Text nach der Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abteilung, Band 2 (Berlin 1930, S. 72-75), ohne den textkritischen Apparat der Herausgeber. Erstdruck: Telegraph für Deutschland (Hamburg), April 1840, Nr. 59, S. 235-236; Nr. 60, S. 238-239. Traducción al español.

Dies irae, dies illa
Saecla solvet in favilla. —

Jener Tag, an dem Luther die Urschrift des neuen Testamentes hervorzog und mit diesem griechischen Feuer die Jahrhunderte des Mittelalters, mit ihrer Herrlichkeit und ihrer Knechtschaft, mit ihrer Poesie und Gedankenlosigkeit, zu Staub und Asche verbrannte, jener Tag und die ihm folgenden drei Jahrhunderte haben endlich eine Zeit geweckt, „die so ganz der Öffentlichkeit angehört, eine Zeit, von der Napoleon, dem man trotz vieler Eigenschaften, die namentlich in den Augen der Deutschen verwerflich sind, einen seltnen Scharfsinn nicht absprechen kann, gesagt hat: ‚Le journalisme est une puissance.‘“ Ich führe diese Worte nur hier an, um zu zeigen, wie wenig mittelalterlich, d. h. gedankenlos, der Prospektus der Adelszeitung ist, dem sie entlehnt sind. Und dieser Öffentlichkeit sollte die Krone aufgesetzt, sollte das Bewußtsein gegeben werden mit der deutschen Adelszeitung. Denn das ist klar, Gutenberg erfand den Druck nicht, um einem Börne — das war ja ein Demagoge — oder Hegel — der ist ja vorn servil, wie Heine, und hinten revolutionär, wie Schubarth bewiesen hat — oder irgend einem andern Bürgerlichen seine verworrenen Gedanken in die Welt verbreiten zu helfen, sondern einzig und allein, um die Stiftung der Adelszeitung möglich zu machen. — Wohl ihr, sie ist hinüber! Sie tat nur einen verstohlenen, scheuen Blick in diese arge, unmittelalterliche Welt und ihr reines Jungfrauen- oder vielmehr gnädiges Fräuleinherz bebte zurück vor dem Greuel der Verwüstung, vor dem Schmutz der demokratischen Canaille, vor der schauderhaften Arroganz der Courunfähigkeit, vor allen jenen bejammernswerten Zuständen, Bezügen und Wirren dieser Zeit, die an den Toren freiherrlicher Schlösser, wenn sie sich dort melden, mit der Hetzpeitsche begrüßt werden. Wohl ihr, sie ist hinüber, sie sieht die Hohlheit der Demokratie, das Rütteln am Bestehenden, die Tränen der Hochwohl- und Hochgebornen nicht mehr, sie ist entschlafen. —

Requiem aeternam dona ei, Domine!

Und doch, wir haben viel an ihr verloren! Welche Freude war nicht in allen Salons, wo nur Herren von sechzehn Ahnen Zutritt haben, welcher Jubel in allen halbverlornen Vorposten der rechtgläubigen Aristokratie! Da saß der alte gnädige Papa im Erblehnstuhl, von den Lieblingshunden umgeben, in der Rechten die Erbpfeife, in der Linken die Erbkarbatsche und studierte andächtig den antediluvianischen Stammbaum im ersten Buche Mosis, als die Tür aufging und der Prospektus der Adelszeitung hereingebracht wurde. Der Hochwohlgeborne, als ihm das Wort Adel, mit großen Lettern gedruckt, begegnet, rückt eilig die Brille zurecht und liest beseligt das Blatt durch, er sieht, daß auch Familiennachrichten in der neuen Zeitung eine Stelle finden und freut sich schon auf seinen Nekrolog — wie gern möchte er ihn nicht selbst lesen! — wenn er einmal zu seinen Ahnen versammelt wird. — Da galoppieren die jungen Herren in den Schloßhof; der Alte läßt sie eilig heraufrufen, Herr Theoderich „von der Neige“ jagt die Rosse mit einem Peitschenhiebe in den Stall, Herr Siegwart überrennt mehrere Lakaien, tritt der Katze auf den Schwanz und schleudert ritterlichst einen alten, suppliziert habenden und abgewiesenen Bauern auf die Seite, Herr Giselher befiehlt den Dienern bei Leibesstrafe die Anordnungen zur Jagd ja untadelhaft zu treffen und so poltern die jungen Barone in den Saal. Die Hunde, welche ihnen heulend entgegenspringen, werden mit der Karbatsche unter den Tisch getrieben und Herr Siegwart von der Neige, der den Lieblingshund mit gnädigem Fuße zur Ruhe verwiesen, bekommt von dem entzückten Papa nicht einmal den gewohnten zornigen Blick dafür. Herr Theoderich, der außer der Bibel und dem Stammbaum auch einiges im Konversationslexikon gelesen hat und also die Fremdwörter am richtigsten aussprechen kann, muß den Prospektus vorlesen und der Alte vergißt bei seinen Freudentränen Ablösungsordnung und Adelsbeschwerung.

