Brief von Friedrich Engels an Karl Marx in London, Manchester, 2. Februar 1868. Text nach MEGA¹ III/4, Berlin 1931, Nr. 1102, S. 17–20, ohne den Apparat der Herausgeber. Traducción al español.
Manchester, 2. Februar 1868.
Lieber Mohr,
Die Ursache meines Schweigens war die, daß ich Dir mit meinem Brief zugleich die Absendung des Weines anzeigen wollte. Aber der Kerl, der mir den Wein packt, hat einen Unfall gehabt und wird wenigstens 14 Tage krank liegen, und so habe ich bis jetzt nicht dazu kommen können; womöglich pack ich ihn selbst morgen. Du bekommst sehr guten 1863er Claret und 1857er Rheinwein; Moselwein habe ich nur noch ein paar Flaschen, und die sind in Mornington Street, wo ich sie nicht packen lassen kann.
Dann bin ich auch der Sat[urday] Rev[iew] nachgelaufen und habe mit vieler Mühe die Notiz erwischt. Wenn Du sie nicht gesehn hast, so kann ich Dir Kopie schicken — nicht viel dran, aber immer ein gutes Zeichen.
Ich habe jetzt, außer der starken Beschäftigung beim Jahresabschluß und der aus dem sich wieder belebenden Geschäft entstehenden, noch als Vorsitzender der Schilleranstalt heillose Läuferei, da die Sache mit dem Baufonds sich in 14 Tagen entscheiden muß, und mir bis dahin alle Arbeit selbst zufällt. Indes werde ich doch mit der Geschichte für die Fortnightly anfangen. So wichtig und interessant die Sache über das Geld auch für England ist, so halte ich es doch für angemessen, sie diesmal in den Hintergrund treten zu lassen, sie würde von der Hauptsache ablenken und eine lange Auseinandersetzung erfordern, damit der Engländer nur verstehe, daß es sich vom einfachen Geld als solchem handelt, das er gewohnt ist, nur in seiner Verwicklung mit Kreditgeld etc. sich vorzustellen. Was hältst Du davon?
Die Idee von Kertbeny, Dich in der Leipziger Illustrierten porträtieren zu lassen, ist ganz famos. Diese Art Reklame dringt dem Philister in seinen tiefsten Busen. Gib ihm also ja Alles, was er dazu braucht. Der Mann ist auch sonst zu brauchen, sehr willig, und hat das Bedürfnis emsiger Einmischung überall und in Alles. Eitel, aber nicht dumm für einen Ungarn. Deine Beurteilung der Deutsch-Östreicher damals war sehr richtig.
Der Pole Card hat mir wirklich in seiner Unterschrift einen unlöslichen Puzzle hingestellt. Cwi . . . chiewicz, weder meine Handschriftenkenntnis, noch meine Philologie reichen zu dessen Lösung aus. Of course, he would never do as a translator, und was Schily schreibt, ist sehr faul. Wenn Reclus allein fr. 3—4000 haben will und Moses, der die Hauptarbeit tun will, auch noch sein Teil, und Du die droits d’auteur bezahlt, wo soll da ein Verleger herkommen? Und diesen Leuten das „Kondensieren“ und „Französieren“ zu überlassen? Moses, der eher fähig wäre, das Kapitel über die Bildung des absoluten Mehrwert[s] in 20 Bände zu verwässern, als eine Seite davon um eine Zeile zu kondensieren? Dies hast Du Dir indes selbst zuzuschreiben; wenn man für die deutsche Wissenschaft streng dialektisch schreibt, so fällt man nachher bei den Übersetzungen, besonders den französischen, in arge Hände.
Die Frankfurter Börsenzeitung, wie alles Andre, habe ich an Meißner geschickt, von dem ich seitdem nichts gehört habe. Ich schrieb ihm, er solle aus den diversen Artikeln eine Annonce komponieren.
