Karl Marx an Ferdinand Lassalle in Berlin, London, 14. November 1859. Text nach: Gustav Mayer (Hrsg.), Ferdinand Lassalle. Nachgelassene Briefe und Schriften, Bd. III: Der Briefwechsel zwischen Lassalle und Marx (Stuttgart und Berlin 1922), Nr. 84, S. 233-235, nach dem Original, ohne die Anmerkungen des Herausgebers. Übersetzung ins Spanische

Nov. 14. 59. 9 Grafton terrace, Maitlandpark, Haverstockhill, London.

Lieber Lassalle!

Ich antworte diese paar Zeilen umgehend.

Es handelt sich nicht darum, daß Du das Geld schaffen sollst, sondern um eine Wechseltransaktion. Erlaubst Du mir, auf Dich auf drei Monate zu ziehn? In diesem Falle würdest Du die Deckung erhalten. Garantiert nicht nur von mir, sondern auch von Engels, bevor der Wechsel fällig wäre. Es handelt sich also um eine Accommodationbill oder im groben Deutsch um Wechselreiterei. Es ist natürlich noch sehr fraglich, ob ich es fertig brächte, einen solchen Wechsel hier zu negotiieren. Aber es wäre eine chance. Engels würde das nötige beschafft haben, wären alle seine flüssigen Mittel nicht engagiert durch einen Prozeß wegen körperlicher Beschädigung eines Engländers. Die Geschichte kostet über 100 £ Sterling, und von London auf Manchester sind Accomodationbills nur unter Geschäftsleuten möglich. Ich halte es jetzt für zu spät, die Erklärung gegen Meyen einzulegen. Im Fall die „Reform“ und die Augsburger Allgemeine Zeitung sie nehmen, käme sie zu spät nach Berlin. Im Fall sie sie nicht nehmen, wäre Rücksichtnahme auf einen dann veralteten Artikel des großen Meyen überhaupt verspätet.

In bezug auf Vogt handelt es sich für unsre Partei — im Gegensatz zur Vulgärdemokratie — darum, ihn zu zwingen, den Handschuh gegen Blind aufzunehmen. Beide Herren scheinen gleich ängstlich auseinander zu bleiben. Vogt war sehr geschickt, indem er mich in die Quelle der Denunziation verwandelte, zweitens aber — statt des „Volkes“ in London die Allgemeine Zeitung zu Augsburg zum Angriffspunkt machte. In bezug auf mich kann er die Sache als Ranküne darstellen; einmal wegen des alten Gegensatzes der Neuen Rheinischen Zeitung zu ihm. (Du weißt wohl, daß Lupus, als er auf die Nationalversammlung nach Frankfurt kam, auftrat gegen Uhlands Dankadresse an den Reichsverweser Johann. Vogt ergriff die Gelegenheit, um sein Gift auszuspritzen. Hielt eine Schimpfrede gegen die Neue Rheinische Zeitung en général und gegen Lupus in particular. Lupus ließ ihn darauf fordern. Aber Vogt erklärte seine Haut zu notwendig für das Vaterland, um sie so zu gefährden. Lupus drohte darauf, ihn öffentlich auf der Straße mit Ohrfeigen zu regalieren. Vogt erschien nun nicht mehr außer flankiert auf der einen Seite von seiner Schwester und auf der andern von einer Bekannten seiner Schwester. Und Lupus war zu höflich etc.) Dann aber wußte Herr Vogt, daß die deutsche Vulgärdemokratie in mir ihre bête noire sieht. Hätte er ferner statt die Allgemeine Zeitung „das Volk“ verklagt, so wäre Blind etc. gerichtlich zum Eidschwur gezwungen worden und die Sache mußte ins klare kommen. Es war endlich etwas ganz andres, direkt mit einem revolutionären Blatt als mit der reaktionären Allgemeinen Zeitung Lanze zu brechen. Die Art, wie der „edle“ Vogt (der „abgerundete“ Vogt, wie sein Verteidiger ihn nannte, ist mehr to the point) mich angegriffen in seinem Bieler Handelskurier, war herzerfreuend. Ich stehe mit „der Polizei“ in Verbindung, lebe auf Kosten der Arbeiter und dergleichen Sottisen.

Was Kossuth betrifft, habe ich alle Details über seine Transaktion mit Bonaparte von Szemere (ehemaliger ungarischer Ministerpräsident, jetzt in Paris). Ich habe ihm meine Tribuneartikel gegen Kossuth geschickt und werde Dir ihn schicken, sobald er mir den Ausschnitt von Paris zurückschickt. Das schönste dabei ist, daß Kossuths Agent Pulszki der London correspondent der Tribune ist.

Das Schillerfest hier war ein Kinkelfest. Freiligrath selbst, der trotz meiner Warnung sich daran beteiligte, sieht jetzt ein, daß Gottfried ihn rein als Instrument gebraucht. Er erzählte mir, daß Kinkels melodramatischer Vortrag eine wahre Affenkomödie war, unglaublich für den, der sie nicht angesehn. Du würdest viel lachen, wenn ich Dir erzählte, was hinter den Kulissen zwischen Kinkel und Freiligrath vorging, eh es zur öffentlichen Aufführung kam. Zur Zeit der Neuen Rheinischen Zeitung figurierte Gottfried in der Presse immer mit dem Attribut der Reisetasche. Später der Muskete, dann der Leier, dann dem Spinnrocken. Jetzt tut's der Pfaffe nicht mehr ohne die schwarz-rot goldne Fahne. Die sogenannten „Arbeiter“, die er um sich gruppiert hat, sind Zunftgenossen, in deren Gesellschaftsstatuten Artikel 1 lautet: „Alle Politik ist statutenmäßig ausgeschlossen von den Gesellschaftsdebatten.“ Dieselben Burschen standen vor 1848 unter Bunsens Protektion.

Doch genug des Geschwatzes, da diese Zeilen bloß de re pecuniaria handeln sollten.

Salut

Dein K. M.