Text nach der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA¹), I. Abteilung, Band 2 (Berlin 1930), S. 159-168, ohne den Apparat der Herausgeber. Zuerst erschienen im „Athenäum. Zeitschrift für das gebildete Deutschland“ (Berlin), Nr. 48, 4. Dezember 1841, und Nr. 49, 11. Dezember 1841, gezeichnet „Friedrich Oswald“. Traducción al español.

Von Friedrich Oswald

Über die Alpen!

Gottlob, daß wir Basel im Rücken haben! Solch eine trockene Stadt, voll Bratenröcke und Dreimaster, Philister und Patrizier und Methodisten, in der nichts frisch und kräftig ist als die Bäume um den ziegelroten Dom und die Farben an Holbeins Passion, die hier auf der Bibliothek unter andern Gemälden zu sehen ist; solch ein Nest mit allen Häßlichkeiten des Mittelalters ohne die Schönheiten desselben kann ein jugendliches Gemüt, dessen Phantasie mit den Schweizeralpen und Italien vollauf zu tun hat, nicht ansprechen. Ist der Übergang aus Deutschland in die Schweiz, aus dem milden, rebenumrankten badischen Markgraftum nach Basel vielleicht nur darum so entmutigend, damit der Eindruck der Alpen später desto tiefer sein möge? Auch die Gegend, die wir eben durchfahren, ist nicht die schönste. Rechts die letzten Vorsprünge des Jura, zwar grün und frisch, aber ohne Charakter, links der schmale Rhein, der auch vor Basel ein Grauen zu haben scheint, so langsam schleicht er zu Tal, und jenseits des Rheins noch ein Stückchen Deutschland. Allmählich entfernen wir uns vom grünen Strome, die Straße geht bergan, und der äußerste Grat des Jura, der sich zwischen Aar und Rhein vorschiebt, wird erstiegen. Da ändert sich die Szenerie mit einem Male. Vor uns liegt ein sonniges, heitres Tal, nein, drei, vier Täler, Aar, Reuß, Limmat, auf weite Strecken sichtbar, winden sich durch die Hügel und strömen zusammen, Dörfer und Städtchen umlagern ihre Ufer und in der Ferne erhebt sich hinter den vorderen Hügelreihen eine Bergkette hinter der andern wie die Bänke eines riesigen Amphitheaters; durch die Nebel, die um die fernsten Zacken schweben, blitzt hier und da der Schnee, und über die Menge der Spitzen ragt der Pilatus empor, als säße er zu Gericht wie vor Zeiten der judäische Landpfleger, der ihm den Namen gab, — das sind die Alpen!

Rasch gehts bergab, und jetzt erst, mit der Nähe der Alpen, merkt man, daß man in der Schweiz ist. Schweizertracht und Schweizerbauart stellen sich ein mit der Schweizernatur. Die Sprache klingt schöner, geistiger als der Baseler Dialekt, dem die Behäbigkeit des patrizischen Städterlebens eine materielle, schwerfällige Breite verliehen hat, die Physiognomien werden freier, offener, lebendiger, der Dreimaster weicht dem runden Hut, die langen, nachschleppenden Rockschöße der kurzen Sammetjacke. — Das Städtchen Brugg liegt bald hinter uns, und die Straße verfolgend, kreuzen wir die raschen, grünen Flüsse; eine Menge reizender, schnell wechselnder Prospekte mit den Augen überfliegend, verlassen wir Aar und Reuß mit der Habsburg, deren Trümmer von einem waldigen Gipfel herabschauen, und treten in das Limmattal ein, um es bis Zürich zu verfolgen.