Wie sittig-bescheiden-herablassend ritt die Gnädige nicht herein in die moderne Welt auf ihrem weißen Papierzelter, wie kühn sahen ihre beiden Ritter nicht in die Welt hinaus, jeder Zoll ein Baron, jeder Blutstropfen die Frucht von vierundsechzig ebenbürtigen Beilagern, jeder Blick eine Herausforderung! Zuerst Herr von Alvensleben, der sein ritterliches Streitroß auf der dürren Heide französischer Romane und Memoiren herumgetummelt hat, um nun auch einen Tyost gegen bürgerliche Rangen wagen zu können. Auf dem Schilde trägt er die Devise: „Ein wohlerworbenes Recht kann nie ein Unrecht werden“, und schreit mit starker Stimme in die Welt hinaus: „der Adel hat vor Zeiten die Gnade gehabt, sich verdient zu machen, jetzt ruht er auf seinen Lorbeeren, oder zu deutsch, liegt auf der Bärenhaut, und der Adel hat die Fürsten und somit auch die Völker kräftiglich geschützt, und ich werde schon Sorge tragen, daß diese Großtaten nicht vergessen werden und meine Geliebte, die Adelszeitung — requiescat in pace — ist die schönste Dame in der Welt, und wer das leugnet, der —“

Da fällt der adelige Held vom Pferde und an seiner Stelle zockelte Herr Friedrich Baron de la Motte-Fouqué in die Schranken. Der alte „lichtbraune“ Rosinante, dem wegen langen Stallebens die Eisen abgefallen waren, der in seinen besten Tagen nie fett gewesene Hippogryph, dem die romantischen Sprünge unter den Nordlandsrecken längst vergangen waren, fing plötzlich an zu stampfen; Herr von Fouqué vergaß den jährlichen poetischen Kommentar zum Berliner politischen Wochenblatt, ließ den Panzer scheuren und das alte blinde Roß hervorführen und ging in einsamer Heldengröße auf den Kreuzzug der Ideen der Zeit; damit aber der ehrliebende Bürgerstand nicht glaube, gegen ihn richte sich die geknickte Lanze des alten Recken, wirft er ihm ein Vorwort hin. Solch herablassende Güte verdient Besprechung.

