Text nach der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA¹), I. Abteilung, Band 2 (Berlin 1930), S. 126-127, ohne den Apparat der Herausgeber. Zuerst erschienen im „Morgenblatt für gebildete Leser“ (Stuttgart), Nr. 243, 10. Oktober 1840, gezeichnet „Friedrich Oswald“. Traducción al español.

Wir saßen in des Lagers schönstem Zelt,
Zu span’schem Weine singend deutsche Lieder;
Schon sank die Nacht, und heller ward das Feld,
Und unsre überwachten Augen müder;
Da fiel der Morgensonne erster Schein
In’s Zelt auf unsre leeren Xeresflaschen:
Wir müssen früh zur Stelle wieder sein,
Wohlauf, besteigt die Rosse nun, die raschen!

Wir jagten heim. Welch seliges Gefühl
Nach der vertobten Nacht am frischen Morgen!
Noch klingt Gesang im Ohr und Saitenspiel,
Noch ferne sind des Tages Müh und Sorgen;
Das Dunkel schwand, das heil’ge Licht umschwebt
So Fluß wie Baum und taugetränkte Fluren;
Zum reinen Blau des Himmels fröhlich hebt
Das Auge sich und folgt der Sonne Spuren.

Wir sind daheim. Die Rosse liefen gut;
Ich steh’ an trüber Werkeltages Schwelle;
Die Zeitung her, auf daß ich frischen Mut
Mir trinke aus des Völkerlebens Quelle! —
Was Russen, Briten, ew’ge Türkennot!
Wo find’ ich, was in Deutschland ist geschehen?
Ha dort — ihr Augen, wacht ihr wirklich? tot?
Mein Immermann, auch du willst von uns gehen?

Du trotzig Herz, erfüllt von edlem Zorn,
Mußt grade jetzt du gehn zum ew’gen Schweigen,
Nun wir erkannt die Rose, trotz dem Dorn,
Und uns in Demut deinem Geiste neigen?
Nun du, wie Schiller, kaum dein Volk mit Lust
Gesehn an deinem Dichtermunde hangen,
Und nun die Liebe deiner stolzen Brust
Mit neuen Strahlen herrlich aufgegangen?

Stets warst du in der deutschen Dichtung Hain
Ein Klausner, fern von der Genossen Toben
Hast du in deiner Einsamkeit am Rhein
Manch zart Gebilde deinem Volk gewoben.
Dich stört’ der Menschen Schwatzen nimmermehr
In deines Gartens blumenreichem Hage;
Von dir verklang bei ihnen bald die Mähr,
Und lebend wardst du fast zu einer Sage.

Denn jene Menge, die nicht fassen kann,
Was da vermag den Dichter zu erregen,
Was kümmert sie der ernste, stumme Mann,
Der fern bleibt ihren abgetretnen Wegen?
Du aber, der du nun gestorben bist,
Du wolltest einsam mit dir selber ringen,
In deiner eignen Brust den herben Zwist,
Mit dem du aufgewachsen, zu bezwingen.

So hast du sinnend denn die lange Nacht,
Die unsre deutsche Dichtung hielt in Banden,
Im Kampfe mit dir selber durchgewacht,
Bis sonnenhell der Morgen auferstanden.
Und als ob deinem moosbewachsnen Haus
Des Juli wilde Donner nun verklangen,
Da sandest du die Epigonen aus,
Ein Grablied dem Geschlechte, das vergangen.

Du aber sahst das kommende Geschlecht,
Dem in der Brust der Jugend Feuer lodert,
Das dir mit lautem Ruf dein Dichterrecht
Und deinen vollen Lorbeerkranz gefodert.
Du sahst uns deinem Haus voll Ehrfurcht nahn,
Du sahst uns sitzen still zu deinen Füßen,
Wie wir in dein begeistert Auge sahn,
Und hörten deiner Dichtung rauschend Fließen.

Und jetzt, nun du zum Volk zurückgeführt,
Das dich vergaß, mit Jubelruf und Freuden,
Mit den verdienten Kränzen reich geziert,
Mein Immermann, jetzt mußt du von uns scheiden?
Fahr wohl! Gar wenig deinesgleichen nur
Gehn dichtend unter uns auf deutscher Erden!
Ich aber ging an’s Tagewerk und schwur,
So stark und fest und deutsch, wie du, zu werden.

Friedrich Oswald