsen hin ein Ende gemacht, und Polen in das allgemeine russische Zollgebiet aufgenommen15. Auf diese Weise bildet Polen seither in handelspolitischer Beziehung ein einziges Ganzes mit Rufsland16. Für Polen lag zunächst die grofse Bedeutung der Zollreform von 1851 darin, dafs ihm nun eine vollständig freie Warenausfuhr nach Rufsland ermöglicht wurde. Die polnische Manufaktur bekam so die Aussicht, für einen gröfseren Massenabsatz zu produzieren, die engen Schranken des inneren Marktes zu überschreiten und zur wirklichen Fabrikindustrie zu werden. Diese Erscheinungen konnten jedoch erst nach einer längeren Frist eintreten. In dem Augenblicke, wo die Zollschranke zwischen Polen und Rufsland beseitigt wurde, standen noch drei wichtige Hindernisse einer wirklichen Massenausfuhr der polnischen Fabrikate nach Rufsland im Wege: erstens besafs die Manufaktur in Polen, da sie bis dahin vorwiegend den Anforderungen des inneren Marktes angepafst war, noch nicht diejenige Fähigkeit einer raschen sprungweisen Erweiterung, die eine grofse Fabrikindustrie in so hohem Mafse charakterisiert. Zweitens waren keine modernen Verkehrsmittel zwischen Polen und Rufsland vorhanden, drittens hatte auch in Rufsland der innere Absatzmarkt für Fabrikate beschränkte Dimensionen, was durch das Bestehen der Leibeigenschaft und der Naturalwirtschaft bedingt war. In allen diesen Verhältnissen tritt nun aber auch bald eine vollständige Umwälzung ein.

Schon der Krimkrieg wirkte auf die polnische, ebenso wie auf die russische Manufaktur revolutionierend ein. Die Blockade der Seegrenzen Rufslands unterbrach zum grofsen Teil die Zufuhr ausländischer Waren, zum anderen Teil richtete sich dieselbe nach der westlichen Landgrenze, nach Polen, welches zum Wege eines lebhaften Transithandels wurde. Wichtiger war aber die durch den Bedarf der russischen Armee geschaffene Massennachfrage, vor allem nach Produkten der Textilindustrie. Das Wachstum der letzteren belief sich auch in Rufsland in den Jahren 1856—1860 auf 11,6 % jährlich für die Baumwollspinnerei, auf 5,5 % für die Baumwollweberei und auf 9,4 % für die Färberei und Appretur17. In Polen läfst sich ein noch gröfserer Sprung wahrnehmen. Der Produktionswert war in tausend Rubel:

18541860+ %
in der Leinwandindustrie7231 247+ 72 %
in der Wollindustrie2 0444 354+ 113 %
in der Baumwollindustrie2 8538 091+ 183 %18

Die Zeit des Krimkrieges führte aber eine tiefe Umwälzung auch in der Technik der Textilindustrie herbei; sie brachte die Einführung des mechanischen Webstuhls und der mechanischen Spindel in Rufsland und in Polen. Im Jahre 1854 wurde in Lodz die jetzige Riesenfabrik Scheiblers zuerst mit 100 Webstühlen und 18 000 Spindeln gegründet19. Im folgenden Jahre wurde in Rufsland die erste mechanische Leinenspinnerei errichtet, worauf 1857 auch in Polen die gröfste, heute noch die einzig in Betracht kommende Leinwandfabrik „Zyrardow“ aus einer Handweberei in eine mechanische verwandelt wurde20.

Das zweite wichtige Ereignis war die Errichtung einer ganzen Reihe von Eisenbahnlinien zwischen Polen und den entlegensten Gegenden Rufslands. 1862 wurde Polen mit St. Petersburg verbunden, 1866 mit Wolhynien, Weifsrufsland und Podolien, 1870 mit Moskau, 1871 mit Kiew, 1877 mit Südrufsland. Andererseits wurden durch den fieberhaften Eisenbahnbau im Innern Rufslands immer weitere Gebiete desselben dem Handelsverkehr erschlossen21. Dem Bau jeder Eisenbahnlinie, welche nach Rufsland führte, folgte eine verstärkte Nachfrage nach polnischen Erzeugnissen und eine Erweiterung der Produktion. Ungeachtet der niederschlagenden Wirkung des Aufstandes von 1864 und des dadurch zeitweilig lahmgelegten Verkehrs mit Rufsland hatte das Jahrzehnt 1860—1870, die Periode der technischen Revolution in den Verkehrsmitteln, zur Folge, dafs, während der Gesamtwert der industriellen Produktion Polens im Jahre 1857 nur 31 Millionen Rubel (nach einer anderen Quelle 21) betrug, er im Jahre 1872, also nach 15 Jahren, schon 73 Millionen Rubel (nach beiden Quellen) darstellte — eine Vermehrung um 135 % resp. um 248 %22.

Das dritte Moment, welches zur industriellen Umwälzung beigetragen hat, war die Abschaffung der Hörigkeit in Rufsland 1861 und in Polen 1864 und die dadurch hervorgerufene Umwälzung der Landwirtschaft. Von nun an der unentgeltlichen Arbeitskräfte der Frohnbauern beraubt, waren auch die Grundbesitzer auf die Anstellung von Lohnarbeitern und auf den Ankauf von Produkten der Industrie, die sie früher vielfach auf den eigenen Frohnhöfen hatten verfertigen lassen, angewiesen. Auf der anderen Seite bekam dadurch die grofse Bauernmasse Geld in die Hand und wurde ebenfalls Käufer für Fabrikerzeugnisse. — Im Zusammenhang damit steht eine Reform im Steuerwesen und der Anfang jener Erpressungspolitik der Regierung der russischen Bauernschaft gegenüber, die auch den Kleinbauern mit seinem Arbeitsprodukt gewaltsam auf den Warenmarkt treibt und, indem sie die ländliche Naturalwirtschaft immer mehr zersetzt, in demselben Mafse für die Geldwirtschaft und den Massenabsatz von Fabrikaten den Boden bereitet. Die andere Folge der Reform war die Proletarisierung breiter Bauernschichten, also die „Freisetzung“ einer Masse von Arbeitshänden, welche sich der Industrie zur Verfügung stellten.

So sehen wir in Rufsland im Anschlufs an den Krimkrieg eine Umwälzung in allen socialen Verhältnissen sich vollziehen. Der Zusammenbruch des alten Patrimonialgrundbesitzes und der Naturalwirtschaft, die Reformierung des Steuer- und Finanzwesens, die Errichtung eines ganzen Netzes von Eisenbahnen — alles dies bedeutete für die Industrie Rufslands die Schaffung von Absatzmärkten, Absatzkanälen und Arbeitshänden. Da aber Polen seit der Aufhebung der Zollgrenze im Jahre 1851 handelspolitisch mit Rufsland ein Ganzes bildete, so wurde auch die polnische Manufaktur in den grofsen Strudel der ökonomischen Umwälzung Rufslands hineingezogen und von dem rasch wachsenden Massenabsatz in eine wirkliche Fabrikindustrie verwandelt.

Ende der siebziger Jahre tritt aber noch ein viertes wichtiges Moment hinzu, das die polnische Fabrikproduktion binnen weniger Jahre zu einer Grofsindustrie macht, wie wir sie heute in Polen sehen, und dieses ist die Zollpolitik Rufslands.

3. Die Periode der Grofsindustrie in Polen

Schon seit dem Anfang des Jahrhunderts befolgte Rufsland, wie erwähnt, eine höchst protektionistische Politik. Der Krimkrieg brachte jedoch auch hierin, wie auf allen anderen Gebieten des socialen Lebens, einen Wandel hervor. In der „liberalen Periode“ der sechziger Jahre wurden die Zolltarife bedeutend ermäfsigt. Die freihändlerische Richtung dauerte aber nicht lange. Durch die Reformen selbst, besonders durch den kostspieligen Eisenbahnbau, geriet die Regierung in enorme Schulden dem Auslande gegenüber, und zum Zwecke der Auftreibung von Gold wurde 1877 der Goldzoll eingeführt. Mit diesem Moment hat Rufsland die Bahn einer immer strengeren Schutzzollpolitik betreten.

Schon der Goldzoll bedeutete bei dem sinkenden Kurs des papierenen Rubels eine Erhöhung der Zollsätze in den ersten Jahren um 30 %, in den folgenden um 40 % bis 50 %. Im Jahre 1880 entstand wiederum ein Deficit in der Staatskasse infolge der Abschaffung der Salzsteuer. Zum Ersatz erfolgte 1881 eine allgemeine Zollerhöhung um 10 %. 1882 wurden mehrere einzelne Zollsätze erhöht, wie die für Leinwand, Wollgarn, chemische Produkte, Farbstoffe u. s. w., 1884 fand eine abermalige Erhöhung verschiedener einzelner Zollsätze statt, wie z. B. des für Seidengarn, 1885 eine fast allgemeine Erhöhung des Zolltarifs um 20 %, 1887 wiederum eine partielle Steigerung einzelner Zollposten, desgleichen 189123.

Selbstverständlich bezweckte der Protektionismus gegebenenfalls aufser den fiskalischen Einnahmen vor allem den Schutz der einheimischen Industrie vor ausländischer Konkurrenz.

Die Folgen eines so anhaltenden Hinaufschraubens des Zolltarifs waren zweierlei. Erstens ging die Einfuhr ausländischer Fabrikate und Halbfabrikate rapid zurück. Die Gesamteinfuhr über die europäische Grenze Rufslands betrug jährlich in Millionen Gold-Rubel:

JahreMillionen Gold-Rubel
1851—185674
1856—1861120
1861—1866121
1866—1871212
1871—1876364
1876—1881326
1881—1886304
1886—1891224
1891220
189221924

Die Einfuhr von Fabrikaten und Halbfabrikaten, welche viel höher verzollt werden als Rohstoffe, schrumpfte noch viel stärker zusammen, als aus der obigen Tabelle ersichtlich. Somit wurde auf den russischen Märkten für die einheimische — russische und polnische — Industrie Platz gemacht und dieselbe von der ausländischen Konkurrenz in hohem Mafse befreit.

Die andere natürliche Folge hiervon war die allgemeine Steigerung der Warenpreise. Man hat neulich berechnet, dafs der russische Konsument die meisten Waren viel teurer bezahlen mufs als z. B. der deutsche, so:

Wareteurer um
den Thee um304 %
den Tabak um687 %
die Kohle um200 %
das Papier um690 %
die Leinwand um225 %
die Baumwollprodukte um357 %
die landwirtschaftlichen Maschinen um159 %25

Was die Metallindustrie betrifft, so kostet z. B. dem Amerikaner ein Pud Drahtnägel mittlerer Gröfse 1—1,50 Rubel, während der Russe allein an Zoll auf diesen Artikel 3,20 Rubel und für das Produkt im ganzen 4 bis 8 Rubel zahlt. — Im Verhältnis zum Werte der wichtigsten Metalle machte der Zoll 1896 aus: bei Eisenerz 70 %, Eisen 45 % und Stahl 35 %26.

Unter solchen Monopolbedingungen fing die russische und die polnische Industrie an, ungeheure Profite auf dem inneren Markte einzustreichen. Einen annähernden Begriff von diesen Profiten kann man schon aus den offiziellen Angaben der Fabrikanten selbst gewinnen. 1887 wurde z. B. der Nettogewinn angegeben:

von derauf
„Russ. Baumwollspinnerei“ in St. Petersburg15 %
„Manufakturgesellschaft Morosoff“16 %
Manufakturgesellschaft „Balin“16 %
Leinenspinnerei „Narva“18 %
Baumwollspinnerei „Sampson“21,3 %
Baumwollspinnerei „Ekaterinhof“23 %
Baumwollfärberei „Rabeneck“25,4 %
Baumwollspinnerei „Ismajloff“26 %
Manufaktur „S. Morosoff“28 %
Baumwollweberei „Neva“38 %
Manufaktur „Krenholm“44,9 %
Wollenfabrik „Thornton“45 %27

Aus neuerer Zeit haben wir nicht minder überraschende Angaben über die Profite in der russischen Metallindustrie. Die metallurgischen Unternehmungen des südlichen Rayons werfen durchschnittlich einen Profit von 50 %, die kolossalen Betriebe des Engländers Hughes sogar 100 % ab. „Nicht ohne Interesse — schreibt das offizielle Organ des Finanzministeriums — ist die Verwendung der erlangten Profite, die den Eindruck erweckt, dafs die Gesellschaften vor lauter Überflufs an Profiten gleichsam im Unklaren sind, was sie mit denselben anfangen sollen28,“ d. h. in welche Rubriken der offiziellen Berichte die Gewinne eintragen, um ihre frappante Höhe einigermafsen zu verschleiern. — Am schlagendsten zeigt wohl den Einflufs der Monopolpreise auf die Höhe der Unternehmerprofite und zugleich das Verhältnis der letzteren zu den Ausgaben für Arbeitskraft die folgende kleine Zusammenstellung. Der Marktpreis des Roheisens betrug in Kiew im Juli 1897 pro Pud 85 Kopeken; dabei beliefen sich die Herstellungskosten in Rufsland auf 45 Kopeken, darunter der Arbeitslohn auf 4 Kopeken pro Pud — bei einem Nettogewinn von 40 Kopeken29. Das Verhältnis des Profits zu den Herstellungskosten und dem Arbeitslohn war also rund 10 : 11 resp 10 : 1.

Den obigen enormen Profiten der russischen Unternehmer stehen aber diejenigen der polnischen, wie wir noch später sehen werden, in nichts nach. Anfangs der neunziger Jahre beliefen sich zum Beispiel die Dividenden der Zuckerfabriken in Polen bis auf 29 %30. In der Textilindustrie werden 40prozentige Profite als eine normale Erscheinung betrachtet31. Diese offiziellen Angaben der Fabrikanten sind aber notorisch um 30 bis 50 % kleiner, als die in Wirklichkeit erzielten Gewinne. — Auf diese Weise, nachdem in den Jahren 1860—1877 alle Hauptbedingungen der industriellen Entwicklung — ein innerer Markt, Verkehrsmittel, eine industrielle Reservearmee — ins Leben gerufen worden waren, schuf die hinzugetretene Zollpolitik eine Treibhausatmosphäre der Monopolpreise, welche die russische und polnische Industrie in ein förmliches Dorado der primitiven kapitalistischen Accumulation versetzte. Mit dem Jahre 1877 begann eine Ära fieberhafter Gründungen und einer grofsartigen Accumulation des Kapitals, verbunden mit einem sprungweisen Wachstum der Produktion. Das Gesamtbild der industriellen Entwicklung Polens unter der Wirkung der geschilderten Verhältnisse stellt sich folgendermafsen dar:

Millionen RubelGesammtertrag der ProduktionBaumwollindustrieWollindustrieLeinwandindustrie
186050 (1864)8,14,31,2
187063,910,24,01,2
1880171,833,022,05,0
1890240,047,6 (1891)35,56,532

Der stärkste Aufschwung von 1870 bis 1880, der für die gesamte Industrie + 169 %, für die Baumwollindustrie + 223 %, für die Wollindustrie + 450 %, für die Leinwandindustrie + 317 %, ist hauptsächlich ein Resultat der drei ersten Jahre (1877—80) der neuen Ära in der Zollpolitik. Wie wir unten sehen werden, hat die Einführung des Goldzolles nicht nur die plötzliche Gründung vieler neuer Unternehmungen, sondern auch die Verlegung einer ganzen Reihe deutscher Fabriken aus Sachsen und Schlesien nach dem westlichen Teile Polens nach sich gezogen.

Von den grössten Fabriken, welche die 1886 veranstaltete offizielle Enquete in Polen vorgefunden hatte, wurden errichtet:

bis 18501850—601860—701870—801880—86
18,1 %6,8 %13,6 %29 %32,5 %

seit 1870 also 61 % aller grofsen Fabriken. Was den Produktionsumfang betrifft, so hat er sich im Zeitraum 1870—1890 in der Gesamttextilindustrie fast versechsfacht. Den Einflufs der Zollpolitik zeigt noch ganz speciell die folgende Zusammenstellung: Von den bedeutendsten Fabriken wurden gegründet:

bis 18501850—18771877—1886
18,1 %37,2 %44,7 %33

Also fast die Hälfte (heute noch mehr) aller grofsen Fabriken welche sich in Polen befinden, sind seit 1877 als direkte Folge der protektionistischen Zollpolitik entstanden.

Die geschilderte Erweiterung der Produktion ging Hand in Hand mit einer Umwälzung in der Produktionsweise selbst. Überall treten plötzlich an Stelle der kleinen zersplitterten Fabriken moderne industrielle Grofsbetriebe mit weitgehender Anwendung der Dampfkraft und der neuesten technischen Einrichtungen in Bau und Betrieb. Die Konzentration in der gesamten Industrie Polens stellt sich folgendermafsen dar:

187118801890
Zahl der Arbeiter76 616120 763ca. 150 000
Produktionswert66,7 Mill. R.171,8 Mill. R.240 Mill. R.
Auf 1 Etablissem.3 239 Rubel8 063 Rubel71 248 Rubel
Auf 1 Arbeiter882 Rubel341 422 Rubel341 600 Rubel35

Die Durchschnittsziffern sind jedoch hier wie sonst nicht geeignet, einen wahren Begriff von der eingetretenen Umwälzung zu geben, da sich diese selbstverständlich nicht in allen Industriezweigen gleichmäfsig vollzogen hat. Am charakteristischsten sind die Zahlen betr. die Textilindustrie. Hier finden wir:

187118801890
Zahl der Fabriken11 22710 871635
Zahl der Arbeiter28 04645 75360 288
Produktion18,1 Mill. Rb.57,6 Mill. Rb.88,4 Mill. Rb.
Arbeiter per 1 Fabrik2,54,295
Produkt. per 1 Fabrik1 612 Rb.365 303 Rb.36139 298 Rb.37

In der Textilindustrie zeigt aber die Baumwollindustrie den Umschwung in grellster Weise:

187118801891
Zahl der Fabriken10 4993 881163
Zahl der Arbeiter19 89419 57626 307
Produktion10,4 Mill. Rb.30,8 Mill. Rb.47,6 Mill. Rb.
Arbeiter per 1 Fabrik1,95162
Produkt. per 1 Fabrik994 Rb.387 950 Rb.38291 736 Rb.39

Das überraschende Wachstum der Baumwollindustrie kann auch an der Zahl der Spindeln gemessen werden. Diese betrug:

JahrSpindeln (Tausend)
18367,3
184027,3
185061,3
1863116,2
1870289,5
1875385,5
1879449,6
1882467,6
1888ca. 600,040

Nach anderen Quellen ist die Zahl der Spindeln im Zeitraum von 10 Jahren (1877—1886) von 216 640 auf 505 622, d. h. um 134 % gestiegen. Im gleichen Zeitraum zeigt die Zahl der Spindeln in der russischen Baumwollindustrie eine Vermehrung von 32 % (speciell im Moskauer Rayon um 45 %, im Petersburger Rayon um 10 %), in der nordamerikanischen (1881—1891) um 30 % und in der englischen 8 %. Die Zahl der Webstühle ist von 1877 bis 1886 gewachsen: in der russischen Baumwollindustrie um 46 % (speciell im Moskauer Rayon um 50 %, im Petersburger Rayon um 25 %), in Polen aber um 139 %41.

Die Anwendung der Dampfkraft in gröfserem Umfange beginnt erst in den 70er Jahren, seitdem wächst sie aber rasch.

Zahl der Dampfpferdekräfte18751890
in der Gesamtindustrie14 65751 80042
davon: in der Textilindustrie4 22026 77242
in den Bergwerken1 8034310 49744

In den mit Accise nicht belegten Branchen hat sich die Zahl der Dampfpferdekräfte im Zeitraum von zwei Jahren von 1890 bis 1892 wieder fast verdoppelt und zwar ist sie gestiegen von 41 303 auf 81 346.

Die ganze äufsere Erscheinung des Landes hat sich in 25 Jahren von Grund aus verändert. In der Mitte wuchs das kleine Städtchen Lodz rasch zu einem grofsen Textilindustriecentrum, zum „polnischen Manchester“, auf mit dem typischen Aussehen einer modernen Fabrikstadt — einer Unzahl von dicht aneinander gereihten rauchenden Fabrikschloten, einer fast ausschliefslich aus dem Fabrikpersonal bestehenden Bevölkerung und einem ausschliefslich um die Industrie und den Handel sich drehenden, von Fabrikpfeifen geregelten städtischen Leben. Man findet hier eine Reihe Riesenetablissements, unter denen die „Manufaktur Scheibler“ mit ihren 15 Mill. jährlicher Produktion und 7000 Arbeitern den ersten Platz behauptet. — Im südwestlichen Winkel des Landes, an der preufsischen Grenze, schofs, wie aus der Erde hervorgezaubert, ein ganzer neuer Industrierayon auf, wobei Fabriken inmitten von Wald und Flur auftauchten, der Bildung von Städten vorausgehend und von vornherein alles um sich gruppierend. In der alten Hauptstadt Warschau, dem Sammelpunkt aller Handwerke, hob sich das Handwerk mächtig empor45. Zugleich fällt es aber vielfach unter die Herrschaft des Kaufmannskapitals. Kleine und mittlere selbständige Betriebe lösen sich in Hausindustrie auf, und in den Vordergrund treten als Sammelbecken für die Kleinproduktion grofse Magazine fertiger Handwerkswaren. — Der Handel des ganzen Landes konzentriert sich hier auf der Börse und in zahlreichen Bank- und Kommissionsgeschäften. Die Vorstadt,von Warschau, Praga, wurde zum Centrum einer grofsen Metallindustrie, und die riesige Leinwandfabrik „Zyrardow“ bei Warschau mit ihren 8 000 Arbeitern verwandelte sich in ein eigenes Städtchen.

4. Die Hauptrayons der polnischen Industrie

Nachdem wir einen allgemeinen Abrifs der Entwicklung der polnischen Industrie gegeben haben, bleibt uns noch übrig, das Gesagte an der Geschichte der einzelnen wichtigsten Zweige der Industrie im Detail zu illustrieren, ebenso wie die äufsere lokale Gruppierung der Fabrikproduktion aufzuzeichnen.

Die Industrie des Königreichs Polen ist, wenn man von den zerstreut liegenden unbedeutenden Fabriken rechts der Weichsel und längs der preufsischen Grenze absieht, in drei Rayons mit stark ausgeprägter Physiognomie, verschiedenem Charakter und verschiedener Geschichte konzentriert.

Der bedeutendste unter ihnen ist der Lodzer Rayon. Er umfafst die Stadt Lodz mit ihrem Bezirk, ferner die Städte Pabianiz, Zgierz, Tomaszow und einige Bezirke des Gouvernements Kalisch. Die Produktion des Rayons belief sich schon im Jahre 1885 auf 49 Millionen Rubel46, heute mindestens auf 120 Millionen47. Dies ist der eigentliche Textilindustrierayon. Das Hauptcentrum desselben, Lodz, ist in seiner Geschichte für die ganze polnische Industrie äufserst typisch. Schwerlich kann man sich einen für die Gründung einer Fabrikstadt ungünstigeren Platz denken, als Lodz. Es ist in einer wald- und wasserlosen Ebene angelegt, inmitten von Morästen, welche noch vor ungefähr zehn Jahren stellenweise von beiden Seiten der Hauptstrafse lagen, so dafs die Stadt hier kaum 200 Schritte breit war. Der winzige Flufs Lodka ist von Fabrikabfällen gänzlich verunreinigt, und die ganze erforderliche Wassermenge wird den Fabriken von artesischen Brunnen und Teichen geliefert. Noch im Jahre 1821 hatte Lodz nur 112 Häuser mit 800 Einwohnern. In dem Jahre 1823 beginnt aber die Kolonisation, schlesische und sächsische Tuchmacher lassen sich nieder, und im Jahre 1827 zählt Lodz schon 2840 Einwohner, darunter 322 Manufakturarbeiter. 1837 hat es mehr als 10 000, 1840 18 600 Einwohner und über 1,1 Mill. Rubel jährlicher Produktion. Infolge der Erhöhung des russischen Zolltarifs im Jahre 1831 aber und der dadurch in der Tuchfabrikation eingetretenen Krise wird die Stadt in ihrem Wachstum gehemmt, die Einwohnerzahl geht sogar im Jahre 1850 auf 15 600 zurück48. Seit den sechziger Jahren jedoch beginnt für Lodz infolge der oben geschilderten Ursachen, die alle zusammen auf die Erschliefsung der russischen Absatzmärkte hinauslaufen, eine Epoche rascher Entwicklung, die seit den siebziger Jahren in eine reifsende übergeht. Denn wir sehen in Lodz:

JahrEinwohnerRubel Produktion
186032 0002 600 00048
1878100 00026 000 00048
1885150 00036 500 00049
1895315 0005090 000 00051

In den letzten 25 Jahren machte auch die Produktion in Lodz eine Umwandlung durch. Bis zu den siebziger Jahren wurden hier Baumwollwaren für einen beschränkten Markt, hauptsächlich für die wohlhabenderen Klassen, fabriziert. Als aber der polnischen Industrie russische Märkte eröffnet wurden und allmählich eine neue Klasse von Abnehmern, das arbeitende Volk, in der Nachfrage die herrschende Rolle zu spielen begann, mufste sich auch die Textilindustrie von Lodz dem neuen Konsumenten anpassen. Das Lodzer Fabrikantentum ging denn auch zur Produktion billiger und einfacher Baumwollwaren über, wie Tricot und andere grobe gedruckte Stoffe, vor allem aber zur Produktion von Barchent. Die Fabrikation dieser Stoffe wurde zuerst 1873 aus Sachsen nach der Stadt Pabianitz verpflanzt52. Heute herrscht sie in der ganzen Produktion des Rayons vor, wie folgende Zahlen darthun. Es wurde in Lodz verfertigt:

18811886
Lancort29 %27 %
Bjas’5344 %29 %
Barchent10 %35 %
Mitkal5½ %5 %
Verschiedenes11½ %4 %54
100 %100 %

Auch der Umschwung in der Zollpolitik 1877 hatte einen neuen Zweig der Baumwollindustrie im Lodzer Rayon ins Leben gerufen, nämlich die Fabrikation von sogenanntem gemischtem Spinngarn, aus Baumwolle und Wolle (Vigogne). Bis dahin aus Werdau und Krimmitschau massenhaft nach Rufsland importiert, sah sich dieses Produkt kurz nach der Einführung des Goldzolls den Eingang nach Rufsland versperrt. Behufs Umgehung dieser Zollmauer wurden nun einige Fabriken von deutschen Unternehmern aus Sachsen direkt nach Lodz versetzt, und schon 1886 verfertigten hier über 39 000 Spindeln gemischtes Garn55.

Auf diese Weise erscheint die heutige Gestaltung der grofsen Baumwollindustrie im Lodzer Rayon als ein Ergebnis der Erschliefsung der russischen Märkte und der russischen Zollpolitik in den siebziger Jahren.

Nicht minder ist die Wollindustrie des Rayons von denselben Faktoren beherrscht. Schon der gewaltige Sprung der Produktion von 4 Millionen im Jahre 1870 auf 22 Millionen im Jahre 1880 zeigt, welchen Einflufs der russische Absatz auf diesen Industriezweig Polens ausgeübt hat. Was speciell die Wollspinnerei betrifft, so verdankt sie ihre heutige Entwicklung ganz besonders der Zollpolitik Rufslands. Die Einführung des Goldzolls 1877 hatte die Verpflanzung vieler ausländischer Spinnereien nach Lodz zur unmittelbaren Folge; die gröfste mit 22 000 Spindeln wurde 1879 von Allart Rousseau Fils gegründet und ist heute noch eine Filiale dieser Firma in Roubaix, woher sie auch ihre Halbfabrikate bezieht56. Seit den achtziger Jahren wurde Polen zur Bezugsquelle von Spinngarn für Rufsland und seine Produktion in diesem Zweig übertrifft die russische um mehr als 217 %, in Polen betrug sie 1890 18 749 000 Rubel, in Rufsland 5 909 000 Rubel. In der allerletzten Zeit hat die Zollpolitik zwei anderen Branchen der Textilindustrie in Lodz — den Strumpf- und Tricotwirkereien — zur Blüte verholfen57.

Noch interessantere Belege für die Wirkung der russischen Zollpolitik auf die polnische Industrie bietet die Geschichte des zweiten Rayons — des Sosnovizer.

Dieser umfafst den südwestlichen, dicht an der preufsischen Grenze gelegenen Teil des Gouvernements Piotrkow mit den Städten Czenstochow, Bendin, Zawierz, Sielz und Sosnoviz. Während der Lodzer Rayon seine industrielle Enwicklung schon in den zwanziger Jahren begann, stellt die Industrie des Sosnovizer Rayons, wie bemerkt, eine Erscheinung ganz neuen Datums dar.

Noch bis zu den sechziger Jahren war hier meilenweit nichts als dichter Tannenwald zu sehen, binnen 15 Jahren aber verwandelte sich die waldige Gegend in einen regen Industriebezirk, dessen Textilindustrie dem alten Lodz schon eine ernste Konkurrenz bereitet.

Es waren zwei wichtige Umstände, welche die rasche Entwicklung der Industrie im Sosnovizer Rayon in hohem Mafse begünstigten. Erstens die Billigkeit des Heizmaterials. Der südliche Teil des Gouvernements Piotrkow bildet das Kohlenbecken Polens, und seine Nachbarschaft versetzte die junge Sosnovizer Industrie in eine nicht nur im Vergleich mit Rufsland, sondern auch mit den anderen Teilen Polens ausnahmsweise vorteilhafte Lage. Der Durchschnittspreis von 1 Pud Kohle beträgt je nach der Ortschaft in den betreffenden Rayons:

im Sosnovizer RayonWarschauer RayonLodzer Rayon
2,4—9,7 Kop.11,22—13 Kop.11,5—14,9 Kop.58

Zweitens die Billigkeit der Arbeitskraft. Diese Kohlenindustrie stellte von vornherein den Fabriken des Rayons ein Kontingent von „freien“ weiblichen und jugendlichen Arbeitskräften in den Personen der Familienangehörigen der Bergleute zur Verfügung. Auch hierin befindet sich der Sosnovizer Rayon in einer bedeutend günstigeren Lage als der Lodzer. Die Löhne betragen nämlich:

pro Monat in RubelnSosnovizer Rayon: MännerSosnovizer Rayon: FrauenSosnovizer Rayon: Minderj.Lodzer Rayon: MännerLodzer Rayon: FrauenLodzer Rayon: Minderj.
Appretur13,5010,758,5026,—18,—9,75
Wollspinnerei29,259,—6,—28,2518,256,—
Gem. Spinnerei21,2510,25—22,—13,——
Baumwollspinnerei15,7511,—4,7521,—17,254,50
Durchschnittlich20,—10,256,2524,3016,66,759

Der Unterschied beträgt im Durchschnitt für die Textilindustrie in Lodz im Vergleich zu Sosnoviz für Männer + 21,5 %, Frauen + 61,9 %, Minderj. + 4,7 %.

Die eigentliche Ursache der Entstehung der Industrie im Sosnovizer Rayon war jedoch die neue Aera in der russischen Zollpolitik. Eine ganze Reihe preufsischer und sächsischer Fabriken wurde gleich nach 1877 einfach aus Deutschland nach Polen verlegt. In einer Zone von 3 russischen Meilen um die Grenze konzentrierte sich bald eine ansehnliche Industrie. Von den 27 bedeutendsten Fabriken, welche man hier 1886 in der Nähe von der Grenze zählte, wurden gegründet bis 1877 5, 1877—1886 22 (81,5 %)60. Die Produktion der Fabriken in Sosnoviz betrug: 1879 ½ Mill. Rubel, 1886 13 Mill. Rubel61, was eine Vermehrung um 2500 % in 7 Jahren ausmacht.

Die Entwicklung der Fabrikproduktion im Sosnovizer Rayon ging Hand in Hand mit einem überraschenden Wachstum der Kohlenindustrie. Unterstützt und in den dreifsiger Jahren (1833—1842) sogar unmittelbar betrieben von der Polnischen Bank, entwickelt sich dieselbe bis zu den sechziger Jahren ganz langsam und weist im Jahre 1860 eine Ausbeute von 3,6 Mill. Pud Kohle auf. Seit dieser Zeit treten nach einander drei wichtige Momente ein, die der Entwicklung des Bergbaues mächtig Vorschub leisteten: erstens der Bau von Eisenbahnen in den sechziger und siebziger Jahren, zweitens die Entwicklung der Fabrikindustrie und drittens das prohibitive Zollsystem. Der Aufschwung kommt denn auch in folgenden Zahlen zum Ausdruck:

JahrDie Kohlengewinnung in Millionen Pud war
18603,6
187013,8
188078,462
1890150,863

Während der 20 Jahre 1870—90 hat sich also die Ausbeute um 993 % vergröfsert.