Das Vorwort belehrt uns, daß die Weltgeschichte nicht, wie Hegel höchst irrig meint, da ist, um den Begriff der Freiheit zu realisieren, sondern allein, um zu beweisen, daß es drei Stände geben muß, von denen der Adel fechten, der Bürger denken, der Bauer pflügen soll. Nun sollen das aber keine Kastenunterschiede sein, sondern die Stände sollen sich gegenseitig flicken und erfrischen, nicht durch Mesalliancen, sondern durch Standeserhöhungen. Es ist freilich schwer zu begreifen, daß der „quellenklare See“ des Adels, der aus den reinen Quellen zusammenrann, die von den Höhen der Raubschlösser sprudelten, daß dieser See noch eine Erquickung nötig haben soll. Aber der edle Baron erlaubt, daß Leute, welche nicht nur allein Bürger, sondern auch „Reitersknechte“ und vielleicht sogar Schneidergesellen gewesen sind, den Adel erfrischen sollen. Wie aber die übrigen Stände vom Adel erfrischt werden sollen, das sagt Herr Fouqué nicht. Wahrscheinlich durch die aus dem Adel degradierten Subjekte; oder, da Herr Fouqué so gütig ist, zu gestehen, daß der Adel eigentlich innerlich nicht besser ist als die Canaille, so wird für den Adeligen die Erhebung in den Bürgerstand, oder gar in den Stand der Bauern von derselben Ehre sein, als das Adelsdiplom für den Bürgerlichen? In dem Staate des Herrn Fouqué ist ferner dafür gesorgt, daß die Philosophie nicht zu sehr überhand nimmt; Kant wäre mit seinen Gedanken über den ewigen Frieden dort auf den Scheiterhaufen gekommen, denn beim ewigen Frieden könnten die Adeligen gar nicht fechten, sondern höchstens etwa die Handwerksburschen.

Man sieht, Herr Fouqué verdiente für seine gründlichen Studien der Geschichte und Staatswissenschaft die Erhebung in den denkenden, d. h. in den Bürgerstand: er ist vortrefflich eingeübt, bei Hunnen und Avaren, bei Baschkiren und Mohikanern, ja sogar bei den Antediluvianern nicht nur ein verehrliches Publikum, sondern auch einen hohen Adel aufzuspüren. Er hat auch die nagelneue Entdeckung gemacht, daß im Mittelalter, als der Bauer leibeigen war, der Bauernstand Liebes und Gutes in bezug auf die beiden andern gab und empfing. Seine Sprache ist unvergleichlich, er schleudert mit „wurzeltief eingreifenden Dimensionen“ um sich und „weiß Gold aus den an sich (Hegel — Saul unter den Propheten) dunkelsten Erscheinungen zu ziehen“. —

Et lux perpetua luceat eis —

sie haben’s wahrlich nötig.

Sie hat noch so manchen schönen Gedanken gehabt, die selige Adelszeitung, zum Exempel den über den Grundbesitz des Adels und noch hundert andre, die zu preisen ein Ding der Unmöglichkeit wäre, aber ihr schönster Gedanke war doch, in ihrer ersten Nummer unter den Ankündigungen gleich eine Mesalliance anzuzeigen. Ob sie mit gleicher Humanität Herrn von Rothschild unter den deutschen Adel rechnen wolle, hat sie nicht gesagt. Gott tröste die beklagenswerten Eltern und erhebe die Selige in den himmlischen Grafenstand,

Und laß sie ruhig schlafen,
Bis über den jüngsten Tag! —

Wir aber wollen ihr ein Requiem singen und eine Leichenrede halten, wie es eines braven Bürgers Pflicht ist.

Tuba mirum spargens sonum
Per sepulcra regionum
Coget omnes ante thronum.

Hört ihr sie nicht, die Posaune, die die Grabsteine umbläst und die Erde freudig wogen macht, daß die Gräber sich auftun? Der jüngste Tag ist angebrochen, der Tag, dem keine Nacht mehr folgen wird; der Geist, der ewige König ist auf seinen Thron gestiegen und zu seinen Füßen versammeln sich die Völker der Erde, Rechenschaft zu geben von ihrem Dichten und Trachten; es geht ein neues Leben durch die Welt, daß die alten Völkerstämme ihre laubigen Zweige freudig wiegen im Hauche des Morgens und abschütteln alle alten Blätter zum Spiel des Windes, der sie zusammenweht zu einem großen Scheiterhaufen, den Gott selbst mit seinen Blitzen entflammt. Das Gericht ist ausgegangen über die Geschlechter der Erde, das Gericht, das die Kinder der Vergangenheit gern niederschlagen möchten wie einen Erbschaftsprozeß; aber unerbittlich droht der ewige Richter mit seinen durchdringenden Blicken; das Pfund, mit dem sie nicht gewuchert haben, wird von ihnen genommen, und sie werden hinausgestoßen in die Finsternis, wo kein Strahl des Geistes sie erquickt.

Friedrich Oswald