Ohne Unterschrift erschienen in der Neue Rheinische Zeitung Nr. 283 vom 27. April 1849 (Köln), Beilage, S. 1; nach der MEGA² (I/9) von Friedrich Engels. Text nach dem Original der Zeitung (Digitalisat der USB Köln). Traducción al español
Ungarn.
* Wir beginnen unsere heutigen Mittheilungen mit folgender Nachricht der N. Oder-Ztg.:
„Auf Privatwegen erhalten wir die wichtige Neuigkeit, daß am 20. und 21. zwischen Gran und Komorn eine große Schlacht geschlagen worden. Welden befand sich an der Spitze eines Reservekorps, und hielt die nächst Gran befindlichen Anhöhen besetzt. Ein großer Theil der k. k. Truppen, auch die Brigaden von Jablonowski und Simunich, hatte sich auf der Ebene zwischen Gran und Komorn ausgebreitet. Die Magyaren griffen die sämmtlichen Stellungen der Kaiserlichen mit solchem Ungestüm an, daß gleich zu Anfang des Kampfes die Letzteren in Verwirrung geriethen. Trotz tapferster Gegenwehr der Soldaten mußte Welden den Rückzug antreten. Außer einem großen Verlust, den die k. k. Armee an Todten und Verwundeten zählt, fielen zwanzig Kanonen und zweitausend Gefangene in die Hände der Insurgenten.
Einer andern Nachricht zufolge, die im Allgemeinen obige Siegesnachricht der Ungarn bestätiget, ist die Entsetzung von Komorn die unmittelbare Folge dieses Sieges gewesen.“
Daß in den höheren Kreisen die Hiobspost schon bekannt sein mußte, geht daraus hervor, daß der Regierungsrath von Festenburg, der den Feldzeugmeister Welden nach Ungarn begleitete, in der Nacht vom 21.—22. als Kourier in Wien angekommen ist, und sowohl über die Ursache seiner Ankunft, wie über die mitgebrachten Depeschen bis zum Abgang der Post am 22. Abends nicht eine Sylbe verlautet.
Wir müssen die Bestätigung dieser Nachricht noch abwarten, so wahrscheinlich sie sonst auch ist. Die Breslauer Briefe reichen bis zum 23. Abends; bis dahin konnte die Nachricht von dem am 21. errungenen magyarischen Siege von Komorn kaum in Breslau sein. Doch schreibt man auch von andrer Seite her aus Breslau, daß mit dem am 23. Vormittags eingetroffenen Bahnzuge die Nachricht von der Einnahme Grans durch die Magyaren angekommen sei.
Wir hatten den Metzger Welden durchaus richtig beurtheilt. Es drängte ihn seine Ankunft bei der Armee sofort durch eine große Schlacht zu besiegeln und alle Lande von seinem Ruhm ertönen zu machen. Am 20. und 21. ist diese Schlacht, nach allen Wiener Nachrichten, wirklich geschlagen worden.
Daß der Ausmarsch der Kaiserlichen Hauptmacht aus Pesth wirklich der Anfang des Rückzugs aus dieser Stadt war, wird jetzt von allen Blättern übereinstimmend anerkannt. Es scheint sogar als habe man sich von der Unmöglichkeit überzeugt, Ofen zu halten, und wolle auch dies aufgeben. Die sämmtlichen zu den Schanzen requirirten Wollsäcke sind den Eigenthümern wieder zur Verfügung gestellt und auch die Aufhäufung von Sandsäcken an den Schanzen ist eingestellt worden. Die Magyaren sollen nach der magy. Korr. der Bresl. Ztg., schon Neu-Pesth (die erste Vorstadt) besetzt haben. Es sind ihrer übrigens nicht viele mehr; das Hauptkorps ist bekanntlich längst fort, der unberittene Landsturm ist größtentheils entlassen und nur die berittenen, mit dem Fokos (einem starken Stock mit einer kleinen messingnen Axt an einem Ende) bewaffneten Landstürmer nebst einigen Honveds und ein Paar Kanonen stehn noch vor Pesth.