In Zürich hatte ich einen Tag zu bleiben, und auf dem Wege nach dem gelobten Lande der deutschen Jugend ist ein Tag schon ein bedeutender Aufenthalt. Was hatte ich von Zürich zu erwarten? sollte die Zögerung sich belohnen? Ich gestehe, seit der Septembergeschichte, seit dem Siege der Pfäffikoner Zionswächter konnte ich mir Zürich nie anders als ein zweites Basel vorstellen und dachte mit Grauen an den schon verloren gegebenen Tag; an den See dachte ich in meiner Unschuld gar nicht mehr, um so weniger als die Regenschauer, die nach langem Sonnenschein mich endlich zwischen Basel und Zürich ereilt hatten, mir einen nassen Tag versprachen. Als ich aber beim Erwachen einen blauen Morgenhimmel über den sonnigen Bergen sah, sprang ich rasch auf und eilte hinaus. Aufs Geratewohl losschlendernd, kam ich an eine Art Terrasse, die mit Gartenanlagen umgeben und auf der Spitze mit alten Bäumen besetzt war. Eine beschriebne Holztafel belehrte mich, daß die Anlage öffentlich sei, und so stieg ich frisch hinauf. Da sah ich denn den See vor mir liegen, blitzend im Morgenschein, vom Frühnebel dampfend, eingeschlossen von dichtbewaldeten Bergen, und war im ersten Augenblick selbst noch befangen in einem gewissen naiven Erstaunen über das Dasein einer so überraschend schönen Gegend. Ein freundlicher Züricher, den ich anredete, sagte mir, dort oben auf dem Ütliberg sei eine so schöne Aussicht, daß die Züricher ihren Berg den kleinen Rigi genannt hätten, und nicht ganz mit Unrecht. Ich sah mir die Kuppe einmal darauf an, sie war die höchste der Albiskette, die sich an der südwestlichen Seite des Sees hinzieht, und überhaupt höher als die übrigen sichtbaren Berge. Ich ließ mir den Weg angeben und zog ohne viel Umstände hinan. Nach einem anderthalbstündigen Marsche war ich oben. Da lag hier der See in seiner ganzen Länge mit allem seinem bunten Farbenspiel von Grün und Blau, mit der Stadt und den unzähligen Häusern seiner hügeligen Ufer vor mir, dort an der andern Seite des Albis, ein Tal voll grüner Matten, in das sich von den Bergen die hellen Eichen- und die dunklen Tannenwälder hinabzogen, ein grünes Meer mit Hügelwellen, in denen die Häuser wie Schiffe lagen, und gen Süden am Horizonte die blitzende Kette der Gletscher von der Jungfrau bis zum Septimer und Julier hin; und oben vom blauen Himmel goß die Maisonne die Glorie ihrer Strahlen über die sonntäglich geschmückte Welt aus, daß See und Feld und Berg in die Wette funkelten und der Herrlichkeit kein Ende war.

Müde vom Schauen trat ich in das bretterne Haus, das auf dem Gipfel steht und forderte einen Trunk. Ich erhielt ihn und zugleich das Fremdenbuch. Man weiß, was in dergleichen Büchern zu finden ist; jeder Philister hält sie für Verewigungsanstalten, darin er seinen obskuren Namen und einen seiner höchst trivialen Gedanken der Nachwelt überliefern kann, und je beschränkter einer ist, mit desto längeren Randglossen begleitet er seinen Namen. Kaufleute wollen beweisen, daß neben Kaffee, Tran oder Baumwolle auch die schöne Natur, die das alles und sogar das Gold erzeugt hat, noch ein Plätzchen in ihrem Herzen besitzt; Frauenzimmer lassen ihr übersprudelndes Gefühl, Studenten ihre Heiterkeit und Spottsucht darin aus, und weise Schulmeister geben der Natur ein schwülstiges Maturitätszeugnis. „Herrlicher Ütli, gefährlicher Nebenbuhler des Rigi!“ begann ein Doktor der unfreien Künste seine ciceronianische Apostrophe. Ich schlug verdrießlich um und ließ alle die Deutschen, Franzosen und Engländer ungelesen. Da fand ich ein Sonett von Petrarca in italienischer Sprache, das deutsch etwa so lautet:1

Ich schwang mich auf im Geist zur Wohnung deren,
Die stets ich such’ und finde nicht hienieden;
Die Blicke sanft, die einst so streng mich mieden,
So stand sie in des Himmels dritten Sphären.

