Friedrich Engels an seine Schwester Marie in Barmen, Bremen 1838, 9.-10. Oktober. Nach: Marx/Engels, Gesamtausgabe (MEGA¹), Abt. I, Bd. 2, Berlin 1930, S. 571-574. Traducción al español

Bremen, 9. Okt. 1838.
Liebe Marie

Endlich vier Seiten voll! Nun, da will ich Dich auch loben, daß Dir die Schwarte knackt, wie man zu sagen pflegt. Das Reiten ist jetzt leider vorbei, und darum bin ich Sonntags meistens zu Hause, wo ich aber auch viel Pläsir habe; entweder ich lasse mir was vorspielen und vorsingen, oder ich schreibe, und Abends wird denn allerlei tolles Zeug getrieben; vorgestern, wo bekanntlich Sonntag war, machten wir einen Ring in eine Obertasse voll Mehl und spielten das bekannte Spiel, ihn mit dem Munde herauszuholen. Wir kamen alle dran, die Frau Pastorin, die Mädchen, der Maler und ich auch, während der Herr Pastor in der Ecke auf dem Sopha saß und beim Dampf einer Zigarre das Hokuspokus mit ansah. Die Frau Pastorin konnte dann das Lachen nicht lassen, wenn sie ihn herauskriegen sollte, und machte sich über und über voll Mehl, und als der Maler dran kam, hustete er mit aller Gewalt drin, daß das Mehl rechts und links herausschnob und sich wie ein Nebel auf seinen grün und roten Schlafrock niederließ. Nachher warfen wir uns einander das Mehl ins Gesicht, ich machte mich mit einem Korkstopfer schwarz, da lachten sie alle, und wenn ich dann auch an zu lachen fange, dann müssen sie immerfort immer toller, immer voller lachen, und da lachte ich so laut: Hä hä hä hä hä, da lachten die andern alle nach hi hi hi hi hi, ha ha ha ha ha, es war grade wie in dem Märchen, wo der Jude im Dorn tanzen muß, bis sie mich zuletzt baten, ich sollte um Gotteswillen aufhören. —

Du bist doch noch immer eine rechte Gans, wenn die Jettchen Trost Dir Langeweile macht, warum läßt Du sie nicht laufen.

Jetzt fängt die Gans an, mir die Leviten zu lesen; das ist rührend. Sag einmal, Gans, kennst Du denn das Sprichwort nicht: Wie Du mir, so ich Dir? Weißt Du denn nicht, daß ich, wenn Du auch noch so klein schreibst, doch noch doppelt so klein schreibe wie Du? Aber wir wollen dem Ding ein Ende machen, schreibst Du mir vier Seiten, so sollst Du vier Seiten wiederhaben und damit basta. Übrigens wenn Du wüßtest, wie viel Briefe ich diese Woche geschrieben habe und noch schreiben muß, Du würdest Barmherzigkeit mit mir haben, und mit zwei Seiten zufrieden sein. Frag einmal den Strücker, wie viel ich ihm geschrieben hätte, frag einmal den Wurm, doch der ist nicht da — nun ich will Dir’s sagen, gewiß 12 solcher Seiten wie diese und dann noch mit roter Tinte ebensoviel dadurch geschrieben. Der schreibt mir aber ebenso viel wieder. Dann muß ich wieder an Mutter, Hermann, August, Rudolf schreiben, was soll das geben? Ich denke, da Du doch auch die andern Briefe lesen kannst, wirst Du nächstens billig sein und nur halb so viel von mir verlangen, als Du mir schreibst. — Die Anna, meinst Du, erhöbe ich in den Himmel, nein, so god over nit, dat do ek nit, aber wenn sie mir vier Seiten schreibt und Du nur drei, dann ist sie doch besser als Du? Sonst will ich Dir gerne zugestehen, daß Du ein treuer Schluff bist und mir am allerfleißigsten schreibst. Aber Du mußt Dich auch nicht unterfangen, mir solchen Skandal und Spektakel anzuzetteln und zu meinen, Du hättest groß Recht, wenn Du doch eigentlich auf den Knieen Abbitte tun solltest! — Du klagst über den Gradehalter — ei mein Gänschen, halte Dich selbst grade, dann wird man ihn Dir nicht umschnallen. — Was Du vom Wetter schreibst, war hier ebenso, jetzt aber ist das Wetter schaudervoll, es regnet und fisselt in Einem fort, zuweilen kommt ein Platzregen, dann alle 24 Stunden ein wenig Blaues am Himmel, und alle halbe Jahr ein Sonnenstrahl.