Nach dem „bestunterrichteten“ △ der A. A. Z., der übrigens keinen magyarischen oder serbischen Namen richtig schreiben kann, stehen die Magyaren nicht mehr längs der Donau, sondern längs der Gran, von der Lewa abwärts bis zur Mündung der Gran in die Donau, aufgestellt. Ihre Hauptmacht soll in Ipoly-Sagh (einige Meilen rückwärts) stehen. Ihrem rechten Flügel gegenüber soll Wohlgemuth stehen, der 5000 Mann hat.
Dieser rechte Flügel hat nach neueren Nachrichten eine Schwenkung gemacht, ist über die Gran gegangen und bis gegen Neutra vorgedrungen, wohin er Wohlgemuth zurückgedrängt hat. Dies gibt selbst der Lloyd zu. Ueber die Aufstellung der Kaiserlichen fehlen alle bestimmten Nachrichten, Wiener Blätter und lithogr. Korrespondenzen lassen noch immer „Schlick und Jelachich über Waitzen hinaus im Rücken der Insurgenten operiren“, als ob man nicht erst nach Waitzen „hinein“ müßte, um darüber „hinaus“ zu kommen! Und Waitzen ist und bleibt in den Händen der Magyaren, trotz aller Standrechtslügen der schwarzgelben Presse.
Der Metzger Welden rennt mit seiner brutalen Angriffsungeduld sich selbst in Verderben. Hielte er sich auf der Defensive, hinter Donau und Gran, seine Hauptmacht mit dem Komorner Belagerungskorps vereinigt, so könnte es ihm vielleicht gelingen, sich bis zum Eintreffen von Verstärkungen zu halten. Aber so will er allein den Ruhm haben, die magyarische Revolution zu unterdrücken, und daran wird er jetzt wohl sammt seiner ganzen Armee zu Grunde gegangen sein.
Man erfährt nämlich jetzt endlich Bestimmteres über die galizischen Verstärkungen. Ein Theil ist am Jablunka konzentrirt. Diesen soll Benedek anführen und rasch auf die Bergstädte eindringen. Der andere Theil — 8 Bataillone, 1200 Reiter und 15 Geschütze, sollte gegen den 16ten von Lemberg abmarschiren und 6 Bataillone, 800 Reiter und 9 Geschütze, sollten als Reserve folgen. Diese, offenbar viel zu stark angegebenen Truppen sollten in drei Kolonnen über die Karpathen gehen und nicht gegen die Theiß, sondern direkt gegen die ungarische Hauptarmee operiren. Wann sie aber dort eintreffen werden, darüber herrscht noch ein merkwürdiges Dunkel.
Eine Breslauer Nachricht, Vogel sei im Gebirge bei Munkacs umzingelt und sein ganzes Korps aufgerieben worden, ist daher falsch. Munkacs liegt weit östlich von Vogels Operationslinie. Es ist indeß möglich, daß dort von Galizien aus eine östreichische Kolonne eingefallen und geschlagen ist.
Wegen Komorn hatten die Kaiserlichen ebenfalls sehr menschenfreundliche Absichten: Der Brigadier des Sappeur- und Mineurkorps, G.-M. v. Zitta, Erbauer der Festung Komorn, soll den letzten Versuch zur Erzwingung der Uebergabe der nach seiner Erklärung mit Sturm uneinnehmbaren Veste machen. Er will, so wird berichtet, die Kasematten überschwemmen, dadurch die Besatzung aus diesem bombenfesten Zufluchtsorte vertreiben und sie zur Alternative drängen: Comorn zu übergeben oder hinter den Trümmern der Stadt gegen den verheerenden Kugelregen Schutz zu suchen.
Diese liebevolle Absicht wird wohl durch die letzten Ereignisse an ihrer Ausführung verhindert worden sein.