Die Hand mir fassend, sprach sie leise: Deine Zähren
Versiegen hier, wo nie wir sind geschieden;
Ich bin’s, die lange Dir geraubt den Frieden,
Um hieher, vor der Zeit, dann heimzukehren.

O daß ein Menschensinn mein Glück verstände!
Dich nur erwart’ ich, und den Dir so lieben,
Den Leib, den ich dort unten ließ schon lange. —

Ach, warum schwieg sie, ließ mir los die Hände?
Denn wenig fehlte bei dem süßen Klange,
Daß ich nicht gleich im Himmel dort geblieben.

Der es eingezeichnet hatte, hieß Joachim Triboni aus Genua und war durch diese Einzeichnung sogleich mein Freund geworden. Denn je hohler und unsinniger die übrigen Glossen waren, desto schärfer hob sich dies Sonett aus ihrem Hintergrunde hervor, desto mehr ergriff es mich. Wer da, wo die Natur all’ ihre Pracht entfaltet, wo die in ihr schlummernde Idee wenn nicht zu erwachen, doch einen goldnen Traum zu träumen scheint, wer da nichts zu fühlen, nichts zu sagen hat als: Wie schön bist du, Natur, der hat nicht das Recht, sich über die gewöhnliche, flache, unklare Masse erhaben zu dünken. Dem tieferen Gemüte dagegen tauchen dann die individuellen Schmerzen und Leiden empor, aber nur um in der Herrlichkeit der Natur aufzugehen und in milde Versöhnung sich aufzulösen. Und schöner als in jenem Sonett konnte diese Versöhnung kaum ausgesprochen werden. Aber noch ein andrer Umstand war es, der mich mit jenem Genueser befreundete. So hatte doch vor mir schon einer seinen Liebeskummer auf diese Höhe getragen; so stand ich nicht allein da mit einem Herzen, das vor einem Monat noch unendlich selig und nun zerrissen und öde war. Und welcher Schmerz hat mehr Recht, sich der schönen Natur gegenüber auszusprechen, als das edelste, das höchste aller persönlichen Leiden, das Leid der Liebe?

Noch einmal übersah ich mir die grünen Täler und stieg dann den Berg hinab, um die Stadt näher in Augenschein zu nehmen. Sie liegt amphitheatralisch um den engen Ausfluß des Sees und gewährt auch von diesem aus mit den sie umgebenden Dörfern und Landhäusern einen reizenden Anblick. Auch die Straßen zeichnen sich durch hübsche, neue Gebäude vorteilhaft aus. Daß dieser Stand der Dinge indes noch nicht lange existiere, belehrte mich die abendliche Unterhaltung mit einem alten Reisenden, der sich nicht genug verwundern konnte, wie sehr sich das alte Zürich seit sechs Jahren verschönert habe, und wie glänzend die vorige Regierung die äußere Würde der Republik in Beziehung auf öffentliche Gebäude hergestellt habe. Heutzutage, wo eine gewisse Partei nicht Kot genug auf den Leichnam dieser Regierung werfen kann, verdient es wohl erwähnt zu werden, daß diese bei Lebzeiten nicht nur den bis jetzt einzig dastehenden Mut hatte, einen Strauß zu berufen, sondern auch anderen Regierungspflichten ehrenvoll nachgekommen ist.

Am andern Morgen ging’s fort nach Süden. Zuerst führte die Straße an der ganzen Länge des Sees vorbei bis Rapperschwyl und Schmärikon, ein herrlicher Weg durch Gärten, Landhäuser und malerisch gruppierte, rebenumschlungne Dörfer; jenseits des Sees der lange, dunkelgrüne Albisrücken mit seinen üppigen Vorhügeln, und gen Süden, wo die Berge sich von einander tun, die blendenden Zinken der Glarner Alpen. Mitten im See taucht ein Eiland auf — Ufnau, das Grab Ulrichs von Hutten. So kämpfen für die freie Idee, und so ausruhen, von Streit und Mühen — wem das beschieden wäre! umrauscht von den grünen Wellen des Sees, die wie fernes Waffengetöse und Schlachtgeschrei an das Grab des Helden schlagen, bewacht von den eisgepanzerten, ewig jugendlichen Riesen, den Alpen! Und dann ein Georg Herwegh, der als Vertreter der deutschen Jugend zu diesem Grabe wallfahrtet und seine Lieder, den schönsten Ausdruck der Gesinnung, die die junge Generation begeistert, darauf niederlegt — das wiegt Statuen und Denkmäler auf.

