Text nach der Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abteilung, Band 2 (Berlin 1930, S. 67-68), ohne den textkritischen Apparat der Herausgeber. Erstdruck: Telegraph für Deutschland (Hamburg), Februar 1840, Nr. 31, S. 124. Traducción al español.

Von den poetischen Kindern der Restaurationsperiode, deren Kraft durch die elektrischen Schläge des Jahres 1830 nicht gelähmt wurde, und deren Ruhm sich erst in der gegenwärtigen Literaturepoche begründete, zeichnen sich drei durch eine bezeichnende Ähnlichkeit aus: Immermann, Chamisso und Platen. Bei allen dreien eine ungewöhnliche Individualität, ein bedeutender Charakter und eine Verstandeskraft, die ihr poetisches Talent zum mindesten aufwiegt. Bei Chamisso herrscht bald Phantasie und Gefühl vor, bald der berechnende Verstand; in den Terzinen besonders ist die Oberfläche durchaus kalt und verständig, aber man hört das edle Herz darunter pochen; bei Immermann bekämpfen sich diese beiden Eigenschaften und bilden jenen Dualismus, den er selbst anerkennt und dessen äußerste Spitzen seine starke Persönlichkeit wohl zusammenbiegen, aber nicht vereinen kann; bei Platen endlich hat die poetische Kraft ihre Selbständigkeit aufgegeben und findet sich leicht in die Herrschaft des mächtigeren Verstandes. Hätte Platens Phantasie sich nicht anlehnen können an seinen Verstand und seinen großartigen Charakter, er wäre nicht so berühmt geworden. Darum vertrat er das Verstandesmäßige der Poesie, die Form, und darum ward ihm sein Wunsch nicht gewährt, mit einem großen Werke seine Laufbahn zu beschließen. Er wußte wohl, daß ein solches großes Werk nötig sei, um seinem Ruhme Dauer zu verleihen; aber er fühlte auch, daß seine Kraft noch nicht dazu ausreiche, und hoffte von der Zukunft und seinen Vorarbeiten; indessen verfloß die Zeit, er kam aus den Vorarbeiten gar nicht heraus und starb endlich.

Platens Phantasie folgte ängstlich dem kühnen Schritte seines Verstandes; und als es auf ein geniales Werk ankam, als sie einen kühnen Sprung wagen sollte, den der Verstand nicht vollbringen konnte, da mußte sie zurückbeben. Daraus entsprang Platens Irrtum, daß er die Produkte seines Verstandes für Poesie hielt. Für anakreontische Ghaselen reichte seine poetische Schöpferkraft aus; zuweilen auch blitzte sie in seinen Komödien wie ein Meteor auf; aber gestehen wir uns nur, von dem, was Platen eigentümlich war, ist das meiste Produkt des Verstandes, und als solches wird es immer anerkannt werden. Man wird seiner überkünstelten Ghasele, seiner rhetorischen Oden müde werden; man wird die Polemik seiner Komödien größtenteils unberechtigt finden, aber man wird dem Witze seiner Dialoge, der Erhabenheit seiner Parabasen alle Achtung zollen und seine Einseitigkeit in der Größe seines Charakters begründet finden müssen. Platens literarische Stellung in der öffentlichen Meinung wird sich verändern; er wird weiter von Goethe, aber näher zu Börne treten.

Daß ihn auch seine Gesinnungen mehr zu Börne hinziehen, dafür zeugten außer einer Masse von Anspielungen in den Komödien schon mehrere Gedichte in der Gesamtausgabe, von denen ich nur die Ode an Karl X. erwähne; eine Reihe Lieder, die den polnischen Freiheitskampf zur Veranlassung hatten, waren in diese Sammlung nicht aufgenommen, obwohl sie für die Charakteristik Platens von hohem Interesse sein mußten. Jetzt sind sie, als Anhang zur Gesamtausgabe, in einer andern Verlagshandlung erschienen. Meine Ansicht über Platen finde ich darin bestätigt. Der Gedanke und der Charakter müssen hier mehr und auffallender als sonst irgendwo die Poesie ersetzen. Darum findet sich Platen in der einfachen Weise des Liedes selten zurecht; es müssen lange, gestreckte Verse sein, deren jeder einen Gedanken betten kann, oder künstliche Odenmetra, deren ernster, gemessener Gang einen rhetorischen Inhalt fast zu fordern scheint. Mit der Kunst des Verses kommen Platen auch die Gedanken, und das ist der stärkste Beweis für den verstandesmäßigen Ursprung seiner Gedichte. Wer andere Ansprüche an Platen macht, den werden diese Polenlieder nicht befriedigen; wer aber mit diesen Erwartungen das Heftchen in die Hand nimmt, der wird für den mangelnden poetischen Duft durch eine Fülle erhabener, mächtiger Gedanken, die auf dem Boden des edelsten Charakters gewachsen sind, und durch eine „großartige Leidenschaftlichkeit“, wie die Vorrede treffend sagt, reichlich entschädigt werden. Schade, daß diese Gedichte nicht einige Monate früher erschienen sind, als das deutsche Nationalbewußtsein sich gegen die kaiserlich russische europäische Pentarchie erhob; sie wären die beste Antwort darauf gewesen. Vielleicht hätte auch der Pentarchist hier manches Motto für sein Werk gefunden.

Friedrich Oswald