Im Süden ist Nugent, wie jetzt offiziell gemeldet wird, höflichst aber bestimmt abberufen. Sein Sohn, der Zombor gegen magyarischen Landsturm ohne Schwertstreich räumte, soll vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Posse! Der Sieg Stratimirovichs hindert die Magyaren nicht, die Bacska besetzt zu halten; die Flucht der Serben über Donau und Theiß dauert fort. An Nugents Stelle kommandirt jetzt Mayerhofer; er hat aber fast gar keine Truppen mehr, da fast Alles nach Ofen gezogen wurde.
Daß Bem im Banat ist, bestätigt sich. Er hat aus den Hermannstädter und Kronstädter Zeughausern den szeklerschen Landsturm gut bewaffnet, und ist, ihm die Bewachung des Landes überlassend, mit 30—40,000 Mann seiner besten, durch walachische und sächsische Rekruten verstärkten Armee, vorwärts marschirt. Temesvar soll bereits von ihm genommen sein.
Die neuen, von Windischgrätz ausgeheckten ungarischen Assignaten, sind jetzt ausgegeben. Aber kein Mensch nimmt sie. Alle Wechsler- und Kaufläden sind geschlossen. Die magyarische Korrespondenz schreibt hierüber:
„Trotz der standrechtlichen Androhung haben sämmtliche Bankhäuser und Kaufleute die Annahme verweigert. Bei der Nähe der ungarischen Armee hat die kaiserliche Militärautorität es nicht für rathsam gehalten, Gewalt anzuwenden, und die weitere Ausgabe der Assignaten ist auf bessere Zeiten verschoben worden. Es cirkulirt aber hier bereits ein Dekret der ungarischen Regierung, welches diese Assignaten für „ruchloserweise verfertigte falsche Wechsel“ erklärt und vor deren Annahme Jedermann warnt. In einer andern Proklamation Kossuth's werden jene von Windischgrätz eingesetzten Kommissare, für vogelfrei erklärt, welche es wagen, die vom Landtag von 1848 abgeschafften Roboten theilweise wieder einzuführen. Die Bauern von Dunavecse, Deutsche, haben bereits von der Erklärung Gebrauch gemacht und einen solchen Kommissär erschlagen.“
Eine neue Stütze der Magyaren, und gerade jetzt am Vorabend ihres wahrscheinlichen Sieges von höchsten Bedeutung, ist der polnische Bauernaufstand, der in Galizien im Entstehen ist. Die Wiener lithographirte Korrespondenz schreibt über diese, vom Krakauer Standrechtsblatt „Czas“ (die Zeit) möglichst verheimlichte Bewegung:
In der Umgegend von Krakau zeigen sich wegen des Rekrutirungszwanges bedenkliche Bewegungen. Dreitausend Bauern haben sich in den großen Wald bei Chrzanow gezogen und bivouakiren dort. Man suchte sie mit Güte zu bereden, allein sie antworteten: „Wir wollen lieber hier als in Ungarn sterben, was haben uns die Ungarn gethan?“ Viele junge Leute, die ebenfalls nicht gegen die Ungarn dienen wollen, haben sich aus Krakau dorthin geflüchtet, und man fürchtet, daß dieses Beispiel ansteckend wirken und eine allgemeine Erhebung sich entwickeln werde. Bekanntlich ist Krakau fast ganz von Truppen entblößt.
Von russischer Hülfe ist in diesem Augenblick mehr als je die Rede. Die Gerüchte darüber widersprechen sich. Es ist aber Thatsache, daß von Kalisch bis Bukarest 200,000 Russen bereit stehen, in Galizien und Ungarn einzubrechen, sobald der rechtgläubige Czar nur befiehlt. 40,000 stehen bei Krakau, 50,000 bei Brody (Radziwilow), der Rest theils weiter zurück, theils weiter südlich in Podolien, Bessarabien und den Donaufürstenthümern.
Wir hätten fast vergessen mitzutheilen, daß die Bestätigung der ersten Niederlage der Oestreicher an der Gran eingetroffen ist. Es war Wohlgemuth, der hier kommandirte und nicht den Ungarn 2000 Gefangene abnahm, sondern selbst so viele verlor. Daher auch seine sonst unerklärliche Stellung bei Lewa und später bei Neutra.