In Uznach, wohin der Weg sich wandte, nachdem er den See verlassen hatte, war Kirmes, und die Imperiale des Postwagens, die ich bisher allein eingenommen hatte, füllte sich mit Kirmesgästen, die allmählich alle die Folgen der verschwärmten Nacht empfanden und einschlummernd mich meinen Betrachtungen überließen. Ein wunderschönes Tal nahm uns jetzt auf; sanftgeschwungne Hügel, bekleidet mit grünen Matten und gekrönt mit Wäldern, umgaben uns; zum ersten Male sah ich hier in der Nähe das eigentümlich schattierte Grün der Schweizer Wälder, die aus Laub- und Nadelholz gemischt sind, und kann den tiefen Eindruck nicht beschreiben, den es auf mich machte. Die Mischung, die helle wie dunkle Schattierungen gleich stark hervorhebt, verleiht auch einförmigen Gegenden einen hohen Reiz, und war gerade hier auch die Gruppierung von Berg und Tal nicht originell, so überraschte es doch, ein Gebiet zu finden, wo fast alle Schönheit im Kolorit lag; dieses aber war auch dafür desto schöner. Erhabenheit und Strenge in der Natur lag noch genug vor mir bis zur Höhe des Alpenrückens; aber diese Milde und Anmut fand ich erst auf der italienischen Seite wieder.

Bald indes war ich wieder am Fuße größerer Berge, deren Spitzen, obwohl unter der Schneelinie, doch noch jetzt, im Mai, weiß waren. Durch bald enge, bald weitere Täler ging es den Kanal entlang, der den Züricher mit dem Wallenstädter See verbindet. Bald lag dieser vor mir. Hier ist schon ein ganz andrer Charakter der Gegend als am Züricher See; fast unnahbar liegt das Bassin zwischen steilen Felsen, die sich unmittelbar aus dem Wasser erheben und nur beim Aus- und Eingange eine schmale Öffnung lassen. Ein schlechtes Dampfboot nahm die Postreisenden auf, und bald verschwand Weesen, das Städtchen, wo wir eingestiegen waren, hinter den sich zusammenschiebenden Bergen. Alle Spuren menschlicher Tätigkeit waren hinter uns zurückgeblieben, einsam ruderte das Dampfboot hinein in die schöne Wildnis, immer tiefer hinein in dies stille Reich der Natur; im hellen Sonnenscheine blitzten die grünen Wellenhäupter, die schneeigen Bergkuppen und die Wasserfälle, die hier und da von ihnen herabrauschten, zwischen dem weißgrauen Granit der Felsen lachte jezuweilen eine grüne Waldschlucht, ein Fleckchen Wiesengrund hervor, und der feine Nebeldust, der aus dem See emporstieg, verschwamm in der Ferne auf dem Gebirgshintergrunde zu weichen, violetten Schatten. Es war eine jener Gegenden, die den Menschengeist fast herausfordern zu jener Individualisierung des Naturgeistes, wie wir sie in der Volkssage finden, wo die zerklüfteten Felsen mit ihren Schneekronen die Umrisse tiefgefurchter und silberlockiger Greisenantlitze gewinnen und aus den klaren Fluten das grünwallende Haar reizender Nixen emportaucht. Allmählich öffneten sich die drängenden Wände ein wenig und dichtbuschige Vorsprünge ragten in den See hinein, ein weißer Streif schimmerte durch den blauen Duft — es waren die Häuser von Wallenstädt, das am Ende des Sees liegt; wir landeten und wallten lustig weiter nach Chur zu, während über unsern Häuptern die Felskette hing, deren höchste Spitzen die sieben Churfürsten genannt werden. Die gestrengen Herren saßen so feierlich da in ihren versteinerten Hermelinmänteln, mit ihren von der Abendsonne vergoldeten Schneekronen, als wären sie zu Frankfurt im Römer zur Kaiserwahl versammelt, ungestört von dem Rufen und Drängen des Volks zu ihren Füßen im ganzen heiligen römischen Reich, dessen Verfassung mit der Zeit eben so versteinert war wie hier seine sieben Repräsentanten. Solche Benennungen im Munde des Volks sind übrigens ein Beweis, wie durch und durch deutsch die Schweizer sind, so wenig sie selbst dies auch zugeben wollen. Ich komme vielleicht später einmal ausführlicher auf dies Thema zurück und verlasse es deshalb für jetzt.

