„Neue Rheinische Zeitung. Politisch-ökonomische Revue“, Zweites Heft, Februar 1850. Rezension II. Text nach Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 7, Berlin 1960, S. 203-206, ohne den Apparat der Herausgeber; offensichtliche Druckfehler der Vorlage berichtigt. Traducción al español
Ludwig Simon von Trier, „Ein Wort des Rechts für alle Reichsverfassungskämpfer an die deutschen Geschwornen“, Frankfurt a. M. 1849
"Wir hatten gegen die Erblichkeit des Reichsoberhaupts gestimmt; wir enthielten uns des andern Tages der Wahl. Als aber das ganze Werk, hervorgegangen aus dem Willen der Mehrheit einer nach allgemeinem Stimmrecht gewählten Versammlung, fertig dastand, erklärten wir, uns zu unterwerfen. Hätten wir dies nicht getan, so hätten wir bewiesen, daß wir in eine bürgerliche Gesellschaft überhaupt nicht hineinpaßten." p. 43.
Nach Herrn L. Simon "von Trier" paßten also schon die äußersten Mitglieder der Frankfurter Versammlung nicht mehr "in eine bürgerliche Gesellschaft überhaupt hinein". Herr L. Simon "von Trier" scheint sich also die Grenzen der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt noch enger vorzustellen als die Grenzen der Paulskirche.
Übrigens besaß Herr Simon den richtigen Takt, in seinem Selbstbekenntnis vom 11. April 1849 das Geheimnis sowohl seiner früheren Opposition wie seiner späteren Bekehrung zu enthüllen.
"Aus den trüben Gewässern der vormärzlichen Diplomatie sind kalte Nebel aufgestiegen. Diese Nebel werden sich als Wolken zusammenziehn, und wir werden ein verderbenschwangres Gewitter haben, welches zunächst in den Turm der Kirche einzuschlagen droht, in der wir sitzen. Wachen und sorgen Sie für einen Blitzableiter, welcher den Blitz von Ihnen ableitet!"
D.h., meine Herren, es handelt sich jetzt um unsre Haut!
Die Bettelanträge, die jämmerlichen Kompromisse, die die Frankfurter Linke in der Kaiserfrage und nach der beschämten Rückkehr der Kaiserdeputation der Majorität anbot, um sie nur in der Versammlung zu behalten, die schmutzigen Vereinbarungsversuche, die sie damals nach allen Seiten hin machte, erhalten in folgenden Worten des Herrn Simon ihre höhere Weihe:
"Das Wort Vereinbarung ist durch die Ereignisse des verflossenen Jahres zum Gegenstand eines sehr bedenklichen Spottes geworden. Man darf davon kaum mehr sprechen, ohne ausgelacht zu werden. Und dennoch ist von zwei Fällen nur einer möglich: Entweder die Menschen vereinbaren sich, oder sie stürzen aufeinander los wie die wilden Tiere." p. 43.
D.h. entweder die Parteien fechten ihren Kampf aus, oder sie schieben ihn auf durch einen beliebigen Kompromiß. Letzteres ist jedenfalls "gebildeter" und humaner. Herr Simon eröffnet sich übrigens durch seine obige Theorie eine unendliche Reihe von Vereinbarungen, durch die er in jeder "bürgerlichen Gesellschaft" möglich bleiben wird.
Die selige Reichsverfassung wird in folgender philosophischer Deduktion gerechtfertigt:
"Die Reichsverfassung war so recht eigentlich der Ausdruck des ohne neue Gewaltanstrengungen möglichen ... Sie war der lebendige (!) Ausdruck der demokratischen Monarchie, somit eines prinzipiellen Widerspruchs. Aber es hat schon vieles tatsächlich bestanden, was sich prinzipiell widersprach, und grade aus dem tatsächlichen Bestehn prinzipieller Widersprüche entwickelt sich das fernere Leben." p. 44.
Man sieht, die Anwendung der Hegelschen Dialektik bleibt immer noch etwas schwieriger als das Zitieren Schillerscher Verschen. Die Reichsverfassung, wollte sie trotz ihres "prinzipiellen Widerspruchs" "tatsächlich" bestehn, hätte wenigstens den Widerspruch "prinzipiell" aussprechen müssen, der "tatsächlich" bestand. "Tatsächlich" stand auf der einen Seite Preußen und Östreich, der militärische Absolutismus, auf der andern Seite das deutsche Volk, geprellt um die Früchte seiner Märzaufstände, geprellt zum großen Teil durch sein albernes Vertrauen in die erbärmliche Frankfurter Versammlung, und auf dem Punkt, endlich einen neuen Kampf gegen den militärischen Absolutismus zu wagen. Dieser tatsächliche Widerspruch konnte nur durch einen tatsächlichen Kampf gelöst werden. Sprach die Reichsverfassung diesen Widerspruch aus? Nicht im entferntesten. Sie sprach den Widerspruch aus, wie er im März 1848 bestanden hatte, ehe Preußen und Östreich wieder zu Kräften gekommen waren, ehe die Opposition durch partielle Niederlagen zersplittert, geschwächt, entwaffnet war. Sie sprach weiter nichts aus als die kindische Selbsttäuschung der Herren aus der Paulskirche, die sich einbildeten, im März 1849 noch der preußischen und östreichischen Regierung Gesetze vorschreiben und sich für alle Zukunft die ebenso einträgliche wie gefahrlose Stellung deutscher Reichsbarrots sichern zu können.
