Zwei Korrespondenzen, geschrieben am 20. und 23. September 1853 in englischer Sprache; erschienen in der „New-York Daily Tribune“ Nr. 3889 vom 4. Oktober und Nr. 3892 vom 7. Oktober 1853. Der vollständige englische Text ist in keiner freien Quelle zugänglich (gekürzt in „The Eastern Question“, London 1897); hier der deutsche Text nach Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 9, Berlin 1960, S. 321-340 (aus dem Englischen), ohne den Apparat der Herausgeber. Die Titel stammen von den Herausgebern der MEW. Traducción al español.
Die Westmächte und die Türkei – Die herannahende Wirtschaftskrise – Eisenbahnbau in Indien
„New-York Daily Tribune“ Nr. 3889, 4. Oktober 1853
London, Dienstag, 20. September 1853
In meinem Artikel vom 19. Juli sagte ich:
"Die Westmächte ermutigen am Anfang stets den Sultan, sich dem Zaren, dessen Übergriffe sie fürchten, zu widersetzen, um ihn am Ende zum Nachgeben zu zwingen, aus Furcht vor einem allgemeinen Kriege, der zu einer allgemeinen Revolution führen könnte."
Jetzt, in diesem Augenblick, ist die Kraft der vereinten Flotten zum Einsatz für Rußland gegen die Türkei bestimmt. Wenn die englisch-französische Flotte überhaupt in die Dardanellen einfährt, so nicht, um Sewastopol zu bombardieren, sondern um die Muselmanen, die den Sultan davon abhalten könnten, die Wiener Note bedingungslos anzunehmen, gefügig zu machen.
"Am 13. September", sagt D. Urquhart, "trafen sich die vier Außenminister in aller Stille in Downing Street und beschlossen, eine Anweisung nach Konstantinopel zu senden, die die Pforte dazu zwingt, die auf der europäischen Konferenz beschlossenen Modifikationen zurückzuziehen. Damit nicht genug, haben sie für den Fall, daß der Sultan nicht in der Lage sein sollte, der Erbitterung seines Volkes zu widerstehen, dem Geschwader den Befehl erteilt, in die Gewässer des Bosporus vorzurücken, um ihm gegen seine Untertanen beizustehen. Und damit noch nicht genug, haben sie auch Omer Pascha Befehle erteilt, die ihm verbieten, in dem Gebiet seines Herrschers von einer Provinz in die andere zu reisen. Also haben sie mit der Rebellion als Folge ihrer Depesche gerechnet und die Mittel bereitgestellt, sie niederzuwerfen. Diese Mittel sind das alliierte Geschwader."
Die Sonntagsausgabe des "Journal des Débats" war es, durch die die englische Öffentlichkeit mit diesen Nachrichten bekannt gemacht wurde. Das "Journal des Débats" berichtet, daß Herr Reeve, der London am 13. d.M. mit Depeschen für Lord Stratford de Redcliffe verlassen hatte, am 14. morgens in Paris ankam, das er abends verließ, nachdem er der französischen Regierung den Tenor seiner Instruktionen übermittelt hatte; diesen Instruktionen gemäß soll der englische Botschafter die völlige Zustimmung der Pforte zu den Wiener Vorschlägen sowie die Zurücknahme ihrer Modifikationen vom 19. August verlangen. Er soll der Pforte mit dem Entzug der Unterstützung der vier Mächte drohen, wenn aus ihrer Weigerung, nachzugeben, ein Krieg entstehen sollte, und ihr die Unterstützung der französischen und englischen Flotte anbieten, um etwaige Aufstände, die als Antwort auf die Annahme der Wiener Note durch die Pforte in Konstantinopel ausbrechen könnten, niederzuschlagen und um gegen Omer Pascha vorzugehen, wenn er es wagen sollte, den Befehlen der Pforte zuwiderzuhandeln. Vor dem Eintreffen des "Journal des Débats" wurde uns berichtet, daß die Wiener Konferenz nach Erhalt der kaiserlichen Ablehnung dem Sultan vorgeschlagen hatte, seine Worte zurückzunehmen, die Note zu unterschreiben, deren Unterzeichnung er verweigert hatte, und sich mit der Versicherung zufriedenzugeben, daß die Konferenz die Note stets in einer auch dem Sultan genehmen Weise auslegen werde. Die "Times" vermeidet es, von den kompromittierenden Enthüllungen des "Journal des Débats" zu sprechen. Ebenso verhalten sich der "Morning Chronicle", die "Morning Post" und die ganze regierungstreue Londoner Presse. Gleichzeitig klagt die "Morning Post" den Fanatismus des Mobs von Konstantinopel an. Der "Morning Chronicle" regt seine stumpfsinnigen Leser durch romantische Beschreibungen der wilden und undisziplinierten asiatischen Horden auf, welche die europäische Türkei überschwemmen und Omer Paschas Armee auffüllen; der brave "Globe" veröffentlicht Tag für Tag sorgfältig gewählte Auszüge aus der auf den Frieden spekulierenden Presse der Manchesterschule, und so werden die respektablen Klassen Englands zu gegebener Zeit darauf vorbereitet sein, "das Heidentum zu vernichten" und mit Fürst Gortschakow zu rufen: "Es lebe der Zar! Lang lebe der Gott der Russen!"
In ihrer heutigen Nummer entdeckt die "Times", daß "die türkische Frage zu einem bloßen Streit um Worte geworden sei". Der aus diesen Worten zu ziehende Schluß ist, daß der Sultan, der bloßer Worte wegen den Frieden der Welt gefährden will, mit Gewalt durch die nüchterner denkenden Palmerstons und Aberdeens zur Vernunft gebracht werden muß. Die "Times" erzählt uns, daß der Zar dem Sultan ungerechtfertigte Forderungen gestellt habe, die dieser ablehnte; daraufhin habe der Zar die Donaufürstentümer an sich gerissen, hätten England und Frankreich ihre Flotten in die Besikabai geschickt und seien die Vertreter dieser Mächte in Wien mit Vertretern Österreichs und Preußens zusammengetroffen.
Warum trafen sie mit ihnen in Wien zusammen? Im Interesse der Türkei, sagt die "Times".
