Text nach: Protokoll des Internationalen Arbeiter-Congresses zu Paris. Abgehalten vom 14. bis 20. Juli 1889. Deutsche Uebersetzung. Mit einem Vorwort von Wilhelm Liebknecht. Nürnberg, Wörlein & Comp., 1890; Transkription des Marxists' Internet Archive (Graham Seaman und Einde O’Callaghan), ohne die Seitenzahlen. Die Fußnoten sind die der Ausgabe von 1890. Die vom Congreß angenommenen Resolutionen werden hier nicht wiederholt; sie stehen auf der Seite des Congresses: 1889 Internationaler Arbeiter-Congreß zu Paris (II. Internationale). Traducción al español.
Vorwort
Das Vorwort soll eine Entschuldigung sein – eine Entschuldigung des späten und des unvollkommenen Erscheinens. Und die beste Entschuldigung ist in diesem Falle eine klare Darlegung der Verhältnisse und Thatsachen.
Das Original-Protokoll, welches nur in Paris fertig zu stellen war, sollte von mir für Deutschland redigirt und von Wedde in’s Deutsche übertragen werden.
Die französische Wahlbewegung, die unmittelbar nach dem Congreß begann und erst im Herbst v. J. ihren Abschluß fand, verzögerte die Ausarbeitung des Originals, da Guesde, dem dieselbe anvertraut war, all seine Kräfte der Agitation widmen mußte. So wurden mehrere Monate verloren. Als endlich das Manuskript aus Paris einzutreffen begann, stürzte Wedde, dem die Arbeit eine wahrer Genuß war, voll solchen Feuerelfers sich in’s Werk, daß er meist mit dem Pensum schon zu Ende war, ehe eine neue Lieferung ankam.
Da, mitten im besten und freudigsten Schaffen traf den lebens- und kampffrohen Freund der jähe Tod. – –
Von dem Verlust, welchen die Partei an Wedde erlitten, rede ich hier nicht. Für die deutsche Ausgabe des Congreßprotokolls war sein Tod wahrhaft verhängnißvoll
Die Manuskripte geriethen in Unordnung, einiges ging verloren und mußte mühsam ersetzt werden. Und wer sollte nun die Uebersetzung in’s Deutsche besorgen?
Inzwischen waren auch wir Deutsche in den Wahlkampf geschleudert worden – ich hatte alle Hände voll zu thun und konnte unmöglich einspringen. Es galt, sich zu helfen. Mehrere des Französischen kundige Genossen theilten sich in die noch übrige größere Hälfte der Arbeit. Es ging, weil es gehen mußte; leicht, namentlich für mich, war es nicht, das darf man mir glauben.
Trotz aller Hinder- und Hemmnisse wird die deutsche Ausgabe doch noch vor dem französischen Original erscheinen.
Und trotz all seiner Mängel ist das Congreß-Protokoll von hohem Werth – es ist reich an Inhalt und es strahlt etwas von dem frischen, siegesgewissen Welteroberungsgeist aus, welcher das erste internationale Arbeiterparlament durchwehte.
Ueber die Bedeutung des Congresses verbreite ich mich nicht. Denen, die mit der geschäftlichen Leitung unzufrieden waren, habe ich zur Aufklärung zu sagen, daß der Congreß-Besuch die kühnsten Erwartungen der Pariser Einberufer weit übertroffen hatte, und daß in Folge dessen die Vorbereitungen nicht genügten. Es war in Wahrheit ein embarras de succès – eine Verlegenheit des Erfolgs. Der nächste internationale Arbeiter-Congreß wird den Vortheil der gewonnenen Erfahrungen haben, auch in Bezug auf die Leitung und Behandlung der Geschäfte. Künftig wird man z. B. – ganz abgesehen von den Resolutionen – dem Congreß die Berichte gedruckt vorlegen, so daß die Zeit des mündlichen Referirens erspart wird und Zeit zur Diskussion bleibt. Alles will eben gelernt sein, und einen mehrsprachigen, wirklich internationalen Congreß leiten, ist bei dem brüderlichsten und duldsamsten Entgegenkommen der Theilnehmer keine Kleinigkeit.
In Zukunft wird man ferner sich über die Zusammensetzung des Bureaus im Voraus zu verständigen haben – natürlich ohne den souveränen Entschließungen des Congresses vorzugreifen. Insbesondere muß ein ausreichender Stab von Uebersetzern zur Hand sein.
Die häßlichen Angriffe, welche ein holländisches Parteiorgan gegen die deutschen Congreß-Delegirten und speziell gegen mich gebracht hat, will ich unbeantwortet lassen – um des Parteifriedens Willen, und weil ich hoffe, daß das Unziemliche und Ungerechte des Angriffs von den Urhebern inzwischen eingesehen worden ist. Wie dem indeß sei, keine persönliche Verstimmung kann die Thatsache aus der Welt schaffen, daß der Internationale Arbeiter-Congreß, welcher am hundertsten Geburtstag der französischen Revolution in Paris zusammentrat, der größte Culturtriumph und die größte Culturthat des 19. Jahrhunderts war, und den Beginn einer neuen Aera bildet, die, mit den vielen „neuen und neuesten“ Aeren der klassenstaatlichen, im alten ausgefahrenen Geleis sich bewegenden Tagespolitik nichts zu thun hat, und den Bruch mit der Vergangenheit bedeutet.
Daß es kein Strohfeuer war, was aus dem Congreß loderte, das hat der 1. Mai dieses Jahres bewiesen, – die erste gewaltige, den Erdkreis umspannende Aktion des Weltproletariats, das voriges Jahr zu Paris seinen ewigen Bund des Friedens, der Freiheit und der Gleichheit geschlossen hat.
Borsdorf, den 2. Juni 1890.
W. Liebknecht
Sonntag, den 14. Juli. Eröffnungs-Sitzung
Der roth ausgeschlagene Versammlungsraum – La salle Petrelle – der Saal Petrelle – ist um 9 Uhr gefüllt. Auf der rothen Rückwand der Bühne prangt in Goldbuchstaben nach dem Worte von Marx die Inschrift:
Proletarier aller Länder, vereinigen wir uns!
Rechts und links zeigen sich zwei Namensschilder, hier das der „Arbeiter-Partei“ (Parti ouvrier), dort das des „revolutionären Central-Comité’s“ (Comité révolutionnaire central), auf welchem die bedeutendsten vertretenen Städte Frankreichs verzeichnet sind. Ueber beiden Schildern erhebt sich die rothe Fahne.
In der Mitte befindet sich ein dritter Schild mit der Inschrift:
Im Namen
des Paris vom Juni 1848 und vom März, April
und Mai 1871 und des Frankreich der Babeuf,
Blanqui und Varlin
Gruß
den socialistischen Arbeitern beider Welten.
Aus dem Vordergrund erblickt man die Bezeichnung des Ziels und der Forderungen sämmtlicher Arbeiter, soweit sie irgendwo in socialistischen Parteien organisirt sind:
Politische und wirthschaftliche Enteignung (expropriation)
der Kapitalistenklasse, Vergesellschaftung
der Produktionsmittel.
Im Namen der Pariser Organisationscommission – deren gedruckter Bericht vertheilt wurde – entbietet um 10 Uhr der Bürger Paul Lafargue den Abgesandten der Departements und des Auslandes ein herzliches Willkommen, ganz besonders den Deutschen, welche trotz der schwierigen Verhältnisse in ihrer Heimath sehr zahlreich erschienen sind, um zu beweisen, daß zwischen dem socialistischen Deutschland und dem socialistischen Frankreich keine Rede ist von jenen thörichten Gehässigkeiten und blinden Leidenschaften welches die Chauvinisten beider Länder mit so viel Eifer lebendig erhalten. Die aus Europa und Amerika in diesem Saale versammelten Abgesandten vertreten hier keins von ihren verschiedenen Vaterländern; sie schließen sich nicht zusammen unter den Falten der Trikolore oder irgend eines beliebigen anderen nationalen Banners; sie schließen sich zusammen unter den Falten der rothen Fahne, der Fahne des internationalen Proletariats. Sie befinden sich in diesem Saale nicht in dem kapitalistischen Frankreich, nicht in dem Paris der Bourgeoisie – sie befinden sich lediglich in einer der Hauptstadtes des internationalen Proletariats, des internationalen Socialismus.
Die Bourgeoisie feiert das Hundertjahr ihrer Revolution, dieser Revolution. welche verkündigte, sie werde Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit unter den Menschen ausrichten, und welche mit nichts Besserem zu endigen wußte, als mit der grausamsten und schrankenlosesten Ausbeutung der Arbeiter. Die Bourgeois habenden Adel nur niedergeschlagen um sich die Beherrschung der Gesellschaft anzueignen, sie haben die feudale Bastille wegrasirt, nur um im ganzen Lande kapitalistische Arbeits-Bastillen zu errichten, in denen sie die Kinder, Frauen und Männer des Proletariats zu den Qualen der Ueberarbeitung verdammen. Die Delegirten des internationalen Socialistencongresses von 1889 erklären schon durch ihr bloßes Zusammentreten daß sie etwas Anderes auszuführen haben als das Werk der Revolution von 1789; sie beugen sich nicht vor den „Rechten des Menschen und Bürgers“ von 1789, die ja doch nur die Rechte des Bürgers-Geldsackes sind. Die revolutionären Bourgeois des vorigen Jahrhunderts sandten ihre Boten aus durch Europa mit der Predigt: „Brüderlichkeit den Völkern! Krieg den Tyrannen!“ In diesem Saale sind die Apostel eines neuen Gedankens versammelt. Seit Jahren predigen sie den Arbeitern der civilisirten Nationen „Ihr seid Brüder und habt nur einen Feind: das Privatcapital – sei es preußisch, englisch, französisch oder chinesisch.“ Ihre unermüdliche Propaganda hat, bei aller wirthschaftlichen und politischen Unterdrückung durch die Capitalistenklasse, bereits die geistige Einigung der Socialisten beider Welten zu Stande gebracht. Die sociale Umgestaltung, vorbereitet durch die nationale und internationale Entwicklung und Organisation der Produktionskräfte, wird die civilisirten Nationen Europas und Amerikas zusammenschmelzen zu einem einzigen Volke von freien Erzeugern und Besitzern der aus gemeinsamer Arbeit entsprungenen Reichthümer.
Schließlich erklärte Lafargue unter allgemeinem Beifall den Congreß für eröffnet und forderte auf, einen Vorsitzenden zu wählen. Die Namen des deutschen Reichstagsabgeordneten Liebknecht und des Pariser Municipalrathes Vaillant wurden genannt. Lafargue schlug vor, beide zu wählen und die erste Sitzung unter ihrem gemeinschaftlichen Vorsitz abzuhalten. „Das wird ein Zeugniß des Brüderbundes sein, der die Socialisten Deutschlands und Frankreichs vereinigt.“ (Wiederholter stürmischer Beifall.)
Zu Vicepräsidenten und Schriftführern wurden gewählt: der Abgeordnete Costa und Cipriani für Italien, Anseele für Belgien, Leo Fränkel für Ungarn, Peter Lawroff für Rußland, Domela Nieuwenhuis für die Niederlande und der Abgeordnete Ferroul für Frankreich.
Bürger Vaillant acceptirt den mit Liebknecht gemeinschaftlichen Vorsitz und richtet an den Congreß folgende Ansprache:
„Ich danke Ihnen für die Ehre, welche Sie mir erweisen, indem Sie mich zum Vorsitz dieses großen internationalen Socialisten-Congresses an dessen Eröffnungstage berufen, und mir meinen Freund zugesellen, den uns allen bekannten Reichstagsabgeordneten Liebknecht. Sie bestimmen uns also beide zugleich im Namen des internationalen Socialismus die Delegirten zu begrüßen, die aus allen Ländern gekommen sind, um im Namen der Völker den socialistischen Einigungsvertrag zu besiegeln, welcher den Anfang ihres gemeinsamen Handelns und ihrer Befreiung bilden muß; Sie beauftragen mich, im Sinne aller revolutionären Socialisten Frankreichs die Brüder willkommen zu heißen, die aus der Fremde herbeigeeilt sind, um uns die Hand zu reichen – dieselben zu beglückwünschen, weil sie so zahlreich, so entschlossen gekommen sind – ganz besonders aber zu beglückwünschen diese imponirende Sendbotenschaar aus Deutschland, welche hier die größte organisirte Socialistenmacht der Erde vertritt.
Im Angesicht der freiheitmörderischen und kriegerischen Vorbereitungen der Könige und der herrschenden Klassen haben wir die Nothwendigkeit des internationalen Friedens zu betonen, unsern Willen, diesen Frieden aufrecht zu erhalten, und an die Stelle des Militarismus, an die Stelle der Politik des Beutemachens und Eroberns zu setzen die demokratische Vertheidigungspolitik von Völkern, welche bewaffnet organisirt sind, um neben ihrer Unabhängigkeit nach außen die Sicherheit und die Entwicklung ihrer Freiheit im Innern zu schützen gegen jede Störung.
Wir haben unsern festen Entschluß auszusprechen, von den Herren der Gewalt und des Kapitals die Garantieen des Schutzes für die Arbeit und die Arbeiter zu erlangen, welche jene Herren beständig verweigern als eine Schmälerung ihrer Vorrechte. Unverweilt müssen unsere Herren dazu gebracht werden, mittels eines internationalen Gesetzes weniger ungeheuerliche, mehr menschliche Existenzbedingungen für die Arbeiter anzuordnen; unverweilt muß das Proletariat gegen den Hunger geschützt durch einen Minimallohn, gegen die Zu-Tode-Rackerung durch eine Beschränkung des Arbeitstages – muß es mittels dieser ersten und unerläßlichen Reform endlich dazu befähigt werden, daß es die Mittel vorbereiten könne, um sich wirklich zu emancipiren durch einen organisirten Feldzug gegen das Vorrecht und die Herrschaft des Privatkapitals.
Wir werden im Laufe unserer Debatten noch genug andere Forderungen zu formuliren haben, denn das Ziel, dem wir zustreben, ist unverkennbar für die Massen-bewußten Proletarier aller Länder, für die Socialisten, deren Delegirten hier vereinigt sind, und welche alle den Willen haben wie auch immer die Wege sich gestalten mögen: schließlich anzukommen bei der Besitzergreifung der Arbeitsmittel und der Arbeitsstoffe durch die Gesellschaft, kurz bei der rechtlichen und faktischen Gleichheit in dem socialdemokratischen Volksstaat.
Was aber auch immer das Resultat dieser Debatten sein wird, es kann nur geringe Bedeutung haben im Vergleich mit Dem, was wirklich bereits erreicht ist – das Zusammentreten dieses Congresses.
Noch niemals haben sich in einem nationalen französischen Socialistencongreß so viele Delegirte zusammengefunden, Vertreter von Paris und allen anderen Arbeitercentren, Vertreter sämmtlicher Gewerkschaften und Arbeiterorganisationen der Departements. Noch niemals hat ein internationaler Socialistencongreß so viele Vertreter des internationalen Socialismus zusammengeführt, herbeigeeilt von allen Punkten der socialistischen Welt, und zwar am Tage nach blutigen Kämpfen, mitten unter den Machenschaften der Regierung und des Kapitalismus. Die Saat der Commune beginnt zu keimen. Und all diese hier versammelten Delegirten Frankreichs und der anderen Länder haben nur ein Gebilde im Herzen, nur einen Willen: für immer zu besiegeln den Einigungsbund, den Solidaritätsvertrag der Socialisten aller Länder, einen Vertrag, der schon durch die einfache Thatsache dieser brüderlichen Vereinigung geschlossen ist, und dem wir alle Treue schwören für gute und böse Tage.
Dieser Congreß, dessen Erfolg und Größe alle unsere Hoffnungen übertrifft, wird eines der großen Ereignisse der Geschichte der Völker sein. In glänzender Weise eröffnet er eine neue Aera der bewußten systematischen Geltendmachung unterdrückten Rechtes, planmäßigen, einmüthigen Handelns des internationalen Proletariats und Socialismus. Er ist das Pfand des sicheren und entscheidenden Sieges, Hoch die sociale internationale Republik! (Lebhafter Beifall.)
Bürger Liebknecht dankt für das ihm geschenkte Vertrauen: „Es ist der stolzeste Moment meines Lebens, hier zu stehen und die Erfüllung des Ideals zu sehen, welches die Worte eingab: Proletarier aller Länder vereinigt Euch! Und noch zu ganz besonderer Freude gereicht es mir, daß ich, ein Vertreter der deutschen Socialdemokratie, hier stehe Schulter an Schulter mit meinem Freunde Vaillant, einem Vertreter der französischen Socialdemokratie. Nach dem furchtbaren Bruderkrieg, in dem unsere beiden Nationen sich zerfleischt, reichen sich so in unserer Person gewissermaßen die beiden Völker die Hand: das socialdemokratische Deutschland dem socialdemokratischen Frankreich. (Die Vorsitzenden schütteln einander die Hand unter brausenden Jubel der Versammelten.) Die Feindschaft Deutschlands und Frankreichs war bisher das Haupthinderniß des politischen und socialen Fortschritts in Europa. Die Verbrüderung Frankreichs und Deutschlands ist der Triumph des Friedens, der Civilisation, des Socialismus. Und daß in diesem Saale, in der Mutterstadt der Revolution, die Vertreter des arbeitenden Volks aller Länder zusammengekommen sind – alle beseelt von dem einen Gedanken der Emanzipation des Proletariats, und dem einen Gefühl der Solidarität, das gibt diesem Parlament der Arbeiter die Bedeutung eines großartigen Friedenswerks, einer epochemachenden Culturthat. Und indem ich formell den hier anwesenden nichtdeutschen Genossen im Namen der deutschen Socialdemokratie den Brudergruß darbringe, will ich nun meinen deutschen Genossen die begeisternden Worte der internationalen Begrüßung übersetzen; die soeben von unseren französischen Freunden Lafargue und Vaillant an den Congreß gerichtet worden sind. (Redner gibt ein Resume der zwei Ansprachen und fährt fort): Ich schließe mich meinem Vorredner an. Dieser Congreß ist der Ausgangspunkt einer internationalen Zusammenarbeit des Proletariats der Welt· Was auch immer die Beschlüsse sein mögen, welche er fassen wird – die Hauptbedeutung des Congresses liegt in der Thatsache seines Zusammentritts, in der Thatsache, daß die Arbeiter-Delegirten der verschiedenen Länder in persönlichen Verkehr mit einander treten, die Gleichheit ihrer Bestrebungen trotz der Verschiedenheit der Länder und Zungen erkennen, und sich gegenseitig die Bruderhand reichen zu dem Pacte d’Union – zu dem heiligen Bundesvertrag des internationalen Proletariats.
Frei von Nationalvorurtheilen, frei von dem selbstsüchtigen Streben, herrschen und ausbeuten zu wollen, wird das Proletariat die Ideale verwirklichen, welche den Helden der großen Revolution, die heute ihren hundertsten Geburtstag feiert, vorgeschwebt haben – die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, welche aber mit dem Egoismus der zur Herrschaft gelangenden Bourgeoisie im Widerspruch standen, und darum bisher nicht verwirklicht werden konnten.
Es ist dies nicht der erste internationale Arbeiter-Congreß, auf dem ich mich befinde. Im Jahr 1869 war ich in Basel, und als wir mit den Arbeiten fertig waren, und es galt, Ort und Zeit für den nächsten Congreß zu bestimmen, da lud einer der französischen Delegirten uns im Namen der französischen Genossen für das nächste Jahr nach Paris ein – Paris werde dann frei sein von Bonaparte. Und mit jubelnder Einstimmigkeit wurde die Einladung angenommen, und mit dem Ruf: „Also nächstes Jahr in Paris!“ trennten wir uns.
Jener französische Delegirte war Varlin.
Das nächste Jahr kam – 1870 –, und der Krieg kam – den wir leider nicht verhindern konnten – der Bonaparte fiel – und die Commune kam – und Varlin gleich den anderen französischen Congreß-Delegirten that seine Schuldigkeit im Rath und auf dem Schlachtfeld – die Commune fiel und Varlin, der edle, heldenhafte Varlin, ward von den entmenschten Siegern gefangen und unter entsetzlichen Mißhandlungen, denen er stoischen Gleichmuth und trotziges Schweigen entgegensetzte, stundenlang durch die vom Mord seiner Brüder gerötheten Straßen geschleift, bis die grausamen Feinde selber müde wurden, und den Verhaßten, dessen letztes Wort ein Fluch gegen diese verthierende Bourgeois-Gesellschaft war, an einer Mauer zusammenschossen.
Das Märtyrerblut der Commune war Revolutionssamen. Mächtig erstarkte überall, und namentlich auch in Deutschland, die Arbeiterbewegung, obgleich die Bourgeoisie sie aus ewig im Blut und in Verläumdungen erstickt zu haben glaubte.
Und nach zwanzig Jahren find wir jetzt der Einladung Varlin’s gefolgt, und jetzt ist mehr wahr geworden als Varlin, als wir alle damals geträumt – ein internationales Arbeiterparlament, Hunderte von Vertretern des ausländischen Proletariats, darunter über achtzig aus Deutschland – neben den Vertretern der Arbeiter von Paris und von Frankreich.
Der Bundesvertrag braucht nicht erst geschlossen zu werden – er ist geschlossen!
Und ehe wir nun zu der Constituirung des Congresses schreiten, habe ich nur noch Eins zu bemerken: dieser Congreß ist allen ehrlichen Kämpfern für die Emanzipation des Proletariats geöffnet. Niemand ist ausgeschlossen, der mitarbeiten will an dem Werk der Befreiung.
(Liebknecht hatte – namentlich gegen den Schluß, theilweise französisch gesprochen. Der Rede folgte einstimmiger anhaltender Beifallsruf: Hoch das socialistische Deutschland! Hoch die Internationale!)
Hierauf wurde eine Commission zur Prüfung der Mandate ernannt, welche nach den Nationalitäten zusammengesetzt war wie folgt: Deutschland – Vollmar, Geyer, Geck; Frankreich – Lavigne, Guesde, Vaillant; Rußland – Lawroff; Polen – Mendelsohn; Schweiz – Brandt (Vizepräsident des Grütli Vereins); Italien – Costa und Cipriani; Spanien – Mesa; Skandinavien – Petersen; Belgien – Stautemas und Steffens; Niederlande – Domela-Nieuwenhuis; Oesterreich, soweit deutsch – Dr. Adler; Oesterreich, soweit slavisch – Hybes; Ungarn – Fränkel; England – William Morris; Vereinigte Staaten von Nordamerika – Ahles; Rumänien – Many.
Das Bureau zeigt an, daß verschiedene Anträge bei ihm eingegangen sind, unter Anderem einer vom Bürger Lawroff, der beauftragt ist, einen allgemeinen Bericht über die Lage in Rußland vorzutragen, und der im Hinblick auf den schwankenden Stand seiner Gesundheit bittet, ihm den Vortrag für die nächste Sitzung zu gestatten. Wird angenommen.
Nach einer längeren Diskussion über die Regulirung der Sitzungen, an welcher sich die Bürger Dupres, Camescasse, Anseele, Bebel und Merlino betheiligen, beschließt der Congreß, sich Montag früh 9 Uhr wieder zusammen zu finden.
Bürger Werner aus Berlin erklärt, daß er ebenso wie mehrere seiner Mitdelegirten beauftragt ist, alles Mögliche zu thun, um eine Einigung der beiden Congresse herbeizuführen. Er schlägt vor, eine Commission von 5 Mitgliedern zur Betreibung dieser Angelegenheit zu ernennen.
Bürger Bernstein weist darauf hin, daß es unmöglich ist, irgend eine Commission zu ernennen, bevor die Vollmachten der Delegirten geprüft sind. Uebrigens – fügte er hinzu – haben wir uns der Einigung immer geneigt erwiesen.
Bürger Costa erklärt daß alle italienischen Delegirten das Mandat erhalten haben, sich beiden Congressen anzuschließen, und alle Anstrengungen aufzubieten, um sie in einen zu verschmelzen. Sollte die Frage von der Diskussion ausgeschlossen werden, so würde man es ihnen unmöglich machen, ihrem Mandat zu genügen. Er besteht also darauf, sofort die Sache in Angriff zu nehmen.
Bürger Liebknecht glaubt, daß nichts geschehen könne, bevor der Congreß nicht seine Constituirung vollendet hat. Man hat seit 4 Monaten Alles versucht, um die Einigung herbeizuführen. Die Hindernisse sind nicht von unserer Seite gekommen, sondern von der anderen. Wie sollten wir in dieser Lage unsere Freunde, die französischen Socialisten, zu einer Einigung auffordern, die ihnen stets verweigert wurde? Das hieße ihnen die Pistole auf die Brust setzen. Wir Deutsche sind für die Einigung, wir sind für einen einzigen internationalen Congreß. Aber es hängt nicht von uns ob, ob dies erreicht wird. Wir haben stets unsere Hand dargeboten, wir bieten sie noch dar. Möge man sie ergreifen! (Allgemeiner Beifall.)
Montag, den 15. Juli. Morgen-Sitzung
Da der Versammlungsraum – la Salle Petrelle – sich für die beständig wachsende Zahl der Delegirten zu klein erwiesen hat, ist der Congreß nach dem „Saale Pariser Phantasiegebilde“ (Salle des Fantasies Parisiennes) in der Rue Rochechouart, hinüber gewandert. Die Sitzung wird um 10 Uhr eröffnet und das Wort erhalten die verschiedenen Berichterstatter der Mandat-Prüfungscommission.
Die Delegirten, deren Namen folgen, werden nacheinander als Congreßmitglieder anerkannt.
Jeder Delegirte erhebt sich beim Aufruf seines Namens und antwortet: „Hier!“ Jeder Name wird mit Beifall begrüßt, der besonders kräftig erschallt bei Liebknecht, Bebel, Lawroff, Domela-Nieuwenhuis, Dr. Adler und bei den Vertretern der Bergarbeiter aus Frankreich, Deutschland, England und Schottland.
Die Zahl der anerkannten Delegirten beträgt:
| Franzosen | 221, |
|---|---|
| Deutsche | 81, |
| Engländer | 22, |
| Belgier | 14, |
| Oesterreicher | 8, |
| Ungarn | 3, |
| Niederländer | 4, |
| Russen | 6, |
| Schweden | 3, |
| Norweger | 1, |
| Dänen | 3, |
| Schweizer | 6, |
| Polen | 5, |
| Spanier | 2, |
| Rumänen | 5, |
| Amerikaner | 4, |
| Portugiesen | 1, |
| Tschechen | 1, |
| Bulgaren | 1 |
| Summa | 391 1 |
Bürger Vollmar, Berichterstatter für Deutschland, erklärt, daß die socialdemokratische Partei durch 81 Mitglieder vertreten ist, welche in allen Theilen des Reiches, mit einziger Ausnahme der Provinz Posen, gewählt worden sind. Die Delegirtenwahl wurde auf verschiedene Weise vorgenommen. Die Wahl in öffentlicher Versammlung, welche wir für den normalen Modus halten, war nur in 125 Fällen angängi:g, in sehr vielen Fällen sind Versammlungen, welche für diesen Congreß wählen sollten, verboten oder aufgelöst worden. Um die Wahl der Delegirten zu Stande zu bringen, hat man alsdann seine Zuflucht zu Abstimmungslisten genommen, die man in den Werkstätten, Wirthschaften und Fabriken cirkuliren ließ. Eine dieser Listen hat 5:000 Wählernamen aufzuweisen. Die ertheilten Mandate sind von zweifacher Art: Mandate von Personen, die nur durch gleiche politische Gesinnung zusammengeführt werden, und Mandate ökonomischer oder gewerblicher Verbände von Arbeitern gleichen Berufs. Der eine Delegirte vertritt eine ganze Gewerkschaft, der andere einen ganzen Landestheil oder Wahlkreis – zumal der Abgeordnete des Reichstages oder Landtages. Im Allgemeinen haben die Wahlen zum internationalen Congreß ebensoviel Theilnehmer gefunden wie die Wahlen zum Reichstag. Unter den Gewählten befinden sich 11 gegenwärtige und 4 frühere Abgeordnete, sowie 3 Bevollmächtigte der kürzlich durch den Streit gegangenen Bergleute, 2 aus Westphalen und 1 aus dem Königreich Sachsen. (Lebhafter Beifall) Man findet auch 1 Studenten, ferner 1 Vertreter der socialistischen Deutschen in den Vereinigten Staaten und 1 Vertreter der socialistischen Trades-Unions von New-York. 2
(Diese beiden Deutsch-Amerikaner sind in der von Vollmar gegebenen Aufzählung von 81 Deutschen nicht mit eingerechnet, sondern in obiger Liste den Amerikanern zugezählt.)
Bürger Vaillant gibt die französische Uebersetzung und fügt hinzu, daß diese großartige Arbeiters-Demonstration unter der Herrschaft des Ausnahme-Gesetzes und des Belagerungszustandes durchgesetzt worden ist. Die deutschen Arbeiter haben Allem getrotzt, Hindernissen und Verfolgungen, um nach Paris zu kommen zur Verbrüderung mit den Arbeitern der ganzen Welt. Es liegt hierin ein neuer und leuchtender Beweis dafür, daß die alte sociale Welt ein für alle Mal zum Untergang verurtheilt ist, und daß sie Katastrophen entgegengeht, in den wir berufen sein werden, unsere ganze Pflicht zu thun. (Lebhafter Beifall.)
Bürger Liebknecht erklärt, daß er schon manchen nationalen und internationalen Congreß mitgemacht habe, aber daß keiner derselben sich mit dem gegenwärtigen vergleichen könne. „Die nationalen nicht, schon weil sie eben nur nationale waren. Aber auch die früheren Congresse der Internationalen Arbeiter-Association konnten nichts Aehnliches bieten. Die Internationale Arbeiter-Association war nur eine großartige Zukunftsskizze: der Plan der allgemeinen Arbeiterverbrüderung und Arbeiterorganisation, – ein Plan, der aber in Folge der Neuheit der Bewegung in den meisten Ländern noch nicht zur vollen Verwirklichung gelangen konnte. Wie in Schlachten und bei Belagerungen des Alterthums die Vorkämpfer ihren Speer weit hinaus in die feindlichen Reihen, über die Mauer der feindlichen Beste schleuderten, um die Massen anzutreiben, dem Wurfgeschoß nachzustürmen, so hat die Internationale Arbeiter-Association den Speer des internationalen Erlösungskampfes weit vorausgeschleudert mitten in die Armeen, mitten in die Festung des Kapitalismus – und das Proletariat ist nachgestürmt, um den Speer zurückzuholen und die Armeen der Feinde zu zersprengen und ihre Festung zu erstürmen. Die Internationale Arbeiter-Association aber hatte, nachdem sie den Arbeitern aller Länder das gemeinsame Ziel gezeigt, ihnen die Nothwendigkeit des gemeinsamen Handelns und Kämpfens gelehrt hatte, ihre Mission erfüllt. Sie ist nicht todt – sie ist übergegangen in die mächtigen Arbeiterorganisationen und Arbeiterbewegungen der einzelnen Länder, und lebt in diesen fort. Sie lebt in uns fort. Dieser Congreß ist das Werk der Internationalen Arbeiter-Association.
Die internationale Arbeiterbewegung ist zu groß geworden für den Rahmen einer einzigen, einheitlichen Organisation. Doch die Saat der Internationalen Arbeiter-Association ist so gut aufgegangen in den Herzen der Arbeiter, daß der Gedanke der Internationalität jede Arbeiterorganisation und jede Arbeiterbewegung der Gegenwart beherrscht. Die Internationale Arbeiter-Association, so weit sie heute noch möglich, braucht nicht neugegründet zu werden – sie besteht, – besteht in einem weit größeren Umfang, als die Gründer zu hoffen gewagt – sie umfaßt das gesammte klassen- und zielbewußte Proletariat der ganzen Welt – eine Riesenarmee, in welcher die organisirten Arbeiter der einzelnen Länder die einzelnen Armeecorps bilden; – aber alle Armeecorps nur eine einzige Armee!
Das Programm der Internationalen Arbeiter-Association in all seinen Theilen verwirklichen, die nationalen Organisationen immer besser organisiren, das Band der Internationalität immer fester schlingen – das ist unsere Pflicht – die Pflicht aller Sendboten des Proletariats, die zu diesem großen internationalen Arbeiterparlament zusammengekommen sind.
Die englischen Chartisten hatten schon ein „Arbeiterparlament.“ Allein so groß auch die Chartistenbewegung war, jenes Arbeiterparlament enthielt bloß die Delegirten englischer Arbeiter. Auch die früheren internationalen Congresse lassen sich mit diesem Congreß nicht vergleichen, weil die meisten Länder nur sehr unvollkommen, zum Theil gar nicht vertreten waren, jene Congresse also nicht als getreuer Ausdruck der internationalen Arbeiterbewegung gelten konnten. In diesem unserem Congresse ist aber die gesammte Arbeiterbewegung der Welt, wenn auch noch nicht ganz vollständig, doch in einem solchen Maße vertreten, daß wir ohne Selbstüberhebung sagen können: das ist ein Welt-Arbeiter-Parlament – das erste, welches die Welt je gesehen hat.
Die Arbeiter aller Länder haben ihre Augen vertrauensvoll auf uns gerichtet. Und das Vertrauen wird nicht getäuscht werden – das sagt die Begeisterung, die mir aus allen Augen entgegenblitzt.“
Bürger Vaillant spricht in demselben Sinne und erinnert an den internationalen Charakter der Commune von 71. Der Congreß wird Epoche machen in der Geschichte des Kampfes für die Befreiung der Arbeit. Redner bittet, um jeden Zeitverlust zu vermeiden, ein permanentes Bureau zu wählen, das aus allen Nationen genommen und ein treues Bild des Congresses im Kleinen sein soll. Er selbst verzichtet auf seine Wahl zum Vorsitzenden dieses Tages. (Einstimmige Annahme.)
Das Bureau wird folgendermaßen und in folgender Ordnung zusammengesetzt: Schweiz – Brandt; Deutschland – Bebel und Liebknecht; Frankreich – Lafargue und Vaillant für die socialistischen Organisationen, Besset für die Pariser Gewerkschaften, Lavigne für die Gewerkschaften in den Departements; Italien – Cipriani und Costa; Niederlande – Domela-Nieuwenhuis; England – Morris, Bürgerin Marx-Aveling und Cuninghame-Graham; Spanien – Iglesias; Ungarn – Leo Fränkel; Skandinavien – Petersen, Jeggesen und Palmgreen; Elsaß-Lothringen – Jaclard; Rußland – Lawroff; Polen – Mendelsohn; Deutsch-Oesterreich – Popp; Belgien;— De Paepe und Anseele; Vereinigte Staaten von Amerika – Ahles; Rumänien – Mangle; Finnland – Finn.
Auf Vorschlag des Bürgers Lafargue fügt man hinzu die Delegirten der Bergarbeiter aus Frankreich, Deutschland, England und Schottland: Lacombe, Dieckmann, Ehrhardt, Stolle, Keir Hardie.
Zu Sekretären werden ernannt die Bürgerinnen Jankowska und Zetkin und die Bürger Deville, Guesde, Ferroul, Longuet, Daumas, Frohme, Wedde, Geyer, Bernstein.
Zu Uebersetzsern aus dem Französischen in’s Englische – Bürgerin Marx-Aveling und Morris; aus dem Englischen in’s Französische – Longuet; aus dem Deutschen in’s Englische – Krantz; aus dem Französischen in’s Deutsche – Vollmar; aus dem Französischen und Englischen in’s Deutsche – Liebknecht und Bernstein.
Die Delegirten der übrigen Nationen erklären keines Uebersetzers zu bedürfen, da sie theils Französisch, theils Deutsch verstehen.
Es folgt die Verlesung der Zustimmungs-Telegramme und Briefe, die aus verschiedenen Ländern angekommen sind, zumeist aus Deutschland.
Telegramme liesen ein aus:
Deutschland:
Arnstadt; Berlin, – die Berliner Hausindustriellen; Berlin – der allgemeine Metallarbeiterverein Berlins und Umgegend; Berlin – die Maurer (Grothmann); Berlin – Verein der Klempner von Berlin und Umgegend; Hamburg – die Arbeiter von Hamburg, Altona und Umgegend; Hamburg – die Steinmetzen; Hamburg – die Former von Hamburg-Altona; Dresden – die Dresdener Tischler in der sächsischen Schweiz, Schandau; Dresden – der 4., 5. Und 6. Wahlkreis Sachsens; Leipzig – die im Pantheon versammelten Socialisten; Grüna (Sachsen) – der Wahlverein; Würzburg – die Arbeiter; Lübeck – die Former; Frankfurt am Main – die Arbeiterschaft; Brandenburg – die Arbeiterschaft; Burgstädt – der Wahlverein; Chemnitz – Quartettverein; Köln – die Arbeiter; Darmstadt – die Socialdemokraten; Glauchau – Arbeiter; Gotha – die Arbeiter; Elmsborn – die Arbeiter; Forst – die Parteigenossen; Hartmannsdorf – Fachverein der Manufacturarbeiter; Heilbronn (Württemberg) – viele Arbeiter; Hohenstein-Ernstthal – die Arbeiter; Meißen – die Tischler; Nürnberg; Posen; Ronsdorf – Versammlung der Wähler des Kreises Lennep; Schlachtensee – Berliner Arbeiterklub Cubarippe; Schneeberg – 19. sächsischer Wahlkreis; Wandsbeck – die Schuhmacher; Zwittau (oder Zwickau?) – die Genossen; London – die Mitglieder des communistischen Arbeiterbildungsvereins; Boitsfort (Brüssel) – die deutschen Socialdemokraten Brüssels.
Oesterreich:
Wien – die vereinigten Knopfsdrechsler und Pflasterer; Wien – die Hufschmiede; Wien – die Socialisten von Floridsdorf; Kratzau – die Socialisten Nordböhmens; Mährisch-Ostrau – die socialistischen Arbeiter; Reichenberg (Böhmen): die Genossen.
Ungarn:
Budapest.
Schweiz:
Basel – die deutschen Socialisten; Lausanne – die Freiheits-kämpfer; Genf – das Centralcomitee der Genfer Arbeiter; Sankt Gallen – die deutschen Socialisten.
Italien:
Rom – Socialer Studienzirkel.
Spanien:
Madrid – Nationalcomitee der socialistischen Arbeiterpartei.
Portugal:
Lissabon.
Niederlande:
Ternfuzen – der socialistische Propagandaklub.
Schweden-Norwegen:
Christiania; Bergen.
England:
London – der communistische Arbeiterbildungsverein.
Dänemark:
Kopenhagen.
Frankreich:
Narbonne; Laumes; Marseille.
Der Congreß erhielt Zustimmungsbriefe und Adressen von:
Berlin: Der socialdemokratische Leseklub Lessing erklärt seine Solidarität mit den Arbeitern der ganzen Welt und fordert Schutz der Arbeit gegen das Kapital und Schutz der Völker gegen die verhetzende Politik der Klassenregierungen.
Berlin: Die aufgeklärten Hausdiener senden Brudergrüße und Wünsche für die ersprießliche Arbeit des Congresses.
Naumburg a. Saale: Die socialistische Gruppe der Stadt bringt dem Congreß die aufrichtigsten Wünsche dar für den Erfolg seiner Arbeiten.
Posen: Abdallah wünscht im Auftrage der Posen’schen Arbeiter dem Congreß im Interesse des Proletariats den besten Erfolg und legt die Gründe dar, weshalb Posen nicht vertreten sein konnte.
Gersdorf: Die tschechischen Emigranten in Sachsen sind überzeugt, daß das Proletariat seine Ketten bricht, sobald es sich ohne Unterschied der Nationalität zu einer Weltorganisation vereint. Sie sind deshalb entschlossen, mit dem internationalen Proletariat zusammen zu kämpfen und zu siegen und rufen dem Congreß zu; „Vorwärts in den Kampf!“
Vevey (Schweiz): Der deutsche Arbeiterverein versichert dem Congreß seine volle Sympathie und schickt Wünsche für das Gedeihen der gerechten Sache der Socialdemokratie.
Zürich: Der Fachverein der Schneider erklärt seine wärmste Theilnahme für die Arbeiten des Congresses und bedauert, daß ihm die Absendung einer Vertretung unmöglich war. Der Fachverein hält jede Arbeitsschutzgesetzgebung, welche sich nicht auch auf die Hausindustrie erstreckt, für Flickwerk und erwartet, daß der Congreß der Arbeiterschaft auf’s Neue nahe legen wird, daß sie sich bei ihren Bestrebungen nur auf sich selbst zu verlassen hat, und daß er das internationale Zusammenwirken der Arbeiter aller Länder förderte.
Wien: Der Fachverein der Tischler sendet socialistischen Gruß und Hoch auf die internationalen socialistischen Arbeitervertreter.
St. Veit (Kärnthen): Die socialistische Gruppe sendet Glückwünsche und Brudergrüße, sowie ein Hoch auf die Solidarität der Socialisten und Proletarier aller Nationen.
Großwardein (Ungarn): Einige Arbeiterstimmen erklären das Gefühl ihrer innigen Solidarität mit dem Congreß und seinen Arbeiten und hoffen, daß dieselben auf die Organisation des ungarischen Proletariats günstig anregend wirken werden.
Buenos-Aires (Argentinien): Uhle übermittelt im Auftrage der Genossen dem Congreß Brudergruß und aufrichtige Wünsche für den Erfolg seiner Arbeiten.
Glasgow: Die Glasgower Genossenschaft der socialistischen Liga versichert ihr Bedauern, keinen Vertreter zum Congresse senden zu können, sowie ihre brüderlichen Gefühle und Wünsche für das Gelingen des Congresses.
London: Die Theilnehmer eines zahlreich besuchten Meetings zu Hammersmith erklären dem Congreß ihre Sympathie.
New-York-Brooklyn: Central Labor Union von Brooklyn und Umgegend erklärt sich mit den Beschlüssen des Congresses solidarisch und sendet beste Wünsche in der Hoffnung, daß die Congreßarbeiten einen Schritt nach vorwärts für die Emanzipation der Arbeit bedeuten.
Montpellier: Die Bürgerin Paule Minck gibt ihrer Ueberzeugung Ausdruck, daß die Befreiung der Frau nur mit der Emanzipation des Proletariats zusammen erfolgen kann. Der Congreß wird die Basis einer fruchtbaren Vereinigung des internationalen Proletariats schaffen. Die Bürgerin Minck bedauert, daß sie nicht an den Congreßarbeiten theilnehmen kann.
Paris: Die socialistisch-revolutionäre Gruppe des 18. Arrondissements (Montmartre) drückt dem Congreß ihre Sympathie aus und ruft ihm ein Bravo zu für den Beschluß einer Manifestation vor der Mauer der Föderirten.
Cette: Die Gewerkschaft der Lastträger erklärt ihre Zustimmung zu dem Congreß und sendet beste Wünsche, sowie eine Reihe von Forderungen bezüglich der auf der Tagesordnung stehenden Fragen.
Zur Verlesung kommt noch ein Brief des Bürgers Cleirac mit der Meldung, das derselbe nicht an den Arbeiten des Congresses theilnehmen könne, da er sich im Gefängniß befinde.
Bürger Volders bittet im Namen der belgischen Delegirten, daß man die Frage der Verschmelzung der Congresse sofort in die Hand nehme. Der Nationalrath der belgischen Arbeiterpartei hat betreffs dieser Angelegenheit einen Brief an beide Congresse gerichtet. Bürger Volders besteht darauf, daß dieser Brief zur Verlesung komme.
Da es aber bereits 4 Uhr ist, trennt man sich, nachdem man eine Abendsitzung aus 8 Uhr anberaumt hat.
Montag, den 15. Juli. Abend-Sitzung
Den Vorsitz führt der Bürger Brandt, welcher seinen Dank ausspricht für die Ehre, die man in seiner Person dem Schweizer Freistaate erweist. Die Schweiz rechnet in dem Kampfe um’s Dasein, den sie gegenwärtig zu bestehen hat allewege auf die französisch Republik, welche der Bürger Brandt eine Schwesterrepublik nennt. Wenn er hier Frankreich speziell begrüßt, so soll darin jedoch kein Aufruf einer Nationalität gegen eine andere liegen. Die Schweiz ist ja in der That eine Zusammenfügung verschiedener Nationalitäten, welche unter der Aegide derselben Gesetze in Friede und Freiheit mit einander auskommen. Die zu diesem Congreß gesandten Delegirten vertreten die Gesammtheit des Schweizer Proletariats (Beifall), welches diesen großen Verhandlungen der Männer der Arbeit um so mehr Interesse und Sympathie zuwendet, weil grade die Schweiz sich das Verdienst der Initiative bezüglich eines internationalen Arbeiterschutzgesetzes erworben hat. Diese Pariser Vereinigung der Arbeiter-Organisationen und der Socialistenparteien der ganzen Welt ist ein Pfand des Friedens, dieses Friedens, den allein die zu politischen Parteien zusammengetretenen Arbeiter ernstlich anstreben, eben so, wie sie allein die Freiheit und das Wohlergehen der Völker anstreben (Bravo).
Hierauf werden die seit dem Mittag eingetroffenen Telegramme und Zustimmungsadressen verlesen.
Bürger Lavigne, Berichterstatter für Frankreich, meldet das Eintreffen neuer Delegirter, unter welchen sich ein Gesandter der Bergarbeiter-Gewerkschaft des Loire-Departements befindet, Bürger Ottin, mit dem zwingenden Mandat, sich nur dem sogenannten „Marxisten«“-Congreß anzuschließen (Beifall).
Bürger Georg M. Hugh verliest eine Sympathie-Erklärung der American Federation of Labor, unterzeichnet vom Präsidenten Samuel Gompers, welche eine Erklärung enthält, dahin lautend, daß die Federation durch die Achtstundenbewegung zu sehr in Anspruch genommen sei, um einen Vertreter zum Congreß senden zu können, und welche die Vereinigung mit dem Possibilisten-Congreß und größeste Umsicht bei allen zu fassenden Beschlüssen anempfiehlt.
Bürger de Paepe theilt den Brief des National-Rathes der Belgischen Arbeiter-Partei mit, der an beide Congresse gerichtet ist und also lautet:
Brüssel, 9. Juli 1889.
An die Vorstandsmitglieder und die Delegirtenversammlung des Internationalen Socialistencongresses zu Paris.
Bürger!
Die Belgische Arbeiter-Partei, überzeugt von der zwingenden Nothwendigkeit, alle socialistischen Arbeiterkräfte der Welt in ein einziges Bündel zusammenzufassen, gehorcht einer gebieterischen Pflicht, indem sie sich an Euch mit der Bitte wendet, Euch ihr anzuschließen bei dem Bemühen, die beiden nach Paris berufenen Socialistencongresse in einen zu verschmelzen.
Es handelt sich hier um das höchste Interesse des gesammten socialistischen Proletariats. Es gibt nicht zwei internationale socialistische Proletariate, es gibt nur eins; es gibt nicht zwei internationale Socialdemokratien, es gibt nur eine. Das heißt: ein Congreß muß genügen und zwei Congresse sind ein Moment der Schwäche für heute und eine Gefahr für morgen. Auf die Dinge zurückzukommen, welche zur Einberufung zweier Congresse geführt haben, ist unnütz. Was geschah, ist abgethan. Dringend und unerläßlich ist es, daß die Partei, welche dem Privatkapital seine Vorrechte und seine Herrschaft aufrecht hält, keine Gelegenheit finde, zu applaudiren bei dem Schauspiel der Zersplitterung der Arbeiterkräfte.
Alle Länder sind auf dem Pariser Congreß vertreten; Alle wollen eine brüderliche Verständigung im internationalen Socialismus. Mögen sie die Verschmelzung der beiden Congresse beschließen, und diese Verständigung wird sich vollziehen, wie sie sich vollziehen soll.
Alle socialistischen Arbeitergruppen streben darnach, zusammen zu marschiren, eng verbunden, auf dem Wege zur Verwirklichung des socialistischen Ideale. Da die Menge sich entschieden hat, und da man eine demokratische Partei ist, hat man sich zu beugen und zu gehorchen. Das verlangt die Arbeiterpartei, das erklärt sie jedem der beiden Congresse.
Und wenn – was ein wirkliches Unglück wäre – wenn dies Verlangen nicht befolgt würde, erklärt sie den Delegirten, daß man um jeden Preis eine Verschärfung der durch die Einberufung zweier Congresse hervorgerufenen Gegensätze vermeiden muß. Sie beansprucht die Ehre, den nächsten internationalen Socialistencongreß, für 1890 oder 1891, zu sich einluden zu dürfen. Die Annahme dieses Vorschlags in jeder der beiden Versammlungen würde die Beendigung der Doppelheit des internationalen Socialistencongresses gestatten.
Die Arbeiterpartei Belgiens grüßt Euch brüderlich und ladet die Vertreter der anderen ausländischen Socialistenparteien ein, sich ihr behufs einer festen und definitiven Organisation der gesammten Socialdemokratie anzuschließen .
Für die belgische Arbeiterpartei im Namen des Generalraths der Sekretär Gustave Defuet.
Bürger Lafargue theilt mit, daß der Bürger Keir Hardie 60,000 schottische Bergarbeiter vertritt.
Im Namen des Bureau’s stellt der Vorsitzende folgende Anträge:
Meldungen zum Wort müssen schriftlich erfolgen (einstimmig angenommen).
Abstimmungen erfolgen nach Köpfen, außer wenn die gesammte Delegation eines Landes für einen bestimmten Fall Abstimmung nach Nationalitäten Verlangt.
Täglich soll von Morgens 9 Uhr bis Nachmittags 2 Uhr eine Sitzung stattfinden, am Mittwoch Abend 8 Uhr eine Abendsitzung, ein großes öffentliches Meeting am Sonnabend Abend und ein Schluß-Banket am Sonntag.
Bürger Volders will auf keinen Fall die Abstimmung nach Köpfen zulassen, da dieselbe aus eine Majorisirung des Congresses durch die Franzosen hinauskomme. Er fragt an, welche Gründe das Bureau gehabt habe, diesen Modus der Abstimmung vorzuschlagen.
Bürger Vaillant antwortet im Namen des Bureau’s, daß auf einem internationalen Congreß die Nationalität keine Bedeutung habe. Es soll hier nicht länger Franzosen, Deutsche, Belgier etc. geben, sondern nur Mitglieder einer großen internationalen Socialistenfamilie.
Bürger Keßler will selbst als Ausnahme keine Abstimmung nach Nationalitäten zulassen. Es gibt hier nur ein einziges Proletariat, in welchem weder große noch kleine Nationalitäten, die majorisiren oder majorisirt werden könnten, einen Platz finden. Er bemerkt außerdem einen Grund der Praxis dafür, sich an die Abstimmung nach Köpfen zu halten, weil nämlich die andere Abstimmungsweise das Beiseitetreten der Delegirten einer jeden Nation zur Verständigung über ihr nationales Votum erfordern würde, wodurch man eine kostbare Zeit unnüß verliere.
Bürger Bebel entgegnet, die Abstimmung nach Nationalitäten müsse für gewisse Fälle aufrecht gehalten werden, damit denjenigen Socialisten-parteien, welche, wie die deutsche Socialdemokratie, Ausnahmegesetzen unterstellt seien, die Möglichkeit gewährt werde, sich von etwaigen Beschlüssen, für welche sie keine Verantwortung übernehmen kann, loszutrennen.
Mit großer Majorität wird angenommen, daß die Abstimmung nach Köpfen Regel ist und daß im Falle, die Delegirten eines Landes verlangen einstimmig die Abstimmung nach Nationalitäten, diese als Ausnahme zugelassen wird.
In einer langen Debatte verlangen einerseits die Bürger Guillot, Brunet und Duprès Abendsitzungen in größeren Sälen zu Zwecken der Propaganda und Agitation, und erklären andererseits die Bürger Antide Boyer, Vaillant und Bebel, daß ein internationaler Congreß eine ganz andere Aufgabe habe: die Verständigung zwischen den Arbeitern allerorts zu einer gemeinsamen Aktion, worauf der Congreß den Vorschlag des Bureau’s betreffs der Zeit der Sitzungen annimmt.
Die Sitzung wird geschlossen, nachdem man an die Spitze der Tagesordnung für die nächste Sitzung die Einigungsfrage gesetzt hat.
Dinstag, den 16. Juli. Vormittags-Sitzung
Den Vorsitz führt der Bürger Deville, der um die größte Ruhe bittet. Er ist entschlossen, die vom Congreß selbst im Interesse Aller festgesetzten Ordnungsregeln voll zur Geltung zu bringen. Er wird deshalb keine Bitte ums Wort berücksichtigen weiche ihm nicht schriftlich zugestellt ist; dagegen kann jeder, der auf der Rednerliste steht, mit Sicherheit daran rechnen, an’s Wort zu kommen, wenn er an der Reihe ist. Zunächst bezieht sich die Debatte, welche sogleich beginnen wird, aus die Verschmelzung der Congresse, und nur auf diese Fragen.
Nach der Verlesung der Telegramme und Zustimmungsbriefe schlägt der Präsident vor, die Redezeit für jeden Redner aus 5 oder 10 Minuten zu beschränken. Der Congreß entscheidet sich für 5 Minuten, macht aber auf die Bitte des Bürgers Lafargue eine Ausnahme für die Referenten, deren Zeit nicht beschränkt sein soll.
Bürger Andrea Costa zeigt an, daß außer den bereits vertretenen socialistischen Arbeiter-Organisationen das Central Comitee der Italienischen Arbeiter-Partei, welches über 10,000 Mann hinter sich hat, und zwar zum großen Theile Landleute, als Delegirten den Bürger Croce sendet. Außerdem haben zwölf Arbeitergruppen in Rom ein Telegramm gesandt, in welchem sie ihre Wünsche für die Wiederherstellung der Internationalen Arbeiterassociation ausdrücken. Bürger Costa schließt sich von ganzem Herzen zu Gunsten der Verschmelzung der beiden Congresse, dem Briefe der Belgischen Arbeiterpartei und der Adresse der Amerikanischen Föderation an. Er hofft, daß der andere Congreß darauf eingehen und daß eine herzliche Verständigung das Ergebniß sein wird.
Bürger Volders kommt aus die Art der Abstimmung zurück, da Bürger Vaillant ihn nicht überzeugt hat. Er unterstützt den Antrag der Belgischen Arbeiterpartei. Seiner Meinung nach hat der Congreß die Aufgabe, die Verschmelzung herbeizuführen Erreicht er nichts als dieses, so wird er schon eine große und wichtige Arbeit erledigt haben. Redner fordert die Verschmelzung im Namen der Belgier, die er vertritt, der Niederländer, der Italiener, kurz fast aller nichtfranzösischen Delegirten. Wir sind – sagt er – eine demokratische Partei, also den Entscheidungen der Majorität unterworfen. Nun, die Majorität will die Verschmelzung; die Verschmelzung muß also zu Stande kommen und persönliche Abneigungen müssen sich unterordnen. Für den Fall jedoch, daß das Verschmelzungsprojekt nicht durchdringt, fordert er für die Belgier die Ehre, auf 1890 oder 1891 nach Belgien den nächsten internationalen Congreß zu berufen, und zwar in einer Weise, welche die Spaltungen begräbt, die bei längerer Dauer mit Nothwendigkeit sich auf die anderen Länder ausdehnen müßten, so daß man überall ein getheiltes, mithin machtloses Proletariat bekäme.
Bürger Cipriani schließt sich den Worten des Bürgers Volders an. Ohne Einigkeit bleiben die Proletarier die Sklaven ihrer Lohnherren. Wir brauchen einen einzigen Congreß in welchem für persönliche Empfindlichkeiten und Führer-Eitelkeiten kein Platz ist. Die persönlichen Fehden müssen zum Frieden kommen. Die Einigkeit der großen Arbeiterfamilie ist unerläßlich für den Kampf gegen die Boulangisten, Bonapartisten und sonstigen Reaktionäre. Die Italiener haben den zwingenden Auftrag erhalten, für diese Einigung alle ihre Kräfte aufzubieten, um das Schauspiel einer Spaltung des Proletariats im Lande der Revolution zu vermeiden. Bürger Cipriani bittet den Congreß inständigst, sich dem Friedensvorschlage zuzuwenden, da der Possibilistencongreß ebenfalls eine Arbeiterpartei vertritt. Zum Schluß ruft er aus: „Die Einigung drängt sich auf!“
Bürger de Paepe ist verwundert darüber, daß das Verschmelzungsprojekt nicht glatt an’s Ziel kommt, wie ein Brief durch die Post. Er ist enttäuscht, weil er die Sache sich in die Länge ziehen sieht. Er ist überzeugt, daß die Einigung von den Veranstaltern beider Congresse gewünscht wird; aber er glaubt, daß es diesem Congresse, als dem socialistischeren und vorgeschritteneren zukommt, die Sache in die Hand zu nehmen und eben dadurch seinen consequenten Socialismus zu bethätigen. Da dieser Congreß überdies einen Tag früher als der anderere eröffnet ist, hätte er schon etwas für die Vereinigung thun können. Bürger de Paepe weiß wohl, daß die Rankünen (der Groll) nicht alsbald verschwinden, aber man könnte doch, ohne der persönlichen Würde etwas zu vergeben, Schulter an Schulter zusammentreten in einem einigen Congreß. Er hofft, daß die Franzosen in Gegenwart der Ausländer sich zur Einigung bequemen werden, in Befolgung des beim Gemeinderath der Stadt Paris von den Erwählten der verschiedenen socialistischen Richtungen gegebenen Beispiels guter Kameradschaft.
Bürger Duprès: Man spricht so viel von der Verschmelzung. Hat man aber auch untersucht, ob eine Verschmelzung möglich ist zwischen revolutionären Socialisten und Cadettisten 3 wie Joffrin? Unsere ausländischen Freunde sind nach Paris gekommen, um sich mit dem arbeitenden und revolutionären Frankreich zu verständigen, nicht mit den Verbündeten des bürgerlichen Radikalismus und des Opportunismus. Was würden z. B. die so vorgeschrittenen deutschen Socialisten von uns denken, wenn sie sähen, wie wir uns vor den Bundesgenossen der Ranc und Clemenceau auf den Bauch werfen? Die Socialisten können nicht zu den Possibilisten kommen, weil die letzteren lediglich Bourgeois-Politiker sind, und weil die ausländischen Socialisten sich nicht auf eine Vereinigung mit Bourgeois einlassen würden. Daß es trotz alledem bei den Possibilisten überzeugte Socialisten gibt, bestreitet Niemand. Aber mögen dieselben doch zu uns kommen, und die Anderen mögen wegbleiben!
Bürger Liebknecht bemerkt, daß vor den Belgiern und Italienern, bereits in der Eröffnungs-Sitzung, die Delegirten von Berlin, als die Ersten, den Vorschlag der Verschmelzung der Sprache gebracht haben. Die Deutschen haben von jeher die Verschmelzung begünstigt und stehen auch noch auf diesem Standpunkt. Aber es handelt sich darum, eine angemessene Form zu finden, welche Niemanden kränkt und Niemanden herabwürdigt und kein Mißtrauen hervorruft; ohne eine solche Form würde man durch die Verschmelzung nur einen neuen Eris-Apfel unter die Socialisten werfen. Es ist ganz unmöglich, die Verschmelzung um jeden Preis zu verlangen. Eine solche Forderung hätte die Bedeutung eines Tadelsvotums gegen die Veranstalter des Congresses, welche ihre Pflicht vollständig erfüllt und alles Mögliche gethan haben, um die Einigung herbeizuführen. Die Einigung ist unzweifelhaft eine sehr schöne Sache; aber man wird sie nicht zu Gunsten Derer ausführen können, welche die Schuld dafür trifft, daß die Eintracht noch nicht vorhanden ist, und zum Schaden Derer, welche, wie die Haager Conferenz und die Pariser Organisations-Commission, Alles gethan haben, um die Eintracht herbeizuführen. Redner erzählt die Vorgeschichte des Internationalen Congresses von Paris. Er erinnert daran, daß zunächst die deutsche Socialdemokratie durch den Congreß von St. Gallen beauftragt war, einen Internationalen Congreß zu veranstalten. Dieser Congreß war in bester Vorbereitung, als man erfuhr, daß die englischen Trades Unions einen Internationalen Congreß nach London für 1888 zusammenberiefen. Die deutsche Socialdemokratie verzichtete sofort auf ihren Congreß, um sich dem Londoner anzuschließen, in der sicheren Annahme, daß das Parlamentarische Comitee der Trades Unions Bedingungen zulassen würde, welche annehmbar wären auch für die Länder, die in Folge einer abnormen Gestaltung der öffentlichen Zustände den Delegirten ihrer mächtigen Arbeiter-Organisationen kein reguläres Mandat mitgeben könnten. Statt dessen machte das Parlamentarische Comitee derartige Anforderungen, daß weder die Deutschen noch die Oesterreicher an einem solchen Congreß hätten Theil nehmen können. Hätte man unter den in London geforderten Bedingungen Mandate beigebracht, so hätte das in den beiden genannten Ländern die Auslösung aller Arbeiter-Organisationen und die Confiskation ihrer Kassen zur Folge gehabt. Vergeblich setzten sich die deutschen Socialisten mit dem Comitee der Trades Unions in Verbindung, um annehmbare Bedingungen zu erlangen. Dasselbe hielt seine Prätensionen aufrecht, was für die Praxis auf die systematische Ausschließung von Deutschland und Oesterreich hinauslief. Die Schweizer und Amerikaner hielten sich grundsätzlich und demonstrativ von einem solchen Congreß zurück, indem sie gegen denselben protestirten. Der aus diese Weise constituirte Londoner Congreß und seine Beschlüsse können also für die deutschen Socialisten nicht den geringsten Werth haben. Die Deutschen hatten aber noch einen zweiten Grund, sich von dem Internationalen Pariser Congress zurückzuhalten, der in London beschlossen wurde, und mit dessen Organisation eine einzige Fraktion des französischen Proletariats beauftragt war: dieser neue Internationale Congreß wurde nämlich genau nach dem Muster des ersten einberufen. Indessen berief die andere Fraktion des französischen Proletariats ihrerseits einen Internationalen Congreß nach Paris ein mit den liberalsten Grundsätzen der Zulassung. Die Welt des Proletariats sollte also zwei internationale Congresse zu sehen bekommen. Da unternahmen die Deutschen einen Versuch, behufs eines einigen Congresses eine Verständigung herbeizuführen. Diese Verständigung sollte von einer Internationalen Conferenz ausgehen, die, ursprünglich für Nancy verabredet – das als der bequemste Begegnungsort für die Franzosen angesehen wurde –, schließlich im Haag zu Stande kam. Beide französische Fraktionen waren ohne Parteilichkeit dahin eingeladen. Aber die Possibilisten blieben weg: sie weigerten sich hinzukommen unter Angabe rein formeller Gründe. Trotz ihres ablehnenden Verhaltens beherrschte der Geist der Versöhnlichkeit die Conferenz, wie unsere belgischen Freunde und Genossen Anseele und Volders es bezeugen können. Man bewilligte die Anerkennung des vom Londoner Congreß den Possibilisten gegebenen Mandats, wie unvollkommen es auch war. Man stellte nur zwei Bedingungen: erstens, der Congreß soll souverän sein in der Bestimmung über seine Tagesordnung und in der Prüfung der Vollmachten seiner Mitglieder; zweitens, die Einberufung soll von allen Socialistenparteien ausgehen und zugleich von den Possibilisten und von den Bevollmächtigten der Congresse von Bordeaux und Troyes unterzeichnet sein. Die Possibilisten lehnten diese so vollkommen gerechten beiden Forderungen rundweg ab. Eine Congreß berufung von unserer Seite war also unvermeidlich. Trotz alledem sind wir heute noch für die Einigung; aber, wie ich schon erklärt habe; wir müssen eine Form finden, welche uns nicht Denen zu Füßen wirft, welche bisher jeden Ausgleich vereitelt haben. Liebknecht verliest daraus die nachfolgende Resolution und fügt mit Nachbruck hinzu: „So weit wie diese Resolution können wir gehen. Es ist sogar nöthig, daß wir bis dahin gehen; weiter aber zu gehen vermag ich für mein Theil nicht, ohne meine Freunde und meine Ehre preiszugeben.“
Hier folgt im Protokoll der Wortlaut der Resolution Liebknecht; siehe Resolution über die Einigung mit dem Possibilisten-Congreß.
