Brief von Friedrich Engels an Karl Marx in London, Manchester, 17. Dezember 1857. Text nach MEGA¹ III/2, Berlin 1930, Nr. 476, S. 256–257, ohne den Apparat der Herausgeber. Traducción al español.
Manchester, 17. Dezember 1857.
Lieber Marx,
Die Krisis hält mich höllisch en haleine. Alle Tage niedrigere Preise. Dazu kommt, daß sie uns näher auf den Pelz rückt. Mein Alter saß dieser Tage fest, wir mußten ihm Geld vorschießen. Ich denke indes nicht, daß es ernsthaft wird, das ist aber jetzt alles gleichgültig.
Manchester kommt immer tiefer hinein. Der stetige Druck auf den Markt wirkt ganz enorm. Kein Mensch kann verkaufen. Jeden Tag hört man von niedrigeren Geboten, wer noch etwas Anstand hat, bietet seine Ware gar nicht mehr an. Unter den Spinnern und Fabrikanten sieht es greulich aus. Kein Garnagent verkauft den Fabriken mehr Garn zum Verweben außer gegen cash oder Sicherheit. Einzelne Kleine sind schon gepurzelt, das ist aber noch gar nichts.
Mercks sitzen total fest, hier wie in Hamburg, trotz der zweimaligen starken Subventionen. Man erwartet, daß sie dieser Tage fallen. Nur außerordentliche Zufälle können sie retten. Das Hamburger Haus soll bei 4 à 5 Millionen Mark Bankokapital für 22 Millionen liabilities haben (13 Mark = 1 £). Nach andern Berichten soll die Krisis das Kapital schon auf 600 000 Mark zusammengeschmolzen haben.
Wir kriegen noch vier distinkte Krisen: 1. die Kolonialwaren, 2. Korn, 3. Spinner und Fabrikanten, 4. home Trade — diese erst im Frühjahr frühstens. In den Wolldistrikten fängt es jetzt schon an, und zwar ganz hübsch.
Vergiß nicht, Dir die balance-sheets der Falliten zu notieren — Bennoch, Twentyman, Reed in Derby, Mendes da Costa, Hoare, Buxton and Co. Alle sehr erbaulich.
Deine Ansicht über Frankreich ist seitdem fast buchstäblich durch die Blätter bestätigt worden. Der crash dort ist sicher und wird erst die mittel- und norddeutschen Schwindler hineinbringen.
Die Verhandlungen über Macdonald, Monteith, Stevens (London and Exchange Bank) hast Du doch notiert? Die London and Exchange Bank mit den borrowed notes, die als security figurieren, sind das Großartigste, das ich je gelesen habe.
Norddeutschland ist außer Hamburg fast noch gar nicht in die Krisis gezogen. Jetzt fängt’s auch an. In Elberfeld ist Heimendahl (Seidendoublierer und Händler), in Barmen Linde & Trappenberg (small ware Manufacturer) falliert. Beides anständige Häuser. Die Norddeutschen haben soweit fast bloß noch Verluste gehabt; bei ihnen, wie hier, wirkt der momentan gesprengte Geldmarkt nicht so arg wie die in die Länge gezogne Unverkäuflichkeit der Waren. —
Wien kommt auch noch dran.
Lupus gibt jetzt klein bei; wir haben recht gehabt.
Der Jammer unter dem Proletariat fängt auch an. Vorderhand ist noch nicht viel Revolutionäres zu merken: die lange Prosperität hat furchtbar demoralisiert. Die Arbeitslosen in den Straßen betteln und bummeln bis jetzt noch. Garotte Robberies nehmen zu, doch nicht arg.
Ich muß jetzt so viel herumlaufen unter Leuten, um die Krisis zu verfolgen, daß mir verdammt wenig Zeit zum Arbeiten für Dana bleibt. Inzwischen das muß auch besorgt werden. Was schreibt er? Und wie geht’s mit der Zahlung dafür?
Herzliche Grüße an Deine Frau und Kinder.
Dein F. E.
Die Manchester Marktberichte stehn immer im Samstags- und Mittwochs-Guardian. Heute geht ein ganzer Packen an Dich ab. Auch steht heute wieder eine Arbeiterstatistik drin.
Gratuliere zu der Prophezeiung wegen des Bankakts.