Handschrift eines unbekannten Düsseldorfer Korrespondenten, Ende Dezember 1842, mit Korrekturen von Marx als Chefredakteur der Rheinischen Zeitung, Anfang Januar 1843 (Original im Historischen Archiv, Köln). Zuerst veröffentlicht in der Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abteilung, Bd. 1, 2. Halbband (Berlin 1929), S. 146-147, mit dem ursprünglichen Text und den Korrekturen am Rand. Hier der Text nach den Korrekturen, in der Orthographie der Handschrift. Traducción al español.

Düsseldorf, d. 7 Jan. Der in No. 360 der Rhein. Zeitg. enthaltene Artikel über das inquisitorische Verfahren der Gefangenen in Hannover, veranlaßt mich, Ihnen einen ähnlichen Fall mitzuteilen, der erst kürzlich dort vorgekommen. Vor ungefähr zehn Jahren bereiste ein hiesiger sehr achtbarer Kupferstecher Hannover, um dort auf eine von ihm in Arbeit befindliche Kupferplatte Subskribenten zu sammeln. Den Subskbt. bemerkte er aber, daß wohl einige Jahre bis zur Vollendung hingehen würden. Krankheit und sonst unvorhergesehene Fälle verursachten, daß die Abdrucke der Platte erst im vorigen Sommer (1841) fertig wurden. Der Künstler hatte nichts Eiligeres zu tun, als seinen Bruder mit der Ablieferung der Blätter an die resp. Subskr. nach Hannover zu senden. Da eine geraume Zeit zwischen der Subskription u. der Ablieferung lag, so mochte Mancher die Angelegenheit vergessen haben und nur durch seine Unterschrift an sie erinnert werden. Nachdem er fast alle Exemplare abgeliefert, geriet er an einen Ehrenmann, welcher auf dieses Blatt nicht subskribiert zu haben behauptete, obschon er nicht leugne, daß es seine Unterschrift seie, es müsse daher eine andere Zeichnung unterschoben worden sein. Der junge Mann beteuerte die Richtigkeit, bedauerte zugleich, daß er noch Zweifel hege, indes wolle er durchaus nicht auf sein Recht bestehen, ihm vielmehr anheimstelle, ob er das Blatt wünsche oder nicht und empfehle sich. Am selben Abend wurde jedoch der junge Mann verhaftet, in Ketten gelegt, und in einem unterirdischen Gefängnisse eingeschmiedet. Acht Monate lag er in diesem Loche, wo nicht einmal einen Luftstrahl hineindrang, auf faulem Stroh, und um ihm die Qualen des Lebendig-Begrabenseins wohl fühlbar zu machen und ihn zum Geständnis zu zwingen, ließ man ihn nicht verhungern, man gab ihm täglich ein St. Brod, einen Krug Wasser, und alle zwei Tage etwas Warmes zu essen. Nach acht Monaten schwanden aber die Kräfte, und um ihn länger quälen zu können, mußte man den lebendigen Leichnam in einen besseren Kerker schaffen, und er erhielt einen Behalter gleicher Erde, er konnte das Tageslicht wieder sehen, er konnte wieder sehen, wenn es Tag u. Nacht wurde. In diesem Behalter blieb er abermals 4 Monate angeschmiedet. Während dieser Zeit wurden nun die Verhandlungen gepflogen, man sandte die Subskriptionsliste an das hiesige Landgericht, um die Richtigkeit der Unterschriften sowohl, wie des Bildes zu untersuchen. Das hiesige Gericht sandte die Akten mit dem glänzendsten Beweis zurück, daß alles in größter Richtigkeit sei. Doch man glaubte dem hiesigen Gerichte nicht. Nun wurden alle Subskribenten in ganz Hannover, derer einige Tausend waren, einzeln vorgeladen. Beinahe alle erinnerten sich noch deutlich, daß es dieselbe Platte sei, worauf subskribiert worden, nur einige bemerkten, sie könnten dieses nicht mit Gewißheit mehr behaupten, und diese einige waren Freunde oder Verwandte des quaest. Biedermanns. Trotz aller möglichen Kaution, die der junge Mann stellen wollte, ward er nicht freigegeben, und erst nach einem ganzen Jahre, nachdem man noch alle mögliche Mühe sich gegeben ihn zu einem Geständnisse über Sachen zu veranlassen, von denen er nichts wußte, entließ man ihn mit dem Endresultate,: „wegen Mangel an Beweisen“ freigegeben! — Welche herrliche Genugtuung!

Da dem Unglücklichen nie erlaubt wurde, an seine Angehörigen zu schreiben, er auch nie einen Brief von den Seinigen empfing, weil alles unterschlagen wurden, so mußte sein junges erst ein Jahr mit ihm verehelichtes [Weib], glauben, er sei in Mörderhand gefallen, und sie starb aus Gram. So kam er vor etwa sechs Wochen hieher zurück, und fand ein ödes Haus. Menschenhände haben dem Schuldlosen die höchsten Güter geraubt, Freiheit und Gattin und seinem Kinde die Mutter!