Text nach der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA¹), I. Abteilung, Band 2 (Berlin 1930), S. 132-140, ohne den Apparat der Herausgeber. Zuerst erschienen ohne Unterschrift im „Morgenblatt für gebildete Leser“ (Stuttgart), Nr. 306-309, 23.-26. Dezember 1840; nach den Herausgebern der MEGA zweifellos von Engels. Traducción al español.

Eine Volkssage.

Es war im Sommer des Jahres 1749, als in der freien Reichsstadt Bremen in dem Hause des Ratsherrn Sebaldus Beerlein die Familie beisammensaß und sich auf gewohnte Weise die Abendstunde von acht bis neun mit Gesprächen und einfachen kleinen Spielen der jüngeren Genossenschaft verkürzte. Die Familie befand sich in dem geräumigen Gemach, das nach der Sitte damaliger Zeit mit geschnitztem Holzwerk belegt und hier und da mit nicht wertlosen Ölgemälden, die der Vater des Herrn Sebald auf seinen Reisen in Holland eingekauft, verziert war. Die alte Großmutter des Ratsherrn saß in einem Armstuhl von gepreßtem Leder, mit Goldblumen geziert, auf erhöhter Fensterstufe und blickte, wie sie es gewohnt war, in das Abendrot hinein, wie es über die Dächer hereinschimmerte und die Spitzen der fernen Kirchen erhellte. Sie murmelte dabei für sich ein altes Kirchenlied von Paul Gerhardt, das von der Ruhe der Frommen nach dem Tode handelt und diejenigen glücklich preist, die in der letzten Erdennot gut bestanden und alles Weh der Zeitlichkeit nun weit hinter sich haben. Sie zählte achtzig Jahre, und somit hatte sie wohl Grund genug, ein solches Lied zu singen. Catharine Beerlein, die Ratsherrin, eine geborene Ruhbergin, von dem reichsstiftlichen Geschlechte derer von Ruhberg aus Hildesheim, eine stattliche, noch junge Dame, saß nicht weit vom Fenster ab an einem kleinen Tischchen und spielte mit ihrem Vetter, dem Ratskopisten Ruhberg, einem noch fast knabenhaften jungen Menschen, eine Partie Landsknecht. Sie verwechselte im Dämmerlicht die Karten, der Jüngling benutzte dieses und betrog absichtlich seine Muhme, und diese verwies ihm seine losen Streiche mit lauten Scheltworten und lachendem Gezänk. Eine Gruppe Kinder saß in der Mitte der Stube beisammen, und die kleine Sigismunde, die älteste Tochter, ein Mädchen von zwölf Jahren, erzählte ihren Geschwistern mit leisem, heimlichen Tönen ein langes Märchen, das mit lautloser Neugier angehört wurde. Theobald Ahlwert, ein alter treuer Diener des Hauses, stand an der Ofenecke und überrechnete still für sich die heutige Einnahme eines kleinen Kramladens, den seine Frau hielt, und, wie er zu vermuten Ursache hatte, nicht zum besten hielt. So war jedes Mitglied der kleinen Familie auf seine Weise beschäftigt und kümmerte sich nicht um das Treiben des andern.

Herr Sebaldus Beerlein selbst saß auf dem Kanapee, und die eine Hand in die Westentasche gesteckt, auf die andere den Kopf gestützt, blickte er in die Dämmerung vor sich hin, freute sich der lachenden Stimme seiner Frau, der leise flüsternden Töne seines Kindes, und richtete von Zeit zu Zeit seinen Blick auf die dunkle Gestalt der Großmutter, wie ihr zitterndes Haupt und ihre edlen, scharfgeformten Züge sich gegen den Abendhimmel abzeichneten. Solche Augenblicke haben für einen Familienvater großen Wert. Er überdenkt dann sein früheres Leben, er zählt die Schätze an Glück und Frieden, die ihm geworden, und für die Zukunft macht er Pläne, alles, was er Liebes hat, zu erhalten, wo nicht noch zu vermehren.