Die Eisenbahnen bilden einen der wichtigsten Abnehmer für die Kohle. Neben dem südrussischen Kohlenbassin versieht auch das polnische mit Heizmaterial die Eisenbahnen Rufslands. Der Konsum der letzteren betrug:

188018851890
von süd-russ. Kohle22,2 Mill. Pud34,3 Mill.39,8 Mill.
von polnisch. Kohle10,8 Mill. Pud13,8 Mill.17,5 Mill.64

Ein noch wichtigerer Abnehmer der Kohle ist aber die Fabrikindustrie. 1890 verbrauchte der Lodzer Rayon allein 30,6 Millionen, der Warschauer 26 Millionen und der Sosnovizer Rayon 40 Millionen Pud Kohle, wobei die Eisenwerke eine grofse Rolle spielten65. 1893 belief sich der Kohlenkonsum in Warschau auf 35,5 Millionen Pud, in Lodz im gleichen Jahre auf 36,2 Millionen66 und im Jahre 1896 auf 41 Millionen Pud67.

Eine neue Epoche in der polnischen Kohlenindustrie tritt ein mit der Ausdehnung der Schutzzollpolitik auch auf diesen Produktionszweig im Jahre 1884, wo die bis dahin freie Einfuhr der ausländischen Kohle mit einem Zoll von ½ bis 2 Kopeken in Gold per Pud getroffen wurde. Die nächste Folge davon war eine grofse „Kohlenkrise“ in Rufsland, d. h. ein grosser Kohlenmangel infolge der rückständigen Betriebsweise der russischen Kohlenwerke und ihrer Unfähigkeit, die im Verhältnis zur steigenden Nachfrage gefallene Zufuhr englischer Kohle durch die eigene zu ersetzen68.

Den Nutzen daraus zogen am meisten die polnischen Kohlenwerke, welche ihre Thätigkeit rasch erweiterten und in einigen Jahren alle wichtigsten Absatzmärkte in Rufsland: Odessa, Moskau, St. Petersburg, sogar Südrufsland, eroberten. Trotzdem die Krise längst überwunden ist, schlägt seither die polnische Kohle in Rufsland Schritt für Schritt die südrussische aus dem Felde, so auf den Eisenbahnlinien Moskau-Kursk, Moskau-Brest, Kijew Woronesch, Chwastow, St. Petersburg-Warschau, und zum Teil auf den südwestlichen Linien. Nach Odessa kam 1894 aus Polen 5 824 000 Pud Kohle gegen 5 300 000 aus dem südrussischen Becken69.

Es bleibt noch übrig, einen Blick auf die Eisenindustrie des Rayons zu werfen. Diese hat bereits eine längere Geschichte hinter sich, denn schon in dem Herzogtum Warschau um das Jahr 1814 zählte man 46 Hochöfen für Eisenerz70. Die Entwicklung ging jedoch so langsam vor sich, dafs Polen es bis zu den achtziger Jahren nicht über eine Produktion von 2,5 Millionen Pud Roheisen, 1,4 Millionen Pud Eisen und 3,9 Millionen Pud Stahl gebracht hatte71.

Ein neues Blatt in der Geschichte der polnischen Eisenindustrie beginnt mit der Wendung in der russischen Zollpolitik. Die kurze freihändlerische Periode nach dem Krimkriege dauerte für das Eisen etwas länger als für andere Waren, da die russischen Eisenwerke auch bei der stärksten Schutzzollpolitik nicht hätten den vom Eisenbahnbau gestellten enormen Anforderungen genügen können. Seit dem Jahre 1881 tritt aber auch hier der Schutzzoll an Stelle des Freihandels, und nach einer allmählichen Steigerung wurden die Zollsätze im Jahre 1887 auf 25 und 30 Kopeken in Gold per Pud Roheisen, auf 50 Kopeken bis 1,10 Rubel für Eisen und 70 Kopeken für Stahl festgesetzt; der Tarif von 1891 hat eine abermalige Erhöhung der Zölle gebracht72. Als unmittelbare Wirkung der Zollrevision sehen wir die Einfuhr fremder Metalle nach Rufsland folgendermafsen zurückgehen:

RoheisenEisenStahl
188114,3 Mill. Pud6,5 Mill. Pud1,4 Mill. Pud
18907,1 Mill. Pud5,0 Mill. Pud1,0 Mill. Pud73

Dementsprechend steigt die Metallproduktion in Rufsland und in Polen, — im letzteren wie folgt:

in Millionen PudRoheisenEisen und Stahl
18600,70,3
18701,3 (100 %)0,6 (100 %)
18802,45,5
18907,4 (+ 488 %)7,574 (+ 1054 %)

Der dritte Industrierayon, der Warschauer, hat keine so stark ausgeprägte industrielle Physiognomie, wie die beiden vorhergehenden. Hier finden wir eine grofse Mannigfaltigkeit der Industriezweige, die wichtigsten aber sind der Maschinenbau und die Zuckerindustrie. Die Geschichte des ersteren ist ganz in folgender einfacher Zusammenstellung erzählt. Während bis 1860 nur 9 Fabriken landwirtschaftlicher Maschinen in Polen existierten, wurden 1860—1885 42 neue gegründet75. Hier, wie in allen früheren Fällen, sehen wir den gleichen Aufschwung infolge der Umwälzung des Absatzes in den sechziger und siebziger Jahren.

Werfen wir endlich einen Blick auf die Geschichte der Zuckerindustrie. Sie hat schon in den zwanziger Jahren ihren Anfang genommen, wurde jedoch bis zu den fünfziger Jahren nur als ein Nebenzweig der Landwirtschaft in kleinen Dimensionen oft von Grundbesitzern selbst betrieben. Die Produktion der im Jahre 1848 thätigen 31 Betriebe übersteigt nicht 177 500 Pud, was nicht mehr als 5 bis 6 Tausend Pud pro Fabrik ergiebt. Die gröfste Zahl der Zuckerfabriken weist das Jahr 1854 auf, wo es 55 Betriebe gab76. Seit der Aufhebung der Frohndienste und der Umwälzung in der Landwirtschaft trennte sich die Zuckerproduktion von der Agrikultur und wurde zu einem selbständigen Industriezweig. Die Zahl der Etablissements verringerte sich allmählich bei gleichzeitiger Konzentration der Produktion. Im Jahre 1870 finden wir nur noch 41 Zuckerfabriken mit 1,2 Millionen Pud jährlicher Produktion. Eine wahre Revolution in der Zuckerindustrie wurde aber erst in den siebziger Jahren durch die Steuer- und Zollpolitik der russischen Regierung herbeigeführt. 1867 wurde nämlich das besondere System der Zuckerbesteuerung, welches bis dahin in Polen Geltung hatte, aufgehoben und durch das reichsrussische ersetzt. Das letztere beruhte auf der Besteuerung nicht des effektiv hergestellten fertigen Produktes, sondern derjenigen Menge desselben, welche gemäfs der als Norm gesetzten Produktivität der Prefsapparate auf jeder Fabrik voraussichtlich hergestellt werden sollte. Die Zuckersteuer in dieser Gestalt wurde selbstverständlich in hohem Mafse zum Stachel der Vervollkommnung der Produktion; sie bewog bald alle Zuckerfabriken zur Einführung der Diffusionsmethode, welche die Produktivität dermafsen über die zur Basis der Besteuerung genommene Norm hinaustrieb, dafs die nominelle Steuer von 80 Kopeken in Wirklichkeit 35 und sogar nur 20 Kopeken per Pud ausmachte77. 1876 wurde noch zur Aufmunterung der Zukerausfuhr die Rückvergütung der Accise vom exportierten Zucker angeordnet, was angesichts der obigen Verhältnisse wiederum einer kolossalen Ausfuhrprämie gleichkam. Dies war wiederum ein Stachel zu einer fieberhaften Vervollkommnung der Betriebsmethoden und zur Erweiterung der Produktion. In wenigen Jahren hat sich auch die Zuckerindustrie in Rufsland und in Polen in eine Grofsindustrie verwandelt. Während Rufsland im Jahre 1874 nur 4 Pud Zucker ausgeführt hatte, betrug der Zuckerexport schon 1877 3 896 902 Pud, für welche die Regierung freilich 3 Millionen Rubel — die Hälfte der ganzen im Reiche erhobenen Zuckeraccise — „rückerstatten“ mufste78. Sie schritt denn auch schon 1881 zur gründlichen Reform in der Besteuerung der Zuckerindustrie, inzwischen war aber letztere auf sehr hoher Stufe der technischen Entwicklung angelangt.

In Polen wies sie auf:

FabrikenMill. Pud Produktion
1869/70411,2
1890/1404,879

Auf diese fieberhafte Erweiterung der Produktion folgte 1885 eine Krise, welche ihrerseits die Gründung eines ganz Rufsland und Polen umfassenden Zuckerkartells nach sich zog, und so diesem Produktionszweig den deutlichsten Stempel einer Grofsindustrie aufdrückte. Eine Blüte dieses Kartells ist es, dafs der russische Zucker, dessen Herstellungskosten 1 5/6 d. pro Pfund betragen, im Auslande zu 1 2/8 d., in Kiew aber zu 4 d. pro Pfund verkauft wird80. Kein Wunder, dafs bei solchen Monopolpreisen die Zuckerfabriken enorme Dividenden abwerfen können.

Das vorstehende Bild der Industrie in Polen wäre unvollständig, wenn man es nicht wenigstens durch einige Angaben über die Rolle dieser Industrie in der Volkswirtschaft des Russischen Reiches im allgemeinen und speciell im Vergleich zu anderen wichtigen Industrierayons ergänzen würde. Die Bedeutung Polens und der beiden Hauptstätten der russischen Fabrikproduktion — St. Petersburg und Moskau — mit Bezug auf die industrielle Thätigkeit läfst sich ganz allgemein folgendermafsen darstellen:

1890Gesamtertrag der Produktion in Millionen RubelPro Kopf der Bevölkerung
Im Russisch. Reich159713,5 Rubel
Im Moskauer Rayon46038 Rubel
Im Petersb. Rayon24240 Rubel
In Polen21023 Rubel81

Wie man sieht, nimmt die polnische Industrie ebenso absolut wie relativ die dritte Stelle im Reiche ein, während die Moskauer absolut und die Petersburger relativ die erste Stelle behauptet. Greifen wir die beiden wichtigsten Zweige der Produktion, Textilindustrie und den Bergbau heraus, so erhalten wir die folgende Zusammenstellung:

Von der Gesamtproduktion des Reiches (ohne Finnland), welche 1895 für Roheisen 82,0, für Eisen 25,7, für Stahl 34,5 und für Kohle 550 Millionen Pud betrug, entfielen auf

RoheisenEisenStahlKohle
Rayon Ural36 %56 %7,7 %2,9 %
Rayon Donez40 %6 %42,0 %54,0 %
Polen14 %14 %23,0 %40,0 %82

In der Metall- und Kohlenproduktion sind nämlich das Becken des Donez (Südrufsland) und der Ural die wichtigsten russischen Rayons, und Polen tritt vor allem mit dem ersteren, zum Teil auch mit dem letzteren in Konkurrenz auf den russischen Märkten. Wie wir sehen, steht Polen im Bergbau des Reiches an zweiter Stelle gleich hinter dem Rayon Donez, ausgenommen die Produktion von Roheisen, wo es die dritte einnimmt. Trotzdem Polen nur 7,3 % der Gesamtbevölkerung des Reiches hat, weist es ein Viertel der reichsrussischen Stahl- und zwei Fünftel der Kohlenproduktion auf.

Ebenso spielt Polen in der Textilindustrie des Reiches ganz unverhältnismäfsig zur Gröfse seiner Bevölkerung eine sehr bedeutende Rolle. Von der Gesamtzahl der Spindeln und der Webstühle in der Baumwollindustrie des Reiches, welche im Jahre 1886 3 913 000 resp. 84 500 betrug, entfielen auf

SpindelnWebstühle
Moskauer Rayon55 %71,6 %
Petersburger Rayon29 %12,8 %
Polen13 %12,5 %83

Hierin steht Polen also wiederum an dritter Stelle. In den anderen Zweigen kommt ihm jedoch eine viel gröfsere Bedeutung zu, wie dies aus der folgenden Tabelle ersichtlich. Von der gesamten Textilindustrie des Reiches, deren Produktionswert 1892 580,9 Millionen Rubel betrug, entfiel auf Polen 19,5 %; sein Anteil an den einzelnen Branchen belief sich aber

in der BaumwollspinnereiBaumwollwebereiLeinwandfabrik.Wollweberei und Tuchfabrik.WollspinnereiWirkerei
auf 15,6 %1642 %29,6 %77 %78 %84

Wenn Polen somit im ganzen von der Industrie des Centralen und des Petersburger Rayons überflügelt wird, so geht es jedoch in einzelnen wichtigen Zweigen der Volkswirtschaft allen anderen Reichsteilen voran. Im besonderen weist die grofse Bedeutung Polens in diesen Zweigen auf eine weitgehende Arbeitsteilung zwischen der polnischen und der russischen Industrie hin.

5. Der industrielle Absatz Polens

Aus dem Vorhergehenden wurde klar, dafs die russischen Absatzmärkte die eigentliche Triebfeder der heutigen grofsindustriellen Entwickelung Polens bilden. Es wäre deshalb interessant, genauere Angaben über den Umfang des Absatzes polnischer Waren in Rufsland zu erfahren, solche lassen sich jedoch nur schwierig ermitteln. Wie in der Statistik aller Staaten, besteht auch in derjenigen Rufslands ein grofser Mangel an Daten über den innern Warenverkehr. Nur mittelbar und annähernd läfst sich hier ein Überblick gewinnen. Die im Jahre 1886 veranstaltete offizielle Enquete ergab, dafs von den 141 gröfsten Fabriken, die insgesamt ein Dritteil der ganzen Produktion darstellen,

Fabrikenmit … R.produzieren
377 061 984ausschliefslich für Polen
277 480 645ausschliefslich für Rufsland
1113 224 589vorwiegend für Polen
3422 824 013vorwiegend für Rufsland
3219 311 695zur Hälfte für Polen u. Rufsland85

Wenn wir den Ausdruck „vorwiegend“ als gleichbedeutend mit ²/₃ annehmen, so stellt sich der Absatz der polnischen Industrie folgendermafsen dar.

Die 141 Fabriken produzieren Waren

im Werte von … Rubelgleich
für Polen33 142 22847 %
für Rufsland36 760 69852 %

Der allgemeine Schlufs, zu dem die Enquetekommission kam, war, dafs die polnischen Fabriken 50—55 % ihrer Erzeugnisse in Rufsland absetzen.

Den obigen Schlufs bestätigen auch partielle Angaben, so über den Absatz der Textilindustrie der Stadt Lodz. Dieser war

in Pud1884 (Krise) in Polen1884 (Krise) in Rufsland1885 in Polen1885 in Rufsland1886 in Polen1886 in Rufsland
Baumwoll- u. Wollstoffe372 3901 004 286321 3441 115 460443 5651 507 259
Garn45 2904 52463 05199 95156 58390 136
417 6801 008 810384 3951 215 411500 1481 597 39586

Was also das Centrum der Textilindustrie betrifft, so setzte es schon Mitte der achtziger Jahre drei Viertel seiner Erzeugnisse in Rufsland ab. In den zehn Jahren aber, seitdem die obigen Berechnungen gemacht wurden, dürfte sich das Verhältnis noch in weit stärkerem Mafse zu Gunsten des Absatzes in Rufsland verschoben haben, da die Produktion seitdem ca. um die Hälfte angewachsen ist, während der innere Markt sich selbstverständlich nur in kleinem Verhältnis vergröfsern konnte; andererseits haben wir direkte Beweise, dafs der polnische Absatz während dieser zehn Jahre neue Gebiete in Rufsland sich erschlossen hat, worauf wir noch näher zu sprechen kommen werden. Man darf also als das minimale Verhältnis für heute annehmen, dafs von den Erzeugnissen der polnischen Industrie ²/₃ von Rufsland absorbiert werden. Und zwar erstreckt sich dieser Absatz auf diejenigen Industriezweige, welche den Hauptstamm der grofskapitalistischen Produktion in jedem Lande bilden: auf die Textil-, Metall- und Kohlenindustrie. Daneben setzen natürlich auch eine ganze Reihe kleinerer Industriezweige, wie die Zucker- und Galanteriewarenproduktion, die Gerberei u. a. ihre Erzeugnisse in immer wachsendem Mafse nach Rufsland ab.

Das Vorschreiten des polnischen Absatzes in Rufsland bietet in geographischer Hinsicht ein interessantes Bild. Wie gesagt, beginnt dieser Absatz in gröfserem Umfange erst mit den siebziger Jahren. Längere Zeit beschränkt er sich jedoch nur auf die westlichen und südwestlichen Gouvernements des Reichs — auf Litthauen und Kleinrufsland, also eigentlich auf die alten Teile des ehemaligen Polens. Anfangs der achtziger Jahre erobert Polen aber einen neuen Absatzmarkt im Süden Rufslands, in dem sog. „Neurufsland“87. Mitte der achtziger Jahre macht der polnische Absatz wieder einen Schritt weiter. Im Jahre 1883 wurde nämlich der durch den Berliner Kongrefs vereinbarte freie Transit über Batum nach dem Transkaukasus aufgehoben und eine Zollgrenze daselbst errichtet. Damit haben die westeuropäischen Länder, vor allem England, einen beträchtlichen Absatzmarkt für ihre Produkte verloren, derselbe ging nun an russische und polnische Industrielle über. Um das Jahr 1885 erscheinen polnische Fabrikate zum erstenmale im Kaukasus, seitdem wächst ihre Zufuhr zu den 3 Hauptpunkten des kaukasischen Handels wie folgt:

BatumTiflisBaku
1885/639,000 Pud55,000 Pud68,000 Pud
1887/895,100 „200,000 „258,000 „88

Ende der achtziger Jahre rückt der polnische Absatz nach dem Nordosten — zur Wolgagegend — vor. Die polnische Zufuhr zu dem Hauptcentrum des Wolgahandels Zarizin war: 1887 — 55,640 Pud; 1888 — 73,729 Pud; 1889 — 106,403 Pud89.

Zur gleichen Zeit fängt Polen an, an dem europäisch-asiatischen Handel teilzunehmen, seine Fabrikate erscheinen nämlich auf den beiden kolossalen Jahrmärkten in Niszni-Nowgorod, wo seit 1889 grofse polnische Depots errichtet werden90, und in Irbit. Endlich mit dem Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre betritt der polnische Absatz den asiatischen Boden. Zuerst wurden Handelsbeziehungen mit Sibirien angeknüpft: 1888 mit Tomsk in Westsibirien91, 1892 mit Nerczinsk im südöstlichen Sibirien92, 1894 erscheinen polnische Waren schon in Omsk93. Um dieselbe Zeit entwickelt sich der polnische Absatz in Asien auch nach zwei anderen Richtungen hin, einerseits nach China, andererseits nach Persien und Kleinasien.

Im Laufe von 20 Jahren, 1870—1890, hat also der polnische Handel Schritt für Schritt in alle Winkel des europäischen Rufslands Eingang gefunden. Diese rasche Erweiterung des Absatzmarktes hat eben, wie wir gesehen, die polnische Fabrikproduktion in 20 Jahren in eine Grofsindustrie verwandelt. Seitdem bereitet sie sich aber zu einer neuen, wichtigen Aktion vor — zur Eroberung asiatischer Märkte. Schon hat der polnische Handel in dieser Richtung einige wichtige Schritte gethan. Dies ist jedoch zweifellos erst der Anfang von einem Anfang und die grofsartigen Aussichten, welche der Industrie dank der transsibirischen Eisenbahn und den gewaltigen Erfolgen der russischen Politik in Asien eröffnen, bedeuten u. a. für die polnische Industrie eine neue Revolution, vielleicht eine noch weitgehendere, als die sie in den siebziger Jahren erlebte. Die polnischen Unternehmer bereiten sich allen Ernstes auf diese Zukunft vor und richten ihr Augenmerk beharrlich auf Asien. Es wird in Warschau ein „Warenmuseum des Ostens“ errichtet, welches die specielle Aufgabe hat, die Produzenten mit der Warenwelt, dem Geschmack und den Anforderungen Asiens vertraut zu machen. In dem Prospekt der neuen Handelsanstalt wird darüber folgendes berichtet:

„Zucker und Branntwein, Maschinen und Gufsröhren, Glas, Fayence und Porzellan, Schuhe, Kravatten und Handschuhe, Tücher, Kattun und Leinwand, welche bei uns fabriziert werden, gingen noch vor kurzem nicht weiter als nach einigen nächstliegenden Gouvernements; heute wandern sie über den Don, den Ural, nach dem Kaukasus, über das Kaspische Meer, nach China, Persien und Kleinasien. Um es aber in dieser Richtung möglichst weit zu bringen, kann man nicht denjenigen, für die die Ware bestimmt ist, unsern Geschmack aufdrängen, sondern man mufs sich dem ihrigen anpassen, man mufs das produzieren, was auf jenen Märkten einen Absatz findet, der dortige Geschmack unterscheidet sich aber von dem unsrigen unendlich. . . . . Die Gattung des Stoffes, die Form, das Dessin, die Lieblingsfarben sind dort andere als bei uns. . . . . Das, was wir bis jetzt produzierten, war vorzugsweise für die civilisierte eingewanderte Bevölkerungsschicht in jenen Ländern bestimmt. Die Massen standen aufser dem Zielbereich unserer Industrie. Wenn wir aber unsere Industrie auf ein festes Fundament stützen und sogar erweitern wollen, müssen wir Waren produzieren, welche dem Geschmack und den Gewohnheiten der Massen entsprechen, und daher müssen wir die Bedürfnisse dieser Masse kennen lernen“94.

Dies in kurzen Zügen die Geschichte der Industrie in Russisch-Polen. Aus den Bemühungen der Regierung des Königreichs Polen hervorgegangen, macht sie gleich im ersten Augenblick den Versuch, sich der russischen Märkte zu bemächtigen. Nun ihr der Zutritt zu diesen erschwert und sie auf den inneren Konsumtionskreis mehr angewiesen wird, entwickelt sie sich langsam und schrittweise. Die sociale Krise, welche Rufsland in den sechsziger Jahren durchmachte, reifst auch Polen aus seiner ökonomischen Unbeweglichkeit und zieht es in den Strudel der kapitalistischen Entwicklung hinein. Mit der erneuerten diesmal definitiven Eröffnung der russischen Absatzgebiete gewinnt die polnische Industrie einen üppigen Nährboden und macht rasch den Umwandlungsprozefs in eine Grofsindustrie durch. Die Zollpolitik Rufslands monopolisiert die Annehmlichkeiten des enormen Absatzgebietes für russische und polnische Kapitalisten und erzeugt eine fieberhafte Kapitalaccumulation. Die Fabrikindustrie wird in Polen zum herrschenden Faktor des ganzen socialen Lebens, in welchem seit den letzten 25 Jahren auch ein totaler Umschwung eintritt.

Wie wir oben erwähnt haben, bewahrte Polen bis zu den sechsziger Jahren den Charakter eines agrikolen Landes mit der Herrschaft des Standes der Grundbesitzer auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens. Die Bauernreform zertrümmerte schon zum grofsen Teil diese Vorherrschaft des adeligen Grundbesitzes95. Die Notwendigkeit, über das nun für den Betrieb unentbehrliche Geldkapital zu disponieren, vergröfserte stark seine Verschuldung. Die in den achtziger Jahren hinzugetretene allgemeine Krise in der europäischen Landwirtschaft und das Sinken der Getreidepreise gaben ihm den Rest.

Die ganze breite Schicht des mittleren adeligen Grundbesitzes ging und geht dadurch mit jedem Tage seinem Ruin mehr entgegen. 15 Prozent der adeligen Güter sind bereits aus den Händen ihrer Besitzer in deutsche und jüdische Hände übergegangen, andere 15 Prozent wurden in Parzellen zerschlagen und an Bauern verkauft. Der übrige Grundbesitz ist mit einer Hypothekenschuld belastet, die im Durchschnitt 80 Prozent, in zwei Fünfteln der Fälle aber 100 bis 250 Prozent des Wertes beträgt96. Gleichzeitig wuchs aber immer mächtiger die Industrie und bald wurde sie in allen Beziehungen der Landwirtschaft überlegen. Schon 1880 war der Wert der industriellen Produktion demjenigen der Getreideproduktion gleich97. Heute übersteigt er ihn um mehr als das Doppelte: der erstere beträgt zum mindesten 23 Rubel, der letztere nur 11 Rubel pro Kopf der Bevölkerung98. Aber auch diese quantitativ untergeordnete Landwirtschaft ist gänzlich in Abhängigkeit von der Industrie geraten. Während Polen ehemals „ein Speicher Europas“, ein vorwiegend für den Weltmarkt Getreide produzierendes Land gewesen, befriedigt es heute kaum den eigenen Bedarf. Die Industrie hat einen innern Markt geschaffen, welcher das ganze Produkt des Ackerbaus — der Masse nach — verschlingt. Wenn Polen heute noch ansehnliche Quanta Weizen exportiert, so geschieht dies nur, weil es aus Rufsland noch gröfsere Quanta niedrigerer Getreidesorten zum Ersatz importiert. Zweitens sieht sich die Landwirtschaft angesichts der stets sinkenden Getreidepreise heute gezwungen, sich überhaupt immer mehr von der reinen Getreideproduktion zu emancipieren und auf die Kultur von sog. technischen Pflanzen für die Industrie, ebenso wie auf die Viehzucht zu verlegen99. Es ist überflüssig zu betonen, dafs auch das Handwerk, da wo es noch nicht direkt von der Konkurrenz der Fabriken untergraben wird, im Gegenteil von der Fabrikindustrie lebt, teils ihr direkt in die Hände arbeitend, teils von den durch sie accumulierten Kapitalien und dem gesteigerten innern Konsum profitierend. Die Industrie ist jetzt derjenige Stamm geworden, aus dem alle übrigen Zweige des materiellen Lebens des Landes ihre Säfte ziehen. Oder richtiger gesagt, sie ist diejenige Triebfeder, die alle Gebiete des materiellen Lebens revolutioniert und sich unterordnet: die Landwirtschaft, das Handwerk, den Handel und die Verkehrsmittel. Polen, das ehemals so sehr eigenartige Land in socialer Beziehung, ist jetzt ein typisches kapitalistisches Land geworden. Der mechanische Webstuhl und der Dampfmotor haben es der originellen Physiognomie beraubt und ihm das nivellierende internationale Gepräge aufgedrückt. Schon im Jahre 1884 hatte Polen die specifisch kapitalistische Krankheit — die erste grofse Krise — durchgemacht. Heute kommen bereits in der erwachten Arbeiterbewegung hie und da auch die Hypokratuszüge des polnischen Kapitalismus zum Vorschein.

Zweiter Teil. Die ökonomische Politik Rufslands in Polen

Das im Vorhergehenden gegebene Bild der Entwicklung und des heutigen Standes der Industrie in Polen ist ein ganz anderes, als das, welches uns die Geschichte des städtischen Gewerbes in dem Polen des Mittelalters bietet. Trotz der ganz identischen Entstehungsweise — der künstlichen obrigkeitlichen Verpflanzung aus Deutschland — geht die Manufaktur in Polen nicht nur nicht, wie das ehemalige städtische Handwerk, zu Grunde, sondern entwickelt sich zu einer Grofsindustrie und trotz ihres fremden deutschen Ursprungs fafst sie nicht nur tiefe Wurzeln in dem nationalen Leben Polens, sondern wird geradezu zum herrschenden, tonangebenden Faktor desselben.

Allein in der letzten Zeit traten einige Erscheinungen auf, die auf verschiedenen Seiten Befürchtungen in Bezug auf die fernere Zukunft der polnischen Industrie erweckt haben. Es ist klar, dafs der Absatz in Rufsland und im Anschlufs daran der nunmehr eröffnete Absatz in Asien den Lebensnerv der Industrie Polens bilden. Auf allen diesen Gebieten treten aber polnische Erzeugnisse selbstverständlich in Konkurrenz mit den russischen. Ein natürlicher Interessengegensatz in Bezug auf die Absatzmärkte scheint sich daraus zwischen der polnischen und der russischen Bourgeoisie auf den ersten Blick zu ergeben, ein Gegensatz der, je mehr die polnische Industrie wächst, desto schroffer werden mufs. Anderseits scheint es ebenso natürlich zu sein, dafs die russische Kapitalistenklasse auf ihrer Seite die russische Regierung gegen die polnische Konkurrentin hat, dafs die Regierung ihre Macht zur Benachteiligung der polnischen Industrie gebrauchen und als das einfachste und radikalste Mittel dazu etwa eine Zollbarriere zwischen Polen und Rufsland wieder errichten dürfte. Solche Stimmen machten sich in der letzten Zeit vielfach hörbar und es wurde die Meinung hie und da ausgesprochen, dafs für die polnische Industrie nach der bisherigen Periode der Prosperität eine Periode der Verfolgungen und Mafsregelungen seitens der russischen Regierung begonnen habe, an denen sie über kurz oder lang zu Grunde gehen würde100.

Bevor wir also die Beschreibung der polnischen Industrie abschliefsen, müssen wir noch auf die Frage eingehen, was es mit dem Interessengegensatz der polnischen und der russischen Fabrikproduktion in Wahrheit auf sich hat, welche die Ausrüstung der polnischen in ihrem Konkurrenzkampfe mit der russischen und welches die Stellung der Regierung diesen Kämpfen gegenüber ist. Auf diese Weise werden wir in der Lage sein, die bisherige Geschichte der Industrie in Polen durch eine Perspektive ihrer Zukunft zu ergänzen.

1. Die Geschichte des Kampfes zwischen Lodz und Moskau

Es ist vor allem ganz falsch, dafs die Konkurrenz und der Streit zwischen dem centralen Industrierayon und dem polnischen, der Streit, mit dem vor einigen Jahren so viel Aufhebens gemacht wurde, eine neue erst aus den achtziger Jahren datierende Erscheinung sei, wie dies allgemein angenommen wird. Ganz im Gegenteil, — dieser Kampf ist gerade so alt, wie die polnische Industrie selbst. Schon in den zwanziger Jahren wurden der Regierung Bittschriften unterbreitet, in denen sie russischerseits um die Erhöhung der russisch-polnischen Zölle, polnischerseits dagegen um die gänzliche Abschaffung der Zollgrenze zwischen Polen und Rufsland angegangen wurde. Seitdem hat die Rivalität eigentlich nie aufgehört. Es wurden von den russischen Unternehmern aufser im Jahre 1826 noch 1831 Petitionen nach St. Petersburg geschickt101 — immer mit Klagen gegen die polnische Industrie und mit Aufforderungen, die „vaterländische“ in ihrem Kampfe mit der polnischen zu unterstützen. Wie man aus der Geschichte der polnischen Industrie ersieht, hat die Regierung schliefslich nicht nur den Gesuchen der russischen Unternehmer nicht Folge geleistet, sondern umgekehrt 1851 die Zollgrenze zwischen Polen und Rufsland abgeschafft und so dem Wettkampf der beiden feindlichen Industrien völlig freien Lauf gelassen. Von neuem ist der Kampf heftig seit der Mitte der achtziger Jahre entbrannt, erstens weil die polnische Industrie um diese Zeit — wie erwähnt — einer ganzen Reihe neuer Absatzgebiete in Rufsland ebenso im Süden wie im Osten sich bemächtigte, zweitens weil gerade damals an der preufsischen Grenze die ganze Textilindustrie des Sosnovizer Rayons wie aus der Erde gestampft wurde. Andererseits aber sind die Ende der siebziger Jahre durch die Wendung in der Zollpolitik plötzlich und stark in die Höhe geschraubten Warenpreise gegen Mitte der achtziger Jahre ziemlich gefallen. Die dadurch beunruhigten Moskauer Unternehmer fingen an, „den Schuldigen zu suchen“102 und entdeckten ihn auch — in der polnischen Konkurrenz. Dabei wurde der Kampf, angesichts der Eroberungen, welche die polnischen Baumwollprodukte auf den russischen Absatzmärkten machten, hauptsächlich von den Moskauer Baumwollfabrikanten geführt.

Die erste Attaque seitens des Moskauer Unternehmertums führte ein gewisser Scharapoff in einer öffentlichen Rede, die er in Moskau und in Iwanowo-Wosnesensk 1885 hielt und die später im Druck erschien. Scharapoff hat von Anfang an die höchsten Töne angeschlagen und die ganze Campagne des Moskauer Kattuns gegen den Lodzer Barchent zu einem historischen Zweikampf der slavischen Rasse mit der germanischen aufgebauscht. Er weist darauf hin, dafs die polnische Industrie in allen Beziehungen in günstigeren Bedingungen sich befinde, als die russische, es stehen ihr nämlich nach Sch. erstens der billigere deutsche Kredit zur Verfügung — sie zahle 3½ bis 4 %, da wo der centralrussische Unternehmer 7—8 % zu zahlen habe, sie verfüge zweitens über billigere Rohstoffe, da sie für dieselben viel niedrigere Transportkosten zu tragen habe, als der weit im Osten liegende Moskauer Rayon, drittens erfreue sie sich günstigerer Eisenbahntarife, welche sie infolge der privaten Vereinbarungen unter den Eisenbahngesellschaften erzielt habe, viertens endlich habe sie bedeutend niedrigere Steuern zu entrichten, da letztere im Centralrayon 3,600 Rubel pro 1 Million Rubel Produktionswert, in Lodz dagegen 1,400 Rubel, in kleinen polnischen Städten aber nur 109 Rubel betragen103.

