Brief von Karl Marx an Friedrich Engels in Ramsgate, Ryde, 15. Juli 1874. Text nach MEGA¹ III/4, Berlin 1931, Nr. 1439, S. 415–416, ohne den Apparat der Herausgeber. Traducción al español.

  1. Juli 1874.

11 Nelson Street, Ryde.

Lieber Fred,

Es ist eine wahre Schande, daß ich Dir noch nicht geschrieben habe, aber beim absoluten Müßiggang ist es bekanntlich sehr schwierig, Zeit zu finden. Dies island ist ein kleines Paradies, namentlich für die Herren, die überall das bestgelegne Land umparkt haben. Wir haben eine Tour um die Insel gemacht per boat, waren in Ventnor, Sandown, Cowes, Newport, und außerdem verschiedne Fußtouren. Um letztre mit Konsequenz auszuführen, ist es zu warm, obgleich sicher sehr gemäßigte Temperatur, verglichen mit London.

Die Religion scheint hier überall unter den natives zu blühen, außerdem aber sind es praktische Leute. „Vote for Stanley, the rich man,“ fanden wir hier überall in der Umgegend angeschlagen. Der Stadtrat von Ryde, worin verschiedne Mitglieder der Ryde Pier- und Eisenbahnkompanie sitzen und dessen Verhandlungen in der hiesigen Lokalpresse das englische Unterhaus ersetzen, ist ein wahres Muster von jobbing.

Unser landlord ist ein scripture reader for the poor, und seine theologische Bibliothek, about two dozen volumes, ziert unsren sitting room. Obgleich er zur Church of England gehört, fand ich doch darunter Spurgeons Predigten. In Sandown, wo ich ein warmes Bad nahm, fand ich ähnliche library im Badehaus, und man kann keinen Schritt tun, ohne fromme Meetings angezeigt zu sehn. In der Tat, der plebs hier ist sehr arm und scheint in der Kirche seine Hauptzerstreuung zu suchen. Es wäre ganz interessant zu untersuchen, wie diese ursprüngliche Fischerbevölkrung in no time in diesen gottzerknirschten Zustand heruntergedrückt worden ist. Die „Übervölkerung“ hat’s sicher nicht getan, denn allzusamt gibt es hier keine 100 000 wirkliche Einwohner.

Mein Gesundheitszustand ist besser, namentlich keine Pillen nötig, aber der Kopp trotz alledem nicht völlig in Ordnung.

Große Freude machte uns letzten Sonnabend Laurachen durch seinen Besuch; leider mußte sie wieder Montag Abend rückkehren. Als wir sie bei ihrer Abreise zum Pier begleiteten, langte aus Brighton eine Temperanz-Exkursions-Bande an. Die Hälfte davon war besoffen. Es war, wie ein alter Engländer neben mir bemerkte, „the worst lot he had ever met with in his life“, und in der Tat, ich habe auch nie einen solchen Rummel von verkümmerten, flegelhaften, unflätigen Idioten zusammengesehn, die Frauenzimmer dazu grundhäßlich, alles „junge Leut’“. Für foreigners wäre dies sample von freeborn Britons frappant gewesen.

Daß der Kaiser von Rußland in Sachsen nicht den Hals gebrochen hat, ist wesentlich zu bedauern. Du wirst aus den Zeitungsnotizen ersehn haben, daß, wenn die Russen dem Bismarck seinen Kriegsartikeln auf dem Brüssler Kongreß europäische Sanktion zu geben versprachen, sie in der Tat dahingegen bezweckten, ihre Vorarbeiten zu Paris (1856) über die maritime rights dort weiterzuführen. Wenn statt Disraeli Gladstone Premier, wäre ihnen der trick auch gelungen. Wie es ist, kann dieser Kongreß nur eine failure werden.

Der Fehlschuß auf Bismarck scheint doch momentan seinen Kopf alteriert zu haben. Hätte er sonst, trotz des Kissinger Wassers, u. a. von „die Freiheit“ gesprochen, die die im Krieg Gefallnen und er selbst dem deutschen Land erkämpft haben? Der schöne Wilhelm aber muß es etikettenwidrig finden, daß man es nicht mehr der Mühe wert achtet, auf ihn zu schießen.

In Frankreich ist es die Furcht vor der Dissolution, welche die Kerls so scheu macht. Mac Mahon, trotz seiner königlich preußischen Kabinettsordre, ist offenbar nicht so entschlossen, wie er sich stellt. Ein coup d’état, das weiß er auch, macht ihn von den Bonapartisten abhängig und bringt das Septennat sehr rasch zu Ende. Andrerseits fürchtet er sich auch vor einer Dissolution, ohne vorherige Regulierung oder „Organisierung“ des Marschallats. Wenn die ruraux ihre Interessen über ihre ideologischen Nucken stellen, werden sie trotz allem Sträuben ihm „möglich machen zu regieren“. Aber hat man je so etwas Komisches in der Weltgeschichte erlebt, wie diese Kollision und ihre Heroen? Wenn die Republik sich durchpißt, ist sicher niemand unschuldiger daran als die Republikaner von Profession.

Mit bestem Gruß an Madame Lizzy und Pumps.

Dein Mohr.