Die Glocke des nahen Turms schlug jetzt die neunte Stunde. Sowie die letzten Töne verhallt waren, stand der Ratsherr auf, nahm seinen Hut und Stock und schritt eilig zur Türe hinaus. „Sebald!“ rief ihm die Frau nach, „gehst du ins Comptoir und willst du, daß man Licht hinunterbringe?“ Der Ratsherr antwortete nicht, man hörte ihn die Treppe hinabsteigen und bald darauf die schwere Haustür hinter ihm zufallen. — „Wo geht er hin?“ fragte die Großmutter. „Ich weiß es wahrhaftig nicht,“ entgegnete die Tochter. „Er wollte den Abend mit uns zubringen. Es muß ihm plötzlich etwas eingefallen sein.“ Die Alte schüttelte das Haupt, erwiderte aber nichts. Es wurde Licht gebracht, die kleine Familie setzte sich am runden Tisch zusammen; Catharine stellte einen Teller mit Nüssen und Backwerk auf; die Großmutter bekam ihr Näpfchen von bemaltem Steingut mit der Abendsuppe. Der Platz für den Hausherrn blieb leer, denn jedermann war der festen Überzeugung, daß er gleich wieder in die Stube treten werde; aber er kam nicht. Es schlug ein Viertel vom Turme, dann halb, dreiviertel und endlich zehn Uhr, und er war noch nicht da. Theobald ward ausgesandt, bei dem Weinhändler gegenüber anzufragen, ob vielleicht der Ratsherr in dessen Stube sich eingefunden, und ob ein paar Freunde ihn dort aufgehalten. Theobald kam wieder und versicherte, der Weinhändler habe den Herrn nicht gesehen. Catharine scherzte nun über dieses eilige Hinweggehen ihres Eheherrn, aber niemand wollte in diese Munterkeit einstimmen, besonders weil die alte Großmutter ein so ernsthaftes Gesicht machte. Sie hatte sich seit einigen Tagen unwohl gefühlt und sagte jetzt: „Es ist nicht recht, daß er so fortgeht; ich muß jeden Augenblick gewärtig sein, abgerufen zu werden, und leid täte es mir, wenn ich ihn nicht mehr sehen sollte.“ Catharine schalt wegen dieser Äußerung auf die Großmutter und verwies ihr solch böse Reden. Die Alte hielt ihr Abendgebet und ließ sich dann von Catharine in ihr Schlafgemach führen. Die Kinder wurden ebenfalls zu Bette gebracht, der junge Ruhberg empfahl sich, Catharine blieb in der Stube allein wach und setzte sich mit ihrer Arbeit zum Licht, entschlossen, nicht früher zur Ruhe zu gehen, als bis ihr Mann zurückgekehrt.