Herr Simon gratuliert sich und seinen Kollegen sodann, daß sie in ihrer interessierten Verblendung über die Reichsverfassung durch nichts wankend zu machen waren:
"Gesteht es beschämt, ihr Abtrünnigen von Gotha, daß wir mitten im Drange der Leidenschaften jeder Versuchung widerstanden, unser Wort treulich gehalten und auch nicht ein Jota an dem gemeinsamen Werk geändert haben!" p. 67.
Er weist dann hin auf ihre Heldentaten in bezug auf Württemberg und die Pfalz und auf ihren Stuttgarter Beschluß vom 8. Juni, wo sie Baden unter den Schutz des Reichs stellten, obwohl schon damals wesentlich das Reich unter dem Schutz Badens stand, und ihre Beschlüsse nur bewiesen, daß sie entschlossen waren, von ihrer Feigheit "auch nicht ein Jota" abzugehen und eine Illusion gewaltsam festzuhalten, an die sie selbst nicht mehr glaubten.
Den Vorwurf, "die Reichsverfassung sei nur die Maske zur Republik gewesen", weist Herr Simon höchst sinnreich zurück wie folgt:
"Nur wenn der Kampf gegen alle Regierungen ohne Ausnahme bis zu Ende hätte durchgeführt werden müssen, ... und wer sagt euch denn, daß der Kampf gegen alle Regierungen ohne Ausnahme bis zu Ende hätte durchgeführt werden müssen? Wer kann sie alle berechnen, die möglichen Wechselfälle des Kampfes und Kriegsglücks, und wenn einmal die feindseligen Brüder (Regierungen und Volk) nach blutigem Ringen sich ermattet und entscheidungslos gegenübergestanden hätten und der Geist des Friedens und der Versöhnung wäre über sie gekommen, hatten wir die Fahne der Reichsverfassung, unter welcher sie sich die Bruderhände zur Versöhnung hätten reichen können. auch nur im mindesten beschädigt? Schaut um euch! Hand aufs Herz! Greift aufrichtig in euer inneres Gewissen, und ihr werdet, ihr müßt antworten: Nein, nein und abermals nein!" p. 70.
Das ist der wahre Köcher der Beredsamkeit, aus dem Herr Simon jene Pfeile holte, die er in der Paulskirche mit so erstaunlichem Effekt verschoß! - Trotz seiner Plattheit hat dieses rührende Pathos doch sein Interesse. Es beweist, wie die Herren Frankfurter in Stuttgart ruhig saßen und harrten, bis die feindlichen Parteien sich müde gekämpft hätten, um dann im richtigen Moment zwischen die Ermatteten hinzutreten und ihnen die Versöhnungspanazee, die Reichsverfassung, anzubieten. Und wie sehr Herr Simon hier seinen Kollegen aus der Seele spricht, geht daraus hervor, daß diese Herren noch jetzt zu Bern bei Wirt Benz in der Keßlergasse forttagen und nur darauf warten, daß ein neuer Kampf losbreche, damit sie, wenn die Parteien "ermattet und entscheidungslos gegenüberstehn", zwischen sie treten können und ihnen zur Vereinbarung die Reichsverfassung darbieten, diesen vollendeten Ausdruck der Ermattung und Entscheidungslosigkeit.
"Aber ich sage euch trotz alledem, und so wehe es tut, fern vom Vaterlande, fern von der Heimat, fern von bejahrten Eltern die einsamen Wege des Exils zu wandeln, ich tausche mein reines Gewissen nicht um die Gewissensbisse der Abtrünnigen und die schlaflosen Nächte der Herrscher, und wenn man mir das Übermaß aller irdischen Glücksgüter böte"! p. 71.
Wenn es nur möglich wäre, diese Herren ins Exil zu schicken! Aber tragen sie nicht in ihren Koffern das Vaterland nach sich in der Gestalt der Frankfurter stenographischen Berichte, aus welchen ihnen ein Strom unverfälschtester Heimatluft und die Fülle der schönsten Selbstgenugtuung entgegenrauscht?
Wenn übrigens Herr Simon behauptet, ein Wort für die Reichsverfassungskämpfer einzulegen, so begeht er einen frommen Betrug. Die Reichsverfassungskämpfer hatten sein "Wort des Rechts" nicht nötig. Sie haben sich besser und energischer verteidigt. Aber Herr Simon muß sie vorschieben, um zu verhüllen, daß er im Interesse der nach allen Seiten hin kompromittierten Frankfurter, im Interesse der Reichsverfassungsmacher, im Interesse seiner selbst eine oratio pro domo zu halten für unumgänglich hält.