Liebknechts Blättchen mißfällt mir imme höchschte Grad. Nichts als versteckter süddeutscher Föderalismus. Der Artikel über die schweizerische und preußische Militärgeschichte ist nach Grün (K.) in den Vereinigten Staaten von Europa verarbeitet, fast jedes Wort unrichtig. Dabei steht gar nichts in dem Blättchen, und während er mit hannoverschen Partikularisten und süddeutschen Knoten ganz dick ist, greift er die Berliner Zukunftsleute an, die doch weiß der Henker mindestens ebenso gut sind wie dies Gesindel. Ich habe übrigens nur drei Nummern erhalten.
Wie wenig die Preußen dem Landfrieden in den neuen Provinzen trauen, geht aus der neuen Dislokation und Organisation der Armee hervor. Z. B. 3 hannoversche Infanterie- und 2 Kavallerieregimenter stehen in Westfalen resp. Wesel, während in Hannover nur 2 hannöversche Infanterie- und 3 Kavallerieregimenter, aber außerdem in Westfalen 4 Infanterie- und 2 Kavallerieregimenter stehn. In Schleswig-Holstein stehn zwar die einheimischen Regimenter bis auf eins, aber daneben 2 Infanterie- und 2 Kavallerieregimenter aus den alten Provinzen. In Hessen stehn zwar nominell 3 hessische Regimenter Infanterie, aber davon besteht das 82. (2. hessisches) aus Westfalen! Dabei sind die Nassauer nach Hessen, die Hessen nach Nassau und Teile beider mit altpreußischen Regimentern nach Mainz gesteckt. Frankfurt endlich wird durch pommersche Infanterie und rheinische Kavallerie in Ordnung gehalten.
Der große Borchardt scheint sich dem Ziele seiner Laufbahn zu nähern. Du weißt, daß er schon seit Jahren seine priesterliche Neigung von der schönen Frau Steinthal auf die schönere Frau Schwabe verlegt hat und diese alljährlich wegen ihrer schwachen Gesundheit nach Deutschland ins Bad brachte und ebenso wieder abholte, während der Gatte aus Gesundheitsrücksichten für die Frau zu Hause bleiben mußte. So nahm B[orchardt] sie selbst mit, wie Schw[abe] mir und Knowles eines Tages erzählte, „nach Königsberg zur Krönung“ —, worauf ich natürlich fragte: „wessen Krönung?“ Obwohl ich den gehörnten Esel eine volle halbe Stunde lang wegen der Krönung verhöhnte, und der dicke Knowles laut auflachte, so merkte das Vieh doch nichts. Nun aber, nachdem der priesterliche Arzt den Gatten jahrelang von der kranken Frau getrennt gehalten, stellt sich auf einmal heraus, daß die kranke Frau schwanger ist und gegen April ihrer Niederkunft entgegensieht. Dazu muß der Hohenpriester sonderbarer Weise irgend eine Unvorsichtigkeit oder Unklugheit sich haben zu Schulden kommen lassen, genug, dem gehörnten Esel geht plötzlich ein Licht auf, er gibt sein Haus hier auf und zieht nach Berlin, verkauft seine hunters, obwohl er noch die ganze Jagdsaison hier ist, resigniert seine Klubmitgliedschaft und ist mit dem Hohenpriester so verfeindet, daß, als dieser hier eine Sammlung für die Ostpreußen zu Wege bringt und 700 £ an die Zukunft schickt, der gehörnte Esel sich in die Arme des preußischen Konsuls wirft und mit diesem ca. £ 350 für das offizielle Comité zusammenbringt. Hierüber nun großer Klatsch unter den Philistern und, obwohl die obige Geschichte nur ganz im Dunkeln gemunkelt wird, so ist des Hohenpriesters Stellung doch sehr erschüttert, und viele wagen mit Disrespekt von ihm zu sprechen. Er sieht auch nicht mehr so fidel und elegant aus. Ich bin begierig, wie das weiter geht. (Notabene. Die Namen aus dieser Geschichte unter uns.)
Grüß die Damen und Lafargue bestens.
Dein F. E.