Friedrich Engels an seine Schwester Marie in Mannheim, Bremen 1840 August 4. Nach: Marx/Engels, Gesamtausgabe (MEGA¹), Abt. I, Bd. 2, Berlin 1930, S. 591-593. Traducción al español
Liebe Marie!
Ich muß Dir nur gleich sagen, daß ich mir für die Zukunft alle guten Lehren aus Deiner Feder verbitte. Du mußt ja nicht glauben, mein teuerstes Gänschen, daß Du jetzt in der Pension schon einmal probieren könntest, weise zu sein, und außerdem kann ich, wenn ich Lust haben sollte, vom Pastor eine Unmasse Bücher voll guter Lehren kriegen. Das Bier auf unsrem Comptoir bleibt doch stehen, bis es ausgetrunken wird, und seit Du dagegen räsonnierst, hat sich unser Bierkommers nur noch vervollkommnet, denn wir haben erstens Braunbier und zweitens Weißbier. Das kommt dabei heraus, wenn sich die naseweisen Pensionsfräulein in die Sachen ihrer Herren Brüder mischen.
Ich werde also meine Briefe nicht frankieren. Die Adresse mache bloß: Herrn F. E. in Bremen, das ist genug. Den Pfaffen laß mir aber von der Adresse weg. Neulich am 27. bis 30. Juli haben wir die Julirevolution gefeiert, die vor zehn Jahren in Paris losging; wir waren einen Abend im Ratskeller und die andern auf Richard Roth seiner Kneipe. Der Kerl ist noch immer nicht wieder da. Da haben wir den schönsten Laubenheimer von der Welt getrunken und Zigarren geraucht — wenn Du die gesehen hättest, hättest Du bloß um ihretwillen das Rauchen gelernt. Meine Zigarrentasche ist noch immer nicht wieder da. Auch ist ein Bekannter von mir wiedergekommen, der in Pinselfahnien und Kaltermoria gewesen ist und den Mister Sippi (soll heißen Pennsylvanien, Baltimore und Mississippi) gesehen hat. Dieser Kerl ist ein Solinger, und die Solinger sind die unglücklichsten Menschen von der Welt, denn sie können ihr Solinger Deutsch nicht loswerden. Der Bengel sagt noch immer: im Sohmer is es sehr schön Wätter, und für Karoline sagt er fortwährend Kalinah.
Es ist betrübt, ich habe fast keinen Groten mehr in der Tasche und eine Masse Schulden, sowohl eigne als Zigarrengeschäftsschulden. Da plagt mich der, von dem ich zuletzt Katharinenpflaumen für Euch kaufte, die ich noch nicht bezahlt habe, da ist der Buchbinder noch nicht bezahlt, da sind die drei Monate, nach denen ich die gekauften Zigarren bezahlen muß, längst verstrichen und der Strücker schickt keine Wechsel, und der Pastor ist verreist und kann mir kein Geld geben. Morgen kommt er aber wieder und dann steck ich sechs Louisdor in den Geldbeutel, und wenn ich in einem Caféhaus für drei Grote ein Stück Kuchen gegessen habe, so werf ich eine doppelte Pistole auf die Zahlbank: „Können Sie wechseln?“ Und dann heißt’s „leider Gottes nein“, dann such’ ich in allen Taschen die drei Grote zusammen und geh stolz auf meine doppelten Pistolen zur Türe hinaus. Wenn ich dann wieder auf dem Comptoir bin, schmeiß ich dem rotlockigen Jüngsten eine Pistole aufs Pult: „Derkhiem, sehen Sie, ob Sie kein Kleingeld kriegen können“, und dann ist der Kerl äußerst glücklich, denn er hat dann Veranlassung, eine Stunde vom Comptoir zu bleiben und herumzuschwänzen, welches unschuldige Vergnügen er sehr liebt. Denn das kleine Geld ist hier sehr rar, und wer fünf Taler Kleingeld in der Tasche hat, ist ungeheuer zufrieden. —
Neulich fiel hier ein kostbarer Witz vor. In der Zeitung wurde eine Köchin gesucht. So kommt ein robustes Mädel ins Verlagsbureau und sagt: „Hört Se mol, do hebb’ ick in der Zeitung lesen, dat se ’ne Köksche sökt.“ — „Jawol“, sagt der Kommis; „wat mot de wol können?“ fragt die Dirne. „Jo, de mot Kloveer (Klavier) speelen un danzen un Französch, un singen, un neien un sticken — dat mot se all können“. „Donnerslag“, sagt die Dirne, „dat kann eck nit“. Wie sie aber das ganze Comptoir lachen sieht, fragt sie: „Se wêt (wollen) mek wol tom Besten hebben? Donnerslag, ick lote mi nich mokeeren!“ Und damit springt sie auf den Kommis los und will ihn abprügeln; sie wurde natürlich gelinde vor die Türe gesetzt. Neulich hat der Alte einen Fuhrmann zur Türe herausgeworfen. Der Kerl hatte preußisches Gold zu fordern und wollte die Louisdor zu 5⁵/₁₂ Taler nicht annehmen. Da schalten wir uns mit ihm herum, als der Alte kam. „Was ist das hier für eine Wirtschaft, soll doch das Donnerwetter dreinschlagen,“ und packte den Kerl bei der Brust und warf ihn in die Gosse. Darauf kam der Fuhrmann ruhig wieder und sagte: „So wer et nich meent (gemeint), jetz will eck de Lujedor woll nehmen.“
Ich habe augenblicklich kein andres Kuvert zum Briefe als diese verschriebene Kaffeerechnung, die Dir als einer rechten Kaffeeschwester wohl willkommen sein wird.
Farewell und schreib bald
Deinem Bruder
Friedrich.
B., 4. Aug. 1840.
[Auf der Adreßseite]
Fräulein Marie Engels im großherzoglichen Institut zu Mannheim.
[Poststempel] Bremen 4. Aug.