Friedrich Engels an seine Schwester Marie in Mannheim, Bremen 1841, 8.-11. März. Nach: Marx/Engels, Gesamtausgabe (MEGA¹), Abt. I, Bd. 2, Berlin 1930, S. 611-613. Traducción al español
Bremen, 8. März 1841.
Liebe Marie!
„So hochachtungsvoll wie ergebenst“, das waren die letzten Worte eines Geschäftsbriefes, mit dem ich meine heutige Comptoirtätigkeit schloß, um — um — um — nun, wie drück ich mich am zierlichsten aus? Ach was, die Verse wollen nicht fließen, man sagt’s am besten grad heraus, um an Dich zu schreiben. Da ich mich aber noch mit der Verdauung des Mittagessens beschäftigt bin, so hab ich keine Zeit, viel zu denken, sondern muß Dir schon schreiben, was mir eben durch den Kopf kommt. Mein erster Gedanke aber ist eine Zigarre, welche sogleich entflammt werden soll, da Seine Majestät sich wegbegeben hat. Seine Majestät ist nämlich der Alte, der diesen Titel bekommen hat, da wir entschlossen sind, uns im Hofstil zu üben. Denn es ist ja bestimmt und sicher, daß das ganze Leupoldsche Comptoir demnächst noch einmal Minister und geheime Kammerherrn wird. Du sollst Dich wundern, wenn Du mich mit dem goldnen Schlüssel am schwarzen Frack siehst — ich werde dann natürlich ebenso steif sein wie ich bisher mein Lebenlang gewesen bin, und meinen Schnurrbart schneid ich keinem König zu Gefallen ab. Er ist jetzt wieder im besten Flor, am Wachsen, und wenn ich, wie ich nicht zweifle, im Frühjahr das Vergnügen haben sollte, Dich in Mannheim zu bekneipen, so sollst Du Dich über seine Glorie wundern.
Der Richard Roth ist heut vor acht Tagen hier weggegangen, um eine große Reise zu machen, nach Süddeutschland und der Schweiz. Ich danke Gott, daß ich nun auch dies langweilige Nest verlasse, wo man Nichts tun kann als fechten, essen, trinken, schlafen und ochsen, voilà tout. Ich weiß nicht, ob Du schon gehört hast, daß ich Ende April mit dem Vater wahrscheinlich nach Italien gehen werde, bei welcher Gelegenheit ich Dir die Ehre meines Besuchs antun werde. Wenn Du Dich anständig machst, bring ich Dir vielleicht auch was mit, bist Du aber aufgeblasen und hast einen Schuß im Nacken, so bekommst Du schwere Risse. Auch wirst Du der gerechten Strafe nicht entgehen, wenn Du wieder solchen nonsense schreibst wie in Deinem vorletzten Brief von der Paukstunde, womit Du mich hast foppen wollen. Daß das Stabat mater von Pergolese ist, hab ich mit Vergnügen erfahren; Du mußt mir jedenfalls eine Kopie des Klavierauszugs mit allen Singstimmen schaffen und zwar so, daß das gleichzeitig gesungne und gespielte obeneinander steht wie in einem Opernklavierauszuge. Tenor und Baß fällt mir eben ein, fehlt aber wohl bei dem P[ergolese]schen Stabat mater; dafür werden mehrere Soprane und Alte dasein. Schadt nichts.
Sopran — Alt — Tenor — Baß — Clavier
Wenn ich wirklich dies Frühjahr nach Mailand komme, so treffe ich dort mit Roth und dem Elberfelder Wilhelm Blank zusammen und wir richten dort ein fideles Leben ein bei türkischem Tabak und Lagrime di Cristo. Die Italiener sollen noch ein halbes Jahr nachher von den drei lustigen Deutschen schwatzen, so berühmt wollen wir uns machen.
Deine Beschreibung Eures unschuldigen Karnevals hat mich sehr amüsiert. Ich hätt Dich sehen mögen. Hier ist nicht viel Witz losgewesen außer ein paar ennuyanten Redouten, die ich nicht besucht habe. In Berlin ist der Karneval auch schmählich skandalös abgelaufen. Am Besten könnens doch immer noch die Kölner. —
Eins hast Du doch weniger als ich, Du kannst heute Mittwoch den 10. März nicht Beethovens Cmoll Symphonie hören, und ich doch. Diese und die Sinfonia eroica sind meine Lieblingsstücke. Exerzier Dich nur ja recht ein, Beethovensche Sonaten und Symphonien zu spielen, damit Du mir nachher keine Schande machst. Ich höre sie aber nicht im Klavierauszug, sondern von vollem Orchester.
Den 11. März. Das ist gestern Abend eine Symphonie gewesen! So was hast Du in Deinem Leben noch nicht gehört, wenn Du dieses Prachtstück noch nicht kennst. Diese verzweiflungsvolle Zerrissenheit im ersten Satze, diese elegische Wehmut, diese weiche Liebesklage im Adagio, und dieser gewaltige, jugendliche Posaunenjubel der Freiheit im dritten und vierten Satze! Außerdem hat sich gestern noch ein jämmerlicher Franzose hören lassen, der sang ein Ding, das ging so: und soweiter, keine Melodie und keine Harmonie, ein jämmerlicher französischer Text, und der ganze Witz war tituliert L’Exilé de France. Wenn alle aus Frankreich Verbannten ein solches Katzengewinsel erheben, so wird man sie nirgends haben wollen. Auch sang dieser Flegel ein Lied: Le toréador, d.h. der Stierfechter, wobei alle fingerlang der Refrain vorkam: Ah que j’aime l’Espagne! Dieses war womöglich noch erbärmlicher und ging ebensobald mit Quintensprüngen, bald in chromatischen Gängen sich krümmend, als wenn’s Bauchweh bedeuten sollt. Wär nicht zum Schluß die prachtvolle Symphonie gekommen, so wär ich weggelaufen und hätt’ den Raben krächzen lassen, denn er hatt’ einen erbärmlich dünnen Bariton. Im Übrigen schick mir nächstens besser gefaltete Briefe. Die Form [Zeichnung] ist sehr unpraktisch und geschmacklos, es muß [Zeichnung] oder [Zeichnung] sein, wonach zu achten.
Semper Tuus
Friedrich.