"Nicht nur, daß kein Wunsch bestehen konnte, die ottomanische Regierung zu zwingen, es gab auch keine Veranlassung für eine solche Handlungsweise."
Wenn nun jetzt auf seiten der vier Mächte der Wunsch besteht, die ottomanische Regierung zu zwingen, so einfach deshalb, weil "jetzt" eine Veranlassung für "eine derartige Handlungsweise besteht". Wäre es also falsch anzunehmen, daß das einzige und hauptsächliche Ziel der Wiener Konferenz und der Einmischung von Palmerston und Aberdeen das Herbeiführen einer derartigen Veranlassung gewesen sei, daß sie nur ein Schauspiel des Widerstandes gegen Rußland gegeben haben, um einen Vorwand zu erhalten, die Türkei zu zwingen, sich Rußland zu unterwerfen?
"Die Forderungen Rußlands", fährt die "Times" fort, "wurden von den anderen Großmächten als ungerechtfertigt angesehen, unvereinbar mit den souveränen Rechten des Sultans",
und deshalb verfaßten die Großmächte eine Note, die der Sultan dem Zaren überreichen sollte und in der alle Wünsche des Zaren und sogar noch etwas mehr sanktioniert werden sollten.
"Die Formulierungen dieses Dokuments", sagt die "Times", "könnten Anlaß zu Mißverständnissen geben, doch zwei Punkte waren unanfechtbar klar: erstens, daß die vier Mächte beabsichtigten, die territorialen und administrativen Rechte der Pforte zu wahren, und zweitens, daß sie im Falle einer Auseinandersetzung an diese Absichten gebunden gewesen wären."
Warum sollte der Sultan nicht eine Note unterzeichnen, die seinen souveränen Rechten abträglich ist, und das Protektorat über 12 Millionen seiner Untertanen der Kontrolle des russischen Autokraten ausliefern, wenn er sich durch die guten "Absichten" der vier Mächte und durch ihre Gebundenheit an diese verborgenen "guten Absichten" im Falle einer Auseinandersetzung unterstützt fühlt? Der Sultan hatte sich schon davon überzeugen können, daß die vier Mächte sich weder an das Völkerrecht noch an klare Verträge gebunden fühlen, um ihn, den Sultan, im Falle einer Auseinandersetzung mit Rußland, zu verteidigen; warum sollte er dann ihrem Mut nicht vertrauen, wenn eine Auseinandersetzung durch eine Note entstehen sollte, die Rußland offene Ansprüche und der Türkei "verborgene Absichten" zuspricht?
"Nehmen wir", sagt die "Times", "den extremen Fall an, daß sich der Zar nach der pure et simple Annahme der ursprünglichen Wiener Note jener Möglichkeiten bedient hätte, die sie ihm eigentlich bieten sollte."
Was dann?
"Der Sultan hätte protestiert, und dieser Fall wäre durch die Anwendung des Vergleichs vom Jahre 1853 eingetreten."
Als ob nicht ein solcher Fall schon durch die Anwendung des Vergleichs der Jahre 1840 und 1841 eingetreten wäre, durch den Vertrag von Balta-Liman und die Verletzung des Völkerrechtes, die selbst Lord Clarendon ein "Piratenstück" genannt hatte!
"Die Doppelsinnigkeit", sagt die "Times", "hatte lediglich den russischen Kaiser irregeführt."
Genauso wie ihn der Vertrag vom Jahre 1841 "irregeführt hatte", die vereinigten Flotten von den Dardanellen fernzuhalten, während er selber in die Fürstentümer eindrang.
Der Sultan ist jedoch hartnäckig. Er hat seine Zustimmung zu einer Note verweigert, die ihre guten Absichten gegenüber der Türkei nur dadurch ausdrücken konnte, daß sie das Land an Rußland auslieferte. Er schlug gewisse Modifikationen dieser Note vor und, so sagt die "Times",
"die vier Mächte zeigten durch ihre Zustimmung zu den türkischen Modifikationen, daß sie glaubten, sie würden mit ihren eigenen Vorschlägen übereinstimmen".
Doch da der russische Kaiser entgegengesetzter Meinung ist und da die "Times" es für unzweifelhaft richtig hält, daß des Zaren "Handlungsweise in diesem Streit keinerlei Überlegungen verdient", kommt die "Times" zu der Schlußfolgerung, wenn Rußland den vernünftigen Bedingungen der Türkei nicht nachgeben will, muß die Türkei den unvernünftigen Bedingungen Rußlands nachgeben, und daß
"ein Staat, der so impotent ist, daß er bei jeder Gefahr einer Aggression von außen oder einer Erhebung von innen den Schutz Europas braucht, wenigstens soweit die Strafe für seine Schwäche erleiden muß, daß er die für seine Existenz unerläßliche Hilfe zu den für seine Helfer am wenigsten beschwerlichen Bedingungen erhält".
Die vier Mächte müssen sich natürlich Rußland gegen die Türkei anschließen, da man von der Türkei annimmt, daß sie deren Hilfe braucht, um gegen Rußland Widerstand leisten zu können. Die Türkei muß "die Strafe für ihre Schwäche erleiden", eine Schwäche, die darin bestand, bei den vier Großmächten Zuflucht zu suchen, an die zu appellieren sie durch Verträge verpflichtet ist.
"Da gibt es keine Alternative. Entweder muß die volle Strenge der Gesetze Englands gegen die vier verräterischen Personen angewandt werden (gegen Aberdeen, Clarendon, Palmerston und Russell), oder der russische Zar beherrscht die Welt."
Derartige Deklamationen, wie sie im "Morning Advertiser" von D. Urquhart geäußert werden, taugen gar nichts. Wer soll die vier Verräter richten? Das Parlament. Wer bildet dieses Parlament? Die Vertreter der Bankiers, der Fabrikherren und der Aristokraten. Und welche Außenpolitik vertreten diese Vertreter? Die des paix partout et toujours . Und wer führt ihre außenpolitischen Programme durch? Eben die gleichen vier Männer, die sie, nach der Auffassung des beschränkten "Morning Advertiser", als Verräter verurteilen sollen. Eines müßte wenigstens klargeworden sein, daß es die Börsenjobber und die auf den Frieden spekulierenden Bourgeois sind, die in der Regierung von der Oligarchie vertreten werden, die Europa an Rußland ausliefern und daß wir, um den Übergriffen des Zaren Widerstand zu leisten, vor allem das schändliche Reich dieser gemeinen, kriecherischen und niederträchtigen Anbeter des veau d'or stürzen müssen.