Bürger Tressaud (Marseille) bekämpft jede Einigungs-Idee, auch die Resolution Liebknecht, und zwar aus verschiedenen Gesichtspunkten. Zunächst aus materiellen Gründen. Die ganze Arbeit der Constitution des Congresses müßte wieder von vorne anfangen; man müßte ein neues Lokal aussuchen u. s. w.. Sodann und vornehmlich; wir können uns nicht mit unseren schlimmsten Feinden verbünden. So wenig sich die deutschen Socialisten mit den PseudoSocialisten à la Bismarck verbünden können, so wenig ist es uns möglich, uns den Helfershelfern von Ferry und Clemenceau anzuschließen. Man sagt uns immer, Boulanger ist der Feind; aber er ist nicht der einzige Feind. Neben ihm steht Ferry. Und wir können unsere Hand nicht in die Hand der Bourgeois legen, die uns beherrschen und unterdrücken. Tressaud legt demnach im Namen der 58 Gewerkschaften von Marseille, welche er vertritt, eine Resolution folgenden Wortlauts au den Tisch des Bureau’s:
In Anbetracht, daß der Internationale revolutionäre Socialistens-Congreß aus der Vereinigung der nationalen Congresse von Marseille, Havre etc. mit den in Lyon, Montluçon und Bordeaux abgehaltenen Congressen der Arbeiter-Gewerkschaften hervorgegangen ist, daß er demnach der ächte Congreß der socialistischen Arbeiterpartei ist, daß seine Thore auch jetzt noch allen socialistischen Gruppen und Zirkeln offen stehen, wie auch den Arbeiter-Gewerkschaften
daß ferner jedes Entgegenkommen zur Einigung den Veranstaltern des Dissidenten-Congresses dargeboten ist; daß eine Conferenz über diesen Gegenstand im Haag abgehalten ist und daß sie nur negative Resultate ergeben hat; daß die Dissidenten jede Versöhnung von sich gestoßen haben, aus politischen Motiven, welche sie nicht eingestehen können, und deren Sinn unseren Freunden aus der Fremde vielleicht nicht klar wird; welche aber von den französischen Socialisten vollkommen durchschaut werden aus diesen Gründen beschließt der Congreß, daß es nicht angebracht ist, Leuten auf’s Neue entgegenzukommen, welche schon seit langer Zeit Hand in Hand mit den schlimmsten Feinden der Arbeiter marschiren – mit den Opportunisten und Bourgeois-Radikalen, mit denen sie die schmachvolle Allianz der Rue Cadet geschlossen haben –
und geht zur Tagesordnung über.
Dem ungeachtet rufen wir allen Delegirten der Gruppen, Zirkel und Gewerkschaften auf’s Neue zu, daß sie mit der Herzlichkeit aufgenommen werden, welche in der Natur unabhängiger Socialisten liegt.
Zum Schluß bemerkt Bürger Tressaud: „Sie sehen also, daß wir Niemand ausschließen wollen. Alle Organisationen, welche sich uns nähern, sollen willkommen sein.“
Bürger Morris (England) ist ebenfalls für einen Congreß, der Allen offen steht, hält aber die Verschmelzung für nicht ausführbar. Die hier vertretenen Parteien haben diesen Congreß als einen wirklich socialistischen gewählt und werden nirgendwo sonst hingehen können. Was wir anstreben, das ist eine Umwandlung der Grundlagen der Gesellschaft, d. h. die Emancipation der Arbeit durch entsprechende Neugestaltung aller Verhältnisse, während man auf dem anderen Congreß sich begnügen will, das Schicksal der modernen Sclaven in Grenzen, die mit der heutigen Ordnung der Dinge verträglich sind, zu veranlassen. Die Possibilisten pflegen nur einen Wahl-Opportunismus, aber keinen Socialismus. Wenn wir zum anderen Congreß übergingen, würden wir nur einer Bourgeois-Versammlung die socialistische Marke aufdrücken. Unser Congreß steht allen Menschen offen, die guten Willens sind, aber die Verschmelzung ist eine vollkommene Unmöglichkeit Die beiden Congresse sind zu verschiedenartig um sich verschmelzen zu können. Hier erstrebt man die Abschaffung des Arbeitslohnes, dort nichts als schwächliche Reformen. Wir sind revolutionäre Socialisten und haben nichts zu schaffen mit Cadettisten.
Bürger Lafargue übersetzt die Rede von Morris ins Französische.
Bürger Costa (Italien) protestirt gegen die Uebersetzung des Bürgers Lafargue, und behauptet, daß dieselbe „zu frei“ sei.
Der Vorsitzende bemerkt dem Bürger Costa, daß Bürger Morris französisch versteht, da er sich als Uebersetzer aus dem Englischen in’s Französische hat einschreiben lassen, und daß er demnach selbst in der Lage wäre, gegen eine ungenaue Uebersetzung seiner Rede zu protestiren. Gleichwohl ist Bürger Morris zufrieden.
Bürger Lavigne (Bordeaux): „Wir haben immer die versöhnlichste Gesinnung bewiesen. Lafargue, unser Delegirter bei der Conferenz, hatte den Auftrag, sich allen auf der Haager Conferenz etwa hervortretenden Einigungs-Bestrebungen anzuschließen, und er hat seinen Austrag getreulich ausgeführt, wovon Anseele und Volders sich haben überzeugen können, ebenso wie sie es wissen – denn sie sind es, welche die Haager Vorschläge den Possibilisten übermittelt haben –, mit welcher Schroffheit die Letzteren diese Vorschläge verwarfen. Sollen Die, welche von Anfang an Alles gethan, um eine Einigung herbeizuführen, und welche außerdem stets der socialistischen Sache gut gedient haben, sollen Die sich dass Ansinnen gefallen lassen, vor Jenen sich zu beugen, welche stets die Verständigung schroff ablehnten, während sie gleichzeitig Verrath ans Verrath häuften?“ – Redner dankt den auswärtigen Freunden für ihre guten Absichten. Aber sie müssen wissen, daß man Alles gethan hat um die Doppelheit des Congresses zu vermeiden. Wolle man es den Possibilisten recht machen, so müsse man eine Delegation zu ihnen schicken, was ihnen zum Vorwand gereichen würde, der Welt zu verkünden, unser ohne sie zu Stande gekommene Congreß habe Schiffbruch gelitten, und wir hätten uns unterwerfen müssen. Lavigne legt eine von ihm, Baudin und Dormoy unter-zeichnete Resolution in diesem Sinne vor, zieht sie aber zu Gunsten der Resolution Tressaud zurück.
Bürger Keats (England) meint, daß es materiell unmöglich sei, die beiden Congresse zu verschmelzen. Es ist zu spät. Er meint, ein unter solchen Umständen geeinigter Congreß würde kein Versöhnungswerk zu Stande bringen, sondern sich in einen Debattirklub verwandeln, wenn nicht in ein Schlachtfeld. Man hat ja seiner Zeit die Einladungsschreiben beider Congresse kennen gelernt; ihr Charakter war ein so verschiedener, daß keine Verwechslung möglich war. Die Veranstalter unseres Congresses sind von der Bourgeois-Presse und von den Journalen, welche den Socialistennamen brandmarken, mit Beschimpfungen überhäuft worden. All’ die boshaften Antisocialisten Englands, welche nicht das Loos der Arbeiter, sondern ihre eigene Lage verbessern wollen, sind mit den ihnen ähnlichen possibilistischen Führern zum anderen Congreß gegangen. Sie würden überglücklich sein, nach Bewerkstelligung der Verschmelzung beider Congresse zu den englischen Bourgeois sagen zu können: Wir haben das von Euch uns gegebene Mandat treulich ausgeführt und den Internationalen Socialistencongreß zerstört.
Die Deutschen Delegirten bitten um Schluß der Debatte. Es sind noch 33 Redner eingezeichnet. Bürger Lafargue bittet, ihm zu erlauben, daß er den Commissionsbericht vorlese. Da derselbe bereits an die Delegirten vertheilt ist, wird dieser Antrag abgelehnt.
Bürger Sommer (Dresden) spricht für den Schluß, da seine Collegen und er über den Gegenstand genügend aufgeklärt seien. Die Trades Unions und die Gewerkschaften, welche sich dem Possibilisten-Congreß angeschlossen haben, sind nicht socialistisch, und so gut wie wir uns von den unsocialistischen Vereinen à la Schulze-Delitzsch haben trennen müssen, müssen wir auch den Anderen, den Franzosen, die Freiheit lassen, eine analoge Scheidung vorzunehmen.
Nach einigen Worten von Keir Hardie (England) und Morris England) gegen den Schluß und von Luß (Frankreich) für Uebergang zur Tagesordnung wird der Schluß mit großer Mehrheit angenommen.
Bürger de Paepe (Belgien) bittet, an die Abstimmung anknüpfend, um eine Ausnahme zu Gunsten der Nationalitäten, welche noch nicht zur Sache geredet haben und der englischen Delegirten von anderer Ansicht als Keats und Morris.
Dieser Antrag, welcher den Spaniern, Rumänen, Skandinaviern, Oesterreichern und Amerikanern Gehör verschaffen will, wird durch eine Abstimmung für absoluten Schluß verworfen.
Bürger de Paepe, an diese neue Abstimmung anknüpfend, verlangt, daß man die Abstimmung nach Nationalitäten entscheiden lasse.
Der Vorsitzende bemerkt, daß dies die Wiederaufnahme der Debatte unter einer anderen Form wäre.
Bürger Costa (Italien) ersucht den Bürger de Paepe, seinen Antrag zurückzuziehen was geschieht. Nachdem Bürger Mesa (Spanien) erklärt hat, die spanischen Delegirten beugten sich vor dem Willen der Majorität, entscheidet der Congreß über den Antrag des Bürgers Jaclard, es sei in Zukunft vor der Abstimmung zu entscheiden, ob man nach Köpfen oder nach Nationalitäten stimmen wolle. Ein Votum, nach dieser oder jener Art einmal zu Stande gekommen, ist absolut bindend.
Bürger Mesa (Spanien) bittet, in Zukunft möge nicht zur Abstimmung geschritten werden, bevor nicht wenigstens ein Vertreter jeder Nationalität Gehör erhalten habe.
Bürger Werner (Berlin) erklärt vor Verlesung der weiteren Anträge, wenn er in der Eröffnungssitzung Aufschlüsse über die vorbereitenden Schritte behufs der Verschmelzung verlangt habe, so habe er damit nicht den geringsten Tadel gegen die Veranstalter des Congresses aussprechen wollen. Liebknecht habe seitdem die gewünschten Aufschlüsse beigebracht. Redner zieht hieraus seinen Antrag aus der Eröffnungssitzung zurück: „denn wir haben dieselben Gesichtspunkte wie die französischen Marxisten; wir sind unbedingt gegen die Verschmelzung mit den Possibilisten.“
Antrag Vaillant.
Der Congreß erklärt, daß die Haager Conferenz und die Pariser Organisations-Commission alles Mögliche gethan haben, nicht nur, um den Congreß zu Stande zu bringen, sondern auch für die Einigung und Verständigung.
Der Kongreß appellirt an das Zugehörigkeitsgefühl der wenigen Gruppen und Gewerkschaften, welche bis jetzt bei Seite geblieben sind, und geht zur Tagesordnung über.
Bürger Vaillant fügt der Verlesung hinzu: Nach dem, was man gethan hat, kann man nichts mehr thun. Unser Congreß steht Allen offen, welche an demselben Theil nehmen wollen. Wir können keinen Schritt weiter gehen, weil wir ein socialistischer Congreß bleiben wollen.
Antrag Guesde-Deville-Jaclard-Longuet-Lafargue.
In Anbetracht, daß die auf dem von der Haager Conferenz ausgegangenen Congreß vertretenen Socialisten-Parteien sich an zahlreichen Versuchen zu einer Verschmelzung beider Congresse betheiligt und alle Anstrengungen gemacht haben, eben diese Einigung zu bewirken, zu deren Gunsten sie sich heute erklären sollen, und daß alle ihre Bemühungen gescheitert sind,
In Anbetracht, daß ein Versuch neuer Schritte nicht von Denen zu verlangen ist, welche sich stets bereit zur Einigung erklärt und welche dabei bis heute nur Abweisungen erfahren haben, fordert der Congreß die Fürsprecher dieser neuen Schritte auf, sich zunächst nicht an Die zu wenden, welche bereits in die Verschmelzung eingewilligt haben, sondern an Die, welche sie zurückgestoßen haben, verschiebt jede Entscheidung bis dahin, wo er einen förmlichen Antrag der Letzteren vor sich sehen wird, und geht zur Tagesordnung über mit der Bemerkung, daß er nach wie vor allen socialistischen Arbeitergruppen offen ist.
Bürger Jules Guesde bemerkt, diese Tagesordnung bezwecke eine Vertauschung der Rollen zu verhindern. Es gehört sich nicht, daß Diejenigen, welche immer nach der Verständigung gestrebt haben, so dargestellt werden, als hätten sie dieselbe vereitelt.
Antrag Domela-Nieuwenhuis.
Der Congreß
Mit Bedauern wahrnehmend, daß alle Bemühungen, sich zu einem einzigen Congreß zusammenzuschließen, resultatlos geblieben sind,
In Anbetracht, daß die Tagesordnung beider Congresse fast ganz dieselbe ist,
In Anbetracht, daß die Einigung der Arbeiter der ganzen Welt die Pflicht Aller ist,
Beschließt, daß die Verschmelzung beider Congresse angenommen ist, daß man die Giltigkeit der Mandate hüben und drüben anerkennt, und daß, sobald der andere Congreß eine gleiche Resolution angenommen hat, eine Commission gewählt werde, um sich über die Einigung zu verständigen.
„Ich muß von vornherein – sagt Bürger Domela-Nieuwenhuis – um Ihre Nachsicht bitten, denn ich kann nicht laut sprechen: das viele Hin- und Herreden hat mich beinahe meiner Stimme beraubt. Ich meine, daß unsere Resolution nicht vieler Worte bedarf, denn sie spricht für sich selbst. Wir Anderen, die wir nicht in Frankreich wohnen, wollen uns nicht in Streitigkeiten der französischen Socialisten einmischen, aber wir wollen auch nicht, daß diese verschiedenen Zwistigkeiten über ihr Gebiet hinausgreifen und international werden. Wir wollen eine internationale Verständigung, keine internationale Spaltung. Wir haben nicht zu untersuchen, wer an dieser bedauerlichen Differenz die Schuld trägt, aber uns alle berührt die Thatsache, daß es zwei Congresse gibt mit fast derselben Tagesordnung: Haben wir nicht die heilige Pflicht, alles Mögliche zu thun, um die zwei Congresse zu einem zu machen, wenn wir auch dabei unsere Eigenliche zum Opfer bringen müssen? Mich dünkt – Ja! Als ich in unsern Saal trat, war das Erste, was ich sah, das Wort unseres erlauchten Freundes und Meisters Karl Marx, das Testament, welches er uns hinterlassen hat: „Proletarier aller Länder, vereinigen wir uns!“ Marx hat nicht gesagt: Socialisten aller Länder!, sondern schlechthin: Proletarier aller Länder! Wohlan, wir verkündigen dies Evangelium! Wir dürfen diese Lehre nicht ein todtes Wort bleiben lassen, wir müssen sie in der Praxis bethätigen. Man sage nicht: „Es gibt nur Eine wirklich katholische Kirche und Alle Andern sind Ketzer und Dissidenten.“ Ich weiß es, die Possibilisten haben uns in ihrem Blatte „Le Parti Ouvrier“ („die Arbeiterpartei“) schon ebenso genannt. Aber das ist für uns kein Grund, ihnen auf diesem Wege zu folgen. Es wäre das auch, so zu sagen, eine Advokaten-Spitzfindigkeit, denn wer wird behaupten, das Programm der Possibilisten Frankreichs, das Programm der Social-democratic Federation 4 Englands sei nicht socialistisch? Wer wird sagen, man habe im Vorjahre in London nicht den Beschluß gefaßt, einen socialistischen Congreß abzuhalten? Nein, wir wollen nicht untersuchen, wer von beiden Recht hat, aber in diesem Moment, wo das Auge der ganzen Welt auf Paris und die Haltung der Socialisten gerichtet ist, wäre es zu beklagen, wenn die bürgerliche Welt das Vergnügen genösse, im socialistischen Lager eine Theilung zu erblicken. Die Theilung ist ihr Triumph und unsere Schande! Wenn die Delegirten von überall einstimmig sagen: „Wir feiern den Jahrestag der französischen Revolution! Wir halten es für eine vortreffliche Idee, daß sich auf diesem Feste die Socialisten der ganzen Welt zusammenschließen“, – wohlan sohaben wir das Recht zu verlangen, daß die beiden Socialistenparteien Frankreichs für diesen Augenblick einen Waffenstillstand machen, damit wir, zu unserer Freude und zum Wohle des gesammten Proletariats, der ganzen Welt das Schauspiel zweier zur selben Zeit in derselben Stadt mit dem selben Zweck und mit fast derselben Tagesordnung versammelten Congresse ersparen. Ich hoffe, Jeder wird sich unserer Anschauung in der vorgeschlagenen Form anschließen, welche auf beiden Seiten Keinen verletzt, damit wir sagen können: Wir verwerfen die Einigung nicht! Im Gegentheil, wir liefern eine Probe, daß wir zu Opfern bereit sind. Es gibt hier zwei Strömungen, von denen die eine sagt, daß sie die Einigung überhaupt nicht will. Das sind die Franzosen und viele von den Engländern bei denen die Lage ebenso ist wie in Frankreich, in Folge der Differenzen zwischen der Socialist League und der Social-democratic Federation. Wenn diese so gesprochen haben, so frage ich sie, ob denn die Bemühungen, von welchen Liebknecht berichtete, eine Comödie gewesen sind? Ja oder nein? Will man die Einigung, so muß man Bedingungen suchen, welche sie möglich machen. Nicht was uns trennt, sondern was uns verbindet, bildet unsere Stärke gegen unsern gemeinsamen Feind – und wir haben einen gemeinsamen Feind, den wir alle bekämpfen, den Kapitalismus. Wohlein, meine Freunde, der Kapitalismus wird zittern, wenn er die vereinigten Socialisten gemeinsam gegen ihn marschiren sieht. Unser Kriegsruf lautet: „Nieder mit dem Kapitalismus! Hoch der revolutionäre Socialismus!“
Bürger Domela, der mit lang anhaltendem Beifall begrüßt wurde, endigt unter lebhaftem Beifall.
Bürger Deville entschuldigt sich, weil er seine Pflicht als Vorsitzender verletzt hat indem er dem Bürger Domela erstens eine mehrmals geschlossene Debatte wieder eröffnen und zweitens länger als 5 Minuten reden ließ. Er hat so gehandelt aus Achtung vor einem Mann, der für die Arbeitersache so Vieles geopfert und so Vieles gelitten hat.
Bürger Merlino (Italien) schließt sich dem Antrag Nieuwenhuis an.
Bürger Adler (Oesterreich) protestirt energisch im Namen der Oesterreicher gegen das Gerede einiger Personen, die österreichische Arbeiter-Partei sei auf dem Possibilisten-Congreß vertreten. Alle Delegirte dieser Partei sind hier, auf dem Socialisten-Congreß. wo sich die internationale Demokratie vereinigt findet. Wir sind für die Einigung, aber wenn man sie will, muß man es vermeiden, Sieger und Besiegte zu machen; anderenfalls wird man nur neue Gehässigkeiten und Theilungen hervorrufen. Nun würden nach dem Antrage Tressaud die Possibilisten die Besiegten sein; nach dem Antrage Nieuwenhuis wären es die Marxisten. Redner ist also für den Antrag Liebknecht. Die fremden Delegirten sollen sich nicht in die Streitigkeiten der Franzosen einmischen.
Erklärung der Rumänen.
Die rumänischen Delegirten behalten sich vor, ihren Antrag betreffend einen künftigen Congreß nochmals einzubringen, erklären sich aber zunächst einstimmig für den Anschluß an den Antrag Liebknecht, und bitten, man möge den nächsten Congreß in einer solchen Form einberufen, daß alle antikapitalistischen Kräfte im Hinblick auf den Klassenkampf und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel zusammengeführt werden.
D. Beinow. C. Racowitz. A. Sculescu. Procopin. Many.
Bürger Bushe (Vereinigte Staaten von Amerika) hat ein Mandat für beide Congresse erhalten. Er ist zur Redaktion des Proletariat (Offizielles Organ der Possibilisten) gegangen, und hat die Herren dort nicht socialistisch genug gefunden, deshalb ist er hier. Er ist indessen für die Einigung. Wenn es auf dem anderen Congresse auch nur wenig Socialisten gäbe, so müßte man ihnen doch die Hand bieten.
Bürger Frohme (Deutschland) spricht gegen die bedingungslose Einigung. Man könne persönliche Ansichten der Einigung opfern, aber nicht die Ehre. Er billigt den Antrag Liebknecht, der die Ehre aufrecht hält, im Uebrigen aber so versöhnlich ist wie möglich.
Bürger Iglesias (Spanien) ist auch für die Einigung, aber sie muß mit ein Werk des Kopfes sein, nicht bloß ein Werk des Herzens. Er wundert sich, daß die Niederländer und Belgier in diesem Congreß auf der Einigung bestehen, obgleich sie doch besser, als es ihm möglich ist, über Alles unterrichtet sind, was versucht worden ist, um eine Verständigung herbeizuführen. Dem andern Congresse komme es zu, Einigung zu predigen, denn gerade er hat sie unaufhörlich von sich gestoßen. Iglesias schließt sich dem Antrage Liebknecht an und fügt hinzu, daß die spanischen Delegirten auf dem Possibilisten-Congreß keinen Theil der spanischen Arbeiter -partei vertreten.
Bürger Batisse (Troyes) erklärt sich für Anschluß an den Antrag Guesde.
Bürger Palmgreen im Namen der Delegirten von Schweden und Norwegen und Bürger Petersen (Dänemark) übergeben dem Congreß die nachfolgende Resolution, indem sie hinzufügen:
„Die Einigung mit den Possibilisten, welche sich mit den Bourgeois verbündet haben, ist unmöglich. Gibt es wirklich Gruppen unter ihnen, welche sich auf den Boden des Klassenkampfes stellen, so mögen sie doch zu uns kommen! Die Anderen, die Regierungsleute, mögen sie doch bleiben, wo sie sind!“
Resolution Palmgreen-Petersen.
In Anbetracht, daß die Einigung aller socialistischen und revolutionären Arbeiter sich von selbst aufdrängt, wünschen wir, die Socialisten von Norwegen und Schweden, auf’s Wärmste diese Einigung; aber in Anbetracht, daß diese Einigung sich nur unter Socialisten vollziehen kann, die auf dem revolutionären Klassenstandpunkt stehen, glauben wir nach den beigebrachten Erklärungen für den gegenwärtigen Fall diese Einigung nicht für möglich halten zu können.
Palmgreen, Allard, Delegirte von Schweden. A. Jeggesen, Delegirter von Norwegen.
Der Delegirte Keir Hardie (England) ist gegen den Antrag Liebknecht und für den Antrag Nieuwenhuis. Er will die Einigung deshalb, weil auf dem Possibilisten-Congreß socialistische Trades-Unionisten sind, mit denen man sich verständigen kann, da keine prinzipielle Differenz vorliegt, und da wir der Bourgeoisie eine einzige Stirn zeigen müssen.
Bürger Christensen (Dänemark): Die dänische Socialistenpartei hat alles Mögliche für die Einigung gethan, ohne daß man bisher das geringste Resultat erreicht hätte. Sie weist die Erwägungen des Antrages Liebknecht nicht zurück, schließt sich aber doch dem Antrage Nieuwenhuis an.
Bürger John Ritson (Manchester) setzt auseinander, wenn es auf dem andern Congreß Socialisten gäbe, so seien doch die Führer keine Socialisten; übrigens seien alle Einigungsversuche von unserer Seite ausgegangen und von jener zurückgewiesen worden, und schließlich fehle es jetzt thatsächlich an der Zeit, um die Einigung durchzuführen.
Bürger Wortelmans (Antwerpen) begreift nicht, daß man von den Possibilisten spricht, als ob sie keine Socialisten wären, da ihr Congreß doch dieselbe Tagesordnung hat wie der unsere.
Bürger Kuhnert (Berlin) unterstützt den Antrag Tressaud. Er findet, ein frischer, fröhlicher Krieg sei mehr werth als ein fauler Friede.
Bürger Cipriani (Italien) verlangt im Namen der italienischen Delegierten die Abstimmung nach Nationalitäten.
Drei Anträge kommen in Frage, da die Unterzeichner der Anträge Guesde und Vaillant sich dem von Liebknecht anschließen; es sind dies außer dem eben genannten von Liebknecht die Anträge Nieuwenhuis und Tressaud. Letzterer erklärt, daß er nicht, wie de Paepe behauptet, gegen die Einigung ist, sondern nur dagegen, daß wir sie verlangen.
Die Abstimmung ergibt folgendes Resultat:
für den Antrag Liebknecht: Deutschland, Schweiz, Rumänien, Elsaß-Lothringen, Russland, Polen, Oesterreich, Ungarn, Spanien, Amerika, England, Frankreich – 12 Nationalitäten.
für den Antrag Tressaud: Schweden und Norwegen – 2 Nationalitäten;
für den Antrag Nieuwenhuis: Belgien, Niederlande, Italien, Dänemark – 4 Nationalitäten.
Der Antrag Liebknecht ist also angenommen.
Indem Vaillant das Votum Frankreichs mittheilt, macht er einen gewissen Vorbehalt. Alle Franzosen, sagte er, waren einstimmig für den Antrag Tressaud. Aber mit Rücksicht auf die Umstände und aus Willfährigkeit gegen die auswärtigen Delegirten, haben sie sich dem Antrag Liebknecht angeschlossen, da derselbe die Würde des Congresses genügend schützt und den Boden der Organisations-Commission und des Haager Congresses nicht verläßt. Die englischen Delegirten schließen sich diesem Vorbehalt an und bringen ihre volle Sympathie für den Antrag Tressaud zum Ausdruck.
Nach der Bekanntmachung des Abstimmungsresultats wird die Sitzung um 3 Uhr Nachmittags vertagt.
Mittwoch, den 17. Juli. Morgen-Sitzung
Bürger Vaillant führt den Vorsitz und zeigt an, daß er in der Abendsitzung eine große Anzahl neu angekommener Briefe und Telegramme mittheilen werde.
Auf der Tagesordnung sieht die Berichterstattung über die Lage der Arbeit und die socialistische Bewegung in den verschiedenen Ländern.
Lafargue zeigt an, daß ein finnländischer Delegirter eingetroffen ist, Bürger Finn. Derselbe wird durch Akklamation in’s Bureau gewählt.
Ein Brief der Labor Elector Association (Arbeiter-Wähler-Gesellschaft) zeigt dem Congreß an, daß ihr Abgesandter Cunninghame Graham, Mitglied des englischen Parlamentes, heute oder morgen in Paris eintreffen werde.
Lafargue ersucht jede Nationalität, eine vollständige Liste ihrer Delegirten mit deren Adressen anzufertigen und dem Bureau zu übergeben, damit die Liste, einem Antrag Vollmar’s entsprechend, an alle Congreßmitglieder als Andenken vertheilt werden könne.
Der Congreß genehmigt diesen und noch einen Vorschlag Lafargue’s, nach welchem eine Uebersicht aller von den verschiedenen Congreß-Delegirten für die Arbeitersache erlittenen Verurtheilungen zusammengestellt werden soll.
Bürger Sebastien Faure, Anarchist, protestirt sowohl in seinem Namen wie in dem seiner Kameraden gegen jede Annahme, daß von ihrer Seite systematisch Schwierigkeiten bereitet würden. „Wir sind keine Gegner“ – fügt er hinzu.
Grade in diesem Augenblick wurde übrigens im Congreßsaale selbst ein Plakat angeheftet, mittels dessen die „Genossen“ die Socialisten aufforderten, sich ihrer angemaßten „Führer“ zu entledigen, wobei behauptet wurde, die Letzteren seien nichts anderes als Feinde der Proletarier-verbrüderung .
Bürger Cipriani erzählt, daß er, entsprechend dem erhaltenen Auftrage, sich mit dem Bürger Costa zum Possibilisten-Congreß begeben habe, um den Antrag Liebknecht betreffs der Verschmelzung daselbst mitzutheilen. Sie fanden eine der Versöhnung günstige Stimmung. Gleichwohl hat der Possibilisten-Congreß beschlossen, die Verschmelzung von einer neuen gemeinsamen Prüfung sämmtlichen Delegirten-Vollmachten abhängig zu machen – ein Vorschlag, gegen welchen Bürger Costa Widerspruch erhoben hat, mit dem Hinweis darauf, daß „man einen Schritt der Brüderlichkeit nicht mit einem Akt des Mißtrauens einleiten dürfe.“
Auf den Vorschlag einer Commission behufs mündlicher Verhandlung mit der Possibilisten-Commission antwortet der Congreß, nach einer langen, besonders von den Bürgern Bernstein, Vaillant, Cipriani und Morris geführten Debatte, durch Annahme einer, von Jaclard wie folgt formulirten Resolution:
Hier folgt im Protokoll der Wortlaut der Resolution; siehe Resolution über den Beschluß des Possibilisten-Congresses.
Hieran wird sogleich in die Tagesordnung eingetreten, und der Bürger Reichstagsabgeordnete Bebel liefert seinen Bericht über Deutschland, nachdem mehrfach wiederholter Beifall ihn begrüßt hat, etwa wie folgt:
Es ist eines der allerwichtigsten Symptome für den Gang unserer Entwicklung, daß man heute die Frage einer internationalen Arbeiterschutzgesetzgebung erörtern kann. Vor noch kaum zwanzig Jahren wäre es unmöglich gewesen, mit einen solchen Programme Verhandlungen zu eröffnen. Die Arbeiterbewegung beschäftigte sich damals weniger mit der Praxis als mit der Theorie. Die Diskussion der Prinzipienfragen legte die Vorstellung nahe, daß die Umgestaltung der Gesellschaft unmittelbar vor der Thür stehe. Seitdem hat man eingesehen, daß die bürgerliche Ordnung der Dinge zwar unwiderruflich um Untergang verurtheilt ist, für den Augenblick aber noch Widerstandsfähigkeit genug besitzt, um sich einige Zeit lang aufrecht zu halten; und daß andererseits die Kräfte der Arbeiterklasse noch nicht genügend erstarrt sind, die nothwendige gesellschaftliche Neugestaltung herbeiführen zu können. Die praktischen Fragen, die Fragen nach dem, was sogleich geschehen soll, um unmittelbar Nutzen zu schaffen, drängen sich in den Vordergrund, und sie haben dazu umsomehr ein Recht, als sie eine eminente Werbekraft besitzen, die Arbeiterklasse mehr und mehr in die socialistische Strömung ziehen und so dem Socialismus die Wege bahnen.
Anfänglich glaubte man bei uns in Deutschland ziemlich allgemein, daß die gewerkschaftliche Bewegung, die Verbände der Fachgenossen, mit ihrem Schwerpunkt in den Alltagsfragen des praktischen Lebens für die Entwicklung des Socialismus ein Hinderniß seien. Allmählich ist man sich über diesen Irrthum klar geworden, in den man hineingerathen war. Die Unmöglichkeit, die Massen mit einem Schlage für das ganze und schließliche Ziel des Socialismus zu gewinnen, und die Unmöglichkeit, dieses Ziel ohne weiteres zu erreichen, nöthigte von selbst dazu, daß man immer mehr für praktische Maßregeln eintrat, die geeignet sind, bei den Arbeitern zunächst das Klassenbewußtsein zu wecken. Die Resultate, welche an diesem Wege erreicht wurden, sind vortreffliche. Obgleich die deutsche Arbeiterbewegung verhältnißmäßig jung ist, jünger als die Arbeiterbewegung in England und Frankreich, zeichnet sie sich aus durch die Klarheit, mit der sie das zu erreichende Ziel in’s Auge faßt, und durch die Kraft, welche sie bereits im Kampfe erprobt hat. Diese ihre Kraft ist schon heute eine solche, daß sie den herrschenden Klassen vielleicht über Gebühr Furcht und Schrecken einflößt.
Diese Entwicklung verdanken wir einerseits der theoretischen Thätigkeit der Socialdemokratie, andererseits den ökonomischen Voraussetzungen – dem rapiden Ausschwunge der Groß-Industrie in Deutschland namentlich während der letzten zwanzig Jahre. In dem Maße wie die Arbeiterbewegung immer lebhafter wurde und immer weitere Kreise erfaßte, erweckte sie einerseits bei ihren Gegnern mehr und mehr Besorgniß; andererseits flößte sie ihnen immer größere Achtung ein, und so mußten diese nach und nach die praktischen Forderungen der Arbeiter wenigstens im Prinzip anerkennen, unter diesen auch die einer internationalen Arbeiterschutzgesetzgebung. Heute diskutirt man allgemein, ich möchte sagen offiziell, Fragen, die vor weniger als 20 Jahren von jener Seite in Theorie und Praxis als unzulässig und verwerflich betrachtet wurden. Das ist ein glänzender Beweis für die große Macht, welche die Arbeiterbewegung sich errungen hat, und zeigt, welchen Einfluß sie übt. So wird, zum Beispiel, heut zu Tage Niemand in Deutschland mehr zu behaupten wagen, daß eine internationale Arbeiterschutzgesetzgebung eine Sache der Unmöglichkeit sei, und daß unser ökonomisches System nicht große Mängel und arge Uebelstände aufzuweisen habe.
Diese völlige Umwandlung der öffentlichen Meinung ist das Wert der deutschen Socialdemokratie, deren Bedeutung schon aus der Zahl ihrer aus diesem Congreß erschienenen Vertreter hervorleuchtet.
Schon um’s Jahr 1870 hatte die Bewegung eine ansehnliche Stärke erlangt. Aber seit jener Zeit, welche die politische und ökonomische Einheit Deutschlands brachte, ist erst der großartige Aufschwung, den wir seitdem beobachteten, erfolgt, und gleichzeitig wurde die Agitation für praktische Fragen ein charakteristischer Zug der Bewegung. Neben der politischen Organisation der Partei wuchsen Gewerkschaften und Fachvereine wie Pilze ans dem Boden, und traten zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften in’s Leben, welche die Vorurtheile der öffentlichen Meinung bekämpften und die Arbeiterklasse über ihre Lage aufklärten. Binnen wenig Jahren verfügte die socialistische Partei über nahezu 50 Preß-Organe, von welchen ein Theil täglich, ein anderer zwei oder dreimal wöchentlich erschien, der Rest Wochenschriften waren. Die auf solche Weise erreichten Fortschritte sind zu schätzen nach der wachsenden Anzahl der bei den verschiedenen Reichstagswahlen erzielten Stimmen. Der erste Wahlfeldzug der Partei im Jahre 1867 brachte ihr kaum 100.000 Stimmen. Im Jahre 1871 war die Stimmenzahl nur sehr unerheblich gestiegen, da unter dem Eindruck des Krieges ein enormer Gegendruck von Seiten der Regierung und der systematisch gefälschten öffentlichen Meinung geübt wurde, aber im Jahre 1874 erreichten unsere Stimmen die Zahl 351.000, im Jahre 1877 die Zahl 493.000.
Furcht und Sorge bemächtigten sich unserer herrschenden Klassen wie der Regierungen. Die Attentate Hödel und Nobiling kamen grade zu Paß, um einen Vorwand zur Unterdrückung unserer Partei zu gewähren. Fürst Bismarck, der in besonderem Maße die Geschäfte der deutschen Bourgeoisie besorgt, beantwortete das Hödel-Attentat mit der Vorlage eines „Ausnahmegesetzes gegen die Socialdemokratie!“ Der erste Entwurf wurde jedoch abgelehnt, da die Bourgeoisie noch die Besorgniß hegte, daß die Regierung, wenn ihr unumgeschränkte Vollmacht verliehen werde, dieselbe auch gegen die bürgerlichen Klassen anwenden könne.
Da kam das Attentat Nobiling und schlug alle Bedenken nieder. Die öffentliche Meinung wurde in einer Weise bearbeitet, wie es nie zuvor auch nur ähnlich geschehen war. Man stellte ihr die Attentate als Frucht der socialistischen Agitation dar und malte ihr das Gespenst der socialen Revolution vor die Augen. Die unter solchem Drucke zu Stande gekommenen Wahlen ergaben natürlich ein Parlament, welches dem Ausnahmegesetz zustimmte.
Was bedeutete dieses Gesetz? Regierungen und Polizei können und dürfen überall da, wo nach ihrer Ansicht, wie es im Gesetz heißt, „socialdemokratische, socialistische oder communistische, aus den Umsturz der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung gerichtete Bestrebungen, in einer den öffentlichen Frieden, insbesondere die Eintracht der Bevölkerungsklassen gefährdenden Weise zu Tage treten“, diese Bestrebungen unterdrücken.
Das allgemeine für Alle gültige Recht wurde in Bezug auf die Thätigkeit der Socialdemokratie durch die Willkür der Polizei ergänzt. Sie entschied, was sie unter jenen Bestrebungen verstehen wollte und verbot und unterdrückte, was diese Bestrebungen zu fördern schien.
Kaum war das Gesetz angenommen, so wurden auch sämmtliche socialistische Journale unterdrückt und alle unsere Organisationen aufgelöst. Hunderten, ja Tausenden von Familien, deren Versorger in den Redaktionen und Expeditionen unserer Blätter oder in den Druckereien unserer Partei, ferner als Colporteure u. s. w. beschäftigt gewesen waren, wurde dadurch mit einem Schlage die Existenz untergraben, sie wurden ruinirt. Ferner wurden große dicht bevölkerte Gebietstheile dem sogenannten kleinen Belagerungszustande unterworfen, auf Grund dessen die Ausweisung aller für die „öffentliche Ordnung und Sicherheit“ angeblich gefährlicher Personen ermöglicht wurde. Man machte den Anfang mit Berlin nebst Umgebung, und vertrieb von dort mit einem Schlage 93 der eifrigsten und thätigsten Socialisten. Daran kamen im Jahre 1880 Hamburg-Altona und Umgegend, 1881 Leipzig und Umgegend an die Reihe, später folgten Frankfurt a. M., Stettin und andere Orte. Viele der Ausgewiesenen wurden von Distrikt zu Distrikt gehetzt, so daß viele, weil sie nirgends eine Existenz finden konnten, nach Amerika auswandern mußten. Ungefähr drei und eine halbe Million Deutsche sind gegenwärtig dem kleinen Belagerungszustande unterworfen; die Ausweisungen zählen nach vielen Hunderten und haben meistens Familienväter getroffen. Die Polizei ist die Herrin im Lande. Dieser Zustand der Dinge hat schließlich ein Spionage-System in Deutschland eingebürgert, wie Frankreich es selbst unter dem dritten Napoleon nicht kannte. Da dem Fürsten Bismarck verschiedene Millionen geheimer Fonds zur unkontrolirten Verfügung gestellt sind, hat die Ueberwachung unserer Partei-Genossen durch Agenten der Geheimpolizei eine beispiellose Ausbildung erreichen können. Daneben ist die Polizei befugt, jede Versammlung aufzulösen, jedes Journal und jede Organisation zu unterdrücken, sobald sie „umstürzlerische Tendenzen“ darin wittert. Ein freies Vereins- und Versammlungsrecht ist nicht mehr vorhanden; die Ausübung der von der Verfassung gewährleisteten staatsbürgerlichen Rechte ist für die Socialdemokratie illusorisch geworden, häufig selbst während der Wahlzeit. Mehr als 1.200 Schriften und Drucksachen aller Art sind unter der Herrschaft des Socialistengesetzes confiszirt und verboten worden. Die Eigenthümer der Säle werden vielfach bestimmt, uns keine Versammlung in ihren Lokalitäten zu gestatten. Alle Macht des Reiches und aller Witz seiner gepriesenen Staatskunst wurde aufgeboten, um die Socialdemokratie zu vernichten. Aber aus diesem Kampf ohne Gleichen ist die Partei als Siegerin hervorgegangen. Dort wo die Schläge gegen sie am härtesten fielen, hat sich ihre Tüchtigkeit am besten bewährt. Grade in den Gebieten des kleinen Belagerungszustandes hat die Partei die meisten, die intelligentesten, die überzeugungstreuesten und die opferwilligsten Anhänger. Die Korrektheit ihrer Haltung, ihr eifriges Bemühen, Ausschreitungen zu vermeiden, auch wo sie provozirt wurden, und sich so sorgfältig wie möglich von allen zweifelhaften Elementen rein zu halten, gewannen ihr allmählich die öffentliche Meinung. In wachsender Anzahl ergänzte und stärkte sie ihre Reihen ans der Arbeiterklasse wie aus den verschiedenen Schichten des Kleinbürgerthums, das durch die töttliche Concurrenz der Groß-Industrie und des Großhandels erdrückt wird. Sogar unsere Arbeiterpresse hat allmählich den Stand, den sie vor dem Ausnahmegesetz erreicht hatte, weit überholt. Die Grundsätze des Socialismus werden in derselben mit größerer Geschicklichkeit und mit größerem Erfolg als früher vertreten, und niemals hatten Unsere Zeitungen und Zeitschriften eine so große Verbreitung wie heute. Neue Arbeiter-Organisationen entstehen unter den Augen der Polizei, wie diese in ihren jährlichen Rechenschaftsberichten über den kleinen Belagerungszustand an den Reichstag einräumen muß, ohne daß sie von ihrem Auflösungsrecht in Rücksicht ans die umgestimmte öffentliche Meinung vollen Gebrauch machen kann. Die Partei wächst ihr unter den Händen, ohne daß sie es verhüten kann. Fürst Bismarck versucht einen Zwischenfall mit der Schweiz als Handhabe zu benutzen, um von diesem Lande Unterdrückungsmaßregeln gegen uns zu erlangen. Nun, möge er, wenn’s ihm beliebt, längs der Schweizer Grenze eine ununterbrochene Reihe von Polizisten und Gendarmen ausstellen! Es wird ihm nichts helfen. Er vermag die socialistische Bewegung in ihrer Ausbreitung und Erstarkung nicht zu behindern. Der Ausgang dieses Konflikts mit der Schweiz, wie immer er ausfällt, wird uns nicht schädigen. Die Einzigen, welche darunter wirklich zu leiden haben, werden die guten Freunde des Kanzlers sein, die Herren und Damen des hohen Adels und der Bourgeoisie, welche ihre Erholung von den Strapazen der Wintervergnügungen in der Schweiz suchen und bei dieser Gelegenheit die Segnungen des Polizeistaats am eignen Leibe kennen lernen. Vielleicht wird ihnen dann einmal klar, durch was für Mittelchen ihr Abgott die großartigste Bewegung der Geschichte einzudämmen meint.
Einen anderen Beweis für die Bedeutung der Arbeiterbewegung liefern die ökonomischen Kämpfe, die großen Arbeiterausstände, welche überall in den letzten Monaten ausgebrochen sind. Das ökonomische System der Bourgeoisie sorgt selbst dafür, daß die socialistischen Ideen in die entlegensten Gegenden dringen. Nichts ist verkehrter, als die jüngsten Bergarbeiter-Ausstände in Rheinland und Westfalen auf unsere Rechnung zu setzen. Sie sind das natürliche Produkt der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung. Wahr ist aber, daß allein der Socialismus Vortheil zieht aus allen diesen Konflikten zwischen Arbeitern und Unternehmern, in welcher Form sie auch zu Tage treten. Sie wecken das Klassenbewußtsein der Arbeiter, indem sie zeigen, wie unversöhnlich die Interessen des Lohnherrn und des Lohnnehmers einander gegenüber stehen. Die Kapitalistenklasse selbst arbeitet uns also auf’s wunderschönste in die Hände. Ganz besonders hat sie dies beim westfälischen Bergarbeiterstreik gethan; sie brachte bei dieser Gelegenheit den Klassenkampf in seiner ganzen Nacktheit zur Anschauung, als sie, die sonst von Loyalität und monarchistischer Gesinnung überfließenden Eisen- und Kohlenbarone, selbst den direkt an sie ergangenen Mahnungen des Kaisers kein Gehör schenkten, weil diese Mahnungen sich gegen die schrankenlose Ausnutzung ihrer überlegenen wirthschaftlichens Stellung gegen die Arbeiter richteten. Die Wirkungen bleiben nicht aus, das wird mehr und mehr Allen einleuchten. Selbst die gegnerische Presse muß einräumen, daß Alles, was dort vorgeht, nur für die Socialdemokratie wirkt.
Die Wahlstatistik ist der schlagendste Beweis für die Ohnmacht des Ausnahmegesetzes. Dank den großen materiellen Schäden und der Verwirrung, welche der Erlaß dieses Gesetzes Anfangs angerichtet hatte und naturgemäß anrichten mußte – und bei jeder anderen Partei in höherem Grade angerichtet hätte –, fiel die Zahl unserer Stimmen bei den Wahlen im Jahre 1881 auf 310.000. Aber dieser Rückgang währte nur kurze Zeit. Zu unserer Genugthuung stieg die Zahl im Jahre 1884 aus 550.000 und im Jahre 1887 sogar aus 775.000 Stimmen. Dabei ist nicht zu übersehen, daß man in Deutschland erst mit dem 25. Lebensjahre Wähler wird, so daß hinter unseren 775.000 Votanten noch viele Hunderttausende überzeugter jüngerer Socialisten stehen. Wie sehr in die Tiefe und Breite die socialdemokratischen Ideen in’s deutsche Volk eingedrungen sind, das werden die nächsten Reichstagswahlen in ausreichender Deutlichkeit zeigen. Das Ergebniß dürfte selbst die in unsere Verhältnisse eingeweihtesten Parteigenossen überraschen. Unsere Gegner haben uns grade während der letzten Jahre unfreiwillig die allerbesten Dienste geleistet. Doch geben wir uns darum nicht der falschen Hoffnung hin, als hätten wir nun in Deutschland freie und offene Bahn zum Ziele vor uns. Im Gegentheil! Unser Kampf wird in der Zukunft heftiger und schwerer sein als zu irgend einer früheren Zeit; aber da wir entschlossen sind, unser Ziel zu erreichen, so zweifeln wir nicht an unserm schließlichen vollen Siege.
Die deutsche Socialdemokratie strebt aber nicht nur danach, ihre eigentlichen Ideen auszubreiten, sie stellt sich auch die Aufgabe, auf dem Wege der Gesetzgebung die Arbeits- und Lebens-Bedingungen des Arbeiters zu verbessern, um ihm eine Existenz zu verschaffen, in welcher er den Emanzipationskampf leichter und mit größerer Aussicht auf Erfolg auszunehmen vermag. Von dieser Erwägung ausgehend, haben die Partei-vertreter im Reichstag seit einer langen Reihe von Jahren stetig die Initiative ergriffen, um Gesetze zu schaffen, welche einen Normalarbeitstag, die Unterdrückung der Nacht- und Feiertags-Arbeit, die Beschränkung oder Untersagung der Frauenarbeit in gewissen dem weiblichen Organismus schädlichen Zweigen der Industrie, das Verbot der Kinderarbeit, die Errichtung von Arbeitskammern, welche den Arbeitern die Geltendmachung ihrer Rechte ermöglichen, die Beaufsichtigung der großen und kleinen Industrie, wie auch der Hausindustrie u. dgl. m. zum Zwecke haben. Diese Anträge sind freilich bis jetzt systematisch mit großer Majorität verworfen worden, es, ist aber doch durch dieselben bereits soviel bewirkt, daß alle anderen Parteien sich genöthigt sehen, gleichsam eine Art Wettlauf um die Gunst der arbeitenden Klassen zu veranstalten. – –
Im weiteren Verlaufe seiner Rede gab Bebel eine Uebersicht über die Geschichte der Arbeitergesetzgebung im Reichstage. Er wies daraus hin, wie der entscheidendste Widerstand ihr bisher von Seiten Bismarck’s entgegengesetzt worden sei, welcher der Hauptgegner der Arbeiterschutzgesetzgebung wäre. Alsdann kam Redner aus das Vorgehen der Schweiz zu sprechen und beleuchtete deren Bemühungen um die internationale Regelung der Arbeiterschutzgesetzgebung und wies nach, wie die gleichartige ökonomische Entwicklung aller Kulturländer eine solche Gesetzgebung mehr und mehr unerläßlich mache. Der Congreß sei berufen um sich darüber auszusprechen, was er in dieser Beziehung für nöthig erachte.
Die Mitglieder des Bureau’s hätten sich über diesen Punkt noch nicht verständigt. So habe er, Redner, auf eigne Faust eine Resolution ausgearbeitet, welche er dem Congreß vorlege, damit jeder Delegirte in der Lage sei, sie im Laufe der Diskussion zu ergänzen oder zu modifiziren. Diese Resolution beanspruche, wohlverstanden, nicht die Aktion der Socialisten in den verschiedenen Ländern einzuschnüren, sie solle nur die Richtung angeben, in welcher marschirt werden müsse. In jedem Lande müßten die spezielle Lage und die speziellen Verhältnisse desselben maßgebend sein für das, was unmittelbar Anwendung finden könne. Wo es zunächst unmöglich sei, einen Normalarbeitstag von 8 Stunden zu erlangen, müsse man sich mit einem solchen von 9 oder 10 Stunden begnügen. Aber es sei wichtig, überall im Prinzip auf dem Achtstundentag zu bestehen, als auf einem Ziel, welches die Produktionsbedingungen von heute zu erreichen gestatteten. In Beziehung aus die Agitation in den verschiedenen Ländern stelle die Resolution keine undurchführbaren Forderungen.
Darauf nimmt Bebel die einzelnen Punkte seiner Resolution durch und verweilt besonders bei der Nothwendigkeit, eine gesetzliche Regelung der Beschäftigung in der Haus- und Kleinindustrie herbeizuführen. Die Inspektion auf diese Gebiete auszudehnen, sei besonders wichtig. Die traurige Lage großer Bevölkerungsschichten müsse endlich aus dem Dunkel an’s Tageslicht gezogen werden. Welche Schmach, daß unser mit seiner Humanität prahlendes Jahrhundert die Barbarei der Kinder-Arbeit zulasse. Es gebe freilich in Deutschland ein Gesetz, welches die Arbeit der Kinder unter 14 Jahren auf 6 Stunden täglich beschränke, aber dieses Gesetz finde keine Anwendung auf die Kleinindustrie und die Hausindustrie. Und dennoch herrschen grade dort die schauderhaftesten Zustände. Die sächsische Bourgeoisie habe erklärt, wenn der Reichstag die Kinderarbeit in der Großindustrie verbiete, gäbe er damit die letztere der Vernichtung preis durch die mörderische Konkurrenz, welche ihr alsdann von Seiten der Kleinindustrie und der Hausindustrie mit Hülfe der Kinderarbeit gemacht werde. Der Einwand, daß eine so ausgedehnte Inspektion große Kosten erfordere, dürfe nicht als Gegengrund angeführt werden. So lange, wie thatsächlich der Fall, die Regierungen beständig zu Gunsten des Militarismus die Zölle und Steuern erhöhen, und dafür Hunderte und selbst Tausende von Millionen zur Verfügung hätten, sei es abgeschmackt zu behaupten, eine genügende Anzahl von Industrie-Inspektoren würde dem Staate unerschwingliche Lasten auferlegen. Es fehle nur am Gelde, wenn es sich um die Interessen der großen arbeitenden Menge handele, dagegen finde sich immer Geld, sobald die Interessen der Bourgeoisie im Spiele seien. Uebrigens sei die Arbeiterklasse bereit, die Ueberwachung und Inspektion der Industrie selbst in die Hand zu nehmen. Sie selbst wolle über die Beobachtung der Gesetze wachen, wenn man ihr nur die dazu nöthige Freiheit gewähre. Und sie werde diese Aufgabe bedeutend besser bewältigen als die gegenwärtigen Amtsinhaber, deren Berichte fast Alles zu wünschen übrig ließen, obgleich sie auf gewisse Punkte der heutigen Arbeiter-Zustände ein dankenswerthes Licht geworfen hätten.
Auf politischem Gebiete liegt eine Hauptschwierigkeit darin, daß es den Arbeitern fast unmöglich gemacht werde, sich ihres Koalitionsrechtes zur Verbesserung ihres Schicksals zu bedienen. Nichtsdestoweniger müsse das Proletariat ausharren in der Bemühung, seine Organisation zu vervollkommnen. Es müsse sich darüber klar werden, daß es vom guten Willen der Regierungen und der Bourgeoisie so gut wie nichts zu erwarten habe, daß es aber Alles erlangen werde im Kampfe um sein Recht und ausschließlich durch seine eigene Kraft. Es genüge nicht, Resolutionen zu fassen; es müsse die energische That, die feste Entschlossenheit hinzukommen, das, was der Congreß als richtig anerkannt habe, auch wirklich zum Siege zu bringen, und zwar durch thatkräftige Propaganda und Aktion. Habe erst das Proletariat aller Länder sich für eine internationale Arbeiterschutzgesetzgebung ausgesprochen, so werde ein solches Verlangen auch Beachtung finden müssen. „Je energischer wir auf unseren Forderungen bestehen, je klarer und bestimmter wir sie aussprechen, desto besser werden die Resultate sein, welche wir zum nächsten internationalen Congreß mitbringen können.” (Ein wahrer Donner von Beifallssalven folgt dem Schluß dieser Rede).
Der Congreß nimmt hierauf einen Antrag der belgischen Delegirten an, nach welchem die Resolutionen gedruckt und die Berichterstattungen publizirt werden sollen; er nimmt ferner an einen Antrag des Bürgers Duprès‘, daß täglich eine Kollekte zu Gunsten der westphälischen Streikenden und der Verunglückten von St. Etienne veranstaltet werden soll.
Nachdem die Reihe, in welcher die Berichte erstattet werden sollen, festgestellt ist, wird die Sitzung gegen 2 Uhr geschlossen.
Das vereinigte Bureau erhält Mittheilung vom Wortlaut der vom Possibilisten-Congreß in der Sache der Verschmelzung der beiden Congresse beschlossenen Resolution. Derselbe ist folgendermaßen festgestellt:
An den Internationalen Arbeiter-Congreß Rue Rochechouart 42.
Bürger! Im Namen des Internationalen Arbeiter-Congresses, Rue de Lancry 10, der Kraft der Beschlüsse der Internationalen Congresse von Paris und London zusammengetreten ist, theilen wir Euch den Antrag mit, für welchen sich gestern Abend dieser Congreß entschieden hat.
Der Congreß erklärt, die Verschmelzung anzunehmen unter der Bedingung, daß die Prüfung der Mandate in dem geeinigten Congreß von jeder Nationalität [für sich] vorgenommen werde. Es versteht sich, daß die Delegirten, deren Mandat zurückgewiesen wird, an den Congreß appelliren dürfen, der in oberster Instanz entscheiden wird.
Die italienische Delegation ist beauftragt, diese Mittheilung zu überbringen
Der Sekretär N. Lavy
Der Vorsitzende J. Allemane
Das Bureau, welches zu diesem Behuf durch die Entscheidung des Congresses die nöthige Vollmacht besaß, antwortete wie folgt:
Hier folgt im Protokoll der Wortlaut der Antwort des Bureaus; siehe Antwort des permanenten Bureaus an den Possibilisten-Congreß.
Mittwoch, den 17. Juli. Abend-Sitzung
Unter Vorsitz des Bürgers Anseele aus Gent, welcher anzeigt, daß strenge Maßregeln genommen wurden, um die Arbeiten des Congresses ungestört zu gedeihlichem Schluß zu führen.
Die deutschen Delegirten haben 1.000 Franks gezeichnet für die Bergleute, welche Opfer der Katastrophe von St. Etienne geworden sind. (Beifallsbezeugung)
Das Bureau ladet die Delegirten der andern Nationalitäten ein, diesem Beispiele zu folgen und je nach ihren Mitteln Beiträge zu zeichnen.
Französische Delegirte verlangtem daß der Ertrag der Sammlung mit den streitenden Bergleuten Westphalens getheilt werde, die deutschen Delegirten bestehen jedoch darauf, daß die von ihnen gezeichneten 1.000 Fr. unverkürzt den Opfern von St. Etienne zu Gute kommen.
Der Congreß tritt durch Aklamation dem Antrag der deutschen Delegirten bei, sich insgesammt auf den Kirchhof Père la Chaise zu begeben, um dortselbst einen Kranz auf das Grab der erschossenen Föderirten von 1871 niederzulegen – Das Bureau wird beauftragt, den Tag und die Stunde hier zu bestimmen.
Neue Delegirte haben sich gemeldet, darunter zwei von Christiania, wodurch die Mitglieder des Congresses auf 467 steigen, nämlich 223 Franzosen und 184 Fremde.
Nach Mittheilung der eingelaufenen Telegramme und der Sympathieerklärungen in Briefen beginnt der Bürger Lawroff unter Applaus die Verlesung seines Berichts über den Stand des Socialismus in Rußland.
Es ist das erste Mal, daß zu einem internationalen Socialisten-Congreß russische Socialisten Delegirte absenden konnten. Nicht aber als Mitglieder von Arbeiterorganisationen erscheinen diese vor Ihnen, sondern nur als Socialisten, kämpfend für die ersten Elemente eines politischen Regierungssystems, welches einer Arbeiterorganisation zur Basis dienen könnte. Aber 16 Jahre des Kampfes im Namen der socialistischen Idee in welche uns alle vereinigt, 16 Jahre muthiger Bethätigung dieser Idee in den Gefängnissen, in den Wüsten Sibiriens, an dem Fuße der Blutgerüste geben vielleicht den russischen Socialisten das Recht, ihren vereinigten Brüdern zu sagen: Wir haben durch unser Apostolat unsern Platz in der Verbindung der Socialisten aller Länder uns erobert!
Ich bedauere, daß unter den russischen Delegirten kein Repräsentant ist des langen und schrecklichen Kampfes zwischen einer allmächtigen Monarchie einerseits und einer verhältnißmäßig wenig zahlreichen Gruppe junger Leute anderseits, die ihre Ueberzeugung vertheidigen. Aber ich begrüße im Namen dieser Kämpfer die Brüder, welchen es gelungen ist, die internationale Organisation der Arbeiter auf der Grundlage der politischen Rechte in ihren Ländern zu erringen. Diese Grundlage fehlte und fehlt noch heute in Rußland, dem einzigen Lande in Europa, wo alle politischen Rechte inder Person eines allmächtigen und unverantwortlichen Monarchen concentrirt sind.
Das Jahr der hundertjährigen Feier der französischen Revolution – vielleicht wäre es richtiger zu sagen, der europäischen Revolution – ist auch das Jahr einer zweihundertjährigen Feier Rußlands.
Zweihundert Jahre sind es, daß ein junger Mann von 17 Jahren, seine unbequeme Opposition niederschmetternd, der erste russische Monarch von europäischem Typus wurde.
Die Geschichtsschreiber haben ihn ein Genie genannt.
Eine ungezähmte Energie besitzend, leidenschaftlicher Anhänger der europäischen Civilisation, scheint er aufrichtig das Wohl seines Reiches gewollt zu haben.
Er war allmächtig; er ward in seinem Streben durch alle Gebildeten seines Landes unterstützt. Das Regierungssystem, das er zu Grunde legte, ward von allen seinen Nachfolgern befolgt. Nie hatte die absolute Monarchie so leichtes Spiel, um das Wohl eines Landes zu schaffen, und, sich auf die Kräfte der Nation stützend, durch diese selbst sich glücklich zu machen.
Wohlan, diese civilisatorische Reformperiode, eröffnet durch Peter I., ward für Rußland auch die Zeit, wo die Sklaverei des Mehrtheils der russischen Bauern die fürchterlichsten Fortschritte machte, und wo Millionen freier Ackerbauer zu Leibeigenen gemacht wurden.
Am Ende des Jahrhunderts waren in Folge dessen die Gebildeten in die Reihen der Opposition getreten.
Niemals zeigte sich drastischer die moralische und politische Ohnmacht einer absoluten Monarchie.. Seitdem begann man in den vorgerückten Gruppen den Kampf gegen den Absolutismus der Czaren, gegen die Leibeigenschaft der Bauern und gegen das herrschende Wirthschaftssystem, die Ursache dieser zwei Krebsschaden.
Die Freundin Voltaire’s, Katharina die Große, verbannte nach Sibirien wissenschaftlich gebildete Männer, weil sie der Opposition angehörten. Sie hatte gegen den furchtbarsten Bauernausstand, den man jemals erlebte, zu kämpfen. Ihr Sohn wollte Rußland von Europa durch strenge Befehle trennen.