Es schlug elf, es schlug zwölf, und kein Schritt draußen ließ sich hören. Die Straßen waren stille und ausgestorben, in einer entfernten Gasse blies der Wächter, und aus dem verhängten Fenster einer Erkerstube klang der leise Gesang der Wächterinnen, die bei einer Leiche wachten. Der Nachthimmel war bedeckt und aus den spärlichen Wolkenrissen blickten Sterne, die Catharinens Auge zählen konnte. Sie stand am Fenster, und jeder an den nahen Häusern vorbeischleichende Schatten schien ihr der endlich zurückkehrende Sebald zu sein; aber er war es immer nicht. Wie sie wieder zum Tisch an die Arbeit zurückkehrte, fühlte sie eine Mattigkeit und Beängstigung. Sie bedachte jetzt ernstlich, daß es gar nicht in Sebalds Weise lag, so plötzlich, und ohne ein Wort zu sagen, fortzugehen und so lange wegzubleiben. Hatte er seinen Entschluß geändert und mußte er den Abend noch einen Gang machen, so hätte er gewiß ein paar Worte seiner nicht weit von ihm sitzenden Frau zugeflüstert; nie ging er auch nur auf eine Stunde weg, ohne daß er Catharinen benachrichtigte und sie bat, das Abendbrot für ihn aufzuheben, und jetzt blieb er die ganze Nacht fort. Sie überdachte sein Betragen den Tag vorher, und unruhig, wie sie war, glaubte sie sich zu erinnern, daß es nicht ganz so wie gewöhnlich gewesen, und dennoch konnte sie, bei noch schärferem Nachdenken, nichts Bestimmtes angeben. Jeder unbedeutende Zwist wurde von der ängstlichen Frau erwogen; aber dann sprach sie wieder zu sich selbst: „Welch ein Zwist müßte der gewesen sein, der einen Mann also von seinem Weibe triebe, und Sebald hatte es nicht in seiner Art, so ernstlich zu grollen.“ Auch seine Vermögensumstände bedachte Catharine; aber, so viel ihr bewußt, waren diese geordnet, und wären sie auch noch so zerrüttet gewesen, der allgemein beliebte und verehrte Ratsherr hätte doch deshalb nicht in Nacht und Nebel zu verschwinden gebraucht; dafür hatte er Freunde und reiche, teilnehmende Verwandte.

Über diesen Betrachtungen brach die Morgenstunde an und Catharine löschte ihre Lampe. So ermüdet sie war, kam doch kein Schlaf in ihre Augen. Nach und nach wurde das Haus lebendig, die Türen gingen und im Zimmer der alten Großmutter kündete der trockene Morgenhusten ihr Erwachen an. Die Kinder kamen und Catharine verschwieg ihnen und der Alten die Abwesenheit ihres Mannes. Aber wie lange konnte sie das? Geschäftsleute sprachen vor, der Ratsdiener kam, Freunde fragten, endlich mußte sie gestehen, sie wisse nicht, wo ihr Mann sei. Man wartete einen Tag; dann ging das Gerücht in der Stadt umher, der Ratsherr Beerlein sei spurlos verschwunden. Jetzt wollten einige am Ufer des Stroms den Hut und den Stock des Mannes gefunden haben, andere sprachen von einem, zur nächtlichen Stunde gehörten Schuß im nahen Walde, und die Leiche des Selbstmörders sollte von heimlich gedungenen Köhlern in der Stille des Morgens in die Stadt geführt worden sein. Noch wunderlichere Gerüchte erzählten, Herr Beerlein sei mit einer Eskorte über die Grenze geführt worden, um wegen plötzlich bekannt gewordener Verbrechen im Nachbarlande seine Strafe zu empfangen. Man kann sich denken, was Catharine und die Ihrigen bei diesen Reden litten. Immer noch glaubte die arme verlassene Frau, der Mann werde stündlich, täglich erscheinen, und immer ward sie getäuscht. Es verging ein Monat, es vergingen zwei, endlich ein Vierteljahr, und keine Spur von dem Ratsherrn Beerlein war zu sehen. Die Aufrufe in den Zeitungen fruchteten nichts, ebensowenig die im Geheim unermüdlich angestellten Nachforschungen. Der Mann war und blieb verloren, wie unter die Erde gesunken. Niemand hatte ihn aus dem Tore wandeln sehen, niemand ihn auf der Straße bemerkt; so genau seine Kleidung, sein Gesicht, seine Figur beschrieben wurden, nirgends in den naheliegenden Orten war eine solche Gestalt gesehen worden.