Sofort nach dem Eintreffen der Wiener Note in Konstantinopel rief die ottomanische Pforte 80.000 Mann der Redifs zu den Waffen. Einer telegraphischen Meldung vom 5. September aus Konstantinopel zufolge, hatte die türkische Regierung nach einer Konferenz im Hause des Großwesirs beschlossen, ihre letzte Note auch auf die Gefahr des Krieges hin aufrechtzuerhalten. Die Begeisterung der muselmanischen Bevölkerung erreichte ihren Höhepunkt. Nachdem der Sultan die ägyptischen Truppen inspiziert hatte und mit ohrenbetäubendem Beifall empfangen worden war, wurde er von der Menge vom Pferde gehoben und im Triumph durch die Straßen Stambuls getragen. Er hat den Hospodaren der Moldau und der Walachei seinen Befehl, die Fürstentümer zu verlassen, mit Nachdruck wiederholt. Da die in Konstantinopel wohnenden russischen Untertanen der Intrige gegen die türkische Regierung überführt worden waren, gab Reschid Pascha ihretwegen eine Warnung an den russischen Konsul. Eine Zeitung in Konstantinopel berichtet, daß die Jüdische Gemeinde Konstantinopels dem Sultan eine Million Piaster angeboten habe, um zur Deckung der durch die militärischen Vorbereitungen des Reiches verursachten Ausgaben beizutragen. Man sagt, daß auch die Juden Smyrnas zu einem ähnlichen Entschluß gekommen seien. Einem Brief aus der Wiener "Presse" entnehmen wir, daß in Galatz mehrere Bojaren verhaftet wurden, weil sie mit Omer Pascha in geheime Korrespondenz getreten seien und ihn in allen Einzelheiten über den Stand der russischen Armee in den Donaufürstentümern informiert hätten. Es wurde ein Schreiben Omer Paschas gefunden, der diese Bojaren dazu aufforderte, so viele Ausländer als möglich für den Militärdienst anzuwerben.
Von einem Sekretär begleitet, ist Fürst Menschikow am 13. September in Wien eingetroffen. Er überbringt ein neues Manifest des Kaisers Nikolaus an die europäischen Mächte, das seine Beweggründe für die Ablehnung der türkischen Modifikationen erläutert. Der Kaiser selbst wird am 21. September in Begleitung von Graf Nesselrode und Freiherr von Meyendorf in Olmütz eintreffen. Der preußische König, den er durch Baron Lieven zu der Olmützer Konferenz eingeladen hat, weigerte sich zu kommen mit der Begründung, daß ein solcher Schritt seinerseits unter den obwaltenden Verhältnissen zuviel Eklat erregen würde. Gegenwärtig ist ein russisches Armeekorps in Stärke von 30.000 Mann bei Krajowa an der bulgarischen Grenze stationiert. Bis jetzt hat es im Russischen Reich nur acht Armee-Intendanturen gegeben. Eine reguläre neunte Intendantur wurde jetzt in Bukarest gebildet - ein sicheres Zeichen dafür, daß die Russen nicht daran denken, die Donaufürstentümer zu räumen.
Am 15. September hat die Bank von England ihren Zinsfuß auf 4 1/2% erhöht. Der Finanzartikel der heutigen "Times" erzählt uns, daß "diese Maßnahme mit allgemeiner Befriedigung aufgenommen wurde". In demselben Artikel wird jedoch festgestellt, daß
"um ungefähr 2 Uhr nachmittags die Geschäfte an der Börse praktisch fast ganz zum Erliegen gekommen waren, und als kurz danach bekanntgegeben wurde, daß der Zinsfuß auf 4 1/2% gestiegen sei, fielen die Kurse auf 95% bei Barzahlung und auf 95 1/2 bis 95 1/4% bei Zahlungen bis zum 13. Oktober. Es herrscht allgemein die Meinung vor, daß durch ein Ansteigen auf 5% statt auf 4 1/2% die Wirkung auf den Markt möglicherweise weniger ungünstig gewesen wäre, weil die Öffentlichkeit dann angenommen hätte, daß keine weiteren Aktionen zu erwarten wären ... Der Handel mit Eisenbahnaktien zeigte nach Beendigung der Wochenversammlung der Bankdirektoren ein ernstes Absinken, und alle übrigen Aktien hatten eine äußerst unsichere Tendenz."
Der Schreiber dieses Artikels in der "Times" gratuliert den Bankdirektoren, daß sie der Politik des Peel Acts gefolgt sind.
"In dem Maße, wie sich die Zirkulation durch den Abfluß des Goldes verringerte, haben die Direktoren für Benutzung des übriggebliebenen einen höheren Preis verlangt und haben Sir Robert Peels Bank Charter Act jenen freien Lauf gegeben, durch den allein seine Stärke demonstriert werden kann und der durch das törichte Vorgehen der Direktoren im Jahre 1847 verhindert wurde."
Nun habe ich in einem früheren Artikel gezeigt, daß die törichte Handlungsweise der Direktoren im Jahre 1847 gerade in ihrer genauen Befolgung des Peel Acts bestand, dessen "freier Lauf" durch die Regierung unterbrochen werden mußte, um das Bank-Department vor der Notwendigkeit der Zahlungseinstellung zu retten. Wir lesen im "Globe":
"Es ist höchst unwahrscheinlich, daß die Ursachen, die unsere gegenwärtige Prosperität hervorgerufen haben, ihre Wirkung in demselben Ausmaß fortsetzen werden. In Manchester sind bereits ungesunde Folgen aufgetreten; einige der größten Firmen waren gezwungen, ihren Produktionsumfang zu vermindern... Alle Abteilungen der Börse setzten ihre Tätigkeit unter starker Depression fort. Im Hinblick auf Eisenbahnaktien herrscht eine völlige Panikstimmung... Der Goldabfluß nach dem Kontinent geht weiter, und nahezu eine halbe Million geht in ein oder zwei Tagen mit dem Dampfboot nach St. Petersburg ... Wahrscheinlich ist eine der Ursachen, die sie (die Bank) zur Sparsamkeit mit ihren Metallgeldreserven veranlaßt, der Wunsch, den Schatzkanzler mit den 7 oder 8 Millionen zu unterstützen, die er benötigen wird, um die Besitzer von Südseeaktien und andere mit dem Umtauschverfahren nicht Einverstandene abzufinden."