Nun soll ich Dir schreiben, was ich auf Weihnachten nötig habe? Ja, was ich habe, das brauchst Du mir nicht zu machen, was ich nicht habe, weißt Du, was soll ich Dir also schreiben? Sticke mir eine Zigarrendose, oder ich — — ich weiß nicht was, Du kannst aber die Mutter von Zeit zu Zeit, etwa alle 2, 3 Tage etwas prickeln, daß sie mir zu Christtag den Goethe schickt; ich habe ihn wirklich sehr nötig, denn man kann Nichts lesen, oder die Leute berufen sich auf Goethe. Wer war das, Goethe? Herr Riepe: Kinder, das war —!

Deine Zeichnung vom Hühnerhof konnte ich mit aller Leichtigkeit kopieren, und es ist ein sehr praktisches Ding, Katzen oder Iltisse können nicht herein, und die Tiere nicht heraus.

Vorigen Freitag war ich im Theater, sie gaben das Nachtlager in Granada, eine Oper, die recht hübsch ist; heute Abend wird die Zauberflöte gegeben, da muß ich hin; es soll mich einmal verlangen, was das für ein Stück ist, ich hoffe, es wird recht schön sein.

Den 10. Oktober. Im Theater bin ich gewesen, und die Zauberflöte hat mir sehr gut gefallen; ich wollte, Du könntest auch einmal mit mir dahingehn, ich wette, es gefiele Dir sehr gut. — Ja, Marie, was soll ich Dir nun schreiben? soll ich in Ermangelung eines Besseren ein wenig brummen? ich weiß gewiß Nichts besseres, und Du wirst ja auch zufrieden sein, wenn die 4 Seiten voll sind, einerlei, was drauf steht. In Bremen hier sind die Kaufmannshäuser alle ganz merkwürdig gebaut; sie stehen nicht an der Straße, so wie unser Haus, mit der langen, sondern mit der schmalen Seite, und die Dächer stehen so aneinander und die Diele ist ganz groß und hoch, wie eine kleine Kirche, oben und unten grade über einander sind Luken, die mit Falltüren verschlossen sind, und durch welche eine Winde auf und ab gehen kann; denn oben auf dem Oller, da ist ein Warenlager, und durch die Luken werden mit der Winde Kaffee, Leinen, Zucker, Tran etc. heraufgewunden. So sind auf allen Dielen zwei Reihen Fenster über einander. — Jetzt ist die Frau Konsulin wieder in die Stadt gezogen mit ihren 4 kleinen Kindern; die machen einen entsetzlichen Spektakel. Glücklicherweise gehen auch 2 von diesen, Elisabeth und Loin (soll Ludwig heißen) in die Schule, und so hat man nicht den ganzen Tag den Lärm zu hören, aber Loin und Siegfried, wenn die zusammen sind, so lärmen sie, daß es nicht zum Aushalten ist; neulich tanzten sie auf den Leinenkisten herum, jeder mit seiner Flinte und seinem Säbel bewaffnet, und forderten sich zum Zweikampf heraus, und Loin blies dann auf seinem Muschelhorn, daß einem die Ohren gellten. Ich habe es sehr pläsierlich, vor meinem Pult ist ein großes Fenster nach der Diele hin, und so kann ich alles genau sehen, was da vorfällt. —

Weil Du mir den Hühnerhof gezeichnet hast, so zeichne ich Dir die Kirche, wie man sie vom Kontor aus sieht. Farewell.

Dein Bruder Friedrich.