Immer tiefer ging’s jetzt in die Felsen hinein, immer seltner wurden die Stellen, wo des Menschen Hand der rauhen Natur ein milderes Ansehn abgewonnen hat; wie ein Schwalbennest hing das Schloß Sargans an einer scheitelrechten Klippe, bis endlich bei Ragatz wenigstens die Bäume Erde genug auf dem Gestein fanden, um es mit dichter Waldung bekleiden zu können. Auch hier liegt ein Schloß am Abhange, aber ein zerstörtes, wie denn überhaupt die Pässe von einem Flußtal zum andern mit solchen Spuren des Faustrechts ziemlich besetzt sind. Bei Ragatz tut sich das Tal weit auf, ehrfurchtsvoll treten die Berge zurück vor dem gewaltigen Genius des Stromjünglings, der sich kräftig Bahn brach durch die granitnen Riesen am Gotthard und Splügen und jetzt seinem großen Geschick jugendstolz und mutig entgegenrauscht; es ist der Rhein, den wir jetzt wieder begrüßen. In einem breiten Bette rollt er feierlich über Kies und Sand dahin, aber man sieht es an dem weit verstreuten Gestein, wie wild er um sich schlägt, wenn er einmal der weichlichen Bequemlichkeit genug hat und sich zerstörungsmutig aufrafft. Sein Tal bildet von hier aus die Straße, die nach Chur und von dort zum Splügenpasse hinaufführt.

In Chur beginnt schon die Sprachmengerei, die den ganzen höchsten Rücken der Alpen beherrscht; Deutsch, Romanisch und Italienisch im lombardischen Dialekt wurde auf dem Posthofe durcheinander geschrien. Über das Romanische, die Sprache der Graubündner Bergbewohner, ist von den Sprachgelehrten viel hin und her gesprochen worden, und dennoch schwebt darüber noch ein geheimnisvolles Dunkel. Einige haben es den romanischen Hauptsprachen in bezug auf Selbständigkeit koordinieren, andere haben wieder französische Elemente darin finden wollen, ohne zu bedenken, wie diese dorthin dringen sollten. Will man einmal dies Idiom einiger Aufmerksamkeit würdigen, so ist der Vergleich mit den angrenzenden Dialekten doch wohl das, was am nächsten liegt. Dies hat man aber bisher unterlassen. Soviel ich von den der Sprache kundigen Leuten bei flüchtiger Durchreise herausbekommen konnte, hat die Wortbildung des Idioms sehr nahe Verwandtschaft mit dem des angrenzenden lombardischen Dialekts und nur mundartliche Verschiedenheiten von demselben. Was man für französischen Einfluß gehalten hat, findet man südlich von den Alpen alles wieder.