Drei Jahre waren vergangen, niemand sprach mehr von dem verschollenen Ratsherrn, als eines Abends spät, es war wiederum im Hochsommer, ein Mann an die Türe des Beerleinschen Hauses klopfte und Einlaß begehrte. Er sah bleich und ermüdet aus. Man fragte ihn, was er wolle. Der Unbekannte war sichtlich bestürzt über diese Frage. „Wer seid Ihr?“ fragte er dagegen den jungen Mann, der ihm die Türe geöffnet hatte. „Wie kommt Ihr in mein Haus?“ — „In Euer Haus?“ rief der Jüngling und maß den Fragenden von Kopf bis zu Fuß. „Ich bin der Kommis der Weinhandlung und dieses Haus gehört dem Herrn Van Peters.“ — „Van Peters!“ rief der Fremde. „Was fällt Euch ein, einfältiger Spaßvogel! Weiß ich denn nicht, wo die Weinhandlung und wo mein eigenes Haus ist?“ Mit diesen Worten drängte er ungestüm den jungen Burschen beiseite und stieg die wohlbekannte Treppe hinauf. Er ging über den Gang; dieser war mit unbekannten Möbeln und Gemälden versehen; er wollte die Stubentür öffnen, da schallte ihm lautes, schallendes Gelächter, Gläserklang und rauhe, streitende Stimmen entgegen. „Ist es möglich!“ rief er bei sich, „hat Catharine Gäste? und noch dazu so ungebührlich laute?“

Leise öffnete er die Tür und sah schaudernd eine Reihe trunkener Gesichter um einen Wirtstisch geschart. Im Zimmer sah es wüste aus, und Tabaksqualm erfüllte den sonst so behaglichen, reinlichen, zierlich geputzten Raum. Das Täfelwerk war beschädigt und hie und da von der Wand abgelöst, der Stuhl am Fenster, wo die Großmutter zu sitzen pflegte, war von einem dickbauchigen Schläfer eingenommen. Aber die Abendsonne schien wie damals durch die Scheiben und ihr goldener Schein schnitt dem armen, wiedergekehrten Ratsherrn wie mit scharfen Schwertern ins Herz. Er stand auf der Schwelle seines lieben Zimmers, er suchte die teuern Gestalten, die er vor einer Stunde hier verlassen, und alles war schreckenvoll umgewandelt, wie in einem ängstlichen, wahnsinnigen Traum. Der Arme rieb sich die Stirne, er schloß die Augen, öffnete sie wieder und schwankte wie einer, den die Besinnung zu verlassen droht. Die Gäste wurden seiner ansichtig und spotteten des bleichen Mannes, der, in das Wirtshaus kommend, schon betrunken schien. Da schrie auf einmal des Wirts laute Stimme dazwischen: „Herr Jesus, das ist ja der verschollene Ratsherr!“

Dieser Ausruf packte mit panischem Schrecken die Gäste, sie setzten schnell ihre Gläser hin und starrten zur Türe, wie auf ein Gespenst. Niemand erwiderte den Gruß des Mannes, der nun still kam und sich auf die Ecke der Bank hinsetzte. Die andern rückten von ihm weg, der Wirt allein machte sich an ihn. „Herr Ratsherr,“ rief er, „wo seid Ihr gewesen? Man hat Euch drei Jahre vergeblich gesucht.“ — „Drei Jahre!“ wiederholte Beerlein und sah starr den Wirt an. — „Dieses Haus,“ fuhr jener fort, „ist nicht mehr Euer; Eure Witwe, oder Eure Frau, wollt’ ich sagen — vergebt, ich spreche zu Euch, wie zu einem Toten — hat im zweiten Jahr, da Ihr nicht kamt, das Haus mir verkauft und wohnt jetzt in einem kleinen Städtchen in der Nachbarschaft.“ — „Meine Großmutter?“ fragte Herr Beerlein. — „Sie starb wenige Wochen nach Eurem Verschwinden.“ — „Meine Kinder?“ — „Sind tot; eine Seuche, die im vorigen Jahre in unserer guten Stadt wütete, hat sie dahingerafft.“