Scharapoff ruft die Regierung zum Kampf gegen die „deutsche“ Industrie Polens und zur Rettung des von ihr unterdrückten russischen und polnischen Elements auf (!).

Im nächsten Jahre 1886 ordneten die Moskauer Unternehmer schon eine Deputation nach St. Petersburg ab mit der „unterthänigsten“ Bitte, zwischen Polen und Rufsland wieder eine Zolllinie zu errichten104.

Die so angegangene Regierung setzte im gleichen Jahre 1886 eine Kommission, bestehend aus Professor Janschul, Iljin und Langowoj, ein, welche die Aufgabe hatte, die Produktionsbedingungen des polnischen Industrierayons zu untersuchen und die Behauptungen der Moskauer Fabrikanten auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen105. Das Resultat dieser, ernster und gründlicher als alle anderen geführten, Untersuchung war folgendes.

Auf Seite der polnischen Industrie sehen wir billigeres Heizmaterial, kleineres fixes Kapital, niedrigere Besteuerung, besseres Arbeiterkontingent und günstigere räumliche Konzentration der Unternehmungen an einigen wenigen Punkten. Auf Seite der russischen Industrie dagegen billigere Arbeitskraft, kleinere Transportkosten zu den Hauptabsatzmärkten (Kaukasus, Wolgagegend, Asien), kleinere Ausgaben für die Arbeiterschaft (Spitäler, Schulen etc.), Profite von den Fabrikläden, endlich Überflufs an Wasser zum Betriebe der Baumwollwebereien und -Spinnereien106. Zum Schlufs äufsert sich die Kommission gegen die Einführung einer Zolllinie zwischen Polen und Rufsland, desgleichen gegen einen wider Polen gerichteten differentiellen Zoll für Rohbaumwolle, erstens weil die Regierung es „kaum für möglich halten würde, Polen in handels-industrieller Beziehung als einen fremden Staat zu behandeln“, und zweitens weil ein hoher differentieller Zoll „in den Augen der Einwohner Polens, russischer Unterthanen, als eine Ungerechtigkeit gegen sie erscheinen und zweifellos grofse Unzufriedenheit hervorrufen würde“. Als die einzig gerechte Mafsnahme erachtet die Kommission eine Erhöhung der bisherigen Besteuerung der polnischen Industrie bis zur Ausgleichung derselben mit der russischen107.

1887 reichten die Moskauer Unternehmer dem Finanzminister auf dem Jahrmarkt zu Nischny-Nowgorod abermals eine Petition ein, worin sie um die Erhöhung der Zölle auf Baumwolle und um Einführung eines differentiierten höheren Zolls an der polnischen Grenze ersuchten108. Jetzt traten aber auch die Lodzer Fabrikanten in den Kampf ein. Sie beantworteten das erwähnte Schriftstück mit einer Gegenpetition, worin sie darzuthun suchten, dafs sie sich in bedeutend ungünstigeren Produktionsbedingungen befänden, als ihre Moskauer Konkurrenten, dafs die Baumwollspinnereien des centralen Rayons 1886 bis 8²/₅ %, während die polnischen nur 7½ % Dividenden abwarfen109, dafs der Transport der Rohbaumwolle von Liverpool nach Moskau 35,77 Kopeken, von Liverpool nach Lodz aber 37,10 Kopeken per Pud koste, dafs also eine weitere Verschlimmerung ihrer Lage durch die Einführung eines differentiellen Zolls auf Baumwolle ihnen die Produktion fernerhin sehr erschweren würde110.

Im Jahre 1888 wurde abermals eine Kommission unter dem Vorsitz von Beher zur Untersuchung der Streitfrage eingesetzt. Ihre Ergebnisse fielen diesmal sehr zu Ungunsten Polens aus, und die Kommission forderte eine Reihe von Mafsnahmen zum Schutze des Moskauer Industrierayons gegen die besser situierte polnische Industrie111. Andererseits reichten 1888 wieder die Moskauer Fabrikanten dem Finanzminister eine Petition ein, worin sie sich über ihre bedrängte Lage beklagten und Mafsnahmen gegen die „parasitische“ Industrie Polens von der Regierung forderten112.

1889 veröffentlichten die Lodzer Fabrikanten eine Agitationsschrift unter dem Titel „der Kampf Moskaus mit Lodz“, worin sie durch den Mund „eines unbeteiligten, unparteiischen Beobachters“ darzuthun suchten, dafs Lodz für Rohbaumwolle teurer zu zahlen habe, als Moskau, dafs der Vorzug des billigeren Heizmaterials, den Lodz vor Moskau habe, nur die quantité négligeable von 0,2 Kopeken per Arschin des Stoffes ausmache, dafs die Ursache des teueren Kredits Moskaus an Moskau selbst liege und von der mangelhaften Organisation desselben herrühre, dafs Lodz dafür an Wassermangel leide, teurer die Arbeitskraft bezahle, endlich kleinere Profite beziehe, als die centralrussische Industrie113.

1890 gab die von der Regierung unternommene Organisation und Verstaatlichung des Eisenbahntarifwesens wieder Anlafs zur Abordnung einer neuen Kommission, welche zum x-ten Male die Frage untersuchen sollte, wie es um die Konkurrenzbedingungen des polnischen und des centralrussischen Industrierayons bestellt sei, und wie demgemäfs die Eisenbahntarife auf den für die Konkurrenten in Betracht kommenden Linien zu gestalten seien. Diese Kommission, welche unter dem Vorsitz des Vertreters des Eisenbahndepartements Lazareff arbeitete, kam wiederum zu keinem Resultat. Die Vertreter der Lodzer und der Moskauer Unternehmer gaben ihre bekannten Argumente und Gegenargumente zum besten. Neu waren nur zwei Argumente polnischerseits, nämlich der Hinweis auf den Gebrauch der billigen Naphthareste als Heizmaterial im Moskauer Rayon und die Behauptung, die Steuerlasten seien in Polen gröfser, als in Centralrufsland, nämlich hier 5,82 Rubel, dort aber 6,64 Rubel pro Kopf der Bevölkerung114.

Im nächsten Jahre 1891 wurde abermals ein bekannter Ökonom Bieloff mit der Untersuchung der Produktionsverhältnisse in Polen und in Centralrufsland beauftragt. Dieser kam wieder zu dem Schlufs, dafs auf Seite von Lodz fast alle Nachteile, auf Seite Moskaus dagegen alle Vorteile zu finden seien, nämlich: billigere Arbeitskraft, längere Arbeitszeit (hier 3429 Stunden, dort 3212 Stunden pro Jahr), billigeres Heizmaterial: Naphthareste kosten 6 d. per cwt., Kohle dagegen bei gleicher Wärmeerzeugung bedeutend mehr, nämlich 10¼ d. per cwt.; billigere Rohbaumwolle, endlich günstigere Eisenbahntarife. Derselbe Scharapoff, welcher 1885 den ersten Alarm gegen Lodz geschlagen hatte, behauptete jetzt aus Anlafs der Bieloff’schen Untersuchung, seit 1885 habe sich die Lage gänzlich verändert, und Lodz verdiene jetzt gar nicht, irgendwie gemafsregelt zu werden115.

Es war nötig, die verschiedenen Stadien des Streites zwischen Lodz und Moskau so eingehend zu behandeln, um darzuthun, wie schwierig es ist, sich über die Frage eine unbefangene Meinung zu bilden, und wie vorsichtig die über diesen Punkt geäufserten Behauptungen gewöhnlich zu nehmen sind, da es nicht ein einziges Argument giebt, welches nicht von beiden Parteien mit direkt entgegengesetzten Beweisziffern gebraucht worden wäre, und da man nur zu leicht zum unbewufsten Sprachrohr eines der beiden Unternehmerchöre werden kann.

Nachdem wir die Geschichte des Moskau-Lodzer Streites und die Hauptpunkte, um welche sich derselbe dreht, in Kürze kennen gelernt haben, wollen wir jetzt unsererseits die Konkurrenzbedingungen der beiden Industrien in allen Hauptpunkten mit einander vergleichen, um auf Grund zahlenmäfsiger Beweise einen objektiven Begriff von denselben zu gewinnen.

2. Industrielle Produktionsbedingungen in Polen und in Rufsland

Heizmaterial. Eine der weitaus wichtigsten Produktionsbedingungen für jede Fabrikindustrie ist das Heizmaterial. Für die polnische wird gerade dieses Moment von mehreren Forschern als entscheidendes in ihrer Entwicklung angesehen und als das wichtigste in ihrem Konkurrenzkampf mit der russischen Industrie betrachtet. So sagt der Bericht der erwähnten Kommission vom Jahre 1886: „Das Heizmaterial ist zweifellos derjenige Faktor der Produktion, welcher den wichtigsten Unterschied in den Produktionsbedingungen der centralen Gouvernements und des Königreichs Polen ausmacht“116. Die polnische Industrie besitzt grofse und reiche Kohlenwerke, während das Centrum der russischen Industrie: der Moskauer Rayon von den Kohlenwerken des Reviers Donez weit entfernt liegt und hauptsächlich auf teure Holz- oder Torfheizung angewiesen ist. „Der Preis des Holzes im Moskauer Gouvernement wird mit jedem Tage höher, und nach den Berechnungen des Ingenieurs Bielikoff kostet im Durchschnitt ein Pud Holz 11,6 bis 13,1 Kopeken. Der Torf, dessen Verwendung in den Fabriken rasch wächst, und der schon um Moskau im Umfange von 100,000 Klafter jährlich gebraucht wird, kommt hauptsächlich infolge grofser Transportkosten auf 12, sogar auf 16 Kopeken per Pud und seine Verwendung ist überhaupt nur dann für eine Fabrik von Vorteil, wenn dieselbe in nächster Nähe der Torfmoore liegt“. Die russische Kohle kostet in Moskau 13,3 Kopeken (aus Tula), 17,5 (aus Rjasan) und 25 Kopeken (vom Revier Donez). Auch die englische Kohle kostet 25 Kopeken pro Pud. „Um wie viel die meist verwendeten Heizmittel — Holz und Torf — bei gleichzeitig gegebener Unmöglichkeit, sie durch die noch teurere Kohle zu ersetzen, relativ teurer sind, und wie wesentlich diese Frage für die russische Industrie ist, kann man nach dem folgenden beurteilen: die mittlere Wärmeerzeugung ist nach den Berechnungen desselben Ingenieurs Bielikoff bei Holz 2430° (F. C.) bis 2700°, bei Moskauer Torf 1920—2800°, dieselbe Wärmeerzeugung ist bei der Kohle sogar aus Tula 3280°, bei der Kohle vom Donez aber und bei der englischen übersteigt sie weit 5000°“117.

In ganz anderer Lage befindet sich in dieser Beziehung die polnische Industrie. Die Durchschnittspreise der Kohle in den Hauptcentren der Industrie: Sosnoviz, Lodz und Warschau sind: 2,4—4,95 Kop., 11,5 Kop. und 13 Kop. per Pud, also niedriger als die des Holzes in Moskau, wobei die Wärmeerzeugung natürlich bedeutend gröfser ist118.

Berechnet pro Einheit des Produktes betragen die Ausgaben für Heizung:

in Polenin Moskauin St. Petersburg
pro Pud Baumwollgarn38 Kop.90 Kop.53 Kop.119

Diese Angaben genügen, um den grofsen Vorteil zu zeigen, den die polnische Industrie in Bezug auf die Heizung vor ihrer russischen Konkurrentin hat.

Professor Schulze-Gävernitz glaubt trotz alledem sagen zu können, dafs „natürliche Vorteile der polnischen Industrie nicht zu gute kommen. Man weist zwar auf das billigere Heizmaterial hin, aber nach den Angaben Mendelejeffs, verglichen mit denen der obengenannten Berichte, wird dieser Vorteil in dem Mafse hinfällig, als Moskau zur Naphthaheizung übergeht (1 Pud Steinkohle in Lodz 12—13 Kop., der gleiche Brennwert in Naphtha 12,75 Kopeken)“120.

Dazu ist folgendes zu bemerken. Vor allem kostet ein Pud Steinkohle in Lodz — nicht 12—13 Kop., wie Professor Schulze-Gävernitz meint, sondern 8¾—13½ (resp. 8,3—14,7) und ein Pud Naphthakohle, d. h. eine Menge Naphtha bezüglich Wärmeerzeugung einem Pud Kohle entsprechend — nicht 12,75 Kopeken, sondern 13—20 Kopeken121, also immerhin bedeutend mehr als die Kohle in Polen. Zweitens bildet Naphtha einstweilen nur 20,5 % des ganzen Heizmaterials im Moskauer Rayon — speciell in der Baumwollindustrie der Gouvernements Moskau und Wladimir 29,4 %122 —, kann also die Produktionsbedingungen bei der überwiegenden Mehrzahl der Fabriken dieses Rayons nicht beeinflussen.

Was aber drittens die Zukunft dieser Heizungsmethode betrifft, so sagt Prof. Mendelejew in seinem speciell der Naphthaindustrie gewidmeten Aufsatz: „Die Benutzung derselben (der Naphthareste) als Heizungsmaterial ist heute, wo es (infolge des Mangels an einem Röhrensystem für die Zuleitung der Naphtha von Baku nach Batum) keine Möglichkeit giebt, die Masse der gewonnenen Naphtha zu utilisieren, die natürlichste, obwohl eine exklusive und temporäre Erscheinung“123. „Für gewöhnliche Heizungszwecke, besonders für Heizung der Dampfmaschinen, wo alle Arten des Heizmaterials tauglich sind, kann der Gebrauch eines so kostbaren Heizmaterials wie die Naphthareste eine weite Verbreitung nur temporär in solchen Übergangsmomenten der industriellen Thätigkeit des Landes finden, wo die Industrie noch nicht Zeit gehabt hat, sich in ein regelmäfsiges Bett zurecht zu legen, letzteres setzt aber heute in allen Ländern als Bedingung voraus — den Gebrauch der Steinkohle“124. Und noch weiter. „Der heutige Verbrauch von 130 Millionen Pud Naphtharesten in Rufsland mufs als eine temporäre Erscheinung betrachtet werden, welche einerseits von dem Mangel an Absatz der Naphtha auf dem Weltmarkt und andererseits von dem Mangel an Intensität in der Gewinnung der Steinkohle und an deren Verbreitung in ganz Rufsland, besonders im Centrum und im Südosten, abhängt.“ „Die Errichtung von Eisenbahnlinien von dem Kohlenrevier Donez zur Wolga und verschiedene Mafsnahmen zur Utilisierung der Naphthavorräte in Baku und zur billigen Ausfuhr der Steinkohle vom Donez, bilden die heutigen Aufgaben der industriellen Entwicklung Rufslands und müssen der heute stattfindenden irrationell breiten Verwendung der Naphthareste von Baku für die Dampfkessel ein Ende machen“125.

Die angeführten Citate, welche die Meinung des besten Kenners dieser Frage aussprechen, genügen u. E., um darzuthun, dafs man bei der vergleichenden Beurteilung der Heizmittel in Polen und in Moskau von der Naphthaheizung im letzteren als von einer temporären Erscheinung absehen mufs. Was jetzt „Naphthareste“ genannt wird, sind nicht etwa wirkliche Produktionsabfälle, sondern das Produkt der Naphthagewinnung selbst, welches nur infolge Absatzmangels sehr ungenügend utilisiert und in grofsen Massen statt zu Beleuchtungs-, zu Heizungszwecken verwendet wird, sodafs beim Export aus Baku auf je ein Pud Naphtha z. B. im Jahre 1891 1,40, 1894 sogar 2,73 Pud Naphthareste entfielen. Demnach bilden die sog. „Reste“ eigentlich das Haupt-, die Naphtha dagegen das Nebenprodukt. Die Abnormität dieser Erscheinung kommt auch in der Qualität des Produktes selbst zum Vorschein. Die solcherweise gewonnenen „Reste“ explodieren schon bei 50°, 40° und sogar 30° C., während die normale Explosionstemperatur bei wirklichen Naphtharesten nicht niedriger als 140—120° C. sein darf. Daher auch die kostspieligen Folgen der billigen Heizung: im Laufe des Jahres 1893 und 94 wurden 20 Fahrzeuge der Astrakhan-Dampfschiffgesellschaft, die mit „Resten“ heizte, durch Feuersbrunst vernichtet126. Eine andere Unzuträglichkeit der Naphthaheizung ist die, dafs diese Reste, infolge ihrer chemischen Zusammensetzung, zur Erzeugung eines bestimmten Heizeffektes thatsächlich in viel gröfseren Quantitäten verbraucht werden, als es bei wirklichen Naphtharesten hätte der Fall sein sollen. Der Mehrverbrauch an „Resten“ beläuft sich manchmal auf 40 %127 und wurde von der Verwaltung der Eisenbahnlinie Petersburg-Moskau als ständige Erscheinung konstatiert. Dies macht den wichtigsten Vorteil der Naphthaheizung — ihre Billigkeit — zum grofsen Teil ganz illusorisch. Hie und da fängt man auch bereits an, vom Gebrauch der Naphthareste Abstand zu nehmen, so die russischen Süd-Ostbahnen, die neulich zur Steinkohle zurückgekehrt sind. Freilich wird der Konsum der Naphthareste in dem centralen Industrierayon, besonders infolge der Überproduktion und der niedrigen Preise derselben, in den nächsten Jahren noch eher zu- als abnehmen. Bei der jetzigen Rührigkeit der russischen Regierung in der Beförderung des Kapitalismus und in der Beseitigung aller Hindernisse aus seinem Wege wird jedoch auch der Naphthagebrauch bald auf seine rationellen Zwecke und die Fabriken auf die Holz- und Kohlenheizung reduziert werden. Im letzteren Falle bleiben aber die Vorteile Polens in voller Kraft, denn „im allgemeinen ist das Heizmaterial in Polen die Hälfte so teuer, wie in Moskau“128.

  1. Arbeitskraft. Dieser Faktor der industriellen Thätigkeit wird gewöhnlich zum Beweis dafür angeführt, dafs Polen in ungünstigere Bedingungen gestellt sei als Rufsland, weil es einen teureren Arbeiter als das letztere habe129. Die Arbeitslöhne sind in der That in Polen bedeutend höher als in Rufsland und zwar in der:
BaumwollspinnereiBaumwollwebereiAppreturWollspinnerei
für Männer um18,75 %36 %19 %59 %
„ Frauen „42 %37 %107 %91 %
„ Kinder „14 %79 %85 %27 %
WollwebereiTuchfabrikationHalbwollwebereiDurchschnittlich
für Männer um31 %13 %60 %32,2 %
„ Frauen „105 %33 %122 %73,9 %
„ Kinder „112 %4 %150 %60 %130

Die Arbeitszeit ist dagegen in Rufsland bedeutend länger als in Polen. „Während auf den Moskauer Fabriken die dreizehn- bis vierzehnstündige Arbeit sehr verbreitet ist, wurde sie in Polen nur auf 9 Fabriken, in 3 Fällen nur in einzelnen Fabrikabteilungen gefunden. Während auf den Moskauer Fabriken eine mehr als vierzehnstündige Arbeitszeit durchaus keine Seltenheit und ihre äufserste Grenze 16 Stunden ist, mufs in Polen die vierzehnstündige Arbeitszeit als die äufserste Grenze bezeichnet werden und auch diese wurde nur in zwei Tuchfabriken gefunden“131. Überhaupt wird in 75 % der Fabriken 10—12 Stunden gearbeitet, weshalb man 11 Stunden als die durchschnittliche Arbeitszeit für Polen annehmen kann. In Moskau ist die durchschnittliche Arbeitszeit mehr als 12 Stunden. In Polen bildet die Nachtarbeit eine seltene Ausnahme, in Moskau ist sie sehr verbreitet. Und trotzdem in Polen die Zahl der Arbeitstage im Jahr 292 ist, während sie in Moskau nur 286 beträgt, so ergeben sich dennoch für Polen durchschnittlich nur 3,212 Arbeitsstunden pro Jahr, während ihre Zahl in Moskau (nur 12 Stunden täglich gerechnet) 3,430, also um ganze 218 Stunden mehr beträgt132.

Diese beiden Faktoren: niedriger Lohn und lange Arbeitszeit werden gewöhnlich als wichtige Vorteile der Moskauer Industrie in ihrem Konkurrenzkampf mit der polnischen betrachtet. Wir glauben jedoch diese Meinung als eine voreilige und oberflächliche bezeichnen zu dürfen.

Erstens wird gewöhnlich bei dem Vergleiche der Lohn der männlichen Arbeiter in Rufsland mit dem Lohn der männlichen in Polen, desgleichen der Lohn der weiblichen in Rufsland mit dem Lohn der weiblichen in Polen zusammengestellt. So wurde auch u. a. von der Kommission zur Untersuchung der polnischen Industrie 1886 verfahren. Dies ist indessen, wie schon der Fabrikinspektor Swiatlowsky bemerkt hat, insofern falsch, als in Polen die Frauen- und Kinderarbeit weit mehr verbreitet ist als in Rufsland, weshalb in Polen vielfach ein weiblicher Arbeiter dem männlichen in Rufsland gegenübersteht, und die Löhne der männlichen russischen Arbeiter daher vielfach nicht mit denen der männlichen polnischen, sondern mit denen der weiblichen verglichen werden müfsten133. Die Zahl der beschäftigten Frauen beträgt in der That in der Textilindustrie (die bei der Konkurrenzfrage vor allem in Betracht kommt) in Polen mehr als 50 % des ganzen Fabrikpersonals, im Moskauer Rayon dagegen in der Baumwollindustrie nur 37 %, in der Wollindustrie sogar nur 28 %134.

Vergleicht man aber die Löhne der männlichen Arbeiter in Rufsland mit denen der weiblichen in Polen, so verschiebt sich das Bild vielfach zu Ungunsten des Moskauer Rayons, auf jeden Fall ergiebt sich ein Ausgleich der Bedingungen. Die Durchschnittslöhne in der Textilindustrie sind monatlich in Rubeln:

in Polenin Rufsland
für Männer20,115,2
„ Frauen15,38,8
„ Kinder8,85,5135

Will man also wirkliche und genaue Data über die relative Lohnhöhe in Rufsland und in Polen gewinnen, so mufs man aufser den nominellen Löhnen auch die Zusammensetzung des Arbeiterkontingents nach Geschlecht und Alter in beiden Ländern berücksichtigen, und das so gewonnene Resultat wird vielfach ein bedeutend anderes als das obige sein. Dies ist vor allem das Korrektiv, das zu dem gewöhnlich aus dem Vergleich der Löhne gezogenen Schlusse zu machen wäre.

Zweitens wird oft aufser Acht gelassen, dafs der russische Arbeiter sehr häufig von der Fabrik Wohnung, hie und da sogar Kost bekommt. Und zwar gilt dies nicht nur für ledige Arbeiter, sondern auch für verheiratete, deren Familien gewöhnlich in derselben Fabrikkaserne wohnen. Das Heizmaterial wird ihnen dabei gleichfalls von der Fabrik verabfolgt136. Dies sollte zu dem Lohn des russischen Arbeiters hinzugerechnet werden, wenn man einen genauen Vergleich anstellen will. Somit ist der Unterschied sogar in dem nominellen Lohn zu Ungunsten Polens nicht so grofs, wie das bei oberflächlicher Zusammenstellung erscheinen könnte.

Viel wichtiger aber sind weitere Momente, welche darthun, dafs die Fabrikarbeit in Polen bedeutend intensiver ist als in Rufsland.

Der polnische Arbeiter ist vor allem durchschnittlich intelligenter und gebildeter. Soweit Prof. Janschul darüber Untersuchungen angestellt hat, hat es sich ergeben, dafs in dem centralen Rayon die Zahl der Arbeiter, welche lesen und schreiben können, 22—36 % der Gesamtzahl, in Polen dagegen 45—65 % beträgt137.

Der polnische Arbeiter nährt sich ferner besser als der russische, und das gilt besonders von den Frauen138. Die Arbeiterschaft ist drittens in Polen eine stabile, ausschliefslich auf Fabrikarbeit angewiesene Bevölkerungsschicht. In Rufsland besteht immer noch ein beträchtlicher, wenn auch allmählich abnehmender Teil des Arbeiterkontingents aus Bauern, die zur Sommerszeit aufs Land zurückkehren und die feine Fabrikarbeit mit groben Feldarbeiten vertauschen139.

Der polnische Arbeiter ist viertens in seiner Lebensweise viel individualisierter als der russische. Dieser wohnt, wie erwähnt, vielfach in Fabrikkasernen und ist auf Fabrikkost angewiesen. Eine solche Lebensweise führt aber unter Umständen zur gänzlichen Verkümmerung der Individualität. Der russische Arbeiter bleibt dabei stets der Kontrolle seiner Vorgesetzten unterstellt und ist sogar in seinem Privatleben an das Fabrikreglement gebunden. Der Moskauer Fabrikinspektor weifs von Fabriken zu berichten, wo das Singen — sei es in den Werkstätten oder in den Wohnstuben — mit einer Bufse von 5 Rubel geahndet wird, ebenso verfallen die Arbeiter einer hohen Strafe, wenn sie einander Besuche abstatten und dgl. .140. Nicht selten wird den Arbeitern eine Wohnung in feuchten Fabrikkellern zugewiesen oder in Räumen, die so niedrig sind, dafs man fast nur auf allen Vieren ins Innere eindringen kann141. In Polen liegen die Verhältnisse anders: Der Arbeiter führt immer einen eigenen Haushalt, und seine Behausung ist überhaupt bedeutend besser.

Nach der übereinstimmenden Meinung aller Forscher, die die Lohnarbeit zum Gegenstande ihrer Untersuchungen gemacht haben, sind nun alle angeführten Momente: Bildung, bessere Wohnung und Nahrung, individueller Haushalt, kurz alles, was die Lebenshaltung des Arbeiters hebt, auch für die Intensität seiner Thätigkeit von entscheidendster Bedeutung142.

Endlich herrscht in Polen der Stücklohn, der bekanntermafsen die Intensität der Arbeit aufs höchste steigert, in Rufsland dagegen der Zeitlohn vor.

Alle erwähnten Momente lafsen uns die Arbeit des polnischen Fabrikarbeiters als viel intensiver im Vergleich mit der des russischen Arbeiters erscheinen. Und diese Eigenschaft des polnischen Arbeiters wiegt seinen höheren nominellen Lohn und die kürzere Arbeitszeit so stark auf, dafs er schliefslich dem polnischen Fabrikanten billiger zu stehen kommt als der russische dem seinigen143.

Berechnet pro Pud beträgt der Arbeitslohn nämlich:

für Baumwollgewebefür Baumwollgarn
in Polen0,77—1,50 Rubel0,66—1,20 Rubel
in Rufsland2 Rubel und mehr0,80—1,50 Rubel144

Der Unterschied in der Arbeitsdauer in Polen und in Rufsland gehört jetzt, nachdem der Arbeitstag in beiden Ländern neulich durch das Gesetz auf 11½ Stunden reduziert worden ist, der Vergangenheit an. Die neue Mafsregel kommt jedoch, wenn sie auch mit der Zeit für den Moskauer Rayon zweifellos zum Stachel der technischen Entwicklung wird, vor allem und vielleicht auf Jahre hinaus den polnischen Industriellen in ihrem Konkurrenzkampf zu gute, denn die Leistungsfähigkeit des russischen Arbeiters, deren geringer Grad mit so vielen anderen Momenten zusammenhängt, läfst sich offenbar nicht von heute auf morgen steigern. Wie berechtigt dieser Schlufs, zeigt die Thatsache, dafs die polnischen Fabrikanten schon 1892 — teils um den Arbeitern, die im Mai desselben Jahres in Lodz einen imposanten Strike in Scene setzten, ein freundliches Gesicht zu zeigen, hauptsächlich aber um den Moskauer Konkurrenten einen Hieb zu versetzen, sich an die Regierung mit dem Gesuch gewendet haben, den Arbeitstag im ganzen Reiche auf 11 Stunden zu reduzieren, welches Projekt dazumal vorzugsweise an dem Widerstand des russischen Unternehmertums scheiterte.

  1. Zusammensetzung des Kapitals. Auch dieses wichtige Moment ist in Polen anders als in Rufsland gestaltet. In Polen wird die Summe des fixen Kapitals eines Etablissements von dem Werte seiner jährlichen Produktion meistens übertroffen, manchmal sogar zwei bis drei Mal, im Durchschnitt aber ist das Verhältnis des fixen Kapitals zum Produktionswert wie 2 : 3,2145. In Rufsland, besonders im Centralrayon ist das Verhältnis ein inverses. Hier ist der Produktionswert (in den gleichen Produktionszweigen) oft kleiner als das fixe Kapital, höchstens demselben gleich und nur selten beträchtlich höher. Diese Erscheinung ist auf zwei Umstände zurückzuführen. Erstens wird in Rufsland für Baulichkeiten der Unternehmungen viel mehr ausgegeben als in Polen, weil die Baumaterialien überhaupt bedeutend teurer sind146. Zweitens aber weil in Rufsland die grofse Mehrheit der Fabriken eigene Arbeiterkasernen besitzt, was in Polen nie vorkommt147.

Wenn daher das, was Marx die „organische Zusammensetzung des Kapitals“ nennt (das Verhältnis des konstanten zum variablen Kapitalteil) in Rufsland auch „höher“ als in Polen ist, so hängt dies durchaus nicht mit der höheren Entwicklungsstufe der russischen Produktion, sondern im Gegenteil zum grofsen Teil mit ihrer primitiveren Betriebsweise zusammen, welche eine Reihe von Ausgaben notwendig macht, die mit dem eigentlichen Produktionsprozefs nichts zu thun haben. — Daraus ergiebt sich schon, dafs — alle andern Bedingungen der Produktion und des Absatzes gleichgesetzt — die polnischen Unternehmer in der Lage sind, beim Verkauf ihrer Waren auf den russischen Märkten einen Surplusprofit im Vergleich zu den russischen Unternehmern zu erzielen. Es kommt aber noch hinzu, dafs die polnische Arbeit, wie gezeigt, viel intensiver ist.

  1. Die Umschlagsperiode des Kapitals ist in Polen viel kürzer als in Rufsland. Erstens werden in Rufsland Vorräte an Heizmaterial und an Rohstoffen für lange Fristen gemacht. Die hohen Preise und der allgemeine Mangel an Heizmaterial im Innern Rufslands zieht für die Fabrikanten die Notwendigkeit nach sich, grofse Geldsummen zum Ankauf von Wäldern oder Torfmooren auszulegen. Auf diese Weise hat fast jede gröfsere Moskauer Fabrik ein mehr oder minder beträchtliches totes Kapital in Wäldern und Morästen liegen. Aufserdem werden Holz und besonders Torf nur im Winter billig und bequem geliefert, daher legt jede Moskauer Fabrik Vorräte von diesen Heizmaterialien für ein ganzes Jahr, sogar für zwei Jahre an148. In Polen werden bei der Steinkohlenheizung angesichts kleiner Entfernungen Vorräte nur für 1—4 Wochen, höchstens für 3 Monate aufgespeichert149. Desgleichen werden in Rufsland Vorräte an Rohstoffen, besonders an Baumwolle für längere Zeit, in Polen dagegen nur für 2—6 Monate angelegt150.

Zweitens realisiert der polnische Fabrikant seine Produkte viel schneller als der russische. Der polnische gewährt seinen Abnehmern meistens nur 3—6monatlichen, der russische 12—18monatlichen Kredit. Der polnische produziert — nach englischem und deutschem Muster — auf Bestellung vermittelst seiner Commisvoyageurs, der russische dagegen nach eigenem Ermessen, manchmal für zwei bis drei Jahre auf Vorrat151. Auch dieses Moment besagt, dafs das polnische industrielle Kapital — caeteris paribus — zum Konkurrenzkampf besser gerüstet ist.

  1. Die Konzentration der Produktion ist in Polen bedeutend gröfser als in Rufsland. Der Produktionswert einer Fabrik war in Rubeln durchschnittlich in den mit Accise nicht belegten Branchen:
188518861887188818891890
in Rufsland:50,82452,24854,60158,23758,97257,578
in Polen:57,87563,86071,89474,05171,30571,248152

Noch gröfser ist der Unterschied, wenn man einzelne Produktionszweige vergleicht. In der Kohlenindustrie z. B. stellt sich das Verhältnis folgendermafsen dar. Nimmt man die Zahl der Gruben und der Schächte, sowie die Produktionsmasse in Rufsland für 100, so findet man in Polen:

1890GrubenSchächteProduktion
Polen6,8 %6,2 %70,6 %153

Bei einer sechzehnmal geringeren Zahl der Schächte gleicht also die Kohlengewinnung in Polen mehr als ¹¹/₁₆ der russischen Kohlengewinnung. 85 % der ganzen jährlichen Produktenmasse des Dombrowaer Rayons (1893) wird von 5 Betrieben geliefert154.

In anderen Zweigen, wie in der Baumwollindustrie ist der Bruttoertrag pro Fabrik in Rufsland gröfser. Die geringere Konzentration dieser Produktion in Polen hängt aber mit speciellen Umständen zusammen, auf welche hier einzugehen uns zu sehr ins Detail führen würde und die jedenfalls mit dem Grad ihrer technischen Entwicklung nichts zu thun haben. Im Gegenteil ist in Polen, wie wir gleich sehen werden, der auf einen Arbeiter zufallende jährliche Produktionswert auch in diesem wie in den meisten anderen Zweigen bedeutend gröfser als in Rufsland.