Die "Morning Post" vom 13. September berichtet aus Manchester:
"Der Stoff- und Garnmarkt ist lustlos, und die Preise aller Arten von Manufakturwaren werden kaum gehalten. Die fehlende Nachfrage auf beinahe allen auswärtigen Märkten und die erwartete Geldklemme im Lande haben hauptsächlich zu dieser Lage beigetragen, die im Vergleich zu den allgemein üblichen Berichten über Prosperität höchst anomal ist."
Dasselbe Blatt vom 15. September schließt einen Leitartikel über die sich sammelnden Elemente der herannahenden Krise mit folgenden Worten:
"Wir machen die kommerzielle Welt darauf aufmerksam, daß wir uns in einer Phase befinden, in der Sorgfalt und ständige Achtsamkeit für die Konzeption und Führung von Unternehmen unbedingt notwendig sind. Außerdem ist unsere finanzielle Lage unserer Meinung nach voller Gefahren, die sogar noch ernster und noch schwerer zu vermeiden sind als die unserer kommerziellen Lage."
Aus den gemeinsamen Erklärungen des "Globe" und der "Morning Post" geht hervor, daß, während auf der einen Seite die Nachfrage abnimmt, das Angebot auf der anderen Seite übertrieben worden ist. Die Fabrikanten werden versuchen, ihren Rückzug dadurch zu bemänteln, daß sie auf den mit ihren Arbeitern bestehenden Streit zurückgreifen. Der Handelsreporter des gestrigen "Morning Chronicle" schreibt aus Manchester:
"Die Fabrikanten werden gegenüber einzugehenden Verpflichtungen sehr gleichgültig, da sie überzeugt sind, daß erst ein ausgedehnter, wenn nicht sogar völliger Stillstand der Fabriken eintreten muß, bevor irgendeine Regelung in der Lohnfrage erfolgen kann. Über diesen Gegenstand haben die Fabrikanten in verschiedenen Teilen der Distrikte in den letzten Tagen Konferenzen abgehalten; und es ist offensichtlich, daß die übermäßigen Forderungen der Fabrikarbeiter sowie ihre wilden Versuche des Diktierens die Fabrikbesitzer zum allgemeinen Zusammenschluß für die Selbstverteidigung zwingen."
Wir lesen in dem Finanzartikel der "Times":
"Die Unternehmer bilden Selbstverteidigungsverbände in allen Distrikten. In den letzten paar Tagen haben beinahe hundert Firmen in Ashton, Stalybridge, Hyde und Glossop sich namentlich für einen Verband eingetragen. In Preston haben sich die Fabrikanten bei hohen Vertragsstrafen verpflichtet, ihre Fabriken für drei Monate zu schließen, um so den Arbeitern Widerstand zu leisten."
Eine telegraphische Nachricht aus Marseille berichtet, daß Weizen wieder um 2 frs. 25 cts. pro Hektoliter gestiegen ist. Die Erhöhung der Zinsen für Schatzscheine, im "Moniteur" angekündigt, rief an der Börse einen höchst ungünstigen Eindruck hervor, da diese Maßnahme allgemein als ein Zeichen dafür angesehen wird, daß die Regierung in Geldnöten ist. Es wurde von einer Anleihe gesprochen, die die Regierung gezwungen ist aufzulegen. Der Finanzminister hat ein Rundschreiben an eine große Anzahl Grundbesitzer gesandt, in dem er sie bittet, als ein Zeichen der Dankbarkeit für die großen Wohltaten, die ihnen die gegenwärtige Regierung erwiesen habe und dafür, daß sie dem Grundbesitz zusätzlichen Wert verliehen habe, Steuern für sechs Monate im voraus zu bezahlen. "Das", bemerkt der "Observer", "ist der Anfang vom Ende."
Da ich mich in einem früheren Artikel mit der lebenswichtigen Bedeutung der Eisenbahnen für Indien befaßt habe, halte ich es für angebracht, jetzt die letzten Nachrichten zu übermitteln, die in bezug auf die Entwicklung und die Aussichten des vorgesehenen Eisenbahnnetzes veröffentlicht worden sind. Die erste indische Eisenbahnlinie führt von Bombay nach Thana. Eine andere Linie, von Kalkutta nach Radschmahal am Ganges, soll jetzt über eine Entfernung von 180 Meilen angelegt werden und sich weiter entlang dem rechten Ufer des Flusses nach Patna, Benares und Allahabad erstrecken. Von Allahabad wird sie über Doab nach Agra und von dort nach Delhi geführt werden und auf diese Weise einen Raum von 1.100 Meilen umfassen. Es ist beabsichtigt, über die Flüsse Son und Tunona Dampffähren einzurichten und die Kalkutta-Linie schließlich von Delhi nach Lahore zu führen. In Madras soll sogleich mit dem Bau einer Eisenbahnlinie begonnen werden, die sich 70 Meilen westlich in zwei Arme teilen wird - eine Strecke folgt den Ghats und endet bei Kalikat, die andere führt über Bellary und Puna nach Bombay. Dieses Netz von Eisenbahnlinien wird von den Bombay-Baroda- und Zentral-Indien-Eisenbahngesellschaften vollendet werden. Die vorbereitenden Vermessungen werden bereits mit Genehmigung des Direktoriums vorgenommen. Diese Linie wird von Bombay über Baroda nach Agra laufen, wo sie die große Hauptlinie Kalkutta-Delhi berühren wird und dadurch Bombay - Hauptstadt Westindiens und bester Verbindungshafen ganz Hindustans mit Europa - einesteils mit Kalkutta und anderenteils mit dem Pandschab und den nordwestlichen Provinzen verbinden wird. Die Initiatoren dieses Planes beabsichtigen auch, Zweiglinien in die großen Baumwollbezirke im Inneren des Landes zu führen. Inzwischen sind Maßnahmen in Vorbereitung, um den elektrischen Telegraphen über ganz Vorderindien zu führen.