Aber das Aussichtsfenster, das Peter I. nach dem Abendland hin geöffnet hatte, konnte nicht mehr geschlossen werden, und der Hauch der Revolution drang verhängnißvoll ein.
Russische Offiziere brachten aus den Kriegen gegen Napoleon die Ideen der geheimen politischen Gesellschaften mit.
Die Kämpfer des Dezember 1825 – die Dekabristen – hatten in ihr Programm eine liberale Verfassung und die Befreiung der Bauern aufgenommen Die Thronbesteigung Nikolaus’s I. wurde ausgezeichnet durch die über fünf Verschwörern ausgesprochene Todesstrafe mittelst des Stranges auf den Bastionen der Festung von St. Petersburg und durch die Verbannung nach Sibirien einer Anzahl Männer, welche die Blüthe ihrer Generation gewesen.
Die Aera der rein politischen Programme wurde durch die des utopistischen Socialismus ersetzt.
Die Frage der Arbeiterorganisation tauchte in Mitten des Kampfes der politischen Parteien des Abendlandes auf.
Das Manifest der Communisten rief den Proletariern aller Länder zu, sich mit einander zu vereinen.
Die Opposition in Rußland hörte nicht auf, der erbitterte Feind des Absolutismus zu sein, vertiefte sich jedoch mehr und mehr in socialistische Ideen. Unter den Systemen, die vorzüglich von einer Gruppe auserwählter Männer zu Moskau und Petersburg gepflegt wurden, erhielt der St. Simonismus den Ehrenplatz. Eines der einflußreichsten Mitglieder dieser Gruppe war Hertzen, später der Gründer der ersten russischen freien Presse und Buchdruckerei im Ausland.
Die jungen Leute, welche 1849 nach Sibirien transportirt wurden, waren zum größeren Theile Fourieristen. Tschernyschewsky enthüllte auf überzeugende Weise die socialistische Kritik der Nationalökonomie. Unter dem Einfluß der Ideen, die durch die literarische Propaganda Hertzen’s, Tschernyschewsky’s und ihre würdigen Schüler im Lande gemacht wurde, sah die Regierung des Czaren, erschreckt durch die fortwährenden Bauernrevolten, sich zur Emanzipation der Leibeigenen sowie zu einigen anderen Reformen gezwungen.
Aber wiederum zeigte sich der Absolutismus in seiner ganzen Unmacht.
Alle Reformen Alexander’s II. wurden verdorben, sobald sie in’s Leben traten, weil die erbittertsten Feinde jeder reformatorischen Handlung mit deren Ausführung beauftragt waren.
Sie sind es auch, welche späterhin diese Reformen in’s Stocken brachten und zwar gerade in ihren nothwendigsten Theilen.
Nach mehr als einem Vierteljahrhundert findet sich der emanzipirte Bauer wirthschaftlich zu Grunde gerichtet und noch elender, als er es vor seiner Emanzipation gewesen.
Gegen das Jahr 1870 waren die Ideen von Carl Marx schon in Rußland eingedrungen. Sein Meisterwerk: Das Kapital, ward zuerst von allen Sprachen in das Russische übersetzt.
Die Ueberzeugung, daß das Volk thatsächlich nicht anders, als durch die Erhebung der Arbeiter, emanzipirt werden könne, wurde immer mehr und mehr von den russischen Socialisten angenommen. Aber in Rußland war der Arbeiter der Landarbeiter – der Bauer der Gemeinden von Groß-Russland.
Die Sympathie mit dem Bauer schuf eine ganze realistische Litteratur, die durch ihren Realismus eine sociale Agitationslitteratur wurde.
Die gebildete russische Jugend war von der Ueberzeugung durchdrungen:
„Wir schulden alles, was wir sind. dem russischen Arbeiter, besonders dem Bauer; unsere Pflicht ist also, ihm unsere Schuld abzutragen, indem wir uns bemühen, dem Socialismus zum Siege zu verhelfen.“
Unter dem Einfluß der Commune von Paris erzeugte sich in Russland gegen das Jahr 1873 eine neue russische socialistische Litteratur im Auslande und ein neues Apostolat des Socialismus unter der russischen Jugend, das sich massenweise auf dem platten Lande und in den Fabriken verbreitete, um das neue Evangelium dem Volke zu bringen.
Eine charakteristische Thatsache, die damals zu Tage trat und noch heute besteht, verdient auch heute noch erwähnt zu werden: die russische socialistische Presse im Ausland bot das Schauspiel leidenschaftlicher Uneinigkeit. Die Anarchisten oder Bakunisten kämpften gegen die Anhänger des Journals Vorwärts; die Jakobiner der Sturmglocke griffen die einen und die andern an. Aber in Rußland selbst verschwanden Angesichts des großen Landes und der Fabriken, Angesichts der Gefängnisse und der Zwangsarbeit, welche der Laufbahn so vieler Propagandisten, ohne Unterschied der Färbung, ein Ziel setzten, alle diese Uneinigkeiten.
Die Anarchisten, die Jakobiner, die Anhänger des Vorwärts vertheilten die gleichen Brochüren und riefen zu em gleichen Kampfe.
Hunderte von jungen Männern und jungen Frauen nahmen Theil an dieser großartigen Bewegung.
Die Verwaltung des Reichs selbst mußte eingestehen, daß 37 Gouvernements von der revolutionären Propaganda ergriffen waren. Die Ideen einer Sophie Bardine und des Bauern Alexieff vor den Richtern des Gerichtshofes machten im ganzen Lande einen tiefen Eindruck.
Sie zeigten den Grad der damaligen Ausdehnung des Socialismus in Russland.
Aber die Propaganda unter den Bauern war ein langwieriges und mühevolles Werk, und die Anzahl der Opfer war sehr beträchtlich.
Die Gefängnisse und Sibirien lichteten schnell die Reihen der Propagandisten. Man sing an, die Wirksamkeit der Propaganda zu bezweifeln, besonders auf dem platten Lande. Man fing an zu glauben, daß der Kampf gegen den Absolutismus eine mehr concentrirte Aufmerksamkeit erfordere, daß man mit mehr Kräften auftreten müsse, wenn man die Propaganda im Volke fortsetzen wolle. Man hoffte von einem energischen Angriff aus den Despotismus des Czaren binnen Kurzem einen Sieg.
Dieser Glaube wurde bestärkt durch den Eindruck, welchen im Jahre 1878 die Freisprechung der Vera Sassulisch hervorbrachte; es wurde plötzlich offenbar, daß die liberalen Tendenzen in dem Lande beinahe allüberall um sich gegriffen und Boden gewonnen hatten.
Aber die liberalen Russen, baar jeder Organisation oder politischen Tradition und jeder Opferfähigkeit, die sie in dem Kampf gegen den verhaßten Absolutismus aufrecht erhalten konnte, vermochten unter so schwierigen Bedingungen keine einflußreiche politische Rolle zu spielen.
Die socialistische revolutionäre Jugend allein sollte zugleich den Czarismus bekämpfen und das socialistische Banner hoch tragen. Damals spaltete sich die revolutionäre Partei Rußlands, „die Partei der Erde und der Freiheit“, in zwei Parteien. Eine Fraktion dieser Partei, die Tscherniji Peredel (die schwarze Theilung 5) blieb auf dem Boden des Föderalismus und des ursprünglichen Programms.
Sie formte sich später um in die „Anhänger der Emanzipation der Arbeit“, schließlich in den „Bund der russischen Social-demokraten“ – und zweifelte immer mehr und mehr an dem Nutzen der Propaganda unter den Bauern und an der Rolle der jetzigen russischen Ackerbaugemeinde.
Sie predigte die Unmöglichkeit, daß Rußland in seiner socialistischen Evolution einen andern Weg gehen könne, als den des abendländischen Europa, nämlich die Entwicklung des Kapitalismus, die Bildung des industriellen Proletariats, dessen Organisation und schließlichen Triumph. Der Bund der russischen Socialdemokraten hat kürzlich erst außer einer Reihe polemischer Werke Schriften von Marx, Engels, Lafargue und Guesde in sehr schätzbaren Uebersetzungen veröffentlicht.
Eines der Mitglieder, Vera Sassulisch, arbeitet gegenwärtig an einer Geschichte der Internationalen Arbeiterassoziation. Die andere Fraktion, die Partei „Volkswille“, centralisirte sich als kämpfende Partei unter der Direktion eines Executivausschusses und, obgleich sie socialistisch blieb und die Propaganda unter den Arbeitern der Städte fortsetzte, welche sie zu organisiren versuchte, und für die sie eine Zeitung gründete, richtete sie ihre Thätigkeit hauptsächlich auf den Kampf gegen die Regierung.
Auf das Grausamste verfolgt, anwortete sie auf gesetzlosen Meuchelmord mit terroristischen Attentaten. Alle lebendigen Kräfte des Landes flossen ihr zu; ihre Nebenbuhler selbst riefen Beifall. Einer von ihnen. und einer der Bedeutendsten war es, der eines Tages um 4 Uhr Morgens mich weckte mit der Nachricht eines der furchtbarsten Schläge, die das Comité des „Volkswillens“ seinen Gegnern versetzt habe. Auch hier verwischten sich die theoretischen Streitigkeiten Angesichts des Kampfes; denn die Anhänger des „Volkswillens“ glaubten an die Möglichkeit der socialistischen Propaganda unter den Bauern; sie waren Anhänger der Land-Commune – der Ackerbau-Gemeinde – und geneigt, den Plan zu unterstützen, daß die wirthschaftliche Entwicklung einen kürzeren Weg gehe, als den der Bildung eines industriellen Proletariats unter dem Drucke des herrschenden Kapitalismus.
Die kaiserliche Regierung mußte gegenüber diesem Angriff alle ihre Verwaltungs-Einrichtungen umändern.
Ein Kaiser fiel in dem Kampf. Die russischen Socialdemokraten haben das Glück gehabt, zu sehen, daß die polnischen Socialisten des „Proletariats“ sich ihnen anschlossen, vergessend den hundertjährigen nationalen Haß. Aber der schreckliche Kampf erschöpfte die Kräfte der Partei des „Volkswillens“. Es gab Verrath, schreckliche Katastrophen, Spaltungen, – das Mißtrauen schlich sich in die Reihen der Brüder ein, – alles gefährliche Symptome der Demoralisation. Die Organisation der Partei ward schwach, das Comité verschwand, der Mehrtheil der Mitglieder starb an dem Galgen oder im Gefängniß. Gegen das Ende des Jahres 1886 gab es einen Augenblick, wo alles verloren schien; aber von da ab zeigte sich neues Leben. Neue Gruppen, jung und energisch, suchen sich einen Weg zu bahnen trotz des brutalen Polizeidrucks. Die Elemente scheiden sich, ein schmerzhafter aber nützlicher Prozeß. Viele welche für feste Anhänger der Revolution galten, zeigten sich schwach; Mancher fiel ab von der Partei. Aber diejenigen, welche dem revolutionären Socialistenbanner treu blieben, sind unversöhnlicher als jemals. Täglich bilden sich Gruppen neuer Kämpfer und bedrohen die Regierung, ohne daß es möglich wäre, ihre manchmal zu kühne Thätigkeit zu controliren.
Die stets wachsende Härte der Verwaltung gegen die Gefangenen und Deportirten, wovon wir erst kürzlich empörende Beispiele zu Yakutsk, Sakhalien, Moskau erlebt haben – diese Härte treibt die neuen Gruppen zu immer terroristischerem Handeln.
Die seit der Thronbesteigung Alexander’s III. in allen Zweigen der Verwaltung wüthende Reaktion hat alle Klassen der Bevölkerung erbittert. Diese wachsende Erbitterung kann noch zu wenig erwünschten und schrecklichen Ereignissen führen, die keine Gewalt dermalen zu verhindern im Stande ist. Die Gruppen, die dem Programm des „Volkswillens“ anhängen, sind noch zahlreich; die Abwesenheit eines Comité’s, welches ihr Handeln centralisirt, macht dieses Handeln zu etwas ganz Anderem, als was es vorher gewesen ist. Aber sie haben sich auf die gewissenhafteste Weise das Problem gestellt, für ihr Land politische Freiheiten zu erringen, als nothwendige Grundlage seiner gesellschaftlichen Revolution. Andere suchen anderswo ihren Weg. Und in diesem Augenblicke selbst vollzieht sich eine sehr beklagenswerthe Thatsache.
Um den Absolutismus zu bekämpfen, sind einige Gruppen aus den unglücklichen Gedanken gekommen, für den Augenblick die sociale Frage bei Seite zu lassen und eine Verbindung gegen den Absolutismus mit den liberalen Russen zu suchen, von denen gar nichts zu erhoffen ist, obgleich sie von der gegenwärtigen Regierung grausam unterdrückt werden.
Es ist das erste Mal, daß revolutionäre russische Socialisten sich entschlossen haben, für den Augenblick die Grundprinzipien ihres Programms zu verläugnen. Angesichts dieses Abfalls machen die Gruppen, welche an ihren Prinzipien, als an ihrer politischen Existenzberechtigung festhalten, Miene, sich vereinigen und die Zwistigkeiten der jüngsten Zeit vergessen zu wollen. Diese Vereinigung kann die Grundlage einer socialistischen Organisation werden, welche man von Neuem eine russische revolutionäre Socialistenpartei nennen wird können. –
Das ist der gegenwärtige Stand der socialistischen Bewegung in meinem Vaterlande. Die verschiedenen Gruppen, welche mich mit ihrem Mandat beehrten, haben durch die Gegenwart ihres Delegirten aus diesem Congreß zu erkennen gegeben, daß der Socialismus die unerschütterliche Grundlage ihres Handelns verbleibt. Das Andenken an Marx und Hasenclever, an Varlin und Blanqui ist für sie eben so heilig, als für ihre Brüder des Abendlandes. (Enthusiastischer Beifall.) Als Socialisten, und nicht anders, werden sie den Kampf gegen den Absolutismus fortsetzen (Neuer Beifall.) Als Partei streng geschieden von den liberalen Parteien der Nicht Socialisten bestehen sie – oder sie hören aus zu sein. Das Journal: Der Socialist, welches mir ein Mandat gegeben hat, strebt darnach, ihr Organ zu werden. Die „Gesellschaft der russischen Arbeiter zu Paris“, welche ich die Ehre habe, ebenfalls zu vertreten, ist socialistisch seit ihrer Gründung, welche vor mehreren Jahren erfolgte. Die Gruppen, welche dem Programm des „Volkswillens“ anhängen, und von welchen einige seit 5 Jahren im Auslande bestehen, setzen die socialistische Tradition fort. Die „Kasse der socialistischen Veröffentlichungen von Zürich“, die „revolutionäre socialistische Gruppe von St. Petersburg“, de „Armenische Gruppe von Genf“ schicken Delegirte zu dem Socialistencongreß in Paris und ihren Gruß an die socialistischen Brüder aller Länder. Außerdem sind hier gegenwärtig der Delegirte der „Vereinigung der russischen revolutionären Socialdemokraten“, von der ich näher gesprochen und die Delegirten der „socialistischen russischen Arbeiter“ von London und New-York. Die Organisation von London datirt von 1885, die von New-York von 1887. Es erscheint in Amerika ein russisch-socialistisch-demokratisches Blatt: Die Standarte. Die jüdischen Socialisten von London, beinahe alle gebotene Russen und Polen, haben ihr socialistisches Organ: Der Freund des Arbeiters, redigirt in hebräischer Mundart. Sie versichern dem Congreß, daß sie, obgleich gezwungen, die einzige Sprache, die sie kennen, anzuwenden, doch weit entfernt sind, sich in ihrer Nationalität abzuschließen, und daß sie in England, in Amerika, wie in Russland lebhaften Antheil an der socialistischen Arbeiterbewegung nehmen, so wie sie dieselbe in den verschiedenen Ländern finden. „Die Vereinigung der jüdischen Handwerker von New-York“, hier vertreten durch zwei Delegirte, besteht aus 1.500 jüdischen Proletariern.
Ich kann also in dem Bericht, welchen ich beauftragt gewesen bin zu erstatten, die Versicherung geben, daß der russische Socialismus in dem nun 16jährigen Kampfe nicht unterlegen ist. Er ist noch nicht dazu gekommen, eine Arbeiterpartei zu bilden, doch haben nur die politischen Verhältnisse Rußlands dies bis jetzt verhindert. Die revolutionäre socialistische Partei, welche gekämpft hat und welche noch kämpft, um diese Verhältnisse zu ändern, hat schwere Schläge erlitten – ihr Märtyrerthum ist lang und schmerzensreich, sie hat Abtrünnige gehabt, sie ermangelt dermalen der Organisation und in diesem Augenblick macht sie eine heftige Krisis durch.
Aber diejenigen, welche ihr anhängen, sind entschlossen aufs Aeußerste zu kämpfen, um günstige Verhältnisse für die Gründung einer Arbeiterpartei zu schaffen. Sie sind entschlossen zu kämpfen bis zum Tod, um ihrem Vaterlande eine bessere Zukunft zu sichern. Ich bin überzeugt, daß ich den Gruppen, die mich gesandt haben, die Wünsche des Congresses für ihren Erfolg werde überbringen können, wie ich Ihnen ihren brüderlichen Gruß überbracht habe. (Wiederholtes stürmisches Bravo.)
Einige Anarchisten hatten zu wiederholten Malen den Bericht von Lawroff unterbrochen; sie mußten von dem Präsidenten darauf aufmerksam gemacht werden, daß sie den russischen Nihilisten und dem Congreß Achtung schuldig seien. Da sie dieser ersten Verwarnung nicht gehorchten, sah sich Bürger Anseele genöthigt zu erklären, daß die Delegirten des Proletariats zweier Welten nicht Hunderte von Meilen gemacht und Tausende von Franks aufgewandt hätten, um ihre Arbeiten durch einige Bengel (gaillards) stören zu lassen; und er forderte dann die französischen Delegirten auf, diese systematischen Störer aus dem Saale zu entfernen, was in einigen Augenblicken geschehen war.
Nach wieder hergestellter Ruhe erklärte der Bürger Vaillant, daß man Niemand seiner Meinung wegen entfernen wolle, wohl aber entschlossen sei, jedem muthwillig provozirten Tumulte von vornherein, und mit äußerstem Nachdruck vorzubeugen.
Das Wort wird nun dem Bürger Jules Guesde zu einem Bericht über Frankreich gegeben. Bei seinem Erscheinen auf der Tribüne lebhaft beklatscht, schreibt Guesde diesen Empfang der großen Sache zu, der er sein Leben gewidmet hat. Und diese Sache ist dieselbe, für welche, unter verschiedenen Benennungen, aber mit gemeinschaftlichem Ziel, der Kampf in Deutschland, in Italien, in Belgien, in Holland, in den Vereinigten Staaten überall geführt wird. Der Socialismus, welchen die Phantasie Einiger sich beikommen hat lassen, zu nationalisiren, zu trennen in einen französischen und in einen deutschen, ist in Wirklichkeit ein und derselbe, wie die kapitalistische Produktionsweise, die ihn hat werden lassen, ein und dieselbe ist; und das eine Banner von einer Farbe, das die Proletarier der ganzen Welt aus eigenem Antrieb aufgepflanzt haben, unter welchem uns der Sieg winkt, es weht über uns in diesem internationalen Congreß der Arbeit. (Wiederholtes Bravo.)
Der Bürger Guesde entschuldigt sich der Unvollkommenheit des Berichtes wegen, den er auf die Aufforderung der auswärtigen Brüder zu geben versuchen wird. Er wird sich bemühen in seinem schwierigen Vortrage so wahrheitsgetreu als möglich zu sein.
Drei Hauptgruppen sind auf diesem Congreß vertreten· Die Arbeiterpartei (Parti ouvrier), welcher der Redner angehört; das revolutionäre Centralcomité (Comité revolutionnaire centrale) und die nationale Verbindung der Arbeitersyndicate Frankreichs (Fédération nationale des syndicats ouvriers de France).
Dies verschiedenen Organisationen bewegen sich auf verschiedenem Boden, indem die einen mehr gewerkschaftlicher, die andern mehr politischer Natur sind. Aber sie sind alle von demselben Geist beseelt, sie verfolgen alle dasselbe Ziel und haben bei allen entscheidenden Fällen stets übereinstimmend an der Spitze gestanden.
Um mit der ältesten Organisation anzufangen, welche in voller Verbannung, zu London von Commune-Flüchtlingen gegründet wurde: dem revolutionären Centralcomité, so hat sich dasselbe für communistisch erklärt wie Blanqui, aus den es sich beruft. Von Paris aus, wo es sein Hauptquartier hat, breitete er sich über Lyon und das Cher-Departement aus. Und seine Politik steht ohngeachtet der Verschiedenheit in den Ausdrücken unserer Politik so nahe, daß im Jahre 1884, als das bedeutendste seiner Mitglieder durch das Viertel Père la Chaise in das Stadthaus zu Paris geschickt wurde, wir die Wahl Vaillant’s als den Triumph eines der Unserigen feiern konnten. Alle Forderungen unseres marxistischen Programms, die Unterdrückung der Staatsschuld oder des Budgets der Rentiers einbegriffen, sind von dem erwählten Blanquisten – Vaillant – in dem Stadthause so tüchtig vertreten worden, daß wir nur eines zu bedauern haben: daß dieser so bewundernswürdige Feldzug des kämpfenden Proletariats nicht in der Kammer der Deputirten, nicht auf der Tribüne der Gesetzgebung stattgefunden hat, und nicht in allen Theilen des Landes bekannt werden konnte.
Die Arbeiterpartei, von der 145 Gruppen hier vertreten sind, datirt officiell von dem Arbeiter-Congreß von Marseille, welchen das Journal Die Gleichheit (Egalité) vorbereitet hatte. Zum ersten Mal haben die Delegirten des französischen Proletariats auf dem Congreß von 1879 nicht nur mit der Bourgeoisie gebrochen, sondern auch mit den engherzigen Bourgeois-Ideen von Sparkassen-, Consumvereinen und so weiter, indem sie als einziges Ziel ihrer Anstrengung die Rückeroberung der Produktionsmittel und deren Verwerthung durch die vereinigten Arbeiter in der von ihren Schmarotzern befreiten Gesellschaft hinstellten. Damals, als selbst die Elite unserer Arbeiter in der großen internationalen Demokratie ihrer großen Majorität nach individualistisch geblieben war, gefangen von der Proudhon’schen Metaphysik – selbst in Marseille – triumphirte endgültig der Collektivismus – anderer Name des Communismus.
Und während die Befreiung der Arbeit von der Expropriation der Kapitalistenklasse abhängig gemacht wurde, beschloß man gleichzeitig, das Proletariat als bestimmte politische Partei zu organisiren, welche sich den Staat von den bürgerlichen Parteien jeder Farbe erobern muß.
Der National-Congreß von Havre vervollständigte im folger den Jahre diese Klassenorganisation, indem er der Arbeiterpartei ihr Wahl-Programm gab, welches die unmittelbaren Forderungen enthielt, und an welchem Marx und Engels mitgearbeitet hatten. Mit diesem Programm, das allen Angriffen Stand hielt, sind wir in die Gemeinderäthe von Alais, St. Quentin, Armentière, Roubaix, Montluçon, Beauvais, Comentry, Calais etc. eingedrungen.
In den Departements: Allier, Norden, Pas de Calais, Aisne, du Rhone, Marne, Heraut ist die Arbeiterpartei am zahlreichsten und am besten organisirt.
Guesde geht dann zur nationalen Verbindung der Arbeitersyndicate über, welche im Jahre 1886 zu Lyon geschaffen wurde, in einem Gewerkschafts-Congreß, dessen das Ministerium Freycinet-Lockroy Herr zu werden gehofft, und den es zu diesem Zwecke unterstützt hatte. Die Regierung hatte sich jedoch verrechnet. Man lud die Arbeiter ein, sich gewerkschaftlich und in Fachvereinen zu organisiren und zwar ohne politische Partei-Tendenz, aber die Verbindung erklärte sich von Anfang an für socialistisch im wissenschaftlichen und revolutionären Sinne des Worts. Sie suchte die Rettung, wo sie ist, in der „Socialisation – Vergesellschaftung – der Produktionsmittel“, und forderte als vorbereitende Maßregeln die Begrenzung des Arbeits-Tages auf acht Stunden und die Beseitigung der nationalen und internationalen Hindernisse und Beschränkungen der Arbeiterbewegung. Seitdem hat die Verbindung zwei weitere National-Congresse gehalten, zu Montluçon im Jahre 1887 und zu Bordeaux im Jahr 1888, und sie umfaßt jetzt 450 Syndicate oder corporative Gruppen.
Sie ist es, welche, um den Widerstand der politischen Gewalten zu brechen, die Initiative der Manifestationen ergriffen hat, welche in den Arbeitsmittelpunkten am 10. und 24. Februar ds. Js. statt hatten. Wenn sie aber auch die mächtigste der Arbeiterverbindungen ist, die jemals in unserem Lande bestanden haben, so kann sie doch ohne Zweifel weder ins Bezug auf die Anzahl der Mitglieder, noch die Hilfsquellen, über die sie verfügt, mit den Trades Unions Englands verglichen werden. Aber warum dieses Zurückstehen gegen Andere? Weil keine Arbeitsklasse so wie die unsrige beinahe einem Jahrhundert absoluter Bourgeois-Anarchie und Bourgeois-Despotie unterworfen gewesen ist.
Unsere Bourgeoisie, die schlimmste, rücksichtsloseste, unbarmherzigste aller Bourgeoisien (man erinnre sich der Metzeleien des Juni 1848 und des Mai 1871) und die heuchlerischeste, hat das französische Proletariat systematisch zu Pulver zerrieben, in Atomen aufgelöst, es jeder gemeinsamen Handlung entwöhnt, indem sie ihm von 1790 an durch das Gesetz Chapelier nicht allein jede Association, sondern auch jede Vereinigung eines Gewerkes, angeblich im Interesse der Allgemeinheit Untersagte. Und dieses Verbot, verschärft durch drakonische Artikel des Gesetzbuches, genannt nach Napoleon (Code Napoleon), gegen die Verbindungen, hat sich zu Frankreichs Schande bis 1884 erhalten, d. h. bis zu dem Tage, wo die industrielle Centralisation die Freiheit der Syndicate illusorisch machte. Man hat es zu Anzin, Vierzon, Montceau gesehen, überall, wo die Sklaven der Bergwerke, der Eisenbahnen, der Hochöfen von dem ihnen endlich gesetzlich gewährten Recht der Association und Vereinigung Gebrauch machen wollten, sahen sie sich überwältigt durch das Veto der Gesellschaften: Keine Syndicate! – keine Gewerkschaften! – wenn nicht, keine Arbeit! das heißt kein Brod!
Kann es da Wunder nehmen, daß die französische Arbeiterschaft, seit mehreren Generationen des Gebrauchs ihrer Beine beraubt, so langsam marschirt auf dem Wege der gewerkschaftlichen Organisation? Auch unsere eigentlichen socialistischen Organisationen können nicht verglichen werden mit der deutschen Socialdemokratie und ihren Hunderttausenden von Anhängern. Was uns lähmt, wenigstens in diesem Augenblicke, was unsere Propaganda weniger fruchtbar und unsere Rekrutirung langsamer macht, obgleich vielleicht sicherer – das ist, so sonderbar es auf den ersten Blick scheinen mag – die politische Freiheit, die wir genießen, und durch welche viele der Arbeiter getäuscht werden. Was uns zurückhält, das ist die Republik, welche seit 19 Jahren dauert und welche die Massen nicht aufhören als einen Talisman zu betrachten, der, ohne Anstrengung ihrerseits, im Laufe der Zeit, sie ihrem Elende und ihrer Knechtschaft entreißen soll.
Volk der That mehr als der Organisation, sind wir Franzosen außerdem gewöhnt, Sprungweise vorzugehen, wo andere Schritt vor Schritt marschiren. Unter dem Eindrucke der Ereignisse improvisiren, rekrutiren wir, im Kampfe selbst, die nothwendige Armee.
Das auch für die Zukunft zu hoffen, erlauben uns unsere Traditionen, erlaubt uns unser Temperament: zu Rahmen (cadres) bringen wir es, zu nichts weiter als zu Rahmen. Und zu Rahmen, welche für die von den Umständen gebotene Mobilmachung genügen; wir haben dieselben schon jetzt. Das lädt uns aber auch, ohne Prahlerei, mit Vertrauen in die Zukunft schauen.
Nicht nur in Paris, sondern in allen industriellen Städten besteht unter den Arbeitern eine bewußte Minderheit, fähig die Führung der Bewegung zu übernehmen und Irrthümer und Fehler zu verhüten.
Was man weder im Juli 1830 noch im Februar 1848 wußte, weiß man heute. Damals waren die Arbeiter Herren der öffentlichen Plätze, und sie duldeten, daß auf den Ruinen der bürgerlichen Regierung, die sie durch ihren Heldenmuth gestürzt hatten, eine andere Fraktion derselben feindlichen Klasse sich einnistete.
Das geht jetzt nicht mehr. Ist die Gewalte einmal aus den Händen der Opportunisten in die der Socialisten gefallen, dann wird weder Boulanger, noch irgend eine andere Person sie den Arbeitern wieder entreißen. Die Gewalt gehört uns, sie muß uns gehören; die Proletarier, die sie nehmen werden, werden sie zu vertheidigen wissen gegen Alle und Jeden.
Kommt eine neue Commune, so wird diesmal das ganze arbeitende Frankreich Paris unterstützen; das Schauspiel von vor 19 Jahren wird sich nicht wiederholen: Arbeiter für Rechnung der Kapitalisten Schildwache stehend, um die Milliarden der Bank, die dem arbeitenden Frankreich gestohlen sind, für die Bourgeoisie zu behüten; oder wenn man Schildwachen hinstellt, so wird es geschehen, nachdem die Bank wirklich die Bank Frankreichs geworden ist durch Rückerstattung Sou für Sou des dem Volke gestohlenen Ertrags seiner Arbeit.
Zu diesem Werke der Leitung der nächsten Aktion wird unsere geringe Zahl genügen. Die Kameraden des Auslandes können sicher sein, daß, beginnt auch schon morgen der Conflikt, welchen die gesellschaftlichen Gegensätze hervorrufen und welchen die politischen Spaltungen der herrschenden Klassen beschleunigen werden, der Kampf zu Gunsten des Socialismus ausschlagen wird.
Die Aera der Niederlagen, so glorreich sie seien und so fruchtbar sie sein können, ist geschlossen, sicher geschlossen. Auswärtige Brüder, wir verbürgen Euch den Sieg und wir können ihn Euch verbürgen (Stürmischer verlängerter Applaus.)
Neue Delegirte aus den Departements werden angemeldet durch den Bürger Lafargue, der bei dieser Gelegenheit, an der Hand von Thatsachen, die Kniffe der Possibilisten enthüllt, welche an den Bahnhöfen unsere Freunde aus den Provinzen erwacten und sie ungeachtet der formellen Mandate „in ihren Scheincongreß zu verlocken suchen“.
Der Präsident verwahrt sich gegen diese Worte, die im Widerspruch mit dem gestrigen Votum zu Gunsten einer Verständigung stehen, worauf Bürger Vaillant dem Congreß den Briefwechsel mit den Possibilisten und die Tages-Ordnung, durch welche diese letzteren die Vereinigung der beiden Congresse endgültig begraben haben, mittheilt. Bürger Vaillant fügt hinzu, daß diese unbedingte Verweigerung jeder Verständigung den unbedingten Protest der italienischen Delegirten hervorgerufen, und daß diese, wie die holländischen Delegirten, sich vom Congreß der Rue de Lancry (wo die Possibilisten tagten) zurückgezogen haben. (Beifall.)
Die Sitzung wird um 11 Uhr aufgehoben, nachdem auf den andern Tag um 9 Uhr die nächste Sitzung anberaumt worden.
Donnerstag, den 18. Juli. Morgen-Sitzung
Den Vorsitz führt Bürger Daumas, Gemeinderath von Paris. Derselbe theilt der Versammlung die aus den Congreß bezüglichen Depeschen, Briefe und Zustimmungsadressen mit.
Bürger Morris gibt einen Ueberblick über die socialistische Bewegung in England, ohne indessen bei der dortigen Lage der Arbeiterklasse zu verweilen, die, wie anderswo, Sklavin des Privatkapitals ist. Kaum seit 6 Jahren kann von Socialismus in England die Rede sein, wenn auch noch etwas von der Chartistenbewegung lebendig geblieben war, sowie auch vom Communismus Owen’s. Nothwendig mußte sich der Einfluß des festländischen Socialismus fühlbar machen, aber die Bourgeoisie, durch ihre Handelserfolge hochmüthig geworden, ignorirte die Lage des Proletariats, oder wollte sie ignoriren. Die große Menge betrachtete als das zu erstrebende Nonplusultra die Verwirklichung eines Systems heuchlerischer Formeln, welche die ganze Politik beherrschten. Die ökonomische Entwicklung hat aber jetzt diese Sachlage umgestaltet: der Socialismus ist für das Proletariat eine Hoffnung geworden, für die Bourgeoisie ein Schrecken. Mehr noch! Manche Bourgeois erklären sich für Socialisten unter dem Vorbehalt, daß man sie nicht zwinge, das Prinzip des Klassenkampfes anzuerkennen. Die abschreckende Gestalt, unter welcher die Armuth in England zu Tage tritt, scheint bei diesen Leuten ein Stückchen eingeschlafenen Gewissens aufgestört zu haben, und sie unterstützen und verkündigen deshalb alle Arten von Reform. So hat denn der Staat die Auswanderung begünstigt, um das Land von einer Menge von Proletariern zu befreien; so hat man einen schüchternen Versuch gemacht, dem bäuerlichen Grundbesitz wieder aufzuhelfen und die ländliche Klein-Industrie reger zu bringen; so hat man sich bemüht um eine Arbeiter-Versicherung à la Bismarck und um eine neue günstigere Form der Produktiv-Genossenschaft. Zahlreiche Hülfsmittel sind in Vorschlag gebracht vom reinen einfachen Philanthropismus bis hinunter zum Malthusianismus und zur Fruchtabtreibung, und zwar durch Bourgeois, welche ein Bewußtsein davon haben, aus welchem Vulkan unsere Gesellschaft angekommen ist.
Bis zur letzten Zeit ist die socialistische Bewegung fast ausschließlich im Reiche des Gedankens geblieben, unterhalten fast allein von Mitgliedern des Proletariats der Bildung. Heute hat sich das Blatt gewandt, da die Geister der Arbeiter durch die ökonomische Entwicklung zur Aufnahme und Annahme der socialistischen Lehren genügend vorbereitet sind. Die Arbeiter haben den Klassenkampf als solchen erkannt; sie haben begriffen, daß das Mehr oder Weniger des Elends in ihrer Existenz von der Rolle abhängt, die sie spielen, indem sie sich dem Mechanismus der kapitalistischen Produktionsweise einfügen lassen. Durch einen unwiderstehlichen Antrieb werden sie dazu gedrängt, die Umgestaltung der Gesellschaft von Grund aus zu wollen.
Dieses Erwachen wird theilweise der Propaganda verdankt, welche ein Häuflein überzeugter Socialisten an den Straßenecken vorgenommen hat. Vor nur 3 bis 4 Jahren wurden unsere Redner in gewissen Orten von den Arbeitern selbst ausgezischt und ausgepfiffen; heut zu Tage finden sie überall ein aufmerksames Publikum, ja man spendet ihnen sogar Beifall; In den radikalen Londoner Clubs ließ man sich früher kaum herab, Socialisten anzuhören; heute finden die Socialisten daselbst kaum noch Widerspruch. Besser noch: das politische Leben im eigentlichen Sinne (wohl zu verstehen, daß der Redner damit nicht die müssigen Diskussionen – wire-pulling d. h. Drahtzieherei – der Wahlperiode versteht) bekundet sich in diesen Clubs allein durch die Bewegung Derjenigen, welche als Socialisten auftreten. Mit einem Wort, der Socialismus beeinflußt die politischen Parteien in solcher Weise, daß Minister Harcourt ausrufen konnte: „Wir sind alle Socialisten!“ Das ernsthafteste Hinderniß, dem die Socialisten begegnet sind, findet sich in der Gleichgültigkeit der in bereits konsolidirten Industrieen beschäftigten Arbeiter. Da England unter allen Ländern das erste gewesen ist, dem es gelang, die Groß-Industrie sich vollkommen zu eigen zu machen, so haben sich nothwendiger Weise die Arbeiter der Industrie-Zentren seit Generationen in die äußerste Abhängigkeit vollständig ergeben müssen. Sie haben sich daran gewöhnt, sich selbst lediglich als einen Theil des Mechanismus der Fabrik zu betrachten. Der Fabrikherr ist für sie ein „paymaster“ – Zahlmeister –, mit dem sie zuweilen einen Streit haben, den sie aber darum nicht minder als unentbehrlich für ihre Existenz ansehen.
Andererseits ist die socialistische Bewegung in England durch die Thatsache begünstigt worden, daß eine Gemeinsamkeit der Empfindungen wischen dem Bauern, d. h. dem Landarbeiter und dem städtischen Arbeiter besteht, woran in Frankreich nicht zu denken ist, und ebensowenig anderswo auf dem Kontinent – wenigstens nicht in annähernd gleichem Maaß. Der Landarbeiter in England ist Sklave des Pächters und deshalb durchaus nicht konservativ, wenn es ihm auch oft widerfährt. daß er für einen Conservativen zu stimmen genöthigt wird; er hat seine Meinung für sich und eine lebhafte Neigung, seine Ketten abzuschütteln.
Die Entwicklung der Parteien hat der Sache des Socialismus gedient. So hat schon allein die irische Frage – mit der die englischen Socialisten sich viel beschäftigt haben – alle alten Parteien in Verwirrung gebracht. Die Arbeiter, bis dahin gewöhnt sich blindlings dem Parlament anzuvertrauen, haben von ihrem Zutrauen verloren. Es muß constatirt werden, daß die neue Gruppe der Socialistischen Radikalen –— in der Presse vertreten durch den Star – wenig Einfluß im Parlamente besitzt, und daß sie auch an jenem Tage nicht mehr Einfluß besitzen wird, wann die irische Frage gelöst oder beseitigt wird.
Wir – d. h. die „Socialist League“, in deren Namen ich spreche – wir, sage ich, beglückwünschen uns zu dieser Lage, denn wir glauben bestimmt, daß die Arbeiter ihre Zeit und ihre Mühe unnütz opfern, wenn sie sich anstrengen, eigene Vertreter in’s Parlament zu bringen. Wir sind deshalb weit davon entfernt, die geringen Resultate zu bedauern, welche mit den erwähnten Versuchen erreicht wurden. Dagegen zeigen die neuerdings in den großen Städten und besonders in London eingeführten County-Councils – Grafschafts-Räthe –, sehr gegen die Absichten der Tories, eine starke Neigung zum Socialismus. Man darf hoffen, sie werden eines Tages ein Sammelpunkt sein für das der centralistischen und bürokratischen Parlamentsmacht widerstrebende Volk; denn diese Parlamentsmacht ist in England, – und kann dort nur sein – reaktionär, weil sie unter dem unbrechbaren Bann steht, ein Vertheidigungs-Ausschuß zu sein für das hochheilige Recht des Privateigenthums, das die Socialisten angreifen. Dieser Ausschuß, Parlament geheißen, hat es sich nicht verdrießen lassen, in seine Mitte einige Angehörige der ausgebeuteten Klasse aufzunehmen, deren Anwesenheit ans ein doppeltes Ziel absieht: als Sicherheits-Ventil zu dienen für die Unzufriedenheit des Volkes und als Anzeiger für die Richtung der Arbeiter-Beschwerden, ja auch dafür, innerhalb welcher Grenzen die bürgerliche Heuchelei sich freie Bewegung gönnen dürfe.
Alles in Allem, die Lage der Bewegung in England ist sehr ermuthigend. Die öffentliche Meinung sucht mit immer größerem Eifer da nach, wo die Wahrheit ist, und wenn auch die Organisation der Partei noch ungenügend sein mag, so kann man doch sicher sein, daß sie aus sich selbst heraus und in unwiderstehlicher Weise weiter kommen wird.
Vergessen wir nicht zu erwähnen, daß der Socialismus sich mehr und mehr in Australien ausbreitet, nicht in dem Sinne, wie wir ihn sich in Amerika entfalten sehen, sondern vielmehr in einer der englischen Bewegung nahekommenden Art.
Uebrigens die Thatsache selbst, daß der Socialismus in England als eine Bewegung der Gedanken zuerst aufgetreten ist, rechtfertigt die Hoffnung, daß seine Fortschritte nicht in’s Stocken gerathen. Der Idealismus, der hiedurch bedingt ist, ist das unerläßliche Element jeder Bewegung, die sich durchsetzen will. Es ist ohne Zweifel gefährlich unsere Hoffnung auf ökonomischen Fatalismus zu gründen, auf die andauernde Verkümmerung des bürgerlichen Elements. Nothwendiger Weise verpflichtet uns die logische Entwicklung der Produktion und der Gesellschaft, diese Thatsachen in Erwägung zu nehmen; indessen die historische Verschiebung der Zustände kann den Lauf jener Entwicklung unterbrechen und der Uebermacht des Bürgerthums eine weitere Lebensfrist bewilligen. England kann möglicher Weise noch eine Periode großer Handelsblüthe genießen; in Folge des Anreizes, den diese Blüthe auf die Entdeckungen und die Verbesserung der Mechanik üben muß, werden aber die Arbeiter noch geringeren Antheil an dem sog. Nationalreichthum haben als selbst in der gegenwärtigen Industrieperiode.
Was auch kommt, wir werden nicht aufhören Socialisten zu sein. In der That, wir können besser genährte Sklaven, angenehmer situirte Schmarotzer werden – aber damit sollten wir zufrieden sein? Nein! Die Bewegung im Reiche der Gedanken, welche sich weiter vollziehen muß, wird uns nicht erlauben, mit einem Zustande zufrieden zu sein, der nicht die volle und ganze Verwirklichung unseres Ideals ist. Wir wissen, daß wir die vollkommene Gleichheit der Lebensbedingungen für alle Menschen zu fordern haben, und daß dies ein sehr wohl realisirbares Ideal ist. Wir werden niemals die mühsam erlernte Lektion vergessen; wir werden daran zu denken wissen, daß, wie auch immer das Schicksal einiger Individuen sich gestalte, der „Bodensatz“, wenn auch mit Verbesserungen, doch immer jener „Bodensatz“ bleibt, von welchem John Bright mit solch satter Selbstgefälligkeit gesprochen hat, – und daß er es bleiben wird, bis wir unsere ganze Forderung durchgesetzt haben. Die Arbeiter, auch die am Besten daran sind, hängen sie nicht immer von ihren Lohnherren ab? Und, wenn wir den Sachen auf den Grund gehen, von dem Herrn ihrer Herren: vom internationalen Markt? Der englische Arbeiter wird mit Zähigkeit die Forderung seiner vollen Rechte verfolgen, und er wird nicht stillstehen auf dem Wege, das wissen wir, bis daß er sie ganz erobert hat. Bei alledem wird die socialistische Partei, erkennen wir es an, durch eine Periode der Enttäuschung bedroht, wenn sie zu einer rein politischen Partei ausartet. In diesem Falle wird sie das Spiel einer Handvoll von Abenteurern und Stimmenfängern werden, die nichts im Auge haben, als ihr persönliches Interesse. Zu diesem Behufe werden sie die Hoffnungen des Proletariats nähren und dasselbe durch eine verlogene Agitation zu Gunsten einiger Palliativ-Mittel betrügen, die ein Bourgeois-Parlament nicht verfehlen wird zu bewilligen, da ein solches sehr gut weiß, daß diese Palliativ-Mittel, sollten sie wirklich durchgeführt werden, der Menge des Volkes niemals mehr geben werden, als die Freiheit zu stimmen und – Hungers zu sterben.
Zwei Dinge muß man den englischen Socialisten zur Ehre nachsagen. Erstens sind, ungeachtet gewisser Meinungs-Verschiedenheiten, die englischen Socialisten – einige Ausnahmen abgerechnet – gründlich international. Sie verurtheilen mit der äußersten Energie den Chauvinismus (Jingoism 6) – welche Erscheinungsform er euch annehme. Das Wort „Nationalität“ hat für sie nur eine geographische Bedeutung. Das „Britische Reich“, keineswegs ein Gegenstand der Liebe und des Stolzes für sie, gilt ihnen nur als eine Macht des Unheils, eine auf Ungerechtigkeit und Gewaltthat beruhende Herrschaft, die demnach dem Abscheu jedes anständigen Menschen verfallen ist. Zweitens haben die englischen Socialisten, Kraft ihres Idealismus, sich als die besondere Mannschaft der ästhetischen Seite des Socialismus constituirt. Ohne die Utopien von Charles Fourier anzunehmen, sind sie, meistens ohne es selbst zu wissen, die Erben seiner Idee von der anziehenden Arbeit (Forderung, die Arbeit in der socialistischen Gesellschaft so zu gestalten, daß sie aushört lästig zu sein und den Arbeiter als ein Vergnügen anziehe). Dieser Punkt hat seine Wichtigkeit. Alle Socialisten wollen, daß alle Menschen zur Arbeit angehalten werden, aber wenn sie dies Ziel erreicht haben, werden sie sich dem Satze anschließen daß die Arbeit weniger eine peinliche Mühe als eine reizvolle Obliegenheit ist. Trotz unvermeidlicher Fehlgänge hat die socialistische Bewegung Englands dem gesammten Socialismus greifbare und nützliche Dienste geleistet, indem sie den Arbeitern das zu erreichende Ziel zeigte: ein schönes und vollkommenes Leben.
Die socialistische Bewegung Englands hat eine beachtenswerthe Literatur erzeugt. Neben mehreren täglichen Arbeiterblättern bemerkt man zwei socialistische Wochenschriften „Justice“, Organ der „socia1-Democratic Federation“ und „Commonweal“, Organ der „Socialist League“. Die Socialisten veröffentlichen auch Streitschriften, Broschüren, Flugblätter; indessen fehlen auch gewichtigere Werke nicht. Ein charakteristisches Zeichen ist, daß unsere Romanschriftsteller es gut finden, ihre Bücher mittelst eines gewissen Zusatzes von Socialismus zeitgemäß zu machen. Der Socialismus ist Mode geworden!
Der Socialismus ist also in England eine kräftige Pflanze, die lebensfrische Sprossen treibt, freilich noch jung, so jung, daß sie noch weder Blumen noch Früchte hervorgebracht hat. (Lebhafter Beifall.)
Doktor Adler, Delegirter der Socialisten Oesterreichs, trägt einen Bericht über die Lage der socialistischen Bewegung in Oesterreich vor, der häufig durch begeisterte Beifallsruse unterbrochen wird. In Oesterreich, sagt er, gibt es eine sehr lebensfähige Partei, die unermüdlich arbeitet und vor keinerlei Schwierigkeit zurückschreckt. Ich bringe hier den Brudergruß von Tausenden über ganz Oesterreich verstreut lebenden Arbeitern. Sie hatten die Absicht mir ein formelles Mandat zu geben; aber das war eine Unmöglichkeit. Die Freiheit in Oesterreich ist ein zusammen-gesetztes Wesen, welches die Mitte hält zwischen der Freiheit in Rußland und der Freiheit in Deutschland. (Große Heiterkeit.) In der Form ist sie deutsch, in der Ausführung ist sie russisch. Abgesehen von Frankreich und England hat Oesterreich vielleicht in ganz Europa die freisinnigsten Gesetze, so sehr, daß es einer Republik ähnelt, die anstatt eines Präsidenten eine Majestät an der Spitze hat. Leider verfährt man nur in der Praxis nicht nach dem, was das Gesetz vorschreibt, sondern allein nach dem, was das Belieben des betreffenden Polizei-Commissärs ist. Der Polizei-Commissär ist befugt, alle gesetzlichen Freiheiten zu confisziren, und man kann schon glauben, daß er dies Recht braucht – und mißbraucht. Dieser absonderliche Zustand raubt der Arbeiterbewegung in Oesterreich alle Gleichartigkeit im Fortgange, alle Sicherheit im Beschließen und Handeln. Sie ist allen möglichen Glückswechseln beständig ausgesetzt, heute Blüthen treibend, morgen der Vernichtung preisgegeben, ohne daß die Regierung deswegen nöthig hätte, zu Ausnahmegesetzen ihre Zuflucht zu nehmen. So hat auch das 1884 publizirte Ausnahmegesetz gegen die Anarchisten keineswegs die Lage wesentlich verändert. Was verschlägt es denn den Socialisten, ob sie durch Berufsrichter oder durch Geschworne verurtheilt werden? Kraft dieses Gesetzes hat die Polizei in der ersten Woche nach der Publikation mehr als 400 Personen aus Wien und Florisdorf ausgewiesen. Die Ausgewiesenen waren meistens höchst unschuldige Menschen, Mitglieder oder Vorstandsmitglieder von Gewerkschaften. Natürlich mußte dies Gesetz die junge Arbeiterbewegung ersticken, und hat dies auch wirklich gethan. Aber, sonderbar genug! Die österreichische Regierung ist gleich unfähig, bei einem Werke der Gerechtigkeit consequent zu sein wie bei einem Werke der Unterdrückung; sie schwankt beständig hin und her, – wir haben den Despotismus gemildert durch Schlamperei (Große Heiterkeit). Die junge Bewegung benutzte die letztere, um wieder aufzuathmen und sich besser zu befestigen. Betonen wir es, daß sich in der Arbeiter-Partei tiefgehende Meinungs-Verschiedenheiten gezeigt haben, besonders in Betreff der Frage: „Sollen die mit dem direkten allgemeinen Stimmrecht bewaffneten Arbeiter sich als politische Partei constituiren oder nicht?“ Reine Prinzipienfrage! Die Arbeiter in Oesterreich haben kein Stimmrecht und werden es auch so bald nicht haben. Gleichwohl theilte diese Frage die Arbeiterpartei in zwei Bruchstücke, von denen das Eine aus sog. radikaleren, das Andere aus sog. gemäßigteren Elementen bestand. Die Einigung kam erst zu Stande, als gewisse bis dahin einflußreich gewesene Persönlichkeiten verschwunden waren. Die Bewegung hatte aber noch mit einer anderen Schwierigkeit zu kämpfen, mit dem Gesetz über die Colportage, kraft dessen jeder Mensch, der sein Journal vertheilt hat, wegen Vergehens gegen das Preßgesetz unter Anklage gestellt werden kann. (Sensation.) Eine dritte Schwierigkeit endlich entspringt nur zu häufig aus dem Nationalitäten-Gegensatz. Obgleich die Proletarier verschiedener Nationalität im Allgemeinen einen ernsten Geist der Eintracht bewähren, und mit einander aufrichtig sympathisiren, so werden doch die Schwierigkeiten der Propaganda durch die Unterschiede der Sprachen sehr erheblich gesteigert. Fugen wir dem allen hinzu, daß der Stand der Volksbildung ein sehr niedriger ist und keine steigende Tendenz besitzt. Seit Ferdinand dem Katholischen hat man in diesem Lande mit Feuer und Schwert gegen den Volks-Unterricht gewüthet. Oesterreich ist nicht nur ein katholisches Land, es ist zugleich auch ein zurückgebliebenes Land.
Trotz all dieser Schwierigkeiten, besteht in den Landestheilen, wo die Industrie Wurzel geschlagen hat, eine Socialistenpartei, vor welcher die Bourgeoisie sich fürchtet.
Eine beachtenswerthe Thatsache ist es, daß in Oesterreich, im Gegensatz zu dem, was die anderen Länder erleben, noch ein letzter Ueberrest der alten feudalen Welt in einer Partei fortexistirt, die bis aus die gegenwärtige Stunde eine ausschlaggebende Rolle im öffentlichen Leben spielt. Obwohl diese feudale Gesellschaft unter dem Druck der neuen ökonomischen Aera nicht umhin kann ihr Wesen umzuwandeln, hat sie nichtsdestoweniger doch Interessen, die denen der jungen Bourgeoisie entgegengesetzt sind. Dem entsprechend sucht man bald von dieser, bald von jener Seite die Arbeiter für sich zu gewinnen, die Bourgeoisie in der Gestalt eines im höchsten Grade heuchlerischen politischen Liberalismus, der feudale Adel mittelst einer Arbeiter-Gesetzgebung.
So besitzt denn Oesterreich eine Arbeiter-Gesetzgebung welche – abgesehen von England und der Schweiz – die beste von ganz Europa sein würde, wenn sie nicht fast nur auf dem Papier existirte! In Oesterreich besteht der Normalarbeitstag von 11 Stunden, die Nachtarbeit der Frauen und Kinder ist verboten u. s. w. u. s. w. Ebenso herrscht absolute Preßfreiheit. Aber sieh da, das Gesetz läßt Ausnahmen zu, die Behörden ordnen Ausnahmen an, und ihre Bestimmungen können sicher sein, stets die Bestätigung vom Ministerium zu erhalten. Wir wollen indessen anerkennen, daß trotz dieser „gesetzlichen Ungesetzlichkeiten“ das Arbeitergesetz die Lage der Arbeiter der großen Industrie verbessert hat. Es hat die Aufmerksamkeit des Proletariats auf die Situation, in der es sich befindet, hingelenkt und dadurch dazu beigetragen das Gewissen der Arbeiter zu wecken. Ferner, die Fabrikinspektion, wie unvollkommen sie auch immer sein mag, ist doch bei weitem nicht so schlecht organisirt wie in Deutschland. Um die Inspektionwahrhaft wirksam zu machen, müßte man übrigens damit anfangen, die Zahl der Inspektoren zu vermehren. Die Bourgeoisie verweigert die Mittel für die Anstellung neuer Inspektoren unter dem Vorwande, daß der Militarismus das Geld der Steuerzahler verzehre. Gegenwärtig haben wir nur 15 Inspektoren. Mehr noch, die Regierung hat sich geweigert, den Inspektoren einen anspruchslosen, aus der Arbeiterklasse hervorgegangenen Mann als Gehilfen beizugeben, was doch überall als nützlich anerkannt ist.
Trotz dieser Mängel hat das Gesetz, sagen wir es nochmals, den Erfolg gehabt, die öffentliche Aufmerksamkeit auf vorher gänzlich ignorirte Zustände hinzulenken.
Was denken denn nun die österreichischen Socialisten über eine Arbeitergesetzgebung? Das Ziel, aus dessen Erreichung es vor Allem ankommt, heißt: Hebung des physischen, intellektuellen und moralischen Zustandes des Proletariats. Eine Arbeitergesetzgebung ist bei Weitem nicht dazu befähigt, für sich allein die Aufgabe zu lösen, welche die Arbeiter-Bewegung zu bewältigen hat; aber sie ist ein Mittel, ohne dessen Anwendung das Proletariat sein schließliches Ziel nicht wird erreichen können.
In der letzten Stunde, wenn nun die kapitalistische Gesellschafts-Ordnung zusammenbricht – und sie wird ganz von selbst zusammenbrechen, ohne daß, sozusagen, man dabei nachzuhelfen brauchte – dann wird das Schicksal des Proletariats sich entscheiden nach dem Grade geistiger Entwicklung, den es erreicht haben wird. Wir besitzen weniger Einfluß auf das Eintreten dieses Moments, als wir selbst anzunehmen pflegen, – weit weniger, als unsere Feinde argwöhnen. Aber Eins liegt in unserer Macht: uns für diesen Augenblick vorzubereiten. Von dieser Vorbereitung hängt die Zukunft ab. Wird sie Sklaven finden, welche ihre Ketten brechen, oder Männer, welche entschlossen sind, frei zu werdens? Bereit sein – das ist Alles. Das ist der Grund, weshalb wir überall eine Arbeiterschutz-Gesetzgebung verlangen, welche unerläßlich ist für eine gute sociale Hygiene. (Anhaltender Beifall.)
Bürger Adler macht noch die Mittheilung, daß die österreichische Partei ausschließlich auf diesem Congreß vertreten ist. Die sogenannte „Föderation von Ober-Oesterreich und Salzburg“, die auf dem Possibilisten-Congreß vertreten ist, hat das einzige Unglück, überhaupt nicht zu existiren.
Nach dieser Mittheilung tritt der Congreß in eine ziemlich lange Diskussion ein über die Frage, ob es nöthig ist, die Vorlesung der Berichte fortzusetzen oder nicht.
Die belgischen Abgeordneten, unterstützt von dem amerikanischen Delegirten Bush schlagen vor, jedem Redner nur 15 Minuten für Verlesung seines Berichtes einzuräumen.
Der Bürger Lafargue meint, daß man die Vorlesung der Berichte fallen lassen solle, die ja so wie so sämmtlich veröffentlicht würden, und daß man in die Diskussion über die auf der Tagesordnung stehenden Fragen eintreten möge.
Der englische Delegirte Kitz hält es für alle Fälle nützlich, die Delegirten der Bergarbeiter zu hören.
Bürger Dubucq schlägt vor, daß jedem Berichterstatter 10 Minuten zugestanden werden; zu gleicher Zeit möchte eine Commission von 30 Mann gewählt werden mit dem Auftrage, die sämmtlichen Einzelberichte in einen einzigen Generalbericht zusammenzufassen.
Die deutschen Delegirten erklären sich für Entgegennahme der Berichte, und Bürger Wedde bekämpft den Vorschlag Lafargue’s. Der Congreß hat nicht nur den Zweck, die Frage einer Arbeitergesetzgebung zu studiren, eine Frage, in der übrigens alle socialistischen Parteien im Prinzip einig sind; – er hat in gleicher Weise zum Gegenstand, eine innigere Verbindung zwischen den Proletariern der verschiedenen Nationen zu besprechen. Und zu diesem Zwecke trägt die Verlesung der Berichte wesentlich bei. Gemäß diesem Zwecke wird es nöthig sein, nachdem man die Berichte der sogenannten großen Nationen gehört hat, in gleicher Weise die der kleineren Nationen anzuhören. Im entgegengesetzten Falle würde der Congress sich gegen den Geist der Brüderlichkeit und Gerechtigkeit versündigen.
Die Bürger Lafargue und Dubucq ziehen ihren Antrag zurück und der Congreß beschließt einstimmig die Verlesung der Berichte, doch so, daß nach Vorschlag des Bürgers Cesar de Paepe jedem Berichterstatter nur 10 Minuten bewilligt werden. Desgleichen nimmt der Congreß den Vorschlag des Bureau’s an, daß dieses mit der Ausarbeitung definitiver Resolutionen betraut wird, betreffs deren jeder Delegirte eingeladen ist, das Bureau zu unterstützen, indem er Resolutionen oder Beobachtungen, die sich auf die Fragen der Tagesordnung beziehen, demselben unterbreitet.
Bürger Volders, der Delegirte der socialistischen Arbeiterpartei Belgiens, hat das Wort zum Bericht über die socialistische Bewegung in Belgien.
Die belgische Bourgeoisie ist die schlimmste von allen, weil sie die allergrößte politische Gewalt in ihrer Hand hat. Sie allein hat das Stimmrecht. Ebenso behält sie nicht nur den Grund und Boden und alle Produktionsmittel für sich vor, sondern auch die ganze Staatsgewalt. Vor Kurzem hat sie nun einen Nachtrag ins Wahlgesetz eingefügt, welcher einer Handvoll von Werkmeistern und Kleinkrämern gestattet, in die Municipalräthe einzutreten. Zudem wird hierfür ein Befähigungs Examen verlangt. Die socialistische Partei hat also in diesem Lande unaufhörlich mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, die nothwendiger Weise ihren Einfluß ausüben auf die Taktik, welche ihre Mitglieder einschlagen müssen.
Eine Arbeitergesetzgebung gibt es nicht in Belgien. Die Art und Weise, in welcher diese wichtige Frage letzthin auf die Tagesordnung gesetzt wurde, zeigt den bösen Willen der Bourgeoisie.
Der Volksunterricht steht tief unter den bescheidensten Anforderungen.
Außerdem wird die politische Lage des Landes noch komplizirter gemacht durch die wirthschaftliche. Belgien ist das Land der Großindustrie par excellence und zwar einer internationalen Industrie, die für den Weltmarkt producirt. Die Bourgeoisie benutzt die ihr vom Ausland her gemachte Concurrenz und schmiedet eine Waffe gegen das Proletariat daraus; sie säet Haß zwischen den belgischen und fremden Arbeitern, und allein die Socialisten bekämpfen diesen Chauvinismus.
Die socialistische Bewegung ist in Belgien verhältnißmäßig jung. Vor 5 oder 6 Jahren fand man nur in den Industriecentren organisirte socialistische Sektionen. Gent allein hatte einen festgeschlossenen Generalstaab (état-major) überzeugter Socialisten, unter ihnen viele Deutsche. Sie waren es, die 1885 versuchten, auf dem Boden eines socialistischen Programms alle corporativen Organisationen, alle politischen und socialistischen Studienclubs, alle Consum- und Produktivgenossenschaften, Gegenseitigkeitskassen u .s. w. zu vereinigen. Dann wurde auf einer wirklich socialistischen Grundlage die belgische Arbeiterpartei, eine der bestorganisirten von ganz Europa, begründet. Die deutschen, socialistischen Arbeiter haben ganz besonders beigetragen zum Zusammenschluß und zwar so eifrig, daß die Anstrengungen einiger Jahre den Erfolg hatten, die Bewegung in regelrechten Fluß zu bringen. Die bei den großen Corporativ-Genossenschaften, die zur Partei gehören und über welche Anseele einen Specialbericht erstatten wird, arbeiten durchaus in socialistischen Geiste. Die Gründung von solchen Corporativ-Genossenschaften hat die öffentliche Meinung gewaltig beeinflußt und zwar zu Gunsten der Bewegung. Ganze Ortschaften gehören zur Partei, obschon die Mehrzahl dieser neuen Mitglieder zunächst über sociale Fragen noch vollständig unaufgeklärt war. In den Städten und Industriecentren konnte man in kurzer Zeit gegen 100 politische Vereine zählen, Socialisten wurden in Municipal- und Provincialräthe gewählt. Aber der erste Enthusiasmus für die neue Partei verlosch sehr bald wieder wie ein Strohfeuer. Wir müssen zugestehen, daß man in Belgien unmöglich allein auf die politische Gruppenbildung rechnen kann. Beim geringsten Sturm zerstreuen sich diese Gruppen, die keine andere Grundlage haben, wie beispielsweise die politische Liga des Hennegaus beweist, die keinen Bestand hatte. Dagegen dauern die durch gemeinschaftliches wirthschaftliches Interesse verbundenen Organisationen aus. So die Fachvereine, welche die Aufrechterhaltung bestimmter Tarife und Erhöhung der Löhne zum Zwecke haben, so auch die Corporativ-Genossenschaften, welche eine feste Basis für die Einigung der Organisationen und der Mitglieder bilden. Sie aufzulösen ist schwieriger, weil ihre Mitglieder vereinigt bleiben zur Erhaltung des gemeinschaftlichen Besitzes, welcher andererseits eine werthvolle Geldquelle abgibt; von den Gewinnen wird ein bedeutender Procentsatz vornweg genommen für die socialistische Propaganda, für Zeitungsgründungen u. s. w. Die Taktik der belgischen Partei ist durch ihre ganze Stellung charakterisirt. Sie erklärt es auch, daß die belgischen Delegirten darauf drangen, zu versuchen, die beiden Congresse zu verschmelzen. Die Lage ihres Landes hat den Socialisten das System der Concessionen auferlegt, für den Fall, daß das höhere Interesse des Proletariars solche erheischt. Die belgische Partei würde nicht einen Tag länger existiren, falls man ihr ein starkes, exclusives Programm zur Pflicht machen wollte. Schon der Unterschied zwischen Wallonen und Flamländern erheischt eine tolerante Taktik und ein weitgefaßtes Programm.