  1. Die Technik der Produktion endlich bildet den wichtigsten Unterschied zwischen der polnischen und der russischen Industrie. Wir wollen mit Bezug auf die Technik die bedeutendsten Produktionszweige in beiden Ländern miteinander vergleichen.

Um bei der Textilbranche anzufangen, weist zunächst die Baumwollindustrie auf:

1890FabrikenSpindelnWebstühleDampfpferdekräfte
Rufsland3512 819 32691 54538 750
Polen94472 80911 08413 714
1890Produktion in 1000 RubelArbeiter: MännerArbeiter: Frauen
Rufsland208 581103 91683 941
Polen31 49510 4749 535155

Aus der obigen Zusammenstellung ist die technische Überlegenheit der polnischen Baumwollindustrie klar. Im Verhältnis zu der russischen hat sie:

Arbeiter 10 %, Produktion 15 %, Dampfkräfte 35 %.

Auf je einen Arbeiter kommt daher in Rufsland 1 110 Rb. jährlicher Produktion, in Polen 1 574 Rb., d. h. um 42 % mehr. Der Dampfkräfte kommen

auf je 1000 Arbeiterauf je 1 Mill. Rubel Prod.
in Rufsland:204186
in Polen:685439

in Polen also um 236 % resp. 136 % mehr.

Endlich ist in Polen die Verwendung der Frauenarbeit gröfser als in Rufsland. Hier bilden die weiblichen Arbeiter 44,7 % des Personals, dort 47,6 %. Nach anderen Angaben, die wir früher mitteilten und die uns mehr Vertrauen einflöfsen, weil sie nicht von summarischer bureaukratischer Statistik, sondern von einer speciellen Kommission ermittelt wurden, ist die Verwendung der Frauenarbeit in Polen viel höher, in Rufsland dagegen geringer.

Ungefähr das gleiche Resultat ergiebt die Zusammenstellung der Wollindustrie in Polen und in Rufsland. Diese weist auf:

1890FabrikenSpindelnWebstühleDampfpferdekräfte
Rufsland16477 47411 7842 230
Polen168245 8924 0166 667
1890Produktion in 1000 RubelArbeiter: MännerArbeiter: Frauen
Rufsland21 58514 4717 050
Polen26 1998 4866 670156

Es entfallen also auf Polen im Verhältnis zu Rufsland: Arbeiter 70,4 %, Produktion 121 %, Dampfkr. 299 %, daher auf einen Arbeiter in Rufsland 1 003 Rubel, in Polen 1 729 Rubel jährlicher Produktion d. h. um 72 % mehr. Der Dampfkräfte kommen

auf je 1000 Arbeiterauf je 1 Mill. Rubel Prod.
in Rufsland:104103
in Polen:440254

Wenn wir also die auf 1000 Arbeiter oder auf 1 Million Rubel Produktion entfallende Zahl der Dampfkräfte in Rufsland für 100 nehmen, so finden wir deren in Polen um 323 % resp. 146 % mehr. In der Verwendung der Frauenarbeit sehen wir hier einen noch gröfseren Unterschied zwischen Polen und Rufsland als in der Baumwollindustrie, nämlich in Rufsland 32,7 % weibliche Arbeiterschaft, in Polen 44 %. Die technische Überlegenheit der polnischen Textilindustrie kommt ferner noch darin zum Ausdruck, dafs in Polen in vielen Zweigen höhere Nummern des Spinngarns und feinere Sorten der Stoffe verfertigt werden als in Rufsland.

Wenden wir uns der zweiten wichtigsten kapitalistischen Produktionsbranche, der Kohlenindustrie, zu. Der starken Konzentration derselben in Polen haben wir schon Erwähnung gethan. Es kommt von dem jährlich gewonnenen Produkt

auf 1 Grube:Pud Kohle
im südrussischen Rayon678 000
in Polen7 500 000+ 1006 %
auf 1 Schacht:Pud Kohle
im südrussischen Rayon240 000
in Polen2 985 000+ 1144 %157

(Wir vergleichen das polnische Kohlenbecken hier und weiter unten speciell mit dem südrussischen, weil dies das gröfste und für die Zukunft auch das wichtigste Bassin Rufslands ist.)

Man findet ein entsprechendes Verhältnis, wenn man die Produktionsmasse, die Zahl der beschäftigten Arbeiter und die der angewandten Dampfkräfte vergleicht.

1890DampfkräfteArbeiterProd. in Mill. Pud
Russland6 70130 077213,4
Südr. Rayon5 85625 167183,2
Polen10 4978 692150,8158

Während also in Polen (1890) ein Arbeiter 17,348 Pud Kohle jährlich fördert, kommen in Rufsland nur 7,096 Pud auf einen Arbeiter und speciell im Südruss. Rayon 7,281 Pud, ca. 2½ mal weniger als in Polen. — Von den Dampfkräften entfallen

auf 1 Schacht:
in Rufsland8
in Polen202
auf je 1000 Arbeiter:
in Rufsland223
im südrussischen Rayon233(100 %)
in Polen1208(+ 419 %).

Von 1890 bis 1894 ist die Zahl der Dampfkräfte im polnischen Kohlenbau um mehr als 50 % gewachsen: von 10 497 auf 15 934159.

Von den übrigen wichtigen Industriezweigen wollen wir noch die Zuckerindustrie herausgreifen.

Schon der Rübenbau wird in Polen bedeutend rationeller betrieben, als in den beiden russischen Rayons der Zuckerproduktion. Die durchschnittliche Rübenernte war z. B. in den Jahren 1882—1890 von 1 Dessjatin:

im centralen Rufsl.Südwestl. Rufsl.Polen
73,2—125,3 Berkowetz;80,1—114,4 B.88—127,6 B.160

Im Jahre 1895:

im centralen Rufsl.Südwestl. Rufsl.Polen
51,1—117,4 Berkowetz;90,0—121,2 B.94,3—144,5 B.161

Ebenso ist die Qualität der polnischen Runkelrübe viel höher als die der russischen. Der Zuckergehalt in dem Safte und die Reinheit desselben sind

1890—1891Zuckergehalt im SafteReinheit
Südwestlicher Rayon13,49 %80,85 %
Centraler Rayon13,63 %78,94 %
Polen14,81 %85,20 %162

Dieselbe Überlegenheit der polnischen Technik zeigt die höhere Ausbeute an weifsem Zucker aus dem Rübensaft und die geringere an der Melasse.

1881/2—1890/1 war diese durchschnittlich

an weifsem Zuckeran der Melasse
Centraler Rayon7,0—9,47 %3,29—4,24 %
Südwestlicher Rayon7,7—10,48 %3,60—4,31 %
Polen8,2—11,39 %1,53—2,28 %163

Endlich wird auch die Verwertung der Fabrikationsabfälle in der polnischen Zuckerindustrie viel intensiver und in gröfserem Umfange betrieben als in der russischen. Mit der Gewinnung des Zuckers aus der Melasse vermittelst der Osmose beschäftigten sich 1890/1

von … Fabrikenmit … Osmoseappar.
im central. u. südwestl. Rayon18210125
in Polen4024206164

Aus der obigen vergleichenden Analyse aller wichtigsten Produktionsbedingungen erhellt, dafs die polnische Industrie bedeutend besser zum Konkurrenzkampf gerüstet ist, als die russische, speciell die centralrussische. Es ist zwar eine feststehende Thatsache, dafs der Moskauer Rayon seinerseits wichtige Vorteile in der Baumwollindustrie, so den Überflufs an Wasser, aufzuweisen hat, während der Lodzer Rayon in dieser Beziehung, wie erwähnt, an einem grofsen Mangel leidet. Andererseits steht Polen in einem der wichtigsten Zweige der Volkswirtschaft — in der Eisenindustrie — in Bezug auf natürlichen Reichtum Rufsland nach, so dafs es für seine Eisenwerke zum Teil Erz, desgleichen Coaks aus dem südrussischen Revier beziehen mufs, und obendrein ist die Metallproduktion im Revier Donez auch viel stärker konzentriert, als in Polen. Es ist auch ferner wahr, dafs Moskau wichtigen Absatzgebieten für die Textilindustrie — dem östlichen Teile Rufslands und Asien — viel näher gelegen ist als Polen. Jedoch die Vorteile, welche wir auf polnischer Seite in allen Branchen finden: tüchtigere Arbeitskraft, billigeres Heizmaterial, höhere Technik des Produktionsprozesses und des Handels, dürften u. E. zu einem Vielfachen die Vorteile der russischen Industrien aufwiegen. Denn alle die aufgezählten Momente haben eine konstante Bedeutung, ja, werden mit jedem Tag mehr ausschlaggebend im Konkurrenzkampf. Wie sehr heute schon die Bedeutung der Absatzentfernungen gegenüber der technischen Überlegenheit der Industrie in den Hintergrund tritt, bewies neulich das überraschende Umsichgreifen des deutschen Absatzes in England, ja, in den englischen Kolonien. Innerhalb eines und desselben Zollgebietes hängt selbstverständlich der Ausgang des Wettkampfes auf dem Warenmarkt in noch viel höherem Mafse von der Entwicklungsstufe der Produktion ab, d. h. von demjenigen Momente, welches die polnische Industrie auf ihrer Seite hat. Dies bestätigt auch u. A. die Thatsache, dafs z. B. die polnische Eisenindustrie, trotz dem erwähnten relativen Mangel an natürlichen Vorteilen, der südrussischen im Süden Rufslands selbst eine arge Konkurrenz bereitet und dafs sie sich neben der südrussischen auf Kosten aller andern Rayons des Reiches entwickelt165. Aufser dem polnischen bildet auch der St. Petersburger Industrierayon ein fortschrittlicheres technisch ziemlich hoch entwickeltes Produktionsgebiet Rufslands, und es liegt für Polen ein besonders günstiger Umstand eben darin, dafs es auf den wichtigsten Absatzgebieten gerade mit dem Moskauer Rayon in Wettkampf tritt, welcher den zurückgebliebensten Industrierayon Rufslands bildet und mit seiner langen Arbeitszeit, niedrigen Löhnen, dem Trucksystem, der Kasernierung der Arbeiterschaft, enormen Vorräten an Rohstoffen, kurz mit seiner ökonomischen Rückständigkeit im ganzen Reiche allein dasteht.

Das Nebeneinanderbestehen so verschiedener Produktionsstufen, wie sie von der polnischen und der St. Petersburger Industrie einerseits und der Moskauer andererseits vertreten werden, ist auch nur angesichts zweier Umstände möglich: erstens der Gröfse des russischen Absatzmarktes, auf dem noch alle Konkurrenten genügend Platz finden, und zweitens der durch die Zollpolitik geschaffenen Treibhausatmosphäre, welche diesen enormen Absatzmarkt in das ausschliefsliche Monopol der inländischen — russischen und polnischen — Unternehmer gebracht hat.

3. Die ökonomischen Beziehungen zwischen Polen und Rufsland

Es ist nach dem Vorhergehenden klar, dafs — würde nur die freie Konkurrenz im Kampfe zwischen der polnischen und der russischen Industrie entscheiden — die Zukunft der ersteren gesichert wäre, wenigstens insofern überhaupt der kapitalistischen Entwicklung des russischen Reichs von den allgemeinen Schicksalen der Weltwirtschaft eine kürzere oder längere Frist gewährt wird.

Wir haben jedoch schon den andern wichtigen Faktor erwähnt, der für die Zukunft des polnischen Kapitalismus von gröfster Bedeutung ist — wir meinen die ökonomische Politik der russischen Regierung. Es ist um so nötiger, gerade diesen Faktor hier näher zu beleuchten, als die Frage vor einigen Jahren bekanntlich so viel Staub aufgewirbelt hat, und man sogar die Meinung vernehmen konnte, dafs seit Mitte der achtziger Jahre eine förmliche „Verfolgungsära“ für die polnische Industrie angebrochen sei.

Eigentlich hätte man Grund genug, alle Behauptungen in diesem Sinne von vorneherein als unbegründet zu betrachten. Der beste und letzte Prüfstein für alle einschlägigen ökonomischen Regierungsmafsnahmen — das Wachstum der Industrie in Polen bis zum letzten Augenblick und zwar immer noch in demselben reifsenden Tempo, beweist — wie es scheinen sollte — zur Genüge, dafs aller Lärm um das herannahende Ende derselben falsch war. Das Wachstum stellt sich in der That in folgender sprechender Tabelle dar:

In Millionen Rubel: Ertrag der Gesamtindustrie (mit Accise nicht belegte Branchen)In Millionen Rubel: Gesamtertrag der TextilindustrieIn Millionen Pud: RoheisenIn Millionen Pud: EisenIn Millionen Pud: StahlIn Millionen Pud: Kohle
1871ca. 44,418,11,40,9 (Eisen und Stahl zusammen)12,6
1885134,866,72,54,22,4109,3
1886137,881,42,84,63,1120,0
1887164,588,93,73,83,0121,1
1888162,389,94,83,23,1147,3
1889168,396,65,44,02,4151,1
1890174,288,47,44,13,4150,8
1891188,3100,87,54,43,0158,8
1892228,3113,49,03,74,0176,0
1893——9,93,55,4192,1
1894——10,73,86,2202,4
1895——11,33,67,9221,8166

Wie aus der obigen Tabelle ersichtlich, betrug der Zuwachs in der siebenjährigen Periode 1885—1892: in der Gesamtindustrie 69 %, in der Textilindustrie 70 % (speciell in der Baumwollspinnerei und -weberei 40 %, in der Woll- und Tuchindustrie 77 %, in allen übrigen Zweigen 101 %); im Bergbau in der zehnjährigen Periode 1885—1895: für Roheisen 352 %, für Stahl 229 %, für Kohle 103 %; nur in der Produktion von Eisen sehen wir einen Rückgang und zwar um 14 %, wie auch überhaupt in Polen und im südrussischen Rayon in der letzten Zeit eine starke Entwicklung der Stahl- auf Kosten der Eisenproduktion sich wahrnehmen läfst.

Noch interessanter als das Wachstum innerhalb der letzten Periode (1885—1895) ist der Vergleich dieses Jahrzehnts mit der vorhergehenden Periode (1871—1885), welche als die Zeit der gröfsten wirtschaftlichen Prosperität Polens gilt. Der Zuwachs betrug in absoluten Zahlen:

In Millionen Rubel: Mit Accise nicht belegte BranchenIn Millionen Rubel: TextilindustrieIn Millionen Pud: RoheisenIn Millionen Pud: Eisen und StahlIn Millionen Pud: Kohle
In der 14jährigen Periode 1871—188590,448,61,15,796,7
In der 7jährigen Periode 1885—189293,546,7———
In der 10jährigen Periode 1885—1895——8,84,9112,5

Nicht nur beruht also angesichts der obigen Zahlen die Vermutung von einem begonnenen Rückgang der polnischen Industrie auf völliger Unkenntnis der Thatsachen, sondern es zeigt sich umgekehrt, dafs die Industrie in der letzten sieben- bezw. zehnjährigen Periode um ein Gröfseres angewachsen ist, als in der vorhergehenden vierzehnjährigen Periode. Am deutlichsten wird das Gesagte, wenn wir den Zuwachs in beiden Perioden pro Jahr berechnen. Der durchschnittliche jährliche Zuwachs war nämlich in der letzten Periode gröfser als in der vorhergehenden, und zwar: in der Gesamtindustrie um 107 %, in der Textilindustrie um 90 %167, in der Produktion von Eisen und Stahl um 20 %, von Kohle um 63 %, endlich von Roheisen um 1020 %.

Andererseits haben wir am Ende des ersten Teils unserer Arbeit gleichfalls die neuesten Eroberungen der polnischen Industrie auf russischen und asiatischen Absatzgebieten bis in die 90er Jahre angeführt. Kein Zeichen am Leibe des polnischen Kapitalismus scheint also die Vermutung zu rechtfertigen, dafs er an einem innerlichen Leiden dahinsieche, im Gegenteil wächst und blüht der vielbeweinte „so herrlich wie am ersten Tag“. Allein da die Frage einmal erhoben worden ist und jahrelang die öffentliche Meinung in Polen erregte, und da sie andererseits auch an sich wichtig und interessant genug ist, so erscheint es angebracht, sich damit näher zu befassen und einmal durch eine gründliche Prüfung der Frage Aufschlufs darüber zu bekommen, welches der Lage nach die ökonomische Politik der russischen Regierung im allgemeinen und speciell Polen gegenüber ist und sein kann.

Es ist für alle erwähnten und citierten Äufserungen über den antipolnischen Kurs bezeichnend, dafs sie sich ausschliefslich auf einzelne Mafsnahmen und Verfügungen bald aus dem Gebiete der Zollpolitik, bald aus dem des Eisenbahntarifwesens stützen. Es liegt aber auf der Hand, dafs man auf diesem Wege zu keinem wirklichen Verständnis der Regierungspolitik gelangen kann. Denn vor allem ist das, worauf man sich gegebenen Falles beruft, eine äufserst veränderliche Gröfse: ein Zoll, der heute eingesetzt, ein Eisenbahntarif, der heute eingeführt wurde, wird morgen aufgehoben. So geschah es namentlich z. B. mit dem Differentialzoll auf Rohbaumwolle, welcher an der polnischen Grenze um 15 Kopeken in Gold mehr betrug, als an den übrigen Grenzen Rufslands. Als er im Jahre 1887 eingeführt wurde, erhob sich ein Jammergeschrei unter den polnischen Baumwollfabrikanten, und es hiefs, dafs der polnischen Industrie damit ein Todesstofs versetzt werde. Der Differentialzoll spielte auch die Hauptrolle als Beleg für die begonnene „Verfolgungsära“, und bei jeder Gelegenheit berief man sich auf ihn. Nun ist aber diese Zolldifferenz im Jahre 1894 auf Grund des russisch-deutschen Handelsvertrags wieder aufgehoben worden und hat einem an allen russischen Grenzen einheitlichen Zoll für Baumwolle Platz gemacht. Dasselbe war der Fall mit dem Differentialzoll auf Kohle und Coaks an der westlichen Grenze, welcher vielfach als eine direkt gegen die polnische Eisenindustrie gerichtete Mafsregel hingestellt wurde (s. Schulze-Gävernitz, l. c. S. 347 und nach ihm das englische Blaubuch, S. 9). Der erwähnte Zoll wurde aber gleichfalls 1894 wieder auf die Hälfte herabgesetzt. Desgleichen werden Eisenbahntarife jedes Jahr, ja manchmal noch häufiger, partiell verändert. Somit bietet die Zoll- und Tarifpraxis allein noch gar keine festen Anhaltspunkte, um Einsicht in die ökonomische Politik Rufslands zu gewinnen.

Will man zu einem gründlichen Verständnis dieser Politik gelangen, so mufs man vorläufig von den einzelnen Mafsnahmen absehen, tiefer in die ökonomischen Verhältnisse Polens und Rufslands einerseits und in ihre politischen Interessen andererseits hineinblicken und aus denselben heraus die ökonomische Politik des letzteren abzuleiten suchen. Erst dann, nach der so gewonnenen Richtschnur wird es möglich sein, auch die einzelnen Mafsnahmen dieser Politik auf ihre wirkliche Bedeutung zurückzuführen.

Wie sind nun vor allem die ökonomischen Beziehungen zwischen Polen und Rufsland beschaffen? Wollte man unter dem unmittelbaren Eindruck des Lodz-Moskauer Unternehmerstreites urteilen, so wäre man geneigt anzunehmen, dafs die polnische und die russische Bourgeoisie zwei völlig getrennte Lager bilden, deren Interessen auf allen Punkten einander schnurstracks zuwiderlaufen und die sich wechselseitig mit allen Mitteln bekämpfen. Eine solche Meinung wäre indessen ganz und gar unzutreffend.

Was schon von vornherein eine so scharfe Trennung der Interessen ausschliefst, ist die weitgehende Arbeitsteilung, welche zwischen den Industrien der beiden Länder stattfindet. Wie wir gesehen haben, ist Polen für Rufsland eine Bezugsquelle für Wollspinngarn, Maschinen, Kohle etc. etc., Rufsland versieht dagegen Polen mit roher Wolle, mit Roheisen, mit Coaks und mit Baumwolle.

Ein solches Verhältnis setzt schon voraus, dafs die Interessen mancher polnischer Fabrikanten mit den Interessen russischer Rohproduzenten und die Interessen mancher russischer Fabrikanten mit denjenigen der polnischen Produzenten von Halbfabrikaten zusammenhängen. Dies wird auch durch zahlreiche Thatsachen bestätigt. Die Produzenten der südrussischen Wolle, die Plantatoren der mittelasiatischen Baumwolle üben im eigenen Interesse einen Druck auf das Eisenbahntarifwesen aus, damit der Transport ihrer Rohprodukte dem polnischen Fabrikanten möglichst billig zu stehen komme. Die russischen Wollweber suchen gleichfalls den Transport polnischer Garne nach Rufsland möglichst zu befördern u. s. w. u. s. w.

Ferner ergiebt sich aus der Thatsache, dafs der Kampf zwischen den Fabrikanten und den Produzenten von Rohmaterialien und Halbfabrikaten ebenso in Rufsland wie in Polen hauptsächlich auf dem Gebiete der beiden Ländern gemeinsamen Zollpolitik ausgefochten wird, dafs die kämpfenden Parteien Polens mit denen Rufslands sich vielfach vereinigen, um Hand in Hand mit dem nationalen Feinde und gegen die eigenen Stammesbrüder vorzugehen. Solcher Beispiele bietet die Geschichte der russisch-polnischen Industrie in Menge. Im Jahre 1850 setzt z. B. die russische Regierung unter dem Drucke der gemeinsamen Petitionen der polnischen und der russischen Wollweber die Zollsätze auf Wollspinngarn herab. Kaum war dies aber geschehen, als schon polnische und russische Spinner in rührender Eintracht die Regierung bestürmten, um die Zollsätze auf Spinngarn wieder hinaufzuschrauben, was auch 1867 geschah168. Dieselbe Geschichte wiederholt sich aus einem andern Anlafs in den achtziger Jahren. Seit 1882 wird die Regierung von den Maschinenbauern um Erhöhung der Zölle auf ausländische Maschinen angegangen. „Die Initiative in dieser Beziehung gehörte den Fabrikanten in Riga, denen die andern in Warschau, Kiew, Charkoff und Odessa in gröfstem Einvernehmen folgten“169. Als aber die Regierung 1885 diesen Wünschen Folge geleistet und die Zölle auf Maschinen erhöht hatte, erhob sich 1886 ein Petitionssturm der Grundbesitzer, wiederum unterschiedslos aus allen Gegenden des Reiches, gegen die Verteuerung der landwirtschaftlichen Maschinen.

Schon diese beiden Beispiele gewähren uns ein ganz anderes Bild der Verhältnisse innerhalb der polnischen und der russischen Bourgeoisie, sowohl in ihren gemeinschaftlichen wie entgegengesetzten Bestrebungen. Keine der beiden nationalen Kapitalisten-Klassen erscheint innerlich als eine geschlossene Phalanx, sondern im Gegenteil zerklüftet, durch Interessenkämpfe zerrissen, durch Rivalitäten gespalten. Andererseits aber reichen ihre verschiedenen Gruppen, uneingedenk des nationalen Zwistes, einander die Hand, um im edlen Wettkampf um den Profit den eigenen Landsleuten gelegentlich einen Schlag auf den Beutel zu versetzen. Was somit auf dem industriellen Schachbrett gegen einander auftritt, sind nicht nationale, sondern kapitalistische Parteien, nicht Polen und Russen, sondern Spinner und Weber, Maschinenbauer und Grundbesitzer, und auf den über den Kämpfern wehenden Fahnen sieht man statt dem einköpfigen und zweiköpfigen Adler nur das internationale Emblem des Kapitalismus. Endlich erscheint uns unerwarteter Weise auch die Regierung in der eigentümlichen Rolle einer gütigen Mutter, welche alle profitmachenden Landeskinder, wenn diese auch einander beständig in den Haaren liegen, unterschiedslos an ihre breite Brust hält und bald die einen, bald die anderen auf Rechnung der Konsumenten zu besänftigen sucht. Die obigen Erscheinungen kehren in der Geschichte der polnischen und der russischen Industrie unzählige Male wieder und sind für die hier behandelte Frage von so entscheidender Bedeutung, dafs es sich wohl lohnt, sie noch an einigen typischen Fällen zu exemplifizieren. Es ist z. B. höchst belehrend zu beobachten, wie die beiden Hauptgegner — die Unternehmer des Lodzer und des Moskauer Rayons — die man für Vertreter der Interessen der ganzen polnischen resp. russischen Bourgeoisie anzunehmen geneigt wäre, bei jeder Gelegenheit den anderen Rayons des eigenen Landes ein Bein zu stellen suchen. So versuchen die Lodzer Baumwollfabrikanten in ihrer erwähnten Streitschrift, die Eifersucht der Moskauer Fabrikanten von sich ab und dem altpolnischen Wollindustrierayon Bialystock zuzuwenden. „Wenn man von einer Konkurrenz sprechen kann, so ist für Moskau viel gefährlicher Bialystock und sein Rayon“, reden sie ihrem Widersacher ein170. Gleichzeitig denunzieren dieselben Lodzer Unternehmer ihre leiblichen Brüder vom Sosnovitzer Rayon allerunterthänigst der russischen Regierung, indem sie darauf hinweisen, dafs im letzteren ein ganzes Drittel der Arbeiterschaft deutsche Unterthanen sind, während im Lodzer Rayon — gottlob — nur 8 %. Nicht weniger brüderliche Gefühle tragen auch die Moskauer Kapitalisten zur Schau, wenn sie auf die Geschäfte ihrer Genossen in den anderen russischen Industrierayons zu sprechen kommen. So hören wir sie wehklagen aus Anlafs eines vom Ministerium des Verkehrs ausgearbeiteten Planes der Regulierung der Wasserstrafsen in Rufsland: „Ebenso die kleinen wie die vielmillionigen Ausgaben sind ausschliefslich für die westliche und südliche Zone Rufslands bestimmt. Das ganze centrale Gebiet Rufslands ist fast gänzlich vergessen worden. Dieses Gebiet, dieses vernachlässigte Centrum Rufslands, essentiell russische Gouvernements, sind verhältnismäfsig arm an Wasserstrafsen“ u. s. w. im gleichen weinerlichen Tone171. Hier ergiefst sich die Eifersucht der Moskauer Kapitalisten mit Unparteilichkeit und wahrer Internationalität auf alle andern Industrierayons des Reiches ohne Unterschied, auf Polen wie auf die Wolgagegend, auf die Ostseeprovinzen wie auf den Dnjeper-Distrikt.

Ein wie dehnbarer Begriff die nationale Zusammengehörigkeit und das „Vaterland“ andererseits für den polnischen Kapitalisten unter Umständen sein kann, zeigt der folgende Fall. Im Jahre 1887 wurde die grofse „Warschauer Stahlfabrik“, um sich den Bezugsquellen des Roheisens und des Coaks zu nähern, nach dem Gouvernement Jekaterinoslaw in Südrufsland verlegt. Zwei Jahre später richten schon ihre Eigentümer — polnische Kapitalisten — zusammen mit den Engländern, Belgiern, Russen u. a., die das südrussische Eisenrevier unter ihrer Botmäfsigkeit haben, eine allerunterthänigste Petition an die Regierung, wo sie sich über die Vorteile der polnischen Eisenindustrie und die Konkurrenz ihrerseits beschweren und um erhöhte Eisenbahntarife für das polnische Eisen zum Schutze der „vaterländischen“ d. h. diesmal der südrussischen Industrie ersuchen.

Ein klassisches Beispiel dieser Verhältnisse hat endlich in den letzten Jahren die Frage der Eisenbahntarife für Getreide geliefert. Im Jahre 1889 wurden bei der allgemeinen Regulierung des Tarifwesens im Reiche auch für Getreide neue stark differentiierte Tarife eingeführt, um die Ausfuhr aus weit im Innern Rufslands gelegenen Gouvernements nach dem Auslande zu erleichtern. Nun hatte dies aber zur Folge, dafs sich Massen von Getreide und Mehl aus den inneren Gegenden, besonders aus dem Wolgadistrikt, in die an der Grenze liegenden richteten und ebenso in den südlichen am Schwarzen Meere wie in den Ostseeprovinzen, wie endlich in Polen ein rapides Sinken der Getreidepreise nach sich zogen. Die in ihren besten Gefühlen verletzten Grundbesitzer aller erwähnten Reichsteile erhoben ein Zetergeschrei, am meisten aber die polnischen, welche im Anfang versuchten, bei dieser Gelegenheit auch im Namen des ganzen vom billigen Brot bedrückten Polens aufzutreten. Kaum aber sollte ihre nationale Verteidigung von Erfolg gekrönt und die verwünschten Tarife anfangs 1894 teilweise abgeschafft werden, als schon eine Gruppe polnischer Unternehmer und Kaufleute das Eisenbahndepartement in St. Petersburg telegraphisch beschwor, die früheren Tarife beizubehalten, um, wie sie sagten, dem Volke das Brot nicht zu verteuern172. Das Bild verschob sich also augenblicklich und aus einem Kampfe zweier nationaler Parteien gestaltete sich die Getreidetariffrage in Polen zu einem Streit der Agrarier mit den Industriellen. Dabei gingen die letzteren gemeinsam mit den russischen Grundbesitzern der centralen Gouvernements vor, die polnischen Grundbesitzer zogen dagegen mit den russischen Agrariern aller Grenzrayons gemeinsam ins Feld173.

Die buntscheckige Gruppierung der Interessen trat besonders zu Tage bei den Beratungen über die Getreidetarife in St. Petersburg im Oktober 1896. Auf der einen Seite standen die Vertreter des Wolgarayons, dessen Sache, wie wir gesehen haben, zugleich diejenige der polnischen Industriellen war, auf der anderen die Agrarier von Liefland, Witebsk, Odessa, die polnischen Grundbesitzer und, was am interessantesten, auch die Grundbesitzer des Moskauer Rayons. Im gröfsten Einvernehmen traten hier Polen und Moskauer auf, und die polnischen Grundbesitzer und Müller erklärten sich vollkommen einverstanden mit dem Programm des Fürsten Schtscherbatow, des Vorsitzenden der Moskauer Landwirtschaftlichen Gesellschaft174. Um andererseits den Interessengegensatz der Industrie mit der Landwirtschaft in Polen selbst gleichsam zu unterstreichen, hielt u. a. der Vorsitzende Maximow den polnischen Vertretern entgegen: wenn Polen seine Fabrikerzeugnisse im Innern Rufslands ungehindert absetzen dürfe, so sei es sehr inkonsequent, den landwirtschaftlichen Produkten aus dem Innern Rufslands den Zutritt nach Polen verwehren zu wollen.175

Nach den obigen Beispielen, die wir nicht häufen wollen, dürfte es als bewiesen erscheinen, dafs die Interessen der polnischen und der russischen Unternehmergruppen durchaus nicht in allen Punkten einander widersprechen, dafs sie vielmehr beständig ineinandergreifen. Aber auch als Ganzes ist die polnische Industrie durch Interessensolidarität mit manchen wichtigen Gruppen der russischen Bourgeoisie verbunden, so vor allem mit den zwei äufserst wichtigen Faktoren des ökonomischen Lebens: den Verkehrs- und den Kredit- und Handelsanstalten. Es liegt auf der Hand, dafs die Entwicklung der polnischen Industrie und, was damit zusammenhängt, des polnischen Warenabsatzes in Rufsland in direktem Interesse der russischen Kredit-, Kommissions- und Eisenbahngesellschaften liegt. Um wiederum aus der Fülle der einschlägigen Beispiele nur zwei herauszugreifen, wendet sich im Herbst 1894 die Verwaltung der russischen Eisenbahnlinie Rjasan-Ural an das Warschauer Unternehmertum mit der Offerte, auf allen ihren Stationen unentgeltlich Plätze hergeben zu wollen, damit die polnischen Fabrikanten dort permanente Warenausstellungen zur Förderung des polnischen Absatzes in den Wolgagegenden errichten176. Während also die Moskauer Fabrikanten ihren polnischen Konkurrenten jeden Absatzmarkt in Rufsland streitig machen wollen, fordern die russischen Eisenbahngesellschaften die polnische Konkurrenz selbst auf, mit ihren Waren möglichst weit ins Innere Rufslands vorzudringen.

Ein anderer charakteristischer Fall spielte sich jüngst aus Anlafs des neuen Zolltarifs für Baumwolle ab. Solange die erwähnte Zolldifferenz an der westlichen Grenze aufrechterhalten wurde, bezogen die Lodzer Fabrikanten ihre Baumwolle, um den unbequemen Zoll zu umgehen, über Libau und Odessa, d. h. vermittelst russischer Eisenbahnen. Als nun die Zolldifferenz 1894 aufgehoben wurde, kehrten die Baumwolltransporte auf die alten Landwege: Bremen-Alexandrowo und Triest-Graniza, also auf deutsche und österreichische Eisenbahnen zurück. Jetzt benutzten die letzteren diese Gelegenheit, um sehr niedrige Tarife für Baumwolle einzusetzen und so auf Kosten der Linie Odessa-Lodz die Transporte für sich zu monopolisieren. Der Verlust der Transporte traf aber die russischen Eisenbahnen erheblich, und so hat sich jüngst das St. Petersburger Eisenbahndepartement an die Lodzer Fabrikanten mit der Anfrage gewendet, um wie viel die Tarife auf den russischen Linien herabzusetzen seien, damit die Baumwolltransporte wieder über Odessa gehen. Die Angefragten diktirten eine Tarifherabsetzung von 30 %177. Desgleichen leisten die russischen Banken in eigenem Interesse dem polnischen Warenabsatz in Rufsland nach Möglichkeit Vorschub178. Wiederum kreuzen sich die nationalen Grenzen mit den kapitalistischen Interessenrichtungen, und was das nationale Banner entzweien sollte, bindet das kapitalistische Interesse aufs innigste zusammen.

