Brief von Karl Marx an Ferdinand Lassalle, London, 23. Januar 1855. Text nach Gustav Mayer (Hg.), Ferdinand Lassalle. Nachgelassene Briefe und Schriften, Bd. III: Der Briefwechsel zwischen Lassalle und Marx, Stuttgart und Berlin 1922, Nr. 35, S. 90–94, nach dem Original, ohne den Apparat des Herausgebers. Das Original ist beschädigt (Tintenflecke, abgerissene Stellen); der Schluß fehlt. Traducción al español.

  1. Januar 1855.

28 Deanstreet Soho.

Lieber Lassalle!

Dieser Brief wäre acht Tage früher geschrieben worden, wenn nicht meine Frau von einer Weltbürgerin entbunden und mir so in dem Trouble wenig freie Zeit übrig geblieben wäre, wie Du leicht begreifen wirst. Mutter und Töchterlein befinden sich indes wohl.

Es ist nicht sehr angenehm, mon cher, in so einem kleinen …. zu schreiben [?] …. man au fond doch nur kleine Dreckhäufchen legen kann …. daß die …. betrachten und keine Schriftstellerprätentionen machen, aber auch hoffen, daß sie nicht gemacht werden.

Was die verschiedenen ökonomischen Fragen betrifft, die Du mir vorgelegt, so existieren meines Wissens bis jetzt keine weder offiziellen noch wissenschaftlichen Zusammenstellungen. Aus den Board of trade tables können natürlich offizielle Zahlen über die Getreideeinfuhr entnommen werden. Sonst aber nichts. Jetzt wird es sicher bald von Werken über diese Frage regnen. Die Zeit der Krise ist in England zugleich die der theoretischen Untersuchungen. Aus meinen Heften, wo ich allerlei statistische Angaben aus verschiednen Quellen zusammengescharrt habe, werde ich Dir bei nächster Gelegenheit eine Zusammenstellung machen. Einstweilen nur folgendes ganz Allgemeine:

Einfuhr von Weizen und Mehl.

Weizen als Weizen (Quarters)Mehl (in Quarters reduziert)
18472 650 0001 808 000
18481 865 000351 000
18494 569 0001 129 000
18503 778 0001 102 000

An Weizen also eingeführt 8 285 000 Qrs. in den zwei ersten Jahren des freetrade und als Mehl 2 226 000, zusammen 10 511 000, über 5 Millionen Qrs. Durchschnitt in den zwei Jahren. Dies beträgt weit über 1/6 der Gesamtkonsumtion, 1 Quarter auf die Person jährlich gerechnet.

Kann nun gesagt werden, daß so viel mehr jährlich konsumiert worden ist? Das hängt offenbar von der Beantwortung der andern Frage ab: Ob dieselbe Quantität Weizen in England produziert worden ist wie bisher. Dies kann wieder nur beantwortet werden, sobald wir im Besitze der Agrikulturstatistik sind, die grade in diesem Moment ins Werk gesetzt wird. Von Irland und Schottland wissen wir, daß bedeutende Quantitäten [des Landes] seit Abschaffung der Kornzölle in Viehweide etc. verwandelt worden sind. [Für England] können wir einstweilen nur durch Induktion zu einem Schlusse kommen. Wenn in England nicht eine bedeutende Masse Ländereien außer Kultur geworfen worden wäre, wie käme es, daß in diesem Jahre z. B. trotz der sehr günstigen Ernte die Getreidepreise höher stehn als im Jahre der Protection, 1839 z. B., obgleich der Ausfall der Einfuhr vom Ausland keineswegs die Differenz zwischen einer guten und schlechten Ernte aufwiegt, zwischen der von 1854 und der von 1853? Wie die Tendenzen der Außerbebauungsetzung des Bodens — wahrscheinlich nicht durch Verwandlung in Viehweide — unter dem freetrade um sich gegriffen hat, beweist folgende Tabelle, die offiziell ist (für Irland):

1854 (geht bis November last)

Acres
Abnahme auf Getreidearten91 233
Grüne Gewächse (Kartoffeln, Wurzeln etc.)710
Flachs23 607
Klee13 025
Gesamtabnahme des bebauten Landes128 575

