Brief von Friedrich Engels an Ferdinand Lassalle in Berlin, Manchester, 15. [März] 1860 (Engels schrieb irrtümlich „Februar“). Text nach Gustav Mayer (Hg.), Ferdinand Lassalle. Nachgelassene Briefe und Schriften, Bd. III: Der Briefwechsel zwischen Lassalle und Marx, Stuttgart und Berlin 1922, Nr. 96, S. 272–274 (nach dem Original), ohne die Anmerkungen des Herausgebers; Gesperrtes kursiv. Engels datierte „15. Februar“; der Brief ist vom 15. März 1860 (Antwort auf Lassalles Brief vom 11. März; Mayer: „Ende Februar“). Traducción al español.
Manchester, 15. Februar 1860.
Lieber Lassalle!
Meinen besten Dank für Ihre Bemühungen mit Duncker wegen meiner Broschüre. Auf das Arrangement, mich zu nennen, wäre ich eingegangen, hätte nicht inzwischen ein andrer Verleger schon akzeptiert gehabt (das Ding wird bei Ankunft dieses wohl schon heraus sein) und läge mir nicht dran, dem Verfasser von „Po und Rhein“ erst eine Position in der militärischen Literatur zu machen, eh er als Zivilist offiziell (d. h. auf dem Titel) vor die Leutnants tritt. Ihr Argument, daß Sie uns ganz sicher überzeugen würden und deswegen es in unserm Interesse halten, nicht mit Namen in unsrer bisherigen Auffassung der italienischen Geschichten kompromittiert zu sein, hat subjektiv gewiß entscheidenden Wert, wie wir Sie denn auch versichern können, daß wir ebenso sicher sind, Sie zu überzeugen, um so mehr, als unsre Auffassung auf genauem Studium eines diplomatischen Materials beruht, das in London wenigstens in einzelnen Punkten ziemlich vollständig, in Berlin aber sicher nicht dem Publikum benutzbar ist (und großenteils in Berlin überhaupt nicht existiert).
Marx hat Ihren Brief vorgestern erhalten und wird antworten. Einstweilen erfolgt hierbei der früher vergessene Ritter vom edelmütigen Bewußtsein.
A propos. Vor einigen Tagen erhalten wir einen Brief von Nothjung. Dieser arme Teufel ist nach seiner Freilassung „wegen langjähriger Abwesenheit“!!! seines Heimatsrechts in Mühlheim verlustig erklärt und ihm verboten worden, sich innerhalb fünf Meilen von Köln sehen zu lassen. Er ist in Breslau Photograph geworden, hat dort mit vieler Mühe das Einwohnerrecht erhalten. Nun soll er Einzugsgeld, Hausstandsgeld und noch x andere nur in preußischen Wörterbüchern vorkommende Geschichten bezahlen. Daß der arme Bursche nach dem langen Arrest, der ihn noch dazu heimatlos gemacht hat (in welchem Lande kommen solche Geschichten vor!) nicht imstande dazu ist, können Sie sich denken; und bei den heitren Gesetzen, die dort noch herrschen, kann er nicht existieren, ohne all diesen Kram abzumachen. Wäre es nicht möglich, dort etwas für ihn zu tun? Vor 1848 waren solche Dinge in der Rheinprovinz unerhört, und selbst die Bourgeois, die geholfen haben, uns solche Schandgesetze aufzuoktroyieren, sind verpflichtet, einem solchen armen Teufel zu helfen. Heimatlos wegen langjähriger Abwesenheit auf einer preußischen Festung — das soll man einem Engländer erzählen! Seine Adresse ist P. Nothjung, Photograph, Zwingergasse Nr. 7 in der Badeanstalt. Bei Ihren Verbindungen in Breslau wird es Ihnen ein leichtes sein, etwas für ihn zu tun. Übrigens hat sich unser Exschneider auf der Festungsuniversität ganz nett herausgebildet, wie es scheint und schreibt ganz zivilisiert.
Ich schreibe jetzt Kleinigkeiten über die neue preußische Militärorganisation und habe sie Duncker offeriert.
Tout à vous. F. Engels.
Daß ich's nicht vergesse: Dem roten Wolf hat Marx geschrieben. Wir haben aber seit Jahren nichts von ihm gehört. Inzwischen hat Vogt wieder mit dem homme entretenu und swindler Klapka einmal bei Plon-Plon diniert.
Ich öffne den Brief wieder, den ich schon ohne den „Ritter“ geschlossen hatte, um Ihnen zu sagen, daß wir das einzige hier in Manchester noch anwesende Exemplar des Dings nicht finden können, es muß von jemand geschossen sein. Marx hat noch welche in London, und schreibt, daß uns sofort welche hergeschickt werden, worauf wir Ihnen gleich eins zusenden.
Einen großen Gefallen würden Sie mir tun, wenn Sie mir per Post umgehend und unfrankiert einige Nummern der Volkszeitung und Nationalzeitung, worin die Heeresverfassung besprochen, sowie auch ein oder zwei dort erschienene kleine Broschüren über den Gegenstand — alles in ein Kreuzband getan — zuschicken wollten. Bis ich die Sachen herbekomme, dauert sonst eine Ewigkeit, und die Zeitungen sehe ich sonst gar nicht.