Endlich giebt es auch ein Gebiet, wo zwischen der gesamten polnischen und der gesamten russischen Bourgeoisie die rührendste Interessenharmonie herrscht und wo sie ein Herz und eine Seele sind: das ist die eifersüchtige Bewachung der auf dem inneren Markte zu erzielenden Profite vor fremder Konkurrenz. Man kann in einem Teile der westeuropäischen Presse der Ansicht begegnen, als sei das polnische Unternehmertum freihändlerischer als das russische. Nichts irriger als diese Meinung. In der tiefen Überzeugung, dafs der russische und polnische Arbeiter eigens dazu geschaffen seien, den Mehrwert für sie zu produzieren, der polnische und der russische Konsument zur Realisierung des Mehrwerts zu dienen, die russische Regierung aber dazu, jeden Eingriff ausländischer Konkurrenten in jene heiligen Rechte abzuwehren, in dieser Überzeugung sind die polnischen Unternehmer ebenso fest und unerschüttert wie die russischen. Gilt es zur Verteidigung dieser „Grundrechte“ der kapitalistischen Verfassung der Regierung gegenüber den Mann zu stellen, — dann rücken die Lodzer und die Moskauer Fabrikanten, noch mit Beulen, die sie soeben einander geschlagen haben, aber Schulter an Schulter ins Feld. 1888, ein Jahr nachdem die beiden Widersacher — wie erwähnt — der Regierung je eine Petition eingereicht hatten, worin sie einander in den Fragen der innern Konkurrenz aufs schärfste bekämpften, stellten die Moskauer Unternehmer eine Reihe „unterthänigster“ Gesuche in Bezug auf die Zollpolitik, so um Erhöhung der Eingangszölle für Produkte der Textilindustrie, um Rückvergütung der für Rohstoffe bezahlten Zölle beim Export von Fabrikaten nach dem Auslande etc. — alles Forderungen, welche auch von den Lodzer Fabrikanten sowohl jetzt wie früher schon mehrmals gestellt wurden179. Mit Recht schrieb denn auch das Organ der polnischen Grofsindustriellen bei der Besprechung dieser Aktion der Moskauer Unternehmer, man pflege viel von dem Interessengegensatz der beiden Industrierayons zu sprechen, nun zeigt die obige Petition, dafs es auch eine Interessengemeinschaft und zwar in den wichtigsten Fragen zwischen denselben giebt180.

Die gleiche Harmonie tritt zu Tage, wenn es gilt das Monopol auf Profite gegen den „Deutschen“ zu verteidigen. Die Moskauer Fabrikanten erblickten — wie gezeigt — in der starken Vertretung des deutschen Elements in der polnischen Bourgeoisie einen erwünschten Vorwand, um ihren Kattun- und Barchentinteressen im Kampfe gegen Lodz eine anständige patriotische Physiognomie zu verleihen, und indem sie die Regierung zu einem Kreuzzug gegen das Deutschtum an der Weichsel anriefen, glaubten sie damit die polnische Bourgeoisie direkt ins Herz zu treffen. Als jedoch die Regierung ihren bekannten Ukas im Jahre 1887 erliefs181 und als schon von verschiedenen Seiten auch aus diesem Anlafs von einer Verfolgungsära gegen die polnische Industrie gesprochen wurde, da stellte es sich heraus, dafs die getroffene polnische Bourgeoisie aus ganz unerwarteten Gründen ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck brachte: ihr waren nämlich die antideutschen Mafsnahmen der russischen Regierung viel zu wenig energisch und radikal. Denn so liefs sie sich vernehmen: „Die Erlasse der Regierung vor zwei Jahren betr. die Sprachexamen für Ausländer haben einen vorteilhaften Wandel herbeigeführt, indem sie den einheimischen Kräften ein Arbeitsfeld eröffneten . . . . . . Eine gewisse Besserung in diesen Verhältnissen melden schon die Korrespondenten aus Lodz und die dortigen Einwohner, obwohl es noch weit davon ist, wie es sein könnte und sollte182“.

Wir haben die mannigfaltigen Interessenzusammenhänge zwischen der polnischen und der russischen Bourgeoisie kurz Revue passieren lassen. Ein daraus sich ergebendes Bild ist durchaus von demjenigen, welches man unter dem unmittelbaren Eindruck der Kriegstrommel von Lodz und Moskau gewinnen konnte, verschieden. Die polnische und die russische Bourgeoisie sind in zahlreichen und wichtigsten Fragen durch Interessensolidarität mit einander verbunden, ebenso in partiellen Gruppen wie im ganzen. Was diese Interessengemeinschaft geschaffen hat, sind erstens die Arbeitsteilung in der Produktion, welche die beiden Industrien vielfach zu einem einzigen Produktionsmechanismus vereinigt; zweitens, was noch wichtiger ist, die gemeinsamen Zollgrenzen, welche die Solidarität nach aufsen erzeugen und das ganze polnisch-russische Unternehmertum zu einer — vom Standpunkte des Absatzmarktes — „nationalen“ Kapitalistenklasse verschmelzen. Endlich das gemeinsame Absatzgebiet, welches die wichtige gegenseitige Abhängigkeit der polnischen Produktion einerseits und des russischen Transports und Handels andererseits erzeugt. Und, wohlgemerkt, schreitet die aufgezeichnete Verwachsung der russischen und polnischen ökonomischen Interessen mit jedem Tage vor. Auch dies ist zum Teil eine direkte Folge der allgemeinen Richtung der heutigen russischen Zollpolitik, welche darauf hinausläuft, nicht nur der Einfuhr fremder Fabrikate, sondern auch fremder Rohprodukte nach Rufsland den Weg zu versperren und eine eigene Rohproduktion zu schaffen, zu welchem Zwecke sie vor den gröfsten Opfern aus der Tasche der russischen und polnischen Konsumenten und Steuerzahler nicht zurückschreckt.

Durch Prohibitivzölle gezwungen, geht die polnische Industrie stufenweise vom Gebrauch des deutschen Coaks und Eisenerzes zum Donezker, von der amerikanischen und indischen Baumwolle zur mittelasiatischen, von der sächsischen und schlesischen Wolle zur südrussischen über183. In demselben Mafse wächst die gegenseitige Abhängigkeit der polnischen und russischen Produktion im ganzen, und die Interessen immer neuer Kreise der russischen Bourgeoisie werden an das Wohl und Wehe der polnischen Industrie gebunden.

Freilich erwächst aus denselben Verhältnissen zwischen der polnischen und der russischen Bourgeoisie ebenso viel Feindseligkeit, Konkurrenz und Rivalität. Gerade die industrielle Arbeitsteilung, die gemeinsame Zollgrenze und das gemeinsame Absatzgebiet machen auf der andern Seite die verschiedensten Gruppen der Bourgeoisie zu Gegnern, und jeder partiellen Interessensolidarität entspricht ein Interessengegensatz. Wie uns die Beispiele gezeigt haben, tritt der Grundbesitz gegen die Industrie, die Fabrikation gegen die Halbfabrikation, die letztere gegen die Rohproduktion, die Produktion gegen den Transport und innerhalb jeder dieser Gruppen ein Rayon gegen den andern, und jeder einzelne Kapitalist gegen alle andern auf. Was wir aber hier erblicken, ist ein typisches Bild der kapitalistischen Wirtschaft, wie sie in allen Ländern ihre Blüten treibt. Es ist das Grundgesetz dieser Produktionsform: bellum omnium contra omnes, welches hier zum Ausdruck kommt und welches mit den nationalen Gegensätzen und Grenzen nichts zu thun hat, ja im Gegenteil, diese Gegensätze und Grenzen innerhalb der Kapitalistenklasse unaufhörlich verwischt. Allerdings, fällt der ökonomische Interessengegensatz im Rahmen eines und desselben Staates mit nationalen Grenzen zusammen, so schafft er seinerseits u. U. eine breite Basis für die nationalen Bestrebungen. Dies kann jedoch nur insofern der Fall sein, als die feindlichen Nationalitäten zugleich verschiedene ihrer Natur nach antagonistische Produktionsformen vertreten, wenn also z. B. das eine Land den Kleinbetrieb, das andere die Grofsindustrie, das eine die Natural-, das andere die Geldwirtschaft repräsentiert. Gegebenenfalls liegen jedoch die Verhältnisse ganz anders, da Polen und Rufsland eine gemeinsame Entwicklung von der Natural- zur Geldwirtschaft und vom Klein- zum Grofsbetrieb durchgemacht haben. Ihre Gegnerschaft, wo und wann sie zu Tage tritt, entspringt nicht der Verschiedenheit, sondern gerade der Homogenität der ökonomischen Struktur und weist die Merkmale aller kapitalistischen Konkurrenzkämpfe innerhalb eines und desselben wirtschaftlichen Mechanismus auf.

Der Konkurrenzstreit Lodz-Moskau ist nichts als ein Fragment dieses allgemeinen Krieges. Aufgebauscht äufserlich zum nationalen Zweikampf Polens mit Rufsland auf ökonomischem Felde, reduziert sich dieser Streit im Grunde genommen auf eine Auseinandersetzung der Lodzer Barchent-Barone mit den Moskauer Kattunkönigen. Nach dem internationalen Brauch suchten die beiden kapitalistischen Parteien erstens ihr trivial-baumwollenes Streitobjekt mit einem ideologischen nationalen Schleier zu umhüllen, und zweitens, so laut die Trommel zu schlagen, als wenn es sich schon um den Hals handelte.

Nichtsdestoweniger vertritt in Wirklichkeit weder die eine noch die andere Partei die Interessen der gesamten polnischen und russischen Bourgeoisie, — im Gegenteil, beide haben zahlreiche Gegner unter den eigenen Landsleuten, — noch ist auch der um die inneren Märkte entbrannte Konkurrenzkampf mafsgebend und charakteristisch für die Verhältnisse der Streitenden. Ihrer Rivalität auf dem inneren Absatzmarkte steht die Interessensolidarität in einer ganzen Reihe anderer kapitalistischer Lebensfragen gegenüber.

In der ganzen kapitalistischen Entwicklung Polens und Rufslands, welche auf eine immer stärkere Verknüpfung der Produktion und des Austausches beider Länder ausgeht, spielt der Lodz-Moskauer Baumwollstreit — wenn man sich durch das Gebahren der streitenden Unternehmer nicht irre führen und die weitere Perspektive des ganzen kapitalistischen Schachbretts nicht aus dem Auge läfst — eine ganz verschwindend kleine Rolle184.

Jetzt erst, aus dieser materiellen Interessengrundlage heraus, läfst sich die ökonomische Politik der russischen Regierung beurteilen und erklären. Die Hauptsorge Rufslands ist seit den sechziger Jahren, wie zur Genüge bekannt, die Aufzucht des Kapitalismus. Zu diesem Zweck wird die Prohibitivzollpolitik befolgt, die Treibhausatmosphäre der Monopolpreise und -profite im Reiche geschaffen, die kostspieligsten Verkehrsmittel errichtet, Unterstützungen und Prämien an „notleidende“ Kapitalisten gewährt etc. etc. Von diesem Standpunkte aus erscheint die Entwicklung des Kapitalismus in Polen, ebenso wie in den andern Teilen des Reiches, als partielle Verwirklichung des eigenen Programms der Regierung, der Rückgang desselben dagegen als eine Durchkreuzung dieses Programms. Wichtiger aber noch als die eigenen ökonomischen Absichten der russischen Regierung sind hier die objektiven Tendenzen der russischen Ökonomik. Die von der Regierung grofsgezogene Bourgeoisie spielt bereits in Rufsland eine bedeutende Rolle. Mit ihren Interessen mufs jetzt die Regierung in ernster Weise rechnen, will sie auch ihre eigenen durchsetzen. Die Interessen der russischen Bourgeoisie sind aber — wie gezeigt — in mannigfaltigster Weise mit denen der polnischen verwoben. Man könnte auf keinem Punkt der polnischen Industrie ernst und auf die Dauer auf den Leib rücken, ohne gleichzeitig Lebensinteressen dieser oder jener Gruppe der russischen Bourgeoisie empfindlich zu verletzen.

Die Annahme, Rufsland gehe oder könne darauf ausgehen, den polnischen Kapitalismus zu vernichten, setzt voraus, dafs die russische ökonomische Politik sich ausschliefslich zum Werkzeug der Interessen der Handvoll Moskauer Kattunfabrikanten machen könnte, was auf einer Verkennung ebenso der Natur der Bourgeoisie wie derjenigen einer kapitalistischen Regierung beruht. Bei der gegebenen Zersplitterung und Gegensätzlichkeit der Interessen innerhalb der Kapitalistenklasse kann die Regierung die Interessen der letzteren nur im ganzen vertreten; sie kann sich nicht dauernd auf den Standpunkt irgend einer Gruppe derselben stellen, ohne durch die Opposition der anderen Gruppen von diesem Standpunkt wieder verdrängt zu werden. Auch die russische Regierung — obwohl absolut — macht keine Ausnahme von dieser Regel. Denn auch in Rufsland ist die Bourgeoisie nur in dem Mafse ein politisches Werkzeug der Regierung, als diese das Werkzeug der ökonomischen Interessen der Bourgeoisie ist. Wollte die absolute russische Regierung sich zum ausschliefslichen Anwalt der Moskauer Baumwollinteressen machen und zu diesem Behufe die polnischen und damit die russischen kapitalistischen Interessen im ganzen mit Füfsen treten, so würde sie nicht umhin können, eine heftige bürgerliche Opposition in Rufsland selbst gegen sich hervorzurufen. Das Schlufsresultat einer solchen Politik wäre höchstens die Bestrebung der russischen und der polnischen Bourgeoisie nach einer Regierungsform, die ihre Interessen im ganzen besser zu wahren wüfste, als die heutige. Damit ist die Frage über die Zukunft des polnischen Kapitalismus von dieser Seite entschieden: wollte ihm auch die russische Regierung Abbruch thun, ihre Bestrebungen würden an der geharnischten Opposition der Bourgeoisie Rufslands und Polens in die Brüche gehen.

Von diesem Standpunkt aus können wir auch die ganze Frage von den angeblichen Verfolgungen der polnischen Industrie auf ihren wahren Wert reduzieren. Alle Mafsregeln, die man gewöhnlich als Belege für eine antipolnische ökonomische Politik Rufslands anführt, haben einen gemeinsamen Charakterzug: sie sind nämlich alle darauf gerichtet, die polnische Industrie vom Gebrauch ausländischer Rohstoffe ab- und zum Bezug russischer anzuhalten. Dies war der Fall bei dem Differentialzoll auf Baumwolle, auf Kohle, auf Roheisen. Nicht zu Gunsten der mit Polen konkurrierenden russischen Industrien und nicht behufs Vernichtung der polnischen, sondern zu Gunsten der an die letztere gebundenen russischen Rohproduktion und behufs Erzielung einer bestimmten Gestaltung der polnischen Industrie waren alle genannten Mafsregeln erlassen. Gerade dieselben russischen Interessen, die die erwähnten Mafsnahmen hervorgerufen haben, würden für eine auf die Untergrabung der polnischen Industrie gerichtete Regierungspolitik das gröfste Hindernis bilden.

Aus derselben Notwendigkeit aber, allen so widerspruchsvollen Interessen der verschiedenen Gruppen der Bourgeoisie Genüge zu thun, ergiebt sich für die Regierung die weitere Notwendigkeit, sich in ihrer ökonomischen Politik in einem unaufhörlichen Zickzack-Kurs zu bewegen. Alle Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise sind blofse „Gravitationsgesetze“ d. h. solche, die sich nicht in gerader Linie auf dem kürzesten Wege, sondern im Gegenteil durch beständige Abweichungen nach den entgegengesetzten Richtungen durchsetzen. Dem entsprechend kann sich auch die allgemeine den Kapitalismus fördernde ökonomische Politik der Regierung nur in der Weise verwirklichen, dafs sie bald diese, bald jene Kapitalistengruppe mehr begünstigt und deshalb auch bald diese, bald jene temporär zurücksetzt. Die oben angeführten Beispiele aus der russischen Zoll- und Eisenbahn-Tarifpolitik zeigten krafs jenen Zickzack-Kurs der russischen Regierung, die einmal die Fabrikation auf Kosten der Halbfabrikation, das andere Mal umgekehrt die letztere auf Konto der ersteren beschützt, einmal die Kohlengruben gegen die Eisenwerke, das andere Mal die Eisenwerke auf Kosten der „Kohleninteressen“ protegiert, bald die Grundeigentümer, bald die Industriellen mehr begünstigt. Dieser Charakter der ökonomischen Politik der Regierung bringt es mit sich, dafs sie temporär und in verschiedenen partiellen Fragen auch die eine oder die andere polnische Kapitalistengruppe empfindlich treffen kann; dies ist nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern folgt geradezu mit Notwendigkeit aus der Lage der Dinge. Von dieser Art war z. B. der Differentialeisenbahntarif für Getreide u. a. Werden aber alle diese temporären partiellen Erscheinungen aus ihrem komplizierten wirtschaftlichen Zusammenhang gerissen und zu einem System der antipolnischen ökonomischen Verschwörung Rufslands aufgebauscht, so liegt darin ein völliger Mangel an Perspektive und an Überblick über das Ganze dieser Politik, ebenso wie in der Aufbauschung der Plänklergefechte zwischen dem Lodzer Barchent und dem Moskauer Kattun zu einer tiefen Interessenkluft zwischen dem polnischen und russischen Kapitalismus ein Mangel an Überblick über das Ganze der kapitalistischen Interessengemeinschaft liegt. Es unterliegt freilich keinem Zweifel, dafs der Moskauer Rayon sich bis jetzt vor allen anderen einer besonders liebevollen Behandlung seitens der Regierung erfreute, was sich in allerlei Liebesgaben äufserte. Diese Politik ist jedoch blofs der konkrete Ausdruck der Förderung des russischen Kapitalismus im allgemeinen, da der Centralrayon, wo beinahe ein Drittel der gesamten Reichsindustrie und ca. zwei Drittel der Textilindustrie (dem Werte nach) konzentriert sind, seinen Hauptstamm bildet. Die Kosten der erwähnten Bevorzugung der Moskoviter haben aber nicht sowohl die anderen Industrierayons des Reiches zu tragen, denen sie in den meisten Fällen, wie z. B. in der Zollpolitik, im Gegenteil gleichfalls zu gute kommt, sondern vielmehr die anderen Zweige der Volkswirtschaft, vor allem die Agrikultur, wie denn auch die Feindschaft zwischen den russischen Agrariern und den Moskauer Industriellen eine viel dauerndere und erbittertere ist, als zwischen Moskau und Lodz. — Ein interessantes Schlaglicht auf die angeblich „nationale“ Politik der russischen Regierung wirft andererseits die bekannte Thatsache, dafs am meisten gehätschelt und mit Begünstigungen auf Kosten der essentiell russischen Metallindustrie des Ural, wie der industriellen Interessen Moskaus förmlich überschüttet wird gerade das südliche Kohlen- und Eisenrevier, dessen Ausbeutung sich zum gröfsten Teil in den Händen Fremder — belgischer und englischer Kapitalisten befindet.

Es ist ebenso oberflächlich wie irrtümlich, der russischen Regierung eine im ethnographischen Sinne nationale, „grofsrussische“ ökonomische Politik zuzuschreiben. Eine solche existiert nur in der Einbildung der durch den äufseren Schein irregeführten Berichterstatter. In der That führt die Zarenregierung, ebensogut wie jede andere heutzutage, nicht eine nationale, sondern eine Klassenpolitik, sie unterscheidet nicht polnische und russische Unterthanen, sondern nur solche, die „gründen“ oder „besitzen“, und solche, die arbeiten185.

4. Die politischen Interessen Rufslands in Polen

Trotzdem die im Vorhergehenden behandelten ökonomischen Verhältnisse zwischen Rufsland und Polen unzweifelhaft das Hauptmoment in der Gestaltung der ökonomischen Politik Rufslands Polen gegenüber bilden, so wäre es doch einseitig dieselbe einzig und allein von den Interessen der russischen Bourgeoisie bestimmen lassen zu wollen. Die absolute Regierung Rufslands ist einstweilen mehr als die jedes Landes in der Lage, auch eigene politische Interessen, ihre Herrschaftsinteressen, zur Geltung zu bringen. In dieser Beziehung hat sich aber kraft historischer Umstände zwischen der russischen Regierung und der polnischen industriellen Bourgeoisie ein ganz eigenartiges Verhältnis herausgebildet. Es ist leicht einzusehen, dafs das Interesse des Absolutismus in Bezug auf Polen vor allem auf Beibehaltung und Befestigung der Annexion ausging. Das Hauptaugenmerk Rufslands seit dem Wiener Kongrefs richtete sich daher beharrlich auf die Unterdrückung aller Spuren der nationalen Opposition in Polen und speciell derjenigen gesellschaftlichen Klasse, welche als Trägerin der Opposition auftrat, des Adels. Bei dieser Bestrebung erblickte nun der russische Absolutismus einen erwünschten Verbündeten in der polnischen industriellen Bourgeoisie. Polen durch materielle Interessen an Rufsland zu binden und in einer bereits unter den Fittigen des russischen Adlers entstandenen Kapitalistenklasse, welche durch keine Tradition der Vergangenheit national, wohl aber durch Interessen ihrer Zukunft servil gesinnt wäre, das Gegengewicht gegen die nationale Gährung des Adels zu schaffen — das war der Zweck der russischen Politik, den sie mit gewohnter eiserner Konsequenz verfolgte. Man mufs ihr zugeben, dafs sie sich in der Wahl der Mittel nicht geirrt und die Natur der polnischen Bourgeoisie richtig herausgefühlt hatte. Kaum war die Manufaktur in Polen aufgekeimt, und kaum hatte sie von dem Honig der russischen Absatzmärkte gekostet, als sich schon das polnische Unternehmertum zu der historischen Mission reif fühlte, als Stütze der russischen Annexion in Polen zu dienen. Schon im Jahre 1826 wurde der polnische Finanzminister Drucki-Lubecki nach St. Petersburg abgeordnet mit der unterthänigsten Bitte, die Zollgrenze zwischen Polen und Rufsland ganz abzuschaffen, „da ja beide Länder ein einziges Ganzes bilden und Polen zu Rufsland gehöre“186. In dieser Erklärung war bereits bündig das ganze politische Programm der polnischen Bourgeoisie ausgesprochen: die völlige Verzichtleistung auf die nationale Freiheit für das Linsengericht der russischen Absatzmärkte. Seitdem hörte die russische Regierung nie auf, die polnische Bourgeoisie zu unterstützen. Wir haben die lange Reihe von Gesetzen angeführt, welche seit den zwanziger Jahren zur Begünstigung der industriellen Kolonisation und der Entwickelung der Manufaktur in Polen erlassen wurden, den „eisernen Fond“ zur Unterstützung der Industrie, die Gründung der mit allen denkbaren Privilegien ausgestatteten Polnischen Bank etc. etc.

Die Politik wurde aufs energischste in der späteren Zeit aufrechterhalten, noch zur Zeit Nicolaus’ I. sehen wir die russische Regierung neue Verordnungen in derselben Richtung erlassen. Nichts wurde unterlassen, was das adelige, rebellische Polen in ein kapitalistisches, zahmes Polen verwandeln konnte. Und die polnische Bourgeoisie zeigte, dafs sie ein dankbares Herz besitzt, denn nie hörte sie auf, die nationalen Regungen in Polen nach Kräften zu durchkreuzen und zu verraten, wofür namentlich ihre schmachvolle Haltung in den polnischen Aufständen genügend Zeugnis ablegt. Den wichtigsten Markstein in dieser Richtung der russischen Politik bildete die Abschaffung der russisch-polnischen Zollgrenze im Jahre 1851. Ein mit den einschlägigen Archiven der russischen Regierung durchaus vertrauter Historiker und der beste Kenner der Geschichte des russischen Zolltarifs, der Russe Lodyschensky, schreibt darüber:

„Die Aufhebung der Zolllinie zwischen dem Reiche und dem Königreiche wurde hauptsächlich durch Motive politischen Charakters hervorgerufen. Bekanntlich begann in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts in Europa eine geistige Gährung teils nationalen, teils socialistischen Charakters. Diese Gährung, welche sich auch der Bevölkerung Russisch-Polens mitgeteilt hatte, beunruhigte bis zu einem gewissen Grade die russische Regierung und bewog sie, nach Mitteln zu suchen, um Polen möglichst fest mit Rufsland zu vereinigen. Eine der Hauptursachen, welche die Annäherung der beiden Länder verhinderten, war ihre ökonomische Absonderung“187. Um also diese „Absonderung“ zu beseitigen, um Polen durch die materiellen Interessen seiner Bourgeoisie an Rufsland zu fesseln, wurde die Zollgrenze abgeschafft. Auf demselben Standpunkte steht die russische Regierung auch noch heute und begrüfst immer noch den wachsenden polnischen Absatz in Rufsland, als diejenige Kette, die das annektierte Land am festesten an das Reich schmiedet. So schreibt Mendelejeff in seinem Vorwort zum offiziellen Bericht über die russische Industrie zur Chicagoer Weltausstellung vom J. 1893: „Die Erzeugnisse dieser und vieler anderer polnischer Fabriken finden einen stets wachsenden Absatz in ganz Rufsland. Auf dem Wege des Wettkampfes dieses Industrierayons mit dem Moskauer Rayon wird einerseits der Grundzweck der protektionistischen Politik Rufslands, anderseits diejenige Assimilierung Polens mit Rufsland erreicht, welche den friedlichen Absichten des russischen Volkes (lies: der russischen Regierung) entspricht“188. — Die bezeichnete specielle Rolle, welche die polnische Bourgeoisie der russischen Regierung gegenüber als Bollwerk der Annexion spielt, giebt auch wichtige Aufschlüsse über die behandelte Hauptfrage, d. h. die Zukunft des polnischen Kapitalismus. Es gehört in der That eine enorme Dosis von Naivität dazu, um der russischen Regierung, welche sich geradezu zur Aufgabe gemacht hat, in Polen den Kapitalismus zu kultivieren und hiefür mehr als ein halbes Jahrhundert lang alle Hebel in Bewegung setzte, die Absicht zuzumuten, nun auf einmal denselben Kapitalismus wieder vernichten, die polnische Bourgeoisie zur Opposition treiben und so das Werk eigener Hände mutwillig zerstören zu wollen. Und zwar einzig und allein dem Moskauer Unternehmertum zuliebe, für dessen Wehklagen und Zetern sie ein halbes Jahrhundert lang taube Ohren hatte! Die russische Regierung weifs leider ihre Herrschaftsinteressen besser zu wahren. Welche diese Interessen in Bezug auf Polen sind, wissen wir aus dem Munde ihres Vertreters: das ist „die friedliche Assimilierung“ Polens mit Rufsland, d. h. die Befestigung seiner Herrschaft in Polen um jeden Preis. Diese Erklärung wurde 1893 abgegeben, also lange nachdem der vermeintliche neue Kurs in der russischen Politik begonnen haben sollte.

Die beste Bestätigung unserer Auffassung liefert die neueste Geschichte der Beziehungen Rufslands zu Finnland. Wir finden hier im kleinen Mafsstab eine genaue Wiederholung der einstigen russischen Politik in Polen. Finnland bleibt bis jetzt durch eine Zollgrenze vom Zarenreich getrennt und treibt dem Auslande gegenüber eine selbständige und zwar viel liberalere Zollpolitik, als Rufsland. Der finnländischen Industrie kommen beinahe alle die Vorteile zu gute, welche bereits der polnischen zur Blüte verholfen haben. Auch haben die finnländischen Erzeugnisse, besonders die der Metallindustrie, dank u. a. dem niedrigeren Zolltarif an der russisch-finnländischen Grenze, als an den übrigen russischen Grenzen, in Rufsland Eingang gefunden, wo sie der einheimischen Industrie eine arge Konkurrenz bereiten. Die russischen Unternehmer, denen dies ein Dorn im Auge ist, versäumten selbstverständlich nicht, eine „allerunterthänigste“ Aktion zum Schutze der „vaterländischen“ Industrie gegen die „fremden“ Rivalen — ganz wie seinerzeit gegen Polen — in Scene zu setzen. Die Regierung hat auch unter ihrem Druck die Zölle gegen Finnland, als ein ökonomisch fremdes, weil zollpolitisch selbständiges Gebiet zweimal — 1885 und 1897 — erhöht.

Würde nun die russische Regierung die Interessen dieser oder jener Unternehmergruppe dauernd zur Richtschnur ihrer ökonomischen Politik den anderssprachigen Reichsteilen gegenüber machen, so müfste sie konsequenterweise auf diesem Wege fortfahren, um Finnland durch eine chinesische Mauer von Rufsland abzuschneiden. Allein, das gerade Gegenteil ist thatsächlich der Fall. Die Regierung hat bereits für das Jahr 1903 die gänzliche Aufhebung der russisch-finnländischen Zollgrenze und die Aufnahme Finnlands in das reichsrussische Zollgebiet angeordnet. Die „vaterländische“ Industrie wird somit der unbeschränkten Konkurrenz der „fremden“ ausgesetzt. Und wenn dies nicht schon früher geschehen ist, so sind daran wiederum nicht Rücksichten auf das Zetern einiger russischer Hüttenbesitzer schuld, sondern der Handelsvertrag mit Deutschland, wodurch sich das Zarenreich auf eine Reihe von Jahren gebunden hat. — Es ist klar, dafs die bevorstehende Reform den Anfang vom Ende der finnländischen Selbständigkeit in politischer Beziehung bedeutet, wenn sie auch vor allem auf die Vernichtung seiner ökonomischen Selbständigkeit ausgeht. Wir haben hier wieder vor uns ein Stück der allgemeinen Politik des Zarismus, der sich über alle partiellen Interessen hinwegsetzt, um die verschiedenen Reichsteile einerseits durch das Russifizierungssystem geistig zu nivellieren, andererseits durch die ökonomische Zusammenschweifsung derselben der Reichseinheit ein festes materielles Gefüge zu geben und das Ganze in den eisernen Klammern der Alleinherrschaft zusammenzupressen, — eine Politik, die wir bereits in Polen kennen gelernt haben.

Freilich geht nicht alles in der Welt nach dem Wunsche der Regierenden. Indem die russische Regierung Polen ökonomisch dem Reiche einverleibt und den Kapitalismus als ein „Gegengift“ der nationalen Opposition kultiviert, zieht sie eben dadurch in Polen eine neue Gesellschaftsklasse — das industrielle Proletariat — grofs, eine Klasse, welche ihrer ganzen Lage nach dazu getrieben wird, zum ernsten Gegner des absoluten Regime zu werden. Und wenn auch die Opposition des Proletariats nicht einen nationalen Charakter haben kann, so kann sie unter Umständen nur umso wirksamer werden, da sie eben die von der Regierung so erwünschte Solidarität der polnischen und der russischen Bourgeoisie logischerweise mit einer politischen Solidarität des polnischen und des russischen Proletariats beantworten wird189. Diese ferneren Konsequenzen ihrer Politik können aber die russische Regierung nicht von ihrem heutigen Wege abbringen; einstweilen sieht sie in der kapitalistischen Entwicklung Polens nur die Klasse der Bourgeoisie. Solange Rufsland deshalb seine Herrschaft über Polen aufrecht zu erhalten sucht, solange wird auch der industrielle Flor in Polen im Programm der Regierung geschrieben stehen. Diejenigen also, die eine auf die ökonomische Absonderung Polens gerichtete Regierungspolitik gewärtigen, nehmen für Zukunftserscheinungen, was zur Vergangenheit gehört, und ihre ungenügende Kenntnis der bisherigen Geschichte für tiefere Einsicht in die zukünftige.