Karl Marx
Die Westmächte und die Türkei – Symptome einer Wirtschaftskrise
„New-York Daily Tribune“ Nr. 3892, 7. Oktober 1853
London, Freitag, 23. September 1853
Der "Globe" bestreitet in seiner Ausgabe vom 20. September die Echtheit des Berichtes aus dem "Journal des Débats" über die Mission des Herrn Reeve und die "Times" vom Mittwoch druckt den Artikel aus dem "Globe" unter der Überschrift "Gobemoucherie" ab, womit sie die französische Presse beschuldigt, mit Zeitungsenten ein Geschäft zu machen. Aber hat nicht der Leitartikel der "Times", den ich in meinem letzten Artikel beleuchtete, voll und ganz den Bericht des "Journal des Débats" bestätigt? Ist im Pariser "Moniteur" irgendein Dementi erschienen? Hat nicht am gleichen Tage, an dem der "Globe" die "Débats" der Lüge überführte, die "Assemblée nationale" erneut zum Ausdruck gebracht, daß
"Lord Redcliffe den Sultan davon in Kenntnis setzen sollte, daß die englische Flotte in die Dardanellen einlaufen und die französische Flotte nicht lange auf sich warten lassen würde, falls er sich weigerte, seine Modifikationen zurückzuziehen"?
Hat nicht die "Times" am gleichen Tage, an dem sie das Dementi aus dem "Globe" wiedergab, ausdrücklich erklärt, daß
"England und Frankreich nicht das Recht hätten, sich zwischen Rußland und der Türkei ins Mittel zu legen, es sei denn unter den von den vier verbündeten Mächten vorgeschlagenen und von Rußland angenommenen Bedingungen, ob nun diese Bedingungen der hochmütigen Gesinnung der Türkei zusagten oder nicht"?
Hieß es nicht in der "Morning Post", noch bevor das "Journal des Débats" in London angekommen war, daß
"sich beim Erhalt der Antwort des Kaisers von Rußland auf den Vorschlag über die Modifikationen der Wiener Note, die Konferenz der Vertreter der Großmächte sofort versammelt hätte und am 4. d.M. einen Kurier nach Konstantinopel mit gewissen Mitteilungen der Konferenz an den Diwan entsandte, von denen man hoffte, daß sie die Pforte zur Annahme der Wiener Note bewegen würden"?
Schließlich lesen wir in einer heutigen Morgenzeitung, daß
"Herr Reeve nach Konstantinopel geht, daß er der Überbringer von Botschaften Lord Clarendons an Lord Stratford de Redcliffe ist und daß zwischen ihm und dem Außenministerium engste Beziehungen bestehen, da er der Verbindungsmann zwischen Downing Street und Printing House Square gewesen ist".
Tatsache ist, daß die orientalische Frage seit den letzten Enthüllungen durch die französische Presse wieder einen völlig neuen Aspekt angenommen hat und daß die schmählichen Beschlüsse des englischen Ministeriums wahrscheinlich von Ereignissen vereitelt werden, die im Gegensatz zu all seinen Berechnungen und Erwartungen stehen.
Österreich hat sich von dem gemeinsamen Vorgehen mit seinen angeblichen Verbündeten losgesagt. Die Wiener Konferenz ist - wenigstens im Augenblick - abgebrochen worden. Rußland hat die Maske fallenlassen, die ihm hinfort nutzlos erscheint, und das englische Ministerium ist aus seinen letzten Verschanzungen getrieben worden.
"Lord Aberdeen empfahl", wie der "Liverpool Courier" richtig bemerkt, "daß der Sultan Zuflucht zu einem durchsichtigen und gemeinen Betrug nehmen sollte; daß die Teilnehmer der Wiener Konferenz hinsichtlich der Note sich geistige Zurückhaltung auferlegen sollten und daß der Sultan sie im übertragenen Sinne auslegen sollte, d.h., da die Bedingungen der Note klar und präzise sind und der Kaiser von Rußland es rundweg abgelehnt hat, die Modifikationen des Sultans anzunehmen, sollten sich die Mächte darauf einstellen, von nun an so zu handeln, als ob jene Modifikationen angenommen worden wären."
Herr Drouyn de Lhuys schlug der Wiener Konferenz eine erläuternde Note vor, die in demselben heuchlerischen Ton abgefaßt war und die der Pforte übermittelt werden sollte; aber Graf Buol lehnte diesen Vorschlag ab und erklärte, daß er "der Pforte gegenüber zu freundlich sei, daß die Zeit für ein gemeinsames Vorgehen vorüber sei und daß es jeder Macht freistehe zu handeln, wie es ihr beliebe". Auf diese Weise hat das englische Ministerium nicht mehr die Möglichkeit, sich hinter den gemeinsamen Beschlüssen des europäischen Areopags zu verstecken, dieser Aktiengesellschaft, die auf ein Wort des österreichischen Ministers hin genauso verschwindet, wie sie von ihm hervorgezaubert wurde. Anfangs - solange die russischen Truppen nicht den Pruth überquert hatten - wollte Österreich überhaupt keine Konferenz. Jetzt, da die Russen zur Donau vorgedrungen sind, will Österreich die Konferenz auch nicht mehr, wenigstens nicht mehr unter den ursprünglichen Bedingungen. Andererseits hat Graf Nesselrode zwei Zirkularnoten veröffentlicht, die nicht länger zulassen, daß die ursprüngliche Wiener Note durch verborgene "gute Absichten" gestützt oder daß sie in einem anderen als dem wörtlichen Sinne ausgelegt wird.
Die von der Pforte vorgeschlagenen Modifikationen haben die ganze Frage zu "einem bloßen Streit um Worte" gemacht, trompetete die gesamte ministerielle Presse.
