Friedrich Engels an seine Schwester Marie in Barmen, [Bremen 1838] 11. September. Nach: Marx/Engels, Gesamtausgabe (MEGA¹), Abt. I, Bd. 2, Berlin 1930, S. 569-571. Traducción al español
D. 11. Septb.
Liebe Marie,
„In der Hoffnung, daß ich wieder einen Brief von 4 Seiten von Dir bekommen werde, verbleibe ich etc.“ Ja, Du Gänschen, 4 Seiten sollst Du haben, aber sie sind auch danach, mit dem Maße, mit welchem Du mißt, soll Dir wieder gemessen werden, und doch ist das noch zu viel für Dich. Denn ich schreibe auf solch eine kleine Seite so viel wie Du auf eine große, und solch ein Papierverschänden möchte ich mir nächstens auch verbitten; wenn der Dicke so weit schreibt, so ist das was andres. Verstehn Sie mir, Mamsellchen? — Wenn Ihr dieses Jahr nicht nach Xanten geht, so müßt Ihr sagen:
tröste Dich mit Hiob
Un schmear de Monk met Syrop.
Ich kann’s nicht helfen, sagt man hier in Bremen. Ihr könnt Euch ja denken, Ihr wärt da gewesen, und weißt Du nicht mehr, wie es der Hermann machte, als er ein Glas Wein bekam? er trank ganz langsam, damit er lange Freude davon habe. Also müßt Ihr auch sagen: Wenn wir jetzt in Xanten wären, so könnten wir uns nicht mehr drauf freuen, daß wir noch hingingen, aber nun haben wir noch ein ganzes hoffnungsvolles Jahr voraus, da können wir uns recht satt freuen. Sieh, das ist politisch, so würden Sokrates und Eulenspiegel auch sagen. Merke Dir das für die Zukunft. Du siehst, ich kann Dir auch Ermahnungen geben eben so gut wie Du mir. Und wenn Du mir wieder schreibst, so fange mir nicht jeden Absatz an mit: „Denke Dir.“ Wie kommst Du an diese edle Gewohnheit? Wie kannst Du sagen „ich weiß nicht mehr, was ich schreiben soll,“ wenn Du mir noch nicht gesagt hast, was für ein Hauptzeugnis Du und Anna hast, wer die Abhandlung vor Eurem Programm dies Jahr geschrieben hat; der Dicke wird auch wohl einen Witz gerissen haben in den 8 Wochen, die ich weg bin, konntest Du mir das nicht schreiben? Wie viel mag noch sonst passiert sein, wovon ich gar nichts wissen kann? Sag einmal, ist das eine Entschuldigung: ich weiß nicht, was ich schreiben soll? Ich weiß auch nicht, was ich schreiben soll, wenn ich eine Zeile anfange, weiß ich noch nicht, was ich in die folgende setzen soll, und es fließt mir doch immer zu, und ich hoffe auch daß es Dir ersprießlich und von nicht geringem Nutzen sein wird, was ich Dir schreibe. Aber wenn Du zwei Seiten mit weit entfernten Zeilen besät hast, dann meinst Du gleich, Du hättest eine ungeheure Herkulesarbeit verrichtet, aber was denkst Du von mir? Wenn ich diesen Brief an Dich fertig habe, muß ich noch drei andre schreiben, und morgen oder übermorgen müssen sie doch auf die Post. Dabei habe ich nicht viel Zeit, denn heut Nachmittag wird das Schiff Panchita nach Havanna expediert, und da muß ich Briefe kopieren, statt selbst welche zu schreiben; heute mittag erwarte ich einen Brief von Strücker, und der wird dann auch Antwort haben wollen; und ich darf doch auch nicht wieder dasselbe dem einen schreiben, was ich dem andern geschrieben habe; siehst Du nun, daß es recht wäre, Du schriebst mir sechs Seiten, und dürftest Dich nicht beklagen, wenn ich Dir nur ⅙ Seite schriebe? Übrigens ist die Strafpredigt schon so lang wie Dein ganzer Brief, und damit Du siehst, daß ich auch was Andres schreiben kann, will ich jetzt so frei sein und Dir sagen, daß ich Dir, wenn ich Pinsel habe, ehe dieser Brief abgeht, einige Bremer Bauernmodebilder einschicken werde. — Aber jetzt hast Du recht, ich weiß nicht mehr, was ich schreiben soll, aber ich will doch einmal sehen, ob ich nicht noch was zu tun kriege; die 4 Seiten sollen voll sein, und das redlich. Was sehr unangenehm ist, die Tore werden abends mit Dunkelwerden geschlossen und wer dann hinaus oder herein will, muß Sperre bezahlen; jetzt fängt es um sieben Uhr schon an, dann muß man 2 Grote bezahlen, und es steigt mit der Zeit; nach 9 bezahlt man 3 gt., um 10 Uhr 6 gt., um 11 Uhr 12 gt. Zu Pferde muß man noch mehr bezahlen. Es ist mir auch schon ein paarmal passiert, daß ich Sperre bezahlen mußte. — Eben spricht der Konsul mit Herrn Grave über die Briefe, die heut Nachmittag geschrieben werden sollen; ich höre das an mit höchst gespannter Seele, wie ein Spitzbub, der die Geschwornen heraustreten sieht und nun: „Schuldig“ oder „Nicht schuldig“ erwartet. Denn wenn Grave einmal anfängt zu schreiben, dann habe ich, ehe ich mich versehe, sechs, sieben, acht oder mehr Briefe von 1, 2, auch 3 Seiten da liegen. Ich habe in der Zeit, daß ich hier bin, schon 40 Seiten kopiert, 40 Seiten in solch einem riesenmäßigen Kopierbuch. Eben liegt schon wieder ein Brief nach Baltimore vor mir, und siehe da, die 4 Seiten sind voll, es ist ½12 Uhr und ich werde nach der Post gehen, unter dem Vorwand, die Konsulsbriefe zu holen, eigentlich aber zu sehen, ob ein Brief von Strücker da ist. Adieu, liebe Marie, ich hoffe auf 4 große Seiten,
Dein Bruder
Friedrich.