5. Die ökonomischen Interessen Rufslands im Orient

Von eminenter Bedeutung für die von uns behandelte Frage ist endlich auch die neue Richtung, welche in den letzten zehn Jahren in der russischen ökonomischen Politik dem Auslande gegenüber zu Tage getreten ist. Bis dahin ging nämlich die Bestrebung Rufslands darauf aus, seinen Bedürfnissen nach Fabrikaten und Rohmaterialien durch eigene Produktion zu genügen und sich von der auswärtigen Einfuhr zu emanzipieren. Heute gehen seine Bestrebungen weiter, heute will es sich bereits auf den Weltmarkt hinaus wagen und selbst den anderen kapitalistischen Nationen auf fremdem Boden die Stirne bieten. Freilich rührt diese Tendenz nicht von der russischen Bourgeoisie selbst her; die eigenartige ökonomisch-politische Entwicklung Rufslands hat es mit sich gebracht, dafs die Politik hier vielfach aus eigenem Interesse die Initiative des ökonomischen Fortschritts ergreift. Während in den meisten kapitalistischen Staaten die Industrie, in dem Mafse, als es ihr in den Grenzen des inneren Marktes zu eng wird, die Regierung antreibt, neue Absatzmärkte durch Eroberungen oder durch Verträge zu erwerben, sieht in Rufsland umgekehrt die Zarenpolitik in der industriellen Ausfuhr ein Mittel, die zur politischen Beute ausersehenen Länder Asiens zunächst in ökonomische Abhängigkeit von Rufsland zu bringen. Während deshalb die russischen Industriellen zum gröfsten Teil keinen Finger rühren, um einen Platz auf dem Weltmarkt zu erobern, spornt sie die Regierung unaufhörlich in dieser Richtung an. Alles wird ins Werk gesetzt, um den Fabrikanten Rührigkeit und Ausfuhrlust beizubringen: Ermahnungen, Aufforderungen, Expeditionen zur Erforschung neuer Absatzgebiete, die Errichtung kolossaler Eisenbahnen, wie die sibirische und die ostchinesische, Rückerstattung von Zöllen und Steuern beim Warenexport190, endlich direkte Prämien zu diesem Zwecke. Die hier in erster Linie in Betracht kommenden Länder sind: China, Persien, Mittelasien und die Balkanstaaten. 1892 wurde unter der Leitung des Prof. Posdnejew eine Expedition, die sowohl wissenschaftlichen, als Handelszwecken dienen sollte, nach Mongolien abgeordnet. Schon früher hatten die Russen daselbst die Pferdepost eingeführt, die von ihnen auch betrieben wird. — In folgendem Jahre wurde nach Persien zur Erforschung der dortigen Handelsverhältnisse der Beamte des Finanzministeriums Tomara geschickt, und was besonders wichtig, zur Unterstützung des russischen Handels der Umbau des persischen Hafens Enseli in Angriff genommen. In demselben Jahre arbeitete das Finanzministerium einen Entwurf aus betr. die Verbesserung der Verkehrswege von der russischen Grenze nach Teheran, Tauris und Meschhed und die Gründung einer russischen Kreditanstalt in Persien. — Um den Absatz in Ostsibirien für die eigenen Kaufleute zu monopolisieren und die Engländer aus dem Felde zu schlagen, beschlofs Rufsland 1896 das Portofranko auf dem Flufs Amur und in dem Hafen Wladiwostok, welches sich auf alle Erzeugnisse, ausgenommen die in Rufsland mit Accise belegten, erstreckte, abzuschaffen. — Die wichtigste Mafsnahme jedoch, wodurch die Regierung dem russischen Handel in Mittelasien unter die Arme zu greifen hoffte, war der kostspielige Bau der Transkaspischen Eisenbahn. — Nicht minder, oder richtiger noch viel mehr Aufmerksamkeit wendet Rufsland China zu. Bis vor kurzem wurden die Handelsgeschäfte Chinas mit dem Auslande von der deutschen, französischen und einigen englischen Banken191 besorgt. Die russische Regierung beeilte sich daher 1896 eine russische Bank in Shanghai zu gründen. „...Eine Aufgabe der Bank“ — schrieb seinerzeit das Organ des russischen Finanzministeriums — „ist es, den ökonomischen Einflufs Rufslands in China zu befestigen und dadurch ein Gegengewicht zu dem Einflufs anderer europäischer Nationen zu schaffen. Von diesem Standpunkte erscheint besonders wichtig, dafs die Bank sich möglichst der chinesischen Regierung zu nähern sucht, dafs sie in China die Steuern einkassiert, Operationen unternimmt, welche sie mit dem chinesischen Fiskus in Berührung bringen, Zinsen von den chinesischen Staatsschulden auszahlt etc.192. Die anderen Mafsnahmen Rufslands, wie der Bau der ostchinesischen Eisenbahn u. a., sind zur Genüge bekannt.

Das bisherige Resultat dieser Bemühungen wurde vor kurzem offiziell erforscht und hat sich als fast einem gänzlichen Fiasko gleich herausgestellt. Es galt für den russischen Absatz in allen Ländern, wohin ihn die Regierung richten wollte, die ernste Konkurrenz der deutschen, französischen, vor allem aber der englischen Industrie zu bestehen, und das russische Unternehmertum hat sich der Rolle nicht entfernt gewachsen gezeigt. Sogar auf eigenem Staatsgebiet in Ostsibirien war Rufsland, solange es den freien Wettbewerb mit anderen Nationen zu bestehen hatte, nicht im stande, ihnen die Wage zu halten. Die Einfuhr in dem wichtigsten sibirischen Hafen Wladiwostok betrug

aus Rufsland (in 1000 Rubeln)vom Auslande (in 1000 Rubeln)
18872 0163 725
18882 1213 763
18892 3853 325193

Ein Ergebnis dieser Sachlage war auch der erwähnte Entschlufs Rufslands, Ostsibirien in das Zollgebiet des Reiches aufzunehmen.

Der russische Export nach China ist gleichfalls kaum nennenswert im Vergleich zu demjenigen anderer Nationen. An der Gesamteinfuhr von beinahe 330 Millionen Rubel beteiligt sich hier Rufsland mit nur ca. 4,5 Millionen:

1891189218931894
in 1000 Rubeln4 8964 7824 0874 488194

Ein ähnliches Bild haben auch die Erhebungen über den Handel mit Mittelasien geliefert. Die von Rufsland gebaute Transkaspische Eisenbahn, auf die man so grofse Hoffnungen setzte, erwies sich auch wirklich als ein vorzüglicher Handelsweg . . . für die Engländer, die nun die Möglichkeit erlangt haben, den hohen Durchgangszoll in Afghanistan zu umgehen. Die russische Ausfuhr nach Transkaspien, Chiwa, Bukhara und Turkestan hat nach einem kurzen Aufschwung in den letzten Jahren wieder zu sinken begonnen. Von den wichtigsten registrirten Artikeln wurde befördert:

in 1000 Pud188818891890189118921893
Im ganzen1,1411,2961,6852,9222,1021,854
davon Erzeugn. d. Textilind.201245541671397538
Zucker4224575311,048516150195

Der englische Import aus Indien hingegen ist in der gleichen Zeit dank der russischen Bahn, wie dies von offizieller russischer Seite konstatiert wurde, rapid gewachsen. Bukhara z. B. erhielt von den 4 Hauptstationen dieser Linie:

in Pud188818891890189118921961893insgesamt
an russ. Erzeugn.5721,1761,8639232672445,045
- engl. Erzeugn.1,1604,2098,51612,7614,44316,15447,243197

Um die Ausfuhr Rufslands nach Afghanistan ist es ebenso schlecht bestellt. Der Import der Erzeugnisse der russischen Textilindustrie betrug hier

1888—1890(25 Monate)163,245 Pud
1893(12 „ )10,000 „198

d. h. ungefähr acht Mal weniger pro Jahr.

Verhältnismäfsig am besten reüssiert der russische Handel in Persien. Die russischen Baumwollerzeugnisse machen bereits ca. 30 % des persischen Konsums aus und ihre Einfuhr beziffert sich

1887—1890jährlich auf48,000 Pud
1891—1894„ „73,000 „199

In den nördlichen Provinzen Gilan und Masandaran hat die russische Textilindustrie die englische fast verdrängt, im gesamten persischen Import jedoch spielt Rufsland — dem offiziellen Zeugnis nach — einstweilen eine sehr geringe Rolle. Dies trotzdem die russische Industrie sich hier in der günstigsten Lage befindet, da ihr die im Kaukasus wohnhaften Perser und Armenier, welche für eigene Rechnung den Handel betreiben, als geeignetste Vermittler dienen, während die Kaufleute anderer Nationen zu Kommissionsgeschäften und dies auch blofs in den gröfseren Städten Persiens Zuflucht nehmen müssen.

Das Gesamtbild der Ausfuhr Rufslands nach seinen wichtigsten asiatischen Absatzgebieten sieht folgendermafsen aus:

1894InsgesamtLebensmittelFabrikateRohstoffe u. Halbfabr.
nach Persien12 Mill. R.7,5 Mill. R.3,5 Mill. R.—
- China4,5 - -0,1 - -3,4 - -0,7 Mill. R.
- Mittelas.3,8 - -1,7 - -0,4 - -0,9 - -200

Man sieht, das Programm der russischen Regierung in Asien ist im ganzen noch weit von seiner Verwirklichung entfernt, und das erzielte Resultat entspricht jedenfalls dem in dieser Richtung gemachten Kraftaufwand in keiner Weise. Es wäre indes ein Irrtum, dies auf die technische Rückständigkeit der russischen Industrie allein zurückzuführen. Freilich steht Rufsland in dieser Beziehung in einer ganzen Reihe wichtiger Branchen — wie die Metall-, die Wollindustrie etc. — anderen Industriestaaten nach, und es müfste, um den Konkurrenzkampf auf dem Weltmarkte mit Erfolg aufnehmen zu können, unbedingt seine Produktionsmethoden vervollkommnen. Allein, es kommt noch ein weiteres nicht minder wichtiges Moment hinzu, welches hauptsächlich die Pläne der Regierung in Asien bis jetzt durchkreuzte. Denn auch da, wo die russische Industrie — wie in der Herstellung geringerer Sorten der Baumwollstoffe —, nach den kompetenten Zeugnissen einzelner Forscher201 und selbst der britischen Konsuln in Persien, über die englische wohl den Sieg davon tragen könnte, haben es die russischen Industriellen bis jetzt doch nicht weit gebracht, und die Ursache davon ist der ganze Habitus des russischen, speciell des Moskauer Unternehmertums, wie er sich infolge der langjährigen prohibitiven Zollpolitik Rufslands herausgebildet hat. Verhätschelt von der Regierung durch allerlei Liebesgaben und Begünstigungen, verwöhnt durch enorme Monopolprofite, verwöhnt ferner durch einen kolossalen innern Absatzmarkt und durch die Immunität von der auswärtigen Konkurrenz, verspürt das Moskauer Unternehmertum überhaupt weder Lust, noch Bedürfnis, sich dem rauhen Wetter des Weltmarktes auszusetzen und sich mit gewöhnlichen Profiten zufrieden zu geben. Es ist sozusagen die Profit-Hypertrophie, die die Moskauer so schwerfällig und apathisch in der Aufsuchung neuer Absatzmöglichkeiten macht, dafs sie in dem auswärtigen Handel höchstens das Mittel sehen, entweder hohe Ausfuhrprämien einzustecken, oder durch schwindelhafte Warenlieferungen und plumpste Prellereien in Gewicht, Mafs und Warengattung einmalige Schachergewinne zu erzielen. Steht weder das eine noch das andere in Aussicht, so beantwortet der Moskauer Fabrikant etwa einlaufende Bestellungen von auswärts mit hartnäckigem Schweigen.

Dieser Handelsmodus tritt in den Beziehungen mit Asien deutlich zu Tage. So war z. B. der 1890 und 1891 nach Bukhara und Chiwa massenhaft importierte russische Kattun in einer Weise angefertigt, dafs er von den Muselmännern viel weniger für Bekleidungszwecke, als zum Färben der Neujahrseier verwendet werden konnte. In den folgenden Jahren wandte sich die Bevölkerung selbstverständlich wieder den englischen Erzeugnissen zu, und dies ist die Ursache, welche mehr noch als die Choleraepidemie und die Mifsernte den jähen Fall der russischen Einfuhr in Mittelasien in den Jahren 1892 und 1893 nach sich zog202. Ebenso bezeichnend ist die Geschichte des Zuckerhandels mit Asien. Solange beim Export des Zuckers die Accise rückvergütet wurde, nahm die Ausfuhr desselben nach Persien und Bukhara rapid zu; als die Rückvergütung suspendiert wurde, erschien das Geschäft den Russen nunmehr zwecklos und die Ausfuhr sank plötzlich von 1,047,996 Pud im Jahre 1891 auf 516,021 Pud im Jahre 1892 und auf 150,128 im Jahre 1893203. Eine andere interessante Seite des kommerziellen Geistes der Moskauer offenbart sich in ihrem Handel mit Sibirien, wo sie es fertig bringen, zuerst Reisende mit Mustern behufs Gewinnung von Bestellungen auszuschicken und sich nachher weigern, diese Bestellungen nach den eigenen Mustern auszuführen204. Endlich kommt die Rührigkeit der Moskauer wohl am grellsten in ihrem Verkehr mit China zum Vorschein, indem sie, von dort mit Bitten um Anknüpfung von Handelsbeziehungen angegangen, diese Zumutung stillschweigend zurückweisen205.

Nach eingehender Prüfung der Ergebnisse des asiatischen Handels Rufslands kommt das Organ des Finanzministeriums auch zu folgendem Schlufs: „Die charakteristischen Züge der slavischen (will hier heifsen: russischen) nicht kommerziellen Rasse und die absolute Apathie und Trägheit des Moskauer Unternehmertums kommen zum Ausdruck ebenso krafs wie vollkommen in unserem Handel mit Mittelasien“206. Fast in den gleichen Worten formulieren auch andere Blätter verschiedener Richtungen — die Novosti, Nowoje Wremja, St. Petersburger Nachrichten u. a. — die Ursachen des Mifserfolges des russischen Absatzes im Osten207. Und neulich kommt wiederum das Organ des Finanzministeriums auf das gleiche Thema zu sprechen: „Nur Persien“ — schreibt es im Januar 1897 — „kann als Absatzmarkt für die Erzeugnisse unserer Baumwollindustrie gelten; die Versuche, für uns die chinesischen und mittelasiatischen Märkte zu erobern, können bis jetzt nicht als gelungen betrachtet werden, und daran ist zum Teil die Unfähigkeit, uns den Anforderungen und Gewohnheiten der Abnehmer anzupassen, vor allem aber der Umstand schuld, dafs unsere Unternehmer es vorläufig noch zu gut zu Hause haben, um sich um auswärtige Absatzmärkte kümmern zu wollen“208.

So erscheint das ganze Wesen des Moskauer Unternehmertums und besonders sein Bestreben, sich durch allerlei künstliche chinesische Mauern in einer privilegierten Stellung zu erhalten, als mit der heutigen Tendenz der russischen auswärtigen Politik unvereinbar und ihr direkt zuwiderlaufend. Es ist klar, dafs das wirksamste Mittel gegen alle Trägheit Moskaus und seine Praktiken im Handel, ebenso wie gegen die technische Zurückgebliebenheit, — der Übergang Rufslands zu einer liberaleren Zollpolitik wäre, die den Moskauer Rayon aus der Treibhausatmosphäre des Monopols reifsen und im eigenen Lande der fremden Konkurrenz aussetzen würde. Es scheint uns auch keinem Zweifel zu unterliegen, dafs einerseits die Interessen des Absolutismus in Asien, andererseits die Ausdehnung der kapitalistischen Landwirtschaft und die Interessen des Grundbesitzes Rufsland über kurz oder lang auf die Bahn einer gemäfsigteren Zollpolitik drängen werden. Vor allem aber kann nur auf einem Wege Abhilfe geschaffen werden, nämlich durch die Verschärfung der Konkurrenz innerhalb der russischen Zollgrenzen, d. h. dadurch, dafs man Moskau der unbeschränkten Konkurrenz der fortschrittlichen Industrierayons: Polen und St. Petersburg rücksichtslos preisgiebt. Diese Gesichtspunkte hat auch der einflufsreichere Teil der russischen Presse, so die „Nowoje Wremja“, im Anschlufs an die Erörterungen über die Interessen des Zarenreiches in Asien ausdrücklich hervorgehoben209. Dafs die Regierung ihrerseits sich jetzt auch thatsächlich anschickt, mit dem wirtschaftlichen Schlendrian Moskaus aufzuräumen und die Moskoviter auf die Bahn einer modernen Produktions- und Handelstechnik zu drängen, beweist am besten das neueste Gesetz über den Maximalarbeitstag, welches den schroffsten Bruch mit der bisherigen Produktionsweise Moskaus bedeutet, während es zugleich als eine Verwirklichung des polnischen Projektes von 1892 erscheint.

Im gleichen Mafse, als der ökonomische Konservatismus Moskaus ein Hemmschuh der heutigen Politik Rufslands ist und mit jedem Tag es immer mehr wird, erscheint die polnische Industrie wieder einmal als Bundesgenossin des Zarismus. Wir haben bei dem Vergleich der Konkurrenzbedingungen der polnischen Produktion mit der centralrussischen gezeigt, wie sehr Polen in technischer Beziehung hoch über Moskau steht. Schon aus diesem Grunde, als der fortschrittlichste Industrierayon Rufslands, als derjenige, welcher die übrigen, speciell den Moskauer, durch seine Konkurrenz unaufhörlich zu technischen Verbesserungen anspornt, verwirklicht das kapitalistische Polen das neueste russische Regierungsprogramm. Aber auch direkt in der Eröffnung der asiatischen Absatzmärkte schreiten die polnischen Industriellen den russischen voran. Wir haben gesehen, wie ernst und gründlich sie sich zu dieser Aufgabe vorbereiten. Ohne die Aufforderung der Regierung abzuwarten, ergreifen sie selbst die Initiative und knüpfen auf eigene Faust Handelsbeziehungen mit dem Auslande an.

In dem einzigen Lande, wo der russische Handel verhältnismäfsig gedeiht, — in Persien — bilden die Erzeugnisse der polnischen Textilindustrie beinahe die Hälfte der ganzen einschlägigen Einfuhr aus Rufsland, — ca. 40 % des Imports über die wichtigste Verbindungsstation Baku210. Den Polen gehört auch in mancher Hinsicht die Initiative der Handelsbeziehungen mit Persien; bereits 1887, also bevor noch die Regierung diesem Lande ihre Aufmerksamkeit zugewandt hatte, schickten sie sich an, in Teheran eine eigene Handelsagentur und ein Warendepot zu eröffnen211. Lodz benutzte auch sofort die Transkaspische Bahn, um neben St. Petersburg und Moskau mit ihren Waren nach Mittelasien vorzudringen212. Der Warschauer Rayon ist derjenige, der die höheren eingewanderten Bevölkerungsschichten in Bukhara und Turkestan mit Glas-, Fayence- und Porzellanwaren versieht, während die geringeren Moskauer Erzeugnisse nur von den ärmeren Eingeborenen gekauft werden213. Lodz ist bis jetzt der einzige Industrierayon des Reiches, dessen Textilindustrieprodukte in Konstantinopel und in den Balkanländern Eingang gefunden haben214. Bereits 1887 knüpfte Polen mit Rumänien und Bulgarien Handelsbeziehungen an215. Neulich fing Lodz an, direkt nach Sophia seine Baumwollerzeugnisse zu schicken216. Ja, die polnische Bourgeoisie möchte, unter Benutzung der sibirischen Eisenbahnlinie, Warschau zum Mittelpunkt des neuen grofsen europäisch-asiatischen Handelsweges machen217. „The British Manufacturer“ — schreibt der englische Konsul in Warschau — „may be prepared to find in them (den polnischen Unternehmern) formidable rivals in the markets of the East“218.

Auf diese Weise arbeitet der polnische Kapitalismus in Asien der zarischen Politik direkt in die Hände.

Aus dem obigen so diametral entgegengesetzten Verhalten Moskaus und Polens gegenüber den von der russischen Politik gesteckten Zielen folgt auch eine grundverschiedene Strömung in der öffentlichen Meinung den beiden Rayons gegenüber. Immer stärker wird die Partei des inneren Freihandels, des technischen Fortschritts, die Partei, welche gegen die staatliche Bevormundung und Beschirmung der rückständigen Industrie auftritt, weshalb sie auch dem polnischen Rayon sympathisch gegenübersteht, und immer vereinzelter steht das Moskauer Unternehmertum da mit seinem urväterlichen Glauben an die Dreieinigkeit: Garantien, Prämien, Subsidien. Die Moskau feindselige Stimmung hat sich deutlich ausgesprochen aus dem Anlafs eines von ihm auf dem Jahrmarkt in Nischni-Nowgorod 1893 eingereichten Gesuchs um Besteuerung der polnischen Commis-voyageure. So lesen wir in den „Novosti“: „Während desselben Jahrmarkts . . . verfafsten und reichten dem Finanzminister dieselben Vertreter des praktischen Protektionismus eine Petition ein, betreffend eine specielle Besteuerung der Commis-voyageure der Lodzer Fabriken, mit der unverhohlenen Absicht, den Moskauer industriellen Rayon von der Lodzer Konkurrenz zu befreien. Nach dem gesunden Menschenverstande sollten die Moskauer Fabrikanten im Interesse der russischen Industrie und der russischen Konsumenten nur dem vortrefflichen Beispiel der Lodzer Fabrikanten folgen, und reisende Commis anstellen, den Produzenten dem Konsumenten näher bringen und so den Absatz eigener Produkte verbilligen und erleichtern. Aber nicht einmal so viel Unternehmungsgeist liegt in den Sitten und Gewohnheiten der vom Protektionismus verhätschelten Praktiker; sie ziehen vor, verschiedene Streiche gegen ihre Konkurrenten zu führen . . .“219. Und zum Schlusse noch ein charakteristisches Citat aus dem offiziellen Regierungsorgan „Warschauer Tagblatt“ über die allgemeinen Aufgaben der auswärtigen industriellen Politik Rufslands: „Gerade auf die Eröffnung dieser neuen Absatzmärkte in Mittelasien und in Persien rechnen wir für das Gedeihen unserer Industrie, und wir wiederholen, dafs es sehr zu bedauern ist, dafs die Löwenportion der Profite nach dem Auslande geht, während für unsere armen Arbeiter (!) blofs die Krümchen übrig bleiben. Unser Handel mit Mittelasien und mit Persien hat noch nicht tiefe Wurzeln geschlagen, und die Vertreter des russischen Handels werden noch gar manchen Sieg über die englische Konkurrenz zu gewinnen haben, um jene Absatzmärkte für Rufsland zu erobern. Angesichts des gemeinsamen Feindes sollten die Moskauer und die polnischen Unternehmer ihre Kräfte vereinigen um gemeinsam das gleiche Ziel zu erstreben . . . . . . Das Hauptziel für Rufsland auf den asiatischen Märkten ist in diesem Augenblick die Ausschliefsung der englischen Waren. Es wäre dies eine untergeordnete Frage, welcher von den Industrierayons des Reiches mehr zur Erreichung dieses Zieles beiträgt, wenn nur die Profite aus der Industrie auf dem Weichselufer ausschliefslich der eingeborenen Bevölkerung zu gute kämen und nicht, wie es der Fall ist, dazu dienten, die Kapitalien deutscher Unternehmer, Angestellten und Arbeiter zu vergröfsern. Befände sich jene Industrie in den Händen von Russen oder Polen, so wären wir viel stärker in unserem Kampfe mit England und unsere Vorherrschaft in Mittelasien wäre gesichert“220.

Selbstverständlich unterläfst das Regierungsorgan nicht, den deutschen Industriellen, die in der polnischen Industrie stark vertreten sind, dabei einen Hieb zu versetzen; es beschuldigt sie der Nichtbeachtung russischer Staatsinteressen, der ausschliefslichen egoistischen Besorgung ihrer eigenen „deutschen“ Tascheninteressen u. s. w. Aber in der Hauptsache finden wir hier die wirkliche Lage des Augenblicks, wie sie von der russischen Regierung aufgefafst wird, in treffender Weise ausgesprochen: angesichts der bevorstehenden Aufgaben auf dem Weltmarkt treten die inneren Rivalitäten des polnischen und russischen Unternehmertums vollständig zurück. Insofern zwischen ihnen Uneinigkeit existiert, wird die Schuld auf das deutsche, der polnischen Bourgeoisie, wie wir gesehen, in gleichem Mafse verhafste Element geschoben. Die polnische Industrie an sich, ihre Entwicklung, ihr Gedeihen erscheinen hier von einem neuen Gesichtspunkt als direkt im Interesse der zarischen Regierung liegend: nachdem sie in Polen dazu gedient hatte, die russische Eroberung nachträglich zu befestigen, weist ihr der Zarismus nunmehr die schmeichelhafte Rolle zu, in Asien als der Vorläufer seiner künftigen Eroberungsgelüste zu dienen. Ja noch mehr, Polen spielt jetzt, wie wir gesehen, in der Verwirklichung dieser hehren Aufgaben die erste Rolle, während der Stern Moskaus, d. h. der speciellen Moskoviter ökonomischen Politik sich langsam zum Untergange neigt. Das neue russische Gesetz über den Maximalarbeitstag besagt, dafs die schönen Tage von Aranjuez — die Tage der primitiven kapitalistischen Accumulation, auch im russischen Reiche bald vorbei sind.

Schlufswort

Unsere Aufgabe ist zu Ende. Wir glauben aus dem Vorhergehenden den Schlufs ziehen zu können, dafs alle Befürchtungen für die Zukunft der polnischen Industrie — sofern sie sich wenigstens auf die von der russischen Regierung drohende Gefahr beziehen — ganz grundlos sind und nichts anderes, als einen kritiklosen und oberflächlichen Abklatsch des intimen Unternehmerzankes des Lodzer und des Moskauer Unternehmertums darstellen. Blickt man tiefer in die Verhältnisse hinein, so mufs man zu dem Schlusse gelangen, dafs Polen in ökonomischer Beziehung nicht nur keine Absonderung von Rufsland bevorsteht, sondern dafs die aus der allgemeinen inneren Natur der grofskapitalistischen Produktion selbst sich ergebenden Tendenzen es vielmehr ökonomisch mit jedem Jahr stärker an Rufsland fesseln. Es ist ein immanentes Gesetz der kapitalistischen Produktionsweise, dafs sie darnach strebt, nach und nach die entlegensten Orte mit einander materiell zu verknüpfen, in ökonomische Abhängigkeit von einander zu bringen und schliefslich die ganze Welt in einen einzigen fest zusammengefügten Produktionsmechanismus zu verwandeln. Am stärksten wirkt diese Tendenz natürlich innerhalb eines und desselben Staates, innerhalb derselben politischen und Zollgrenzen. Die kapitalistische Entwicklung Polens und Rufslands ergab die nämlichen Resultate. So lange beide Länder vorwiegend agrikole und zwar naturalwirtschaftliche Länder waren, also bis zu den sechziger Jahren, blieben sie ökonomisch einander fremd und stellten jedes für sich ein abgeschlossenes Ganzes mit besonderen ökonomischen Interessen dar. Seitdem jedoch die Fabrikproduktion hier und dort auf gröfserer Skala begonnen, seitdem die Naturalwirtschaft der Geldwirtschaft Platz gemacht hat, seitdem die Industrie zu einem ausschlaggebenden Faktor im gesellschaftlichen Leben beider Länder geworden ist, schwindet auch die Abgeschlossenheit ihrer materiellen Existenz immer mehr. Der Austausch und die Arbeitsteilung knüpften zwischen Rufsland und Polen tausend Fäden, und die mannigfaltigen ökonomischen Interessen griffen so ineinander, dafs die polnische und die russische Ökonomik heute nur mehr einen komplizierten Mechanismus bilden.

Der geschilderte Prozefs spiegelt sich in sehr verschiedener Weise in dem Bewufstsein der verschiedenen Faktoren des polnischen öffentlichen Lebens wieder. Die russische Regierung erblickt in ihm ein Werkzeug ihrer Herrschaftspläne, glaubt Polen damit für immer ihrer Macht auf Gnade und Ungnade überantwortet und ein tausendjähriges Reich der Despotie gegründet zu haben. Die polnische Bourgeoisie sieht darin ein Fundament der eigenen Klassenherrschaft im Lande und eine unerschöpfliche Quelle der Bereicherung; sie wiegt sich in den süfsesten Zukunftsträumen beim Gedanken an Asien und glaubt darauf ein tausendjähriges Reich des Kapitals bauen zu können. Die verschiedenen nationalistischen Elemente der polnischen Gesellschaft endlich fassen den ganzen socialen Vorgang als ein einziges grofses nationales Unglück auf, welches ihre Hoffnungen auf die Wiederaufbauung eines unabhängigen polnischen Staates unbarmherzig zertrümmert. Sie fühlen instinktiv die Macht der ökonomischen Bande, welche der Kapitalismus zwischen Polen und Rufsland geschaffen hat, heraus und, ohne den fatalen Prozefs in Wirklichkeit aufhalten zu können, machen sie ihn wenigstens in der eigenen Einbildung rückgängig, indem sie sich an jeden Schein verzweiflungsvoll klammern und von der russischen Regierung selbst erwarten, dafs sie mit eigenen Händen die verhafste kapitalistische Entwicklung Polens vernichten und so für den Nationalismus wieder Boden schaffen werde.

Wir glauben, dafs die russische Regierung, die polnische Bourgeoisie und die polnischen Nationalisten im gleichen Mafse mit Blindheit geschlagen sind und dafs der kapitalistische Verschmelzungsprozefs zwischen Polen und Rufsland noch eine wichtige dialektische Seite hat, die sie ganz aufser Acht lassen. Dieser Prozefs zeitigt nämlich aus eigenem Schofse den Moment, wo die Entwicklungsinteressen des Kapitalismus in Rufsland mit der absoluten Regierungsform in Widerspruch geraten werden, und wo die Zarenherrschaft an ihrem eigenen Werke zu Grunde gehen wird. Früher oder später mufs die Stunde schlagen, wo dieselbe heute von der Zarenregierung so gehätschelte polnische und russische Bourgeoisie ihres politischen Anwalts — des Absolutismus — überdrüssig und den König matt setzen wird. — Ferner bewegt sich aber der kapitalistische Prozefs mit unaufhaltsamer Eile demjenigen Moment entgegen, wo die Entwicklung der Produktivkräfte auch im russischen Reiche mit der Herrschaft des Kapitals unverträglich und wo an Stelle der privaten Warenwirtschaft eine neue sociale Ordnung auf der Basis einer planmäfsigen genossenschaftlichen Produktion treten wird. Die polnische und die russische Bourgeoisie beschleunigen diesen Augenblick mit vereinigten Kräften, indem sie keinen Schritt vorwärts marschieren können, ohne auch die Reihen der polnischen und russischen Arbeiterklasse zu vermehren und vorwärts zu treiben. Die kapitalistische Verschmelzung Polens und Rufslands erzeugt als das Endresultat, was in gleichem Mafse von der russischen Regierung, der polnischen Bourgeoisie und den polnischen Nationalisten aufser Acht gelassen wird: die Vereinigung des polnischen und des russischen Proletariats zum künftigen Syndikus bei dem Bankrott zuerst der russischen Zarenherrschaft, und dann der polnisch-russischen Kapitalherrschaft.

Die vorliegende Arbeit, samt dem Vorwort und dem Schlufswort hat der Verfasserin in demselben Umfang und dem nämlichen Wortlaut als Doktordissertation gedient. Dies mag auch den akademischen Ton, in dem sie stellenweise gehalten ist, und das Überwiegen der statistisch-ökonomischen über die politische Seite der Frage erklären.

Verzeichnis der benutzten Schriften

In polnischer Sprache:

  • F. Rodecki, Geographisch-statistisches Bild des Königreichs Polen, Warschau 1830.
  • O. Flatt, Geographisch-statistische Beschreibung der Stadt Lodz, Warschau 1853.
  • Dr. T. Rutowski, Zur Frage der Landesindustrie, Krakau 1883.
  • W. Zalenski, Vergleichende Statistik des Königreichs Polen, Warschau 1876.
  • J. Bloch, Die Fabrikindustrie des Königreichs Polen 1871—1880, Warschau 1884.
  • Landwirtschaftliche Encyklopädie, Warschau, Bd. I 1890, Bd. II 1891, Bd. III 1894.
  • J. Bloch, Der Grundbesitz und dessen Verschuldung, Warschau 1890.
  • J. Bloch, Der Ameliorationskredit und die Lage der Landwirtschaft, Warschau 1892.
  • J. Bloch, Die bäuerliche Bank und die Parzellation, Warschau, 1895.
  • L. Gorski, Unsere Fehler in der Landwirtschaft, Warschau 1874.
  • Dr. J. Banzemer, Ein Bild der Industrie in unserem Lande, Warschau 1886.

Zeitschriften:

  • Monatsrevue „Ateneum“, Warschau.
  • Wochenblatt „Przeglad Tygodniowy“ (Wochenrevue), Warschau.
  • Wochenblatt „Kraj“ (Land), St. Petersburg.
  • Wochenblatt „Prawda“ (Wahrheit), Warschau.
  • Zeitung „Gazeta Handlowa“ (Handelszeitung), Warschau.
  • Zeitung „Gazeta Polska“ (Polnische Zeitung), Warschau.
  • Zeitung „Kurjer Warszawski“ (Warschauer Kurier), Warschau.

