Friedrich Engels an seine Schwester Marie in Mannheim, Bremen 1840 Oktober 29. Nach: Marx/Engels, Gesamtausgabe (MEGA¹), Abt. I, Bd. 2, Berlin 1930, S. 600-602. Traducción al español
Liebe Marie!
Schreib mir nächstens nicht wieder über Barmen, die Mutter läßt die Briefe immer so lange liegen, bis sie selbst schreibt, und das dauert oft sehr lange. Aber was ich Dir schreiben wollte, Du darfst’s aber nicht nach Hause schreiben, denn ich will sie nächstes Frühjahr damit überraschen, ich trage jetzt einen ungeheuren Schnurrbart und werde mir nächstens einen Henriquatre und Ziegenbart zulegen. Die Mutter wird sich wundern, wenn auf einmal so ein langer schwarzbärtiger Kerl über die Bleiche kommt. Nächstes Jahr, wenn ich nach Italien gehe, muß ich doch auch wie ein Italiener aussehen.
Sophie Leupold
Dies hat die kleine Sophie Leupold geschrieben, die mich eben auf dem Comptoir besuchte, während der Alte und Eberlein, der hier im Hause ißt, bei einem großen Mittagessen sind. Oh, ich könnte Dir interessante Dinge erzählen von diesem Mittagessen, von noch nicht öffentlichen Verlobungen und verstohlnen Küssen, aber das ist Nichts für ein Mädchen in Pension. Das erfährst Du noch früh genug, wenn wir wieder zu Hause sind. Dann setz ich mich in den Garten, und Du bringst mir einen großen Krug Bier und Butterbrot mit Wurst heraus, und dann sag’ ich: Sieh, meine liebe Schwester, weil Du mir jetzt das Bier herausgebracht hast, und weil es so ein schöner Sommerabend ist, so will ich Dir auch erzählen von dem großen Mittagessen, was Anno 1840, am 29. des Monats Oktober in Bremen, Martini Numero elf im Königlich sächsischen Konsulat gefeiert wurde. Jetzt aber kann ich Dir nur soviel sagen, daß an Madeira, Portwein, Pouillak, Haut Sauternes und Rheinwein heut mittag ganz ungeheure Quantitäten werden vertrunken werden. Denn obwohl nur fünf Herren da sind, so trinken sie alle doch sehr gut, fast so gut wie ich. — Augenblicklich haben wir Freimarkt, und wenn ich auch nicht die Ehre habe, Ihrer königlichen Hoheit einer Großherzogin und vielen allerdurchlauchtigsten Prinzessinnen vorgestellt zu werden, so haben wir doch auch Spaß. Ich bin glücklicherweise so kurzsichtig, daß ich gar nicht weiß, wie die paar hohen, höchsten und allerhöchsten Personen, die die Ehre gehabt haben, an mir vorbeizufahren, aussehen. Wenn Dir nächstens wieder so eine Allergnädigste vorgestellt wird, so schreib mir doch, ob sie hübsch ist, sonst interessieren mich solche Persönlichkeiten gar nicht. Unser edler Ratskeller ist jetzt so schön eingerichtet, wie er nur sein kann, man sitzt so recht schön zwischen den Fässern. Vorigen Sonntag hatten wir einen Schnurrbartkommers drin. Ich habe nämlich ein Zirkular ausgehen lassen an alle schnurrbartsfähigen jungen Leute, daß es endlich Zeit wäre, all die Philister zu perhorreszieren, und daß das nicht besser geschehen könnte, als daß wir Schnurrbärte trügen. Wer also Courage genug hätte, der Philisterei zu trotzen und einen Schnurrbart zu tragen, der sollte sich unterschreiben. Gleich hatt’ ich ein Dutzend Schnurrbärte zusammen, und nun wurde der 25. Oktober, als an welchem Tage unsre Schnurrbärte einen Monat alt wurden, zu einem gemeinschaftlichen Schnurrbartsjubiläum angesetzt. Ich dachte mir aber wohl, wie es kommen würde, kaufte ein wenig Schnurrbartwichse und nahm sie mit hin; da fand sich denn, daß der Eine zwar einen sehr schönen, aber leider ganz weißen Bart hatte, der Andre aber von seinem Prinzipal die Weisung bekommen hatte, das verbrecherische Ding wegzuhacken. Genug, heut Abend mußten wir wenigstens welche haben, und wer keinen hatte, mußte sich einen malen. Dann stand ich auf und brachte folgende Gesundheit aus:
Einen Schnurrbart trugen jeder Zeit
Alle tapfern Männer weit und breit,
Und die fürs Vaterland schwangen das Schwert,
Trugen Alle schwarz’ und braune Schnurrbärt’.