Bei diesen Antworten sank des armen Ratsherrn Haupt immer tiefer, er gab keinen Laut des Schreckens oder des Schmerzes von sich, aber sein ganzes Wesen drückte ein geheimnisvolles, unendliches Leid aus. So ging er still aus der Stube, wie er gekommen war. Der Wirt folgte ihm, faßte ihn an der Treppe und fragte ihn laut und schneidend: „Wo seid Ihr gewesen, Nachbar?“ — „Fragt mich nicht,“ erwiderte der Arme; „Gott hat mich in ein wundervoll Gericht geführt. Ich fühle, daß ich sterben werde.“ — Mit diesen Worten fiel er in eine tiefe Ohnmacht. Man sorgte dafür, daß er zu seinem Weibe gebracht wurde, und man kann sich Catharinens Schrecken und Freude denken, als sie den Verlorenen so heimkehren sah. Sie empfing ihn in ihren Wittwenkleidern, die sie dann sogleich ablegte, um sie wenige Wochen darauf, diesmal mit vollem Rechte, wieder anzulegen. Denn Herr Sebaldus Beerlein verschied, wie er es vorhergesagt hatte, eines sanften Todes. Vorher jedoch vertraute er seinem Seelsorger die seltsame Geschichte seines Verschollenseins, und die Familie bewahrt noch diese Urkunde auf. Sie ist beglaubigt und unterschrieben von vielen damals lebenden Zeugen, die den Ratsherrn hatten verschwinden und wiederkommen sehen, und die Gerichte haben ihre Siegel darunter gesetzt. Der wesentliche Inhalt der Schrift ist folgender.

Am Sonntage Trinitatis des Jahrs 1749, so erzählt der Ratsherr in dem eben angeführten Bekenntnisse, abends zwischen acht und neun Uhr saß ich ruhig und in den freudigsten Gedanken über meine Familie, die sich um mich versammelt hatte, als ich deutlich ein Klopfen an der Türe hörte. Ich achtete dessen nicht, und meinte, Ahlwert, mein Diener, der sich dicht an der Türe befand, werde schon öffnen, oder der Anklopfende werde, wenn man sein Zeichen nicht beachte, selbst hereintreten. Aber es geschah nicht; statt dessen klopfte es jetzt dreimal hintereinander sehr stark. Mich wunderte, daß niemand im Zimmer dies laute Pochen zu hören schien; alle blieben ruhig an ihren Plätzen. Plötzlich war es mir, als spräche zu mir eine Stimme: „Steh auf, nimm Hut und Stock und folge.“ Ich beschwichtigte diese seltsame innere Aufforderung und blieb sitzen, allein eine Beklemmung, eine Bangigkeit ergriff mich jetzt, wie in der schwersten Krankheit; es ward mit diesem peinlichen Gefühl so arg, daß ich nicht anders konnte, ich mußte Stock und Hut nehmen und zur Tür hinausgehen.

Als ich im Gange stand, erblickte ich einen Mann neben mir, der mich mit festem Blick ansah, und wiederum tönten die Worte in mein Ohr: „Komm, folge mir.“ Ich kannte den Mann nicht und wußte nicht, was er von mir wollte; ich fühlte aber, daß er von dem Augenblick, wo ich die Schwelle meines Zimmers überschritten, Macht über mich hatte, und ich folgte. Wir stiegen die Hintertreppe hinab und gingen durch einen Gang am Nachbarhause, von dessen Dasein ich nie früher etwas gewußt habe. Es war ein gewölbter Gang, und so viel ich mich besinne, standen Tonnen und leere Warenbehälter an den dunkeln Wänden aufgehäuft. Er wurde enger und enger, und zuletzt war ich genötigt, gebückt einherzuschreiten, meinem Führer nach, der immer gerade vor mir herging. Wir gelangten an ein dunkles Gewässer, das ich für einen bedeckten Kanal hielt; das Wasser floß aber unheimlich und finster; die zwei Bretter, die zur Brücke dienten, waren baufällig und schwankten stark, als ich darüber schritt; mein Führer jedoch ging leicht wie eine Feder und völlig geräuschlos über diesen gefährlichen Steg.