Keineswegs, sagt Nesselrode. Der Zar legt den ursprünglichen Text ebenso aus wie der Sultan. Die ursprüngliche Note ist nichts anderes und sollte auch nie etwas anderes sein als eine zweite Auflage der Menschikowschen Note, und wir halten uns an den Text, an den ganzen Text, und an nichts anderes als an den Text. Der ministerielle "Globe" ist natürlich über die Entdeckung erstaunt, daß sowohl der Zar als auch der Sultan die ursprüngliche Note so betrachten, "daß sie die Anerkennung jener Forderungen beinhaltet, die Rußland vorgebracht, die die Türkei abgelehnt hatte und die die vier Mächte nicht (?) zu unterstützen beabsichtigten", und daß "Rußland auf der absoluten Anerkennung der Forderungen besteht, die es zuerst erhoben hatte". Und weshalb sollte es auch nicht? Wenn es kühn genug war, jene Ansprüche vor vier Monaten zu stellen, warum sollte es jetzt davon Abstand nehmen, nachdem es den ersten Feldzug gewonnen hatte?
Der gleiche "Globe", der vor einigen Tagen behauptete, daß die türkischen Abänderungsvorschläge scholastische Spitzfindigkeiten, überflüssige Haarspaltereien seien, ist jetzt gezwungen zuzugeben, daß "die russische Auslegung zeigt, daß sie notwendig waren".
Die erste Depesche von Nesselrode ist noch nicht veröffentlicht, aber die "Morning Post" versichert uns, daß darin gesagt wird, "die Wiener Note sei nicht mehr und nicht weniger als das Äquivalent der Note des Fürsten Menschikow", und der "Evening Globe" fügt hinzu, daß demzufolge
"der Kaiser die Wiener Note so auffaßt, daß sie ihm die Anerkennung seiner Forderungen gegenüber der Türkei und den Einfluß auf die türkische Regierung sichert, den die Pforte ihm, gestützt auf die vier Mächte, verweigert hatte und den zu verhindern das Ziel der Verhandlung war, und daß der Kaiser niemals aufgehört hat, sich das Recht vorzubehalten, unmittelbar mit der Türkei allein zu verhandeln und die Vermittler beiseite zu schieben, die anzuerkennen er vorgibt".
Niemals - auch nicht zum Schein - hat der russische Kaiser sie als Vermittler anerkannt. Er gestattete dreien von ihnen, im Nachtrab Österreichs zu marschieren, während er Österreich selbst erlaubte, als demütiger Bittsteller zu ihm zu kommen.
Was die zweite Depesche aus St. Petersburg vom 7. September betrifft, die die Berliner "Zeit" am 18. September veröffentlichte und die an Freiherrn von Meyendorf in Wien gerichtet war, so hatte Nesselrode völlig recht, wenn er darin ausführte, daß ihm die ursprüngliche Note vom österreichischen Gesandten als ein "Ultimatum" geschildert wurde, welchem zuzustimmen sich Rußland unter der ausdrücklichen Bedingung verpflichtete, daß es von der Pforte ohne die geringste Änderung angenommen würde. "Dieses Zeugnis wird niemand sich weigern, der Loyalität des Kaisers zu geben"? Gewiß hat er ein kleines "Piratenstück" an den Donaufürstentümern begangen: hat sie überwältigt, besetzt, besteuert, regiert, ausgeplündert, sich angeeignet, sie verschlungen trotz Erklärungen Gortschakows. Aber wenn schon! Gab er nicht andrerseits
"beim Empfang des ersten Notenentwurfes seine Zustimmung durch den Telegraphen, ehe wir noch wußten, ob derselbe in London und in Paris genehmigt werden würde"?
Konnte man von ihm mehr erwarten, als telegraphisch zu bestätigen, daß eine von einem russischen Minister in Wien diktierte Note nicht von einem russischen Minister in St. Petersburg abgelehnt werden würde? Konnte er mehr für Paris und London tun, als nicht einmal ihre Zustimmung abzuwarten? Aber er tat doch mehr. Der Entwurf, dessen Annahme telegraphisch zu bestätigen er sich herabließ, wurde in Paris und London "abgeändert", und "nahm er seine Zustimmung zurück oder machte er die geringsten Schwierigkeiten"? Die Note ist zwar seiner eigenen Erklärung nach in ihrer "endgültigen Form nicht mehr und nicht weniger als ein Äquivalent der Note Fürst Menschikows", aber eine äquivalente Note ist auf alle Fälle "anders" als die ursprüngliche; und hatte er "sich nicht die Annahme der Menschikowschen Note ohne jede Veränderungen ausbedungen"? Hatte er nicht "schon allein aus diesem Grunde verweigern können, die neue Note zu erörtern"? Auch das tat er nicht. "Konnte man eine versöhnlichere Gesinnung zeigen?" Das Ultimatum der Wiener Konferenz geht ihn nichts an; das ist ihre eigene Angelegenheit. "Es ist ihre Sache, die Verzögerungen zu erwägen, die davon die Folge sein werden", daß der Sultan nicht nachgibt. Ihm, seinerseits, macht es nichts aus, noch einige Monate länger in den Donaufürstentümern zu bleiben, wo seine Truppen umsonst gekleidet und verpflegt werden.
Odessa nimmt keinen Schaden daran, daß die Donaumündung gesperrt ist; und wenn die Besetzung der Donaufürstentümer dazu beiträgt, den Weizenpreis in Mark Lane in die Höhe zu treiben, so werden die profanen Imperiale um so schneller ihren Weg in das heilige Rußland zurückfinden. Österreich und die Mächte müssen daher
"der Pforte offen und fest erklären, daß sie fortan die Aufgabe ihr allein überlassen, nachdem sie ihr umsonst den einzigen Weg eröffnet haben, der zur unmittelbaren Herstellung ihrer Beziehungen mit uns führen konnte".
Österreich und die Mächte haben genug für den Sultan getan, indem sie dem Zaren den Weg zur Donau geebnet und dem vereinigten Geschwader den Weg ins Schwarze Meer versperrt haben. Nesselrodes "erlauchter Gebieter" brandmarkt jetzt "die kriegerischen Inspirationen, welche zu dieser Stunde den Sultan und die Mehrzahl seiner Minister zu beherrschen scheinen". Er, seinerseits, würde es gewiß lieber sehen, wenn der Sultan es gelassen hinnähme, wenn er Kanonenbooten mit Friedenstraktaten und Kosaken mit Komplimenten begegnete. "Er hat das Maß der Zugeständnisse erschöpft, ohne daß die Pforte bis jetzt ein einziges gemacht hätte. Weiter kann Seine Majestät nicht gehen." Gewiß nicht, weiter kann er nicht gehen, ohne die Donau zu überschreiten. Nesselrode drängt seine ganze Argumentation auf ein geradezu meisterhaftes Dilemma zusammen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Entweder die von der Pforte verlangten Abänderungen sind unerheblich, oder sie sind wichtig. Wenn sie unerheblich sind, warum sollte dann die Pforte darauf bestehen? Sind sie wichtig, "dann ist es sehr einfach, daß wir uns weigern, denselben zuzustimmen."
