Brief von Friedrich Engels an Karl Marx in London, Ramsgate, 15. Juli 1877. Text nach MEGA¹ III/4, Berlin 1931, Nr. 1465, S. 457–458, ohne den Apparat der Herausgeber. Traducción al español.

2 Adelaide Gardens, Ramsgate, 15. Juli 1877.

Lieber Mohr,

Seit Mittwoch sind wir hier installiert, leider aber wirkt die Seeluft diesmal bei meiner Frau nicht mit erwünschter Geschwindigkeit, der Appetit will noch nicht recht kommen. Bei mir sind die Folgen der Manchesterexkursion dagegen bereits „aus den Augen, aus dem Sinn“.

Inliegender Brief wird mir nebst einem von demselben Wiede (der also doch von unserm lustigen Puckelchen verschieden sein muß) für mich zugeschickt. Schreib mir, was Du dem Biedermann antwortest, damit wir unisono verfahren.

Die erste Korrektur der „Ökonomie“ ist bereits hier. Der Bogen 6 der „Philosophie“, worin 29 Zeilen ausgefallen waren, wird neu gedruckt; hoffentlich gibt’s dabei nicht wieder etwas Unangenehmes.

Der Collapse der Russen in Asien ist mir noch immer nicht ganz erklärlich. Die kaukasische Armee ist 8 Divisionen à 16 Bataillone, also 128 Bataillone Linie (außer Schützen, Garnisönern und Neuformationen) stark, Loris Melikoff soll aber jetzt im Ganzen nur an 40—50 Bataillone haben. Rechnen wir auf die Flügelkolonnen bei Batum und Bajased noch 30 Bataillone (sicher sehr hoch), so bleiben 50—60 Bataillone, to be accounted for. Diese müßten also im Kaukasus zur Deckung der Verbindungen geblieben sein; daß diese Annahme den ursprünglichen russischen Rodomontaden widerspricht, wäre kein Grund dagegen. Anyhow scheint die Landung in Suchum Kaleh — was auch ihre wirklichen direkten Resultate gewesen sein mögen — den Zweck vollständig erfüllt zu haben, fast die halbe Kaukasusarmee im Kaukasus selbst festzuhalten.

In Bulgarien scheinen die Russen einstweilen ihren Weg zu fühlen, was ihnen dank der türkischen rein passiven Verteidigung (die die preußischen Leutnants der K[ölnischen] Zeitung rein zur Verzweiflung bringt) auch leicht genug gemacht wird. Jedenfalls präparieren sie, wie es scheint, einen raschen Vorstoß über den Balkan, sei es über Gabrowa-Kasanlyk oder über Sofia-Philippopel. Wenn sie ihn ausführen und die türkische Regierung sich nicht dadurch einschüchtern läßt, so könnte diese „modernste Kriegführung“ ein Ende mit Schrecken nehmen. Drei Armeekorps in Thrazien zu verpflegen und mit Munition etc. versehen zu halten ohne fahrbare Verbindung nach hinten, ist ein Kunststück, woran selbst der große Nikolas Nikolajewitsch kaputt gehn kann.

Den Türken tun platterdings einige Europäer not. Die Leute kennen entweder nur Offensive oder nur Defensive. Verbindung beider geht über ihren Horizont. Wie jener türkische Major dem Leutnant der K[ölnischen] Zeitung sagt: Sehn Sie da, jenseits der Donau, die vielen Russen? — Zum Teufel, warum schießen Sie denn nicht mit Ihren Kanonen drauf? — Yok, Efendim, nein, mein Herr, aber wenn die Russen auf uns schießen, dann sollen Sie mal sehn, wie wir ihnen antworten! — Und währenddessen bauen die Russen ganz gemächlich ihre Batterieen. Wäre 1853 Silistria so verteidigt worden, so wäre es bald gefallen.

Beste Grüße von Haus zu Haus.

Dein F. E.