In russischer Sprache:

  • M. Zawielejsky, Statistik des Königreichs Polen, St. Petersburg 1842.
  • J. Posnansky, Produktivkräfte des Königreichs Polen, St. Petersburg 1880.
  • K. Lodyschensky, Geschichte des russischen Zolltarifs, St. Petersburg 1886.
  • Geschichtlich-statistische Rundschau der Industrie Rufslands. (Redigirt von D. A. Timirazew.) 2 Bände. St. Petersburg 1883.
  • J. J. Janschul, Umrifs der historischen Entwicklung der Industrie im Königreich Polen, Moskau 1887.
  • Die Fabrikindustrie und der Handel Rufslands. (Bericht zur Weltausstellung in Chicago.) Herausgegeben vom Handelsdepartement des Finanzministeriums. St. Petersburg 1893.
  • Die Land- und Forstwirtschaft Rufslands (Bericht zur Weltausstellung in Chicago). Herausgegeben vom landwirtschaftlichen Departement des Ministeriums der Staatsdomänen. St. Petersburg 1893.
  • Der Bergbau Rufslands (Bericht zur Weltausstellung in Chicago). Herausgegeben vom Bergbaudepartement des Ministeriums der Staatsdomänen. St. Petersburg 1893.
  • G. Simonenko, Vergleichende Statistik des Königreichs Polen, Warschau 1879.
  • Gesuche der Kaiserlichen Freien Ökonomischen Gesellschaft betr. Revision des russischen Zolltarifs, St. Petersburg 1890.
  • P. A. Orlow, Register der Fabriken des europäischen Rufslands, inbegriffen das Königreich Polen und das Grofsherzogtum Finnland, St. Petersburg 1881.
  • Materialien zur Handels- und Industrie-Statistik Rufslands, Data über die Fabrikindustrie in Rufsland für die Jahre 1885—1887. Herausgegeben vom Handelsdepartement des Finanzministeriums, St. Petersburg 1889.
  • Materialien etc. für das Jahr 1888. St. Petersburg 1891.
  • Materialien etc. für das Jahr 1889. St. Petersburg 1891.
  • Materialien etc. für das Jahr 1890. St. Petersburg 1893.
  • Materialien etc. für das Jahr 1891. St. Petersburg 1894.
  • Materialien etc. für das Jahr 1892. St. Petersburg 1895.
  • Berichte der Mitglieder der Kommission zur Untersuchung der Fabrikindustrie des Königreichs Polen, St. Petersburg 1888.
  • A. S., Der Kampf zwischen Moskau und Lodz, St. Petersburg 1889.
  • Materialien zur Statistik der Dampfmotore im russischen Reiche. Herausg. vom Centralen Statistischen Komitee, St. Pet. 1888.
  • W. Swiatlowsky, Der Fabrikarbeiter, Warschau 1889.
  • Die Produktivkräfte Rufslands. Herausgegeben vom Finanzministerium (zur industriellen Landesausstellung in Nischny-Nowgorod), St. Petersburg 1896.
  • S. Scharapow, Gesammelte Schriften, St. Peterburg 1892.
  • Bericht des Fabrikinspektors für den Moskauer Rayon J. J. Janschul, St. Petersburg 1884.
  • J. J. Janschul, Der Fabrikarbeiter in Mittelrufsland und im Königreich Polen. Monatsrevue „Europäischer Bote“, Bd. I, Febr.-Heft 1888, St. Petersburg.
  • Bericht des Fabrikinspektors für den Petersburger Rayon K. W. Dawydow, St. Petersburg 1886.
  • Bericht des Fabrikinspektors für den Rayon Wladimir, Dr. Peskow, St. Petersburg 1886.
  • Memorandum des Warschauer Börsenkomitees über die Eisenbahntarife für Getreide. — Im Buchhandel nicht befindlich.
  • N. P. Jasnopolsky, Die geographische Verteilung der Staatseinnahmen in Rufsland, Kiew 1890.
  • Sibirien und die grofse sibirische Eisenbahn (Bericht zur Weltausstellung in Chicago). Herausgegeben vom Handelsdepartement des Finanzministeriums, St. Petersburg 1893.
  • R. Michajlow, Die Untersuchung der Naphthareste. „Mitteilungen der Technologischen Gesellschaft“, St. Petersburg, Nr. 1, Januar 1898.
  • E. M. Dementjew, Die Fabrik, was sie der Bevölkerung giebt und was sie ihr kostet, Moskau 1893.

Zeitschriften:

  • Zweimonatliche Revue „Arbeiten der Kaiserlichen Freien Ökonomischen Gesellschaft“, St. Petersburg.
  • Wochenblatt „Der Bote der Finanz, der Industrie und des Handels“ (Organ des Finanzministeriums), St. Petersburg.
  • Zeitung „Novosti“ (Neuigkeiten), St. Petersburg.
  • Zeitung „Nowoje Wremja“ (Neue Zeit), St. Petersburg.
  • Zeitung „Sibir’“ (Sibirien), St. Petersburg.
  • Zeitung „St. Petersburger Nachrichten“, St. Petersburg.
  • Zeitung „Handels- und Industriezeitung“, St. Petersburg.

In anderen Sprachen:

  • Blue Book: Royal Commission on Labour, Foreign Reports, Vol. X, Russia, London 1894.
  • Th. Brassey, Work and Wages, London 1872.
  • Foreign Office. Annual Series. Diplomatic und Consular Reports: On the Trade of the Kingdom of Poland No. 128, London 1887.
  • Foreign Office. Annual Series. Diplomatic und Consular Reports: On the Trade of Warsaw No. 321, 1888.
  • Foreign Office. Annual Series. Diplomatic und Consular Reports: On the Trade of Poland No. 1286, 1893.
  • Foreign Office. Annual Series. Diplomatic und Consular Reports: On the Trade of the District of the Consulate-General at Warsaw, No. 863, 1891.
  • Foreign Office. Annual Series. Diplomatic und Consular Reports: On the Trade of the District of the Consulate-General at Warsaw, No. 1183, 1893.
  • Foreign Office. Annual Series. Diplomatic und Consular Reports: On the Trade of the District of the Consulate-General at Warsaw, No. 1449, 1894.
  • Foreign Office. Annual Series. Diplomatic und Consular Reports: On the Trade of the District of the Consulate-General at Warsaw, No. 1535, 1895.
  • Foreign Office. Miscellaneous Series Reports: On the Peasantry and Peasant Holdings in Poland No. 355, 1895.
  • Foreign Office. Miscellaneous Series Reports: On the Position of Landed Proprietors in Poland No. 347, 1895.
  • Schulze-Gävernitz, Der Nationalismus in Rufsland und seine wirtschaftlichen Träger. „Preufsische Jahrbücher“, Bd. 75, Januar-März 1894.
  • S. G., Die industrielle Politik Rufslands in dessen polnischen Provinzen. „Neue Zeit“, Stuttgart, 1893/94 Bd. II Nr. 51.
  • Karl Marx, Das Kapital, Kritik der politischen Oekonomie, Hamburg 1894. Bd. III.
  • L. Brentano, Über das Verhältnis von Arbeitslohn und Arbeitszeit zur Arbeitsleistung, Leipzig 1893.

Im Text gebrauchte russische Mafs- und Gewichtsbezeichnungen

1 Berkowez= 163,8Kilogramm,
1 Pud= 16,38-
1 russ. Pfund= 409,51Gramm,
1 Werst= 1066,78Meter,
1 Arschin= 0,71118-
1 Dessjatin= 1,0925Hektar.
  1. O. Flatt, Beschreibung der Stadt Lodz, S. 133—142. — M. Zawielejsky, Statistik des Königreichs Polen, S. 170—171. — Diplomatic and Consular Reports on Trade and Finance, Nr. 321. S. 5. — Dr. T. Rutowski, Zur Frage der Landesindustrie, S. 34 u. ff. ↩

  2. J. Posnansky, Produktivkräfte des Königreichs Polen, S. 67 u. 106. — M. Zawielejsky, l. c. S. 71. ↩

  3. J. Posnansky, l. c. S. 140. ↩

  4. Die Rohprodukte Rufslands und Polens wurden ganz zollfrei erklärt, die Fabrikate aus eigenen Rohstoffen mit 1 %, aus fremden mit 3 % Zoll ad val. getroffen. Eine Ausnahme bildeten der Zucker und die Baumwollstoffe, welche mit 25 % resp. 15 % ad val. verzollt wurden. Für Polen, welches aus Rufsland Baumwollstoffe in grofsem Umfange bezog, war dieser vom Standpunkte Rufslands ganz sinnlose Tarif äufserst günstig, da er die polnische Baumwollindustrie vor russischer Konkurrenz schützte, die Ausfuhr polnischer Wollstoffe nach Rufsland aber gleichzeitig förderte. ↩

  5. O. Flatt, l. c. S. 62. — K. Lodyschensky, Geschichte des russischen Zolltarifs, S. 217 u. 218. ↩

  6. W. Zalensky, Vergleichende Statistik des Königreichs Polen, S. 147. ↩

  7. Lodyschensky, l. c. S. 218. Nach Rodecki betrug die Ausfuhr der Erzeugnisse der polnischen Wollindustrie nach Rufsland im J. 1827 13,2 Millionen polnische Gulden (à 15 Kopeken). (Geographisch-Statistisches Bild des Königreichs Polen, Tabelle III.) ↩

  8. Lodyschensky, l. c. S. 219. ↩

  9. O. Flatt, l. c. S. 61. ↩

  10. K. Lodyschensky, l. c. S. 223. Rohprodukte wurden, wie ehedem, zollfrei importiert, viele Fabrikate drei bis fünf Mal stärker verzollt, der Zoll auf den wichtigsten Ausfuhrartikel aber, auf Wollfabrikate bis zur gleichen Höhe mit demjenigen, den die russischen Baumwollerzeugnisse bei der Einfuhr nach Polen zahlten, d. h. auf 15 % ad valorem gesteigert. ↩

  11. J. J. Janschul, Umrifs der historischen Entwicklung der Industrie im Königreich Polen, S. 32. ↩

  12. Dr. T. Rutowski, l. c. S. 241. ↩

  13. l. c. S. 250 u. 251, J. G. Bloch, Fabrikindustrie des Königreichs Polen, S. 29—31, 111—112, 12—13 u. 58. ↩

  14. T. Zalenski, l. c. S. 172. ↩

  15. K. Lodyschensky, l. c. S. 252. ↩

  16. Die Zollvereinigung mit Polen hat eine Neuerung in dem russischen Zollsystem, den sogen. differentiellen Zolltarif zur Folge gehabt. Da nämlich Polen bis dahin eine bedeutend mehr freihändlerische Politik als Rufsland Westeuropa gegenüber befolgte, so wurde auch bei der Ausdehnung der russischen Zollgrenze auf Polen eine Unterscheidung zwischen der See- und der Landgrenze gemacht, wobei für die letztere niedrigere Tarife festgesetzt wurden. ↩

  17. Geschichtlich-statistische Rundschau der Industrie Rufslands, II, S. 95. ↩

  18. Dr. T. Rudowski, l. c. S. 241. ↩

  19. J. J. Janschul, l. c. S. 36. ↩

  20. Geschichtlich-statistische Rundschau, II, S. 23. ↩

  21. Das gesamte Eisenbahnnetz in Rufsland war: 1838: 25 Werst; 1850: 468 Werst; 1860: 1 490 Werst; 1865: 3 577 Werst; 1870: 10 090 Werst. Lassen wir hier gleich noch die Angaben aus der späteren Zeit folgen: 1875: 17 718 Werst; 1880: 21 226 Werst; 1885: 24 258 Werst; 1890: 28 581 Werst; 1892: 29 156 Werst (Der Bergbau Rufslands, — Bericht zur Chic. Ausstellung 1893, S. 61). Von 1891—96 wurde der Verkehr auf 10 625 Werst neuer Eisenbahnlinien eröffnet, jetzt befinden sich wiederum über 10 000 Werst im Bau. („Arbeiten der Freien Ökonomischen Gesellschaft“, Nr. 6, November-Dezember 1897, S. 132.) ↩

  22. G. Simonenko, Vergleichende Statistik des Königreichs Polen, S. 127. — T. Zalenski, l. c. S. 172 und 223. ↩

  23. Die Fabrikindustrie Rufslands (Bericht zur Chic. Ausstellung 1893), XIX, S. 156—183. ↩

  24. l. c. XX, S. 185. ↩

  25. Gesuche der Kais. Freien Ökonomischen Gesellschaft betr. Revision des russischen Zolltarifs, S. 116. ↩

  26. „Arbeiten der Freien Ökonomischen Gesellschaft“, Nr. 6 November-Dezember 1897, S. 129 u. 127. ↩

  27. Gesuche etc., S. 150. ↩

  28. „Der Finanzbote“, Nr. 17 v. 9. Mai 1897. ↩

  29. „Arbeiten der Freien Ökonomischen Gesellschaft“, Nr. 6 November-Dezember 1897, S. 134. ↩

  30. Diplom. and Cons. Reports, Nr. 1449, S. 14. ↩

  31. l. c. Nr. 461, S. 3. ↩

  32. Über die Entwicklung der Metall- und Kohlenindustrie siehe weiter S. 23, 25 u. 58. — Die obige Tabelle wurde zusammengestellt nach T. Zalenski, l. c. S. 172 u. 246, J. G. Bloch, l. c. S. 151, Die Fabrikindustrie Rufslands, S. 33, Dr. T. Rutowski, l. c. S. 241, Materialien zur Handels- und Industriestatistik für das Jahr 1890, S. 158—182, — für das Jahr 1891, S. 124—144. Die angeführten Data über den Gesamtertrag der Produktion sind nur annähernd richtig, da sie um ein Bedeutendes unter dem thatsächlichen Produktionsumfang stehen. Sie werden meistens nach den Berichten der Unternehmer zusammengestellt, die aber, um einer höheren Besteuerung zu entgehen, notorisch die Umsätze ihrer Fabriken zu niedrig einschätzen. So erachtet J. G. Bloch für notwendig, um zu einem richtigen Begriff über die Dimensionen der Industrie zu gelangen, die offiziellen Data stets um 25 % höher anzuschlagen. Ein anderer polnischer Statistiker, J. Banzemer (Ein Bild der Industrie in unserem Lande), weist zahlenmäfsig nach, dafs der Brutto-Ertrag der gesamten Industrie Polens für das Jahr 1884 nicht 182 Mill. Rubel, wie die offiziellen Berichte lauten, sondern 199 Mill. Rubel betrug. Wir sind auf Grund ähnlicher Erwägungen zu dem Schlusse gekommen, dafs die Produktion in Polen schon um das Jahr 1890 nicht einen Wert von 240, sondern mindestens von 300 Mill. Rubel darstellte. — Den Gesamtertrag der Produktion für das Jahr 1890 — 240 Mill. Rubel — haben wir ermittelt, indem wir die im Berichte zur Chic. Ausst. Band über die Fabrikindustrie S. 33 angegebenen 210 Mill. Rubel der Einheitlichkeit halber um den Betrag der vom Spiritus etc. erhobenen Accise vergröfsert haben, da die Accise in den Angaben für die früheren Jahrzehnte mitenthalten ist, und sich nicht ausscheiden lässt. Die Zahl, welche sich auf den Produktionswert der gesamten Baumwollindustrie im Jahre 1891 bezieht, ist nur annähernd richtig; wir haben hier, um der Einheitlichkeit willen, die Färberei und Appretur hinzugerechnet, die, wenn auch zu einem geringen Teil, auch für andere Textilbranchen arbeiten. — Die Baumwollweberei und -spinnerei allein weist auf im Jahre 1891 86 Fabriken mit 21 229 Arbeitern und 36,8 Mill. Rubel Produktionswert. Wir haben in der Tabelle dieses Jahr berücksichtigt, weil das vorhergehende für die polnische Baumwollindustrie ein ausnahmsweise ungünstiges war. ↩

  33. Berichte der Kommission zur Untersuchung der Fabrikindustrie des Königreichs Polen, I, S. 84. ↩

  34. J. G. Bloch, l. c. S. 142 u. 143. Bloch rechnet viele Kleinbetriebe hinzu, was das Bild der Konzentration gewissermafsen verschiebt. ↩ ↩

  35. Die Fabrikindustrie, S. 33, Materialien etc. für das Jahr 1890, S. 134. Den Produktionswert pro 1 Etablissement 1890 haben wir nur für die mit Accise nicht belegten Branchen (d. h. für die gesamte Industrie aufser dem Bergbau, den Spiritusbrennereien, Tabak- und Zuckerfabriken) ermitteln können, welche freilich in diesem Jahre ihrem Ertrage nach 74 % der Gesamtindustrie ausmachen. Für andere Produktionszweige fehlen genaue Angaben über die Zahl der Betriebe. ↩

  36. J. G. Bloch, l. c. S. 14—15. ↩ ↩

  37. Materialien zur Handels- und Industriestatistik Rufslands für das Jahr 1890, S. 158—195. ↩

  38. J. G. Bloch, l. c. S. 14—15. Nach Rutowski war der Wert der Baumwollproduktion 1880 33 Mill. Rubel. ↩ ↩

  39. Materialien etc. für das Jahr 1891, S. 124—145. ↩

  40. A. S., Moskau und Lodz, S. 17. ↩

  41. Die Fabrikindustrie Rufslands, I, S. 11 u. 13. Die Zahlen für die russische Baumwollindustrie beziehen sich auf das Reich ohne Finnland und Polen. ↩

  42. Materialien zur Handels- und Industriestatistik Rufslands für das Jahr 1890, S. 134 u. 158—194. Die erstere Zahl bezieht sich nur auf die mit Accise nicht belegten Branchen und auf die Kohlengruben. ↩ ↩

  43. Mater. z. Statistik der Dampfmotore im Russ. Reiche, S. 158, 163. ↩

  44. Der Bergbau Rufslands, S. 74, bezieht sich auf die Kohlengruben allein. ↩

  45. Man zählte in der Handwerksproduktion Warschaus: 1876: Meister 3 122, Lehrlinge 6 664, Arbeiter 5 020, Produkt. in Pf. Sterl. 9 888 33; 1893: Meister 9 642, Lehrlinge 19 072, Arbeiter 24 167, Produkt. in Pf. Sterl. 51 631 15. (Reports, Nr. 1535, S. 4.) ↩

  46. Berichte der Kommission zur Untersuchung etc., II, S. 1—2. ↩

  47. Bei dieser Annahme stützen wir uns auf das Wachstum der Stadt Lodz, s. die folgende Seite. Da jedoch Janschul (Umrifs etc., S. 48) und nach ihm Swiatlowsky (Der Fabrikarbeiter, S. 23) die von uns angeführte offizielle Angabe für das Jahr 1885 für zu niedrig halten und die Produktion des Rayons bereits für das Jahr 1886 resp. 1883 auf 70 Mill. Rubel schätzen, so dürfte auch die heutige Produktion bedeutend über unserer Berechnung stehen. ↩

  48. Janschul, Umrifs etc., S. 44—46, O. Flatt, l. c. S. 47, 71 u. 110. ↩ ↩ ↩

  49. Berichte der Kommission zur Untersuchung etc., II, S. 1. Nach anderen Quellen belief sich der Ertrag der Produktion von Lodz schon 1886 auf 40—46 Mill. Rubel. (Diplom. and Cons. Rep., Nr. 128, S. 4.) ↩

  50. „Der Finanzbote“, Nr. 21 vom 6. Juni 1897. Die Einwohnerzahl bezieht sich auf Januar des Jahres 1897. ↩

  51. „Gazeta Handlowa“ vom 1. Dezember 1896. ↩

  52. Berichte der Kommission etc., II, S. 23. ↩

  53. „Bjas’“ ist ein aus bucharischer Baumwolle verfertigtes Gewebe. ↩

  54. A. S., Moskau und Lodz, S. 51. ↩

  55. Ber. d. Komm. z. Unters. etc., II, S. 25. ↩

  56. l. c. S. 46. ↩

  57. „Die Geschichte und der heutige Stand der Stadt Lodz“ in der „Gazeta Handlowa“ vom 3. Dezember 1896. ↩

  58. Berichte der Kommission etc., I, S. 33. ↩

  59. l. c. S. 38. ↩

  60. l. c. S. 87. ↩

  61. W. W. Swiatlowsky, l. c. S. 24. ↩

  62. Geschichtlich.-stat. Rundschau, Bd. I, Tabelle XIV—XV. ↩

  63. Der Bergbau Rufslands, S. 91. Die obigen Zahlen beziehen sich auf die Privatbetriebe allein. Der Ertrag der Staatskohlengruben machte 1860 7,2 und 1870 6,3 Mill. Pud aus. Seit 1878 hört die Kohlengewinnung auf diesen Gruben gänzlich auf. ↩

  64. l. c. S. 72. ↩

  65. l. c. S. 92. ↩

  66. Die Produktivkräfte Rufslands, VII, S. 39. ↩

  67. „Gazeta Handlowa“ vom 14. Dezember 1896. ↩

  68. Im Durchschnitt wurde nach Rufsland eingeführt: 1866—1870 jährlich 49,1 Mill. Pud fremde Kohle; 1871—1875 jährlich 60,5 Mill. Pud; 1876—1880 jährlich 97,1 Mill. Pud; 1881—1885 jährlich 112,2 Mill. Pud; 1886—1890 jährlich 109,7 Mill. Pud (Der Bergbau, S. 75). ↩

  69. „Prawda“, Nr. 52 vom 26. Dezember 1896. ↩

  70. Der Bergbau Rufslands, S. 57. ↩

  71. l. c. S. 58 u. ff. ↩

  72. l. c. S. 65, Die Fabrikindustrie Rufslands, XIX, S. 181. ↩

  73. Der Bergbau, S. 65 u. 66. — Das prozentuelle Verhältnis des in Rufsland jährlich verbrauchten fremden und einheimischen Produktes war folgendes: Roheisen (im ganzen; davon fremdes): 1866—1870 106 Mill. Pud, 8 %; 1871—1875 133 Mill. Pud, 11 %; 1876—1880 171 Mill. Pud, 26 %; 1881—1885 220 Mill. Pud, 32 %; 1886—1890 256 Mill. Pud, 21 %; 1891—1895 402 Mill. Pud, 9 %. Eisen (im ganzen; davon fremdes): 1866—1870 97 Mill. Pud, 12 %; 1871—1875 122 Mill. Pud, 31 %; 1876—1880 132 Mill. Pud, 35 %; 1881—1885 135 Mill. Pud, 26 %; 1886—1890 146 Mill. Pud, 19 %; 1891—1895 159 Mill. Pud, 23 % („Der Finanzbote“, Nr. 21 vom 6. Juni 1897). ↩

  74. Geschichtlich-statistische Rundschau, I, Tab. VIII—IX u. X—XI, Der Bergbau Rufslands, S. 58—60. Die obigen Zahlen beziehen sich nur auf die Privatbetriebe. Die Produktion der Staatsbetriebe betrug 1860, 1870 und 1880: für Roheisen 0,65, 0,47 und 0,29; für Eisen und Stahl: 0,33, 0,1 und 0,1 Millionen Pud. ↩

  75. Landwirtschaftliche Encyclopädie, Bd. III, S. 15. Nach Orlow, Register etc., S. 620, gab es schon 1879 66 Maschinenfabriken mit einer Produktion im Betrage von 6,7 Mill. Rubel. ↩

  76. Landwirtschaftl. Encyclopädie, Bd. II, S. 530 u. ff. ↩

  77. Die Fabrikindustrie Rufslands, XIII, S. 6—7. ↩

  78. l. c. S. 7. ↩

  79. Landwirtschaftl. Encycl., Bd. II, S. 523 u. 534. ↩

  80. Diplom. and Cons. Reports, Nr. 1449, S. 7. ↩

  81. Die Fabrikindustrie Rufslands, Einleitung, S. 32—33. Der Moskauer oder der Centrale Rayon umfasst die Gouvernements: Moskau, Wladimir, Kaluga, Kostroma, Nischny-Novgorod, Smolensk, Twer und Jaroslaw; der Petersburger Rayon — die Gouvernements: St. Petersburg, Pskov, Novgorod, Kurland, Liefland, Estland. ↩

  82. „Der Finanzbote“, Nr. 8 vom 7. März 1897. — Nur Privatbetriebe. ↩

  83. Die Fabrikindustrie Rufslands, I, S. 11. ↩

  84. Materialien zur Handels- und Industriestatistik Rufslands für das Jahr 1892, S. 194—204. ↩

  85. Berichte der Kommission etc., I, S. 18. ↩

  86. l. c. I, Anhang, S. 41—43. Nach englischen Quellen war die Ausfuhr der Textilindustrieprodukte aus Lodz 1886: nach Polen 229 900 Pud, nach Rufsland 970 791 Pud, 1887: nach Polen 264 665 Pud, nach Rufsland 721 115 Pud. (Diplomatic and Consular Reports on Trade and Finance, Nr. 321, S. 7.) ↩

  87. Janschul. l. c. S. 63. ↩

  88. „Ateneum“, 1890, Bd. I, Heft II, S. 294—6. Speciell der Absatz von polnischem Eisen nach dem Kaukasus war folgender: 1887 — 310 500 Pud; 1888 — 299 044 Pud; 1889 — 340 905 Pud; 1890 — 398 210 Pud. (l. c. 1891, Bd. III Heft III, S. 612). ↩

  89. l. c. 1891, Bd. III, Heft III, S. 611. ↩

  90. „Kraj“, 1889, Nr. 43. ↩

  91. l. c. 1888, Nr. 21. ↩

  92. „Prawda“, 1893, Nr. 3. ↩

  93. l. c. 1894, Nr. 51. ↩

  94. „Prawda“, 1896, Nr. 5. ↩

  95. Eine kurze Geschichte dieser Reform und der Verhältnisse zwischen den Grundbesitzern und den Bauern in Polen s. in den englischen Reports, Nr. 355. ↩

  96. J. Bloch, Der Grundbesitz und dessen Verschuldung. — „There is no doubt that a great majority of the landowners in Poland live under the most difficult conditions“. (Reports, Nr. 347, S. 11.) Einiges auch in J. Bloch, Die bäuerliche Bank und die Parzellation, S. 1 u. 16. ↩

  97. J. G. Bloch, Die Industrie des Königreichs Polen, S. 181. ↩

  98. Die Fabrikindustrie, S. 32 u. 33. ↩

  99. Vgl. J. Bloch, Der Ameliorationskredit und die Lage der Landwirtschaft, auch L. Gorski, Unsere Fehler in der Landwirtschaft. ↩

  100. „The encouragement thus given to foreign immigrants and to local industry and trade in general has caused a very remarkable industrial development, especially in that part of Poland which is nearest to Germany, whence the vivifying element came; but the policy which had been followed uninterruptedly for 73 years, and by which the industries of this country had been built up was suddenly reversed on the 14th of March, 1887, by the well-known imperial ukase forbidding foreigners from acquiring real property in the kingdom of Poland and in the Baltic provinces“ . . . . „Another measure which will seriously affect the industries of this country is the new regulation prohibiting the erection of buildings within a quarter of a mile of the frontier“ . . . . „This and the other measures in contemplation are attributed to the jealousy of the Moscow manufacturers, who at the last fair of Nijni Nowgorod addressed a memorial to the Government asking for protection against the Polish industries“. (Diplomatic and Consular Reports on Trade and Finance, Nr. 321, S. 6 u. 7.) Ferner: Schulze-Gävernitz, Der Nationalismus in Rufsland und seine wirtschaftlichen Träger, „Preufsische Jahrbücher“, Bd. 75, Januar-März 1894, desgl. das Blaubuch: Royal Commission on labour, Foreign Reports, Vol. X, Russia, S. 9. Die Ausführungen desselben basiren hier auf den Angaben der englischen Konsularberichte aus Polen, welche gerade in diesem Punkte sich nicht immer von dem einseitigen Einflufs der lokalen Kapitalistenpresse freihalten. ↩

  101. K. Lodyschensky, l. c. S. 220, 218 u. 222. ↩

  102. A. S., Moskau und Lodz, S. 22. ↩

  103. Scharapoff, Gesammelte Schriften, Buch I, S. 70—94. ↩

  104. A. S., Moskau und Lodz, S. 22. ↩

  105. Berichte der Kommission zur Untersuchung etc., Einleitung, S. 1 u. 2. ↩

  106. l. c. I, S. 101 u. II, S. 101—107. ↩

  107. l. c. I, S. 102, 103 u. 104. ↩

  108. Diplom. and Cons. Reports, Nr. 321, S. 7, A. S., l. c. S. 23. ↩

  109. Nach dem Vorhergesagten ist es leicht zu beurteilen, um wie viel die beiden Ziffern unter den wirklichen Profiten stehen. ↩

  110. Diplom. and Cons. Reports, Nr. 321, S. 7. ↩

  111. l. c. S. 6. ↩

  112. A. S., Moskau und Lodz, S. 23. ↩

  113. l. c. S. 29, 32—35, 37, 40—42 u. 60. ↩

  114. „Ateneum“, 1891, Bd. III, S. 609. ↩

  115. Diplom. and Cons. Reports, Nr. 1183, S. 5 u. 6. ↩

  116. Berichte der Kommission etc., I, S. 30. ↩

  117. l. c. I, S. 30—31. ↩

  118. Berichte der Kommission etc., I, S. 32—33. ↩

  119. Die Fabrikindustrie, I, S. 16—17. ↩

  120. G. von Schulze-Gävernitz, l. c. S. 359. ↩

  121. S. den Preis der Steinkohle in den Berichten der Kommission zur Untersuchung etc., II, S. 104 und I, S. 33. Der Preis von 1 Pud Naphthakohle läfst sich folgendermafsen ermitteln: „Zur Ersetzung von 100 Gewichtseinheiten der Steinkohle — schreibt Mendelejew — sind nur 67 Gewichtseinheiten von Naphtharesten erforderlich.“ Der Preis der Naphthareste aber „schwankt — nach derselben Quelle — in den letzten Jahren . . . in Moskau zwischen 20 und 30 Kopeken pro Pud“. (Die Fabrikindustrie, XII, S. 311—312.) ↩

  122. l. c. I, S. 17 u. XXII, S. 264, Einleitung, S. 21. ↩

  123. l. c. XII, S. 310. ↩

  124. l. c. S. 312. ↩

  125. l. c. S. 312 u. 313. ↩

  126. „Der Finanzbote“ Nr. 21 vom 2. Juni 1895. ↩

  127. R. Michajlow, Die Untersuchung der Naphthareste, „Mitteilungen der Technologischen Gesellschaft“, Nr. 1, Januar 1898. ↩

  128. Berichte der Kommission etc., I, S. 35. ↩

  129. . . . „Dabei stehen die Wochenlöhne in Polen höher als in Rufsland. . . . Der Arbeitstag ist in Moskau um so viel länger“ etc. (Schulze-Gävernitz, l. c. S. 359.) Desgl. Die industrielle Politik Rufslands in dessen polnischen Provinzen, „Neue Zeit“, 1893/94, Bd. II, S. 791. ↩

  130. Berichte der Kommission etc., I, S. 39. ↩

  131. l. c. I, S. 41. ↩

  132. l. c. I, S. 42 u. 43. Vgl. W. W. Swiatlowsky, l. c. S. 39. ↩

  133. W. W. Swiatlowsky, l. c. S. 59—60. ↩

  134. Berichte d. Kommission etc., I, S. 71. ↩

  135. l. c. I, S. 39. ↩

  136. W. W. Swiatlowsky, l. c. S. 47. — Bericht des Fabrikinspektors für den Petersburger Rayon, S. 11. — In drei industriellen Bezirken des Moskauer Gouvernements, wo diesbezügliche Erhebungen gemacht worden sind, wohnen in den Fabrikkasernen 56,8 % der gesamten männlichen Arbeiter; in der Gruppe der Spinner und Weber steigt diese Zahl auf 66,8 %. (Dementjew, Die Fabrik etc., S. 42.) Nach denselben Erhebungen entfallen von der Gesamtzahl der Kasernenbewohner 22,2 % auf Familienangehörige der Arbeiterschaft, welche selbst in der Fabrik nicht beschäftigt sind. (l. c. S. 44.) ↩

  137. J. J. Janschul, Der Fabrikarbeiter in Mittelrufsland und im Königreich Polen, „Europäischer Bote“, Februar 1888, S. 794. ↩

  138. l. c. S. 792. ↩

  139. In den drei erwähnten industriellen Bezirken des Moskauer G. beträgt die Zahl der erwachsenen männlichen Arbeiter, die im Sommer die Fabrik verlassen, durchschnittlich 14,1 %, in der Textilbranche 19,7 % der gesamten Arbeiterschaft. (Dementjew l. c. S. 4.) ↩

  140. Bericht des Fabrikinspektors für den Moskauer Rayon, S. 81. ↩

  141. Bericht des Fabrikinspektors für den Rayon Wladimir, S. 68. ↩

  142. Vgl. Th. Brassey, Work and Wages, auch L. Brentano, Über das Verhältnis von Arbeitslohn und Arbeitszeit zur Arbeitsleistung. ↩

  143. „In Ländern von verschiedener Entwickelungsstufe der kapitalistischen Produktion und daher von verschiedener organischer Zusammensetzung des Kapitals, kann die Rate des Mehrwerts (der eine Faktor, der die Profitrate bestimmt) höher stehen in dem Lande, wo der normale Arbeitstag kürzer ist als in dem, wo er länger. Erstens: Wenn der englische Arbeitstag von 10 Stunden seiner höheren Intensität wegen gleich ist einem österreichischen Arbeitstag von 14 Stunden, können bei gleicher Teilung des Arbeitstags 5 Stunden Mahrarbeit dort einen höheren Wert auf dem Weltmarkt darstellen als 7 Stunden hier. Zweitens aber kann dort ein grösserer Teil des Arbeitstags Mehrarbbeit bilden als hier.“ (Karl Marx, Das Kapital, Bd. III, Teil 1, S. 195—196.) ↩

  144. J. J. Janschul, Der Fabrikarbeiter in Mittelrufsland etc., S. 791. — Nach Swiatlowsky (l. c. S. 61) ist in Polen nur die Weberarbeit billiger, die Spinnerarbeit dagegen teuerer als in Rufsland. — Nach „Die Fabrikindustrie Rufslands“ I, S. 17 sind die Herstellungskosten von 1 Pud Baumwollgarn in Polen und in Moskau im ganzen ungefähr gleich, wobei der polnische Fabrikant, wenn er auch für das Heizmaterial um 52 Kopeken weniger, doch für Arbeitskraft mehr als der Moskauer und zwar 33 Kopeken ausgiebt. Für zuverlässiger halten wir die von uns im Text angeführten auf Grund persönlicher Erhebungen von Janschul ermittelten Angaben über den Arbeitslohn. Als ehemaliger Fabrikinspektor des Moskauer Rayons und Leiter der Kommission zur Untersuchung der Industrie in Polen hatte er Gelegenheit, die polnische und russische Industrie aus eigener Anschauung kennen zu lernen. — „. . . Trotz der niederen Löhne ist die Arbeit in Rufsland sehr teuer. In England erfordern 1000 Baumwollspindeln 3 Arbeiter, in Rufsland nach Mendelejeff 16,6. Wenn also der Engländer selbst vierfachen Lohn erhielte, wie der Russe, so arbeitete er doch immer noch weit billiger. Zu den Löhnen aber kommen noch die hohen Kosten für Aufsicht, Pafswesen, Arbeiterwohnungen, Krankenhäuser u. s. w., welche in England ganz, in Polen zum grofsen Teil wegfallen“. (Schulze-Gävernitz, l. c. S. 361.) Dies alles verhindert jedoch seltsamerweise Prof. Schulze-Gävernitz nicht, die höheren Wochenlöhne — wie wir gesehen — als einen die Vorteile der billigeren Heizung aufwiegenden Nachteil der polnischen Industrie anzuführen. — Ebenso sagt hier das englische Blaubuch: „Although the Russian manufacturer appears to have an advantage in these respects“ (the extraordinarily low rate of wages), „the cost of production is greater for him than for the Polish manufacturer“ . . . . (Royal commission etc., vol. X, S. 9.) Und weiter: „There is a still more striking difference between the Polish and Russian workpeople. The latter, although now nominally free, are but little removed from their former condition, and have small ambition to improve their position. The Poles have a far higher standart of comfort, and since they depend entirely upon their wages for their support, they are not contented with low earnings, but still their work is found to be less expensive than that of the Russians“. (l. c.) Die Charakteristik des russischen Arbeiters ist übrigens stark antiquiert; die seit 1896 nicht aufhörenden grofsen Strikes in Rufsland beweisen, dass auch die dortigen Arbeiter have ambition to improve their position.