So ist die belgische Partei, obgleich streng in Sachen des Prinzips, doch geneigt, mit sich reden zu lassen, wenn es sich nur um Fragen der Taktik handelt; dem Arbeiter gegenüber ist sie tolerant, gegen die Bourgeoisie aber liegt sie im Felde und verwirft alle Transactionen.
Könnten sich doch alle Genossen anderer Länder, deren Lage der unseren analog ist, für unsere Grundsätze begeistern, die ja nur darauf abzielen, den Sieg im offenen Kampf für die Emancipation des internationalen Proletariats herbeizuführen.
Alles das, was die deutsche Socialdemokratie betreffs der Arbeitergesetze fordert, das fordern in gleicher Weise auch wir. (Beifall.) –
Hybès, der böhmische Delegirte, nimmt das Wort zur Berichterstattung über die tschechische Bewegung. Er will deutsche, nicht tschechisch, reden, um dem Congreß den Zeitverlust zu ersparen, den eine weitere Uebersetzung zur Folge haben würde.
Böhmen ist zum ersten Male auf einem internationalen Congreß des Proletariats vertreten. Böhmen ist ein im Hintertreffen gebliessenes Land, indem es seit der Reformation kein selbstständiges Dasein führt. Unter dem Vorwand der Germanisirung und Katholisirung seiner Bewohnerschaft hat man alle und jede Freiheit erstickt, alle nationalen Rechte unterdrückt. Diese Lage wurde vom Feudalismus geschaffen, welcher, unter dem Vorwand der patriotischen Sache zu dienen, in Wirklichkeit nur seiner eigenen Sache und sich selbst gedient hat.
Trotzdem hat der Socialismus siegreich seinen Einzug in Böhmen gehalten; er hat dies erreicht zugleich mit den industriellen Fortschritten, die ein zahlreiches, allem Elend ausgsetzes Proletariat geschaffen haben. Die aus der Fremde nach Böhmen gebrachten socialistischen Lehren, meist auf dem Wege der Uebersetzung dargeboten, fanden unter dem tschechischen Proletariat Verbreitung. Die Frage der Sprache war ein Hinderniß für die Propaganda, die unerbittliche Verfolgung war ein zweites. Trotz so vieler Hindernisse, die sich einer Organisationsbildung entgegenstemmten, haben die Arbeiter ausschließlich die Initiative und die Organisationsarbeit sich selbst zu verdanken. Im Gegensatz zu dem, was man in anderen Ländern sah, ist kein Mann der schulmäßig gebildeten Classe zum Proletariat gekommen, um ihm bei seinen Ansstrengungen für seine Emanzipation den Weg zu zeigen, der zu verfolgen war. Ingleichen hat niemals ein tschechischer Advokat seine Hand gereicht, um einen socialistischen Prozeß als Vertheidiger zu führen.
Der Berichterstatter weiß aus eigenster Erfahrung, mit welcher Erbitterung die Regierung und die Polizei die Socialisten verfolgen. Er ward selbst verfolgt, eingekertert, und angeklagt, Mitglied des „General-Rathes“ zu sein und überall „anarchistische“ Gruppen begründet zu haben, und endlich verurtheilt, wiewohl der Staatsanwalt nichts gegen ihn vorbringen konnte, als seine Mitarbeiterschaft bei zwei ausländischen Zeitungen, einer in New-York, der „Freiheit“ Johann Most‘s, und bei einem zweiten anarchistischen Organ in Chicago, welches außerdem schon seit Jahresfrist eingegangen war. Während der Instruktion des Prozesses waren 90 Verhandlungstermine abgehalten und aus allen Theilen des Königreiches des heiligen Wenzel Zeugen herbeigeholt worden. Viele andere Socialisten hatten dasselbe Schicksal. In Böhmen wird die Vertheilung einer Zeitung sofort mit Gefängniß oder Geldstrafe geahndet; die Untersuchung bei Delikten, auf denen höchstens 2, 3 Tage Haftstrase steht, dauert oft Monate lang. Die Verhafteten werden in Ketten gefessert an das Landesgericht zu Prag eingeliefert. Obgleich man glaubt, daß die Post frei und unabhängig zu arbeiten und vor Allem das Briefgeheimniß zu wahren hat, wird unfehlbar sofort nach wenigen Stunden bei einer Person, an die eine ausländische Zeitung gesendet worden ist, Haussuchung gehalten. Jedermann, der angellagt wird, Mitglied eines Geheimbundes zu sein, wird zu 2 oder 3 Monaten Gefänaniß verurtheilt, die sogenannten „Rädelsführer“ dieser Organisationen zu einem Jahr. Als ein solcher „Rädelsführer“ gilt in den Augen der Polizei jeder Arbeiter, der etwas intelligenter und mehr unterrichtet ist als seine Kameraden.
Um eine Vorstellung von der Willkühr und Härte der Polizei zu geben genügt eine Thatsache: von 340 wegen Socialismus von einem einzigen Staatsanwalt angeklagten Personen wurden nur 110 freigesprochen! In der letzten Zeit ist nicht ein einziger Verein genehmigt worden, zu dem sich tschechisches Arbeiter organisirt hatten. Die Polizei organisirt ein System der Ginschüchterung, wodurch sie manche Arbeiter daran hindert, in die Bewegung einzutreten.
Indessen hat der Socialismus trotz allen Demmnissen in Böhmen tiefe Wurzeln geschlagen, so daß er unmöglich heutzutage ausgerottet werden kann. Wiewohl noch ein intellectueller Stützpunkt fehit, der unentbehrlich ist, entwickelt sich doch die Bewegung, und wir zweifeln nicht daran, daß sie eines Tages siegen wird. (Lebhafter Beifall.) –
Nachdem die Ruhe wieder hergestellt ist, nimmt Keir Hardie, der Vertreter von 56,000 organisirten schottischen Bergleuten, das Wort zu seinem Bericht, mit dem er von den Vertretern der parlamentarischen socialistischen Arbeiterpartei Großbritanniens beauftragt worden ist.
Die Auftraggeber erkennen den Gegensatz der Klassen an und erstreben die Beseitigung des Kapitalismus und die Besitzergreifung aller Arbeitsmittel durch die Gesellschaft; der volle Arbeitsertrag muß den Arbeitern zu Theil werden. Sie meinen, daß dies Ziel erreicht wird, wenn man dazu gelangt, eine Reihe von Gesetzen zu erlassen, die eine ernsthafte Arbeitergesetzgebung darstellen. Um dazu zu gelangen, organisiren sie sich hauptsächlich auf politischem Gebiet; daher arbeiten sie darauf hin, ihren Leuten den Eintritt in’s Parlament und in die Lokalverwaltungen zu ermöglichen. Sie betteln nicht um Gesetze, wie um eine Gunst, um eine Gnade, welche von einer höheren Klasse einer niedriger stehenden erwiesen wird, – nein, sie fordern, das das Parlament, das Geschöpf und der Diener des Volkes, Gesetze gibt, die dem Willen und den Bedürfnissen des Volkes entsprechen.
Die von Keir Hardie vertretene Organisation stellt eine besondere Partei dar, welche das Wohl der Arbeiter anstrebt. Vor einigen Monaten warfen die Arbeitsgenossen von New-Castle 45,000 Stimmzettel für die Candidaten der Partei in die Urnen, drei wurden in den Schulrath gewählt. Man hat lange Zeit als ein feststehender Credo immer wiederholt, daß der Arbeiter in Wales und in Großbritannien nur 9 Stunden taglich arbeite. Nichts ist falscher als das! Wahr ist, daß hie und da, z. B. für Fabriken, das Gesetz es vorschreibt. Die festgesetzte Arbeitszeit beträgt da wöchentlich 56 Stunden; in gleicher Weise besteht ein aus 9 Stunden bezifferter Arbeitstag für die Handwerker der großen Städte. Indessen dauert bei jeder sich darbietenden Gelegenheit in der Zeit der Prosperität einer Industrie der Arbeitstag oft 12 Stunden und selbst 14 Stunden! Dazu bemerken wir, daß unter den besseren unserer Arbeiter sich eine mächtige Strömung zu Gunsten eines achtstündigen Arbeitstages geltend macht, der gesetzlich vorgeschrieben ist und den zu überschreiten durchaus verboten werden soll. Aber das ist noch lange nicht erreicht. Ebenso arbeiten die Beamten und Arbeiter der Straßenbahnen und der Eisenbahnen täglich 12 bis 18 Stunden! Die Arbeiter der großen, un-unterbrochenen Betriebe haben einen Arbeitstag von 12 Stunden und arbeiten alle 7 Tage der Woche!
Was die Löhne anbelangt, so sind sie keineswegs glänzend. In den ländlichen Bezirken belaufen sie sich auf 12–15 Schilling (12 Mk. 24 Pfg. bis 15 Mk. 30 Pfg.) wöchentlich. Die nicht qualifizirten Arbeiter (Handarbeiter), die bei den öffentlichen Arbeiten beschäftigt sind, verdienen wöchentlich 12 Schilling (12 Mk. 24 Pfg.); die Berg- und Eisenarbeiter bis zu 22 Schilling (22 Mk. 44 Pfg.) in den großen Städten; die qualifizirten Arbeiter erhalten bei einen auf 9 Stunden normirten Arbeitstag 20–35 Schilling (20 Mk. 40 Pfg. bis 35 Mk. 70 Pfg.) wöchentlich.
Bemerken wollen wir beiläufig, daß die offiziellen Statistiker den in Großbritannien geschaffenen Reichthum in Bausch und Bogen auf 1.200.000.000 Pfd. Sterling berechnen (= 1.324 Millionen Mark). Von dieser runden Summe erhalten die Arbeiter nicht einmal den dritten Theil; 800 Millionen Pfd. Sterling und mehr fließen in die Taschen der Nichtsthuenden oder halben Nichtsthuer.
Unter den 10 Millionen Arbeiter Großbritannien’s sind 1 Million Mitglieder von Trades-Unions (Gewerkschaften). Die Trades-Unions umfassen meist qualifizirte Arbeiter, die sich sehr wenig um die außerhalb ihrer Organisationen stehenden Arbeiter kümmern. Die nicht qualifizirten Arbeiter haben so zu sagen gar keine Organisationen.
Jedes Jahr wird ein Congreß der Trades-Unions abgehalten, der den Zweck hat, eine Arbeitergesetzgebung zu diskutiren; aber die meisten Führer sind von vornherein überzeugt, daß das Parlament nicht im Stande ist, – und selbst wenn es dies wäre, nicht gewillt ist –, die ökonomische Lage der Arbeiter zu verbessern. Die Beschlüsse dieser Congresse sind also ganz ohne irgend welchen Einfluß. Nach Anschauung der Trades-Unions müssen die Arbeiter Hand anlegen bei der Regelung der Arbeitszeit und der Lohnhöhe, ohne irgend welche Hilfe vom Parlament zu erwarten. Die Erfahrung hat die Unhaltbarkeit dieses Prinzips dargethan; und ist nicht in der That bei dem gegenwärtigen Wirthschaftssystem der Arbeitgeber absoluter Herr auf dem ökonomischen wie auf dem politischen Gebiet? Innerhalb der Trades-Unions macht sich also eine starke Strömung geltend für Fixirung der Arbeitszeit durch das Gesetz. Noch im Laufe dieses Jahres werden die Trades-Unionisten ihre Stimme für oder wider ein Gesetz, das den Arbeitstag auf 8 Stunden festsetzt, abzugeben haben. Ihre Häupter widersetzen sich freilich jeder von der socialistischen Idee hervorgerufenen Entscheidung; aber im Gegensatz zu der allgemeinen Auffassung gewinnt die socialistische Idee immer mehr und mehr Boden. Für diese ist der Trades-Unionismus seinem Ende nahe, und es gibt Besseres zu thun. Sie erkennt indessen an, daß er sich kräftig erhalten würde, wenn er sich entschlösse, socialistisch und politisch zu werden; wenn nicht, so wird er bald nichts weiter sein, als eine simple Hilfsgenossenschaft. Gewiß haben die Trades-Unions einige gute Dienste geleistet. Sie werden der Verbindungsstrich zwischen Vergangenheit und Zukunft gewesen sein, aber es kommen bestimmte Zeitpunkte, wo die besten Einrichtungen nothwendigerweise eine Umgestaltung erfahren müssen. Das ist eine Lebensfrage für sie. Wir wiederholen also, wenn die Trades-Unions den Schritt zum Socialismus nicht thun, so sprechen sie sich selbst ihr Urtheil.
Trotz alledem, was sie in England versucht haben, bei dem schauderhasten Elend werden die „Paupers“ (hülflos Verarmten), jetzt eine Million zählend, in einigen Jahren auf mehrere Millionen angewachsen sein, wenn man nicht endlich erwacht und sich aufrafft. Von sieben gestorbenen Personen zählt man eine, die in der gemeinsamen Grube beerdigt wird. Und „Großbritannien ist das reichste Land der Welt“, sagt man!
Seit einigen Jahren leiden die Arbeiter viel durch die Concurrenz fremder Arbeiter, welche nach England gekommen sind und nun dazu beitragen, die Lohnsätze herabzudrücken. So wurden sonst die Eisenwerksarbeiter der Grafschaft Ayrshire mit 17 Schilling (17 Mk. 34 Pfg.) wöchentlich bezahlt. Jetzt auf einmal stellt der Eigenthümer durch Vermittelung des russischen Consuls in Glasgow Polen an, die er nur mit 12 Schillingen wöchentlich bezahlt. Natürlich setzte er den Lohn der übrigen Arbeiter aus denselben Betrag herab, indem er die Widerstrebenden bedrohte, sie durch weitere Polen zu ersetzen, die sofort zu kommen bereit seien. Ein ähnlicher Vorgang ereignete sich im Verlauf des letzten Streiks der Matrosen vor einigen Wochen. Die Eigenthümer ersetzten die Ausständigen durch so zu sagen überall aufgelesene Matrosen; die Ausständigen mußten sich unterwerfen.
Nur internationale Verständigungen der Arbeiter untereinander werden im Stande sein, den Kampf gegen diese Maßregel aufzunehmen, zu der die Kapitalisten immer mehr und mehr ihre Zuflucht nehmen. Daraus ergibt sich die Folge, daß, während die Kapitalisten Fremde herbeirufen, die englischen Arbeiter in großer Zahl arbeitslos sind. So wurden vor 18 Monaten anderthalb Millionen Arbeitslose auf das Pflaster geworfen und trotz eines entschiedenen Aufschwungs der Geschäfte, waren die englischen Arbeiter zu Hundertausenden arbeitslos. Der Normalarbeitstag von 8 Stunden würde den segensreichen Erfolg haben, aller Welt Arbeit zu schaffen. Wenn man dagegen dies nicht erreicht, so wird die Regierung in einigen Jahren, wenn dieser Periode einer verhältnißmäßigen Prosperität eine Periode der Krisis folgt, vor der Alternative stehen, 1,500,000 Arbeiter, die sammt ihren Weibern und Kindern vor Hunger sterben, zu füsiliren oder ihnen Arbeit zu schaffen. Das wirksamste Mittel, diesen Uebelstand zu heilen, besteht darin, gesetzlich einen Arbeitstag von 8 Stunden anzuordnen. In keinem Lande des Continents ist die Ueberarbeit größer und die unterwerthige Bezahlung niedriger als in Großbritanien.
Die Sachlage erheischt aber gebieterisch Abhilfe. Aber wir Engländer sind eben eine nordische, praktische und kaltblütige Nation! Wir erwarten den Fortschritt von etwas Greifbarerem und Vernünstigerem als bloße Worte es sind oder eine blutige Revolution, die, wenn sie morgen begonnen würde, kaum etwas Gutes herbeiführen könnte.
Die Vorlegung eines Gesetzes zu Gunsten des Achtstundentages würde mehr als alle Revolutionen bewirken, das heißt, sie würde selbst eine solche sein, und zwar die allerwirksamste. Cunninghame Graham, Mitglied des Parlaments, hat sich in dem Streit um diese Frage ganz besonders ausgezeichnet. Sein Erfolg ist so groß gewesen, daß Politiker und sogar Indifferente ihm gefolgt sind. Die Frage des Achtstundentages wird zu den stehenden Gegenständen der Diskussion auf der Tagesordnung der praktischen Politik hinzukommen, und der internationale Congreß wird nicht vorübergehen, ohne eine ernste Anregung zu einer Bewegung in diesem Sinne gegeben zu haben. Wir begrüßen brüderlich alle unsere Genossen, die aus allen Ländern herbeigekommen sind, welcher so oder so gefärbten Richtung sie angehören mögen! (Anhaltender Beifall.)
Seitens des Bürgers Kitz, eines englischen Delegirten, wird gegen die Aeußerung des Vorredners mit Bezug auf die „Revolution“ protestirt und versichert, daß es in England Leute gibt, welche an die nahe bevorstehende Revolution glauben.
Der dänische Delegirte Petersen hält in Bezug auf die von Keir Hardie vorgebrachten Thatsachen für nützlich, daran zu erinnern, daß dänische Seeleute, die dazu verführt worden waren, den englischen Ausständigen Concurrenz zu machen, ihre Verträge lösten, sowie sie durch die Syndicats-Kammer von Kopenhagen den Zweck erfahren hatten, zu dem sie angeworben worden waren.
Der Congress erkennt diesen Akt der Solidarität durch lebhafte Beifallsbezeugungen lobend an. –
Nach Erledigung dieses Zwischenfalls nimmt die Bürgerin Jankovska unter allgemeinen Beifallsrufen das Wort:
Ich will Euch weniger einen Bericht als eine einfache Erklärung im Auftrag des socialistischen Arbeitercomités von Warschau unterbreiten.
Ich könnte mich zum Echo der Klagen machen, welche unseren Proletariern das elende Loos entlockt, das ihnen bereitet wird; ich könnte die schmerzlichen Gefühle schildern, welche jede wahrhaft menschlich empfindende Seele beschleichen bei dem Anblick so großen Elends; ich ziehe vor, darauf zu verzichten, um Euch nicht die so kostbare Zeit zu rauben.
Ist außerdem dieses Elend nicht das Loos der Arbeiter aller Länder, die unter dem unerbittlichen Verhängniß des ehernen Lohngesetzes schmachten?
Ich erinnere nur daran, daß für uns Polen noch ein weiterer Umstand hinzukommt, welcher dieses allen gemeinsame Elend noch vergrößert, das ist das politische Joch eines Despotismus ohne Gleichen, das ist das Feudaljoch, unter dem wir so lange geseufzt haben, daß noch heute die Väter ihren Kindern von den Martern und Beschimpfungen erzählen können, deren Opfer sie selbst gewesen sind.
Wenn es ein Land gibt, das so recht eigentlich den Namen eines Jammerthales verdient, so ist es unser Polen.
Dieses Elend ist noch zur gegenwärtigen Stunde so groß, daß wir Angesichts der Resolutionen, die Ihr zu fassen im Begriffe seid in Gestalt von Forderungen, die ich friedfertige nenne, Euch nur auf dem Gebiet der Theorie folgen können.
Da wir weder Redefreiheit noch Vereinigungsrecht haben, wohl aber dagegen Arbeitseinstellungen und Arbeitervereine verboten sind, stellt unser Volk der Arbeit keine solchen Kämpferlegionen wie die Arbeiter der anderen Länder. Wir sind zu einer wesentlich anderen Art der Action genöthigt, die ganz und gar verschieden ist von Eueren großen, in voller Oeffentlichkeit wirkenden Organisationen, die zu großen Hoffnungen für die Zukunft berechtigen, wie Euere Arbeitersyndikate – gewerkschaftliche Organisationen – es sind.
Aber die Schwierigkeiten lassen uns nicht darauf verzichten; wir sind weit entfernt davon! Wir bereiten uns für die Zeit vor, wo wir den Kreis unserer Propaganda werden erweitern können; wir arbeiten aus eine umfangreiche Arbeiterpropaganda hin, welche nicht nur die Forderungen in’s Auge fassen wird, die unsere Freunde im Abendland bereits durchgesetzt haben, sondern auch die Wünsche, welche auf der Tagesordnung dieses Congresses stehen.
Wird unsere Bemühungen der Erfolg krönen? Die bereits erreichten Resultate sind eine Ermuthigung für uns. Vor zehn Jahren wußte man unter den polnischen Arbeitern kaum, was ein Streik war. Der Kampf zwischen Unternehmern und Arbeitern brach aus in Gestalt von Tumulten, gewaltthätigen Protesten, den Ausdrücken eines unüberlegten Zornes. Heute haben die Arbeiter von Warschau ihre Streiks, aus denen sie als Sieger hervorgehen. Selbst die Niederlage lähmt ihre Thatkraft nicht.
Die unzufriedenen Fabrikarbeiter suchen die Socialisten auf und unterrichten sich bei ihnen über die Mittel des Kampfes; wenn die Schlacht beginnt, eilen die Arbeitergenossen den Kämpfern zu Hilfe und unterhalten sie mit ihrem Geld. Ein neuerlicher Streik entfachte eine solche Begeisterung, daß die Streikenden von einer Menge von Arbeitern umringt und gleich Helden gefeiert wurden. Man führte sie in ein Miethshaus, ließ sie speisen und die Arbeiter nahmen es als ein Ehrenamt in Anspruch, sie zu bedienen. Diese Thatsachen sind charakteristisch. Diese Gefühle der Brüderlichkeit und Solidarität, von denen sie Zeugniß ablegen, werden nicht ermangeln, ihre Früchte zu tragen.
Da die Zeit mir nicht erlaubt hat, einen vollständigen Ueberblick der polnischen Bewegung vorzubereiten, begnüge ich mich festzustellen, daß Polen, wenn es auch noch keine Organisation hat, die mit den Eueren rivalisiren kann, im Geiste einträchtig mit allen den hier Vereinigten, dieselbe Straße marschirt; dabei stütze ich mich einerseits aus die erzielten Resultate und andererseits aus den gänzlichen moralischen Bankrott unserer Bourgeois- und nationalen Parteien.
Wenn wir so spät dazugekommen sind, uns in die socialistische Armee einzureihen, so haben wir es doch nichts destoweniger glücklich erreicht, eine um so solidere revolutionäre Armee zu bilden. Wenn wir dagegen nur eine wenig zahlreiche Armee zusammenbringen können, werdet Ihr uns doch überall und stets an Eurer Seite finden, wo und wann immer für die Sache des arbeitenden Volkes gekämpft wird; und wir werden glücklich sein, alles zu thun, was in unseren Kräften steht, um den Sieg des europäischen Proletariats herbeizuführen; und wir sind versichert, daß die siegreichen Legionen des Westens nicht säumen werden, die Ketten ihrer slavischen Brüder zu brechen, die, wenn dies möglich ist, noch mehr leiden, wie jene selbst.
Indem wir die Solidarität bestätigen, welche das Proletariat des Abendlandes vereinigt, wollen wir zu gleicher Zeit ganz besonders die Solidarität bestätigen, welche uns mit unseren Genossen, den russischen und den deutschen Socialisten, unseren natürlichen und nächsten Verbündeten, vereinigt. (Lebhafte, anhaltende Beifallsrufe.)
Die Sitzung wird auf anderthalb Stunden vertagt.
Donnerstag, den 18. Juli. Nachmittags-Sitzung
Den Vorsitz führt Bürger Leo Frankl. Dieser ertheilt dem Bürger Brandt zur Berichterstattung über die Frage: „Die Arbeiterbewegungs in der Schweiz“, das Wort:
Das gesammte schweizerische Proletariat, das sehr erfreut ist, aufs der Tagesordnung dieses Congresses die Frage einer internationalen Arbeiterschutzgesetzgebung zu sehen, eine Frage, die von der Schweiz officiell angeregt worden ist, hat hier vertreten sein wollen. Der Grütliverein – eine politische, sociale und demokratische Vereinigung, die ungefähr 15,000 Mitglieder zählt, der Gewerkschaftsbund, eine Verbindung von Fachvereinen, die 7000 Anhänger hat, die socialdemokratische Partei, die im Jahre 1887 gegründet ist, um den Versuch zu machen, eine nationale Socialistenpartei der Schweiz in’s Leben zu rufen, sie alle drei sind auf diesem Congresse vertreten. Sie haben die Verpflichtung gefühlt, demselben beizuwohnen nicht allein zum Nutzen der Sache, die sie im Herzen tragen, sondern auch weil sie nicht abseits bleiben wollen in dieser ernsten Stunde, wo die Arbeiter aller Länder sich die Hand reichen, um schneller ihre gemeinsamen Interessen zum Siege zu führen. Als Nation wie als Partei machen wir eine kritische Zeit durch. Als Nation, weil Deutschland, unser mächtiger Nachbar, uns das Leben sauer macht, als Partei, weil diese Verwicklungen uns auch im Innern Schwierigkeiten bereiten. Wie auf ganz Europa, so übt auch auf unser schweizerisches Land das System Bismarck seinen verhängnißvollen Einfluß aus. Das Beispiel Bismarck’s hat sicherlich unsere sociale Reform beschleunigt; und andererseits ahmen unter dem Einfluß der Macht, die er gegen uns angewandt hat, unsere furchtsamen Behörden, unterstützt durch die Bourgeoisie, seine Polizeiwirthschaft nach. Unser Bundesrath legt bezüglich dieses letzteren Punktes Beweise eines ganz besonderen Eifers ab.
Fremdenausweisungen, Haussuchungen, Verhöre sind an der Tagesordnung, ohne daß das Schweizer Bürgerrecht gegen Willkür Schutz verliehe. Man hat ebenso bei dem Schweizer Bürger Conzett Haussuchung gehalten wie bei den deutschen Flüchtlingen in Basel; man hat einen Redakteur des „Grütlianer“ ebenso einem Kreuzverhör unterworfen, wie politisch anrüchige Fremde.
So bedrücken schwere Einflüsse von außen wie von innen den freien demokratischen Geist und verkünden uns für die Zukunft immer erbittertere Kämpfe. Eine charakteristische Thatsache möge hervorgehoben werden. In der Schweiz streben wir nach einer Trennung der Geister, einer Trennung, die bis auf die Gegenwart sich in unseren Sitten nicht gezeigt hatte und die unsere Geschichte nicht vorhersehen ließ, die aber dadurch, daß sie sich überall vollzieht, der Arbeiterklasse die Verpflichtung auflegt, auf sich allein zu rechnen. Die Schweiz bildet keine Ausnahme in dem Entwicklungsprozeß der kapitalistischen Form des Eigenthums und der Produktion, eine Entwicklung, welche bei uns, wie überall sonst, die socialen Gegensätze immer schärfer zuspitzt. Mehr und mehr trennt sich in der That die Gesellschaft in zwei Lager: auf der einen Seite Kapitalisten, auf der anderen Proletarier. Je mehr daher der Kapitalismus zunimmt, je mehr er alle Machtmittel zu seinem Vertheil allein aufsaugt, um so ernster drängt sich der Arbeiterklasse die Pflicht aus, sich zur Vertheidigung wie zum Angriff zusammenzuschaaren, um festen Sinnes die ihr gebührenden Rechte zurückzufordern.
Der Kapitalismus beutet nicht nur den Arbeiter, den Handwerker und Ackerbauer aus, er corrumpirt auch unsere Beherrscher, er untergräbt die Macht des Staates. Er ist der innere Feind, und ist es um so mehr, als er Macht und dadurch Einfluß besitzt. Langer Kämpfe wird es noch bedürfen, um ihn zur Machtlosigkeit zurückzuführen. Der Kapitalismus sucht Schritt für Schritt unseren Vormarsch aufzuhalten. Aber so mächtig auch die Plutokratie 7 ist, hindern kann sie ihn nicht; immer mehr steigert sich die Unzufriedenheit, bedingt durch die socialen Verhältnisse die sie selbst geschaffen hat; und mit dieser Unzufriedenheit steigt die Ueberzeugung, daß dieser Zustand nicht andauern kann. Und in der That spricht bei uns Jedermann von der Nothwendigkeit einer Social-Reform und unsere Bundesräthe selbst streiten sich um die Ehre, an dieser Reform mitzuhelfen. Es versteht sich von selbst, daß diese Social-Reform, eingehällt in eine Polizei-Uniform, für uns Socialisten ein seltsames und nicht gerade anziehendes Aussehen hat; aber andererseits erkennen wir gern an, daß der eigenössische Bundesrath von allen Regierungen zuerst dem socialen Problem näher getreten ist. Allein das, was er gethan hat, ist ungenügend. Es ist ferner wahr, daß man heutzutage in Gesellschaftskreisen, welche nicht empfänglich für den Socialismus und die Demokratie sind, unter Conservativen und Bourgeois Leute findet, welche mehr als eine oberflächliche, das Uebel nicht treffende Socialgesetzgebung Verlangen, welche sagen: „Man kann die kranke Gesellschaft nicht mehr durch Palliativ- und schwächliche Heilmittel heilen, – man kann die socialen Uebel nur dadurch aufheben, daß man ihre Wurzeln zerstört.“ Es hat sich unter Anderem auch in letzter Zeit eine Gesellschaft zur Reform des Grundbesitzes gebildet.
Zwar können wir die Kämpfe, welche wir voraussehen und welche kommen werden, bedauern, aber wir blicken ohne Furcht in die Zukunft. Die Prüfungen, welche uns erwarten, werden unsere Macht steigern und wir werden den endgiltigen Sieg über unsere Gegner erlangen. Die Arbeiterpartei hat im Laufe der letzten Jahre viel gewonnen an Klarheit, an Zielbewußtsein und an Entschlossenheit; ihr Einfluß und die Zahl ihrer Anhänger wachsen von Tag zu Tag, während die alten Parteien sich mehr und mehr auflösen. Die Zahl der Arbeiterblätter, theils politischen, theils gewerkschaftlichen Inhalts, die in drei Sprachen veröffentlicht werden, beträgt 15. Die Organisation der Arbeiter im eigentlichen Sinne des Wortes zählt, abgesehen von den schon erwähnten Vereinungen, die rührige Verbindung der Buchdrucker, den Bund der Maschinensticker, welche gegenwärtig sehr zahlreich sind, die Vereinigungen der Uhrmacher und die katholischen Arbeitergruppen.
Alle diese Organisationen sind inbegriffen in dem großen schweizerischen Arbeiterbund, der 100,000 Mitglieder zählt und in dem Arbeitersekretariat ein Organ besitzt, welches, wenngleich von neutralem Standpunkt in der Politik, nichtsdestoweniger eine werthvolle Unterstützung für den Schutz der Arbeiterklasse bildet. Diese Organisationen geben überdies, Dank der vor Kurzem gegründeten Reservekasse, einen starken Rückhalt in dem ökonomischen Kampfe ab. Zu den Fortschritten, welche unserem Land zum Heile und zur Ehre gereichen, verdient in erster Linie erwähnt zu werden das eidgenössische Fabrikgesetz. Dasselbe schreibt einen 11stündigen Normalarbeitstag vor, schränkt die Kinderarbeit ein, verbietet die Nachtarbeit, beschützt die Frauen und sichert die Sonntagsruhe.
Man kann nur bedauern, daß die Ausführung dieses Gesetzes der Ueberwachung der Kantone durch 3 Fabrikinspektoren anvertraut ist; letztere erfüllen, abgesehen von einer einzigen Ausnahme, voll ihre Pflicht. Das Gesetz, welches vielen anderen Staaten als Muster dienen könnte, hat gegenwärtig seine Probe bestanden. Die Erfahrungen, welche wir damit gemacht haben, waren zufriedenstellend, wenngleich die Bestimmungen des Gesetzes noch unzureichend sind; jedoch würde jetzt Niemand dasselbe wieder abschaffen wollen, und ein Angriff würde nur dazu dienen können, es zu erweitern und zu vervollständigen.
Ebenso ist es mit der Haftpflicht bei Unfällen. Begonnen haben wir mit der Haftpflicht bei dem Eisenbahnbetrieb, später haben wir sie eingeführt für Fabriken und noch später denken wir daran, sie auf andere Industrien auszudehnen. Dieser langsame aber sichere Vormarsch wird von der Klugheit eingegeben; er entspricht übrigens dem schweizerischen Volkscharakter, und der Erfolg spricht zu seinen Gunsten. Im übrigen werden wir, auch wenn wir uns als Anhänger dieses schrittweisen Vorgehens erklären, niemals unsere Endziele aus den Augen verlieren. Zugleich des Prinzips und der Ideale, denen wir nachstreben, bewußt, weisen wir die Concessionen, die man uns macht, nicht zurück, wir nehmen sie als Abschlagszahlungen an, bestrebt für ihre Vervollständigung zu sorgen!
Die Arbeiter wirken jetzt für eine strengere Ausführung der Arbeiterschutzgesetze, sie arbeiten an neuen Gesetzen über Unfall-, Krankheits- und Altersversicherung; sie arbeiten in gleicher Weise nicht ohne Erfolg an einer Verbesserung des in Kraft befindlichen Fabrikgesetzes; sie fordern z. B. den 10stündigen Normalarbeitstag, für die Buchdrucker und Uhrmacher sogar den 8stündigen, und alles dies in dem Moment, wo die internationale Arbeitergesetzgebung auf der Tagesordnung ist.
Alles dies beweist, wie sehr Diejenigen Unrecht haben, welche behaupten, daß die Schweiz die Initiative zu einer internationalen Arbeitergesetzgebung nur deshalb ergriffen habe, weil das im Vordergrund stehende Fabrikgesetz – mit dem 11stündigen Arbeitstag – ihr wie Blei in den Gliedern liege. Man erörtert ferner die Frage eines allgemeinen Industriegesetzes, welches die Organisation der obligatorischen Gewerkschaftskammern bestimmt. Schon ist in einigen Kantonsräthen der Anstoß zu einer Organisation von Gewerkschaftskammern gegeben worden, und man sieht allenthalben, namentlich die Uhrmacher, energisch für diese Forderung agitiren. In anderen Kantonen beginnt man auch die Aufmerksamkeit auf die Beschäftigung der Frauen in den Modemagazinen, Restaurationen, Bierwirthschaften, Hotels etc. zu lenken. In Basel z. B. sind gesetzliche Maßregeln ergriffen worden zum Schutze der Frauen, welche in den bezeichneten Establissements beschäftigt werden.
Es kann also nicht ausbleiben, daß früher oder später der Bundesrath diese Interessen in die Hand nimmt. Im Allgemeinen ist zu bemerken, daß unsere Social-Gesetzgebung um so besser funktioniren wird, je mehr sie in Wirklichkeit, wie es eines Tages auch sein wird, dem Bunde, das heißt der Centralregierung, anvertraut wird.
Unsere Aufgabe ist sehr schwierig und wird noch schwieriger gemacht durch die fast erdrückenden Steuern, welche wir auf unseren Schultern haben. Uebrigens sind wir, nach verschiedenen Richtungen hin, in unserem Lande besonderen Bedingungen, von denen unsere Taktik abhängt, unterworfen. Es ist möglich, daß Personen, denen diese Bedingungen unbekannt sind, unsere Taktik nicht verstehen; jedoch Ihr, unsere Genossen, Ihr müßt zu uns Vertrauen haben; denn auch wir streben dem einen socialistischen Ideal, das mit dem Eurigen eins ist, nach. Und auf unserem Vormarsche nach diesem Ideale hin haben wir volles Vertrauen zu dem Schweizervolke und zu unserer Demokratie, die bereit ist, wenn es sein muß, sich mit einem Bismarck zu messen.
Wir vertrauen auf die Menschheit, welche sich nicht einem Individuum unterwerfen kann und darf, wenn sie eines Tages, wie wir alle es wollen, sich politisch und ökonomisch emanzipiren will. Weil wir dieses Vertrauen und diese Hoffnung haben, sind wir hier, um gemeinsam mit Euch in Gegenwart und in Zukunft zu arbeiten. (Lebhafter Beifall.)
Bushe, Delegirter der amerikanischen Arbeiterpartei, sagt, daß er nicht die Absicht habe, sich über die Lage der Arbeiter in Amerika zu verbreiten. Die Arbeitsbedingungen sind dort dieselben wie überall, wo die Großindustrie herrscht. Dasselbe Elend, dieselbe Unterdrückung. Was die politische Lage des Arbeiters in Amerika betrifft, so unterscheidet sie sich vielfach von derjenigen seines europäischen Kameraden, und die Gesetzgebung ist sehr verschieden, da die Vereinigten Staaten ein Conglomerat von verschiedenen selbstständigen Staatswesen sind.
Es bestehen in diesem Lande mehrere Verbindungen von Proletariern: die Trades-Unions, deren Mitglieder sich zum größten Theil aus Irländern und Deutschen zusammensetzen, und die „Ritter der Arbeit“, die ungefähr eine Million 8 im engeren Sinne des Wortes amerikanischer Bürger zählen. Indessen ist leider zu bemerken, daß die große Menge der in Amerika geborenen Arbeiter – es sind ungefähr mit Einschluss der Familien 19 Millionen – noch nicht organisirt ist. So wirst sich vor den Augen der Arbeiterbewegung in den Vereinigten Staaten die Frage aus: Was thun? Wie bemächtigt man sich in Wirklichkeit dieser 19 Millionen Menschen? Nach unserem Urtheil ist eine Arbeitergesetzgebung ein mächtiges Hilfsmittel, um dahin zu gelangen.
Es ist wahr, daß die verschiedenen politischen Parteien des Landes den Versuch gemacht haben, die Arbeiter für sich einzufangen, indem sie ihnen einige Arbeitsschutzmaßregeln zugestanden. Aber diese Gesetze sind todte Buchstaben geblieben, weil die Elemente fehlen, welche ihre Ausführung erzwingen können. Die Trades-Unions ihrerseits nach Art der englischen Gewerkschafts-Organisationen wollten Anfangs nichts von einer Intervention des Staates und einer politischen Aktion des Proletariats wissen. Indessen die Situation hat sich geändert und Dank dem täglich größer werdenden Einfluß des Socialismus, hat ein Theil des amerikanischen Proletariats sich zu einer politischen Partei entwickelt, und den politischen Kampf, von dem man Anfangs nichts wissen wollte, aufgenommen. Das Programm, um welches die socialistische Arbeiterpartei das amerikanische Proletariat schaaren will, ist bekannt. Jedoch der Amerikaner, ein gründlich praktischer Mensch, begnügt sich nicht mit der Aufstellung dieses Programmes. Er fragt vor Allem welches die Mittel sind, um es zu verwirklichen. Die Antwort der Socialisten wird folgendermaßen gegeben: man muß vor Allem die Aufmerksamkeit des Volkes aus die concentrirten industriellen und commerciellen Unternehmungen lenken und ihm auseinandersetzen, daß diese Unternehmungen jetzt nur Wenigen zum Nutzen gereichen, und daß sie zum Nutzen der ganzen Nation arbeiten sollten. Diese Veränderung kann nur durch ein bewußtes, ruhiges und anhaltendes Handeln des Proletariates, das eine politische Partei bildet, sich vollziehen. Hinsichtlich dieses Gesichtspunktes ist es von außerordentlicher Wichtigkeit, daß die Arbeiter-partei die Initiative ergreift zu einer Arbeitsgesetzgebung, denn, indem sie zu Gunsten einer derartigen Gesetzgebung einwirkt, wird sie zeigen, daß sie praktische, für die Arbeitermassen vortheilhafte Reformen will. Und diese Thatsache allein wird genügen, an Zahl ihre Macht wachsen zu machen. Die Partei hofft sich durch die wirkliche Verbesserung des Loses der Arbeiter dem Proletariat nützlicher zu erweisen, als durch muthschäumende Revolutions-Phrasen. Es liegt wenig daran, was man sagt, es kommt nur darauf an, was man thut. (Beifall).
Der rumänische Delegirte Many führt aus, daß in Rumänien der Großgrundbesitz ⅗ des Landes umfaßt; ein Fünftel gehört dem Staat und ein Fünftel kommt auf die Bauern, deren Zahl 7 Millionen beträgt, Aus Mangel an eigenem Land werden die Bauern Taglöhner des Großgrundbesitzers von dem sie vollständig abhängen. Das Wahlsystem ist ein getreues Bild der Eigenthumsverhältnisse. Die Wähler theilen sich in 3 Gruppen: die erste aus den Großgrundbesitzern bestehend, welche über 1.000 Francs Steuern zahlen; die zweite, welche die Beamten, Kaufleute, Professoren, kurz alle diejenigen, welche „liberale Berufe“ betreiben, umfaßt; die dritte aus den Landleuten zusammengesetzt. Die Landleute wählen Delegationen, welche ihrerseits die Deputirten wählen. Die socialistische Bewegung in Rumänien datirt seit ungefähr 18 Jahren. Das Beispiel der Pariser Commune war entscheidend für diesen Zeitpunkt; zur selben Zeit übten politische russische und polnische Flüchtlinge einen Einfluß aus, den man nicht ignoriren darf. Die studirende Jugend war es zuerst, die sich zu den socialistischen Theorien bekannte. Sie übersetzte die Hauptwerke der socialistischen Literatur in die rumänische Sprache und bemühte sich, dieselben im ganzen Lande zu verbreiten. Der Mittelpunkt der Bewegung war Jassy; die Anhänger rekrutirten sich hauptsächlich aus den gebildeten Klassen.
Bald hatte die junge Partei eine wissenschaftliche Zeitschrift und ein täglich erscheinendes Blatt zur Verfügung. Die Behörde zögerte nicht, das letztere zu unterdrücken; sie vertrieb die Studenten von den Universitäten und setzte den Professor Nadejdi ab, dem 10,000 Bauern ihre Stimmen gegeben hatten. In der That war die Propaganda bis mitten in die Bauern hineingetragen worden, und mit bestem Erfolg. Nach einer ununterbrochenen Agitation von kaum 3 Jahren schickten 280 Delegationen die 40.000 bäuerliche Stimmen repräsentirten, drei socialistische Deputirte ins Parlament. Kurz, der Fortschritt des Socialismus ist derartig, daß die Radikalen seinem Programm Artikel entnehmen, um sich – indem sie den socialistischen Wein stark mit Bourgeoiswasser vermischen – in den Augen der Bevölkerung ein besseres Aussehen zu geben. In den letzten Jahren hat sich das Elend der Bevölkerung so vermehrt, daß die Unzufriedenheit endlich einen Ausstand der Bauern hervorrief. Nun verlangten die socialistischen Abgeordneten zur Besserung dieser Lage die Hergabe von Staatsdomänen an die Gemeinden und überhaupt an die Genossenschaften, welche das Land gemeinsam bebauen sollten. Allein das Parlament zog es vor, den Vorschlag der Radikalen anzunehmen, nach welchem jeder Bauer Besitzer einer kleinen Parcelle Landes wurde. Da nun der kleine Ackerbaubetrieb nicht ankämpfen kann gegen die Concurrenz des Ackerbaues auf großer Stufenleiter, indem der Großgrundbesitz ihn verschlingt, so wird in 10 bis 15 Jahren das bäuerliche Kleineigenthum und seine Lage dieselbe sein, wenn nicht noch schlimmer, als heute.
In Rumänien, wie überall, ist das einzige Hilfsmittel in der gegenwärtigen Situation die Umwandlung des Privateigenthums in Collektiveigenthum. Auch unter den industriellen Arbeitern zeigt sich ein Erwachen des Bewußtseins ihrer Rechte, die jüngsten Streiks der Buchdrucker, der Sattler und der Töpfer sind hiefür Beweise. Indessen wollte die Behörde, von dem Wunsche beseelt, zu Gunsten des Kapitals einzutreten, Arbeiter aus Qesterreich einführen. Aber die österreichischen Proletarier weigerten sich, die Geschäfte der Herren Kapitalisten zu besorgen!
So bethätigen die Arbeiter aller Länder mehr und mehr die große Solidarität, welche sie befreien wird, und welche allein den Tag herbeiführen kann, an dem der Kampf gegen das Kapital siegreich ausgefochten wird. (Lebhafter Beifall.) –
Der Bürger Ihrlinger, Delegirter der Arbeiterpartei Ungarns, gibt eine gedrängte Uebersicht über die Lage in seinem Heimathlande. Nachdem er versichert hat, daß die socialistische Bewegung – begeistert durch die Principien des modernen Socialismus, im Gegensatze zu dem, was oft gesagt worden ist – den internationalen Charakter hat, der gegenwärtig die Bewegung in der ganzen Welt charakterisirt, constatirt er, daß in Ungarn wie in Oesterreich die Freiheit nur auf dem Papier existire. Jeder Stuhlrichter wüthet nach seinem eigenen Gutdünken. Die ungarische Reaktion äfft die deutsche nach und nimmt ihre Zuflucht zu mittelalterlichen Dekreten, um die Socialisten zu treffen.
Die Arbeiterbewegung verbreitet sich hauptsächlich mittelst der Klubs. Während die Gewerkschafts-Organisationen nur in Budapest existiren, sind die Arbeiterklubs fast überall vorhanden, in den kleinen Städten wie in den Dörfern. Während langer Zeit war die ungarische Arbeiterpartei im Schlepptau der bürgerlich-radikalen Partei; aber die Vertreter dieser letzteren Partei haben ihre Versprechungen nicht gehalten, die Arbeiterpartei hat sich entschlossen, eine eigene Existenz zu führen und alles von sich selbst zu erwarten. Die socialistische Propaganda wird erschwert durch die große Zahl von Nationalitäten und Sprachen in Ungarn. Nichtsdestoweniger ist die Bewegung vorgeschritten bis zu dem Punkte, daß die Spaltungen, welche im Schoo? der Partei eingetreten sind, ihr nichts geschadet haben. Diese Spaltungen waren unvermeidlich, da es sich dabei um die Trennung der Arbeiterpartei von den Anarchisten handelte, die, zum größten Theil im Solde der Polizei oder von ihr unterstützt, die Bewegung in Mißkredit brachten.
Andererseits bemüht sich der Staat, die Bewegung durch harte Maßregeln zu ertödten, indem er die entschiedendsten Vorkämpfer zu erdrücken sucht, und durch diese Verfolgungen wird eine große Zahl von Arbeitern abseits gehalten. Natürlich existirt keine Preßfreiheit für die Arbeiter. Die Partei sucht daher in den Gewerkschaftsorganisationen Einfluß zu gewinnen, um ihnen den socialistischen Geist einzuimpfen und sie allmälig der Sache zu nähern. Und die Dinge liegen so, daß die ökonomische Lage uns täglich neue Anhänger verschafft. In dem Maße, wie sich die Grosindustrie entfaltet, geht die Kleinindustrie zu Grunde und die Zahl der Proletarier und der Unzufriedenen wächst immer mehr. Das ungarische Proletariat kämpft Schulter an Schulter mit dem deutschen Proletariat und mit dem aller Länder. (Beifall.) –
Bürger Popp, Schuhmacher von Budapest, erklärt, daß im Gegensatz zu dem von seinem Vorredner Berichteten, die ungarische Bewegung sich nicht so günstig entwickelt hat, und wenigstens hinsichtlich der Principien stark opportunistisch und oft zu Compromissen geneigt ist. Um diesem Uebelstand abzuhelfen, geht man damit um, eine Arbeiterpresse zu schaffen, die sich einstweilen zwanzig in Fachzeitschriften darstellt. Man hofft, daß in wenigen Jahren eine Partei existiren wird, die auf der Höhe der allgemeinen socialistischen Bewegung stehen wird. –
Anseele, der belgische Delegirte, der einen Bericht über den „Vooruit“ erstatten sollte, ist abwesend. Das Wort wird dem Bürger Domela Nieuwenhuis ertheilt, dessen Erscheinen auf der Tribune mit donnerndem Beifall begrüßt wird.
Bürger Domela Nieuwenhuis schildert die Lage der Arbeiterklasse in Holland:
Das ökonomische Leben einer Nation hängt zum großen Theil von der politischen Lage ab. Da in Holland die Arbeiterklasse kein Stimmrecht besitzt, so hat sie eben deswegen auch keinen gesetzlichen Einfluß auf die politischen Angelegenheiten. Mit einem Wort, Holland ist ein Klassenstaat, der von einer Plutokratie (Geldherrschaft) regirt wird, deren unheilvoller Charakter sich deutlich in allen Institutionen offenbart.
Die sehr drückenden Steuern sind in einem der Leistungsfähigkeit der Steuerpflichtigen geradezu entgegengesetzten Verhältniß ausgelegt. Zu zwei Fünfteln lasten sie auf den dem Arbeiter unentbehrlichen Verzehrungsgegenständen. Ohne Uebertreibung kann man sagen, daß eine Arbeiterfamilie 10 % ihrer Einkünfte der Staatskasse opfert, ungerechnet die Kommunal- und anderweitigen Auflagen.
Weiter lastet ausschließlich aus der Arbeiterklasse die verhaßte Blutsteuer des Militärdienstes, dem die Reichen durch Stellvertretung sich entziehen können.
Der Unterricht ist öffentlich, aber seine Organisation ungenügend; er ist weder obligatorisch noch unentgeltlich. Gewerblicher Unterricht fehlt in Holland fast gänzlich, und wo er vorhanden ist, wird er wie ein durchaus überflüssiger Luxus betrachtet.
Die Rechtspflege ist ein Ding, das die holländischen Arbeiter kaum dem Namen nach kennen. Ingleichen steht die „Gleichheit vor dem Gesetz“ lediglich auf dem Papier. Gewerbeschiedsgerichte fehlen ebenfalls; Streitigkeiten zwischen Arbeitgeber und Arbeiter werden vor den gewöhnlichen Richter gebracht, der laut Artikel 1638 unseres Civilgesetzbuches dem Arteitgeber auf‘s Wort glauben muß – ein empörender Beweis der Geringschätzung, welche die regierende Klasse der arbeitenden offen entgegenbringt.
Was das Vereins- und Versammlungsrecht anbelangt, so ist dasselbe ja durch die Verfassung anerkannt. Dasselbe würde also vorhanden sein, wenn nicht das Gesetz allerlei einschränkende Reglements hinzusügte. Außerdem mißbraucht die Polizei häufig ihre Amtsgewalt, indem sie die Saalbesitzer mit Entziehung der Concession zur Verabreichung von Spirituosen bedroht, falls sie wagen sollten, ihre Lokale zu Arbeiterversammlungen herzugeben. Kurzum, das Vereins- und Versammlungsrecht ist gewaltig eingeschränkt, und in der That illusorisch.
Aus diesen Thatsachen ergibt sich, daß die Rechte der Arbeiter in politischer Beziehung durch das Gesetz und durch die Engherzigkeit der herrschenden Klassen arg beschnitten sind.
Aber die ökonomische Sklaverei wird von den holländischen Arbeitern vielleicht noch härter empfunden. Aus diesem Grunde verlangen sie mehr und mehr neben der politischen Emanzipation die gänzliche Umgestaltung der Gesellschaft, die Abschaffung der kapitalistischen Produktion: des Lohnsystems.
Die wirthschaftliche Lage der holländischen Arbeiter ist so ziemlich dieselbe wie die der Arbeiter in den anderen Ländern. Das Privateigenthum in seiner heutigen Gestalt, das heißt das egoistische Privatinteresse der Individuen bildet überall die Grundlage der Gesellschaft; und gleiche Ursachen bringen gleiche Wirkungen hervor.
Die Löhne der holländischen Arbeiter sind ebenso klein, als der Arbeitstag derselben groß ist. Außerdem werden sie fortwährend von den Tausenden von Quälereien des Ausschwitzsystems, des Trucksystems und der willkührlichen Strafabzüge heimgesucht. Frauen- und Kinderarbeit zu äußerst niedrigen Lohnsätzen ist sehr im Schwunge. Arbeitsstockung ist häufig und in den meisten Industrien fast chronisch. Der Wunsch einer socialen Umgestaltung wird immer allgemeiner und die sehr berechtigte Unzufriedenheit gibt sich in Holland ebenso durch Umzüge der Arbeitslosen in den großen Städten, wie durch verhältnißmäßig bedeutende Streiks deutlich zu erkennen. Von letzteren nennen wir die Streiks in der Textilindustrie von Twente und in den Torfgräberdistrikten in Friesland, welche im vorigen Jahr ausbrachen und glücklich verlaufen sind. Der Streit von Twente hat das tiefe Elend und die erdrückende Sklaverei enthüllt, unter welcher die Arbeiter dieser Industriegegend schmachten, und welche von den Kapitalisten das „Paradies der Arbeiter“ genannt wurde, während es in Wahrheit eine Hölle der Arbeiter ist.
Ebenso verhielt es sich mit den Streiks in den Torfdistrikten, welche den Zweck hatten, höhere Löhne und die Abschaffung des Trucksystems, welches hier und in anderen Gegenden Hollands grassirt, zu erzielen.
Bürger Domela Nieuwenhuis, der erste und bis jetzt einzige socialistische Abgeordnete nahm Gelegenheit, ein Gesetz vorzuschlagen, welches den Zweck hatte, den Arbeitern die freie Verfügung über ihre Löhne zu sichern. Dieser Antrag wurde übrigens von den Bourgeois-Abgeordneten sehr schlecht aufgenommen; dieselben sind Feinde jeder Staatsintervention, sofern sich diese nicht auf ihr eigenes Interesse oder auf das ihrer Klasse bezieht. Ja, die holländischen Bourgeois suchten sich sogar das Ansehen zu geben, als wären sie die Beschützer der Arbeiter; und ihr Vertreter, der Justizminister, brachte seinerseits nach dem Beispiel von Domela Nieuwenhuis einen Gesetzesvorschlag ein, welcher dem des Socialisten Conkurrenz wachte.
Es ist außerordentlich zu bedauern, daß die holländische Regierung die Statistik so sehr vernachlässigt. So fehlt eine Statistik über die Lage der Arbeiter, wie sie z. B. in Amerika existirt, in Holland gänzlich. Redner ist deshalb nicht in der Lage, offiziell festgestellte Zahlen zu geben über Arbeitslöhne, Arbeitszeit u. s. w. u. s. w. Dagegen kann er einige Daten beibringen, die sich bei privaten Erhebungen ergeben haben.
Wie bereits erwähnt, ist die Frauen- und Kinderarbeit sehr verbreitet. Man findet sie nicht nur in Magazinen, Laden und Werkstätten der Schneider, sondern auch in der Weberei, Zuckerraffinerie, in der Tabakmanufaktur, in Druckereien, in der Töpferbranche, in den Buchbindereien, Ziegeleien, Stearinfabriken, in den Cafés und Bierbrauereien (Schänken). Im allgemeinen muß man sagen, daß Frauen und Kinder immer mehr und mehr überall da zur Arbeit herangezogen werden, wo es nicht wesentlich auf Muskelkraft ankommt.
Der holländische Arbeiter arbeitet durchschnittlich 12 Stunden täglich; in der Textilindustrie hat der Arbeitstag 11 Stunden.
Der mittlere Lohn für ganz Holland kann auf 7 Gulden 9 wöchentlich höchstens angesetzt werden. Er schwankt in gewissen Berufen und Industrien, aber der mittlere Tagelohn erhebt sich nicht über 9–10 Gulden wöchentlich in den großen Städten. In den kleinen Städten und auf dem Lande stehen die Löhne ganz bedeutend niedriger.
In der Textilindustrie verdienen drei Viertheile der Arbeiter nicht mehr als 7 Gulden, häufig erreichen sie nur 4½ bis 6 Gulden wöchentlich. Die Lage der Arbeiter in den Torfgräbereien und in den Hauptzweigen der Landwirthschaft ist noch viel erbärmlicher. So wird in der reichsten Gegend Frieslands ein Arbeiter mit 70 Cents (1 Fr. 10 Cm. französisches Geld = 88 Pfg.) für einen Arbeitstag von 14 Stunden mit 1½ Ruhestunden abgelohnt. Und das ist in der guten Zeit! Im Winter verdient er nicht mehr als 35 Cents (etwa 58 Pfg.) täglich. Dieses reiche, fruchtbare Land weist fast ebensoviel Elend auf wie Irland!
Es gibt nichts Herzzerreißenderes als das Loos unserer Küstenfischer, die durch die Schiffsrheder und Fischereiunternehmer aus die brutalste Weise vor der Welt ausgebeutet werden. Glücklich ist noch der, dem ein Preis von 8 Gulden für das Faßvoll (baril) bewilligt wird. Von dieser Summe erhält die aus 9 Fischern bestehende Mannschaft eines jeden Bootes nur 1 Gulden 65 Cents, während der Rheder den Rest d. h. 6 Gulden 35 Cents für sich behält.
Es ergibt sich aus diesem kurzen Ueberblick, daß die Lage der Arbeiter in Holland sehr erbärmlich ist. Es ist ihnen fast unmöglich, für Nahrung, Kleidung und Wohnung für sich und ihre Familien zu sorgen. Sie sind gezwungen, sich jede andere Ausgabe zu versagen, und so verzichten sie auf jede Zerstreuung und auf jede Befriedigung von geistigen Bedürfnissen. Der Kapitalismus lastet wie ein bleischweres Joch auf ihnen. Holland ist ein durchaus freihändlerisches Land in dem Sinne, daß es dem Kapitalisten freisteht, den Arbeiter schrankenlos auszubeuten, so daß dieser auf Grund der Thatsachen „zins- und frohnpflichtig ist zum Gotterbarmen“.
Nachdem wir genöthigt waren, die traurige politische und sociale Lage des holländischen Arbeiters festzustellen, freuen wir uns, vor Schluß unseres Berichtes eine tröstliche Thatsache von unleugbarer Wichtigkeit constatiren zu können: Nämlich das Erwachen der Arbeiter in den letzten zehn jahren, ein Erwachen, in Folge dessen sie sich organisirt und radikale Programme ausgearbeitet haben. Sie haben verstanden, sich die Erfahrungen ihrer Brüder in den übrigen Ländern zu Nutze zu machen; sie haben recht wohl begriffen, daß gewisse Versuche zum Zweck der Verbesserung des Loses der Arbeiter wie das Cooperativsystem – Genossenschaftswesen –, das Tantièmensystem, die Unterstützungskassen auf Gegenseitigkeit, Sparkassen, Vorschuszkassen u. s. w., u. s. w. nichts weiter als kostspielige und ungeschickte Pfusch-Hausmittelchen (Palliatiomittel) sind; sie haben sich gesagt: da das Uebel in der Grundlage der bestehenden Gesellschaft sitzt, muß eben diese Grundlage selbst geändert werden.
Die Arbeiter gelangen allmählich zum Bewußtsein, daß sie von ihren Herren, seien sie nun Conservative, Liberale oder Radikale, nichts zu erwarten Haben, sondern dass sie nur auf sich selbst angewiesen sind. Sie organisiren sich mehr und mehr zu einer reinen und nach allen Seiten unabhängigen Arbeiterpartei mit einem eigenen politischen und wirthschaftlichen Programm; und man kann sagen, daß die reaktionären Arbeiterparteien wie die Gegenseitigkeitsverbände „Patrimonium“ und der allgemeine Bund der Niederländischen Arbeiter zur Stunde durch die vorgeschrittenen Arbeiterelemente bei Seite geschoben werden.
Nur der Bund der Socialdemokraten darf sich heute einer wirklich beachtenswerthen Entwicklung mit Stolz rühmen. Er hat sein anfänglich drei Mal wöchentlich erscheinendes Organ, das „Recht voor Allen“ (Recht für alle), welches jetzt täglich erscheint. Die Partei veranstaltet überall öffentliche Versammlungen, sie versorgt das Land mit Broschüren und Flugschriften. Und auf diese organisirte Partei richten die holländischen Arbeiter ihre Hoffnungen für die Zukunft. Wir brauchen keine anderen Beweise weiter für ihren Einfluß als die Verfolgungen der Regierung, welche Mitglieder derselben mehrere Male zu Gefängnißstrafen, ja zu Zwangearbeit hat verurtheilen lassen.
Auf dem politischen Gebiet fordern die Socialisten das allgemeine Stimmrecht; auf wirthschaftlichem Gebiet erstreben sie Uebernahme der Produktionsmittel durch die Gesellschaft und Organisation der öffentlichen Dienstleistungen zu Gunsten der Gesammtheit. Als Uebergangsmaßnahme legen sie großen Werth auf die Herabsetzung der Arbeitszeit mittelst einer Arbeiterschutzgesetzgebung. Wiewohl wir überzeugt sind, daß die vollständige Emanzipation der Arbeiterklasse nur möglich ist durch Umwandlung des Privateigenthums in Gemeinbesitz, halten wir doch für wichtig zu erklären, daß eine internationale Bewegung für eine gesetzgeberische Regelung der Arbeitszeit in Holland eifrige Vorkämpfer und die Sympathie einer ihrer Interessen sich bewußten Arbeiterschaft finden wird.
Alles dies läßt uns eine Coalition der Regierungen zu dem Zwecke, die Forderungen der Arbeiter zu bekämpfen, erwarten, wir werden jeden Fortschritt mit Beifall begrüßen, welcher die internationale Einigung der Arbeiter zum Zweck hat; denn diese allein ist im Stande, den Umtrieben der Regierungen ein Gegengewicht zu bieten. Wir suchen unsere Stärke nicht in den Gründungen großartiger Genossenschaften, sondern vielmehr in der intellektuellen Entwicklung des Arbeiters. Das ist der Grund, warum unsere Partei eine große Zahl von Broschüren und Büchern herausgegeben hat. Wir haben Uebersetzungen fast aller Nationalökonomen Europas und Amerikas. Wir halten es für nothwendig, daß die Arbeiter erst wissen, was zu thun ist; nur dann werden sie auch das thun, was nothwendig ist.
