Brief von Friedrich Engels an Karl Marx in London, Manchester, 9. Juli [1853]. Text nach MEGA¹ III/1, Berlin 1929, Nr. 264, S. 489–491, ohne den Apparat der Herausgeber. Das Jahr ist von den Herausgebern erschlossen. Traducción al español.

Manchester, Samstag 9. Juli.

Lieber Marx,

Letzte Nacht um vier Uhr weckt mich die alte Hausfrau aus dem Schlaf, es sei ein gentleman da, der mich sprechen wolle. Ich rapple mich empor und finde an der Tür ein Männchen mit einem cab, einem kolossalen Koffer und Reisesack, der mir sagt, sein Name sei Jacobi und Du und Pieper hättet ihn mir zugeschickt. Marx und Pieper! dacht ich, wer zum Henker ist dieser Jacobi, ist er ein unehelicher Sohn vom Königsberger oder was, und endlich zieht das Männchen Deinen Brief aus der Tasche, ziemlich verdutzt, nicht gleich mit offnen Armen unbekannterweise aufgenommen zu sein — worüber mir dann einfällt, was Dein Brief bestätigte, daß es der Kommunistenprozeß-Jacobi sei, an den mein Herz nicht dachte, da ich ihn in preußischen Kaschotten längst gut untergebracht glaubte. Que faire? Ich nahm ihn nebst Zubehör also herein, plauderte schlaftrunken eine halbe Stunde mit ihm und ließ ihn sich dann auf mein Sofa legen, denn das Haus ist crammed full von Leuten. Glücklicherweise ist mein Alter bis morgen aus der Stadt, und so nahm ich mir den Herrn Parteimärtyrer gleich heut morgen beim Kragen, mietete ihm eine Wohnung und verbot ihm, sich bei mir sehen zu lassen, bis die Abreise meines Alten das Interdikt aufhebe.

Dies kriegisch-westfälische Verfahren, die Tölpelei, nach achttägigem Aufenthalt in London einen Zug zu wählen, der mitten in der Nacht ankommt, und unter dem Vorwand, nicht Bescheid zu wissen, einem das Haus zu revoltieren und sich zu oktroyieren, alles das nahm mich ebensowenig für den Mann ein, wie die gleich anfangs gestellte diskrete Frage: wie ich denn mit meinem Alten stände. Weitere Verhandlungen haben den Mann in meinen Augen etwas, aber nicht sehr, gehoben. Er will sich bei Borchardt mit Briefen von Dir und Kinkel (beinahe so gut wie Marx und Pieper) präsentieren, dem kleinen Heckscher ohne weiteres und ohne Introduktion auf die Bude stürzen, wo er dann erwartet, daß dieser ihm gleich alle Aufschlüsse über seinen trade geben und aus Freude über den neuen „wissenschaftlichen“ Umgang seinem neuen Konkurrenten die halbe Praxis abtreten wird — und was dergl. Biedermannsgedanken mehr sind. Die Dummheit, zu Kinkel zu gehn, schadet ihm mehr als sie ihm nützt. K[inkel] gibt ihm Briefe — nicht an Herrn, sondern an Frau Schunck, eine Unverschämtheit und ein direkter grober Bruch der englischen Etikette, und dann, wenn Herr Kinkel, der für seine Possenreißereien über deutsche Literatur bar bezahlt und gefüttert wurde, wenn Monsieur Gottfried glaubt, er könne d’égal à égal an diese Kaufleute Empfehlungen (andre als Bettelcertificati) schicken, so schneidet er sich verdammt. Außerdem ist Monsieur Jacobi, à ce qu’il me paraît, nicht der Mann, sein Glück hier zu machen.

Sobald mein Herr Alter fort ist, schick ich Dir einiges Geld. Früher kann ich nicht gut etwas nehmen, da ich jeden Tag riskiere, daß er einmal mein Konto nachsieht, was allein schon heitre Erörterungen geben wird, die ich lieber schriftlich abmache.

Die Idee, ich schriebe nicht, weil ich „bös“ sei, hat mich lachen gemacht. De quoi donc?

Grüße Deine Frau und Kinder und halte den Dreck wenigstens aus, bis ich wieder freie Hand habe — hoffentlich binnen acht Tagen.

Dein F. E.