    In dem Artikel „Industrielle Politik Rufslands etc.“, „Neue Zeit,“ l. c. S. 791 heifst es: „Die Arbeitskraft ist in Rufsland auch billiger als in Polen. . . . . Dabei ist die Arbeitszeit in Rufsland viel länger als in Polen. . . . . Was aber die Intensität der Arbeit anbetrifft, so ist sie, wie uns der erwähnte Fabrikinspektor Swiatlowsky versichert, in beiden Ländern gleich“. Von einer solchen „Versicherung“ ist in den Schriften von Swiatlowsky keine Spur zu finden. Es würde Swiatlowsky übrigens schwer fallen, die ihm in den Mund gelegte Versicherung zu geben, erstens weil er nirgends die dem Verfasser des Artikels „Industrielle Politik“ so stark innewohnende Neigung verrät, dem Leser etwas zu versichern, was nicht existiert, und zweitens weil er in der Frage der Intensität der Arbeit in Polen vielmehr das gerade Gegenteil „versichert“. S. W. W. Swiatlowsky, l. c. S. 59—61. ↩

  145. Berichte der Kommission etc., I, S. 10. ↩

  146. Die Ziegelsteine kosteten z. B. per 1000 Stück: 1876 in Lodz 14—15 Rubel, 1874 in Moskau ca. 32 Rubel, 1886 in Lodz 8—9 Rubel, 1887 in Moskau ca. 22 Rubel (l. c. I, S. 13). ↩

  147. Die Errichtung von Kasernen und dergl. kostete z. B. zwei gröfseren russischen Fabriken zu je 400 000 Rubel, ca. ¹/₆ des ganzen fixen Kapitals (l. c. I, S. 12). ↩

  148. l. c. I, S. 36. ↩

  149. l. c. I, S. 36 u. II, S. 105. ↩

  150. l. c. II, S. 26. ↩

  151. l. c. I, S. 20, A. S., Moskau und Lodz, S. 52—54. ↩

  152. Materialien zur Handels- und Industriestatistik für die Jahre 1885—1887, S. VI u. XI, für das Jahr 1888, S. 106 u. 126, 1889, S. 134 u. 158, — 1890, S. 110 u. 131. — Die Zahlen für Rufsland beziehen sich hier wie weiter S. 52—56, wenn nicht näheres angegeben, nur auf das Europäische Rufsland ohne Finnland und Polen. Das Asiatische Rufsland kommt bei der Konkurrenzfrage überhaupt nicht in Betracht und die Heranziehung desselben beim Vergleich würde das Bild nur noch mehr zu Ungunsten Rufslands verschieben.

    Wenn der Verfasser des Artikels „Industrielle Politik etc.“, „Neue Zeit“, l. c. S. 791 sagt: „Endlich ist das Kapital in Rufsland mehr konzentriert. Der durchschnittliche Bruttoertrag einer Fabrik ist in Rufsland 45 898 Rubel, in Polen 35 289 Rubel“, so ist diese seine Behauptung ebenso wie die von ihm angeführten Ziffern einfach aus der Luft gegriffen. ↩

  153. Der Bergbau Rufslands, S. 71 u. 73. ↩

  154. Die Produktivkräfte Rufslands, VII, S. 39. ↩

  155. Zusammengestellt nach den Materialien zur Handels- und Industriestatistik für das Jahr 1890, S. 172—179, bezieht sich auf die Baumwollspinnereien und -webereien allein. Im Obigen und weiter S. 53 vergleichen wir nur die Dampfkräfte in den beiden Ländern, die Wassermotoren spielen in der russischen Baumwoll- und Wollindustrie eine äufserst geringe, in der polnischen eine ganz verschwindend kleine Rolle. ↩

  156. l. c. 160—163. — Wir vergleichen im Obigen speciell die Wollspinnereien und -webereien, welche in Polen 72 % des gesamten Ertrags der Wollindustrie in diesem Jahre repräsentieren, s. S. 24. ↩

  157. Der Bergbau Rufslands, S. 75. ↩

  158. l. c. S. 71, 73 u. 74. ↩

  159. „Der Finanzbote“, Nr. 29 vom 28. Juli 1895. ↩

  160. Die Fabrikindustrie XIII, S. 13. ↩

  161. „Der Finanzbote“, Nr. 1 vom 17. Januar 1897. ↩

  162. Die Fabrikindustrie, XIII, S. 11. ↩

  163. l. c. S. 16. ↩

  164. l. c. S. 19. ↩

  165. „Es sind also alle Produktionsbedingungen für Rufsland günstiger als für Polen“. Diesen verkehrten Schlufs zieht der Verfasser der „Industriellen Politik etc.“, „Neue Zeit“, l. c. S. 791, aus seinen in allen Punkten verkehrten Angaben über die Produktionsverhältnisse Polens und Rufslands, bei welchen er die zwei Kleinigkeiten — das Heizmaterial und die Produktionstechnik — gänzlich vergessen hat. Da es aber eine nicht wegzuläugnende Thatsache ist, dafs polnische Waren in Wirklichkeit die russischen aus dem Felde schlagen, und somit die Behauptung von „allen ungünstigeren Produktionsbedingungen“ mit einem Schlag über den Haufen geworfen wird, so hilft sich der Verfasser aus der Verlegenheit durch den Hinweis auf die persönlichen Eigenschaften des polnischen Fabrikpersonals. „Die einzige (!) Ursache dieser Sachlage ist eine gröfsere kommerzielle Gewandtheit der polnischen Fabrikanten und speciell ein besser ausgebildetes höheres Fabrikpersonal, das hauptächlich aus Deutschen und Österreichern besteht“ (l. c.) Der Verfasser weifs offenbar nicht, dafs wir in einem Zeitalter leben, wo auf dem kapitalistischen Schlachtfelde die Dampfkraft entscheidet, und dafs es vor dem Antlitz des Gott Merkur keine auserwählten Völker giebt. ↩

  166. J. G. Bloch, Die Fabrikindustrie etc., S. 14—15, 86—87, 102, 126—127 u. 150—151. Materialien zur Handels- und Industriestatistik für die Jahre 1885—1887, S. X, — für das J. 1888, S. 126, — 1889, S. 158, — 1890, S. 134, — 1891, S. 146, — 1892, S. 164 (die Bände für die folgenden Jahre sind im Buchhandel noch nicht erschienen), Geschichtlich-statist. Rundschau, Bd. I, Tabellen VIII—IX, X—XI u. XIV—XV, Der Bergbau Rufslands, S. 58—60. „Der Finanzbote“, Nr. 52 vom 5. Januar 1896 und Nr. 8 vom 7. März 1897. ↩

  167. Resp. um 26 %, wenn wir für diese Branche, da das Jahr 1885 speciell für die Textilindustrie infolge der Krise von 1884 ungünstig war, die Periode 1871—1886 (15 Jahre) mit derjenigen 1866—1892 (6 Jahre) vergleichen. ↩

  168. K. Lodyschensky, l. c. S. 294. ↩

  169. Gesuche der Freien Ökonomischen Gesellschaft etc., S. 21. ↩

  170. A. S., Moskau und Lodz, S. 32. ↩

  171. „Nowoje Wremja“ übersetzt im „Kraj“, Nr. 51, 1894. Der angeführte Artikel trägt die charakteristische Überschrift: „Wie das centrale Rufsland vernachlässigt wird!“ ↩

  172. „Kurjer Warszawski“ vom 5. November 1894. ↩

  173. „Die Aufhebung der starken Differenzirung der Tarife dürfte keinen Schwierigkeiten vom Standpunkte der angeblichen (!) Interessen der unteren Volksklassen Polens begegnen“ ... „Die Verarmung der ländlichen Bevölkerung Polens (infolge der differ. Getreidetarife), welche auch eine Verschlechterung der materiellen Lage der Fabrikindustrie nach sich zieht, kommt nur grofsindustriellen Unternehmungen zu gute, welche infolge verhältnismäfsig niedriger Getreidepreise und dementsprechend niedriger Arbeitslöhne allein aus dem allgemeinen Unheil den Nutzen ziehen“. „Auf Grund alles oben Angeführten ist es zweifellos, dafs es im Interesse der Grundbesitzer der beiden an den inneren Absatzmärkten nahegelegenen Rayons: des polnischen und des nördlichen Schwarzerderayons, ebenso wie der Grundbesitzer aller an den Häfen gelegenen Rayons als erwünscht erscheint, dafs die Getreidetarife folgendermafsen reorganisiert werden etc.“, (Memorandum des Warschauer Börsenkomitees über die Eisenbahntarife für Getreide, S. 31, 32 u. 37. ↩

  174. „St. Petersburger Nachrichten“, 1896, Nr. 242 u. 243, „Gazeta Handlowa“ vom 21. September 1896. ↩

  175. „Gazeta Handlowa“ vom 8. Oktober 1896. ↩

  176. „Kurjer Warszawski“ vom 7. November 1894. ↩

  177. „Gazeta Handlowa“ vom 30. November 1896. ↩

  178. „This development of the economic and commercial forces of Poland is attributed by the same authority (Regierungsorgan „Warszawsky Dniewnik“) to the establishment of branch agencies by the principal Russian banks, among others the „Azov-Don“, which disposes of considerable capital, and has representatives at the all Black-Sea ports, besides being in direct commercial relations with Bokhara and Teheran. It is, says the „Warsaw Journal“, through this and other Russian banks, which have established branch houses at Warsaw and Lodz, that the manufacturers of Poland have opened up new channels of trade and strengthened the already existing ones“. (Diplom. and Cons. Reports, Nr. 1183, S. 4.) ↩

  179. „Kraj“ vom August 1888. ↩

  180. l. c. ↩

  181. Der Ukas vom 14. März 1887 verbot den Ausländern Grundeigentum in der ganzen westlichen Zone Rufslands zu erwerben (s. Note S. 36). 1892 wurde die Kenntnis der polnischen oder russischen Sprache für alle Fabrikbeamten zur Bedingung ihrer Anstellung gemacht. ↩

  182. „Ateneum“ Novemberheft 1894, S. 378. Die antideutsche Richtung ist, wohlgemerkt, nicht etwa nur einer bestimmten Schicht der polnischen Bourgeoisie eigen. Vgl. die Wochenschrift „Rola“, das Organ des „christlichen Grundbesitzes“, mit ihrer stehenden Rubrik „Juden, Deutsche und wir“, die kleinbürgerliche „Gazeta Polska“, die „Niwa“ etc. ↩

  183. Die stets wachsende Nachfrage in Polen nach südrussischem Eisenerz meldet u. A. „Der Finanzbote“, Nr. 52 vom 5. Januar 1896. Im Verhältnis zur gesamten verarbeiteten Rohbaumwolle belief sich bereits 1893 der Verbrauch der mittelasiatischen in den Hauptcentren der polnischen Textilindustrie: in Pabianiz und Zgierz auf 30 %, in Lodz auf 40 % und in Bendin auf 45 %. („Die Wochenrevue“, Nr. 49, 1894.) — Die Regierung begünstigt ihrerseits diesen Übergang der polnischen Industrie zum Gebrauch russischer Rohstoffe durch eine entsprechende Eisenbahnpolitik. 1895 hat sie, um den polnischen Eisenwerken den Bezug des südrussischen Coaks zu verbilligen, einen speciellen niedrigen Tarif vom Revier Donez nach Polen festgesetzt. („Der Finanzbote“, Nr. 27 vom 14. Juli 1895.) Desgleichen wurde den polnischen Hüttenbesitzern eine weitere Ermäfsigung der Transportkosten für das südrussische Eisenerz 1897 in Aussicht gesellt. („Gazeta Handlowa“ vom 11. Dezember 1896). 1893 ist den polnischen Wollspinnern eine Reduktion der Frachtspesen für die südrussische Wolle um 20 % gewährt worden. (Cons. Reports, Nr. 1183, S. 4.) Über die südrussische Schafzucht speciell für polnische Spinnereien s. Cons. Reports, Nr. 863, S. 2. — Andererseits fördert die Regierung auch die Verbreitung der polnischen Kohle in Rufsland. So wurden z. B. 1895, bei der allgemeinen Revision der Eisenbahntarife für Kohle. für den Transport der polnischen Kohle in Rufsland niedrigere Sätze beibehalten, als für die südrussische und zwar mit der Motivierung, dafs dadurch „ein Ausgleich der Absatzchancen für die polnische Kohle herbeigeführt werden soll, die im Durchschnitt in Bezug auf Wärmeerzeugung der Kohle vom Donez nachsteht“. („Der Finanzbote“ Nr. 27 vom 14. Juli 1895.) ↩

  184. Wie sehr sie übrigens gerade infolge des gemeinsamen Absatzmarktes und der Arbeitsteilung einander ergänzen und mit einander verbunden sind, beweist die Thatsache, dafs bereits 1897 das Projekt eines Kartells zwischen Lodz und Moskau auftauchte, wonach die von jeder der Parteien anzufertigenden Warensorten festgesetzt und so der Absatz gemeinsam geregelt werden sollte. („Handels- und Industriezeitung“ vom 31. Juli 1897.) Wenn der Plan auch einstweilen gescheitert ist, so bleibt dennoch die Idee selbst für die Verhältnisse sehr bezeichnend. ↩

  185. Da wir uns die Aufgabe gestellt haben, die Frage eingehend zu prüfen, so wollen wir noch die wenigen einschlägigen Äufserungen beleuchten, die wir nicht Gelegenheit hatten, im Text zu behandeln.

    1. Hierher gehören vor allem die Auslassungen des Prof. Schulze-Gävernitz über die russische Zollpolitik: „Auch Kohlenzölle, welche den westlichen Grenzprovinzen das Brennmaterial verteuern, liegen im Interesse Moskaus“. („Preufs. Jahrb.“ l. c. S. 344.) Prof. Schulze-Gävernitz ist so mifstrauisch gegen alle handelspolitischen Mafsnahmen Rufslands, dafs er hier zu einem gerade entgegengesetzten Schlufs gekommen ist, als er aller Evidenz nach hätte kommen sollen. Wenn die Kohlenzölle den polnischen Fabriken das Brennmaterial verteuern, so kommen sie in gleichem Mafse den polnischen Kohlenwerken zu gute. Der Zoll ist also jedenfalls nicht gegen Polen schlechthin, sondern gegen eine Kapitalistengruppe und zu Gunsten einer anderen gerichtet. Wie aber die Kohlenzölle im Interesse Moskaus liegen können, ist jedenfalls unerfindlich. Als industrieller Rayon, welcher seine Kohle aus anderen Rayons beziehen mufs, — denn vorläufig deckt die Naphtha, wie gezeigt, nur einen relativ kleinen Theil seines Bedarfs, kann Moskau offenbar von der Verteuerung der Kohle kaum Vorteil ziehen. Die Folge der sog. „Kohlen-Krise“ war auch, wie wir gesehen, die, dafs der centrale Rayon sich gezwungen sah, auch aus Polen Brennmaterial zu beziehen, natürlich zu entsprechend höheren Preisen, und dafs die polnischen Kohlenwerke ihr Produkt massenhaft im Innern Rufslands abzusetzen begannen.

    2. Herr S. G. in seiner „Industriellen Politik etc.“, „Neue Zeit“ l. c. S. 790 erzählt unter anderem: „Die (russische) Regierung liefs nicht lange auf sich warten (mit Mafsregeln gegen die polnische Industrie). Sie erhöhte zuerst die Gewerbesteuer in den polnischen Provinzen etc.“ Diese Behauptung ist wiederum, gelinde gesprochen, unbegründet. Die Verteilung aller staatlichen Abgaben auf die verschiedenen Rayons im russischen Reiche war 1887:

    | Rayons | Anteil an der Gesamtsumme der Staatsabgaben | Verhältnis der Abgaben zu dem wirtschaftlichen Umschlag | Öffentliche Abgaben pro Kopf der Bevölkerung | |---|---|---|---| | Gouv. St. Petersburg und Moskau | 13,16 % | 4,26 % | 26,75 Rb. | | Südwestlicher | 8,10 % | 8,47 % | 6,56 - | | Kleinrufsland | 6,49 % | 6,25 % | 5,78 - | | Schwarzerde-R. | 17,80 % | 7,73 % | 6,66 - | | Centr. Industr.-R. | 9,12 % | 5,95 % | 5,38 - | | Baltischer | 2,26 % | 3,50 % | 6,28 - | | Nordwestlicher | 6,08 % | 7,84 % | 4,59 - | | Südlicher | 8,43 % | 4,39 % | | | Östlicher | 11,30 % | 5,22 % | 5,05 - | | Nördlicher | 3,20 % | 6,51 % | 5,51 - | | Kaukasus | 1,20 % | | | | Asiat. Rufsland | 6,60 % | | | | Polen | 6,05 % | 6,01 % | 5,64 - |

    (N. P. Jasnopolsky, Die geographische Verteilung der Staatseinnahmen, I, S. 131 u. 236.) Wie aus der Tabelle ersichtlich, ist in Rufsland die Verteilung der öffentlichen Lasten nach den verschiedenen Rayons höchst ungleichmäfsig, in manchen bedeutend niedriger, in anderen aber viel höher als in Polen, sodafs von einer speciellen Steuerpolitik Polen gegenüber kaum die Rede sein kann. Freilich ist der polnische Grundbesitz bedeutend schwerer belastet, als der russische, dies hängt aber mit ganz anderen Ursachen zusammen, u. a. mit den Freiheitskämpfen des polnischen Adels gegen die russische Regierung in der Vergangenheit und steht jedenfalls mit der Frage der heutigen Gewerbepolitik Rufslands Polen gegenüber in keinem Zusammenhang. Was aber speciell die Besteuerung der Industrie betrifft, und auf diese kommt es gegebenen Falls an, so war sie 1887, wie der Bericht der Kommission zur Untersuchung etc., I, S. 47 zeigt, bedeutend niedriger, als in den beiden russischen Hauptrayons.

    Das Verhältnis der Steuern zum Produktionswerte war 1887:

    | in der | in Polen | im Gouv. Moskau | im Gouv. St. Petersburg | |---|---|---|---| | Baumwollindustrie | 0,33 % | 0,64 % | 0,78 % | | Leinenspinnerei | 0,27 % | | 0,59 % | | Wollindustrie | 0,28 % | 0.50 % | 1,00 % | | Metallindustrie | 0,34 % | | 0,61 % |

    Der höhere Besteuerungsprozentsatz in Rufsland läfst sich freilich durch verschiedene specielle Umstände, u. a. durch den Besitz von Wäldern, Torfmooren, Arbeiterkasernen, Fabrikschenken etc. seitens der russischen Unternehmungen erklären. — Mit dem stetigen Anschwellen des russischen Budgets wurde 1893 auch die Gewerbesteuer erhöht, dies aber im ganzen Reiche ausnahmslos und gleichmäfsig. Von speciellen Steuern, welche den Zweck hätten, die polnische Industrie in ungünstigere Bedingungen als die russische zu stellen, haben wir in all den Materialien, die uns zu Gebote standen, keine Spur gefunden.

    1. Endlich berichtet noch derselbe Verfasser der „Industriellen Politik etc.“, l. c. S. 790: Die Regierung „führte die sog. ‚differentiellen Tarife‘ ein, welche darin bestehen, dafs die Waren, die aus Rufsland nach Polen kommen, einen niedrigeren Eisenbahntarifsatz zu bezahlen haben als diejenigen, welche aus Polen nach Rufsland transportiert werden. Durch die letzte Mafsregel wurde wieder eine Zollgrenze zwischen Polen und Rufsland eingerichtet.“ Auch diese Geschichte ist wieder nur eine Phantasieblüte des Verfassers. Derselbe hat augenscheinlich von der Einführung der differentiellen Tarife in Rufsland etwas gehört, aber keine Gelegenheit gehabt zu erfahren, worin diese eigentlich bestehen. Das schreckliche Ding bedeutet aber nichts anderes, als Tarife, welche für längere Strecken differentiell niedriger berechnet werden, als für kürzere, und hat mit Polen speciell nicht das mindeste zu thun.

    Der eigentliche Thatbestand, dessen Unkenntnis der obigen Behauptung des Herrn S. G. offenbar zu Grunde liegt, ist folgender. Solange die Tarifpolitik in Rufsland von den Eisenbahngesellschaften auf eigene Faust getrieben wurde, bestanden auf den Linien von der europäischen Grenze ins Innere des Landes specielle niedrige Tarife für ausländische Waren. Bei der einheitlichen Regulierung des Transportwesens 1890 erblickte die Regierung in diesen niedrigen Grenztarifen vor allem eine direkte Durchbrechung der Schutzzollmauern zu Gunsten des Auslandes, daneben auch eine „ungerechtfertigte Tarifbegünstigung der Industrie der Grenzrayons (Polen und Ostseeprovinzen) im Verhältnis zu derjenigen des centralen Rayons“ (bei Bezug ausländischer Waren). (Die Land- und Forstwirtschaft S. 478.) Die Frachtsätze im Verkehr mit dem Auslande wurden auch mit denjenigen des inneren Verkehrs in Einklang gebracht. (l. c.) Die erwähnte Reform erstreckte sich, wie man sieht, nicht speciell auf Polen, sondern auf alle Grenzgebiete Rufslands, ebenso auf dasjenige am Schwarzen, wie auch am Baltischen Meere, und verfolgte vor allem allgemeine protektionistische Zwecke. Der innere gegenseitige Warenverkehr Polens mit Rufsland, von dessen Reform Herr S. G. erzählt, kam hier überhaupt auch nicht entfernt in Frage, denn, worum es sich handelte, war blofs der direkte Verkehr der Reichsteile mit dem Auslande.

    Übrigens bedurfte es, um die „differentiellen Tarife“, von denen Herr S. G. in so sicherem Tone zu berichten weifs, als eine freie Erfindung hinzustellen, nicht erst der Darlegung des ganzen wirklichen Vorgangs, den wir nur zur näheren Informierung des Lesers dargelegt haben. Die Behauptung des Herrn S. G. widerlegen zur Genüge die folgenden Zahlen: Der Tarif für Erzeugnisse der Textil-Industrie (auf diese kommt es ja vor allem an) „von Lodz nach Moskau oder von Moskau nach Lodz betrug 60 Kopeken (nach dem neuen Tarif von 1893 — 91 Kopeken) pro Pud, von Lodz nach Odessa oder umgekehrt 67 (1893: 84) Kopeken, von Moskau nach Odessa“ (also in Rufsland selbst) „86 (1893: 105) Kopeken, von Lodz nach St. Petersburg oder umgekehrt 62 (1893: 79) Kopeken u. s. w.“ („Nowosti“, August 1893.) Die Tarife sind somit heute wie früher beim Warentransport von Polen nach Rufsland ganz dieselben wie die, welche für gleiche Waren von Rufsland nach Polen berechnet werden. Das Angeführte wirft das Raisonnement des Herrn S. G. mitsamt dem pomphaften Schlufs von der „Wiedererrichtung der Zollgrenze zwischen Polen und Rufsland“ über den Haufen. — Beim Abschied von dem von uns mehrmals citierten Verfasser eine Bemerkung. Aufser den hier kritisierten sind auch die meisten anderen Behauptungen und Angaben seines Artikels entweder direkt aus der Luft gegriffen oder verdreht. So bringt er es z. B. fertig, die Aufhebung der russisch-polnischen Zollgrenze, die, wie jeder Quartaner in Polen weifs, im Jahre 1851 erfolgt war, als eine direkte Folge — des polnischen Aufstandes von 1863 zu erklären (l. c. S. 789) u. s. w. Diese und alle anderen Verkehrtheiten sollten offenbar darthun, dafs der polnische Kapitalismus unter den russischen Verfolgungen zu Grunde gehe, woraus sich eine materielle Grundlage für die nationalpolnischen Bestrebungen ergebe. Ist auch die Methode, ein politisches Programm durch statistische Unrichtigkeiten zu begründen, an sich zweifellos verfehlt, so läfst sich jedoch nicht bestreiten, dafs gegebenenfalls diesen Verdrehungen ein sehr sympathisches Motiv zu Grunde lag, nämlich der aufrichtige Wunsch des Verfassers, auch seinerseits zur Befreiung des Vaterlandes nach Kräften beizutragen. ↩

  186. K. Lodyschensky, l. c. S. 220. ↩

  187. l. c. S. 245. ↩

  188. Die Fabrikindustrie, Einleitung, S. 29. ↩

  189. Diese Seite der Frage, mit der wir uns hier nicht näher befassen können, haben wir eingehender im Zusammenhang mit der politischen Entwicklung der polnischen Gesellschaft behandelt in den Aufsätzen: Der Socialpatriotismus in Polen „Neue Zeit“, 1895/96, Nr. 41, Stuttgart, Von Stufe zu Stufe, zur Geschichte der bürgerlichen Klassen in Polen l. c. 1897/98, Nr. 6 und La questione polacca al Congresso internazionale di Londra, „Critica Sociale“, Rivista quindicinale del Socialismo Scientifico, Nr. 14 1896, Milano. ↩

  190. S. die Erlasse vom Dezember 1892 über die Rückvergütung der Zölle beim Export von Textilindustrieprodukten, ferner beim Zuckerexport. ↩

  191. Deutsch-Asiatische Bank, Comptoir National d’Escompte de Paris, Hong-Kong and Shanghai Banking Corporation, Chartered Bank of India, Australia und China, Chartered Mercantil Bank of India, London and China, Bank of China, Japan and the Straits. ↩

  192. „Der Finanzbote“, Nr. 52 vom 5. Januar 1896. ↩

  193. Sibirien und die Sibirische Eisenbahn, S. 246. ↩

  194. Die Produktivkräfte Rufslands, Auswärtiger Handel, S. 26. ↩

  195. „Der Finanzbote“, Nr. 44 vom 11. November 1894. ↩

  196. Choleraepidemie. ↩

  197. l. c. Der gesamte russische Absatz an Erzeugnissen der Textilindustrie in Bukhara betrug 1890—1893 durchschnittlich 140,000 Pud pr. Jahr. ↩

  198. l. c. ↩

  199. Die Produktivkräfte etc. VIII, S. 5. Nach dem „Finanzb.“ (l. c.) 120,000 Pud jährlich. ↩

  200. „Der Finanzbote“, Nr. 52 vom 10. Januar 1897, desgl. die Produktivkräfte etc., Auswärtiger Handel Rufslands S. 25—26. ↩

  201. So sagt z. B. H. Kuhn in seinem Buche „Die Baumwolle, ihre Cultur, Structur und Verbreitung“, 1892: „Die russischen Producte zeichnen sich durch Solidität vortheilhaft aus . . . Es werden zumeist nur die niedrigen Nummern angefertigt, aber in diesen kann Rufsland selbst mit England erfolgreich concurrieren“. (Die Fabrikind. I, S. 23.) ↩

  202. „Der Finanzbote“, Nr. 44 vom 11. November 1894. ↩

  203. Wie von der Regierung konstatiert wurde, machten viele Zuckerpartien blofs zum Schein den Weg nach Mittelasien, um die Accise rückerstattet zu bekommen und, die mangelhafte Grenzbewachung benutzend, unvermerkt „nach dem Vaterlande“ zurückzukehren. Manche Sendungen mochten die einträgliche Reise mehrmals gemacht haben, bevor sie wirklich in Persien zum Verkauf gelangten. Dies bewog auch die Regierung zur zeitweiligen Suspension der Rückerstattung der Accise und zur Reorganisierung der Grenzbewachung. („Der Finanzbote“ Nr. 15 vom 25. April 1897.) ↩

  204. „Einige Moskauer Fabriken haben sich endlich entschlossen, in ihren Beziehnngen mit Sibirien das System der Commis Voyageure anzuwenden, aber dank unserer Plumpheit entsteht daraus einstweilen mehr Konfusion und Mifsverständnisse, als Nutzen. Im Sommer hat die Firma Konschin ihre Commis mit Warenmustern nach Sibirien geschickt und unlängst erhielt sie auch zwei Bestellungen aus Wladivostok, die Firma schlägt es aber schon ab, dieselben genau auszuführen, da sie nicht mehr im stande sei, die Ware nach dem Muster zu liefern“. („Sibir“ vom 8/20. Januar 1897.) ↩

  205. „Die Firma Peter Wereschtschagin & Co. in Hangkou, welche beabsichtigte, sich ausschliefslich dem Absatz russischer Waren in China zu widmen, hat sich noch am 6. September (1896) an 14 Moskauer Fabrikanten mit der Bitte um Muster und überhaupt um Anknüpfung von Beziehungen gewendet, aber bis dato (Januar 1897) hat ihr nur ein einziger Antwort gegeben“. (l. c.) ↩

  206. „Der Finanzbote“, Nr. 44 vom 11. November 1894. ↩

  207. So schreibt das Blatt „Sibir“ vom 20. Januar 1897: „Geschützt durch fast prohibitive Zölle und allerlei staatliche Mafsnahmen, verspüren die apathischen Moskauer Unternehmer kein Bedürfnis nach neuen Absatzmärkten“. ↩

  208. „Der Finanzbote“, Nr. 52 vom 10. Januar 1897. ↩

  209. Angeführt in der „Gazeta Polska“ vom 3. und 5. Dezember 1894. ↩

  210. „Der Finanzbote“, Nr. 44 vom 11. November 1894. ↩

  211. „. . . In consequence of some important orders for carriages and linen which die Shah of Persia had given to the manufacturers of those articles in Poland, the attention of the mercantile community on this country was called to the possibility of establishing direct commercial relations with Persia; . . . with this object in view a large commission agent proceeded to that country about the end of last year for the purpose of making himself thoroughly acquainted with its markets, taking with him a considerable quantity of samples of different kinds of goods, and it is said that, if his journey is attended with favourable results, a wholesale depôt and commission agency will be opened at Teheran“ (Dipl. and Cons. Reports Nr. 321, S. 5). ↩

  212. „Der Finanzbote“, Nr. 44 vom 11. November 1894. ↩

  213. l. c. ↩

  214. l. c. ↩

  215. Diplom. and Cons. Reports Nr. 321, S. 4. ↩

  216. „Gazeta Handlowa“ vom 25. November 1896. ↩

  217. „Ateneum“ 1894 Bd. IV, Heft II, S. 241, 242. ↩

  218. „Diplom. and Cons. Rep. Nr. 321, S. 5. ↩

  219. „Novosti“ vom 4. November 1893. ↩

  220. Wir entnehmen das Citat den Diplom. and Consular Reports Nr. 1183, S. 4. ↩