Den nächsten Morgen ging’s von Chur weiter rheinaufwärts, ein breites Tal entlang, von wilden Felsen umgeben. Nach einigen Stunden tauchte aus dem feinen Morgennebel ein senkrechter Abhang, von Bergtrümmern gekrönt, heraus und legte sich der Straße quer in den Weg. Das Tal war dadurch vor uns wie zugemauert, und nur durch eine enge Schlucht konnten wir vorwärts dringen. Ein schmaler, weißer Turm ragte vor uns auf; er war der von Tusis oder wie die Lombarden sagen, Tosana, d. h. Mädchenstadt. Wunderschön liegt es in einem engen Kessel, dessen Wände von scheitelrechten Felsen gebildet werden, deren unzugänglichster jene Trümmer, die der Burg Hohenrhätien, trägt. Es gibt keine größere Abgeschiedenheit, als wozu die Natur dieses Dorf verurteilt hat, und doch sind die Menschen auch hier stärker gewesen als die Natur, sie haben, wie ihr zum Trotz, die Heerstraße mitten durch Tusis gelegt und führen täglich Engländer, Kaufleute, Touristen hier vorüber. — Hinter Tusis begann denn auch die Steigerung des Alpengürtels, den wir bis Abend überklimmen sollten. Ich ließ den Wagen im Stich und ging, gestärkt durch einen Schoppen Veltliner, der hier am besten zu haben ist, der Straße nach. Solch eine Straße gibt es auf der Welt nicht wieder. In überhängende Felsen gehauen, windet sie sich durch die Schluchten, die der Rhein sich gebrochen hat, empor. Senkrecht umstarren die riesigen Granitwände den Pfad, den an manchen Stellen der Straße selbst die Mittagssonne nicht erreicht, und tief unten durch zerklüftetes Gestein tobt und donnert der wilde Bergstrom, Fichten entwurzelnd, Felsblöcke wälzend, wie ein wütiger Titan, dem ein Gott zwei Berge auf die Brust geschleudert hat. Hieher scheinen sich die letzten, trotzigen Berge, die sich der allbezwingenden Herrschaft der Menschen nicht beugen wollten, geflüchtet und zu ihrer Freiheit Wahrung in Reih’ und Glied gestellt zu haben; schreckend und starr schaun sie den Wandrer an, und man meint ihre Stimme zu hören: Komm her, Mensch, wenn du es wagst, erklimm unsre Häupter und säe dein Korn in die Furchen unsrer Stirnen; aber droben wird dich das Gefühl deiner Kleinheit schwindelnd erfassen, der Boden weicht unter dir und zerschellend stürzest du von Zacke zu Zacke! Baue deine Straßen nur zwischen uns durch; alljährlich kommt unser Bundsgenosse, der Rhein, zorngeschwollen herab und reißt dein Werk über den Haufen!

Diese Opposition der Naturmacht gegen den Menschengeist ist nirgend so kolossal, man möchte fast sagen, so selbstbewußt wie hier. Das einsam Schauerliche des Weges und die Gefahr, die einst mit diesem Alpenübergange verknüpft war, haben ihm auch den Namen Via mala verschafft. Jetzt freilich ist das anders. Der Geist hat auch hier die Natur überwunden, und wie ein fesselnd Band zieht sich von Fels zu Fels, die sichre, bequeme und fast unzerstörbare Straße, die zu jeder Jahreszeit gangbar bleibt. Und doch überschleicht einen beim Anblick der dräuenden Felsen ein schauerlich ängstlich Gefühl; sie scheinen über Rache zu brüten und über Befreiung.