"Die Räumung der Donaufürstentümer", sagt Lord Clarendon, "ist eine sine qua non, eine Vorbedingung jeglicher Beilegung." Ganz im Gegenteil, erwidert Nesselrode. "Die Beilegung", d.h. die Ankunft des türkischen Gesandten, der die österreichische Note ohne Abänderungen überbringt, "ist eine sine qua non, die der Räumung der Donaufürstentümer vorausgehen muß."
Mit einem Wort, der großmütige Zar ist bereit, sich von dem Humbug der Wiener Konferenz zu trennen, da er ihn nicht länger benötigt, um seinen ersten Feldzug zu beenden; aber um so fester wird er die Donaufürstentümer halten, da sie die unerläßliche Bedingung für den Beginn des zweiten Feldzugs sind.
Wenn es stimmt, daß - wie wir heute durch telegraphische Depesche erfahren - die Konferenz ihre Arbeit wieder aufgenommen hat, werden die Mächte Nikolaus das Lied wieder vorsingen, mit dem Alexander von der Pariser Menge empfangen wurde:
Vive Alexandre,
Vive le roi des rois,
Sans rien prétendre
Il nous donne des lois.
Der Zar hat jedoch nicht mehr wie früher die Kontrolle über die Orientwirren. Der Sultan ist gezwungen worden, den alten fanatischen Geist heraufzubeschwören, eine neue Invasion Europas durch die wilden Kriegerstämme Asiens zu veranlassen, sich nicht durch diplomatische Noten und konventionelle Lügen besänftigen zu lassen, und es scheint - selbst durch die anmaßende Note des Moskowiters - so etwas wie Furcht vor den "kriegerischen Inspirationen" durchzuschimmern, die Stambul beherrschen. Das vom Sultan an die Muselmanen gerichtete Manifest verweigert Rußland jedes weitere Zugeständnis, und es heißt, eine Abordnung der Ulemas habe den Sultan ersucht, abzudanken oder unverzüglich den Krieg zu erklären. Die Uneinigkeit im Diwan ist sehr groß, und der friedfertige Einfluß Reschid Paschas und Mustafa Paschas weicht dem Einfluß des Seraskiers Mechmed Ali.
Die Verblendung der sogenannten radikalen Londoner Presse ist nicht zu glauben. Nachdem es vor einigen Tagen hieß, daß "die volle Strenge der Gesetze Englands gegen die vier verräterischen Personen angewandt werden (gegen Aberdeen, Clarendon, Palmerston und Russell)", schließt der "Morning Advertiser" von gestern einen seiner Leitartikel wie folgt:
"Lord Aberdeen muß daher einem Nachfolger Platz machen. Ist es noch nötig, zu sagen, wer der Nachfolger sein muß? Es kommt nur einer in Frage, den das Land in dieser entscheidenden Situation für fähig hält, das Staatsruder in die Hand zu nehmen. Das ist Lord Palmerston."
Wenn der "Morning Advertiser" schon nicht in der Lage ist, in Tatsachen und Ereignissen zu lesen, so sollte er wenigstens in der Lage sein, die Artikel von Herrn Urquhart zu lesen, die Tag für Tag in seinen eigenen Spalten veröffentlicht werden!
Am Dienstag abend wurde in Sheffield auf Grund einer Eingabe an den Bürgermeister eine Versammlung der Einwohner einberufen, "um den gegenwärtig ungeklärten und nicht zufriedenstellenden Stand der orientalischen Frage zu erörtern und zu erwägen, ob es tunlich sei, der Regierung eine entsprechende Denkschrift zu überreichen". Eine ähnliche Versammlung soll in Stafford abgehalten werden, und viele andere Versuche sind im Gange, um öffentliche Kundgebungen gegen Rußland und das Ministerium "aller Talente" auf die Beine zu bringen. Aber im allgemeinen ist die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit durch die Diskontorate, die Getreidepreise, Streiks und kommerzielle Unsicherheit in Anspruch genommen, und noch mehr durch die Cholera, die in Newcastle wütet und der vom Department der öffentlichen Gesundheitspflege in London nur mit Erklärungen begegnet wird. Eine Kabinettsorder ist erlassen worden, die für die nächsten sechs Monate die im Epidemiegesetz vorgesehenen Maßnahmen im gesamten Inselreich in Kraft setzt; in London und anderen Großstädten werden in aller Eile Vorbereitungen getroffen, um dieser Geißel entgegenzuwirken. Wenn ich die Ansichten des Herrn Urquhart teilte, so würde ich sagen, der Zar habe die Cholera in "geheimer Mission" nach England geschickt, um den letzten Rest des sogenannten angelsächsischen Geistes zu zerstören.