Wir wissen sehr wohl, daß wir, die wir ein kleines Land bewohnen, nicht die Vorhut der Revolution sein können, welche nur in einem großen Lande zur Reife und zum Sieg gelangen kann. Aber diese Revolution muß in unseren Gehirnen bereits vollzogen sein, und wir können von jetzt ab die Versicherung geben, daß wir auf dem Posten sein und unsere Pflicht thun werden. Unser kleines Volk, welches von dem Tyrannen Alba ein „Volk von Bauern“ genannt worden ist, welches aber bewiesen hat, daß es einem Volk von eisengepanzerten Rittern Widerstand zu leisten vermochte, welches jenes sogar mit den Elementen der Natur besiegt hat – es wird auch die Bourgeoisie zu besiegen verstehen und nicht eher ruhen, als bis es die Herrschaft der Freiheit begründet haben wird. Brüder, wir werden siegen oder sterben unter dem Banner der Socialdemokratie; und wir werden dasselbe beständig hochhalten!
(Die Versammlung äußert zu wiederholten Malen ihren enthusiastischen Beifall.) –
Bürger Petersen setzt hierauf die Lage der Arbeiter in Dänemark auseinander. Diese unterscheidet sich nicht wesentlich von der der übrigen Länder. Im Allgemeinen wiegt die kleine Bourgeoisie, die Kleinindustrie vor. Indessen nimmt seit einigen Jahren auch die Großindustrie einen Aufschwung und drängt die Kleinindustrie in den Hintergrund. Die Kapitalisten haben bereits das Trucksystem in Dänemark eingeführt.
Die Löhne sind sehr niedrig, oft wiederholen sich Krisen und Stockungen. Eine offizielle Statistik über die Arbeiterverhältnisse gibt es nicht. Indessen kann man nach gewissen Angaben berechnen, daß es in Kopenhagen 70.000 Arbeiter gibt, deren durchschnittlicher Jahresverdienst 11–1.200 Frs. beträgt; in den Provinzialstädten 45.000 Arbeiter, mit einem durchschnittlichen Jahresverdienst von 80 Frs.; 133.000 auf dem Lande beschäftigte Arbeiter verdienen durchschnittlich nicht mehr als 500 Frs.
Wenn man diese Löhne mit dem mittleren Preise der Lebensmittel vergleicht, findet man, daß 78 % der städtischen Arbeiter einen Unterschied von 500 Frs haben, der zwischen den Löhnen, die sie erhalten, und der für ihre Bedürfnisse unerläßlichen Summe liegt.
Die Arbeiter sind in Gewerkschaften, 150 an der Zahl, organisirt, die mit einander vermittelst ihrer Bureaus verbunden sind und eine Centralorganisation bilden, deren Geist unglücklicherweise viel zu wünschen übrig läßt. Neben den Syndikaten (Gewerkschaften und Fachvereinen) erwähnen wir noch die Organisation der socialdemokratischen Partei, der etwa 80 Wahlvereine und Diskussionsklubs angehören.
Die socialistische Presse ist vertreten durch den Social-Demokraten von Kopenhagen, der ungefähr 20,000 Abonnenten hat, und durch 4 Organe, die in der Provinz und täglich erscheinen. Dazu rechnet man noch ein unabhängig-socialistisches Blatt, Arbejtern (der Arbeiter).
Da die dänische Arbeiterbewegung inmitten des Kleinbürgerthums entstanden ist, mußte sie auch einen kleinbürgerlichen Charakter behalten, welcher sich in verschiedener Weise zu erkennen gibt. So hat man auf Aktien ein Versammlungshaus gegründet und eine Cooporativ-Bäckerei. Diese letztere ist eine wahrhafte Karrikatur der Genossenschafts-Bäckerei von Gent, so das man sie auch als nichts anderes betrachten kann, denn als ein industrielles Privatunternehmen, welches den Aktieninhabern eine jährliche Dividende auszahlt. In Wirklichkeit ist an dem ganzen Unternehmen nichts Socialistisches, als das Parteigeld, mit dem man es gegründet hat, und dann die Namen der Leiter, die alle Parteiführer sind.
Das Vereins- und Versammlungsrecht ist den Arbeitern durch Gesetz garantirt, das hindert aber die Herren Kapitalisten keineswegs, Mittel zu finden, die Ausübung dieses Rechtes so schwer als möglich zu machen. Die danischen Arbeiter haben von einem Alter von 30 Jahren an das Stimmrecht, sofern sie nicht aus öffentlichen Mitteln Armenunterstützung erhalten.
Gewöhnlich nehmen die Arbeiter lebhaft an den Wahlen theil, auch, ist es ihnen schon gelungen, zwei Vertreter der Partei in’s Parlament zu schicken; zur Stunde sitzt einer ihrer Gewählten darin. Bis jetzt müssen wir zugestehen, daß die Arbeiterpartei mit dem Kleinbürgerthum gegangen ist und noch heute ihre Beziehungen zu den bürgerlichen Parteien nicht abgebrochen hat. Man bemüht sich diese Handlungsweise damit zu vertheidigen, daß die relative Majorität entscheidend ist für den Ausgang der Wahlen (außer bei den Stichwahlen). Es ist klar, daß die Socialisten im Bunde mit irgend einer bürgerlichen Partei niemals bei einer Wahlkampagne etwas gewinnen und die socialistische Agitation so werden betreiben können, wie wenn sie unabhängig blieben. Die socialistische Partei, die zusammengeht mit dem Kleinbürgerthum, ist auch in ihrer politischen Thätigkeit mehr oder weniger an daselbe gebunden. Dergestalt macht sie sich denn zum Vorkämpfer und Vertheidiger bürgerlicher Institutionen, indem sie z. B. Credite für die Kleinindustriellen gewähren hilft. Indessen hat sich in letzter Zeit glücklicherweise eine Rückkehr zu den Prinzipien und eine gegen die bisherige Taktik gerichtete Opposition bei den Arbeitern geltend gemacht. Der beste Beweis für das Vorwärtsschreiten der Bewegung ist die Thatsache, daß diese Bewegung drei Vertreter auf diesem Congreß hat. (Beifall.) –
Bürger Plechanoff, Abgeordneter der russischen Socialdemokraten, äußert sich folgendermaßen:
Da die Zahl der Redner auf diesem Congreß eine sehr große ist und diese nur kurze Zeit für Darstellung der politischen und ökonomischen Lage ihrer beziehentlichen Länder haben, werde ich ein möglichst kurz gefaßtes Bild der Arbeiterbewegung in Rußland geben.
Man könnte sich wundern, auf diesem Congreß Vertreter Rußlands zu sehen, eines Landes, wo doch sicherlich die Bewegung nicht so vorgeschritten ist, wie in den übrigen europäischen Ländern. Doch haben wir russischen Socialisten gedacht, daß nicht Rußland allein sich von der Arbeiterschaft des übrigen Europa abseits halten dürfe, sondern daß die gegenseitige Annäherung aller Arbeiter nur einen segensreichen Einfluß aus die socialistische aneinander Bewegung der ganzen Welt ausüben würde.
Die verhangnißvolle Rolle, welche Rußland, das, monarchische und offizielle Rußland, bis aus den heutigen Tag in der Geschichte Europas gespielt hat, ist leider nur zu bekannt. Die Czaren, in Wahrheit gekrönte Gensdarmen, betrachteten es als ihre heilige Pflicht, die Reaktionäre aller Länder, von Preußen bis hinüber nach Spanien und Italien, zu unterstützen, Wir brauchen nicht erst auf die Rolle hinzuweisen, welche Czar Nikolaus unseligen Andenkens bei den denkwürdigen Erreignissen von 1848 gespielt hat.
Darum würde auch der Sieg der revolutionären Bewegung in Rußland der Sieg aller europäischen Arbeiter sein.
Es handelt sich also darum, zu wissen wie und unter welchen Bedingungen die revolutionäre Bewegung in Rußland zum Siege gelangen kann. Es ist dies nicht anders möglich – das ist unsere felsenfeste Ueberzeugung, Bürger! – als dann, wenn die russischen Revolutionäre das Vertrauen und die Theilnahme des Volkes selbst zu erringen verstehen. So lange die Bewegung nur das Werk von Schwärmern und der studirenden Jugend sein wird, kann sie wohl für die Czaren hinsichtlich ihrer persönlichen Sicherheit gefährlich werden, nicht aber für das Czarenthum als Staatseinrichtung.
Wenn wir die Macht des Czarenthums ein für allemal brechen wollen, müssen wir uns auf ein in einem anderen Sinne revolutionäres Element stützen, als es die studirende Jugend abgibt, – und dieses Element, welches in Rußland nicht fehlt, ist die klasse des Proletariats, welches durch seine wirthschaftliche Lage und durch den Zwang der Dinge selbst revolutionär ist.
Gewisse Nationalökonomen (Volkswirthschaftler), die an einer allzuphantastischen Einbildung leiden, welche mehr von ihrem guten Willen als von ihrer Kenntniß der Thatsachen Zeugniß ablegt, haben sich Rußland wie eine Art von europäischem China vorgestellt, dessen wirthschaftliche Lage nichts mit der des abendländischen Europa gemein habe. Das ist durchaus falsch. Das alte wirthschaftliche Gefüge Rußlands ist jetzt in einem Zustand der gänzlichen Zersetzung. Die ländliche Gemeinde, von der man schon so viel gesprochen hat, – selbst in der socialistischen Presse! – und welche in Wahrheit die Grundlage des Despotismus bildete, diese ländliche Gemeinde wird immer mehr und mehr ein Gegenstand der kapitalistischen Ausbeutung in den Händen der reichen Landwirche. Inzwischen verlassen die Armen das flache Land, um sich in die großen Städte und Industriecentren zu begeben, wo Fabriken entstehen, welche die kleine ehemals so blühende Hausindustrie vernichten.
Die russische Regierung wendet alle Mittel an, um diesen Stand der Dinge noch zu verschlimmern und die Entwicklung des Kapitalismus zu beschleunigen. Wir Socialisten können diese Anstrengungen nur mit Beifall begrüßen, weil das Czarenthum auf diese Weise seinen eigenen Sturz vorbereitet.
Das russische Industrieproletariat, dessen Bewußtsein zu erwachen beginnt, wird schließlich das Joch des Despotismus zerbrechen, und an diesem Tage werdet ihr unmittelbare Vertreter neben den Delegirten der weiter vorgeschrittenen Länder in Euren Congressen Platz nehmen sehen. Unsere Aufgabe ist es, in dieser Erwartung uns Euerer Sache warm anzunehmen und unter den russischen Arbeitern die Ideen der Socialdemokratie mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln zu verbreiten.
Zum Schluß wiederhole und betone ich: die revolutionäre Bewegung wird in Russland triumphiren als Arbeiterbewegung, oder sie wird nie triumphiren.
(Diese wenigen Worte des Bürgers Plechanoff rufen einen großen Enthusiasmus hervor und unter rauschendem Beifall verläßt der russische Delegirte die Tribüne.) –
Der norwegische Delegirte Jeppesen geht auf die Anfänge der Arbeiterbewegung seines Landes zurück, d. h. auf die Zeit vor fünf Jahren. Trotz dieser ihrer großen Jugend ist die dortige Bewegung bereits bei der zweiten Periode ihrer Entwicklung, bei der der Verfolgungen und Unterdrückungen angelangt Diese Thatsache beweist dem Referenten nur, daß die Bewegung schon stark und zielbewußt genug ist, um den herrschenden und besitzenden Klassen Furcht einzujagen. Die Arbeiterbewegung, welche Bürger Jeppesen zu vertreten die Ehre hat, trägt einen durchaus socialistischen und revolutionären Charakter. Das zielbewußte Proletariat seines Landes hofft nichts von den oft empfohlenen Palliativmitteln, mit welcher Etikette sie immer versehen sein mögen. Ebenso glaubt es nicht an die Wirksamkeit parlamentarischer Reformen, da es die Erfahrung gemacht hat, daß die in Norwegen bestehenden, sonst der Form nach liberalen Gesetze den Arbeitern nichts nutzen. Indessen hat sich die norwegische Socialistenpartei entschlossen, gemeinschaftlich mit dem Proletariat der übrigen Länder eine internationale Arbeitergesetzgebung zu fordern, da diese Forderung ein ausgezeichnetes Mittel der Agitation und Propaganda bildet. Außerdem hat die socialistische Arbeiterpartei Norwegens bereits ein Arbeiterschutzgesetz im Parlamente ihres Landes eingebracht. Eine Specialkommission ist mit der Prüfung dieses Entwurfes beauftragt worden, welcher demnächst in der National-Versammlung durchberathen weiden wird. Gleichwohl versprechen sich die Arbeiter nichts von der Kammer, sie versprechen sich keinen Vortheil von Gesetzen, die ja immer dem Vortheil der Stärkeren angepaßt werden. Der Kapitalismus zwingt den Arbeiter stets zur Unterwerfung; und darum dürfen die Arbeiter auf Niemanden rechnen als auf sich selbst. (Beifall) –
Ein Zwischenfall erhob sich in diesem Augenblick durch den Delegirten der „United Brotherhood, Iowa“ – Vereinigten Brüderschaft von Iowa – Vereinigte Staaten – Bürger Ahles. Dieser war, nachdem er zweimal abwesend gewesen war, als er das Wort nehmen sollte, von Neuem eingeschrieben für seinen Bericht in derselben Zeit wie Kirchner, Delegirter der „Vereinigten deutschen Gewerkschaften“ von New-York, der gleichfalls mit einem Bericht über Amerika beauftragt war. Aus reinem Zufall will der Vorsitzende das Wort zuerst Kirchner geben, da verläßt Ahles, sich beleidigt glaubend, den Congreß, indem er gegen die Handhabung der Bureaus und die Art und Weise, wie er behandelt sei, protestirt.
Bürger Vaillant setzt der Versammlung die Ursache dieses Irrthums Seitens des Bürgers Ahles auseinander und schickt an diesen einen aufklärenden Brief, indem er ihn zugleich einladet, zurückzukommen um zuerst das Wort zu nehmen. Ahles besteht indeß auf seinem Entschluß und läßt durch die Vermittlung eines Freundes seinen Protest erneuern.
Nachdem das Wort an Bürger Merlino, italienischen Delegirten, gegeben, setzt dieser auseinander, daß in Italien sich die Bewegung aus zwei Strömungen zusammensetzt: es gibt die Fraktion der anarchistischen Socialisten und diejenige der parlamentarischen oder étattistischen 10 Socialisten. Doch ist diese Abweichung mehr scheinbar als real, weil die parlamentarischen Socialisten auch im Prinzip Anarchisten sind, wenn sie auch im Einzelnen (in der That) für die Gesetzlichkeit sind. Die ächten Anarchisten sind Anarchisten sowohl im Prinzip als im der That. Das ist der Unterschied. Indeß hat dieser Unterschied eine ganz eigenthümliche Haltung Seitens der Regierung gegenüber den beiden Fraktionen zur Folge. Die Anarchisten werden Uebelthäter (malfattori) genannt, und sie weisen diese Verleumdung nicht zurück, indem sie es vorziehen, die Hand lieber den kleinen als den großen Dieben zu drücken, welche die Gewalt innehaben und das Land ruiniren. In Folge dessen werden sie mißhandelt, verfolgt und bestraft wie Uebelthäter; man verurtheilt sie zu jahrelangen Gefängnißftrafen. Wenn es sich dagegen um die parlamentarischen Socialisten handelt, so zieht die Regierung Sammthandschuhe an, um sie anzugreifen. Allerdings kommen auch Prozesse und Verfolgungen gegen sie vor, aber die Verurtheilungen sind blos scheinbar, man führt sie nicht aus. Eine Probe davon ist diejenige, von welcher der Bürger Andrea Costa betroffen worden ist, die eine Verurtheilung zum Lachen war.
Hier unterbricht Bürger Jules Guesde den Redner, um ihm zuzurufen, daß man einen Mitdelegirten nicht angreife. Bürger Merlino fährt fort, daß das Programm der italienischen parlamentarischen Socialisten ziemlich demjenigen der Marxisten entspreche, indem es erklärt, daß die Arbeiterklasse die Aufgabe habe, die politische Gewalt und des Eigenthum zu erobern, um es zu vergesellschaften.
Die Anarchisten theilen diese Auffassung nicht. Sie sind überzeugt, daß eine solche geschichtliche Entwicklung in eine andere Klassenherrschaft entarien würde. Das Uebergewicht der herrschenden Klassen von heut würde ersetzt durch das Uebergewicht der Arbeiterklasse. Aber die Regierung kann nicht Allen nach Wunsch sein. Wenn morgen die Revolution· die Gewalt in die Hände der Arbeiterklasse legte, so würde sich diese ganze Aenderung daraus beschränken daß die Chefs sich aus den Arbeitern rekrutirtern statt aus den Bourgeois; aber es würde immer Chefs geben, eine Direction, eine Büreaukratie, und wir würden bald zu dem gegenwärtigen Zustand zurückkehren.
Der Vorsitzende ersucht den Redner, bei der Tagesordnung zu bleiben, indem er daran erinnert, daß der Congreß sich nicht vereinigt habe, um übrigens wohlbekannte Auseinandersetzungen über die Zukunft zu hören.
Bürger Merlino erwidert, daß er einerseits seine Ueberzeugung nicht verleugnen könne, und daß ihm andererseits die Anarchisten das Mandat gegeben hätten, dem Congreß beizuwohnen, damit er daselbst die Theorien entwickele die sie für wahr hielten. Der Congreß will sich mit der Frage der Arbeitergesetzgebung beschäftigen. Gibt es da Socialismus? Durch die Annahme einer solchen Tagesordnung hat der Congreß gezeigt, daß er nicht socialistisch ist, weil er sich mit etwas beschäftigen will, das von Regierungen vorgeschlagen ist. Die Regierungen wollen auch Reformen, aber Socialisten dürfen nicht in die Fußstapfen der Regierungen treten. Sich zum Vorkämpfer der Arbeitergesetzgebung machen, ist eine antisocialistische, eine Bourgeois-Arbeit, und Seitens der Revolutionäre vollständig absurd. Wenn sie den Weg der Reformen betreten, arbeiten sie darauf hin, ihre Sache zu verderben, die übrigens schon in sich den Keim der Corruption und des Ruines trägt. Der Socialismus wird mehr und mehr zeigen, daß er unfähig ist, die Emancipation der Menschheit zu verwirklichen; sein Tod wird daher nicht zu beklagen sein. Einmal begraben und seine Parteigänger verschwunden, werden Andere, die Anarchisten, das Banner entrollen, auf welches sie die vollständige Befreiung der Menschheit verzeichnet haben, und sie werden diese bessere Gesellschaft verwirklichen worauf ihre Anstrengungen gerichtet sind. –
Diese Auseinandersetzung, der einige wenige englische und französische Delegirte applaudirten, wurde von Seiten der großen Mehrheit der Versammlung häufig unterbrochen durch Protestationen, ironische Ausrufe und Zeichen einer großen Heiterkeit. Zu wiederholten Malen hatten sich Reklamationen erhoben, die verlangten, daß dem Redner das Wort entzogen werde, da die anarchistischen Theorien mehr als genügend bekannt seien und nur die kostbare Zeit vergeudet werde. Die Anarchisten verlangten eine vollständige Uebersetzung der Rede Merlino’s, „der sehr gut deutsch und englisch verstehend, im Stande ist, die Genauigkeit der Uebersetzung zu kontroliren.“ Andernfalls drohten sie Lärm zu machen.
Der Vorsitzende weist darauf hin, daß die Uebersetzungen des Bureau nothwendiger Weise abgekürzt und resumirend sind, aber daß sie immer genau sind. Bürgerin Aveling bemerkt, daß Merlino fließend englisch und deutsch spreche, daher sei es das Einfachste, daß er selbst seine Rede in diese Sprachen übersetze. Dies geschieht. Die deutsche Uebersetzung wird applaudirt, aber die Delegirten erklären, daß ihr Beifall sich ausschließlich auf die Uebersetzung, nicht auf den Inhalt der Rede beziehe.
Nachdem die Ruhe wieder hergestellt, erhält das Wort Bürger Iglesias, Delegirter der socialistischen spanischen Arbeiterpartei. Er beginnt seinen Bericht, indem er Namens der socialistischen Arbeiterpartei Spaniens den Congreß begrüßt. Das selbstbewußte Proletariat jenseits der Pyrenäen schickt einen herzlichen Händedruck seinen Brüdern der anderen Länder, die aus diesem Congreß vereint sind.
Die wirthschaftliche und gesellschaftliche Lage der spanischen Arbeiterklasse ist ziemlich dieselbe, wie diejenige der Arbeiter der anderen Länder Europas und Amerikas. Man hat sich daran gewöhnt, die Spanier als ein Volk von Politikern und Begünstigern von „Pronunciamientos“ 11 zu betrachten. Die Arbeiter sollen in eine Gleichgültigkeit versunken sein, die dem Stumpfsinn nahe ist. Sie arbeiteten wenig, äßen noch weniger, aber lebten glücklich Tags über in der Sonne und Nachts unter dem Sternenhimmel, wo der Maschinismus und die Großindustrie ihren Einzug noch nicht gehalten haben. Alles das ist reine Phantasie. Der Arbeiter ist in Spanien ebenso unglücklich, ebenso elend als in irgend einem anderen Lande. Er wird ebenso ausgebeutet, ebenso bedrückt in den Hütten, in den großen Werkstätten, in den Bergwerken und mehr noch bei der Landwirthschaft, wo eine zahlreiche Lohnarbeiterbevölkerung an den nothwendigsten Lebensbedürfnissen Mangel leidet, und wo sie zeitweise durch mörderische Arbeitslosigkeit decimirt wird. Die kapitalistische Concentration, das ist wahr, hat Spanien in seinem höchsten Entwicklungsgrade noch nicht erreicht; aber sie ist auf dem Wege. Dagegen ist das, was in Spanien noch von Kleinindustrie und Kleinhandel vorhanden ist, weit entfernt, sich, wie in gewissen anderen Ländern, mit einem patriarchalischen Charakter der Einfachheit und der Gutmüthigkeit zu umgeben, der es erträglich macht, in Spanien so habgierig, so unersättlich, so unanständig, daß die Arbeiter, wenn es in ihrer Macht stünde, sich beeilen würden, es vollständig verschwinden zu machen. Sie sind in der That überzeugt, daß der Kapitalismus, einmal centralisirt, viel leichter zu bekämpfen und zu ersetzen wäre. In dieser natürlich abweichenden Lage, die aus unserer Bourgeoisie einen Satelliten der an der Spitze der modernen kapitalistischen Bewegung marschirenden Nationen macht, konnten die spanischen Arbeiter nicht weniger thun, als der Bewegung, der Vertheidigung und Emanzipation zu folgen, welche von den Arbeitern der anderen Länder begonnen sind; denn dieselben Ursachen bringen dieselben Wirkungen hervor. Als daher die internationale Arbeiter-Association die Arbeiter der ganzen Welt ausrief, sich um dieselbe Fahne zu vereinigen, fand sie in Spanien einen sehr gut vorbereiteten Boden. Die Ideen und die Pläne der Organisation erfuhren daselbst die wärmste Aufnahme, und nach wenigen Monaten zählten die zur Internationalen gehörigen Arbeiter nach Tausenden. In fast allen großen Städten, und selbst in vielen kleinen, waren organisirte Sektionen von Gewerken, die in lokale Federationen (Verbindungen) vereinigt waren. Ein Bundesrath der die Beiträge centralisirte (zusammenbrachte) und regelmäßig mit dem Generalrath in London correspondirte, war in Madrid ungefähr zwei Jahre lang thätig.
Die Pariser Revolution vom 18. März 1871 gab dieser Bewegung einen neuen Aufschwung, und der Fall der Commune und die schrecklichen Repressalien, die diesem folgten, riß einen Schrei des Schmerzes und der Wuth aus jeder Arbeiterbrust. Die spanischen Arbeiter erklärten sich mit der besiegten Commune ebenso solidarisch, wie sie es gegenüber der siegreichen Commune gethan hätten. Das war für sie die erste und unableugbare That des Klassenkampfes. Seitdem ist nicht ein Jahr verflossen, ohne daß nicht auf allen Punkten Spaniens die Arbeiter, selbst viele von denen, die sich nicht an den Arbeiter-Organisationen betheiligten, den Jahrestag des 18. März wie den ihrer eigenen Revolution gefeiert und die Grausamkeit der französischen Bourgeoisie während der blutigen Woche gebrandmarkt hätten. Die durch die erste Arbeiterrevolution aufgepflanzte Standarte ist unsere Fahne geworden. – Jedermann hier kennt die Ursachen der Spaltung in der Internationalen, die unter Mithülfe der Reaction damit endete, daß sie aufgelöst wurde. Aus ihren zerstreuten Theilen hat sich die gegenwärtige socialistische Partei gebildet. Sie ist noch nicht sehr stark, ihre Anhänger sind noch nicht zahlreich, aber sie ist fest und dauerhaft organisirt, sie zählt Gruppen in den Hauptstädten Spaniens, in allen Manufaktur- und Bergbaucentren, und diese Organisation macht beständige Fortschritte. Ihr Programm ist das der französischen socialistischen Arbeiterpartei, der deutschen Socialdemokratie und der amerikanischen Arbeiterpartei, d. h. es ist auf den von unserem unvergeßlichen und beklagten Karl Marx aufgestellten wirthschaftlichen Grundsätzen basirt. Sie folgt der politischen Leitschnur, die dieser stets gerathen hat: Kampf auf allen Gebieten gegen die feindliche Klasse, gegen die Bourgeoisie, und vollständige Trennung der Arbeiterpartei von allen bürgerlichen Parteien.
Die spanische socialistische Arbeiterpartei, deren wirkliche Existenz als politische Partei kaum seit drei Jahren datirt, hielt ihren ersten Congreß am 23. August 1888 in Barcelona ab. Da bestätigte man das Programm der Partei, genehmigte es und ernannte ein internationales Comité, das gegenwärtig in Madrid seinen Sitz hat. Man beschloß daselbst unter Anderem, daß die socialistische spanische Arbeiterpartei einen Vertreter auf den nächsten internationalen Arbeiter-Congreß in Paris, den gegenwärtigen Congreß, senden solle und daß man ihm speziell das Mandat geben solle, die Schöpfung eines internationalen Comités zu verlangen.
Man muß endlich nicht vergessen, daß neben der eigentlichen socialistischen Partei, die, obgleich ausschließlich aus Arbeitern zusammengesetzt, in ihrem Schooß auch der Bourgeoisie entstammende Elemente aufnehmen kann, wie neben der alten Internationalen, eine mächtige Organisation von Widerstandsgesellschaften (Fachvereinen und Gewerkschaften) besteht, die man Syndikatskammern nennt, die aber bei uns nicht mit der socialistischen Partei zusammengehen. Unsere Partei begünstigt die Entwicklung dieser gewerklichen Organisationen und hilft dabei. Sie wirkt auch aus allen ihren Kräften mit, nothwendige Arbeitseinstellungen zu unterstützen, denn sie hat die Arbeitseinstellung immer als eine für den Arbeiter im Kampfe um sein Leben unvermeidliche Masse betrachtet. Ihre Anstrengungen sind mehr als einmal durch den Sieg gekrönt worden, z. B. in der großen siegreichen Arbeitseinstellung der Madrider Schriftsetzer vor drei Jahren. Bei alledem hat die socialistische Arbeiterpartei es für nöthig erachtet, für den Augenblick zwischen sich und den gewerblichen Organisationen eine Scheidung vorzunehmen. Ein Tag wird kommen, der Berichterstatter ist davon fest überzeugt, wo eine Verschmelzung ihres Bestehens sich ganz von selbst machen wird, ohne Anstrengungen, da sowohl die Ursache eine gemeinschaftliche ist, wie der Zweck, den die Einen wie die Anderen verfolgen. „Und an diesem Tag, der nicht fern ist, sagte beim Schluß Bürger Iglesias, werden wir eine Macht sein, und werdet ihr auf uns rechnen können. Das spanische Proletariat wird auch fernerhin seine Pflicht zu thun wissen; unsere Bourgeoisie ist ebenso verfault und ebenso unterdrückend als die Eure, aber sie ist unwissender und träger, und es wird uns keine zu große Mühe kosten, sie zu überwinden. (Beifall.)
Bürger Mesa, spanischer Delegirter, fügt, nachdem er diese Rede in’s Französische übersetzt hat, hinzu, daß sein Genosse und Freund Iglesias in seiner Bescheidenheit es unterlassen habe, von der Zeitung „il Socialista“ in Madrid zu sprechen. Er selbst, Delegirter der Gründungsgruppe dieses Journals, müsse erklären, daß dieses wachsame Organ einer der mächtigsten Hebel der Organisation und der socialistischen Propaganda in Spanien sei. Sein Leben, verhältnißmäßig lang, hat Ergebenheit und Energie gezeigt. Das Journal wird von Arbeitern geschrieben, wird von Arbeitern unentgeltlich gesetzt und wird ausgezeichnet verwaltet von Arbeitern. (Großer Beifall.)
Bürger Houst, Delegirter der romanischen Schweiz, skizzirt in einer kurzen Auseinandersetzung die Bewegung der Gegner, die er vertritt. In der französischen Schweiz, sagt er, ist die Bewegung mehr gesellschaftlich und wirthschaftlich als politisch. Eine verhältnißmäßig größere Freiheit als in den anderen Ländern genießend, ist die Bevölkerung daselbst weniger revolutionär, weil sie weniger bedrückt ist.
Der Socialismus, selbst der Anarchismus kann sich bei uns frei entfalten. Die Bewegung zu Gunsten einer internationalen Arbeiterbewegung wird uns erlauben, Cadres (Rahmen) zu formiren und uns besser zu organisiren. In den Jurabergen hat sich die Bevölkerung für die socialistischen Ideen erklärt. Sie wünscht, daß die Arbeit in den Fabriken geregelt sei und daß die Unternehmer baar bezahlen. Dank der Lage und der Propaganda entwickeln sich die Ideen des Socialismus und fassen immer tiefere Wurzeln. Auch wir in der Schweiz werden in dem Kampfe aegen das Kapital nicht erlahmen, und wir werden bemüht sein, unsere Organisation stets zu verbessern. (Beifall.)
Nachdem dieser Bericht beendet ist, wird die Sitzung gegen 9½ Uhr Abends geschlossen.
Freitag, den 19. Juli. Vormittags-Sitzung
Das Präsidium führt der Bürger von Vollmar.
Vor Eintritt in die Tagesordnung theilt Bürger Bebel dem Congresse mit, daß verdächtige Persönlichkeiten sich unter die Abgeordneten eingeschmuggelt haben, die den Deutschen einzureden suchen, sie könnten in Paris frei sprechen, ohne irgend welche Vorsicht zu gebrauchen; sie könnten vor keinem deutschen Gerichtshofe wegen dessen, was sie in Frankreich sagten, zur Beantwortung gezogen werden – selbst wenn es gegen das Gesetz über Majestätsbeleidigung verstoße. Bürger Bebel ermahnt die deutschen Delegirten eindringlich, auf ihrer Hut zu sein, und sich nicht durch solche offenbare Lockspitzel provociren zu lassen.
Nachdem der Versammlung die Mittheilung von der Ankunft neuer Delegirter, Telegramme, Zustimmungsbriefe und von einer Gabe von 100 Franks seitens der holländischen Delegirten für die Opfer von St. Etienne gemacht ist, charakterisirt Bürger Lafargue das Verhalten der französischen Presse gegenüber dem Congresse. Augenscheinlich ist die Losung ausgegeben worden, diesen Congreß todtzuschweigen, während man den Congreß der Possibilisten aufbauscht und ihm schmeichelt. Dem gegenüber zeigt sich die englische Presse viel anständiger.
Bürger Liebknecht fügt hinzu, daß die meisten deutschen Blätter den Congreß mit einer empörenden Unanständigkeit behandelt haben. Die „Frankfurter Zeitung“ ein angeblich demokratisches Blatt, zeichnet sich vor allen durch ihre lügenhaften Berichte und durch die Gemeinheit, mit der sie Lafargue und Guesde mit Koth bewirft, aus.
Ein anderes deutsches Blatt erzählt, daß Bürger Anseele, Delegirter von Gent, aus dieser Stadt geflüchtet sei, indem er die Kasse des Vooruit, die angeblich 160,000 Franks enthielt, mit fort nahm.
Bürger Christensen, dänischer Delegirter, theilt dem Congreß mit, daß ein großer Streik unter den Tischlern Copenhagens ausgebrochen sei. Die Schuld liegt an den Arbeitgebern, welche nach Bruch der formellen Contrakte sich zur Herabsetzung der Löhne vereinigt haben, die bereits hinlänglich schlecht sind. In Folge dieser Streiks sind 7 Werkstätten geschlossen und ungefähr 1200 Arbeiter ohne Arbeit. Die Arbeiter verlangen einen Lohn von 20 Franks pro Woche.
Bürger Palmgreen, Delegirter der socialistischen Partei Schwedens und des „socialistischen scandinavischen Cirkels von Paris“, beginnt seinen Bericht mit der Erörterung, woher es käme, daß er, der in Paris wohne, beim Congresse die Arbeiterpartei seines Heimatlandes vertrete – die Redakteure der 4 socialistischen Blätter, ebenso wie 6 bis 10 der besten Agitatoren sind augenblicklich im Gefängniß.
Die socialistische Propaganda begegnet in Schweden großen Schwierigkeiten, man unternimmt sie überall während des Sommers, der nicht lang ist, indem man Ausflüge über Land veranstaltet. Die Arbeiterbewegung ist noch ziemlich jung. Ein großer Streik der Holzsäger, welcher nicht gelang, trieb die Arbeiter zur Organisation. Der Schneider Palm war es, der zuerst die socialdemokratischen Theorien unter den Arbeitern Schwedens verbreitete. Mit unermüdlichen Eifer und bewundernswürdiger Aufopferung organisirte dieser Mann im tiefen Winter, oft in Mitten der Wälder, Versammlungen der Propaganda. Drei Mal machte er zu Fuß den Weg durch ganz Schweden, vertheilte Broschüren, Flugblätter, und streute überall den Samen des Guten aus. Er begründete den „Socialdemokrat“ in Stockholm, welcher gegenwärtig 5 bis 6.000 Abonnenten besitzt. Zur selben Zeit sammelte er, mit Branting und Danielson, junge Leute, die gleich ihm für die socialistischen Ideen begeistert waren und sich nicht nur aus den Reihen der Arbeiter, sondern auch aus denen der Studirenden recrutirtern. Die Partei beschäftigte sich im Anfang fast ausschließlich mit der politischen Agitation, aber seitdem die Arbeiter sich gewerkschaftlich organisiren, herrschen die ökonomischen und socialen Fragen vor. Im Frühling dieses Jahres war in Stockholm ein Parteicongreß, auf welchem 75 Organisationen vertreten waren. Dieser Congress hatte fast dieselbe Tagesordnung und dasselbe Programm wie der gegenwärtige internationale Congreß. Auf diesem Congress wurde beschlossen, mit gesetzlichen Demonstrationen etc. Propaganda zu Gunsten der Erlangung einer Arbeiterschutzgesetzgebung zu machen. In Schweden sind wie in Oesterreich die Gesetze der Form nach sehr liberal, aber sobald die Arbeiterbewegung davon Nutzen ziehen will, findet der Staat für sie eine reaktionäre Anwendungsweise. Trotz aller garantirten Freiheiten müssen die Arbeiter oft zur List Zuflucht nehmen, um ihre Verbindungen zu organisiren.
Alle Scheerereien haben jedoch nicht hindern können, daß der Socialismus nicht nur in die Massen der industriellen Arbeiter, sondern auch in die der ländlichen eindrang. Heute unterstützen die Bauern und die Arbeiter der Städte einander in dem gemeinsamen Kampfe.
Auch der schwedische Staat steht schon im Begriff, ein Ausnahmegesetz gegen die Socialisten zu schaffen, ein eklatanter Beweis von der Macht, welche die Bewegung in kurzer Zeit erlangt hat. Unterdessen benutzt der Staat rücksichtslos alle Mittel, selbst die niedrigsten und schändlichsten, um die socialistische Propaganda aufzuhalten. Die Briefe der Socialisten passiren das schwarze Cabinet und die socialistischen Telegramme werden nicht immer bei den Telegraphenbureaus angenommen. Die Unterdrückungen tragen dazu bei, den Charakter der Arbeiterbewegung zu ändern, die mehr und mehr ein streng socialistisches Wesen annimmt. Der Glaube an die Wirkungskraft von Palliativmitteln ist unter den Arbeitern fast vollständig Verschwunden, nur die Ueberzeugung wird immer allgemeiner, daß allein die Vergesellschaftung der Produktionsmittel die sociale Frage lösen kann. In der Verfolgung dieses Zweckes sind wir bemüht, Gewaltmittel zu vermeiden, aber die Bourgeoisie wird es schließlich dazu treiben, daß Katastrophen hereinbrechen. Die schwedischen Socialisten wissen wohl, daß die große Frage darin beruht, die Macht der Arbeiter zu organisiren. Es ist nichts damit gethan, zu schreien „Es lebe die Revolution!“, sondern man muß handeln und die Arbeiter so stark machen, daß sie ihre Rechte erkampfen. Gewiß, wir sind für die Revolution, d. h. für die radikale Umgestaltung der Produktionsverhältnisse, aber diese Revolution muß wohl vorbereitet und planmäßig durchgeführt werden. Die Organe der socialistischen Arbeiterpartei Schwedens sind: „Der Proletarier“, „Der Socialdemokrat“ und „Die Volksstimme“; sie erscheinen alle in Stockholm. Organisationen im Auslande, die ihr angehören, die Clubs und Cirkel der schwedischen Arbeiter, die im Ausland wohnen, sind gewissermaßen Schulen, in denen die Mitglieder ihre Heranbildung zu Rednern und Agitatoren vornehmen lassen können. Der scandinavische socialistische Cirkel in Paris, den der Bürger Palmgreen ebenfalls vertritt, zählt 85 Mitglieder. (Bravo.) –
Der Bürger Kirchner, Delegirter der „Vereinigten deutschen Gewerkschaften von New-York“, sagt, man begegne den widersprechendsten Ansichten über die Arbeiterbewegung und über die Lage des arbeitenden Volkes in der neuen Welt. Indessen, fährt er fort, kann ich Ihnen keinen vollständigen Bericht, der durch statistische Zahlen unterstützt ist, geben, weil zwischen meiner Wahl als Delegirter und meiner Abreise nach Paris nur ein Zwischenraum von einigen Tagen lag. Es ist also weniger ein Bericht als eine Skizze, die ich geben kann, und diese Skizze wird etwas farblos und düster erscheinen neben dem so frischen und prächtigen Bild der deutschen Arbeiterbewegung, das uns Bürger Bebel gezeichnet hat.
In Amerika ist die kapitalistische Produktion zu einem derartigen Grade der Entwicklung gelangt, daß man das Recht hat, sich zu fragen: „Wie lange wird sie überhaupt noch dauern?“
Die Kapitalien kleiner Kapitalisten genügen nicht mehr zur lohnenden Ausbeutung der Arbeitermassen. Man häuft die Kapitalien daher aufeinander, und bildet förmliche Armeen von Kapitalien. Die Monopole und die Trusts haben ebenso in der Industrie wie im Ackerbau das Raubsystem des 19. Jahrhunderts auf die Spitze getrieben. Die Macht des organisirten Proletariats ist noch nicht gleich der mehr und mehr concentrirten Macht des Kapitals. Die Löhne und mit ihnen die Lebensbedingungen des arbeitenden Volkes sinken fortwährend. Alle oder fast alle Versuche zu einer Erhöhung der Löhne scheitern, wie es die wahrhaft heroischen Versuche der Bergleute der Kohlenbergwerke, der Arbeiter der Textil-industrie, der Angestellten mit den Trambahnen New-Yorks beweisen. In Amerika wie überall begnügt die Hyäne Kapital sich nicht mehr mit dem Mark Erwachsener, sie verschlingt alles, was in ihre Krallen fällt ohne Unterschied dem Alters und Geschlechtes. Um nicht der Uebertreibung bezichtigt zu werden, will ich einen Auszug aus dem „Dritten Jahresbericht der Fabrikinspektoren des Staates New-York“ anführen; In New-York sagt der Bericht, in den Distrikten der „tenements-houses“ – der Miethskasernen – wo man Kleidungsstücke herstellt, herrscht ein Arbeitssystem, welches der Sklaverei möglichst nahe kommt. Die Arbeit wird unter Aufsicht von Aufsehern verrichtet, welche bis zwei Kämmerchen in den oberen Etagen eines hohen Gebäudes vermiethen und darin einige Maschinen zum Nähen und einen Ofen, um das Eisen um Plätten heiß zu machen, aufstellen. Sie dingen darauf eine gewisse Zahl Männer und Weiber, die sie für sich arbeiten lassen. Diese Arbeiter fangen den Tag gewöhnlich um ½ 7 Uhr an, um bis Abends 9 oder 10 Uhr sich abzunähen mit vielleicht einer halbenStunde Pause für das Mittagsmahl. Gewöhnlich essen und schlafen sie in demselben Zimmer, in dem sie arbeiten, und die drückende und schlechte Atmosphäre, von der sie immerfort umgeben sind, und der Schmutz, in dem sie vegetiren, ist entsetzlich. Tausende junger Mädchen und Knaben ebenso wie Frauen sind dieser Existenz von Schmutz, Schinderie und Erniedrigung überliefert. Für sie gibt es keinen Hoffnungsstrahl!
„Der Lohn, den sie erhalten, ist schon höchst gering, aber an dem wenigen, was sie verdienen, nimmt man noch Abzüge unter der Form von Geldbußen vor, für eine Arbeit, die als mangelhaft erklärt wird, und unter der Form von Steuerantheilen für Logis, Heizung und Beleuchtung, Wenn eine Maschine in Unordnung kommt, wenn ein Theil davon zerbricht, ist es der Arbeiter, der die Ausbesserung zahlen muß. Von allen Seiten werden die Arbeiter bestohlen, gehetzt und unterdrückt. Es gibt keine Besserung für sie, so lange das Gesetz nicht zu ihrem Schutze eintritt.
„Wenn man von der Frage nach dem Wohlbesinden dieser unterdrückten Arbeiter absieht, so muß die Frage in ihrer gegenwärtigen Lage das ganze Land interessiren. Die Quartiere, welche sie bewohnen, ebenso wie ihre Art und Weise zu leben, ist ganz geeignet, in New-York ansteckende Krankheiten hervorzubringen und zu verbreiten. Es handelt sich hier nicht um eine entfernte Eventualität, sondern Um eine Frage von höchster Wichtigkeit, die eine unmittelbare Erwägung erfordert. Das Heilmittel kann nur darin bestehen, dass die Fabrikation der Produkte für den Markt in diesen Pesthöhlen absolut untersagt wird“.
So ein amtlicher Bericht.
Diese Beschreibung der Arbeiterverhältnisse in einem einzigen industriezweige, die einer Quelle entlehnt ist, welche der Parteilichkeit unverdächtig ist, erlaubt uns Schlüsse auf die Zustände in den anderen Industrien zu ziehen.
Welches sind nun die Mächte, die derartigen Verhältnissen den Krieg erklärt haben, das heißt, welches sind die Arbeiterorganisationen in den Vereinigten Staaten?
Meines Wissens ist die wichtigste Organisation, und diejenige, welche die meisten Hoffnungen für die Zukunft gibt, der „Amerikanische Arbeitsbund“ – Federation of Labor –; derselbe wird gebildet von den Gewerkschaften deren Geist und Tendenz an die alten englischen Trades-Unions erinnert. Hinsichtlich der Arbeiterbewegung kämpft er noch auf dem Boden des Lohnsystemes, das heißt, er verlangt eine Herabsetzung der Arbeitszeit und eine Erhöhung des Lohnes. Dieser Bund hat die Initiative ergriffen zu einer Bewegung, welche neuerdings zu Gunsten des achtstündigen Normalarbeitstages wieder begonnen hat. Für mich steht es außer Zweifel, daß sehr intelligente Führer dieser Organisation schon das Unzureichende der Ziele, die wir soeben genannt haben, eingesehen haben. Aber sie halten es für verfrüht, weiter zu gehen in der Richtung des Socialismus. Von unten aus wird ein Druck nach dieser Richtung hin ausgeübt werden und nach Entfernung der widerstreitenden Elemente wird der „Amerikanische Arbeitsbund“ in kurzer Zeit zugleich mit dem zielbewußten Proletariat der alten Welt den Klassenkampf proklamiren.
Die zweite große Organisation ist „Der Orden der Ritter der Arbeit“ – Knights of Labor. Diese Arbeitergruppe, begründet von sehr wohlmeinenden und relativ fähigen Männern, hat die Hoffnungen nicht gerechtfertigt, welche der Orden Anfangs bei einer großen Anzahl von Arbeitern, sogar bei Socialisten, erweckt hatte. Seit dem letzten Jahre nimmt die Organisation der „Ritter der Arbeit“ reißend ab, die Zahl ihrer Anhänger von ehemals ist auf die Hälfte gesunken. Dieser Rückgang erklärt sich hauptsächlich aus der Unfähigkeit und der Unredlichkeit der Führer. Mr. Powderly, der „Großmeister“, erhält jährlich 5.000 Dollars – ungefähr 25.000 Franks – aus den Taschen der Mitglieder des Ordens, als regelmäßigen Gehalt; außerdem deckt der Orden die wahrhaft kolossalen „außergewöhnlichen Ausgaben“ des Chefs, welcher von einer wahren Hierarchie von Beamten umgeben ist, die ihn unterstützen. Mr. Powderly hat eine verkehrte Entwicklung durchgemacht – Anfangs bezeichnete er sich als Mitglied der socialistischen Arbeiterpartei. Ein solcher Mensch bietet keine Garantie für die Zukunft dar; man muß solche Elemente völlig entfernen und Arbeiter, wie die deutschen Socialisten in Amerika, betrachten es überall als ihre Ausgabe, die proletarische Bewegung von allen zweifelhaften und unehrlichen Elementen zu reinigen, eine Erziehung der Massen zu veranstalten und bessere Erkenntniß über die letzten Ziele der Arbeiterbewegung zu verbreiten. Diese Aufgabe ist nicht leicht. Sie legt uns große Opfer an Zeit und Geld auf. Zu Streiks und Lockouts – Aussperrungen – sind die deutschen Arbeiter und ihre Organisationen immer zur Hülfe bereit. Bei diesen Gelegenheiten suchen Irländer und Amerikaner gern die deutschen Kameraden auf, für die sie sonst oft eine Art Geringschätzung an den Tag legen. Dies hindert uns jedoch keineswegs unsere Pflicht zu thun. Obgleich der langsame Fortschritt manche von uns zu Pessimisten gemacht hat, treten immer neue Kämpfer auf den Kampsplatz.
In Anbetracht der beschränkten Zeit, über die ich verfüge, will ich nichts von der Wirksamkeit der Deutschen in den rein socialistischen Organisationen, das heißt in der socialistischen Arbeiterpartei sagen. Wir sind überall auf dem Posten, wo es sich darum handelt, eine Bresche in die feindliche Festung zu schießen, und wir legen nicht früher die Waffen aus den Händen, als bis der Gegner ohnmächtig am Boden liegt. (Beifall)
Bürger Ferroul, französischer Deputirter, gibt einen kurzen Ueberblick über den herrschenden Parlamentarismus, welcher nach ihm unvermeidlich auf eine Täuschung der Massen hinausläuft. Vor den Wahlen geben sich die Herren Candidaten ein Aussehen, als wären sie Socialisten, sie behaupten, voller Fürsorge für die Arbeiter zu sein. Aber, einmal gewählt, kümmern sie sich wenig um die Interessen der Proletarier. Nur gegen das Ende einer Legislaturperiode, kurz bevor sie sich von Neuem ihren Wählern vorstellen, lassen sie in Eile Gesetze von socialistischem Aussehen annehmen, sicheren Bewußtseins, daß dieselben von dem Senat verworfen werden. So ging es z. B, mit dem Gesetz über die Unfälle, über die Grubeninspektoren u. s. w.
Die Exdeputirten, die wieder Deputirte werden wollen, bedienen sich dieser Gesetze, um die wählenden Massen mit Schwindelphrasen über ihre angebliche Arbeiterfreundlichkeit zu ködern, kurz, sie schrecken vor den gröbsten Wohlmanövern nicht zurück. Ein solches Wahlmanöver ist z. B. auch die Revision der Verfassung.
So lange als es eine opportunistische oder radikale Bourgeois-Revision sein wird, so lange wird die Aenderung, die sie herbeiführen soll, nur eine scheinbare sein. Die Deputirten besorgen in ausgezeichneter Weise die Geschäfte der Bourgeoisie, weil sie die Vertreter dieser und nicht die des Volkes sind. Aber es gibt einen unversöhnlichen Widerstreit zwischen den Interessen des Volkes und denen der Bourgeoisie.
Dieselben Männer, welche die Geschäfte der letzteren besorgen, können nimmermehr der Masse des Volkes dienen. Wenn die Arbeiter wollen, daß ihre Interessen wirksam vertreten sind, müssen sie selbst sie in die Hand nehmen. Sie werden nicht triumphiren, wenn sie sich auf Andere verlassen, sondern nur, wenn sie auf ihre eigene Macht rechnen. (Lebhafte, wiederholte Bravorufe.)
Bürger Christensen ergreift das Wort zu einem Bericht über die Arbeiterbewegung in Dänemark. Die dänische Bewegung ist noch jung, weil die Bourgeoisie erst nach dem Jahre 1849 zu herrschen anfing, dem Jahre, in welchem eine freie, der französischen vom Jahre 1789 ähnliche Verfassung erlangt wurde.
Die Revolution in Paris im Jahre 1871 gab einen gewaltigen Anstoß zur Arbeiterbewegung Dänemarks. Viele Arbeiter gehörten zur Internationalen, bis der Staat ein Gesetz gegen diese Verbindung erlassen hatte.
Am 5. Mai 1871 berief ein Aufruf an die Arbeiter Kopenhagens diese zu einer großen Versammlung auf das Nordfeld, nahe der Stadt. Diese ersammlung wurde von der Polizei verboten und die Anstifter Louis Pio, Brix und Gelef wurden verhaftet und zu mehreren Jahren Zwangsarbeit verurtheilt. Die Brutalität der Behörden trieb die Arbeiter zu einer stärkeren Organisation, und Pio, aus dem Gefängniß entlassen, wurde zum Chefredakteur des officiellen Organes der dänischen Arbeiterpartei, des „Socialdemokrat“, welcher damals eine Auflage von 10.000 Exemplaren hatte, ernannt. Im Jahre 1876 wurde Pio als Arbeiterkandidat für die Deputirtenkammer aufgestellt, aber, da die Reaktion noch sehr stark war, erhielt er nur 1100 Stimmen gegenüber 3000, die seinem Gegner gegeben wurden. Im Jahre 1877 wanderten Pio und Gelef nach Amerika aus und man vermuthete, daß sie von der Polizei bezahlt gewesen waren, um ihr die Zerstörung der Arbeiterorganisationen zu erleichtern. Allein dieser Zweck wurde nicht erreicht – im Gegentheil, die Organisationen befestigten sich täglich. Harald Brix blieb in Dänemark bis zu seinem Tode und kämpfte energisch für die Arbeitersache. Er gründete eine Partei (sogenannte „Haralden“) und ein Journal mit mehr revolutionärer Tendenz, aber diese Partei ging mir dem Tode ihren Gründers unter. Obgleich es nun viele Streitigkeiten über persönliche Fragen gab, verschmolzen doch die gemäßigte und die revolutionäre Partei nach dem Tode von Brix ineinander.
Die socialistische Arbeiterpartei Dänemarks war bis zu dieser Zeit aus den Gewerkschaften und Fachvereinen zusammengesetzt ihr Programm war gleichzeitig politisch und ökonomisch. Im Jahre 1878 gründete man den socialdemokratischen Bund, dessen Zweck die Erörterung der politischen und socialen Fragen bildete Nach dem Congreß von Kopenhagen im Jahre 1880 beschloß man, daß die beiden Organisationen – daß heißt die Gewerkschaften und Fachvereine einerseits und der socialdemokratische Bund andererseits – gemeinsam auf dem Wege der politischen und socialen Forderungen vorgehen sollten. Von 1880 bis heute hat die Arbeiterbewegung große Schritte gemacht. Das Journal der Partei, „der Socialdemokrat“, hat unter der Redaktion des Bürgers Wiinblad eine Zahl von 22.000 Abonnenten erreicht.
Die Partei ist überzeugt, daß die gewerkschaftlichen Organisationen eine mächtige Hülfe in dem Kampfe gegen das Kapital sind.
Für den Augenblick gibt es 70 vereinigte Gewerkschaften und Fachvereine, die im Ganzen 20.000 Mitglieder zählen. Die geschiedenen Arbeiterparteien nehmen sehr aktiven Antheil an den Wahlen. In dem Wahlkampf von 1884 verbanden sich die Socialisten mit den Liberalen, um das Ministerium Estrup zu stürzen. Das Resultat davon war die Wahl zweier socialistischen Candidaten: Holm und Hördum. Aber dieser Sieg hat die unglückliche Lage der Arbeiter nicht geändert.
Die Regierung spottet über die Gesetzentwürfe, welche die Arbeiterdeputirten eingebracht haben und das Ministerium hat sie mit provisorischen Bestimmungen beantwortet. Für die Folge ist es unmöglich, Reformen zu erlangen, um die Arbeiter in dem Werk ihrer Befreiung zu gelegener Zeit zu unterstützen.
Bei den Wahlen von 1887 wurde der Bürger Hördum nicht wiedergewählt und Bürger Halm siegte nur mit einer kleinen Majorität. Diesen geringen Erfolg verdankt man einem Wahlgesetze, welches den Bürgern gestattet, die Stimmabgabe der Arbeiter zu kontroliren und welches bestimmt, daß jeder Wahler, der Unterstützung aus öffentlichen Hilfsmitteln erhalten hätte, das Wahlrecht verlieren sollte. Erst im Alter von 30 Jahren hat der dänische Bürger das Recht der Stimmabgabe. Die socialistischen Candidaten haben die große Stimmenzahl von 8.000 in Kopenhagen erhalten.
In diesem Augenblick sind die Fachvereine und Gewerkschaften in einen heftigen Kampf gegen den Kapitalismus verwickelt. Die Tischlermeister und die Möbelfabrikanten haben mehr als 3.000 Arbeiter auf das Pflaster geworfen, weil diese sich nicht der kapitalistischen Tyrannei unterwerfen wollten. Die dänischen Kapitalisten benützen alle Mittel, um die Arbeiterorganisationen zu vernichten, und der Minister Estrup hat dem Volke die politischen Rechte vollständig geraubt; während 10 Jahren hat er das Land mit provisorischen Gesetzen regiert. Die dänische Bewegung hat den Antrieb von den Franzosen empfangen, sie folgt in ihrer Entwicklung der Richtschnur der deutschen Socialisten.
Die dänischen Socialisten haben großes Zutrauen zu der liberalen bürgerlichen Partei gehabt, jedoch, da sie immer betrogen worden sind, beginnt ihre Illusion zu schwinden und sie suchen sich Jetzt als eine reine Klassenpartei zu constituiren.
Die Organisation der Arbeiter ist überall in Dänemark in gutem Stand, besonders in Jütland, wo man socialistische Journale in 4 großen Städten gegründet hat, ebenso wie es socialistische Gruppen in fast allen kleinen Städten gibt.
Am Beginn dieses Jahres hat man in Kopenhagen ein radikalsocialistisches Blatt gegründet, welches den Zweck verfolgt, die socialistischen Theorien zu verbreiten, der Arbeiterbewegung einen streng socialistischen Charakter zu verleihen und das dänische Proletariat zu einer Klassenpartei zu entwickeln.
Die dänische Regierung mit dem „kleinen Bismarck“: Estrup an der Spitze, hat versucht, die Arbeiter durch gesetzgeberische Maßregeln zu täuschen, aber die Arbeiter, welche beinahe von dem Kapitalismus erdrosselt sind, haben kein Vertrauen mehr in deren Wirksamkeit. Sie wissen genau, daß es keine Gesetzgebung ist, welche dem Arbeiter frommt, sondern nur ein Szenen-Wechsel des gleichen Systems.
Bürger Christensen versichert am Schluß, daß nicht Diejenigen Anhänger der Arbeiterpartei sind, welche wenig klare Ansichten haben und ihre Hoffnung auf Palliativmittel setzen. „Aber es gibt in der Arbeiterbewegung Dänemarks verschiedene Ansichten über die zu befolgende Taktik, wie dies auch in anderen Ländern der Fall ist.“ (Bravo!)
Mit dem Berichte des dänischen Delegirten ist die Reihe der Generalberichte abgeschlossen und der Congreß schreitet zur Entgegennahme der Specialberichte.
Bürger Diekmann, Delegirter von Bergleuten Westphalens, wird mit lebhaftem Beifall begrüßt und gibt eine Darstellung der Lage seiner Arbeitsgenossen.
Angesichts der knapp bemessenen Zeit, die der Congreß jedem einzelnen Redner widmen kann, ist es ihm nicht möglich, an die er Stelle Entstehung und Entwicklung des Streiks der rheinisch-westphälischen Bergarbeiter zu erzählen. Im Widerspruch mit den Polizeiberichten war es nicht die Socialdemokratie, welche diesen Streik gezeitigt hat, vielmehr hat das tiefste Elend die Bergarbeiter dazu getrieben, die Arbeit einzustellen. Schließlich kamen dennoch die Bergarbeiter zum vollen Bewußtsein ihrer Lage; sie begriffen, daß sie auf Niemand zählen dürfen, als auf sich selbst, und so war die überwiegende Mehrheit gegen eine Abordnung der Herren Bunte, Schröder und Siegel als Deputation an den Kaiser. Die Ultramontanen hatten die Bergarbeiter überredet, sich direkt an den Kaiser zu wenden, wiewohl alle Versammlungen der Streikenden sich gegen eine solche Abordnung erklärten, indem die Leute sich sagten: „Wir haben es nur mit unseren Arbeitgebern, den Kohlenbaronen zu thun; der Kaiser kann hier nichts machen“. Indessen ließen sich die drei Genannten durch den Hauptredakteur der ultramontanen Zeitung und durch die Direktion der Kohlengrube „Karlsglück“ in Dorstfeld beeinflussen und fuhren, ohne von den Streikenden gewählt zu sein, nach Berlin. Diese angebliche Abordnung der Bergleute hat den Streik zum Scheitern gebracht. Während des Berliner Aufenthalts der drei „Delegirten“ veröffentlichten die Zeitungen falsche und einander widersprechende Berichte, die einen wahren Wirrwarr unter den Streikenden hervorbrachten, so daß diese nicht mehr wußten, an wen sie sich zu halten hatten. Der Streik ist verunglückt, – aber die Bergarbeiter sind nicht mehr dieselben wie früher. Die Zahl der Unzufriedenen ist beträchtlich gestiegen und sie haben sich mehr und mehr dem Socialismus zugewendet, gegen den sich die Bergarbeiter bis dahin ablehnend verhalten hatten, indem sie, in’s Schlepptau der Kapläne genommen, sich von der Arbeiterbewegung aus Furcht vor dem Socialistengesetz fernhielten. Nachdem sie nun alle Härten dieses Gesetzes zu schmecken bekommen haben, lediglich aus dem Grunde, weil sie Arbeiter sind, wurden die Bergarbeiter der zielbewußten Arbeiterbewegung zugeführt. Sie begreifen vor allem die Nothwendigkeit, sich gewerkschaftlich fest zu organisiren und sich aller Beeinflussung durch die Geistlichkeit zu entziehen. Die neue Organisation, deren Statuten schon entworfen sind, wir den Namen „Vereinigung zur Wahrung und Förderung der Interessen der Bergleute in Rheiland-Westphalen“ tragen. Nachdem einmal bei diesen Bergleuten Klarheit über ihre wahren Interessen geschaffen worden ist, werden sie sich der verhängnißvollen Macht der Priester und der Macht des Kapitals, durch welche sie unterdrückt werden, entziehen. Die Geistlichkeit und die Polizei arbeiten um die Wette, dieser Organisation der Bergleute Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Es wird ihnen fast unmöglich gemacht, Versammlungen einzuberufen, die Polizei verbietet dieselben auf Grund des Socialistengesetzes von vornherein. Ferner haben die Bergarbeiter keine für ihre Aufklärung so nothwendige Lektüre, da ihnen nur nationalliberale und ultramontane Zeitungen zur Verfügung stehen. Alle socialistischen Blätter und Arbeiter-Zeitungen sind ihnen verboten, und nur mit der größten Gefahr und Mühe kann man solche Blätter unter ihnen verbreiten. Um diesen Stand der Dinge nach Möglichkeit zum Besseren zu ändern, hat man ein Arbeiterblatt gegründet, die „Westphälische Arbeiterzeitung“, welche in Dortmund erscheint und bereits 4.000 Abonnenten zählt. Sie bemüht sich Aufklärung zu verbreiten, und mit gutem Erfolg. Die Bergarbeiter Westphalens und der Rheinprovinz organisiren sich immer straffer um den Kampf gegen Priesterschaft und Kapital zu führen. Sie haben sich endlich dem zielbewußten, für seine Emanzipation kämpfenden Proletariat angeschlossen, und sie werden keinen Augenblick ermatten in der Durchführung der schweren Aufgabe, die sie sich gestellt haben. (Lebhafter Beifall.) –
Bürger Lecomte, Vertreter der französischen Glashüttenarbeiter, erstattet seinen Bericht schriftlich und verzichtet auf das Wort zu Gunsten des Bürgers Horn, des Delegirten der deutschen Glasarbeiter. Lecomte erklärt sich vollkommen einverstanden mit dem Berichte seines Genossen, da er aus einem Gespräche mit diesem ersehen hat, daß die Lage der Glasarbeiter in Deutschland ganz dieselbe ist, wie in Frankreich. Infolge dessen stimmt er auch den Forderungen, welche Bürger Horn formuliren werde, zu.