Drum sollen in diesen kriegerischen Tagen
Wir All’ einen stolzen Schnurrbart tragen.
Die Philister freilich haben’s nicht gelitten
Und sich die Schnurrbärte weggeschnitten,
Wir aber sind keine Philister nicht,
Drum lassen wir wachsen den Schnurrbart dicht,
Hoch lebe jeder gute Christ,
Der mit einem Schnurrbart behaftet ist,
Und Alle Philister pereant,
Die die Schnurrbärt’ haben verpönt und verbannt.
Auf diese Knüttelverse wurde mit großem Enthusiasmus angestoßen, und dann trat ein Andrer auf. Diesem wollte sein Prinzipal keinen Hausschlüssel geben, und so mußte er um zehn Uhr zu Hause sein, sonst wurde das Haus zugeschlossen und sie ließen ihn nicht mehr ein. Es geht hier manchem armen Teufel so. Dieser sagte:
Pereant Alle
Prinzipale,
Die nicht hergeben den Hausschlüssel!
Haare und Fliegen mögen sie finden
Beim Abendessen in der Schüssel,
Und sich schlaflos im Bette winden!
Darauf wurde wieder angestoßen. So ging’s fort bis um zehn Uhr, da mußten die Hausschlüssellosen nach Haus, wir Glücklichen aber, die wir Hausschlüssel haben, blieben sitzen und aßen Austern. Ich hab acht Stück gegessen, mehr aber konnt’ ich nicht, ich kann bis jetzt das Zeug nicht goutieren.
Da Du so gern Rechnungen hast und mich sogar dafür mit dem gelben Kuvertorden belohnen willst, so will ich die Gnade haben, Dich mit der Bemerkung zu regalieren, daß Kurant jetzt 106½ % steht, während es vor einem Jahre 114 stand. Die Louisdors fallen so, daß derjenige, der hier in Bremen eine Million Taler vor einem Jahre hatte, jetzt nur noch neunhunderttausend, also hunderttausend Taler weniger hat. Ist das nicht enorm?
Du schreibst mir noch immer Nichts von dem Wisch für Ida, hast Du ihn gekriegt und abgegeben oder nicht? Es wäre mir fatal, wenn ich ihn nicht abgeschickt hätte und er hier liegen geblieben und dem Alten in die Hände gekommen wäre. Schreib mir also und zwar den langen sechsseitigen Brief, den Du mir versprochen hast. Ich werde mich zu revanchieren wissen. Hier auf dem Kuvert wirst Du wieder mit einigen Rechnereien regaliert, die Du Dir zu Herzen nehmen kannst. Daß ich diesen Brief noch einmal abschreiben mußte, daran ist Herr Timoleon Miesegans in Bremen Schuld, derselbe, den der Alte vor zwei Jahren einmal aus dem Hause geworfen hat. Mit Achtung und Ergebenheit
Friedrich.
Bremen, 29. Okt. 1840.
[Auf der Adreßseite]
Fräulein Marie Engels im großherzoglichen Institut zu Mannheim.
[Poststempel] Bremen 30. Okt. Mannheim 2. Nov.