Eine erstaunliche Veränderung ist während der vergangenen vier Wochen in den Industriegebieten vor sich gegangen. Im Juli und Anfang August sah man nichts weiter als strahlenden Wohlstand, der von der fernen Wolke der "orientalischen Frage" nur leicht und vielleicht noch etwas mehr von der Befürchtung überschattet wurde, daß ein Mangel an Arbeitskräften unsere Baumwoll-Lords daran hindern könnte, jene immense Goldgrube profitbringenden Geschäfts, die vor ihnen lag, bis aufs letzte auszubeuten. Der Streit im Orient schien beigelegt zu sein, die Ernte könnte sich sicherlich als etwas kärglich erweisen, aber es gab ja den Freihandel, um die Preise mit den niemals versagenden Lieferungen aus Amerika, vom Schwarzen Meer und von der Ostsee niedrig zu halten. Tagtäglich stieg die Nachfrage nach Industrieerzeugnissen. Kalifornien und Australien schütteten ihre goldenen Schätze in den Schoß der britischen Industrie. Die "Times", Malthus und all ihre eigenen früheren Rhapsodien über die Übervölkerung vergessend, erörterte ernstlich die Frage, ob nicht der Mangel an Arbeitskräften und die sich daraus ergebenden höheren Löhne diesem blühenden Handel durch eine dementsprechende Steigerung der Produktionskosten der britischen Industrieerzeugnisse ein Ende setzen würde, falls nicht der Kontinent Scharen von Arbeitern lieferte. Die Fabrikanten meinten, den arbeitenden Klassen ginge es nur zu gut, so gut, daß ihre Forderungen keine Grenzen kannten und ihre "Unverschämtheit" Tag für Tag unerträglicher werde. Aber das allein war ja ein Beweis für den ungeheuren, beispiellosen Wohlstand, dessen sich das Land erfreute; und was sonst konnte die Ursache für diesen Wohlstand sein als der Freihandel! Viel wichtiger jedoch war die Gewißheit, daß der ungemein schwunghafte Handel durch und durch gesund war, daß es keine Lagerbestände, keine wilde Spekulation gab. In diesem Sinne pflegten sich die Fabrikanten unisono zu äußern, und sie handelten nach diesen Ansichten: sie bauten Fabriken zu Hunderten, sie gaben Dampfmaschinen mit Tausenden von Pferdestärken in Auftrag, mechanische Webstühle zu Tausenden, Spindeln zu Hunderttausenden. Noch nie war die Ingenieurkunst und der Maschinenbau ein einträglicheres Geschäft als 1853. Firmen, die 1851 durch den großen Streik in ihrem gesamten inneren Aufbau zusammengebrochen waren, erlangten jetzt wieder ihre alte Stellung und verbesserten sie sogar; und ich könnte mehr als eine erstklassige und berühmte Maschinenbaufirma nennen, die ohne dieses noch nicht dagewesene Geschäft unter dem Schlag zusammengebrochen wäre, den ihr die Maschinenbauer während des letzten großen Streiks versetzten.
Es ist eine Tatsache, daß augenblicklich der strahlende Sonnenschein des Wohlstands durch dunkle Wolken verdeckt wird. Zweifellos hat die veränderte Lage in der Auseinandersetzung über die orientalische Frage eine ganze Menge dazu beigetragen; aber das berührt den Binnenhandel sowie den Handel mit Amerika und den Kolonien nur sehr wenig. Das Steigen der Diskontorate ist weniger eine Ursache als vielmehr ein Symptom dafür, daß "etwas faul im Staate Dänemark" ist. Der geringe Ertrag der Ernte und das Steigen der Lebensmittelpreise sind zweifellos Ursachen, die der Nachfrage nach Industrieerzeugnissen auf jenen Märkten, die der Auswirkung dieser Ursachen preisgegeben sind, entgegengewirkt haben und entgegenwirken werden, und von ihnen steht der Binnenmarkt, diese Hauptstütze der britischen Industrie, an erster Stelle. Allerdings wird gegenwärtig das Steigen der Lebensmittelpreise in den meisten Gebieten Englands und Schottlands beinahe ganz oder schon völlig durch die Erhöhung der Löhne ausgeglichen, so daß schwerlich gesagt werden kann, die Kaufkraft des Verbrauchers habe bereits merklich nachgelassen. Außerdem hat die Erhöhung der Löhne die Produktionskosten in jenen Industriezweigen erhöht, in denen die Handarbeit überwiegt; aber der Preis fast aller Industrieerzeugnisse war bis zum August auf Grund der großen Nachfrage ein gut Teil höher geschraubt worden, als es der Steigerung der Produktionskosten entsprochen hätte. Alle diese Gründe haben zusammengewirkt, um den Geschäftsgang zu verlangsamen; aber in letzter Instanz reichen sie nicht dazu aus, die allgemeine Besorgnis zu begründen, von der die Fabrikanten und Geschäftsleute der Industriegebiete erfüllt sind.
Fest steht, daß der trügerische Zauber des Freihandels dahinschwindet, und den kühnen industriellen Abenteurern dämmert es allmählich, daß ökonomische Erschütterungen, Geschäftskrisen und erneutes Auftreten von Überproduktion in einem Land des Freihandels doch nicht ganz so unmöglich sind, wie sie es sich erträumt hatten. Und Überproduktion hat es gegeben, gibt es und muß es geben, denn es gibt sogar jene Schreckgespenste des "Manchester Guardian", die "Lagerbestände", und sie nehmen auch noch zu. Die Nachfrage nach Waren hat entschieden nachgelassen, während der Vorrat täglich anwächst. Die größten neuerrichteten Fabriken, in denen die meisten Arbeiter beschäftigt sind, kommen erst jetzt allmählich in Betrieb. Der Mangel an Arbeitskräften, die Streiks im Baugewerbe, die Unmöglichkeit, die riesigen Mengen in Auftrag gegebener Maschinen zu liefern -, das alles hat manch eine unvorhergesehene Verzögerung bewirkt und zeitweilig den Ausbruch jener Symptome industriellen Überangebots hinausgeschoben, die sich sonst schon früher gezeigt hätten. So konnte die größte Fabrik der Welt, die von Herrn T. Salt, in der Nähe von Bradford, erst in dieser Woche mit der Arbeit beginnen, und es wird noch eine Weile dauern, ehe sich ihre ganze Produktionskapazität voll und ganz auf dem Markt auswirkt. Auf diese Weise werden viele der größeren neuen Unternehmen in Lancashire nicht in der Lage sein, noch vor dem Winter die Arbeit aufzunehmen, während es Frühling oder vielleicht auch noch später werden wird, ehe auf dem Markt die volle Auswirkung dieser neuen und riesigen Zunahme der Produktivkräfte zu spüren sein wird. Den letzten Nachrichten aus Melbourne und Sydney zufolge sind die Importmärkte sehr viel träger geworden, und viele Warensendungen wird man jetzt auf unbestimmte Zeit aufschieben müssen. Von der hemmungslosen Spekulation werden wir nach und nach hören, wenn die Bilanz gezogen wird. Die Spekulation erstreckt sich auf derartig viele Waren, daß sie diesmal weniger zutage tritt als früher, obgleich sie in großem Maße betrieben wird.
Karl Marx