Bürger Horn setzt die Lage der deutschen Glasarbeiter auseinander wie folgt:
Es gibt in Deutschland etwa 350 Etablissements für Glasindustrie mit etwa 50.000 Arbeitern. Der Mangel jeglicher Organisation hat für diese Arbeiterarmee eine äußerst beklagenswerthe ökonomische Lage zur Folge. Wenn die Arbeiter dieser Branche trotzdem auf dem internationalen Congreß von Paris vertreten sind heißt das eben, daß sie der Lage überdrüssig sind, in die man sie gebracht hat, und daß sie anfangen, sich der Bewegung für die Organisation des Proletariats anzuschließen. Die Organisationsbestrebungen der Glasarbeiter find noch jung und die Zahl der hier vertretenen Arbeiter überschreitet nicht einige Tausend; aber die Thatsache, daß sie darauf bestanden, auf diesem Congreß einen Delegirten zu haben, ist an sich wichtig und kennzeichnend.
Die Glasindustrie ist eine der mühsamsten und mörderischsten, die man sich vorstellen kann. Die am meisten gefährdeten Arbeiter sind die Spiegelbeleger, deren Lage von Dr. Bruno Schönlank in seiner Broschüre: „Die Spiegelbelegfabriken in Bayern und ihre Arbeiter“ vortrefflich geschildert worden ist. Ebenso hat Bebel von der Tribüne des Reichstags ans über die Gefahren gesprochen, denen die Arbeiter dieses Industriezweiges ausgesetzt sind, und offenbar in Folge des Druckes, der so auf die öffentliche Meinung ausgeübt ward, hat die bayrische Regierung gesetzliche Maßregeln zum Schutze dieser Arbeiter ergriffen.
Nach dem Grade der mit ihrer Arbeit verbundenen Gefahren folgen nun die Glasschneider und Polirer, die Arbeiter der Glasschleifereien, und endlich die eigentlichen Glasbläser, welche bei den Schmelzöfen beschäftigt sind.
Nach den sorgfältig geprüften, von den Arbeitern von 32 Glasfabriken zusammengestellten Angaben, beschäftigen diese Etablissements 3.500 Arbeiter. Die Minderjährigen beiderlei Geschlechts unter dieser Zahl belaufen sich auf 490, die weiblichen Kräfte im allgemeinen auf 260, wovon 60 unter 16 Jahren sind. Die Zahl der jugendlichen Arbeiter unter 16 Jahren beträgt 230.
| Die Arbeitszeit in diesen Etablissements ist | |
|---|---|
| in der Spiegelbelegbranche | 10 bis 12 Stunden |
| in der Beleuchtungsbranche | 12 bis 14 |
| in der Fabrikation concaver Gläser | 10 bis 12 |
| in den Etablissements der Glasschneider und Glasschleifer | 12 bis 14 |
| in der Perlen- und Schmuckindustrie (Spielwaarenindustrie) | 16 bis 18 |
Diese Stundenzahlen begreifen die Frühstücks- und Mittagspausen in sich, aber diese Pausen werden fast nie streng eingehalten. Mit wenig Ausnahmen gibt es keine Sonntagsruhe, die Sonntagsarbeit dauert 10 Stunden. Die Glasarbeiter, die Minderjährigen mit inbegriffen, arbeiten also 70 bis 100 Stunden wöchentlich.
Die Lohnstatistik gibt folgendes Bild.
| Der mittlere Wochenlohn ist: | |
|---|---|
| für den erwachsenen Arbeiter (Meister) | 15–25 Mark |
| für den Hilfs- oder Tagesarbeiter | 9–15 |
| für die erwachsene Arbeiterin | 6–8 |
| für einen jugendlichen Arbeiter unter 16 Jahren (Einträger) | 5–8 |
Diese Löhne werden oft noch bedeutend verkürzt durch Strafgelder, und Abzüge aller Art sind ganz gang und gebe. Die Strafgelder betragen Zwischen 1 und 10 Mark! Und in seltenen Ausnahmefällen übersteigt er Lohn eines Arbeiters den Tarif, den wir soeben eingereicht haben, und diese Ausnahmen sind ohne Einfluß auf das ökonomische Wohlbefinden der großen Masse.
Die gesundheitlichen Einrichtungen der großen Glasfabriken sind entweder geradezu schlecht oder doch mindestens ungenügend. Mangelhafte Ventilation, große Massen von Staub, Rauch, Gase, theils Nässe und theils übergroße Trockenheit der verschiedenen Werkstätten und Arbeitsräume in Verbindung mit ungesunden Wohnungen, niedrigen Löhnen und langer Arbeitszeit erzeugen bösartige Krankheiten, wie Lungenschwindsucht u. s. w. Diese mörderischen Zustände schaffen eine Arbeiterklasse von kränklichen, einem vorzeitigen Tod geweihten Menschen und bedrohen geradezu die ganze Existenz der Glasindustrie, wenn nicht bald mit ernsten Reformen bessernd eingeschritten wird.
Die Arbeiter verlangen folgende Reformen:
Einen Normalarbeitstag von 8 Stunden,
Beseitigung der Nachtarbeit beim Wannenbetrieb,
Verbot der Sonntagsarbeit,
Verbot der Arbeit von Kindern unter 14 Jahren,
Verbot der Frauenarbeit bei den Schmelzöfen und Trennung der beiden Geschlechter in den Werkstätten,
Verbot des Spiegelbelegs mit Quecksilber in den Glasfabriken,
Alle durch die Natur der Industrie bedingten und nothwendigen Arbeiterschutzvorrichtungen
Die Delegirten des französischen Fachvereinsverbandes der Glasarbeiter des Seine departements und des Departements der Seine und Oise erklären sich mit diesen Forderungen der deutschen Glasarbeiter solidarisch. (Beifallsrufe.)
Der Präsident theilt mit, daß zwei Anträge bei ihm eingelaufen sind, von denen der erste Schluß der Berichterstattungen verlangt, der zweite Schluß nach Entgegennahme des Berichtes über die Frauenarbeit und des Berichtes des Kapitän Dupon über die Arbeit der Seeleute.
Bürger Frohme beantragt auf Grund eines früheren Beschlusses, den Bericht des Bürgers Kloß über die Arbeit der Tischler ebenfalls anzuhören.
Bürger Lentz, Delegirter der Kellner in Cafés (und in Limonadenverkaufstellen) möchte seinen Bericht verlesen. Die Fachvereinskammer, von der er beauftragt ist, legt hohen Werth darauf, daß die traurige Lage der Angehörigen ihres Berufes dem Congreß kund gegeben werde.
Nachdem Bürger Kloß unter beifälliger Zustimmung aller Delegirten erklärt hat, zu Gunsten des Berichtes von Lentz auf’s Wort zu verzichten, nimmt der Congreß den zweiten Antrag an, und Kapitän Dupon, Borsitzender des Bundes für die Interessen der Seeleute, schildert die Lage seine Auftraggeber.
Es ist das erste mal, führt derselbe aus, daß die Seeleute auf einem internationalen Congreß vertreten sind, und er dankt dem Congreß, der eine Ausnahme zu seinen Gunsten gemacht und ihm das Wort ertheilt hat.
Man kennt die erbärmliche Lage und das unerträgliche Dienstverhältniß der Arbeiter aus dem Meere viel zu wenig; ihre Klagen sind die berechtigsten, die man sich denken kann, und dieser Congreß hat bis jetzt noch nichts von ihnen gehört. Die Seeleute stehen noch unter der Ordonnanz des Ministers Colbert, des Ministers eines absoluten Königs, Ludwigs des Vierzehnten, dessen Spuren die angeblichen Liberalen der kapitalistischen Bourgeoisie von 1889 treulich folgen.
Der Seemann ist ganz in die Hände von Ausbeutern gegeben, welche die Schifffahrt an sich gerissen haben; er wird mit eingerechnet in die allgemeinen Ausbeutungsunkosten, genau so wie Kohlen, Takelwerk, Segelwerk, Malerei u. s. w., nur mit dem einen Unterschied, daß die Auslagen für den materiellen Bedarf keine Herabsetzungen und Kürzungen dulden, während an dem lebendigen Artikel, genannt Seemann, fortwährend gespart wird, um die Dividenden oder die skandalös hohen Gehälter der Großhänse der Finanzausbeuterschaft zu erhöhen.
Seit zweihundert Jahren hat sich die sociale Lage der Seeleute um nichts verbessert; Man muß freilich anerkennen, daß die Revolution von 1848 die Peitschenstrafe und Hiebe mit dem Schiffstau abschaffen wollte, aber wir haben noch die Bestrafung der Fesselung mit Haltseilen, das In-Eisen-Schlagen mit einfachem und doppeltem Ring, das Kielholen, die Entziehung von Speise und Trank, und die gelegentlichen Püffe, Faustschläge und Fußtritte, die zwar nicht gesetzlich, aber doch geduldet sind. Um endlich diesen weißen Sklaven in dem Punkte zu treffen, der ihm am meisten am Herzen liegt, schmälert man den Bissen Brod seines Weibes, seiner Kinder, einer alten Mutter oder eines alten Vaters, indem man ihm seinen so sauer verdienten Lohn verkürzt; – und das alles im Namen der Brüderlichkeit! 12
Um dieses verhaßte System der Ausbeutung des Menschen zur Bereicherung anderer Menschen dauernd anwenden zu können, hat man ein abscheuliches Verwaltungs- und Vertretungssystem (Organisation de commissariat gouvernemental) beibehalten, an das sich der Seemann in jeder Angelegenheit wenden muß, und welches so beschaffen ist, daß der Ausbeuter in einer Person Richter und Partei ist bei jeder Streitigkeit mit seinen unglücklichen Opfern. Mit einem Wort, der arme Teufel kann nirgends anders sein Recht suchen als bei den Regierungs-Commissaren und Marine-Gendarmen, d. h. bei den Creaturen („Höllenhunden“) des Kapitalisten, dessen Sklave er ist.
Seitdem die kapitalistischen Spekulanten ihre Hand auf den Schifffahrtsbetrieb gelegt haben, hat die Ausbeutung der Bemannung einen bis auf unsere Tage unerhörten Umfang genommen. Die leitenden Beamten haben nur eine einzige Aufgabe zu erfüllen: für das Kapital herauszupressen, was herauszupressen ist auf Kosten des fahrenden Personals, durch Lohnverringerung und vor allem durch Verminderung des Personals selbst. Namentlich hat man von dieser letzteren Maßregel umfangreichen Gebrauch gemacht, denn man weiß ja aus Erfahrung, daß man vom Seemann das denkbar größte Arbeitsquantum erzwingen kann, da nicht die geringste Verpflichtung vorliegt, ihm die nothwendige Nachtruhe, und Rast an Sonntagen oder Feiertagen zu gewähren.
Dem ersten, der sich beklagt, wird allemal die Antwort zu Theil: „Du bist nicht zufrieden? Hol’ Dich der Teufel! Am Kai stehen 50 andre, die bereit sind, für Dich einzutreten!“
Bürger, ich unterbreite Euch die Mindestforderungen, schließt Kapitän Dupon, Eurer Brüder in der Arbeit und im Elend!
Mit dem, was sie durch mich fordern, werden die ausgebeuteten Seeleute im Stande sein, ihre Existenz weniger gefährlich zu gestalten und allmählich auch mit beizutragen zur gänzlichen Befreiung der Arbeiter. –
Unter lebhaftem Beifall verliest Bürger Dupon die Forderungen der Seeleute aus den Handelsschiffen des Hafens von Bordeaux, welche verlangen:
Regelung der Dienststunden wie folgt:
12 Stunden auf Deck,
8 Stunden vor dem Feuer der Maschinen innerhalb 24 Stunden, mit einem vollen Ruhetag wöchentlich,Feststellung eines Minimallohnes von 3 Frs. täglich auf Deck, und 4 Frs. täglich vor dem Feuer nebst Aenderung des Tarifs für Lebensmittel in einem liberaleren und humaneren Sinne, als in dem bis jetzt in Kraft stehenden Tarif zu Tage getreten ist,
Verbot aller körperlichen Züchtigung und Abschaffung allen Zurückbehaltens verdienter Löhne,
Bildung der (Belegschaften) Mannschaften nach Maßgabe der Größe der Schiffe und der Kraft der Maschinen; die Verpflichtung je einen Schiffsjungen von mindestens 14 Jahren für je ein Schiff und je 10 Mann des Personals einzustellen
Das Recht für die Seeleute, an die sofort zu errichtenden Gewerbeschiedsgerichte für Schifffahrtswesen zu appelliren, das Recht der Stimmabgabe in jedem Hafen, wo sie sich im Augenblick irgend welcher Wahlen befinden.
Dem Wunsche des Congresses entsprechend verliest Kapitän Dupon noch weitere Aktenstücke betreffs der Lage und der Wünsche der Seeleute. Es sind dies:
Der Bericht des Schiffszimmermanns Caudéran, den die Hafenadministration von Bordeaux in’s Gefängniß werfen ließ, weil er sich weigerte, sich aus ein leckes Schiff einschiffen zu lassen.
Die das Seewesen betreffenden Forderungen des Bundes der Syndikatskammern der Rhonemündungen, als da sind:
a) Abrechnung der Invalidenkasse,
b) Proportionale Pension ohne Altersgrenze,
c) Feststellung der Pension auf mindestens 400 Frs. jährlich,
d) Aufhebung des Gesetzes von 1852; an Stelle der für die Handelsmarine zuständigen Gerichte ein Sachverständigen-Gericht (Gewerbeschiedsgericht) mit civilgerichtlichem Charakter und ganz aus Fachleuten folgendermaßen zusammengesetzt:
· 1 Kapitän für große Fahrt, Präsident,
· 1 Maschinist (Maschinenmeister), Beisitzer,
· 1 Kapitän für kleine Fahrt (Küstenfahrt), Beisitzer,
· 1 Oberbootsmann (Maitre d’équipage), Beisitzer,
· 1 Oberheizer, Beisitzer,
· 1 Matrose, Beisitzer,
· 1 Heizer, Beisitzer.
Dieses Sachverständigen-Gericht soll ernannt werden von allen zum Seedienst Eingeschriebenen.
Oberaufsicht des Staates über alle Kompagnien, welche die Seeleute auf alle mögliche Weise ausbeuten, und zwar
Durch fortgesetzte Lohnreduktionen
Durch Verminderung der Mannschaft (die Schiffe werden größer und nehmen zu, und das Personal wird geringer an Zahl),
Es muß eine Regelung der Arbeitszeit (Dienststunden) geschaffen werden,
Ebenso eine wirksame Ueberwachung in Bezug auf ungenügende Mengen und schlechte Qualität des Proviantes, da in dieser Hinsicht Mißbrauch von den Compagnien angestellten Agenten getrieben wird, welche förmlich vom Raub leben und betreffs der Rationen der Mannschaft zu Gunsten ihres eigenen Beutels Schacher treiben.
Die Wünsche der Seeleute der Handelsmarine des Hafens von Bordeaux sind folgende:
a. Abrechnung der Invalidenkasse,
b. Proportionale Pension ohne Altersgrenze mit Zugrundelegung eines Minimums von 400 Frs. jährlich,
c. Aufhebung des Disciplinargesetzes von 1852, welches Ausnahmegerichte für die Seeleute bestallt, und Ersetzung der letzteren durch Sachverständigen-Kammern für Seewesen, die sich folgendermaßen zusammensetzen:
· 1 Kapitän für große Fahrt, Präsident,
· 1 Maschinenmeister für große Fahrt, Beisitzer,
· 1 Meister für die Küstenfahrt (maitre au cabotage), Beisitzer,
· 1 Oberbootsmann (maitre d’équipage), Beisitzer,
· 1 Oberheizer, Beisitzer,
· 1 Matrose, Beisitzer,
· 1 Heizer, Beisitzer,
die sämmtlich durch direkte Wahlen aller eingeschriebenen Seeleute ernannt werden.
Bürger Tressaud unterstützt diese Forderungen der Seeleute und der Congreß stimmt durch Akklamation dafür, daß der Bericht Dupon wie die demselben beigefügten Aktenstücke in Form einer Broschüre veröffentlicht und in allen Häfen der verschiedenen Nationen vertheilt wird. (Beifall.) –
Bürger Lentz bringt im Namen der Syndikatskammer (des Fachvereins) der Restaurateure und Limonadiers (Kellner) zur Kenntniß des Congresses und der ganzen Welt, über welche Masse Beeinträchtigungen sich seine Corporation mit Recht zu beklagen hat. Bei Prüfung der Lage der Kellner muß man zugeben, daß in Paris selbst der weiße Sklavenhandel in voller Blüthe steht. Die folgenden Thatsachen werden beweisen, daß dies keine Uebertreibung ist und man die Lage der Kellner mit der Neger-Sklaverei vergleichen kann.
Der Kellner hat den beschwerlichsten, aufreibendsten und härtesten Beruf. Er „macht“ täglich seine 18 Stunden, ist mancherlei Demüthigungen seitens der verschiedenen Temperamente, mit denen er es täglich zu thun hat, ausgesetzt, und noch viel mehr übermäßigen Ansprüchen seitens seiner Arbeitgeber. Er wird nicht nur nicht für seine Anstrengungen bezahlt, sondern ist noch zu mehr oder minder direkten Contributionen – zur Abgabe eines Theils seiner Einnahmen – verpflichtet. Unsere Herren Prinzipale, die ihrerseits meist selbst Gehilfen gewesen sind zu einer Zeit, wo die Freigebigkeit des Publikums eine größere war, glauben, daß diese Ausnahme von der Regel, die reichlichen Trinkgelder, den Kellnern ganz erhebliche Summen einbringen.
Aber heutzutage hat die Freigebigkeit des Publikums schon lange bedeutend abgenommen und wird von Tag zu Tag seltener; daher die Beschwerden über eine Lage, die mit einem Wort als unerträglich bezeichnet werden kann. Wenn alles sich nur auf den Mangel von Freigebigkeit seitens der Gäste beschränkte, so wäre das kein großes Unglück – lautet doch eine der Forderungen unserer Corporation: Abschaffung des Trinkgeldes! –
Unter dem Vorwand von Geschirrzerbrechen und von Hilfsarbeitern irgend welcher Art, von Auslagen also, die doch zweifellos dem Prinzipal zuzuweisen wären, da er ja den Vortheil davon zieht, – werden jedem Kellner von seiner Tageseinnahme 2–6 Frs. vornweg abgezogen.
Das Wenige, das die Kellner verdienen, wird ihnen auch noch beschnitten durch die Stellenvermittlungs-Bureaux. Sie zahlen oft für eine nachgewiesene Stelle 120–150 Frs., und dann ist diese noch dazu oft so schlecht, daß sie dieselbe aufgeben müssen, wenn man sie nicht so schon bald entläßt. Oft ist der Prinzipal sogar der Helfershelfer des Bureau-Inhabers und richtet es so ein, daß sein Personal so oft als möglich dort versprechen mußt!
Alle von Seiten der Betroffenen an die zuständigen Behörden gerichteten Forderungen auf Abschaffung der Stellenvermittlungs-Bureaus sind bisher ohne Wirkung geblieben. Mit einer gewissen Genugthuung muß es erfüllen, daß diese Spekulation nur in Frankreich und Belgien existirt 13; und dazu kommt noch, daß in letzterem Lande die Stellenvermittlung nicht von Einheimischen ausgebeutet wird, sondern vielmehr von Franzosen, die meistens in Frankreich die bürgerlichen Ehrenrechte verloren haben.
Die beklagenswerthe Lage der Kellner erklärt genügend die Aufregung und Agitation des letzten Jahres zum Zweck der Abschaffung der Stellenvermittlungs- oder Nachweisbureaus und der Einrichtung des Arbeitsnachweises durch die Syndikatskammern – Fachvereine und Gewerkschaften. Seit 1886 besteht eine Syndikatskammer der Restaurateure und Limonadiers, welche von 80.000 in Paris beschäftigten Kellnern ohngefähr 4.500 umfaßt. Dieselbe verlangt einen Normalarbeitstag, Lohnerhöhung und Abschaffung der Stellennachweis-Bureaus.
Sie hofft, daß die hier gegenwärtigen Delegirten zur Emanzipation dieser lange vergessenen Berufsklasse mit beitragen werden.
Die Forderungen eines bestimmten Lohnes für geleistete Arbeitsstunden ist wahrlich nicht unbillig und die Aufhebung der Nachweis-Bureaus gebietet sich von selbst, da sie das einzige Mittel ist, die Zukunft der in der Lebensmittelbranche überhaupt thätigen Berufsklassen sicher zu stellen.
Bürger Lentz verliest weiter einen Bericht, den die Corporationen der Lebensmittelbranche der Abgeordneten-Kammer eingereicht haben, in Antwort auf die von der Commission der Kammer vorgeschlagenen Ablehnung der Aufhebung der Nachweis-Bureaus. Der Bericht führt aus, daß die Aufhebung der genannten Institute nicht, wie behauptet werde, ein Eingriff in die Freiheit des Arbeitsvertrages ist, und daß sie keineswegs eine den gegenwärtigen Inhabern von Bureaus zu gewährende Entschädigung für ein in Folge eines Mißbrauchs erworbenen Rechtes bedingt; und er kommt nach einem beigefügten Bild der Lage der Keller zu denselben Schlüssen, die Bürger Lentz soeben dargelegt hat. (Beifall.) –
Bürgerin Zetkin, Abgeordnete der Arbeiterinnen von Berlin, ergreift unter lebhaftem Beifall das Wort über die Frage der Frauenarbeit. Sie erklärt, sie wolle keinen Bericht erstatten über die Lage der Arbeiterinnen, da diese die gleiche ist wie die der männlichen Arbeiter. Aber im Einverständniß mit ihren Auftraggeberinnen werde sie die Frage der Frauenarbeit vom prinzipiellen Standpunkt beleuchten. Da über diese Frage keine Klarheit herrsche, sei es durchaus nothwendig, daß ein internationaler Arbeitercongreß sich klipp und klar über diesen Gegenstand ausspricht, indem er die Prinzipienfrage behandelt.
Es ist – führt die Rednerin aus – nicht zu verwundern, daß die reaktionären Elemente eine reaktionäre Auffassung haben über die Frauenarbeit. Im höchsten Grade überraschend aber ist es, daß man auch im socialistischen Lager einer irrthümlichen Auffassung begegnet, indem man da Abschaffung der Frauenarbeit verlangt. Die Frage der Frauenemanzipation, d. h. in letzter Instanz die Frage der Frauenarbeit ist eine wirthschaftliche, und mit Recht erwartet man bei den Socialisten ein höheres Verständniß für wirthschaftliche Fragen als das, welches sich in den eben angeführten Forderungen kund gibt.
Die Socialisten müssen wissen, daß bei der gegenwärtigen wirthschaftlichen Entwicklung die Frauenarbeit eine Nothwendigkeit ist; daß die natürliche Tendenz der Frauenarbeit entweder darauf hinausgeht, daß die Arbeitszeit, welche jedes Individuum der Gesellschaft widmen muß, vermindert wird, oder daß die Reichthümer der Gesellschaft wachsen; daß es nicht die Frauenarbeit an sich ist, welche durch Concurrenz mit den männlichen Arbeitskräften die Löhne herabdrückt, sondern die Ausbeutung der Frauenarbeit durch den Kapitalisten, der sich dieselbe aneignet.
Die Socialisten müssen vor allem wissen, daß auf der ökonomischen Abhängigkeit oder Unabhängigkeit die sociale Sclaverei oder Freiheit beruht. Diejenigen, welche auf ihr Banner die Befreiung alles dessen „was Menschenantlitz trägt“, geschrieben haben, dürfen nicht eine ganze Hälfte des Menschengeschlechtes durch wirthschaftliche Abhängigkeit zu politischer und socialer Sclaverei verurtheilen. Wie der Arbeiter vom Kapitalisten unterjocht wird, so die Frau vom Manne; und sie wird unterjocht bleiben, so lange sie nicht wirthschaftlich unabhängig dasteht. Die unerläßliche Bedingung für diese ihre wirthschaftliche Unabhängigkeit ist die Arbeit. Will man die Frauen zu freien menschlichen Wesen, zu gleichberechtigten Mitgliedern der Gesellschaft machen wie die Männer, nun so braucht man die Frauenarbeit weder abzuschaffen noch zu beschränken, außer in gewissen, ganz vereinzelten Ausnahmsfällen.
Die Arbeiterinnen, welche nach socialer Gleichheit streben, erwarten für ihre Emanzipation nichts von der Frauen-Bewegung der Bourgeoisie, welche angeblich für die Frauenrechte kämpft. Dieses Gebäude ist auf Sand gebaut und hat keine reelle Grundlage. Die Arbeiterinnen sind durchaus davon überzeugt, daß die Frage der Frauen-Emancipation keine isolirt für sich bestehende ist, sondern ein Theil der großen socialen Frage. Sie geben sich vollkommen klare Rechenschaft darüber, daß diese Frage in der heutigen Gesellschaft nun und nimmermehr gelöst werden wird, sondern erst nach einer gründlichen Umgestaltung der Gesellschaft.
Die Frauen-Emanzipations-Frage ist ein Kind der Neuzeit, und die Maschine hat dieselbe geboren. Im Renaissance-Zeitalter war die Frau intellektuell und gesellschaftlich dem Manne gleichgestellt, aber Niemandem fiel es ein, die Frage ihrer Emanzipation auszuwerfen, und die Emanzipation der Frau heißt die vollständige Veränderung ihrer socialen Stellung von Grund aus, eine Revolution ihrer Rolle im Wirthschaftsleben. Die alte Form der Produktion mit ihren unvollkommenen Arbeitsmitteln fesselte die Frau an die Familie, und beschränkte ihren Wirkungskreis auf das Innere ihres Hauses. Im Schooß der Familie stellte die Frau eine außerordentlich produktive Arbeitskraft dar. Sie erzeugte fast alle Gebrauchs-Gegenstände der Familie. Beim Stande der Produktion und des Handels von ehedem ware es sehr schwer, wenn nicht unmöglich gewesen, diese Artikel ausserhalb der Familie zu produziren. So lange diese älteren Produktionsverhältnisse in Kraft waren, so lange war die Frau wirthschaftlich produktiv. Mit der Umwandlung der Produktionsverhältnisse, die der Frau keine produktive Thätigkeit mehr gestatteten, ward die Frau Consumentin. Dieser Umschwung trug viel zur Verminderung der Eheschließungen bei.
Die maschinelle Produktion hat die wirthschaftliche Thatigkeit der Frau in der Familie getödtet. Die Großindustrie erzeugt alle Artikel billiger, schneller und massenhafter als dies bei der Einzelindustrie möglich war, die nur mit den unvollkommenen Werkzeugen einer Zwergproduktion arbeitete. Die Frau mußte oft den Rohstoff, den sie im Kleinen einkaufte, theurer bezahlen, als das fertige Produkt der maschinellen Großindustrie Sie mußte außer dem Kaufpreis (des Rohstoffes) noch ihre Zeit und ihre Arbeit drein geben. In Folge dessen wurde die produktive Thätigkeit innerhalb der Familie ein ökonomischer Unsinn, eine Vergeudung an Kraft und Zeit. Obgleich ja einzelnen Individuen die im Schooße der Familie produzirende Frau von Nutzen sein mag, bedeutet diese Art von Thätigkeit nichts desto weniger für die Gesellschaft einen Verlust.
Das ist der Grund, warum die gute Wirthschafterin aus der guten alten Zeit fast gänzlich verschwunden ist. Die Großindustrie hat die Waarenerzeugung im Hause und für die Familie unnütz gemacht, sie hat der häuslichen Thätigkeit der Frau den Boden entzogen. Zugleich hat sie eben auch den Boden für die Thätigkeit der Frau in der Gesellschaft geschaffen. Die mechanische Produktion, welche der Muskelkraft und qualifizirten Arbeit entrathen kann, machte es möglich, auf einem großen Arbeitsgebiete Frauen einzustellen. Die Frau trat in die Industrie ein mit dem Wunsche, die Einkünfte in der Familie zu vermehren. Die Frauenarbeit in der Industrie wurde im Verhältni? der Entwicklung der modernen Industrie eine Nothwendigkeit. Und mit jeder Verbesserung der Neuzeit ward Männerarbeit überflüssig aus diese Weise, Tausende von Arbeitern wurden auf’s Pflaster geworfen, eine Reservearmee der Armen wurde geschaffen und die Löhne sanken fortwährend immer tiefer.
Ehemals hatte der Verdienst des Mannes unter gleichzeitiger produktiver Thätigkeit der Frau im Hause ausgereicht, um die Existenz der Familie zu sichern; jetzt reicht er kaum hin, um den unverheiratheten Arbeiter durchzubringen. Der verheirathete Arbeiter muß nothwendiger Weise mit auf die bezahlte Arbeit der Frau rechnen.
Durch diese Thatsache wurde die Frau von der ökonomischen Abhängigkeit vom Manne befreit. Die in der Industrie thätige Frau, die unmöglicherweise ausschließlich in der Familie sein kann, als ein bloßes wirthschaftliches Anhängsel des Mannes – sie lernte als ökonomische Kraft, die vom Manne unabhängig ist, sich selbst genügen. Wenn aber die Frau wirthschaftlich nicht mehr vom Manne abhängt, so gibt es keinen vernünftigen Grund für ihre sociale Abhängigkeit von ihm. Gleichwohl kommt diese wirthschaftliche Unabhängigkeit allerdings im Augenblick nicht der Frau selbst zu Gute, sondern dem Kapitalisten. Kraft seines Monopols der Produktionsmittel bemächtigte sich der Kapitalist des neuen ökonomischen Faktors und ließ ihn zu seinem ausschließlichen Vortheil in Thätigkeit treten. Die von ihrer ökonomischen Abhängigkeit dem Manne gegenüber befreite Frau ward der ökonomischen Herrschaft des Kapitalisten unterworfen; aus einer Sklavin des Mannes ward sie die des Arbeitgebers: sie hatte nur den Herrn gewechselt. Immerhin gewann sie bei diesem Wechsel; sie ist nicht länger mehr dem Mann gegenüber wirthschaftlich minderwerthig und ihm untergeordnet, sondern seines Gleichen. Der Kapitalist aber begnügt sich nicht damit, die Frau selbst auszubeuten, er macht sich dieselbe außerdem noch dadurch nutzbar, daß er die männlichen Arbeiter mit ihrer Hilfe noch gründlicher ausbeutet.
Die Frauenarbeit war von vornherein billiger als die männliche Arbeit. Der Lohn des Mannes war ursprünglich darauf berechnet, den Unterhalt einer ganzen Familie zu decken; der Lohn der Frau stellte von Anfang an nur die Kosten für den Unterhalt einer einzigen Person dar, und selbst diese nur zum Theil, weil man darauf rechnete, daß die Frau auch zu Haus weiter arbeitet außer ihrer Arbeit in der Fabrik. Ferner entsprachen die von der Frau im Hause mit primitiven Arbeitsinstrumenten hergestellten Produkte, verglichen mit den Produkten der Großindustrie, nur einem kleinen Quantum mittlerer gesellschaftlicher Arbeit. Man ward also daraus geführt, eine geringere Arbeitsfähigkeit bei der Frau zu folgern, und diese Erwägung ließ der Frau eine geringere Bezahlung zu Theil werden für ihre Arbeitskraft. Zu diesen Gründen für billige Bezahlung kam noch der Umstand, daß im Ganzen die Frau weniger Bedürfnisse hat als der Mann.
Was aber dem Kapitalisten die weibliche Arbeitskraft ganz besonders werthvoll machte, das war nicht nur der geringe Preis, sondern auch die größere Unterwürfigkeit der Frau. Der Kapitalist spekulirte aus diese beiden Momente: die Arbeiterin so schlecht als möglich zu entlohnen, und den Lohn der Männer durch diese Konkurrenz so stark als möglich herab zu drücken. In gleicher Weise machte er sich die Kinderarbeit zu Nutze, um die Löhne der Frauen herabzudrücken; und die Arbeit der Maschinen, um die menschliche Arbeitskraft überhaupt herabzudrücken. Das kapitalistische System allein ist die Ursache, daß die Frauenarbeit die ihrer natürlichen Tendenz gerade entgegengesetzten Resultate hat; daß sie zu einer längeren Dauer des Arbeitstages führt, anstatt eine wesentliche Verkürzung zu bewirken; daß sie nicht gleich bedeutend ist mit einer Vermehrung der Reichthümer der Gesellschaft d.h. mit einem größeren Wohlstand jedes einzelnen Mitgliedes der Gesellschaft, sondern nur mit einer Erhöhung des Profites einer Handvoll Kapitalisten und zugleich mit einer immer größeren Massenverarmung. Die unheilvollen Folgen der Frauenarbeit, die sich heute so schmerzlich bemerkbar machen, werden erst mit dem kapitalistischen Produktionssystem verschwinden. –
Der Kapitalist muß, um der Konkurrenz nicht zu unterliegen, sich bemühen, die Differenz zwischen Einkaufs (Herstellungs-)preis und Verkaufspreis seiner Waaren so groß als möglich zu machen; er sucht also so billig als möglich zu produziren und so theuer als möglich zu verkaufen. Der Kapitalist bat folglich alle Interesse daran, den Arbeitstag ins Endlose zu verlängern und die Arbeit mit so lächerlich geringfügigem Lohn abzuspeisen, als nur irgend möglich. Dieses Bestreben steht in geradem Gegensatz zu den Interessen der Arbeiterinnen, ebenso wie zu denen der männlichen Arbeiten. Es gibt also einen wirklichen Gegensatz zwischen den Interessen der Arbeiter und der Arbeiterinnen nicht; sehr wohl aber existirt ein unversöhnlicher Gegensatz zwischen den Interessen des Kapitals und denen der Arbeit.
Wirthschaftliche Gründe sprechen dagegen, das Verbot der Frauenarbeit zu fordern. Die gegenwärtige wirthschaftliche Lage steht so, daß weder der Kapitalist noch der Mann aus die Frauenarbeit verzichten können. Der Kapitalist muß sie aufrecht erhalten, um konkurrenzfähig zu bleiben, und der Mann muß auf sie rechnen, wenn er eine Familie gründen will. Wollten wir selbst den Fall setzen, daß die Frauenarbeit auf gesetzgeberischem Wege beseitigt werde, so würden dadurch die Löhne der Männer nicht verbessert werden. Der Kapitalist würde den Ausfall an billigen weiblichen Arbeitskräften sehr bald durch Verwendung vervollkommneter Maschinen in umfangreicherem Maße decken – und in kurzer Zeit würde alles wieder sein wie vorher!
Nach großen Arbeitseinstellungen, deren Ausgang für die Arbeiter günstig war, hat man gesehen, daß die Kapitalisten mit Hilfe vervollkommneter Maschinen die errungenen Erfolge der Arbeiter zu nichte gemacht und sich derselben Ausbeutungsmöglichkeit bemächtigt haben, die sie vorher hatten.
Wenn man Verbot oder Beschränkung der Frauenarbeit auf Grund der aus ihr erwachsenden Konkurrenz fordert, dann ist es ebenso logisch begrundet, Abschaffung der Maschinen und Wiederherstellung des mittelalterlichen Zunftrechts zu fordern, welches die Zahl der in jedem Gewerbebetriebe zu beschäftigenden Arbeiter festsetzte.
Allein abgesehen von den ökonomischen Gründen sind es vor allem prinzipielle Gründe, welche gegen ein Verbot der Frauenarbeit sprechen. Eben auf Grund der prinzipiellen Seite der Frage müssen die Frauen darauf bedacht sein, mit aller Kraft zu protestiren gegen jeden derartigen Versuch; sie müssen ihm den lebhaftesten und zugleich berechtigsten Widerstand entgegensetzen, weil sie wissen, daß ihre sociale und politische Gleichstellung mit den Männern einzig und allein von ihrer ökonomischen Selbstständigkeit abhängt, welche ihnen ihre Arbeit außerhalb der Familie in der Gesellschaft ermöglicht.
Vom Standpunkt des Prinzips aus protestiren wir Frauen nachdrücklichst gegen eine Beschränkung der Frauenarbeit. Da wir unsere Sache durchaus nicht von der Arbeitersache im allgemeinen trennen wollen, werden wir also keine besonderen Forderungen formuliren; wir verlangen keinen anderen Schutz als den, welchen die Arbeit im allgemeinen gegen das Kapital fordert.
Nur eine einzige Ausnahme lassen wir zu Gunsten schwangerer Frauen, deren Zustand besondere Schutzmaßregeln im Interesse der Frau selbst und der Nachkommenschaft erheischt. Wir erkennen gar keine besondere Frauenfrage an – wir erkennen keine Arbeiterinnenfrage an! Wir erwarten unsere volle Emanzipation weder von der Zulassung der Frau zu dem, was man freie Gewerbe nennt, und von einem, dem männlichen gleichen Unterricht – obgleich die Forderung dieser beiden Rechte nur natürlich und gerecht ist! – noch von der Gewährung politischer Rechte. Die Länder, in denen das angebliche allgemeine, freie und indirekte Wahlrecht existirt, zeigen uns, wie gering der wirkliche Werth desselben ist. Das Stimmrecht ohne ökonomische Freiheit ist nicht mehr und nicht weniger als ein Wechsel, der ‚Brief steht‘ und keinen Cours hat. Wenn die sociale Emanzipation von den politischen Rechten abhinge, würde in den Ländern mit allgemeinem Stimmrecht keine sociale Frage existiren. Die Emanzipation der Frau wie die des ganzen Menschengeschlechtes wird ausschließlich das Werk der Emanzipation der Arbeit vom Kapital sein. Nur in der socialistischen Gesellschaft werden die Frauen wie die Arbeiter in den Vollbesitz ihrer Rechte gelangen.
In Erwägung dieser Thatsachen bleibt den Frauen, denen es mit dem Wunsche ihrer Befreiung Ernst ist, nichts anderes übrig, als sich der socialistischen Arbeiterpartei anzuschließen, der einzigen, welche die Emanzipation der Arbeiter anstrebt.
Ohne Beihilfe der Männer, ja oft sogar gegen den Willen der Männer sind die Frauen unter das socialistische Banner getreten; man muß sogar zugestehen, daß sie in gewissen Fällen selbst gegen ihre eigene Absicht unwiderstehlich dahin getrieben worden sind, einfach durch eine klare Erfassung der ökonomischen Lage.
Aber sie stehen nun unter diesem Banner, und sie werden unter ihm bleiben! Sie werden unter ihm kämpfen für ihre „Emanzipation“, für ihre Anerkennung als gleichberechtigte Menschen.
Indem sie Hand in Hand gehen mit der socialistischen Arbeiterpartei, sind sie bereit, an allen Mühen und Opfern des Kampfes Theil zu nehmen, aber sie sind auch fest entschlossen, mit gutem Fug und Recht nach dem Siege alle ihnen zukommenden Rechte zu fordern. In Bezug auf Opfer und Pflichten sowohl, wie auf Rechte wollen sie nicht mehr und nicht weniger sein als Waffensgenossen, die unter gleichen Bedingungen in die Reihen der Kämpfer aufgenommen worden sind.
Lebhafter Beifall, der sich wiederholt, nachdem Bürgerin Aveling diese Auseinandersetzungen ins Englische und Französische übersetzt hat.
Nachdem die Reihe der Spezialberichte, deren Entgegennahme der Congreß beschlossen hatte, erledigt ist, entspinnt sich eine Debatte darüber ob man den Anarchisten oder wenigstens einem von ihnen das Wort für länger als 15 Minuten ertheilen soll (Antrag Lafargue), damit sie sich nicht über Unduldsamkeit beklagen können, die man der Auseinandersetzung ihrer Theorien entgegengebracht habe.
Viele Delegirte machen darauf aufmerksam, daß man ja die anarchistischen Theorien mehr als zur Genüge kenne, und daß der Congreß den Beweis einer weit genug gehenden Toleranz geben würde, wenn er einem einzigen anarchistischen Redner für mehr als 15 Minuten das Wort ertheilte.
„Compagnon“ (Genosse) Montant setzt die Entstehung und Bedeutung des Wortes „Anarchie“ auseinander; er verbreitet sich weitläufig über die „absolute Freiheit“ der Anarchisten, die allein fähig sei, die Gesellschaft zum Besseren umzugestalten.
Diese Auseinandersetzungen finden nur bei einigen französischen und englischen Delegirten Beifall; die überwiegende Mehrheit ibt ihre Mißbilligung laut kund und unterbricht den Redner mit ironischen Zwischenrufen.
Bürger Franchet, Delegirter der Möbelschreiner vom Faubourg St. Antoine, beklagt, daß die Arbeiter von Paris kein revolutionäres Blut mehr in den Adern haben. Wollen sie sich abermals von einem ganz verderbten und durch und durch faulen Parlamentarismus foppen lassen? Er empfiehlt ihnen Wahlenthaltung und räth von der Forderung einer Arbeitergesetzgebung ab, welche seiner Ansicht nach unfähig sei, ihrer traurigen Lage abzuhelfen.
Die belgischen Delegirten beantragen Schluß der Sitzung; dann schlägt Bürger Vaillant im Namen des Bureaus vor, da der Congreß morgen sich bis zur vollständigen Erledigung seiner Aufgaben in Permanenz erkläre.
Dieser Antrag wird angenommen, nachdem bestimmt worden ist, daß aus der Tagesordnung des folgenden Tages nur die Discussion über die verschiedenen Punkte, welche von vorn herein auf dem Arbeits-Programm des Congresses standen, und namentlich die Abstimmung über die zu fassenden Resolutionen stehen solle. Um 3 Uhr Nachmittags wird die Sitzung aufgehoben.
Samstag, den 20. Juli. Morgen-Sitzung
Vorsitzenden: Bürger Cunninghame Graham, Mitglied des englischen Parlaments. Lafargue kündigt die Ankunft von drei neuen Delegirten an. Die deutschen Socialisten von Buenos-Aires haben dem Bürger Liebknecht Mandat ertheilt, sie zu vertreten and schicken einen Bericht über die Situation in der argentinischen Republik.
Es werden Zustimmungsdepeschen und Briefe mitgetheilt. Liebknecht theilt dem Congreß mit, daß ergestern Abend bei dem Empfang im Hôtel de Ville Hunderte von französischen Arbeitern getroffen habe, welche ihm alle versicherten, daß sie statt Chauvinismus und Haß, wie man ihnen zuschreibe, gegen die Deutschen die brüderlichsten Gefühle hegten, und daß sie nur wünschten, dieselben zu bethätigen. Dieser Mittheilung zollte man wärmsten Beifall. – Viele Delegirte des Possibilistencongresses haben Mitgliedern des Bureaus gegenüber erklärt, daß sie unglücklicherweise aus Versehen in den Possibilistencongre? gerathen seien, und daß sie aufrichtig bedauerten, nicht dem Congreß der vereinigten Socialisten beigetreten zu sein.
Nachdem diese verschiedenen Mittheilungen beendet sind, tritt der Congreß in die Tagesordnung ein.
Cunninghame Graham erklärt, daß es fast unmöglich sei mit englischen Arbeitern von einer socialen Revolution zu sprechen. Das Ueberma? von Arbeit, das Elend und die Trunksucht, haben sie ganz und gar zu Grunde gerichtet. Es ist schon viel, wenn sie Interesse für praktische Fragen zeigen. Wenn man sie für eine Bewegung gewinnen will, so muß man mittelst praktischer Fragen ihr Interesse erwecken.
Eine solche Frage ist die des achtstündigen Normalarbeitstages, welche die Arbeiter der ganzen Welt zu einem gemeinsamen Handeln vereinigen kann. Die Verminderung der Arbeitszeit ist von absoluter Nothwendigkeit für die Gesundheit und die geistige Entwicklung des Arbeiters. Eine lange Arbeitszeit verurtheilt den Arbeiter zu der Existenz eines Lastthiers. Das ist z. B. der Fall mit den schottischen Bergleuten, die elf und eine halbe bis zwölf und eine halbe Stunde in den Gruben arbeiten, und die, in einer Weise lendenlahm von der Arbeit zurückkommen, daß sie sich kaum die Zeit nehmen zu essen, indem sie einzig von dem Verlangen erfüllt sind, sich schlafen zu legen. Aber ein dumpfer Schlaf hat noch nicht völlig ihre Kräfte wieder hergestellt, wenn sie schon wieder nach der Grube abziehen müssen. Bei einem solchen Leben gibt es keinerlei Möglichkeit, intellectuelle (geistige) Bedürfnisse zu befriedigen. Es ist eine Pflicht für Alle, sich einem solchen Zustande durch eine internationale Arbeitergesetzgebung zu widersetzen. Wenn die Gesetzgebung nicht intervenirt, wird die Lage der Arbeiter sich zunehmend verschlechtern. In Australien existirt ein Gesetz, welches die tägliche Arbeitszeit feststellt und herabsetzt. Nun, die australischen Arbeiter befinden sich in einer materiell besseren Lage als ihre europäischen Brüder; sie sind auch geistig gut entwickelt und fortgeschritten, da sie Zeit und Muße haben, sich mit verschiedenen Fragen zu beschäftigen. Die Kapitalisten strengen sich an, den Glauben zu erhalten, daß eine Verminderung der Arbeitszeit nothwendigerweise auch eine Verminderung der Löhne zur Folge haben müsse. Diese Versicherung ist lügenhaft, denn das Gegentheil tritt ein. Je kürzer der Arbeitstag ist, um so höher werden die Löhne. In Massachussets z. B., wo der achtstündige Normalarbeitstag besteht, verdienen die Arbeiter 3 Schillinge (1 Sh. = 1 Mark) täglich mehr, als die Arbeiter in den Nachbarstaaten, wo die Arbeitszeit länger ist. In Gegensatz hierzu findet man in England einen Distrikt, der sich auszeichnet durch die Entwicklung, die der Kapitalismus daselbst genommen hat und durch seine sogenannte „Civilisation“. Frauen sind hier mit der Fabrikation von eisernen Ketten täglich 14 bis 15 Stunden beschäftigt und verdienen dabei nur 4½ bis 5½ Schillinge wöchentlich. Je länger die Arbeitszeit ist, desto niedriger sind die Löhne. . Die Taxe der Löhne steigt mit der Verminderung der Arbeitsstunden.
Die Frage einer Festsetzung der Arbeitszeit ist von hervorragender Bedeutung für die Entwicklung der Arbeiter. Der Redner fordert daher alle Delegirte auf, für den Augenblick alle persönlichen Eifersüchteleien bei Seite zu legen, sowie auch alle principiellen Abschweifungen, um gemeinsam um die Verminderung der täglichen Arbeitszeit zu kämpfen. Der achtstündige Normalarbeitstag ist ein erster Schritt zur Befreiung der Arbeit vom Kapital. (Beifall.) –
Der Bürger Guesde erinnert den Congreß daran, daß er noch drei Fragen auf seiner Tagesordnung habe. Er empfiehlt daher, alle Vorschläge schriftlich an’s Bureau gelangen zu lassen, welches sie in allgemeine Resolutionen zu vereinigen habe, über welche der Congreß in seiner Nachmittagssitzung beschließen wird. Vaillant schlägt vor, bis 1 Uhr Nachmittags alle auf der Liste eingeschriebenen Redner sprechen zu lassen und in der Nachmittagssitzung zur Abstimmung zu schreiten.
Bürger Molkenbuhr verlangt, daß man die Liste der Redner bei Seite lasse, um unmittelbar zur Discussion der Resolutionen des Congresses überzugehen. Ein Redner solle für, ein andrer gegen die Resolutionen sprechen und man solle so viel wie möglich der alten Rednerliste Rechnung tragen.
Der Schluß der Debatte über die Anträge wird verlangt, und der Congreß nimmt den Schluß an. Bürger Kloß, Delegirter der deutschen Tischler, setzt auseinander, daß man von gewissen Seiten der Meinung ist, daß es mit den socialistischen Grundsätzen unvereinbar sei, eine Gesetzgebung über die Arbeit zu verlangen. Diese Auffassung erscheine ihm irrthümlich. Die Socialisten, die bewußten Arbeiter haben die Pflicht, die Bahn zu ebnen, damit die große Masse aus ihrem Wege nach dem gelobten Lande des Socialismus nicht erliege, damit der Kapitalismus die Masse nicht bis zu einem solchen Grade degeneriren lasse, daß sie geistig und leiblich unfähig werde, sich aufzurichten. Die Arbeiterklasse Deutschlands befindet sich um so mehr in der Nothwendigkeit, sich zur Vorkämpferin solcher praktischer Forderungen zu machen, weil durch die gegenwärtige Lage die politische Aktion sehr behindert werde. Aus demselben Grund darf man die Frage der gewerklichen Organisation nicht aus dem Auge verlieren. Gleichwie die Frage der Arbeiterschutzgesetzgebung ist sie geeignet, die Massen zu gewinnen und zu erziehen.
Der Redner verkennt nicht, daß viele Socialisten gegen die gewerklichen Fachvereine oder Syndikatskammern sind, weil diese für die geistige Erziehung der Arbeiter nicht alles das bieten, was die Socialisten dargeboten sehen wollen. Aber es ist ja gerade Aufgabe der Socialisten, diese Fachvereine auf eine höhere Stufe der Erziehung und der Entwicklung zu heben. Sie müssen so zu sagen im Schoße der Fachvereine eine Art Sauerteig bilden, sie müssen das Klassenbewußtsein wachrufen, mit einem Worte die Mitglieder fähig machen, ihre gegenwärtige Lage zu begreifen und ihre geschichtliche Sendung zu erfüllen. Die französische Resolution ist noch nicht in deutschem Wortlaut verlesen worden, und Redner kennt nur die Resolution Bebel. Aus den Gründen, welche er eben entwickelt hat, fordert er alle deutschen Delegirten auf, mit Einstimmigkeit für die Resolution Bebel zu stimmen und vor Allem für die Forderung des achtstündigen Normalarbeitstages. –
Bebel erklärt, daß das Bureau die von ihm eingereichte Resolution mit derjenigen von Guesde und von Morris vereinigt habe, und daß diese gemeinsame Resolution dem Congreß in der Nachmittagssitzung werde vorgelegt werden.
Bürger Lefebvre, Vertreter der Weber von Amiens, hebt die Nothwendigkeit der gewerklichen Organisation hervor.
Die Weber von Amiens arbeiten 12 bis 13 Stunden täglich.
Die Fabrikanten beschäftigen immer mehr Frauen, von denen sie die Arbeit zu billigerem Preise bekommen, und die durch ihre Concurrenz dit Löhne der Männer herabdrücken. Bis in die jüngste Zeit existirte keine Organisation der Weber. Aber im vergangenen Jahre gab eine Arbeitseinstellung der Sammtweber zur Erhöhung der Löhne Veranlassung zur Bildung einer Syndikatskammer, welche heute 350 bis 400 Mitglieder zählt. Diese Syndikatskammer marschirt Hand in Hand mit den Socialisten von Amiens und ihr Einfluß beginnt sich fühlbar zu machen nicht allein unter den Webern, sondern auch unter den Arbeitern anderer Berufszweige. So haben die Schuhmacher das gegebene Beispiel befolgt und haben sich gleicherweise zu einer Syndikatskammer constituirt.
Genosse Lucian Weil kann der Auseinandersetzung Cunninghame Graham’s nicht zustimmen. Dieser betont die Nothwendigkeit gewisser Verbesserungen, um das Werk der Agitation und der Organisation unter der Masse der englischen Arbeiter durchführen zu können. Genosse Weil ist entgegengesetzter Meinung.
Wenn die Arbeitermasse Englands noch zurückgeblieben und nicht zum Klassenbewußtsein gelangt ist, so liegt der Grund darin, daß die Proletarier zu lange Zeit mit Versprechungen von illusorischen Reformen zum Besten gehalten worden sind. Um die Erziehung der Masse durchzuführen, muß man unter sie die Idee der Revolte werfen. Solche Forderungen und solche Versprechungen von Verbesserungen täuschen nur die Arbeiter und verdummen sie.
Wenn er (Redner) Anarchist geworden ist, so ist dies gerade deshalb geschehen, weil die Häupter des französischen Marxismus in deutlicher Weise den ökonomischen Mechanismus enthüllt, deutlich gezeigt haben, daß das eiserne Lohngesetz alle Anstrengungen, diesen Mechanismus durch Reformen zu verbessern, hoffnungslos gemacht hat. Man darf daher nichts von kleinen Mitteln erwarten. Redner selbst wünscht von ganzem Herzen eine Verbesserung der Lage des arbeitenden Volkes, aber er ist überzeugt, daß dieselbe unmöglich auf dem Wege der Reformen und der Gesetzgebung zu erreichen ist. Das allgemeine Wahlrecht ködert die Massen, welche nur ein wirksames Mittel zu ihrer Verfügung haben: die dauernde Bewegung. Nur die sociale Revolution kann alle socialen Uebel heilen.
(Beifall Seitens einiger französischer Anarchisten und englischer Delegirten.) –
Bürgerin Ihrer, Delegirte der Arbeiterinnen von Gera-Reuß, zeigt, daß die Organisation der Arbeiterinnen eine unumgängliche Vorbedingung zur Verbesserung der Lage der Arbeiter und der Arbeiterinnen ist, Ebenso wie die Männer sich allerwärts organisiren, um die Arbeitsbedingungen zu regeln, ebenso müssen sich auch die Arbeiterinnen in gewerblichen Vereinigungen gruppiren. So lange den Arbeiterinnen die Organisation fehlen wird, bleiben sie auch in gewissem Sinne und durch die Macht der Thatsachen Concurrentinnen des Mannes, anstatt nur seine Kameradinnen bei der Arbeit und im Kampfe zu sein.
Wenn zu den Organisationen der Männer nicht solche der Arbeiterinnen hinzukommen, wird es sehr schwierig, ja sogar unmöglich sein, daß die Arbeiter in ihren öconomischen Kämpfen gegen das Kapital siegreich sind.
Einzig und allein die Organisation wird es den Arbeiterinnen ermöglichen, den Grundsatz aufzustellen und anzuwenden: gleicher Lohn für gleiche Arbeit – das einzige Mittel, um die Concurrenz zwischen Männern und Frauen auf Nichts zurückzuführen. Unglücklicherweise begreifen die Frauen noch nicht zur Genüge die Nothwendigkeit, sich zu organisiren und an dem öffentlichen Leben Theil zu nehmen. Beweis hiefür ist, daß trotz der beträchtlichen Zahl der in der Industrie beschäftigten Frauen nur sehr wenige Vertreter von Arbeiterinnen bei diesem Congreß zugegen sind. Es ist also Pflicht aller Socialisten, den Frauen bei dem Werk ihrer Organisation zu helfen. Der Einwurf, daß die Frauen noch zu saumselig sind, um die Wichtigkeit eines Zusammengehens zu begreifen, ist nicht stichhaltig. Auch die Arbeiter waren nicht überall auf der Höhe der Entwicklung, die sie heute bekunden; auch für sie hat es vieler Anstrengungen bedurft, damit sie zur politischen Reife und zur Organisation gelangten. Die Arbeiterinnen allerwärts zeigen die besten Anlagen, um in den Lauf der Arbeiterbewegung einzutreten, aber es muß der Boden besät werden. Rednerin hat aus allen Theilen Deutschlands Briefe erhalten von Arbeiterinnen, welche ihre Freude darüber ausdrücken, aus diesem Arbeitercongre? vertreten zu sein. Diese Thatsache zeigt, daß die Arbeiterinnen beginnen, ihre Lage zu begreifen. Pflicht der Kameraden in allen Ländern ist es, an den Bestrebungen der Frauen für ihre Unabhängigkeit mitzuhelfen – Bestrebungen, die beiden Geschlechtern zum Vortheil gereichen.
Die deutsche Polizei unterdrückte 1886 den Anfang einer Bewegung unter den Arbeiterinnen; die Frauen, die an ihrer Spitze standen, wurden bestraft, die Bürgerin Guillaume-Schack selbst wurde wegen ihrer Agitation ausgewiesen. Aber die Einmischung der Polizei zeigte, daß die Arbeiterinnen auf dem richtigen Wege waren. Auch hat sich die Bewegung seitdem in der besten Weise wieder gehoben, und die Vereinigungen, in welche sich ein zahlreiches und sympathisches Arbeiterinnen Publikum drängt, zeigen von entschiedenem Fortschritt. Es ist auch zu hoffen, daß diefer Congreß das Resultat haben wird, zu der Organisation der Proletarier-Frauen mitzuwirken und in allen größeren Städten gewerbliche Gruppen von Arbeiterinnen entstehen zu lassen. Diese Organisationen werden im Verständniß ihrer Interessen mit der großen socialistischen Arbeiterbewegung Hand in Hand marschiren und sie werden das Mittel sein, um die socialen und bürgerlichen Rechte wieder zu erringen, welche man den Frauen jetzt noch verweigert. Die Frauen der Bourgeoisie betteln in Petitionen um diese Rechte, die Frauen des Proletariats dagegen fordern sie auf Grund des socialistischen Programms.
Der nächste Congreß wird die Probe des Werkes der vollendeten Organisation in den Personen vieler Arbeiterinnen-Repräsentanten bringen. Es ist Zeit, daß die bewußten Träger der Arbeiterbewegung auch den Arbeiterfrauen das Wort lehren, mit welchem Karl Marx die Vereinigung aller Proletarier hervorrief. Das Wort: „Proletarier aller Länder vereinigt Euch!“ heißt auch: Arbeiterfrauen aller Länder vereinigt Euch!, und dies muß unsere Devise werden. (Warmer Beifall.) –
Der Präsident fragt die Versammlung, ob sie John Burns das Wort geben will, obwohl derselbe nicht zu diesem Congreß delegirt worden ist, Burns hat ein Mandat erhalten, dem Possibilistencongreß beizuwohnen, aber da er selbst innigst mit diesem Socialistencongreß sympathisirt, sei es ihm Bedürfniß, dies der Versammlung zu versichern und die Repräsentanten des allgemeinen Proletariats zu begrüßen.
Mit Einstimmigkeit gibt der Congreß das Wort an John Burns, welcher erklärt, wie es nur aus reinem Zufall gekommen ist, daß er dem collektivistischen Congreß beiwohnt. Die Trades-Union, deren Mitglied er ist, hat die Einladung der Possibilisten zuerst erhalten, und die Einladung zum Congreß der vereinigten Socialisten ist erst eingetroffen, nachdem die erstere Einladung schon formell angenommen war. Er bedauerte, daß die Bestrebungen einer Vereinigung der zwei Congresse nicht Erfolg gehabt haben, aber er hofft, daß das Proletariat davon trotzdem profitiren werde, weil beide Congresse dieselben Fragen behandelt haben. Redner vertritt 57.000 in Trades-Unions organisirte Mechaniker-Arbeiter. Auf dem Continent glaubt man allgemein, daß die englischen Trades-Unions von Grund aus reaktionär und conservativ seien, und zum Theil ist dies wahr. Die Mehrheit der Trades-Unions hat noch nicht die Nothwendigkeit des Internationalismus für jede Arbeiterbewegung begriffen, sie bilden sich ein, ihre Lage verbessern zu können durch rein gewerbliche Organisationen, durch ein ausschließlich nationales Vorgehen. Sie beweisen daher wenig Verständniß und Sympathie für die Kämpfe des nicht englischen Proletariats. Uebrigens ist Gleichgültigkeit für die Brüder der andern Länder, ebenso wie das rückläuferische Streben der Trades-Unions nicht der Fehler der organisirten Arbeiter, sondern einiger Chefs, welche rapide bergab gehen, und welche schon unter ihren eigenen Anhängern discreditirt sind. Die Masse der Tradesunionisten beginnt den gemachten Irrthum zu begreifen, und, unterstützt durch die mit einer schwindelnden Schnelligkeit sich in England entwickelnden ökonomischen Bedingungen, werden sie mehr und mehr klar und bewußt. Von jetzt ab in 5 Jahren wird das Gros der Tradesunionisten in das socialistische Lager übergegangen sein und durch ihren Eintritt die Macht des internationalen Parlaments bedeutend verstärken. Der Anfang dieser Entwicklung ist gemacht. „In meinem Namen und in dem der Arbeiter, welche ich vertrete, begrüße ich den Congreß und wünsche für seine Arbeiten den besten Erfolg. (Beifallssalven.) –
Der Bürger Cesar de Paepe, belgischer Delegirter, nimmt das Wort zu Gunsten einer internationalen Arbeitergesetzgebung, weil er von seiner Partei das Mandat erhalten hat, zu dieser Frage Stellung zu nehmen. Außerdem sei es wahrscheinlich das letzte Mal daß er vor einem internationalen Congreß sprechen könne, da seine Gesundheit sehr mißlich sei.
Der Redner will einige Einwendungen zurückweisen, die gegen eine internationale Arbeitergesetzgebung gemacht zu werden pflegen. Von verschiedenen Seiten behaupte man, daß man zu keinem materiellen Erfolge kommen werde, da die Regierungen die in Frage stehenden Forderungen nicht bewilligen; man müßte sich also zufrieden geben mit den agitatorischen Resultaten dieser Forderungen, und es sei in Folge dessen besser, radicalere Formeln aufzustellen. Der Redner findet indeß diese Einwendungen nicht begründet. Er ist der Meinung, daß Forderungen, deren Verwirklichung unmittelbar möglich ist, langsam und allmählich zur Anwendung und Durchführung kommen müssen. Wir verlangen viel von den Regierungen und wir erhalten ohne Zweifel nur wenig und langsam aber wir gelangen Schritt für Schritt zu dem, was wir gewollt haben. Unsere Forderungen bemächtigen sich mehr und mehr der öffentlichen Meinung, und diese übt ihrerseits einen Druck auf die Regierungen aus. Ebenso wenig gerechtfertigt ist der von den Bourgeoisökonomen und den Anarchisten erhobene Einwand, daß eine Arbeitergesetzgebung die Freiheit der Arbeiter bedrohe.
