Ohne Unterschrift erschienen in der Neue Rheinische Zeitung Nr. 286 vom 1. Mai 1849 (Köln), S. 3; nach der MEGA² (I/9) von Friedrich Engels. Text nach dem Original der Zeitung (Digitalisat der USB Köln). Traducción al español
Ungarn.
* Keine Nachrichten von neuen Siegen. Dagegen hören wir, wie auf allen Seiten die Oesterreicher sich in der größten Verwirrung zurückziehen.
Der brutale Metzger Welden hat sich in eine schöne Lage gebracht. Er ist von Wien so gut wie abgeschnitten, und nur der Rückzug über Vesprin, längs des Plattensee's, durch das unwegsame Gebirg nach Steiermark steht ihm noch offen.
Wohlgemuth, gänzlich vom Gros der Armee abgeschnitten, steht in einer total unhaltbaren Position von Sellye an der Waag bis Bös an der Donau auf der Insel Schütt. Dem rechten Flügel Klapka's, der ihm hier gegenübersteht, ist der Weg nach Preßburg offen.
Pesth ist nun wirklich (am 23. Abends) von den Ungarn besetzt. Man ließ den Kaiserlichen, da sie unter dieser Bedingung versprachen, Pesth nicht zu bombardiren, die Zeit zum Rückzug. Daß die Kaiserlichen sich den Schein geben, Ofen vertheidigen zu wollen, hat Nichts zu bedeuten. Ofen war nur durch die Drohung eines Bombardements von Pesth zu halten.
Welden war wieder in Ofen. Er weiß offenbar nicht, wohin er sich wenden soll.
Jelachich's Kroaten haben zurückkehren müssen; die Donau war von den Ungarn unterhalb Pesth mit Artillerie besetzt. Sie werden indeß doch versuchen, nach Kroatien durchzubrechen.
Jablonowski ist bereits durch Raab mit seiner Brigade passirt. Sie geht nach Oedenburg.
In Wien große Aufregung. Die Arbeiter jubeln. Die Posten nach Ungarn sind seit drei Tagen nicht mehr abgegangen.
Die Ordre zum Einmarsch von 50,000 Russen von Norden und Süden nach Siebenbürgen soll gegeben sein.
Das Olmützer Ministerium hat jetzt bestimmt die russische Intervention auch in Ungarn verlangt.
Die Berliner Nat. Ztg. gibt folgende angebliche Bedingungen, unter denen die Ungarn Frieden schließen wollen:
Anerkennung des Königreichs Ungarn in seinen alten Gränzen, also mit Einschluß von Kroatien, Slavonien und der Militärgränze.
Union mit Siebenbürgen, wie der siebenbürgische und ungarische Reichstag im vorigen Jahre dieselbe beschlossen und bestimmt haben.
Allgemeine Amnestie für ganz Oestreich; augenblickliche Freilassung aller Oktobergefangenen und Entschädigung für die Familien der Gemordeten.
Entlassung der in Italien und den übrigen Reichslanden noch dienenden ungarischen Regimenter nach Ungarn.
Anerkennung der ungarischen Verfassung von 1848.
Ungarn bleibt so lange unter der Regierung einer provisorischen, aus dem Reichstag hervorgegangenen Exekutivgewalt, bis die Thronfolge gesetzlich wird hergestellt sein, und der zu erwählende König in Buda-Pesth gekrönt ist und die Verfassung beschworen hat.
Galizien tritt in das nämliche Verhältniß zum östreichischen Staatsverband, worin Ungarn steht und stehen wird, unter dem Namen polnisches Königreich Galizien; wird also nur durch Personal-Union mit Oestreich verbunden sein, seine eigene Armee und seine eigenen Finanzen haben.
Ueber den Antheil Ungarns an der östreichischen Staatsschuld entscheidet der ungarische Reichstag durch einfache Majorität.
⁂ Belgrad, 20. April. In Semlin befinden sich Nugent, Mayerhoffer, der dem zum kaiserl. Kommissar in der Vojvodovina ernannten Patriarchen als Aufseher und Direktor (directeur) zur Seite gegeben ist und der hiesige russische Konsul Oberst Danilewski. In einer Konferenz haben sie beschlossen, einen Courier zum russischen General Lüders zu schicken und russische Hülfe für das Banat zu fordern. Diese zweite Forderung der russischen Intervention unterstützt die erste, die vom Patriarchen ausging.
Bem ist noch immer in Siebenbürgen, das er vollständig inne hat. Er hat die russischen Gefangenen entlassen, nachdem er ihnen die Bedeutung des ungarischen Freiheitskampfs auseinandergesetzt hat. Mehrere Russen sind in seine Armee eingetreten. Die entlassenen östreichischen und russischen Offiziere werden nicht müde in ihren Elogen für ihn.
Mayerhoffer hat sieben östreichische Dekorationen hergebracht, worunter eine für den Fürsten von Serbien und eine für Danilewski. Der serbische Minister des Innern, Garaschanin, hat die seinige ausgeschlagen; er will keinen antinationalen Orden.