Endlich kamen wir ins Freie und ich sah den gestirnten Himmel über uns. Im Westen verglühte noch die Abendröte, und ich besinne mich, als ich umschaute, noch den Turm unserer Hauptkirche deutlich gesehen zu haben; alles andere war wie in einen Nebel gehüllt. Wir gelangten jetzt auf eine weite, unabsehbare Fläche, die mir völlig unbekannt dünkte. Kein Baum, keine Hütte, selbst kein Weg war zu sehen. Die Erde war wie mit vertrocknetem oder versengtem Grase bedeckt, so als hätte vor langer Zeit eine gewaltige Feuersbrunst hier gewütet. Ich teilte diese Bemerkung meinem Führer mit, indem ich ihn zugleich fragte, wo er mich denn hinbringe. Ohne zu antworten, machte er eine stumme Bewegung, daß wir weiter schreiten sollten. Dies geschah auch; ohne ein Wort zu wechseln, gingen wir miteinander die Heidefläche entlang. Die Abendröte verschwand gänzlich und ein Nebel verbreitete sich über den Sternenhimmel, so daß Erde und Himmel in denselben grauen, bleifarbenen Schimmer gehüllt waren. Ich kann nicht sagen, wie schauervoll und die Seele bedrückend diese Einsamkeit war. Wie labend wäre mir auch nur der kleinste Laut des Lebens gewesen! selbst unsere eigenen Schritte hörten wir nicht auf dem weichen Boden. Von Zeit zu Zeit wehte ein kühles Lüftchen über die Fläche, aber es erquickte mich nicht, denn es führte einen unleidlichen Moderduft mit sich.

Wie wir ungefähr eine halbe Stunde gegangen sein mochten, erblickte ich ein Haus, das auf der Ebene ganz einsam stand und dessen Fenster hell erleuchtet waren. Es war in einem Stil aufgeführt, wie man Paläste baut, Säulen trugen das Dach und kostbare Wappenschilder, prächtige Treppen und schöne vergoldete Statuen zierten den Bau. Mein Gefährte winkte mir, hereinzutreten. Ich stellte ihm vor, daß ich das Haus und seinen Besitzer nicht kenne. „Du wirst ihn kennen lernen,“ entgegnete er; „nur hüte dich, irgendeine Frage an ihn oder seine Umgebung über das, was deine Augen sehen werden, zu richten. Stumm, wie du kommst, geh wieder und zeichne in deinem Gedächtnis auf, was du siehst.“