„Die Freiheit des Arbeitercontractes bezeichnet heute die absolute Freiheit der Ausbeutung. Erst nach der Socialisirung der Arbeitsmittel kann von einer Freiheit der Arbeit die Rede sein. Die Anarchisten erklären mit Unrecht eine Regelung der Arbeit für eine Beschränkung der persönlichen Freiheit. Der persönliche Wille allein genügt nicht, um den Gesellschaftlichen Mechanismus zu erhalten und vorwärts zu bringen. Eine Regelung der Produktionsbedingungen, der Arbeitsbedingungen macht sich ebenso gut in der Gegenwart wie in der Zukunft nöthig. Wenn der gesellschaftliches Körper leben und thätig sein soll, muß er organisirt sein! – Von einer dritten Seite wendet man noch ein, daß eine internationale Regelung der Arbeit unmöglich sei wegen der verschiedenen Arbeitsbedingungen in den verschiedenen Ländern. Aber ungeachtet der nationalen und lokalen Verschiedenheiten hat die Macht der Thatsachen uns schon dahin geführt, viele Dinge international zu behandeln und in Gemeinschaft zu haben. So beklagen sich die Arbeiter aller Länder über die nämlichen Uebelstände und formuliren überall dieselben Forderungen. Uebrigens ist es ganz leicht, die internationalen Forderungen unter besonderen und speciellen Bedingungen anzunehmen. So z. B. die Forderung eines Minimallohnes. Wir sind weit entfernt davon, unter dieser Formel zu verstehen, daß der Lohn derselbe in allen Theilen des Erdballs sein solle; aber wir sind der Meinung, daß überall und unter Rechnungtragung an die speciellen Verhältnisse man einen Minimallohn festsetze, unter welchen das Einkommen des Arbeiters nicht gedrückt werden darf. Ueberdies sind bereits viele andere Erfordernisse international formulirt und als international ausführbar anerkannt worden, z. B. die Erfordernisse betreffs der Gesundheitspflege, betreffs der Verwendung giftiger Stoffe, betreffs des Normalarbeitstags etc. Die Schaffung einer internationalen Arbeitergesetzgebung ist ebenso gut ausführbar, als der internationale Post- und Telegraphendienst“.
Der Redner kommt so zu dem Schlusse der Nothwendigkeit einer internationalen Arbeitergesetzgebung und zollt dem Aufruf des schweizerischen Bundesrathes Beifall, wenn er auch viel weitergehende Forderungen aufstellt, und ein vollständiges Programm dessen formulirt, was die Arbeiter an Reformen schon innerhalb der heutigen Gesellschaft erreichen können· (Beifall.) –
Vaillant bringt Namens der Syndikatskammern der Provinz folgende bedeutungsvolle Erklärung zur Verlesung: „Die Vertreter der in Syndikatskammern (Gewerkschaften und Fachvereinen) organisirten Arbeiter der Provinz benachrichtigen die fremden Delegationen, daß ihre sämmtlichen Organisationen keine anarchistische Tendenz haben, und daß der Zufall allein es gefügt hat, daß die Delegirten einiger Pariser anarchistischen Gruppen zuerst das Wort in der Generaldiscussion genommen haben, und daß es einen Augenblick den Anschein hatte, als ob sie die Dolmetscher des französischen Proletariats wären. (Es folgen die Unterzeichnungen der Vertreter von mehr als 200 Provinzial-Syndikatskammern.) (Beifall.)
Die Anarchisten antworten Folgendes auf diese Erklärung:
„Wir protestiren gegen die Ausdrücke der Mittheilung, durch welche eine gewisse Anzahl von Provinzialdelegirten erklären, daß die Organisationen, welche sie vertreten, die anarchistischen Lehren zurückweisen. Wir haben nicht weniger das Recht, im Namen der Provinz zu sprechen, als diese Delegirten.
„Wir sprechen in unsern persönlichen Namen und in Kraft der Mandate, die uns anvertraut sind.
„Die Wahrheit ist, daß, wenn die Syndikatskammern, korporativen Gruppen und socialistischen Studienzirkel, die durch die Unterzeichner dieser Mittheilung vertreten sind, keine Anarchisten sind, dagegen die Organisationen, Gruppen und Korporationen, deren Vertreter wir sind, es vollständig sind.
„In Folge dessen protestiren wir alle gegen diese unqualifizirbaren Unterstellungen, die den Zweck haben, glauben zu machen, daß die französische Provinz vollständig anti-anarchistisch sei, und daß die Genossen, welche seit Eröffnung der Generaldiskussion gesprochen haben, nur ganz unbedeutende Mengen (Kräfte) vertreten. Wir geben es unsern Brüdern aller Länder anheim, diese Handlungsweise zu würdigen.“
Diese Gegenprotestation trägt die Namen von 9 Unterzeichnern, von denen einer erklärt, fünfzig Sektionen der Syndikatkammer der Handarbeiter zu vertreten. –
Bürger Beck, russischer Delegirter, beginnt damit, auseinander zu setzen, daß die Arbeiter- und socialistischen Forderungen, die auf diesem Congreß, betreffend die gesetzliche Regelung der Arbeit, votirt werden, sicherlich den lebhaftesten Widerspruch der Bourgeoisklasse mit ihren Regierungen an der Spitze finden werden. Die Reaktion hat bis in unsere Tage unbekannte Ausdehnungen angenommen, und sie ist universell gegeworden. Nun, es ist bekannt, daß diese Reaktion immer eine beträchtliche Unterstützung seitens des Absolutismus der russischen Regierung gefunden hat. Es liegt also im Interesse der Arbeiterparteien und der Socialisten aller Länder, daß in kürzester Frist der Fall des russischen Absolutismus erfolge, und das umso mehr, als selbst diejenigen europäischen Regierungen die sich bis jetzt durch ihre demokratischen Tendenzen ausgezeichnet haben, anfangen sich zur Verfügung des Despoten von St. Petersburg zu stellen.
Die Frage über die Mittel und die Wege, welche nothwendig sind, damit die Forderungen der Arbeiter triumphiren, ist daher eng verbunden mit der Frage: welches ist die sociale Macht in Rußland, die dieses Reich der Ungesetzlichkeit, des Mißbrauches und der Willkür stürzen wird?
In Rücksicht auf die bemessene Zeit, die dem Redner zur Verfügung steht, muß er darauf verzichten, statistische Angaben zu citiren. Aber bevor er die gestellte Frage selbst erörtert, muß er ein Wort über die Art und Weise sagen, mit der man sie von Zeit zu Zeit in Europa und selbst in Russland zu lösen glaubt.
Rußland, sagt man uns, befindet sich in der Periode des Ueberganges von den alten wirthschaftlichen Formen zu den neuen Formen. Die Naturalwirthschaft stirbt ab, um der Marktproduktion Platz zu machen; die ländliche Genossenschaft zerfällt, während die kapitalistische Produktion von Tag zu Tag sich rapider entwickelt; in gleicher Zeit beginnt die Bourgeoisie, deren Klassenbewußtsein mehr und mehr lebendig wird, zu finden, daß die gegenwärtigen politischen Formen Rußlands ihre Entwicklung hemmen; die Collision zwischen ihr und dem absolutistischen Regiment ist daher unvermeidlich und wird als erstes Resultat den Fall des Absolutismus haben u. s. w. Das politische und revolutionäre Programm, welches die Folge dieser Auffassung ist, ist ganz klar und einfach; aber der Idealismus dieser Auffassung springt sofort in die Augen, wenn man einen Blick in die russische Geschichte der letzten 25 Jahre wirft. Es ist dem Redner wichtig, diesen Punkt wohl zu erwägen, denn er betrachtet die auf die revolutionären Tendenzen der russischen Bourgeoisie gestützten Hoffnungen als vollständig illusorisch und geeignet, unglückliche Folgen für die gemeinsame Sache der russischen Socialisten und der Socialisten der westlichen Europas zu haben. So bedeutend als die durch diese Einbildung versprochenen Vortheile seien, bekämpft sie der Redner dennoch, da jede Einbildung bekämpft werden muß.
Bei Beginn der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts war das Rußland des Nikolaus des Ersten, des Araktscheieff, das Rußland der Leibeigenschaft und der unbegrenzten Willkür des Adels in dem tiefsten Sumpfe der Zersplitterung und der inneren Fäulniß versunken. Die produktiven Kräfte des Volkes, welche gefesselt waren durch eine polizeiliche Organisation der Justiz und der lokalen Verwaltung, die ihr Zubehör bildete, strengten sich an, die Hindernisse zu überwinden, welche sich ihrer Entwicklung entgegenstellten. Die Interessen Europas, wo die Industrie sich mächtig entwickelt hatte, befanden sich im Widerspruch mit einer Einrichtung, welche einen so großen Markt wie Russland in den ausschließlichen Besitz einer Band voll Adeliger und Bezirkssatrapen gab, der Art, daß in dem Krimkrieg von 1851–56 ein furchtbarer Zusammenstoß erfolgte zwischen dem alten Rußland und dem bürgerlichen Europa, aus dem ersteres vollständig geschlagen hervorging. Diese Niederlage, welche auf andere Weise ihren Ausdruck fand in den Worten, die Alexander II. 1860 an den Adel Moskau’s richtete, – „befreien wir“, sagt er, „die Leibeigenen von oben, damit sie sich nicht von unten befreien“ – machte den bestehenden Zustand unmöglich. Die Empörungen der Landleute trieben die russische Gesellschaft und Regierung dazu, mit mehr Entschiedenheit zu handeln. Das Manifest vom 19. Februar 1861 eröffnete eine neue Aera in der Geschichte Rußlands: es hob die Leibeigenschaft auf, es schaffte für breite Reformen die Grundzüge, nach denen auf dem Gebiete der Justiz, der Bezirksselbstregierung, der Verwaltung, der Censur etc. zu verfahren war. Die Mehrzahl dieser Reformen vollzogen sich in der That in bestimmter Zeit. Von 1862 bis 1870 ging die Trennung der Gewalt von der Verwaltung und der Gewalt vom Unterricht, die Einrichtung der „Zemstwo“ (Landesversammlungen), die Oeffentlichkeit des Gerichtsverfahrens, die Wählbarkeit der Friedensrichter und die Gemeinde-Einrichtungen vor sich. Der Grundsatz der Walh berechtigung nach dem Dreiklassenwahlsystem, weit entfernt die ideale Form der Theilnahme der Bevölkerung an der örtlichen Verwaltung zu sein, bezeichnete trotzdem einen großen Schritt vorwärts Alle diese Reformen, ebenso wie das Reglement der allgemeinen Militärdienstpflicht, des Loskaufs der Bodentheile der Landleute etc. gaben dem Selfgovernement, um die Wahrheit zu sagen, keine genügend weite Ausdehnung, aber sie änderten immerhin den Charakter der socialen Beziehungen des folgenden Zeitraumes. Die Zemstwo und die Munizipalitäten, denen die Gesellschaft direkt und indirekt ihre besten Kräfte opferte, begannen mit Energie in Thätigkeit zu treten und erzielten augenscheinlich Erfolge. Die Fragen, die einen direkten Bezug zu den Bedürfnissen des Volkes hatten, wurden auf die Tagesordnung gebracht und theilweise gelöst; der öffentliche Unterricht, die öffentliche Unterstützung, die öffentliche Versorgung, die Versicherung der Arbeitsprodukte des Volkes machten, befreit von der Vormundschaft der Regierung, in kurzer Zeit einen ansehnlichen Fortschritt, der alles das weit hinter sich ließ, was auf diesem Gebiet durch eine allmächtige Regierung erreicht worden war. Die erzielten Fortschritte illustriren den glänzenden Sieg, welchen der Grundsatz der Wahlbeamten (besser Beamtenwahlen) über denjenigen der bureaukratischen Einrichtungen davon getragen hatte.
In derselben Zeit hatten wesentliche Aenderungen auf dem ökonomischen Gebiete stattgefunden. Die Arbeit, vom Joch der Leibeigenschaft befreit, wurde rechtlich Herrin ihrer selbst und organisirte sich auf anderen Grundlagen, vertheilte sich auf eine andere Art unter den verschiedenen Zweigen der nationalen Produktion. Ein Theil, dabei immer noch fortfahrend sich mit der Landwirthschaft zu beschäftigen, fing an, am Handel und an der Industrie des Landes Theil zu nehmen. Die Kapitalisten, die sich bis dahin fast ausschließlich auf den Ackerbau concentrirt hatten, begaben sich auf das Gebiet des Wuchers und der Manufaktur. Die ungünstigen Bedingungen der Ländervertheilung zwangen die Landleute in vielen Fällen die ihnen zugetheilten Grundstücke zu verlassen. Zu dem Proletariat, welches in der vorhergehenden Zeit in den der Krone und dem Adel gehörigen Fabriken, Hütten und Minen beschäftigt worden war, – und zu dem Proletariat, das von den häuslichen Leibeigenen herstammte, die nach der Aufhebung der Leibeigenschaft keine Bodenantheile erhielten, kam auch das Bauernproletariat, und die auf dem Markte angebotenen Arbeitskräfte vermehrten sich beständig; und das Angebot von Händen bis zum Ueberfluß sicherte dem Kapital einen baldigen Triumph. Der Triumph war um so sicherer, als der Machtantritt des Kapitalismus in Rußland zu einer Zeit statt fand, wo die Entwicklung des Maschinenwesens und der Technik schon einen hohen Grad erreicht hatte. Das fremde Kapital hat in diesem Fall vielleicht eine wichtigere Rolle gespielt als das russische Kapital selbst, da es von dem billigen Arbeitsmarkt und der Ausdehnung des Absatzgebietes angelockt ward. Aber vor Allem war es die Regierung, die in Rußland zu dem Triumphe des Kapitalismus beitrug. Da sie vollständig freie Hand hatte, so erschöpfte sie während langer Jahre beinahe den Staatsschatz durch Milliarden, vertheilt unter der Form von Subventionen, Prämien, Zinsgarantien zum Schaden des Volkes. In der Periode, welche auf die Befreiung der Leibeigenen folgte, war das Staatsbudget von der allmächtigen Regierung preisgegeben einer Hand voll räuberischer Fabrikanten, Wucherer und Großgrundbesitzer.
In Folge dieser Thatsachen zeigte sich ein enormer Aufschwung der nationalen Produktion, des commerciellen Umsatzes, der Entwicklung des Creditwesens und der Verkehrsmittel. In 20 Jahren hat Rußland an der Seite der Mächte Westeuropa’s Platz genommen, wenn auch nicht durch die verhältnißmäßigen Mengen seiner Produktion, so doch durch den Charakter seiner wirthschaftlichen Entwicklung. Die Staatsschuld, welche 5 Milliarden übersteigt, ist der beste Beweis für die Anstrengungen der Regierung, auf dem Wege des Kapitalismus zu marschiren, aber auch der Beweis des Elendes, welches dadurch für das Volk entstand. Der Kapitalismus hat also in Rußland triumphirt, wie er überall triumphirt hat. Aber erfüllt in Rußland das Kapital dieselbe Rolle wie überall da, wo sein Reich gesichert war? Hat es in Rußland die produktiven Kräfte wie anderwärts in einer beschränkten Zahl von Fabriken, Hütten und Bergwerken concentrirt? Hat es die Produktionsmittel in den Händen einer kleinen Anzahl Eigenthühmer angehäuft? Wie haben sich bis jetzt Formen des wirthschaftlichen Volkslebens conserviren können, wie die Ackerbaugemeinschaft, die Produktivgemeinschaft (arteli)? Warum wurde in Rußland nicht die absolute Gewalt mit der Abschaffung der Leibeigenschaft abgeschafft, wie sich das anderwärts machte? Um auf diese Fragen zu antworten, muß man die geschichtlichen Bedingungen der Formen des gesellschaftlichen und politischen Lebens in Rußland in Betracht ziehen – Bedingungen, welche einen Einfluß auf die Entstehung der neuen Formen ausgeübt haben, und welche nach der Einführung der Leibeigenschaft eintraten. Die Land-Gemeinde, die geschichtliche Grundlage des Eigenthums und der wirthschaftlichen Verhältnisse hat in der ländlichen Bevölkerung einen gewissen Geist der Solidarität geschaffen, welcher den zerstörenden Bestrebungen des Großkapitals zu widerstehen wußte. Die Erziehung der intelligenten Klassen, die seit Jahrhunderten in sklavischem Gehorsam gegen die Regierungsorgane groß geworden waren, die Unterdrückung ihrer mäßigsten politischen Bestrebungen, die Herrschaft der Romanoff – alles dies hat Wirkungen gehabt, die nicht in wenigen Jahrzehnten eines neuen Lebens verschwinden konnten. Der Mangel an Einigkeit und das beschauliche, duldsame Temperament dieser Klassen haben als Grundlage gedient, auf welche der Absolutismus sich stützte. Aber neben diesen Umständen war noch ein anderer sowohl vor als nach der Aufhebung der Leibeigenschaft thätig – das ist der Einfluß des internationalen Kapitals und die Entwicklung, zu welcher es in dem Augenblick gelangt war, als es sich in Rußland einführte. Wenn es ein Land gibt, von dem man behaupten kann, daß das Reich des Kapitalismus zu spät in demselben gekommen sei, um seine ganze historische Rolle zu erfüllen, so ist es sicher Rußland. Die Aufhebung der Leibeigenschaft ist daselbst in einer Zeit erfolgt, wo der Kapitalismus in Europa schon alle die inneren von ihm untrennbaren Widersprüche erregt hat. Einer dieser Widersprüche, derjenige, welcher zwischen der wachsenden Nothwendigkeit, den Umfang der Produktion zu erweiterte und der sich vermindernden Fähigkeit des Marktes besteht, diese Waarenmengen aufzunehmen, mit denen er überschwemmt wird, hat schon in Europa sporadische Empörungen des Marktes gegen diese Art der Produktion, des Austausches und der Vertheilung hervorgerufen. Die russische Bourgeoisie, die sich unmittelbar nach der Aufhebung der Leibeigenschaft mit der Concurrenz in dem Angebot der Hände beschenkt hatte, beklagte sich in der Person der Großgrundbesitzer über den hohen Preis der Arbeitskräfte, obwohl dieser so niedrig war und noch ist, daß viele Kapitalisten es vorziehen, mit den unvollkommensten Werkzeugen arbeiten zu lassen. Aber diese Klagen hatten ihren Grund in dem wenig gesicherten Binnenmarkte. Je mehr sich der Kapitalismus ausdehnt, je mehr diese Unsicherheit des Marktes sich vermehrt, um so mehr vermindert sich die Kaufkraft des Volkes im Maße und Verhältnisse, als die Maschine den Arbeiter ersetzt. Bei einem gewissen Punkte der kapitalistischen Entwicklung sieht sich die Bourgeoisie gezwungen, einen Theil ihres Vortheils zu opfern, um sich den innern Markt zu erhalten. Alsdann zerstört das Großkapital nicht die Formen des Kleinbetriebes und des Kleinbesitzes, wie die Hausindustrie, die Kleinindustrie, die ländliche Gemeinde, es nimmt sie für seine Zwecke an, ohne sie zu vernichten, indem es sie für den innern Markt gebraucht.
Diese Thatsachen, von denen es in der Geschichte jedes anderen Landes analoge Beispiele gibt, hat seine Bedeutung für das wirthschaftliche Leben Rußlands. Alle statistischen Untersuchungen haben gezeigt, daß die Zahl der großen Fabriken und Hütten in den letzten zehn Jahren fast vollständig die gleiche geblieben ist; ebenso daß die Zahl der in der Großindustrie, in der Kleinindustrie und in der Landwirthschaft beschäftigten Arbeiter im Allgemeinen sich kaum vermehrt hat. Weiter ist das Grundeigenthum weit entfernt davon, sich in den Händen einer kleinen Anzahl Eigenthümer anzuhäufen; die Verhältnisse zwischen der Großindustrie und der nationalen Produktion im Allgemeinen haben sich fast gar nicht verändert, obwohl die erstere einen großen Aufschwung von 1881 bis 1882 genommen hatte – ein durch die schnelle Einführung der Maschinen in der Industrie bezeugter Aufschwung. Außerdem beschäftigt neben den großen Fabriken die Kleinindustrie eine viel größere Anzahl Arbeiter als das die Großindustrie, und diese Zahl vermindert sich nicht. Diese Thatsachen erklären sich durch die innere Ohnmacht, eine Charakter-Eigenschaft des Kapitalismus in seiner letzten Epoche, und bezeichnend für die Unordnung der universellen Industrie.
Russland war so ziemlich der industriellen Krise von 1873 entgangen, wurde aber vollständig von der allgemeinen Krisis von 1879 bis 1882 ergriffen, welche Krise noch heute andauert. Seit dieser Zeit unterliegt die russische Industrie allen Consequenzen des inneren Verfalles des internationalen Kapitalismus. Die Produktion in vielen industriellen Zweigen beginnt, ebenso wie die Ausdehnung des auswärtigen Handels, sich zu vermindern. Die sichersten großen Unternehmungen werden zweifelhaft und scheitern oft. Das einzige Mittel, den Markt zu garantiren, d. h. die Ländereroberung und ihre Beschützung durch Steuergrenzen und Kosaken, ist unwirksam geworden, da England im Orient und Oesterreich im Südwesten sich in der Nothwendigkeit sehen, zu demselben Mittel zu greifen. Die Eroberung neuer Märkte ist sehr schwierig, und das kapitalistische Europa erwartet mit Schrecken den Augenblick der wirthschaftlichen Emanzipation der Kolonien. Gleichzeitig sind die Arbeiter zu Tausenden auf das Pflaster geworfen und bilden große Armeen von „Barfüßlern“ (Vagabunden); Tausende von Landleuten, die ihren Acker verlassen haben, suchen vergeblich Arbeit oder einen Ort, um einen neuen Heerd zu gründen. Die Regierung sucht Mittel, um den Wirkungen dieser Lage vorzubeugen. Graf Ignatieff denkt an eine antisemitische Bewegung; die Arbeiter werden in Masse aus den industriellen Centren in ihre Heimathsorte transportirt. Empörungen der Landleute, welche die Regierung mit militärischer Gewalt unterdrückt, indem sie die Führer zum Tode verurtheilt, fortwährende Arbeitseinstellungen, das sind die charakteristischen Thatsachen der letzten Jahre in Rußland. Der Kapitalismus, der sich in Rußland zu einer Zeit eingeführt hatte, wo er eine universelle und internationale Produktionsweise geworden war, ist also auf dem Wege seine historische Rolle zu beenden, dort wie anderwärts.
Zusammen mit allen andern Ländern Europas nähert sich Rußland heute dem Ende dieser Aera, indem es mit ihnen den Wirkungen des internationalen Kapitalismus unterliegt. Es ist also zu spät, von der Zerstörung der volksthümlichen Produktions- und Eigenthumsformen in einer Zeit zu sprechen, wo das Kapital seit dem Beginn seiner Aera in Russland gezwungen ist, dieselben aufrecht zu erhalten. Es ist zu spät, von der Entwicklung des Kapitalismus in einer nahen Zukunft zu sprechen, in einer Zeit, wo derselbe beginnt, unter seinem eigenen Gewicht zusammen zu stürzen; es ist endlich zu spät, liberale und verbessernde Bestrebungen der russischen Bourgeoisie zu berücksichtigen, nachdem diese unmittelbar nach der Aufhebung der Leibeigenschaft nicht die nöthige Kraft gehabt hat, um organische Verbindungen mit den Interessen des Volkes zu schaffen und es in derselben Weise wie die europäische Bourgeoisie zu täuschen. Seit seinem Auftreten in Rußland hat der Kapitalismus das Bedürfniß einer unbeschränkten Macht, um seine Parasitenexistenz zu garantiren, um alle Stimmen zum Schweigen zu bringen, welche die Gefahren seiner Herrschaft verkündeten, um allen kritischen Geist zu ersticken, und um sich gegen den kämpfenden Socialismus zu vertheidigen. Die absolutistische Herrschaft war daher bis jetzt und wird in Zukunft das politische Programm der russischen Bourgeoisie rein. Die Interessen der Dynastie der Romanoff und der Bourgeoisie sind die nämlichen.
Bezeichnend für die Geschichte Russlands in den letzten Jahrzehnten ist die Thatsache, daß die verschiedenen socialistischen Parteien sich an der Spitze der revolutionären Bewegung gegen den Absolutismus befinden, daß sie es sind, die ihn im Namen des Volkes bekämpfen. Diese Thatsache erklärt sich daraus, daß die Arbeiterforderungen sich auf der Tagesordnung erhalten, und daß sie eine Aenderung der jetzigen politischen Ordnung verlangen. Die Bourgeoisie, welche ihre geschichtlichen Ueberlieferungen verleugnet, wird reaktionär und conservativ; an den arbeitenden Klassen ist es, die Zukunft zu bringen. Russland hat noch keine organisirte und ihrer geschichtlichen Aufgabe bewußten Arbeiterklasse, aber die socialistische Partei wird das politische Terrain behaupten, und die politischen Rechte sind zu ihrer Entwicklung unbedingt nothwendig. In Europa vertheidigen die revolutionären Socialisten diese Rechte gegen die Bourgeoisie, welche sie schon erworben hat. In Rußland sind sie gezwungen, zugleich den Absolutismus und die Bourgeoisie zu bekämpfen, um die politische Freiheit zu erlangen. Der Socialismus ist die einzige Macht, die es verstehen wird, die politischen Rechte zu erlangen und zu bewahren; sie allein wird den russischen Absolutismus überwinden. Die russische Bourgeoisie ist gezwungen, selbst die verschiedenen volksthümlichen Produktions- und Eigenthumsformen aufrecht zu erhalten. Aber sie hält sie heute aufrecht, um sie morgen zu untergraben, und das Elend des Volkes kann nicht durch die Landgemeinschaft geheilt werden. Einzig die vollständige Umwandlung der politischen, socialen und wirthschaftlichen Ordnung kann hier helfen.
Indeß ebenso wie die Socialisten Europas ihre Gründe haben, eine Arbeitergesetzgebung zu fordern, ebenso verlangen die russischen Socialisten, wenigstens diejenigen, welche dem Programm der Narodnaja wolja (Volkswille) zustimmen, die Beschützung der Landgemeinschaft und der Erwerbsgenossenschaften (arteli) durch den Staat. Das russische Volk hat in den gegenwärtigen Bedingungen von diesen Ueberbleibseln seiner geschichtlichen Vergangenheit Vortheil gezogen. In den Jahren 1880 bis 1883 – Jahre der Krise für Rußland – konnten sich die Fabrikarbeiter in Ermangelung jeder Organisation nicht gegen die Fabrikanten und Wucherer vertheidigen; die ländlichen Arbeiter fanden Mittel des Widerstands in ihren Sitten und Gewohnheiten, die eine Folge der Einrichtungen der Landgemeinschaft sind. In einer großen Zahl Distrikte hat der „Mir“, das administrative Organ der Landleute, bewirkt, daß ein fester Lohn für die ländlichen Arbeiter durchgeführt ward, und dies Beispiel wurde von den Regierungen ganzer Gouvernements befolgt. Die hier dargelegten Thatsachen, wollen wir hoffen, genügen, um die Forderungen der dem Programm der „Narodnaja wolja“ anhängenden russischen Socialisten, betreffend die Unterstützung der Landgemeinschaft, welche als Form des Volkslebens eine große Wichtigkeit für den gegenwärtigen Moment, wie für die nächste Zukunft hat, zu rechtfertigen.
Bürger Dulucq erklärt sich für eine internationale Arbeitergesetzgebung, aber ser verlangt von dem Congreß, daß derselbe formelle Resolutionen fasse über die Art und Weise, wie die Parteien und die Organisationen, die ihnen zugestimmt haben, für die Verwirklichung der aufgestellten Forderungen kämpfen müssen.
Bürger Combemoreil bemerkt, daß der Munizipalrath von Paris viel thut, um den 9stündigen Arbeitstag für die städtischen Arbeiter einzuführen. Die politischen Machthaber annullirten die Resolution des Munizipalrathes; doch führte dieser, indem er seinen Beschluß aufrecht erhielt den neunstündigen Arbeitstag auch für die von Privatunternehmern bei städtischen Arbeiten beschäftigten Arbeiter ein. Er ist in seiner Majorität einig in dem Verlangen nach Schutzmaßregeln, als nothwendigen Mitteln, um die Arbeiter für ihre vollständige Befreiung vorzubereiten.
Bürger Chauvière, Munizipalrath von Paris, empfiehlt als bestes Mittel, um die Resolutionen des Congresses zu verwirklichen, die von Blanqui verlangte Entwaffnung der Bourgeoisie durch die Abschaffung der stehenden Heere und die Volksbewaffnung.
Dupré, Delegirter der Möbeltischler der Vorstadt St. Antoine, bekämpft die Meinung, daß die Arbeiter gute Erfolge von einer Arbeitergesetzgebung zu erhoffen haben. Bis in unsere Tage ist noch nie die Gesetzgebung für das Beste und zum Nutzen des Volkes thätig gewesen. Alle Gesetzgebung von gestern ist wurmstichig, und die von morgen wird faulig sein. Man hat lange genug von wirthschaftlichen Fragen gesprochen, aber bei aller Behandlung dieser Fragen ist die Sache des Volkes nicht vorwärts geschritten. Man muß das Kapital vernichten, die Kapitalisten und alle Monopole. (Ironische Zurufe von den Deutschen: „Es muß Alles verungenirt werden!“)
Bürger Domela Nieuwenhuis, holländischer Delegirter, beginnt damit, zu constatiren, daß, wie es ihm scheint, der Congreß ein großer Erfolg in so weit ist, als er die Einigkeit der Socialisten der ganzen Welt zum Ausdruck brachte, aber daß er ein schlechter Erfolg in Bezug auf die Tagesordnung ist, mit welcher man den letzten Tag begonnen hat, wo mit Ausnahme einiger Privilegirter, Niemand länger als fünf minuten sprechen darf! Nun gut! Ich erkläre, sagt er, daß ich kein Zauberkünstler bin, welcher eine so große und so schwer wiegende Frage in so wenig Zeit erörtern kann. Deshalb verzichte ich auf das Wort für die Frage selbst. Aber ich verlange Ihre Aufmerksamkeit, um einige Bemerkungen zu der Rede meines Freundes de Paepe zuzufügen.
Ich verlange nichts vom Parlamentarismus, gerade weil ich Mitglied eines Parlaments bin, weil ich die ganze Comödie gesehen habe. Alle die, welche Mitglieder eines Parlamentes sind, frage ich durch unsern Vorsitzenden Cunninghame Graham, Mitglied des englischen Parlamentes ob sie, ja oder nein, etwas vom Parlamentarismus erwarten? Das Wort „Parlament“ ist aus zwei Worten zusammengesetzt, die nach einem geistreichen Schriftsteller vollständig den Charakter des Gegenstandes bezeichnen, d. h. aus „parle“ (spricht) und „ment“ (lügt 14). Die Parlamente sind daher Versammlungen, in denen man spricht und lügt. Wer kann die Parlamente auf einen kürzere und eine bestimmtere Manier bezeichnen? Die Parlamente sind sprechende Versammlungen, und das ist nicht allein der Fehler der Personen, nein des Systems selbst. Wir haben es hier gesehen.
Unser Congreß ist zusammengesetzt aus Auserlesenen; kein Parlament der ganzen Welt kann sich mit diesem Parlament hier vergleichen, und doch, frage ich Sie, ob es nicht genau dieselben Fehler gemacht hat? Man hat viel gesprochen, selbst zu viel, und am Ende ist man gezwungen abzustimmen und Resolutionen anzunehmen, die man vorher präparirt hat, ohne die Zeit oder Gelegenheit zu haben, sie ernsthaft zu diskutiren. Der Fehler ist also in dem System. Aber nehmen wir einmal einen Augenblick an, daß wir auf der ganzen Linie triumphirt hätten, nehmen wir an, daß wir eine Arbeitergesetzgebung, wie wir sie wünschen, haben: sagen Sie mir, glauben Sie, daß die allgemeine Lage sich viel zu Gunsten der Arbeiter ändern würde? Wenn man mich um meine Meinung fragt, werde ich ganz freimüthig sagen, daß der schlechteste Streich, den uns die Regierungen spielen könnten, der wäre, Ihre Vorschläge anzunehmen, denn auf 20 bis 25 Jahre hätten sie jede revolutionäre socialistische Bewegung unter den Arbeitern ertödtet. Glücklicherweise sind die Regierungen blind und begreifen nicht die Lage. Aber für mich besteht die größte Gefahr des achtstündigen Arbeitstags darin: für die Arbeiter wird die Einführung desselben in jedem Fall eine ungeheure Enttäuschung sein; denn die Arbeiter können thun, was sie wollen, sie können den achtstündigen Arbeitstag einführen, sie können auswandern, sie können sich der Ehe enthalten und den Neu-Malthusianismus praktiziren, überhaupt gar keine Kinder erzeugen – das Kapital wird immer Mittel finden, sich vor einer Lohnerhöhung zu schützen, die es zu tragen hätte, und es wird sich seine Beute nicht entwischen lassen; nur mit Gewalt wird man sie ihm entreißen können. So lange die kapitalistische Produktion bestehen bleibt, erhebt sich der Lohn nicht über das, was zur Erhaltung der produktiven Kraft nöthig ist. Die Kapitalisten, welche Herren der Regierungen sind, werden den achtstündigen Arbeitstag geben, wenn sie sehen werden, daß dies das einzige Mittel ist, sieh zu erhalten; und so lange sie die Herren bleiben, werden die Arbeiter die Sklaven bleiben. Das Höchste, was die Arbeiter erreichen werden, wird sein, daß die Sklavenketten in Sammt oder Seide eingewickelt werden; die Ketten werden dennoch Ketten bleiben. Dann werden die Arbeiter sehen, daß das Uebel nicht in der Arbeitszeit besteht, und nicht im Lohne, andernfalls wären die Wirkungen mit den Ursachen verschwunden, sondern daß die Ursache des Uebels die unvollkommene und völlig ungerechte Vertheilung der Arbeitsprodukte ist. Nun gut, ohne diese Ursache zu unterdrücken, wird man niemals das Elend und die Sklaverei unterdrücken.
Caroll Wright, Sekretär des amerikanischen Statistischen Bureaus, hat dies vollkommen begriffen, wenn er sagt:
„Eine der wichtigsten Fragen, die eine Lösung erheischen, ist die Frage, die sich immer mehrenden Arbeitsprodukte unter die Producenten aus eine verhältnißmäßige und gerechtere Weise zu vertheilen, denn die unvollkommene Vertheilung und nicht die Ueberproduktion ist das große Uebel, an dem der sociale Körper leidet. Das Kapital trägt jetzt den Löwenantheil davon, und deshalb waren die Arbeiter gezwungen, sich zu organisiren und drohen sie, gegen den Kapitalismus zu agitiren. Der Conflikt zwischen Kapital und Arbeit kann nur gelöst werden durch Abschaffung des Lohnsystems und seine Ersetzung durch die genossenschaftliche Arbeit.“
Hier ist das Uebel und hier ist das Heilmittel. Wenn wir, die wir hartköpfige Socialisten sind, wenn wir uns zu den Vorkämpfern einer Arbeitergesetzgebung machen, so muß man einsehen, daß dies ein Zugeständniß unsererseits ist; deshalb sind wir der Meinung des englischen Inspektors Saunders, daß Schritte, um die Gesellschaft zu reformiren, mit einigem Erfolg nicht gemacht werden können, wenn der Arbeitstag nicht von vornherein begrenzt ist, und wenn die gesetzlichen Grenzen nicht mit Strenge innegehalten werden. Wir werden uns dieser Verkürzung des Arbeitstages als eines Hebebaumes bedienen, damit der proletarische Riese, der zu Boden geworfen ist und sich gegen die Fußtritte seiner Tyrannen nicht schützen kann, sich aus die Füße erhebe und Gebrauch von seiner Kraft mache. Das ist der einzige Grund, warum ich mir denken kann, daß ein überzeugter Socialist sich anstrengt, um eine solche These durchzusetzen – es scheint mir, daß das Ultimatum der Arbeiterklasse an die herrschende Klasse nicht kürzer und bestimmter ausgedrückt werden kann, als in den vier Forderungen der Engländer;
Eight hours to work, eight hours to play,
Eight hours to sleep and eight shillings a day.
(8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Erholung, 8 Stunden Schlaf und 8 Schilling den Tag) –, von welchen Forderungen er im Voraus weiß, daß sie keine gründliche Besserung geben. Im Evangelium befindet sich ein Gleichniß, das mir immer in den Sinn kommt, wenn man die Arbeitergesetzgebung erörtert: „Niemand setzt einen neuen Lappen auf ein altes Kleid, denn er zerreißt es und das Loch wird größer“. Nun, trifft dies nicht auch bei der Frage zu, die wir erörtern? Der Kapitalismus, d. h. das System, durch welches der Arbeiter an dem Eigenbesitz des Arbeitsproduktes und Arbeitsmittels gehindert wird, – der Kapitalismus ist unser Feind, und wie Cato stets betonte, „Carthaginem esse delendam“ (Carthago muß zerstört werden), so müßten auch wir immer und überall sagen: Der Kapitalismus muß zerstört werden!
Wenn wir einen Arbeitstag von 8 Stunden wollen, so ist dies nur ein Mittel, niemals ein Zweck. Ein Eisenbahnzug kann nicht immer fahren, er muß manchmal anhalten, um Wasser einzunehmen; je weniger er sich unterwegs aufhält, um so besser, und wir suchen das Mittel, um ihn möglichst wenig anhalten zu lassen. Für uns ist der achtstündige Arbeitstag eine Station, auf der man sich ein wenig aufhält, um sich zu erfrischen und um dann den Kampf mit größerer Kraft und besser bewaffnet wieder beginnen zu können. Der achtstündige Arbeitstag ist nichts als eine Kriegswaffe und er ist nur eine provisorische Maßregel. Die Arbeiter müssen wissen, daß sie nicht am Ende des Kampfes sind, wenn sie den Normalarbeitstag-Gesetzerlaß erlangt haben, ja daß dann der eigentliche Kampf erst anfängt.
Es ist nicht nothwendig, Socialist zu sein, um mit uns nach diesem Ziele zu marschiren, und unser Socialisten-Congreß ist sehr bescheiden, selbst zu bescheiden, wenn er nur diese Forderung erhebt. Das ist der Grund, warum es, wenn wir eine solche Gesetzgebung fordern, nöthig ist, hinzuzufügen: eine solche Gesetzgebung auf socialistischen Boden ist wie eine Pflanze in einem Sumpfboden. Wir müssen sagen: das persönliche Eigenthum ist das größte Uebel; ohne seine Zerstörung erlangen wir nicht die ersehnte Heilung. – Wenn man wir einen Platz in einem Ministerium anböte – ich hoffe nicht, und ich fürchte nicht, daß man es thun wird –, so stelle ich eine einzige Bedingung aus, nämlich die: will man das persönliche Eigenthum angreifen? Wenn man mir antwortste: ja, so würde ich zögernd annehmen, aber pflichtgemäß; wenn man mir antwortete: nein, so würde ich sagen: hebe Dich weg von mir, Satanas, Du willst mich verführen!
Man verlangte von Plato, er solle Musterinstitutionen vorschlagen, Gesetze für eine grichische Stadt. Der Philosoph antwortete: „Gern, aber wird es unter uns Eigenthümer geben?“ „Ohne Zweifel“, antwortete man ihm, „jeder von uns wird sein Feld besitzen und wird es mit Mauern umgeben können“. – „Dann habe ich Euch nichts mehr zu sagen; baut Eure Stadt, Andre werden sie dem Erdboden gleich machen und Ihr werdet Euch nicht verstheidigen können“. – Diese Antwort des Philosophen sagt Alles. Wenn das persönliche Eigenthum die Grundlage unserer Gesellschaft bleibt, so bleiben Armut, Sklaverei, Elend mit allen ihren Folgen den Arbeitern, und der vierte Stand, der nichts ist und alles werden muß, kann seine Rechte und seinen Platz nicht anders an sich nehmen, als dadurch, daß er die private Form des Eigenthums zerstört die sich überlebt hat. Jeder Vorschlag für eine internationale Arbeitergesetzgebung wird mit Sympathie empfangen, aber wir antworten immer, sie ist nicht genügend, sie ist nur ein erster Schritt; ceterum censeo – im übrigen meine ich: das Privat-Eigenthum muß zerstort werden.
Wir nehmen die Resolution Bebel’s an, aber nur unter diesen beiden Bedingungen: daß zu dem höchstfestgesetzten Arbeitstag ein niedrigstfestgesetzter (Minimal-) Lohn hinzugefügt; und daß in der Begründung erklärt wird, daß die Arbeitergesetzgebung nur eine vorübergehende Maßregel ist, und daß das Loos der Arbeiter sich niemals verbessern kann, wenn man nicht aus dem Rahmen des persönlichen Eigenthums als Grundlage des Gesellschaft heraustritt; und daß unser Ziel ist und bleibt: die Umwandlung des Privat-Eigenthums in gesellschaftliches Eigenthum. (Beifall.)
Bürger Liebknecht erklärt in vollem Einverständniß mit den deutschen Delegirten, daß er nicht in eine Diskussion über die Nützlichkeit des Parlamentarismus eintreten wolle. Wir wissen, sagt er, was wir von dem Parlamentarismus zu halten haben, aber aus unserem Schweigen darf nicht geschlossen werden, daß wir uns in Einklang mit der absoluten Verwerfung desselben befinden, welche Domela Nieuwenhuis soeben ausgesprochen hat. Unsere Stellung zum Parliamentarismus ist auf unseren Congressen scharf definirt worden, und ich verweise einfach auf die bezüglichen Verhandlungen.
Was die Folgen einer Arbeitergesetzgebung betrifft, so ist Redner überzeugt, daß die Verwirklichung der Schutzgesetze, weit entfernt, die Arbeiterbewegung aufzuhaltet, sie begünstigen und viel dazu beitragen werde, ihr einen mächtigen Aufschwung zu geben.
(Beifall und Zeichen der Zustimmung seitens der deutschen Delegirten.)
Das Bureau macht dann Mittheilung der für die Verunglückten von St. Etienne und für einen an der „Mauer der Föderirten“ (Communarden) niederzulegenden Kranz gesammelten Summen. Es ersucht dann die Delegirten der Weber der verschiedenen Länder, sich nach der Sitzung zum Zweck einer internationalen Verständigung zu versammeln.
Die Sitzung wird um 1 Uhr geschlossen, und soll 1½ Uhr wieder ausgenommen werden. Gemäß dem Beschluß des Congresses wird die Versammlung dann zur Abstimmung über die Resolutionen schreiten.
Berichte
Nach Beschlußfassung des Congresses lassen wir hier im Abriß die an den Congreß gefandten Berichte folgen, welche ans Mangel an Zeit nicht verlesen werden konnten.
General-Berichte
Bericht der Société républicaine-socialiste der Elsaß-Lothringer, überreicht von ihrem Abgeordneten, Bürger Jaclard
Die zur republicanisch-socialistischen Demokratie gehörigen Elsaß-Lothringer haben es für eine ihnen ganz besonders obliegende Pflicht gehalten, Theil zu nehmen an dieser großen socialistischen un internationalen Kundgebung.
Die eigenartige, Unserem Lande auferlegte Situtation – so sagten sie sich, – der Mißbrauch, welchen man mit den patriotischen Gefühlen getrieben, indem man ihnen bald den Stempel eines groben Chauvinismus ausdrückte, bald sie in den Dienst persönlich-politischer Pläne und ehrgeiziger Charlatane stellte, – zwingt uns ganz besonders diesen Congreß zu besuchen, um den wirklichen Gefühlen Ausdruck zu geben, welche jeden Elsaß-Lothringer in seinem innersten Herzen beseelen müssen.
Bürger! Als Demokraten meinen wir, daß die Freiheit eines Volkes heilig ist wie die des Einzelnen. Indem am 4. September 1870 die Republik von Neuem proklamirt wurde, welche zweimal den Handstreichen der Bonapartes erlegen war, wurde damit zugleich die Solidarität aller Glieder dieser Republik proklamirt. Wir haben gegenseitig die Verpflichtung übernommen, die errungene Freiheit in allen ihren Formen und in allen Theilen des gesellschaftlichen Körpers zu vertheidigen, wo sie etwa gefährdet sein könnte. Diese Freiheit war ein gemeinschaftliches Erbe, das niemand von uns schädigen lassen durfte – die Socialdemokraten noch weniger als alle anderen, in Erwägung, daß sie der republikanischen Idee ihren wirklichen und vollkommenen Ausdruck gegeben haben, indem sie dieselbe als Quelle jeder Emanzipation ansehen, indem sie in ihr alle politischen und sozialen Forderungen zusammenfassen.
Das ist das Geheimniß der ruhmreichen Vertheidigung von 1870; das ist der Grund, warum wir Sozialisten die wir in unserem Abscheu gegen den Despotismus soweit gingen, die Niederlage der kaiserlichen Armee zu wünschen, als Männer der Vertheidigung bis zum Aeußersten auftraten von dem Tage an, wo das Vaterland die Begriffe Republik und Revolution mit umfaßte und sich mit ihnen deckte.
An diesem Tage fand unser Protest zustimmenden Widerhall bei der Socialdemokratie aller Länder, und zwar zur nämlichen Zeit, wo in Frankreich selbst die Coalition falscher Patrioten sich gegen ihn richtete. Während die Trochu, die Jules Ferry und die Jules Fabre uns ins Gefängniß warfen, weil wir den Verrath Bazaine’s rächen wollten, fanden sich in Berlin Männer, welche den Muth besaßen, den siegreichen Armeen zuzurufen: „Nicht weiter!“, welche Bismarck, der neue Credite forderte, nachdrücklichst antworteten: „Wir verweigern Ihnen unsere Zustimmung! Die Deutschen und die Franzosen sind Brüder und wir wollen nicht die Mitschuldigen eines brudermörderischen Krieges sein.“ Diese tapferen Männer sitzen heute mit uns in diesem Congreß! Wir begrüßen sie als Freunde und Brüder ebenso dankbar und herzlich, wie wir die Verräther, welche das Vaterland wehrlos auslieferten, mit unauslöschlichem Groll verfolgen.
Als das ganze Unheil über uns hereingebrochen war, da war es Elsaß-Lothringen, welches für Alle die Zeche bezahlen mußte. Man hat es behandelt, wie man in barbarischen Zeiten eroberte Länder behandelte.
Gegen diese Rechtsverletzung können wir nicht lebhaft genug protestiren.
Wir sind die Männer der Revanche, die uns von Gerechtigkeitswegen geschuldet wird. Aber wie sollen wir unsere Revanche nehmen? Wie sollen wir sie erlangen?
Würdet Ihr Socialdemokraten es auf Euch zu nehmen wagen, zwei große Nationen, Deutschland und Frankreich, welche beide ruhmreich beigetragen haben zu den Werken der Civilisation und es in noch höherem Grade künftig thun werden, gegen einander zu hetzen und in einen Vernichtungskrieg zu treiben der verhängnißvoll sein würde für beide und für die ganze Menschheit? Was auch der Ausgang wäre, es wäre jedenfalls eine Niederlage der socialen Emanzipation, ein Rückfall in die Barbarei.
Wir werden uns dazu nicht hergeben, wir wünschen, daß dieser Krieg nie stattfinde. Unsere Revanche soll nicht die Völker ausrotten Und die Tyrannei befestigen, – unsere Revanche besteht im Fortschreiten der republikanischen und socialistischen Ideen, die von Frankreich aus über die Grenzen binausstrahlen und den Völkern zeigen, daß, wir nicht Feinde sondern Bruder sind, daß wir dieselben Triebe, dieselben Bedürfnisse haben, daß wir denselben Bestrebungen huldigen, und daß wir in gleicher Weise dieselben Hindernisse besiegen, denselben Feind zu bekämpfen haben. Und dieser Feind ist die Unterdrückung in allen ihren politischen und socialen Formen, es ist der brutale Militärdespotismus, es ist das zwar mehr heuchlerisch versteckte, aber nicht minder drückende Joch des Kapitals.
Das Kapital seinerseits kennt kein Vaterland, es ist ebenso rücksichtslos auf deutschem und französischem Boden, wie auf dem von Elsaß-Lothringen. Man hat viel Aufhebens gemacht von den philanthropischen Versuchen der Dolfus, Cöstlin, aber das einzige Resultat, welches dabei herauskam, war weit entfernt davon die Arbeiter zu befreien, sondern hat nur die Kette enger geschnürt und die Verknechtung vollkommen gemacht. Die Gemeinsamkeit der Interessen und der Gefahren, welche die gesammte Demokratie zusammenhält und einigt, und sie dazu treibt, ihre Anstrengungen zu vereinigen, Ihr verkündigt sie in diesem Congreß und wir Socialisten von Elsaß Lothringen begrüßen sie mit Freuden. Mit Euch übereinstimmend wünschen wir den Frieden der allein den demokratischen und socialistischen Ideen erlaubt, Wurzeln zu fassen und zu wachsen; gerade so wie Ihr wollen wir uns nicht gegenseitig die Hälse brechen, wozu politische Charlatane uns treiben möchten, sondern wir wollen uns vereinigen, uns in Gruppen organisiren, um gemeinschaftlich an der allgemeinen Befreiung, an der politischen und ökonomischen Emanzipation der großen Familie aller Proletarier zu arbeiten! Wir sagen den Franzosen und den Deutschen, wie den Belgiern, den Schweizern u.s.w.: vor der socialistischen Idee verschwinden die Vielheit und die Unterschiede der Völker. Für uns gibt es nur ein Volk: das Volk der Arbeiter, das sich sammelt unter dem Banner, welches in diesem Saale prangt und das besser als alle anderen Banner die Runde um die Welt machen wird, und zwar nicht um hinter sich Gemetzel und Wuth schnaubenden Haß einherzuführen sondern um den fruchtbringenden Samen der allgemeinen Emancipation zu verbreiten, um überall die gemeinsame Kette der Sclaverei und des Elends zu brechen.
Diese Kette verdankt ihre Dauerhaftigkeit dem Kriege, wir aber wollen den Frieden; – sie verdankt ihre Festigkeit einer Armee von Soldaten im Solde der Herrschenden und Kapitalisten. Kein stehendes Heer mehr! Aber allgemeine Volksbewaffnung! Das ist das einzige Mittel den Krieg zu unterdrücken, den Triumph der politischen und socialen Freiheit zu sichern und dadurch die Herrschaft der Brüderlichkeit unter den Menschen herzustellen.
Bericht des Bürgers Uhle über die Lage der Arbeiter in Buenos-Aires (Republik Argentinien), eingesandt int Namen der deutschen Socialisten der genannten Stadt und gut geheißen vom Verein deutscher Socialisten „Vorwärts“
Mit herzlicher Freude begrüßen die deutschen Socialisten der Rebublik Argentinien den Socialisten congreß der Arbeiter zweier Welten, der soeben zur hundertjährigen Feier der denkwürdigen Erstürmung der Bastille eröffnet werden soll. Unglücklicherweise ist es ihnen nicht möglich, einen Delegirten zu senden wegen der großen Entfernung von Paris und der großen Reisespesen. Dennoch legen sie ungemein großen Werth darauf, auf diesem Congreß vertreten zu sein, und unterbreiten ihm einen kurzgefaßten Bericht über die Lage der Arbeiter in Buenos-Aires.
Die Arbeiterbewegung ist hier noch im Werden begriffen. Die intellektuelle Entwicklung der einheimischen Proletarier ist noch so sehr im Rückstand, daß diese noch nicht einmal die Nothwendigkeit einer Vertheidigung ihrer Interessen eingesehen haben.
Die eingewanderten Proletarier rekrutiren sich in ihrer Mehrzahl aus Italienern, Spaniern, Franzosen und nur in ihrer Minderzahl aus Schweizern, Oesterreichern, Deutschen und Nordeuropäern im Allgemeinen. Die Sprachverschiedenheit ist ein großes Hinderniß für eine allgemeine Verständigung. Und dann kommen viele hierher mit der fixen Idee, in kurzer Zeit ein großes Vermögen zu erwerben und hierauf wieder in ihr Vaterland heimzukehren. Von dieser Sorte Menschen haben wir eine ganze Masse, die einerseits sich weder um die sociale Frage kümmern, noch um irgend eine andere, und nur ihr Augenmerk der „Jagd nach dem Dollar“ widmen – und da heißt es: Wie gewonnen, so zerronnen, – und die andererseits ein im Elend schmachtendes Proletariat bilden.
Außer dem Lohnsystem ist als Grund der Arbeiterausbeutung zu nennen die verwahrloste und unredliche Verwaltung dieses von Natur so reichen Landes. Dank der elenden Verwaltung hat die Republik Argentinien alle pflügbaren Ländereien an Privatleute verschenkt, welche in einer schamlosen Weise damit spekuliren und Wucher treiben und die Einwanderer zu Tributpflichtigen auf Lebenszeit machen. Dank dieser Verwaltung hat die Republik Argentinien auch noch eine Staatsschuld von 900 Millionen Pesos (1 Peso = 5 Francs = 4 Mk); zur Verzinsung dieser Schuld gehen jährlich mehr als 60 Millionen Pesos ins Ausland. Die Staatseinnahmen werden zu neun ziehnteln durch indireite Steuern aufgebracht, welche hauptsächlich auf Lebensmitteln liegen und dieselben in einer Weite vertheuern, daß die Lage der Arbeiter unerträglich ist, namentlich wenn sie zahlreiche Familie haben.
Papiergeld ist das gesetzliche Zahlungsmittel. Laut Bericht des Präsidenten in seiner Denkschrift an den Congreß sind bei einer Bevölkerung von 3½ Millionen mehr als 151 Millionen Pesos (755 Millionen Frcs.) Banknoten im Umlauf, die nur zu 8 % mit Gold gedeckt werden können. Dieses scandalöse Mißverhältniß, welches von Tag zu Tag schlimmer wird, schuf ein Gold-Agio von 60 %, so daß also 160 Pesos in Papier nur 100 Pesos in Gold werth sind. Dieser Umstand verschlimmert natürlich ganz erheblich die Lage der Arbeiter, die ausschließlich mit Papiergeld bezahlt werden, während der Preis aller ihrer Bedarfsartikel nach dem Gold-Agio berechnet wird. Die hohen Löhne sind also bloßer Schein.
Der Tagelohn eines Arbeiters schwankt zwischen 1, 2, 2½ und 3 Pesos; nur in einigen ganz ausnahmsweise günstigen Industriebetrieben übersteigen die Löhne diesen Satz.
Die Wohnungs- und Miethsverhältnisse bilden einen anderen Krebsschaden, der am Mark des Arbeiters zehrt. Die Miethe für ein einzelnes Zimmer beträgt im Durchschnitt 20 Pesos monatlich und Dank der Spekulation mit Grund und Boden ist sie in stetem Steigen begriffen. Die Kammern sind ferner zum größten Theil ohne Fenster, mit Steinvließen gepflastert, feucht und sehr ungesund.
Das kapitalistische Raubsystem hat es glücklich dahin gebracht, dieses von der Natur so begünstigte Land zu einer Hölle für die Arbeiter und zu einem Paradies für die Ausbeuter zu machen. Kinder zu haben ist so zu sagen verboten, im Hinblick auf die Thatsache, daß vielköpfige Arbeiterfamilien nur sehr schwer und bei erheblich erhöhter Miethe Wohnung finden.
Die Schulen entsprechen trotz ihrem glänzenden Aeußeren keineswegs den Anforderungen, die man an gute Schulen billigerweise stellen kann. Die Kinder laufen hier Gefahr, intellektuell verwahrlost zu werden, man muß also Familien mit unterrichtsbedürftigen Kindern von der Einwanderung nach der Republik Argentinien ernstlich abrathen. Die Kinder der Proletarier sind vom zartesten Jugendalter an gezwungen, sich ihr Brot selbst zu verdienen. Es gibt keine Arbeiterschutzgesetze zur Beschränkung der Frauen- und Kinderarbeit in den Werkstätten. Im Gegentheil, der Staat begünstigt geradezu mit Steuerbefreiungen, mit Interessenschutz und mit Ueberlassung von Grund und Boden solche Unternehmer, welche Etablissements gründen mit dem ausgesprochenen Zweck, die Frauen- und Kinderarbeit auszudeuten.
Die Rechtspflege ist kläglich; die Gönnerschaft allein diktirt die Urtheilssprüche. Strengt der Arbeiter gegen seinen Patron (Arbeitgeber) Prozeß an wegen zurückbehaltenen Lohnes, so kann er lange Jahre mit großen Kosten prozessiren ohne sein Recht zu erlangen.
Diese traurige sociale Lage, welche sich fortwährend verschlechtert, hat Ende vorigen und Anfangs dieses Jahres mehrere Arbeitseinstellungen veranlaßt, und zwar bei den Arbeitern der Eisenbahnwerkstätten. Während dieser Streiks hat die Polizei in brutaler Weise Partei genommen für die Arbeitgeber. Das Vereinigungsrecht ward für die Arbeiter unterdrückt, Streikende wurden ins Gefängniß geworfen. Einige Monate später wurden 144 Schneider verhaftet, die ruhig eine Sitzung abhielten, und zwar auf Denunziation ihrer Patrone. Ihr Verbrechen bestand darin, daß sie sich über eine Lohnerhöhung von 25 % berathen hatten. Die kapitalistische Presse forderte im Anfang dieses Jahres ein Gesetz gegen die Socialisten, die man für die Streikes verantwortlich machte, während in Wahrheit das Elend und die Noth die Streitenden zu einem hoffnungslosen Kampf trieb, welche sich dem Socialismus gegenüber zum größten Theil ganz indifferent verhielten.
Der Einfluß der Socialisten ist in der That noch sehr gering. Das Kleingewerbe wiegt vor und es fehlt an Industrieen, welche die Arbeiter zu Tausenden an die Arbeitsplätze oder in die Fabriken führen.
Nur hier und da gibt es einige Fachvereine und Korporationen; die Zahl ihrer Mitglieder ist verschwindend klein und sie können kaum leben. Man kann nur einen internationalen Verein (cercle international) nennen, der hauptsächlich Italiener, Spanier und Franzosen umschließt, welche sich wöchentlich einmal versammeln. Sie bekennen sich zu anarchistischen Tendenzen und das ausgebrachte Geld wird nach Europa geschickt zur Unterstützung der dortigen Propaganda.
Der wiederholt von Italienern gemachte Versuch, ein Arbeiterblatt in italienischer Sprache zu gründen, ist stets an der Theilnahmlosigkeit der Masse gescheitert.
Schon seit 9 Jahren haben sich die deutschen Socialisten von Buenos-Aires zu einem Verein „Vorwärts“ zusammengethan welcher von 13 Mitgliedern gegründet wurde und jetzt deren über 150 zählt. Der Verein besitzt ein eigenes Vereinslokal mit einem Saal, einer Theaterbühne und einer Bibliothek von mehreren Hundert Bänden, und die Mehrzahl dieser Bücher sind socialistische Schriften und wissenschaftliche Werke. Die Grundlage des Vereins ist das Programm der deutschen Socialdemokraten. Er hat eine Agentur für Verkauf und Verbreitung socialistischer Litteratur: er sammelt Geld, das er nach Deutschland schickt, um die Wahlen und die verfolgten und gemaßregelten Genossen zu unterstützen An den Vereinsabenden werden Diskussionen über sociale Themata veranstaltet. Daneben wird der Gesang gepflegt und die deutschen Arbeiter von Buenos-Aires besuchen die vom Verein veranstalteten Feste gern. Die Mitglieder des Vereins haben die Anregung gegeben und Hand ans Werk gelegt zur Gründung eines deutschen Arbeiterblattes „Vorwärts“, welches vom Berichterstatter herausgegeben wird. Vor 3 Jahren wurde das Blatt gegründet; es fing mit 150 Abonnenten und in kleinem Format an zu erscheinen, mußte dreimal vergrößert werden und hat jetzt eine Auflage von 600 Exemplaren. Unter großen Schwierigkeiten hält sich das Blatt, dank der Beihilfe der treuergebenen Genossen.
Wir haben die sociale Lage in Buenos-Aires geschildert; in der Provinz sind die Verhältnisse ähnlich, und, weit entfernt auf dem Lande besser zu sein, müssen sie dort sogar als noch schlimmer bezeichnet werden.
Die deutschen Socialisten der La-Plata-Staaten übersenden diesen kurzgefaßten Bericht dem Congreß und versichern demselben, daß sie seine Verhandlungen mit dem lebhaftesten Interesse verfolgen und daß sie nach Kraften für die Verbreitung der socialistischen Ideen arbeiten, um die Ankunft des Tages zu beschleunigen, an welchem die Bastille des Kapitals geschleift sein wird, und Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit triumphiren werden. Es lebe die Verbrüderung der Arbeiter aller Länder!
Socialdemokratischen Gruß.
Spezial-Berichte
Bericht der Weber von Amiens und des Departements der Somme, erstattet von Bürger Lefebvre:
Die große Corporation der Weber von Amiens und des Somme-Departements hat es für nothwendig erachtet, auf dem internationalen Congreß vertreten zu sein, um daselbst die unerträgliche Lage zu schildern, in der sie selbst wie die große Masse des werkthätigen Volkes sich durch Verschulden derer befinden, die stets in Ueberfluß und Müssiggang gelebt haben.
Zur Zeit der Hundertjahresfeier der Revolution von 1789 muß erklärt werden, daß für die Arbeiter nichts gethan worden ist. Nur Leute, welche die täglichen Leiden und Entbehrungen der Proletarier nicht kennen, können das Gegentheil behaupten. Diese Leute haben nie erfahren, daß wir Weber insbesondere im Elend schmachten, ohne auch nur zu wagen, Klage zu führen.
In mehr oder minder ungesunde Arbeitsräume alltäglich 12–14 Stunden eingepfercht, erhalten wir einen Lohn, der kaum hinreicht, die Hälfte unserer allernöthigsten Bedürfnisse zu bestreiten. Dagegen nimmt der sog. Nationalreichthum tagtäglich durch neue Fortschritte der Technik u. s. w. in unerhörten Proportionen zu. Aber diese Fortschritte kommen nicht der Masse der Arbeiter zu Gute; die Reichthümer, welche die Arbeiter schaffen, gereichen nur der kapitalistischen Minorität zum Vortheil. Dieser Stand der Dinge kann nicht so fortdauern. Hütten unsere leitenden Personen die Lage der Verhältnisse und ihre Pflicht begriffen, so hätten sie damit angefangen, den Arbeitstag zu verkürzen. Die lange Arbeitsdauer beeinträchtigt die Gesundheit der Arbeiter ganz ungemein, namentlich wenn die armen Lohnsclaven von früh 6 Uhr bis abends 7 oder 8 Uhr eingesperrt sind. Wenn ein Gesetz über die Arbeitszeit, wie ein solches schon lange von den Proletariern gefordert wurde, den Arbeitstag nach Maßgabe der Consumtion beschränkte, so würden auch die Arbeiter von diesen der Wissenschaft zu verdankenden Fortschritten Vortheil haben. Wenn es ein Gesetz über Verminderung der Arbeitsstunden für Frauen und Kinder – und diese letzteren werden zur Arbeit gezwungen, ehe sie noch die Kraft dazu haben! – gäbe, so herrschte weniger Elend unter der Arbeiterklasse. Die Löhne wären dann auch höher und sie würden uns gestatten, nach Maßgabe unserer Bedürfnisse mehr zu verzehren; es gäbe keine Arbeitsstockungen, die Waaren stauten sich nicht in den Magazinen an, daß sie verfaulen, während wir Arbeiter an allem Mangel leiden.