Allmählich aber erweitert sich die Schlucht, die brausenden Katarakte werden seltner, das Bette des Rheins, der sich oft durch Engpässe drängen mußte, die nur nach Zollen zu messen waren, wird breiter, die steilen Wände werden schräger und treten mehr zurück, ein grünes Tal tut sich auf, und in der Mitte dieser ersten Terrasse des Splügen liegt Andeer, ein Örtchen, das den Graubündnern und Veltlinern als Badeort bekannt ist. Die Vegetation wird hier schon bedeutend kärglicher, was um so mehr ins Auge fällt, als von Tusis bis hieher Laub und Gras nicht zu sehen war, sondern bloß Tannen an den steilen Klippen sich anklammern konnten. Und doch tat es dem Auge so wohl, nach all den düstern, graubraunen Granitwänden wieder einmal ein grünes Wiesental, eine buschige Halde zu sehen. Gleich hinter Andeer ging’s einen jähen Abhang hinauf, an dem sich die Straße unter tausend Windungen emporschlängelte. Ich überließ diese dem Wagen und klomm über Felsgeröll, durch Busch und engverschlungne Ranken empor, bis wo die Straße sich der andern Seite des Berges zuwendete. Da lag das grüne Tal tief unter mir, durchwunden vom Rhein, dessen Donner schon wieder zu mir herüberscholl. Noch einen grüßenden Blick hinunter und dann vorwärts. Die Straße führte mich in einen Kessel zwischen himmelhohen, schrägen Felsen, wieder in die verlassenste Einsamkeit von der Welt. Ich lehnte mich an die Mauerbrüstung und sah hinab in den Rhein, der unter dunkellaubigen Bäumen ein Bassin bildete. Die stille, grüne Fläche, über die sich die Zweige bogen und überall heimliche, versteckte Winkelchen umlaubten, die bemoosten Felswände, die hie und dort einfallenden Sonnenstrahlen, alles das hatte etwas eigentümlich Zauberisches. Das Murmeln des beruhigten Flusses klang fast verständlich wie das Geplauder jener schönen Schwanenjungfrauen, die von Fern über die Berge fliegen und an einsamer, heimlicher Stelle die Schwanenhaut abstreifen, um unter den grünen Zweigen in der schneekalten Welle zu baden. Dazwischen scholl der Donner der Katarakte wie die zürnende Stimme des Flußgeistes, der sie wegen ihrer Unvorsichtigkeit auszankt, denn sie wissen ja, daß sie dem folgen müssen, der ihnen die Schwanenhaut raubt, und dort hinten kommt schon ein ganzer Postwagen voll Mädchenbeäugler, und überhaupt paßt es sich nicht für Frauenzimmer, und wenn sie auch romantische Schwanenjungfrauen sind, an offner Heerstraße zu baden. Aber die schönen Nixen lachen den ängstlichen Alten aus, denn sie wissen ja, daß niemand sie sieht als der, dem das träumende Leben der Natur erschlossen ist, und daß der ihnen nichts tut.