Letztes Jahr (1853) betrug dagegen die Gesamtabnahme nur 43 867 Acres. Macht für beide Jahre zusammen 172 442. Dies um so auffallender, als die Nachfrage für alle Agrikulturprodukte in den letzten zwei Jahren zugenommen. Was nun die in der Agrikultur beschäftigten „hands“ betrifft, so wissen wir, daß von den 300 000 Menschen, die seit 1852 jährlich aus Großbritannien ausgewandert, der größte Teil aus Agrikulturarbeitern bestand. Wir wissen, daß im Jahre 1853 die Bevölkerung zum ersten Male abgenommen hatte, statt zu wachsen. Endlich der beste Beweis, daß die agricultural hands sehr abgenommen, ist, daß 1853 zum erstenmal seit 1815 der Arbeitslohn auf dem Lande stieg und die Mähmaschinen ziemlich allgemein eingeführt wurden, um ihn wieder herunterzudrücken. — (Nebenbei bemerkt, hat die freie Einfuhr des fremden Getreides der englischen Agronomie einen ungeheuren Anstoß gegeben.) — Welchen Einfluß der freetrade auf den Preis der Industrieprodukte ausgeübt, kann mit dem bisher vorliegenden Material absolut nicht gesagt werden. Die vom Rohstoff abhängigen Schwankungen in der Wollen- und Leinenindustrie z. B. sind schwerlich irgendwie durch die repeal der cornlaws affiziert worden. Im ganzen glaube ich, wird sich in einer Geschichte der Preise von 1849 bis 1854 herausstellen, daß die Preisverhältnisse sämtlicher Industrieprodukte zum Getreide und der einzelnen Industriezweige zu ihrem respektiven Rohmaterial dieselben geblieben sind (ebenso die Variationen innerhalb derselben), vor wie nach der Aufhebung der Korngesetze. Was den Arbeitslohn in den Fabriken angeht (Zahlen ein andermal), so kann sehr positiv bewiesen werden, daß die Aufhebung der Korngesetze 1. auf den absoluten Arbeitslohn gar keinen Einfluß ausgeübt hat, 2. den relativen Arbeitslohn mithalf herunterzusetzen. In dem Jahre der Krise …. der Arbeitslohn heruntergesetzt worden. Er ward nicht heraufgesetzt in den relativ guten Jahren 1849—52 (letzteres eingeschlossen), wenigstens bis zum ersten Drittel des Jahres. Warum ward er nicht heraufgesetzt? Weil die Lebensmittel gefallen waren. Im Laufe des Jahres 1852 begann die große Auswanderung, während andrerseits die Nachfrage in den Vereinigten Staaten, Australien, Ostindien usw. bedeutend wuchs. Die Arbeiter verlangten nun eine Erhöhung des Arbeitslohnes um 10%, die sie für kurze Zeit während des Kulminationspunktes der Prosperität (etwa bis August 1853) ziemlich in den meisten Branchen durchsetzten. Es ist Dir bekannt, daß diese Erhöhung von 10% ihnen indes — erinnere Dich z. B. an den Preston strike — bald wieder abgenommen wurde, obgleich die Getreidepreise 1853 und 54 im Durchschnitt höher standen als in den Protektionsjahren 1843—45 und 1830—37. Das Steigen — und sehr temporäre Steigen, da jetzt schon wieder kurze Zeit gearbeitet wird, überhaupt die Krise begonnen hat — des Arbeitslohnes ist also keineswegs dem freetrade zuzuschreiben, sondern entspricht vollständig dem Steigen in allen Prosperitätsjahren. Der freetrade hat faktisch nur bewirkt, daß 1849—52 der Arbeitslohn nicht stieg. Da es möglich war, mit demselben Arbeitslohn mehr Lebensmittel zu kaufen, wurde er nicht erhöht. Was also relativ erhöht wurde, ist der Profit. Der relative Arbeitslohn, d. h. der Arbeitslohn im Verhältnis zum Profit, ist also faktisch gefallen — ein Resultat, das ich 1847 schon in einer Broschüre (french) als notwendig entwickelt habe. Daß die Aufhebung der Korngesetze einigermaßen dazu beigetragen haben mag (zusammengenommen mit der Ausgleichung der Zuckerzölle, der Freigebung der Schiffahrt und der Aufhebung der Schutzzölle für brute nordamerikanisches Holz), den Briten neue Absatz- oder erweiterte Absatzmärkte für Fabrikate im Ausland zu verschaffen, soll natürlich nicht geleugnet werden. In den Vereinigten Staaten z. B. war die mehr freihändlerische Gesetzgebung sicher teilweise bedingt durch den repeal in England. Indes darf hierauf nicht zu großer Wert gelegt werden, da nach Rußland z. B., von dem die Einfuhr nach England enorm wuchs infolge der repeal, die englische Ausfuhr abnahm. Im allgemeinen stellt sich heraus, daß Europa ein relativ immer unbedeutenderer Markt wird für England, da von der Gesamtausfuhr von 1854 (ich meine der Gesamtausfuhr britischer Produkte, Transporthandel beiseite lassend) die Vereinigten Staaten, Australien und Ostindien allein 60% absorbiert haben, nicht einmal die außereuropäischen britischen Kolonien eingerechnet (except Ostindien).

Ich habe die obigen Geschichten hingeworfen, um ganz im allgemeinen auf Deine Fragen zu antworten. Was ich von bestimmtem Zahlenmaterial in meinen Heften auftreiben kann, will ich sehen. Bücher, wie gesagt, werden wohl erst jetzt erscheinen.