Mit diesen Worten öffnete er die Türe eines großen, prächtigen Saals, und ich sah beim Glanze von tausend Kerzen eine geputzte Gesellschaft an den Wänden sitzen, die ihre Blicke auf mich richtete. Es waren vornehme Herrn und wunderschöne Frauen, aber ich kannte niemanden. Es waren Gesichter, die ich nie in meinem Leben gesehen. Mein Begleiter, der an der Tür in einer ehrerbietigen Stellung zurückblieb, winkte mir, mich der Gesellschaft zu nähern. Ich tat es, obwohl scheu, und man erwiderte meinen Gruß mit einer abgemessenen, aber nicht unfreundlichen Verbeugung; denn jeder schien mit sich und seinem Nachbar beschäftigt, und niemand bekümmerte sich weiter um mich. Ich hatte Zeit zu beobachten, und es fiel mir bald auf, daß alle diese schönen Damen an ihren wie Alabaster weißen Hälsen kleine rote Schnüre hatten; die Herrn trugen über ihren Halsbinden gleichfalls dieses Zeichen. Als ich bemerkte, daß man mich frei herumgehen ließ, trat ich an einen Spieltisch am Fenster und sah den vier ernsthaften Herrn zu, die sich hier vereinigt hatten. Sie sahen kalt und gleichgültig aus, es lag ihnen wie Schlaf auf den Augen; ihre Kleider waren auf das Prächtigste mit Gold gestickt und breite Ordensbänder lagen über der Brust. Auch sie hatten die kleinen roten Bändchen um den Hals, und noch mehr erschrak ich, als ich sah, daß die Karten, mit denen sie spielten, mit Blutflecken beschmutzt waren. Schaudernd wendete ich mich ab und trat in ein Nebenzimmer. Es war noch kostbarer als der Saal dekoriert, mit roten Samttapeten; auf einem Sofa schlummerte ein Mann, sein Haupt war tief auf die Brust gesenkt, und auch er hatte das rote Bändchen. Wie ich auf den Boden blickte, sah ich mit Schrecken eine Blutspur, die ins nächste Zimmer leitete. Ich folgte ihr und sah einen zweiten Saal, in dem aber alles leer und ausgestorben war. Die Lichter brannten düster und eine Anzahl musikalischer Instrumente, die in einer Ecke aufgehäuft lagen, zeigten an, daß hier zum Tanz aufgespielt worden war, oder werden sollte. Aber kein Musiker war zu sehen und die tiefste Stille herrschte. Die Hinterwand des Saals nahm eine Tür von ungeheurer Größe ein; sie war verschlossen und mit kostbaren vergoldeten Verzierungen umgeben. Die Blutspuren leiteten hierher; aber so vermessen ich war und so viel Mühe ich mir gab, die Tür zu öffnen, das Schloß wankte und wich nicht. Ich fürchtete, durch das Geräusch, das ich verursachte, die Gesellschaft herbeizulocken, deshalb ließ ich von allen weitern Versuchen ab. Über der Tür war in großen schwarzen Ziffern 1789 angeschrieben. Diese Zahl hat sich mir tief eingeprägt, so wie das verschlossene Gemach und die Blutspur, die sich darin verlor.

Ich weiß, daß ich über diese Dinge nachdachte und in eine Art von Betäubung verfiel, so daß ich mich in einem Winkel des Saals auf einen Stuhl setzte. Wie lange ich gesessen haben mag, weiß ich nicht; als ich aus meinen Grübeleien erwachte, hörte ich eine Uhr schlagen und zugleich ein lebhaftes Geräusch im Gesellschaftssaale. Schnell erhob ich mich und eilte durch die Gemächer, um meinen Führer wieder aufzusuchen. Er stand noch da, um mich zu erwarten. Wir verließen sogleich den Saal und das Haus. Ich wandelte wieder auf der einsamen Heide und mein Begleiter ging wieder stumm neben mir. So kamen wir vor die Stadt, wo er mit einer stummen Gebärde von mir Abschied nahm. Ich fühlte mich matt und wie im Sterben. Kaum hatte ich Kraft genug, die Stadt zu erreichen, wo ich mich freute, die wohlbekannten Straßen wieder zu sehen. Als ich wieder Straßenlärm und menschliche Stimmen hörte, war es mir, als würde mein Herz gesund. Das Bild der gespenstischen Versammlung mit ihren fürchterlichen Anzeichen wich immer mehr aus meiner Seele, aber jene prophetische Zahl blieb mir beständig vor Augen und wird es auch bleiben, so lange ich atme; denn es ist nur zu gewiß, daß mich der Herr ein wunderbar Gesicht hat schauen lassen.

Diese Bekenntnisse erhielten ihre volle Würdigung, als vierzig Jahre darauf die französische Revolution ausbrach. Es wurde in jenem Jahre ein Büchlein gedruckt, das den Titel führt: „Wundersame und wahre Historie von dem verschollenen Ratsherrn zu Bremen, wie derselbige durch Gottes besondere Zulassung künftige Zeitläufte und ihre Werke vorausgesehen.“ — Dieses Büchlein liegt der hier erzählten Sage zugrunde.