Immer kühler ward’s zwischen den Bergen; nach einigem Steigen fand ich gegen Mittag den ersten Schnee, und plötzlich wehte mir, dem vom raschen Steigen und Laufen in glühender Sonne Erhitzten, eine merklich kalte Luft entgegen. Es war die Temperatur der zweiten Terrasse dieses Passes, auf der das Dorf Splügen liegt, der letzte Ort, wo deutsch gesprochen wird, zwischen hohen Bergen, aus deren grünen Wänden die dunkelbraunen Sennhütten hervorragen. In einem schon ganz italienisch eingerichteten Hause, das bis in die obern Stockwerke nur steinerne Fußböden und dicke, steinerne Mauern hatte, wurde zu Mittag gegessen und dann die Reise eine fast senkrechte Felswand hinauf fortgesetzt. In einer Waldschlucht, zwischen den letzten Bäumen, die ich diesseits der Alpen sah, lag eine Lawine, ein breiter Schneestrom, der sich von den steilern Gipfelwänden herabgewälzt hatte. Nicht lange dauerte es, so begannen die öden Schluchten, in denen die Bergströme unter einer festen, gewölbten Schneedecke donnern, und die nackten Felsen kaum hier und da von Moos überkleidet sind. Immer höher, immer ausgebreiteter lagerte der Schnee. Ganz oben war für die Straße ein Weg ausgeschnitten, zu dessen beiden Seiten der Schnee in dreifacher, ja vierfacher Manneshöhe lag. Ich hieb mit den Fersen Stufen in die Schneewand und klomm hinan. Da lag ein weites, schneeweißes Tal vor mir, aus dessen Mitte ein graues Dach emporragte — die österreichische Douane, das erste Gebäude auf der italienischen Alpenseite. Die Untersuchung unsrer Effekten an diesem Hause, bei der ich jedoch meinen Varinas den Augen der Grenzwächter glücklich entzog, gab mir Muße, mich etwas umzusehen. Von allen Seiten kahle, graue Felslagen, deren Gipfel mit Schnee bedeckt waren, ein Tal, in dem vor lauter Schnee kein Halm zu sehen war, geschweige ein Strauch oder gar ein Baum — kurz eine furchtbare, verlaßne Wüste, über der italische und deutsche Windeshauche sich kreuzen und stets graue Wolken zusammen jagen — eine Einöde, gräßlicher als die Sahara, und prosaischer als die Lüneburger Heide, ein Gebiet, wo es jahraus jahrein neun Monate schneit und drei Monate regnet — das war das erste, was ich von Italien zu sehen bekam. Aber nun ging’s rasch bergab, der Schnee verschwand, und wo kaum gestern die weiße Winterdecke geschmolzen war, sproßten schon heute die gelben und blauen Krokus auf, das Gras begann wieder grün zu werden, die Büsche kamen wieder, dann die Bäume, zwischen denen die weißen Wasserfälle hinabbrausten, und tief unten in einem Tale voll violetter Schatten floß der schäumende Liro, dessen schneeiger Glanz aus den dunklen Kastanienalleen hell emporleuchtete, wärmer und wärmer ward die Luft, obwohl die Sonne schon hinter den Bergen versank, und in Campo Dolcino befanden wir uns, wenn nicht schon im echten Italien, doch unter echten Italienern. Haufenweise versammelten sich die Bewohner des Dörfchens um unsern Wagen und schwatzten in ihrem schnarrenden, nasalen Lombardisch über Pferde, Gefähr und Reisende; alles echtwelsche Gesichter voll kräftigen Ausdrucks und hervorgehoben von dichtem, schwarzem Haar und Bart. Und rasch ging’s weiter, den Liro hinab, zwischen Wiesen und Wäldern, durch unzählige, ungeheure Granitblöcke, die wer weiß zu welcher Zeit von den Alpengipfeln hinabgeschleudert wurden, und die sich auf dem hellgrünen Wiesengrunde mit ihren scharfen, schwarzen Zacken und Kanten eigentümlich genug ausnehmen. Eine Reihe wunderschöner an die Felsen gelehnter Dörfer mit ihren schlanken, schneeweißen Kirchtürmen, namentlich S. Maria di Galivaggio, gehen unsren Blicken vorüber; endlich tut sich das Tal auf, und in einem Winkel erhebt sich der Turm von Chiavenna oder nach deutschem Ausdruck Kläwen, einer der Hauptstädte des Veltlins. Chiavenna ist schon eine ganz italienische Stadt mit hohen Häusern und engen Straßen, auf denen man überall die lombardischen Leidenschaftsausbrüche: fiocul d’ona putana, porco della Madonna, usw. hört. Während ein italienisches Abendbrot und Veltliner Wein uns hier in Anspruch nahmen, sank die Sonne hinter die rhätischen Alpen; ein östreichischer Wagen mit einem italienischen Kondottiere und einem eskortierenden Karabinier nahm uns auf und fort ging’s dem Comer See zu. Voll und klar stand der Mond am dunkelblauen Himmel, an dem hier und da ein Stern zu glänzen anfing, hochauf flammte die Abendröte, die Spitzen der Berge vergoldend; eine herrliche Südnacht stieg empor. So fuhr ich hin durch die grünen Rebengelände, die ihre Ranken über Lauben und in die Kronen der Maulbeerbäume schlangen, der warme Hauch Italiens schwoll mir mild und immer milder entgegen, der Zauber einer nie gekannten, langgeträumten Natur ergriff mich mit süßem Schauer, und im Geiste anschauend die Herrlichkeiten, die mein Auge sehen sollte, schlummerte ich beseligt ein.

  1. Sonetti di Petrarca, in morte, 261. ↩