Aber diejenigen, welche uns leiden lassen, haben kein solches Gesetz gemacht!
In der Stadt Amiens und in verschiedenen Industrien sind eine große Zahl Männer ohne Arbeit, während an ihren Platz Frauen getreten sind, die sich mit ihrer Wirthschaft beschäftigen sollten. Unsere Herren ziehen von diesem Umstand Vortheil, indem sie unsere Löhne noch weiter herabsetzen, in Anbetracht dessen, daß diese schwachen Geschöpfe sich gezwungener Weise mit einem noch geringeren Lohne begnügen als die Männer.
Alle Leiden, alle Ungerechtigkeiten werden den Arbeitern zu Theil, und trotzdem haben diese immer gearbeitet und ihren Schweiß und ihre Kraft dahingegeben, um diejenigen zu bereichern, welche sie in’s äußerste Elend bringen. Unsere von uns selbst gewählten Vertreter haben niemals etwas für uns gethan, im Gegentheil, sie zermalmen uns mit ihrer Macht, wenn wir unser Recht auf’s Dasein fordern. Diejenigen, welche wir uns zu Herren gesetzt haben, find aller Menschlichkeit baar, denn es gäbe sonst nicht so viele Unglückliche in einem Lande wie Frankreich, welches doppelt soviel Güter hervorbringt, als nöthig sind, um für Alle zu genügen.
Wir sind die Opfer hundertjähriger Ungerechtigkeiten seiten unserer Machthaber, wir werden ausgebeutet zu ihren Gunsten, bedroht durch Gesetze, die eigens gegen uns gemacht sind, und so kann einzig die Vereinigung dieser traurigen Lage abhelfen, welche die Folge des Elends und der gesellschaftlichen Ungleichheiten ist.
Vereinigen wir uns, wir sind die Mehrzahl; vereinigen wir uns, wir sind die Kraft. Die Stunde naht, wo wir eine socialdemokratische Republik gründen, welche allen Bürgern eine bessere Zukunft sichert, indem sie durch ihre Gesetze die Rechte aller ihrer Glieder achtet. Um dahin zu gelangen, laßt uns Vertreter wählen, welche ohne jeden Hintergedanken geradewegs in den socialen Kampf marschiren, und deren Thätigkeit im Parlament nicht eine Zeitvergeudung mit Kindereien oder mit Fragen des persönlichen Interesses sein wird, sondern der Verbesserung der Lage des Volkes dient. Wir alle kennen in unseren bezüglichen Departements Männer, die unseres Vertrauens würdig sind, Männer, die ihre ganze Kraft daran setzen, die socialdemokratische Republik herbeizuführen, in welcher Humanität, Freiheit und Gerechtigkeit mehr sein werden als leere Worte. Beweisen wir bei den nächsten Wahlen, daß wir zuverlässige Vertreter zu wählen wissen und marschiren wir alle, Hand in Hand und einmüthig, auf dasselbe Ziel los!
Bericht des Bürgers Bouchard, Abgeordneter des ‚Cercle socialiste d’étude et de propagande‘ (Socialistischer Verein für Studium und Propaganda) von Beauvais
Der Anfang der socialistischen Bewegung im Oise-Departement datirt von Ende 1889 [MIA sic – 1884], wo unser Verein des Studiums und der Propaganda gegründet wurde. Um das Selbstbewußtsein der Massen zu wecken, veranstaltet er Vorlesungen, Debatten, Kurse der Socialökonomie für alle organisirten Gewerkschaften und Fachvereine. Um den erzieherischen Theil seiner Aufgabe zu erfüllen, bereitet der Verein private und öffentlich Versammlungen in Beauvais wie in anderen industriellen und landwirthschaftlichen Centren des Departements vor. Seit seinem Bestehen hat er allein oder mit Hilfe der Bürger Guesde, Vaillant u. s. w. über 20 Versammlungen gehabt.
Die Thätigkeit der Gruppen erstreckt sich auf das politische, das ökonomische und das internationale Gebiet.
Wenn ein Konflikt zwischen Arbeitgebern und Lohnarbeitern ausbricht, läßt der Verein durch einen Beauftragten die näheren Umstände des Streites untersuchen und bietet der bedrohten Corporation seinen intelectuellen und moralischen Beistand an, weil er es für die Pflicht eines jeden Socialisten hält, stets im Vordertreffen der Arbeiterschaft zu stehen und die Kämpfe zwischen Arbeit und Kapital für die Propaganda zu verwerthen und den arbeitlosen Männern, den darbenden Frauen und Kindern beizuspringen. Wenn der Kampf einmal beschlossen ist, wird er mit aller Energie durchgeführt, mag dabei etwas herausspringen oder nicht – die Soldaten der Proletarierarmee müssen an allen Schlachten theilnehmen.
Auf diese Weise hat der Verein die Beilegung zweier im Entstehen begriffener Streikes erleichtert und 1887 theilgenommen an dem Streike von 1200 Metallarbeitern von Creil-Montalaire, der unglücklicherweise mit einer Niederlage der Arbeiter endete.
Die stete Berührung mit den Arbeitermassen hat dem Verein die große Wichtigkeit der corporativen Organisation klar gemacht, welche eine umfangreichere Propaganda und Aktion ermöglicht und eine gute Vorbereitung des Arbeiter-Soldaten zum Emanzipationskampfe abgibt. Die Gruppenbildung nach Fachvereinen trägt als Keim in ihrem Schooße diejenige Macht, welche in einer nicht allzufernen Zukunft die Regelung der Produktion und der Güter-Vertheilung übernehmen muß.
Der Verein hat also die Bildung folgender Fachvereine in Beauvais befördert:
| Fachverein der Spinner und Weber | 160 Mitglieder | |
|---|---|---|
| Fachverein der Kunstschreiner | 30 Mitglieder | |
| Fachverein der Bauhandwerker | 120 Mitglieder | |
| Fachverein der Lederarbeiter | 25 Mitglieder |
Ein Fachverein der Bekleidungsbranche ist im Entstehen begriffen.
In Creil besteht ein Fachverein der Metallarbeiter mit 300 Mitgliedern.
In anderen kleinen Städten des Departements hat der Verein Studien- und Fachgenossen-Gruppen ins Leben gerufen.
Die politische Thätigkeit des Vereins hat sich bis jetzt auf die Stadt Beauvais beschränkt. Bei den Communalwahlen 1888 ward unser Kandidat beim ersten Wahlgang mit 1789 Stimmen gewählt. Seit seiner Ernennung hat der socialistische Abgeordnete durchgeführt:
die Einrichtung einer Kommission für Arbeitsangelegenheiten;
ein günstiges Votum für Einrichtung eines Gewerbeschiedsgerichts;
eine Erhöhung des Beitrags für die Arbeiter der Communalwerkstätten um 1.700 Frcs.;
einen Credit von 2.400 Frcs. für Arbeitslose;
einen Credit von 2.200 Frcs. für eine Abordnung – von Männern und Frauen – zur Pariser Weltausstellung.
Der Rath hat in Erwägung gezogen die Forderungen für:
Gründung von Schulspeiseanstalten;
Eröffnung einer Arbeitsbörse.
Die Forderung einer Fleischtaxe und der Wunsch der Einrichtung städtischer Verwaltungsstellen für öffentliche Versorgung mit Nahrungsmitteln zum Einkaufspreis ist mit geringer Mehrheit abgelehnt worden.
Diese Maßregeln werden nicht als Mittel zur Emanzipation betrachtet, da diese ja unmöglich ist, so lange unter dem kapitalistischen System das eherne Lohngesetz seine Rolle spielen wird. Allein sie zerstören doch ökonomische Vorurtheile und bereiten die Einzelnen und die Corporationen vor auf Uebernahme der öffentlichen Dienstleistungen am Tage der Umgestaltung der Verhältnisse.
Die Kommission für Arbeitsangelegenheiten prüft die städtischen Tarifausstellungen und beabsichtigt einen Stundenlohn für den Unternehmer festzusetzen und den Vorschuß-Preis (prix de deboursé) zu bestimmen, den der Arbeitgeber seinen für die Commune thätigen Arbeitern gewährleisten muß.
Wenn diese Forderung abgelehnt wird, wird der socialistische Abgeordnete beauftragt werden, einen Maximalarbeitstag und ein Lohnminimum für die communalen Arbeitsplätze zu beantragen.
Auf politischem Gebiet verwirft der socialistische Verein von Beauvais jeden Compromiß, doch bedeutet das keineswegs Enthaltungspolitik. Die Socialisten behalten immer ihren Posten bei der Avantgarde der republikanischen Reserve, weil hier unter dem kapitalistischen Regime das den socialistischen Zwecken am wenigsten ungünstige Terrain ist· Ebenso verhält es sich mit dem allgemeinen Stimmrecht, welches nicht das Allheilmittel, aber ein Mittel der Propaganda und der Agitation ist.
Seine politische Thätigkeit hat den Verein mehrfach dazu geführt, sich mit Fragen zu beschäftigen, die auf der Tagesordnung des Congresses stehen, namentlich mit denen, die sich auf die internationale Arbeitergesetzgebung beziehen.
Es ist ein schlagender Beweis für die Stärke des Socialismus und den Druck der wirthschaftlichen Kräfte, daß die Regierungen – natürlich in ihrer Weise! – sich vorgenommen haben, auf der Conferenz zu Bern die Frage einer internationalen Arbeitergesetzgebung zu studiren.
Obgleich die endgiltige Befreiung der Arbeiterklasse nur durch Unterdrückung der Ueberarbeit ermöglicht werden kann, da dies die Erzeugung des Mehrwerthes unmöglich macht, – und sie wird das gemeinsame Werk der ganzen socialistischen Welt sein! – stellt das zielbewußte Proletariat unmittelbare Forderungen, welche seit Begründung der Internationalen Arbeiter-Association schon formulirt sind: so die Herabsetzung des Arbeitstages auf 8 Stunden für Männer und Frauen, auf 6 Stunden für jugendliche Arbeiter von 14–18 Jahren. Als nothwendige Ergänzung bringt diese Maßregel die Festsetzung eines Lohnminimums mit sich, welches den Arbeiter in Stand setzt zu leben und seine Familie zu erhalten und zu erziehen.
Die Herabsetzung der Arbeitsstunden bedeutet für die Arbeiter eine Erhöhung ihres physischen, geistigen und moralischen Gesundheitsstandes, sie wird ihnen Zeit zu Studien und für das Werk der Organisation geben, sie wird dazu beitragen sie zielbewußt und fähig zu machen, ihre geschichtliche Mission zu erfüllen. Sie ist also gewissermaßen eine Vorbereitung für die endgiltige Befreiung des Proletariats, sie wird es ermöglichen, daß tüchtige, entschlossene und über die Endziele ganz aufgeklärte Arbeiterbataillone formirt werden, denn die Revolutionen fliegen uns nicht wie die gebratenen Tauben in den Mund.
Der Niederdrückung der Arbeiter durch die Bourgeoisie muß endlich Halt geboten werden, und verstummen muß endlich jener Ausruf der Verzweiflung und der ohnmächtigen Schwäche: „Es muß noch viel schlimmer werden, ehe es besser wird!“ Damit erklärt man nur die Schrecken des kapitalistischen Regimes für gerechtfertigt. Es gibt keine thörichtere Anschauung als diese, welche von einigen Genossen verfochten wird, und nach der ja gerade die schwächsten Wesen am geeignetsten wären zu revoltiren.
Verkürzung der Arbeitszeit, Erhöhung der Löhne, wachsender Wohlstand der Arbeiter bedeutet so viel wie die schnellere Herbeiführung der Revolution. Die Kämpfer, Denker und Organisatoren der Arbeiterpartei rekrutiren sich im allgemeinen aus der Schaar der weniger geknechteten besser bezahlten Arbeiter.
Die Verkürzung der Arbeitszeit ist sehr wohl möglich ohne die nationale Industrie zu schädigen: unsere Genossen in England haben den 9stündigen Arbeitstag, die amerikanischen Arbeiter, welche auf den Staatswerkplätzen beschäftigt sind, arbeiten 8 Stunden, oder 48 Stunden wöchentlich. Bei dieser Stundenzahl weben wir es bei unserer Verkürzungsforderungen zur Zeit bewenden lassen, nur für die jugendlichen Arbeiter beider Geichlechter sei die Grenze 36 Stunden.
Physiologische und sociale Gründe bestimmen uns – mit dem Vorbehalt der Ausnahme gegenüber technischer Unmöglichkeit und unter Einführung eines Compensationssystems – gänzliche Unterdrückung der Nachtarbeit, Beseitigung der Arbeit an Sonn- und Feiertagen zu fordern. Die Leistungsfähigkeit der Arbeitskraft wird durch diese Maßnahme keine Verringerung erfahren. Ausgeruhte Muskelkraft leistet mehr als übermüdete, achtstündige Arbeit wird ebenso leistungsfähig sein wie 10- oder 12stündige, wie z. B. Thomas Brassen zugibt, der ganze Armeen von Erdarbeitern in’s Feld führte, um in Frankreich, Oesterreich, Canada, Indien Eisenbahnen zu bauen.
Die Verkürzung der Arbeitszeit wird die Produktion in gewissen Industrien verringern, sie wird also gestatten, auch die Armeen der Arbeitslosen zu vermindern. Damit aber die Verkürzung der Arbeitszeit in Bezug aus Verbesserung der Lage der Arbeit nicht auf eine Prellerei hinausläuft, muß in jedem Ort alljährlich ein Minimallohn festgesetzt werden und zwar durch Arbeiterkommissionen und auf Grund der Preise der nothwendigen Lebensbedürfnisse. Der Arbeiter wird dann soviel erhalten als er kostet, aber noch lange nicht so viel als er produzirt. Die Festsetzung eines Minimallohnes widerspricht durchaus nicht, wie einige behaupten, den Gesetzen des Waarenaustausches.
Um den Preis der Produkte zu bestimmen, berechnet der Kapitalist sehr richtig und genau die schwankenden Preise der Rohstoffe und der nöthigen Arbeitsmittel, warum soll er bei seiner Berechnung nicht auch den Arbeitslohn und die Personen der Arbeiter in gleicher Weise mit in Betracht ziehen? Die Waare Arbeitskraft muß ebenso wie jede andere Waare ihrem Preise nach bestimmt werden können. Unbegründet ist der Einwand, daß der Arbeiter als Käufer, als Consument, die Vermehrung seines Lohnes als Produzent verlieren werde. Die Lohnerhöhung steigert allerdings den Preis aller produzirten Waaren, da aber diese Waaren nur zum Theil vom Proletariat, zum andern Theil von der Bourgeoisie verzehrt werden, so wird ersteres nur zu einem Bruchtheil die gesteigerten Preise bezahlen, sagen wir beispielsweise zur Hälfte. Wenn das ganze Proletariat als Verkäufer von Arbeitskraft eine Zulage von 50 Millionen Frcs. täglich erhält und als Consument, als Waarenverkäufer bei gesteigerten Preisen 25 Millionen Frcs. mehr ausgibt so bleibt im Ganzen immer noch eine Verbesserung um 25 Millionen Frcs.
Ferner ist es nicht wahr, daß Lohnerhöhungen den Ruin der nationalen Industrie herbeiführen werden. Man sieht allerwärts, daß das Kapital cosmopolitisch ist, und sich, um Mehrwerth in höherem Maaße zu erzielen, sehr wenig um das Vaterland und seine Interessen scheert. Seine patriotischen Gegenvorstellungen sind einfach diktirt von seinem Egoismus. Außerdem beherrschen die Industrieländer mit hohen Arbeitslöhnen den Weltmarkt: England, die Vereinigten Staaten. Ferner gibt es auch keine nationalen Lohnsätze, sondern in jedem Land verschiedenartige, je nach den Durchschnitten ...
Wenn man weiter die Erwägung prüft, nach welcher niedrige Löhne für nothwendig erklärt werden, um die nationale Industrie in den Stand zu setzen, die Concurrenz des Auslandes aus dem Weltmarkt auszuhalten, so stellt sich heraus, daß diese Tendenz gerade für den Arbeiter den Begriff des Vaterlandes zerstört. Die Hauptwaffe im Concurrenzkampfe ist billige Produktion und Verkauf zu billigen Preisen, ja zu niedrigsten Preisen; und diese hat wieder Verfälschung der Rohstoffe, Verschlechterung der Waaren, Verringerung des Werthes der menschlichen Arbeit, die sich im Produkte kristallisirt, zur Folge. Diese Reduktion wird erzielt entweder vermittelst ausgedehnterer Verwendung mechanischer Kräfte, oder durch Ausnutzung immer schlechter und schlechter bezahlter Arbeiter. Die unerläßliche Bedingung für die Fähigkeit der nationalen Industrie, die ausländische Concurrenz zu schlagen, ist also eine stete Vermehrung des Elendes der Proletarier: Vermehrung der Arbeitslosen, Verdrängung der Männer durch die Frauen, der Frauen durch die Kinder, niedrige Löhne. Die zarte Aufmerksamkeit der Bourgeoisie für die nationale Industrie macht für die Proletarier das Land, welches ihr Vaterland ist, zu einem Land des Elends. Es ist ihnen ein Thal der Thränen und Entbehrungen, welches am Fuße der goldenen Hügel liegt, die das Vaterland des Kapitals sind. Die Bourgeois-Produktion zerstört durch ihr eignes Lebensgesetz jedes Vaterland und läßt nur die Weit des Kapitals und die Welt der Arbeit bestehen – ohne Unterschied der Nation. Wenn unsere Patrioten das Vaterland wahrhaft liebten, müßten sie ihr Augenmerk auf das Wohlbefinden aller seiner Kinder richten: davon ist aber gar nicht die Rede.
Uebrigens verliert diese „patriotische“ Gegenvorstellung ihre letzte Stütze, wenn – wie dies der Fall ist – unsre Forderung von den Arbeitern zweier Welten formulirt wird.
Wir fordern außer der Bestimmung der Arbeitsstunden und eines gewährleisteten Lohnsatzes, daß die Arbeitsräume (Fabriken, Bergwerke, Contore, Arbeitsplätze, Werkstätten) den Gesetzen der Hygieine entsprechend eingerichtet und mit allen Schutzvorrichtungen für Leben und Gesundheit der Arbeiter ausgestattet sind.
Um alle diese vorbereitenden und Uebergangs-Maßnahmen durchzusetzen, dürfen die Proletarier nur auf sich selbst rechnen, obgleich es sich zuweilen zuträgt, daß die inneren, häuslichen Zwifte der Kapitalistenwelt unserer Sache Vorschub leisten.
Das erste Gebot der Nothwendigkeit fordert, daß man den Arbeitermassen die Tragweite dieser Forderungen klar macht, so daß sie dieselben begreifen. Ein einfach verständliches, energisches, kurzgefaßtes Manifest, welches der Congreß von einer Commission redigiren lassen müßte und in alle Länder entsendete, würde diese Arbeit bedeutend fördern. Die Commission würde ein Gutachten abzugeben haben über die zur Veröffentlichung und Verbreitung des Manifestes nöthigen materiellen Mittel. Alle Vertreter der Partei hätten dann in kurzer Frist bei den Bureaus ihrer bezüglichen Volksvertretungen Vorschläge im Sinne der nothwendig erachteten Reformen einzudringen. Alle Redner (Agitatoren) der Arbeiterparteien müßten einen Feldzug von Versammlungen veranstalten, die sich mit dem Gegenstand beschäftigten. Die Gewerkschaften und Fachvereine müßten sich zu gemeinsamem Handeln verständigen, und wenn diese Arbeit gethan ist, würde höchst wahrscheinlich eine allgemeine Aufforderung, die am nämlichen Tag und von allen Punkten der Welt den Gebietern der bürgerlichen Welt zuginge, von großer Tragweite und Wirksamkeit sein.
Um diese Agitation zu centralisiren und die Arbeiterwelt genau zu orientiren, macht sich die Gründung eines im Dienst dieser Bewegung stehenden Organs nöthig, weiches von bekannten Vorkämpfern unserer Sache zu redigiren wäre, und wir sind überzeugt, daß der Congreß die Frage studiren und über dieselbe Besch[l]uß fassen wird.
Die Zeit drängt: überall sehen wir die Zeichen jener Zersetzung, die jeder Neubildung und Umgestaltung vorangeht. Die jetzt in voller Kraft und in vollem Ansehen stehende Militärherrschaft wird den Zusammenbruch und den Bankrott der kapitalistischen Welt beschleunigen. Das stehende Heer, diese Schule der Knechtschaft und Unterdrückung des Geistes, ist das letzte Bollwerk der Bourgeois-Herrschaft, die Waffe, deren sich das Kapital bedient, um die Arbeiter niederzuhalten, die politische Freiheit Zu zerstören. Wir verlangen deshalb Abschaffung der stehenden Heere un an deren Stelle die direkte Volksbewaffnung.
Das Heer wird dann einfach eine Schule sein, welche jeder Wehrfähige im Zeitraum einiger Monate durchmacht, um seine Ausbildung im Waffenhandwerk zu vervollständigen. Die Jugend würde durch Leibesübungen, Uebungen im Handhaben der Waffen, im Marschiren, durch topographische Studien u. s. w. für diese Schule vorbereitet werden. Beim Austritt ans dieser Schule würden die zu lokalen Reserve-Cadres organisirten Mannschaften eine leicht mobil zu machende Streitkraft bilden, die ebenso schwer für Eroberungs- und Angriffskriege zu verwenden als unbesiegbar im Vertheidigungskampf sein würde. Dem Proletariat die Waffen in die Hand geben, heißt der Ausbeutung die Macht nehmen, ihr die Spitze abbrechen, es ist der Todesstreich für die internationale Kriegführung: es ist die Friedensbürgschaft für alle Völker, die Bürgschaft für die sociale Emanzipation.
Die gewaltige Entwicklung der Streitkräfte für den Krieg und die damit zusammenhängenden finanziellen Lasten nöthigen sogar die Bourgeoisie zu einem Vorgehen in der Richtungslinie unserer Forderungen. Die Vermehrung des Effektivbestandes und die Verkürzung der aktiven Dienstzeit arbeiten der organisirten Volksbewaffnung vor.
Alle socialistischen Parteien sind einig darin, daß sie die Abschaffung der stehenden Heere fordern und diese durch allgemeine Volksbewaffnung ersetzt wissen wollen. Aber welche Garantie bieten die Arbeiterparteien derjenigen Nation, welche den Anfang machen wird mit der revolutionären Bewegung, für ein solidarisches internationales Vorgehen? Noch unserem Ermessen wird es – in Hinsicht auf die Entwicklung der socialistischen Idee und auf die Entwicklung der Organisation, die sich in der Socialdemokratie darstellt, und im Hinblick auf die mit rapider Schnelligkeit sich vollziehende Entwicklung der wirthschaftlichen Verhältnisse – Deutschland sein, welches den revolutionären Reigen eröffnen wird. Welche Garantie bietet der internationale Socialismus dem socialistischen Deutschland? An dem Tage, wo es sich erheben wird, wird es die Coalition des Kapitals von ganz Europa sich gegenüberstehn sehen, eine wahre Tripelallianz: die Allianz der Interessen. Aber am nämlichen Tage wird es auch – das ist unsere Hoffnung! – die Proletarier zweier Welten sich erheben sehen, um die erhabene Bewegung ihrer deutschen Brüder zu unterstützen!
Als Unterpfand für diese Coalition der Gleichheit ist es nöthig, jetzt und hinfort der Allianz der Kaiser und Könige den unlösbaren Bund der Arbeiter entgegenzusetzen. Möge der Congreß der deutschen Arbeiterschaft diese Garantie geben, möge er die Ausbreitung dieser Idee der Allianz der Völker, welche den Angelpunkt der internationalen Politik des Socialismus bildet, unterstützen. Die Bourgeois-Politiker haben lange genug Haß zwischen den Nationen gesäet; proklamiren wir auf diesem Congreß mit lauter Stimme die allgemeine Solidarität der Proletarierinteressen, und knüpfen wir überall und unter allen Umständen die internationalen Bande, welche die Völker mit einander verbinden, immer fester. Dann, aber auch dann nur werden die Arbeiter aufhören, ein Spielzeug in den Händen ihrer schlimmsten Feinde zu sein, und sie werden sich zu Herren ihrer Geschicke machen.
Bericht der Syndikats-Kammer der Grubenarbeiter von St. Floride (Haute Loire) erstattet von dem Bürger Rouget
Das Syndikat der Bergleute von St. Floride benutzt die Gelegenheit, dem internationalen Congreß seine Wünsche vorzutragen angesichts der Satten des Kapitals, welche vor den Augen der Verhungerten alle Reichthümer ausbreiten, die sie zum Schaden der Arbeiter zusammengerafft haben.
Unser theures Frankreich hat große Hilfsquellen, aber auch große Nothstände. Es ist ein trauriger Unterschied zwischen Denen, die alles produziren und nichts haben, und Denen, die nichts produziren und alles haben. Unsere Syndikatkammer der Grubenarbeiter, welche an den Grenzen der Auvergne in einem Thalkessel wohnen, gehört halb dem Departement Puy de Döme, halb dem der Haute Loire an. Dort, wie anderwärts ist es das System des Kapitals, das die Arbeit untergräbt. Das geht auf folgende Art vor sich: Es sind zwei Jahre, daß der Allmächtige von Creusot, welcher sich Schneider nennt, 2 Conzessionen hatte, diejenige von Cambelle und die von Bouxhors, welche er mit den Minen von Grosménil vereinigen wollte. Indeß die Munizipalitätsbehörden und die Einwohner der Orte verhinderten diese Fusionsbestrebungen, da sie erkannt hatten, daß sobald es nur einen Herrn geben würde, die Tyrannei nur noch größer und unerträglicher werden würde. Aber Schneider hielt sich nicht für geschlagen: „Ach, ihr wollt einen Willen haben, käufliche Sklaven, ihr wollt keine Fusion? Nun gut, ich, der Eigenthümer, stelle meine Minen still! Ihr habt petitioniren wollen, um die Fusion (Vereinigung) zu verhindern, ich werde Euch zwingen, zu petitioniren um dieselbe zu erlangen!“ Man hat in der That begonnen in diesem Sinne zu manövriren.
Im verflossenen Jahre wurde Cambelle zum Stillstand gebracht, und am 22. Juni dieses Jahres wurde auch Bouxhors außer Betrieb gesetzt. In einem Jahre wurden 600 Arbeiter in das schwärzeste Elend gestürzt und die ganze Gegend zu Grunde gerichtet. Bei der Versammlung fand sich eine Majorität, die servil genug war, diese unbezeichenbare Handlung zu billigen. Aber es grollt dumpfer Schmerz in der Brust der Arbeiter, und wer kann vorhersehen was sich am Tage des großen Kampfes ereignen wird.
Es sind 19 Jahre, daß man uns mit Lügen beschwindelt, daß unsere Abgeordneten mit ihren Mandaten Schacher treiben. Aber die Dinge werden sich ändern. Die Arbeiter begreifen mehr und mehr, daß ihre Befreiung nur durch ihre revolutionäre That erfolgen kann, daß, um diese auszuführen, sie sich als eine bestimmte, gesonderte Partei organisiren müssen nach dem Programm der Arbeiterpartei.
Bürger, aus der Fremde erhebt sich ein Geräusch, der Hammer erklingt auf dem Ambos, wo er Waffen schmiedet. Aber nicht das Volk läßt sie schmieden; es sind die Tyrannen aller Länder, die uns in einen brudermörderischen Krieg stürzen wollen, in eine Abschlachtung ohne Gleichen, um auf uns ein noch schwereres Joch legen zu können. Aber, halt meine Herren, die Socialisten werden das niemals dulden. Für sie heißt es: keinen Krieg, keine Grenzen; sie haben nur Genossen des Elends, Brüder mit denselben Leiden und denselben Wünschen.
Wenn die Tyrannen verschwunden sind, öffnet sich die Herrschaft der Gerechtigkeit für alle die Leiden; man schmiedet nicht mehr Waffen, um Menschen zu tödten, sondern Pflüge, um sie zu ernähren. Vorwärts! Das Land den Ackerbauern, die Bergwerke den Grubenarbeitern, den Ambos den Schmieden! An dem Tage, wo alles das verwirklicht sein wird, wirs das Reich der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu Ende sein. – Bürger! Die Kameraden der schwarzen Erde schicken dem Congreß einen brüderlichen Handschlag. Sie sagen den Repräsentanten des universellen Proletariats, das sie auf sie rechnen dürfen. –
Bericht über die Lage der Baumwollenspinner von Gent, erstattet von dem Delegirten Fr. Sessers
Der Berichterstatter hat, indem er im Namen der Baumwollenspinner von Gent diesen kurzen Bericht an den Congreß richtet, nicht allein den Zweck, die dringende Nothwendigkeit einer Verminderung der Arbeitsstunden zu zeigen, sondern auch nachzuweisen, daß eine gesetzliche Regelung der Arbeitsstunden in allen Ländern erfolgen muß.
Seit einigen Jahren wächst die Zahl der Arbeitslosen in schrecklicher Weise. Die Vervollkommnung der Maschinen unterdrückt den Arbeiter von Tag zu Tag mehr; bald ersetzen die Maschinen und die Vervollkommnung des Mechanismus den Arbeiter. Was wird geschehen, wenn nicht bald wirksame Mittel angewendet werden, um die Lage der ganzen Arbeiterklasse zu verbessern? Jeder, der von seiner Arbeit lebt, wenn er welche hat, muß sich fragen, ob die Lage der Arbeiter so fortdauern kann, und was aus ihnen werden soll in der Zeit der Krise, der wir entgegen gehen?
Demzufolge beschäftigt die Frage der persönlichen Interessen alle Geister. Nicht die Anmaßungen der Priester, welche mehr denn je sich als die Allmacht der Kirche träumen, um die Welt zu regieren, noch die schreckliche Gefahr eines europäischen Krieges, – nichts kann die allgemeine Aufmerksamkeit mehr erwecken und die menschliche Leidenschaft mehr erschüttern. Warum? Weil diese Ereignisse, selbst ein Krieg zwischen einigen Millionen Soldaten, keinen Vergleich aushalten mit diesem anderen schrecklichen Kriege auf Leben und Tod, welchen die Enterbten der ganzen Erde gegen die herrschenden Klassen begonnen haben, diesem riesenhaften Kampf, welcher seit langem sich vorbereitet und welcher eher losbrechen wird, als man es denkt.
Die französischen Arbeiter, diejenigen der Vereinigten Staaten, die englischen verlangen die Rücksendung der fremden Arbeiter. Ueberall verlangen die Geschäftsleute, die Fabrikanten, die Industriellen Schutzgesetze von ihren Regierungen, und diese bemühen sich, sie ihnen zu verschaffen. Die Concurrenz ist unmöglich wegen unerhörter Schutzzölle und Grenzzölle.
Ueberall vermehren sich die Nothstände und mit ihnen die Stockungen des Handels und der Industrie; auf der anderen Seite sehen wir die Vermehrung der Landstreicher, der Verbrecher, der unglücklichen Hungernden. Ueberall zeigen sich dieselben Symptome der Verrmung – ebenso in den Ländern mit wenig zahlreicher Bevölkerung als in den Ländern, wo die Arbeiterbevölkerung zusammengepfercht ist, wie die Häringe in der Tonne. Ueberall herrscht dasselbe Elend für den Arbeiter – ebenso in den Republiken, wie in den Monarchien, ebenso in den großen Staaten, die ihre Kräfte vergeuden, um Krieg zu führen, als in den kleinen Staaten, die dies nicht thun – ebenso in den Ländern, in denen der Bürger das allgemeine Wahlrecht genießt, als in den despotischsten Ländern – ebenso da, wo die Kirche vom Staat getrennt ist, als da, wo katholische und andere Mußiggänger vom Schweiße des Volkes leben – ebenso da wo der unentgeltliche und obligatorische Unterricht herrscht, als da, wo das Volk in der Unwissenheit verfault – ebenso da wo der Consum des Alkohols nach Litern per Kopf gezählt wird, als da, wo dieses Gift verboten ist. Unter dem warmen Klima, wie unter dem kalten Klima, überall dieselben Symptome, denn überall in der ganzen Welt existirt die nämliche Geißel für den Arbeiter: das kapitalistische System, welches als allmächtiger Herr in unserer Gesellschaft herrscht.
Wir würden zu weit gehen, wenn wir alle Uebel aufzählen wollten, unter welchen die Arbeiterklasse, in ihrer Gesammtheit, leidet. Wir beschränken uns daher auf unser Gewerbe als Baumwollenweber, um einige Zahlen von unbestreitbarer Wahrhaftigkeit zu geben.
Die Zahl der Arbeitsstunden unserer Genter Baumwollspinner ist von 69—74 Stunden wöchentlich. Die Löhne sind folgende:
| Einrichterinnen (monteuses) von 12–15 Jahren | Frs. 6 wöchentlich |
|---|---|
| Einrichterinnen (monteuses) von 16–20 Jahren | Frs. 7–10 wöchentlich |
| Einrichterinnen Erwachsene | Frs. 13–18 wöchentlich |
| Spinner | Frs. 20–30 wöchentlich |
| Krämpelmädchen von 11–15 Jahren | Frs. 2–5 |
| Andreherinnen | Frs. 8–12 |
| Erwachsene an der Bank | Frs. 10–14 |
| Continues (an der Drockelmaschine arbeitend) von 11–16 Jahren | Frs. 9–15 |
| Krämpler (Kardätschenarbeiter) Männer | Frs.14–17 |
| Krämpler (Kardätschenarbeiter) Burschen | Frs.10–12 |
Die Baumwollen-Arbeiter sind an Zahl 5.800, Frauen und Kinder einbegriffen. Es gibt jedoch mehr als 900 Arbeitslose. Bei jeder Vervollkommnung der Maschine werden die Männer durch Frauen oder Kinder ersetzt.
In Belgien existirt kein Gesetz über die Kinderarbeit. Viele Fabrikanten verlangen, daß das Kind seine erste Communion hinter sich habe, ohne nach seinem Alter zu fragen; Deshalb sind viele Eltern gezwungen, die erste Communion weit vor dem Alter vornehmen zu lassen, wo man sie anderwärts bewirkt. Der Priester gibt aus Fanatismus und im Einverständnis mit dem Kapitalisten seine Zustimmung unter dem Vorwand, eine Seele von der Hölle zu retten. Kaum haben die zarten Kinder den Fuß in die Fabrik gesetzt, so öffnet sich die geschlossene Thür erst wieder, wenn es heim geht; und die Unglücklichen bleiben fern von der Schule, denn die Arbeitsstunden dieser kleinen Wesen sind von derselben Dauer, als diejenigen der Erwachsenen.
Das ist auch der Hauptgrund, warum man in unserem industriellen Centren so viel Verkrüppelte, so viel sieche Wesen trifft, warum es so viele Kranke gibt, warum so viel epidemien ausbrechen, und in der Blüthe des Alters unsere Arbeiterbevölkerung vom Tode hingerafft wird.
Die Baumwollenspinner von Gent lassen sich daher auf dem Congreß in der wohlüberlegten Absicht vertreten, durch energische Mittel die Geißel der Arbeitersklaverei, dieser nothwendigen Folge der Lohnarbeit entwurzeln zu helfen, damit wir unser ideales Ziel erreichen: die Produzenten zu Herren der Welt zu machen.
Bericht im Namen des Syndikats von Lagresle (Loire), dem 975 Weber angehören, und aller Syndikate der Weber aus dem Gebiet des Departement der Loire, erstattet von dem Bürger Béluze
Das Socialistische Syndikat von Lagresle schickt einen Delegirten zum internationalen Congreß, um sich mit den übrigen Arbeitervertretern zu verständigen und um sich auf gleichen Fuß wie die anderen Arbeiter zu setzen, damit die Löhne unserer armen Arbeiter, die seit langem von der Meisterschaft, d.h. von der Kapitalistenklasse ausgebeutet werden, wieder in die Höhe gebracht werden. Die Vereinigung und die Solidarität aller Arbeiter müssen dieses Unternehmerthum zerstören, das mittelst seines Geldes, d. h. seines Kapitals, die Arbeiter einschüchtert und sie zu einer brutalen Arbeit von 15–18 Stunden täglich aus einem Baumwollenwebstuhl bringt, um einen Lohn von 1 Fr. 25 Cts. bis 1 Fr. 50 Cts. täglich zu verdienen. Von diesem geringen Lohn muß man noch 25 Cts. täglich abziehen für die Unterhaltung des Webstuhles, den der Arbeiter bezahlen muß.
Wir theilen unseren Collegen von den fremden Nationen mit, daß in Lagresle und in den ganzen genannten Syndikatsbezirk wir während 10 Tagen eine kleine Arbeitseinstellung der Baumwollenhandweber durchgeführt haben. Wenn wir dabei gesiegt haben, so ist es Dank unserer Energie. Wir haben vollständig begriffen, daß, wenn die Arbeiter nicht ganz energisch handeln, um gegen die Meisterschaft zu kämpfen, die Polizei ihnen nicht helfen würde. Ganz im Gegentheil. Man hat Gesetze über die Syndikate gemacht, aber man läßt sie nicht zu Gunsten der Arbeiter ausführen. Alle socialistischen Arbeiter aus den Bergen der Loire wollen eine socialdemokratische Regierung, um die Kapitalistenklasse abzuschaffen.
Bericht des Bürgers Blacke, Delegirter der Syndikatskammer der Schmiede und des Bundes der Syndikatskammern von Lyon
In allen Ländern Europas versteht es das Unternehmerthum prächtig, die armen Märtyrer zu unterdrücken, die den Namen Proletarier haben. Es nutzt ihre Arbeit und ihre Gesundheit aus, um sich allen Vergnügungen zu überlassen, um ein Leben schmachvoller Ausschweifungen zu führen. Sind es nicht die Ausbeuter, die mit dem der Arbeit ihrer Opfer ausgepreßten Gewinn die Prostitution schaffen und unterhalten? Die Ausbeutung der Arbeit durch das Kapitel wächst mehr und mehr.
Um diesen Zustand der Dinge zu heilen, ist es nothwendig, daß die Regierungen aller Länder so bald als möglich durch ein Gesetz den achtstündigen Arbeitstag festsetzen, ohne Herabsetzung der Löhne, ebenso wie die vollständige Unterdrückung des Faktorenwesens (marchandage).
Die zu sehr verlängerte oder zu überhastete Arbeit zieht nicht nur den Ruin der Gesundheit des Arbeiters nach sich, sondern die zu sehr verlängerte Arbeit der Einen bedingt die Arbeitslosigkeit der Andern. Ferner hindert sie den Arbeiter seine Intelligenz zu kultiviren, beeinträchtigt also die menschliche Würde und das Prinzip der Brüderlichkeit. Es wäre nur Gerechtigkeit, wenn der ungeschmälerte Arbeitsertrag dem Arbeiter zukommt, der alles produzirt, indem er seine Gesundheit zusetzt. In Erwartung dessen fordern wir wenigstens, daß die Löhne bei der Verkürzung der täglichen Arbeitszeit nicht erniedrigt werden. Nur die internationale Arbeiterorganisation, der Vormarsch Hand in Hand aller Proletarier wird unseren gerechten Forderungen gehörigen Nachdruck geben; vereinigte Kraft allein wird uns helfen, unsere Menschenrechte uns zu erobern.
Diese internationale Organisation der Arbeiter ist auch die nothwendige Vorbedingung der endgiltigen Befreiung der Arbeiterklasse, die sich vollziehen wird, indem die Arbeiterklasse in den Besitz aller Produktionsmittel gesetzt wird. Also die Maschine und das Werkzeug dem Arbeiter der Hütte und der Werkstatt, und die Erde dem Landarbeiter!
Bericht der Weber und gleichartigen Gewerbe, die in der Zahl von 400 der Syndikatskammer von Mandore (Rhône) angehören, erstattet von dem Bürger Moncorge
Der Berichterstatter ist Delegirter an diesem ehrenwerthen Congreß, um die Lage der Arbeiter von Mandore auseinander zu setzen, die seit langem durch die Unternehmerschaft ausgebeutet werden.
Der Baumwollens-Handweber ist zu einer täglichen Arbeitszeit von 14 bis 15 Stunden verurtheilt, und das in einem feuchten Hofe, und für den geringen Lohn von 1 Fr. bis 1 Fr. 25 Cts. Er befindet sich in der absoluten Unmöglichkeit, mit dieser Summe eine ganze Familie ernähren zu können. Es sind kaum zwei Monate her, daß die Arbeiter sich in Folge dieser traurigen Arbeitsbedingungen gezwungen sahen, eine Arbeitseinstellung zu erklären, die, Dank der Energie und der Einigkeit der Weber, einen glücklichen Ausgang genommen hat. Zur Vergeltung lassen die Unternehmer die Arbeiter ihre ganze schlechte Laune fühlen.
Das Syndikat der Weber will sich mit allen französischen und fremden Organisationen vereinigen, indem es an diesem Congreß theilnimmt. Es verspricht seine Mitwirkung für den Fall einer allgemeinen Arbeitseinstellung, die der Zweck hat, das Recht der Arbeiter der ganzen Welt zu fordern.
Bericht des Bürgers Miller, Delegirter der Vereinigung der jüdischen Gewerkschaften von New-York, über die jüdische Arbeiterbewegung in New-York
Die Bewegung unter den jüdischen Arbeitern New-York’s, wie überhaupt von ganz Amerika datirt seit 6 bis 7 Jahren. Sie ist zurückzuführen auf die Massen-Einwanderung jüdischer Handwerker und Kleinbürger, welche aus Rußland flohen und noch fliehen, wegen der unerträglichen politischen und wirthschaftlichen Zustände dieses Landes, – Zustände, die ganz besonders schwer auf die jüdische Bevölkerung drücken. Die Zahl dieser Eingewanderten vermehrt sich von Jahr zu Jahr, und sie sind es gerade, die den eigentlichen Kern und den Mittelpunkt der jüdischen Arbeiterbewegung in Amerika bilden Diese Bewegung begann – wie übrigens jede Arbeiterbewegung in Amerika – auf dem Gebiet der reinen und einfachen gewerkschaftlichen Organisation: Verminderung der Arbeitsstunden, Steigerung der Löhne, im Allgemeinen Verbesserung der Existenzbedingungen des Proletariats innerhalb der Grenzen der kapitalistischen Gesellschaft – das sind die Tendenzen, welche die in Frage stehenden Organisationen Anfangs verfolgten.
Die Bewegung empfahl als Mittel, um zu diesen Zielen zu gelangen, die Organisation, um wirthschaftliche Kämpfe, wie Arbeitseinstellungen, Boyekotts etc. organisiren und durchführen zu können. Indeß zeigte das Fehlschlagen, der Achtstundenbewegung von 1886 wie ohnmächtig derartige Bestrebungen nothwendig bleiben müssen, so lange die gewerkschaftlichen Organisationen allein als Kämpfer für dieselben austreten. Dieses Fehlschlagen war nicht allein eine Bankerotterklärung der gewerkschaftlichen Organisationen als unabhängiger socialer Macht, sie predigte andererseits dem Proletariat auch die Nothwendigkeit, sich als unabhängige und stark organisirte politische Partei zu organisiren, zu dem Zweck, sich der politischen Machst bedienen zu können, als einer wirksamen Waffe in dem Kampf für die Emanzipation des arbeitenden Volkes.
Im Bewußtsein dieser Thatsache nahmen die jüdischen Arbeiter einen relativ und absolut großen Antheil an der Bewegung, die von Henry George angeregt wurde – einer Bewegung, die an ihrem Ende ausschließlich auf eine Börsenbewegung hinauslief, aber die bei ihrem Beginn eine reine Klassenbewegung war.
Der Mittelpunkt der jüdischen Arbeiterbewegung ist in New-York. In dieser Stadt existirt eine Anzahl von Organisationen, deren jede besondere Zwecke verfolgt, die aber alle unter sich solidarisch verbunden sind in der Verfolgung allgemeiner Zwecke, und die zusammen die Vereinigung der jüdischen Gewerkschaften ausmachen. Die folgenden Organisationen bilden Theile dieser Vereinigung:
- Der jüdische Zweig der socialistischen Arbeiterpartei von Amerika.
Diese Organisation besteht aus eine-r ziemlich hohen Zahl jüdischer Arbeiter, die besonders eine thätige Propaganda zu Gunsten des Socialismus unter der Masse Derer machen, die nur Jargon sprechen, und die darauf bedacht sind, diese auf der Basis eines socialistischen Programms wirthschaftlich und politisch zu organisiren.
- Der russische Zweig der socialistischen Arbeiterpartei von Amerika. (Russischer Socialisten-Club.)
Dieser Club verfolgt den nämlichen Zweck, mit dein einzigen Unterschied, daß er sich an die russisch sprechende Arbeiterbevölkerung von New-York wendet. Im Uebrigen ist er darauf bedacht, materielle Mittel zu sammeln, um die revolutionäre socialistische Bewegung in Rußland zu unterstützen
Die Pioniere der Freiheit; sie bilden eine ziemlich beträchtliche Organisation, welche eine eifrige Agitation und Propaganda zu Gunsten des Socialismus (freilich etwas mit dem Anarchismus liebäugelnd) unter den jüdischen Arbeitern macht. Diese Organisation veröffentlicht ein Wochenblatt in russischer Sprache: „Die Wahrheit“.
Die Gruppe „Snamia“ (die Fahne). Der von dieser Organisation verfolgte Zweck ist die Veröffentlichung und der Vertrieb socialistischer Litteratur in russischer Sprache. Die Gruppe hat ein Wochenblatt: „Snamia“.
Die Union der Hemdenmacher (shirt-makers Union); sie besteht ausschließlich aus jüdischen Arbeitern und Arbeiterinnen in Wäschefabriken. Diese Organisation hat nicht nur die Verfolgung sachlicher Interessen zum Zweck, sie ist auch für die geistige Aufklärung und Entwicklung ihrer Mitglieder thätig. Außerdem entfaltet sie eine agitatorische Thätigkeit, indem sie Volksversammlungen arrangirt, in denen man die socialistischen Prinzipien den Arbeitern der verschiedenen Gewerbe erklärt.
Die Union der jüdischen Schriftsetzer; sie umfaßt alle jüdischen Setzer von Neue-York. Sie verdient alle Beachtung, weil sie eine vollständige Controlle über alle jüdischen Druckereien New-York’s ausübt, obgleich deren Zahl eine verhältnißmäßig große ist.
Die Union der Choristen.
Die Union der Schauspieler.
Diese beiden Organisationen rekrutiren ihre Mitglieder unter den Choristen und Schauspielern der jüdischen Theater in New York. Diese haben in ihrem Beruf erst begriffen, daß die Kunst schon lange ihre privilegirte Stellung verloren hat; daß in der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft die Künstler bezahlte Sklaven sind wie alle andern Arbeiter; und daß sie ihren Feind nur besiegen können, indem sie sich in die Reihen des kämpfenden Proletariats stellen.
Die russische musikalische Union, eine Gruppe russisch und jüdisch sprechender Musiker.
Die Vereinigung der Schneider, eine sehr starke Organisation, die aus jüdischen Schneidern besteht.
Die Vereinigung der Schneider für Damenkonfektion (Dress-makers Union).
Die Knickerbockers Union; sie besteht aus Arbeitern und Arbeiterinnen, die mit der Fabrikation von Knabenhosen (Knickerbocker) beschäftigt sind.
Die Vereinigung der Matratzenmacher.
Die Vereinigung der Seidenbandweber.
Das Programm der jüdischen Gewerkschaften, wie dasjenige der Vereinigung der deutschen Gewerkschaften mit der sie Hand in Hand marschiren, hat zur Grundlage und zum Eckstein das Prinzip des Klassenkampfes. Als Hauptziel ihrer Bestrebungen erklären sie die Unterdrückung des Lohnsystems durch die Abschaffung des persönlichen Eigenthums und die Vergesellschaftung aller Produktions- und Transportmittel.
Die Taktik der Vereinigung der jüdischen Gewerkschaften und ihre praktische Thätigkeit entspricht den Grundsätzen dieses Programms, welches von allen Organisationen anerkannt werden muß, die sich ihr anzuschließen wünschen.
Außer den erwähnten Organisationen bestehen unter den jüdischen Arbeitern und Arbeiterinnen New-York’s noch Gruppirungen, welche nicht der Organisation anhängen wie z. B.:
die russische progressistische Vereinigung (Fortbildungsverein),
Zirkel des Frauenstudiums, Vereinigung russischer Frauen,
die Selfhelp Association (Vereinigung für Selbsthülfe), die sich mit genossenschaftlichen Bestrebungen beschäftigt etc. etc.
Alle diese Organisationen von der einen oder der andern Art arbeiten mit großem Eifer für die Verbreitung des Socialismus. Es kommt häufig vor, daß an ein und demselben Abend an verschiedenen Punkten des russischen Quartiers von New-York ein halbes Dutzend öffentlicher Versammlungen stattfinden, wo Tausende von jüdischen Arbeitern und Arbeiterinnen mit gespannter Aufmerksamkeit der Erklärung des neuen Evangeliums horchen. Die Vertretung des organisirten jüdischen Proletariats an diesem Congreß hier ist ein Beweis, wie tief die Ideen der Solidarität und der Brüderlichkeit der Ausgebeuteten aller Länder in das Herz dieses Proletariats eingedrungen ist.
Wie groß der Erfolg für die Entwicklung des Klassenbewußtseins der ganzen jüdischen Arbeitermasse ist, wird dadurch bewiesen, daß die jüdischen kapitalistischen Organe, auch die größten und mächtigsten, es im Interesse ihrer Existenz für nothwendig halten, sich mehr oder weniger mit socialistischen Federn zu schmücken.
Bericht des Bürgers E. Lecomte, Delegirter der Syndikatskammer der Glasarbeiter des Departements der Seine und der Seine et Oise
Die Syndikatskammer der Glasarbeiter hat schon beiden Congressen in Bordeaux und Troyes, an denen sie Theil nahm; das Minimum ihrer Forderungen ausgestellt. Die auf diesen Congressen verlesenen und auf den Bureaux derselben niedergelegten Berichte sind in einem einzigen vereinigt worden, welcher der socialistischen Arbeitergruppe der Kammer einige Tage nach den Arbeitermanifestationen des 10. und des 24. Februar dieses Jahres zugestellt wurde. Die socialistischen Abgeordneten haben formell versprochen, die Dolmetscher dieser Forderungen im Parlament sein zu wollen, und wir wissen, daß sie ihr Versprechen halten werden. Aber Jeder weiß, wie die Reklamationen der Arbeiter von den maßgebenden Bourgeois ausgenommen werden. Vorschläge werden gemacht, dann an Einsargungscommissionen geschickt, die es übernehmen diese Vorschläge aus dem Boden ihrer Mappen derart unterzubringen daß sie aus denselben nicht früher wieder auferstehen, als bis davon nicht mehr gesprochen wird.
Trotz des schlechten Willens unserer Geschäftsleiter lassen wir von unseren Forderungen nicht ab, und da es uns unmöglich ist, unsere Klagen und unsere Beschwerden den Machthabern zu Gehör zu bringen, so ist es an der Arbeiterklasse, den vereinigten Socialisten, denen wir unsere Wünsche aus einander setzen: die öffentliche Meinung für uns zu gewinnen, welche das durchsehen wird, was man uns heute noch verweigert.
Da alle Corporationen auf diesem Congreß vertreten sein müssen, hat jede von ihnen das Recht, die ihr eigenthümlichen Forderungen darzulegen, damit es leichter wird, die für unsere Industrie nöthigen Reformen in einer bestimmten Formel auszudrücken. Um unseren Forderungen mehr Gewicht zu geben, um die Reformen, die wir zu fordern berechtigt sind, besser rechtfertigen zu können – sowohl vor unseren täglichen Ausbeutern, als vor den öffentlichen Gewalten –, ist es gut, die zahllosen Ungerechtigkeiten offen zu legen, deren Opfer wir sind. – Die Corporation der Glasarbeiter ist um so mehr im Recht ihre Forderungen scharf zu formuliren, als sie den schlimmsten Arbeitsbedingungen unterworfen sind, die im schreiendsten Widerspruch mit den Forderungen der elementarsten Hygiene stehen.
Die Arbeit der Glasarbeiter vollzieht sich durch eine Art Von Gemeinschaften, die aus 12 bis 16 Personen bestehen und mit dem Namen „Place“ – Platz – bezeichnet werden.
Nun, wenn aus dem „Platze“ ein Arbeiter, sei es in Folge von Verbrennung, Unwohlsein, Schwäche etc. nöthig hätte, die aufreibende Thätigkeit, die er in unserer Arbeit entfalten muß, zu verlangsamen, so kann er es nichts seine Arbeit ist so abhängig von der des ganzen „Platzes“, daß es ihm nicht erlaubt ist, einen Tag weniger thätig zu sein als den andern, und das unter Arbeitsbedingungen, die denen der Galeeren-Sträflinge gleichen.
So kommt es vor, daß der Glasarbeiter im Alter von 40–50 Jahren vollständig abgenutzt ist, – unfähig seine Profession weiter zu treiben, und was noch schlimmer: eine andere zu ergreifen. Außerdem daß nach 15 bis 20jähriger Thätigkeit in unserem Gewerbe die Muskelkräfte geschwunden sind, schwächt sich auch die Sehkraft, verbrannt durch die Glut unserer Oefen, die, bis zu 1800 Grad erhitzt, unserer mißlichen Lage eine neue Qual hinzufügen.
Diese allgemeine Skizze unserer Lage wird es begreiflich machen, wie dringend nöthig es ist, daß die össentlichen Gewalten sich für eine Arbeitergesetzgebung entscheiden, welche dem empörenden Mißbrauch ein Ende machen, der täglich in unseren Hüttenwerken ausgeübt wird.
Wir wollen auch Von der Nachtarbeit sprechen und von der Kinderarbeit in unserer Industrie, besonders in den Departement der Seine und der Seine et Oise.
Die Zusammensetzung der „Plätze“ erlaubt die Verwendung von Kindern, die in großer Anzahl beschäftigt werden.
Die gesetzlichen Bestimmungen über die Kinderarbeit sind unseren Arbeitgebern nur todte Buchstaben, und in den großen Brennöfen, die uns als Werkstätten dienen, sind zahlreiche kleine Unglückliche unter 12 Jahrern. Was den Unterricht dieser armen Kleinen betrifft, so findet er unter Bedingungen statt, die vielleicht schädlicher für sie und ihre Gesundheit sind, als stärkend und nützlich. Es gibt selbst Hüttenwerke, wo gar keine Schule für die Kinder abgehalten wird, und solche, wo nur eine Klasse eingerichtet ist, und wo nach einer Tagesarbeit von 12–14 Stunden mein den Kindern 2 Stunden Schule gibt. Sie haben daher 14–16 Stunden Arbeit den Tag. Noch mehr! Da die Kinder nach der Tagesarbeit in die Schule gehen, so kommt es oft vor – wir können sogar sagen: immer –, daß sie ganz durchgeschwitzt sind, und da sie keine Möglichkeit haben, die Kleider zu wechseln, so trocknet der Schwei? ihnen auf dem Rucken. Und zu welcher Arbeit Zwinger man diese kleinen Parias!
Um es richtig herauszusagen, es ist Sträflingsarbeit 15, zu der wir vom Kleinsten bis zum Größten gezwungen sind.
Aber abgesehen von der ungesunden, entkräftenden Natur unserer Arbeit haben wir noch eine Nachtarbeit zu ertragen, die um so unerträglicher ist, als es uns nicht möglich ist, auf normale Weise den großen Kräfteverbrauch, den dies Hüttenarbeit erheischt, zu ersetzen. Man urtheile! Die mittlere Zahl der von unseren Arbeitgebern verlangten Arbeitsstunden ist 12 aus 24. Man hat nun eine Art Rolle über die Tages- und Nachtarbeit eingerichtet, in der Art, daß wir Tages- und Nachtstunden arbeiten müssen, und zwar indem man die nämlichen Arbeitsstunden in jeder Abtheilung der 12 Stunden einschaltet. So haben wir nie mehr als 6 Stunden, um uns auszuruhen, wovon man noch die für den Weg zwischen dem Hüttenwerk und unserem Wohnort, und die für unsere Mahlzeiten und unsere Reinigung etc. nöthige Zeit abziehen muß!
Das, Bürger, sind – in wenige Worte gefaßt – unsere Arbeitsbedingungen, denen Knaben von 11–15 Jahren gleichfalls unterworfen sind.
Glauben Sie nicht mit uns, daß die öffentlichen Gewalten Schutzgesetze machen mußten, – wenn nicht für uns, die wir Männer sind, und folglich fähig, die Ketten zu brechen, wenn wir das Bewußtsein unseres Rechts und unserer Kraft haben, – aber für die der wildesten kapitalistischen Ausbeutungs überlieferten Kinder?
Stark durch unser Recht, versichert der Unterstützung aller Arbeiter und Socialisten, verlangen wir daher als unmittelbar einzuführende Maaßregeln:
Abschaffung der Nachtarbeit,
Abschaffung der Arbeit von Kindern unter 16 Jahren,
Verkürzung der täglichen Arbeitszeit aus 8 Stunden,
Absolutes Recht, das Gesetz von 1884 über die gewerblichen Syndikate anzuwenden, modificirt und verbessert nach den Beschlüssen des gegenwärtigen Arbeiter-Congresses,
Versorgungspflicht der Gesellschaft gegenüber Greisen, Arbeitsunfähigen und Kindern.
Das sind, wir wiederholen es, unsere Mindest-Forderungen. Was unsere Ziele und unsere Bestrebungen betrifft, so denken wir im Einklang mit allen Delegirten, daß die endgiltige und vollständige Befreiung unser einziges Trachten sein muß, allein unseren Bedürfnissen entspricht, allein unser würdig ist. –
Samstag, den 20. Juli. Nachmittags-Sitzung
Den Vorsitz führt Bürger Deville.
Dem früher gefaßten Beschluß gemäß sollte zunächst Verlesung der eingebrachten und vom Ausschuß thunlichst zusammengefaßten Resolutionen und Abstimmung über dieselben erfolgen. Eventuelle Bemerkungen, Erklärungen, Motivirungen, Zusätze, welche Einzelne geben wollten, sollten nach der Abstimmung diskutirt werden.
Verschiedene Anarchisten fanden, daß dieses Verfahren nicht demokratisch sei, daß es eine Vergewaltigung des Congresses bedeute etc. Sie machten also systematisch Lärm, sowie man zur Verlesung der Resolutionen und zur Abstimmung schreiten wollte.
Der Vorsitzende bemerkt, daß gewisse Persönlichkeiten sich auf dem possibilistischen Congreß ganz anders verhalten als hier. – Die große, ja übergroße Toleranz, welche man den Herren bis jetzt bewiesen, hatte dieselben offenbar – unverfroren gemacht. Der Lärm steigerte sich, als einer der französischen Delegirten bestimmt erklärte, daß die anarchistischen Hauptschreier, in erster Linie der Italiener Merlino sich auf dem possibilistischen Congreß ganz ruhig verhielten, so daß man zu der Annahme berechtigt sei, sie wollten den socialistischen Congreß auseinandersprengen, ehe derselbe zu Resultaten gelangt wäre. Die Mittheilung ward nicht nur durch andere Delegirte, sondern auch durch die Zähigkeit bestätigt, mit welcher die Anarchisten stets wieder von Neuem Lärm erhoben. sobald die Ruhe zurückgekehrt und eine Abstimmung möglich schien. Offenbar lag System in diesem Verhalten, und es machte den Eindruck, als befinde sich der Congreß einer Abmachung gegenüber.
Bürger Vaillant fordert auf, daß jeder Delegirte an seinem Platz bleibe, damit man die Ruhestörer erkenne. Man solle ruhig bleiben, denn sonst könne ein Agent genug sein, um den ganzen Congreß in Verwirrung zu bringen.
Als sich alle Ordnungsrufe des Präsidenden [sic], als sich die unzweideutig manifestirte Entrüstung des Congresses als unwirksam erwiesen, dem anarchischen Unfug ein Ende zu machen, mußte der Congreß von seinem Hausrecht Gebrauch machen. Die Hauptstörer, Merlino und zwei seiner Freunde wurden aus dem Saale gebracht, und die an die Thüre postirten Delegirten erhielten Auftrag, nur mit Karten versehenen Personen den Eintritt in das Sitzungslokal zu gestatten.
Bürgerin Guillaume-Schack protestirte gegen die Ausschließung der Ruhestörer und verließ mit 7 Engländern und Italienern zusammen den Congreß.
Es gelangt hierauf die vierte Frage „Abschaffung der stehenden Heere etc.“ zuerst zur Abstimmung. Die dem Congreß vorgelegte Resolution ist von Vaillant eingebracht und durch verschiedene von deutscher und französischer Seite eingereichte Resolutionen amendirt und verändert worden. Sie lautet:
Hier folgt im Protokoll der Wortlaut der Resolution über die vierte Frage; siehe Vierte Frage. Abschaffung der stehenden Heere und allgemeine Volksbewaffnung.
Vorstehende Resolution wurde einstimmig angenommen. Der Abstimmung enthielten sich 7 Anwesende, die jedoch als Anarchisten erkannt wurden. –
Hieran gelangt die Resolution über die dritte Frage zur Abstimmung. Sie lautet:
Hier folgt im Protokoll der Wortlaut der Resolution über die dritte Frage; siehe Dritte Frage. Mittel und Wege, um die Forderungen des Arbeiterschutzes zu verwirklichen.
Auf Antrag der Holländer wird über die Resolution nach Nationalitäten abgestimmt. 15 Nationen sind für den Beschluß, 3 enthalten sich der Abstimmung, 2 sind nicht anwesend. Für die Resolution stimmten: Deutschland, Frankreich (mit 4 Stimmenthaltungen), Ungarn, England, Spanien, Schweiz, Dänemark, Schweden (mit 1 Wahlenthaltung), Rumanien, Polen, Rußland (letztere beiden Länder mit Vorbehalt wegen der ausnahmsweisen Lage, in der sie sich befänden), Nordamerika (mit 1 Wahlenthaltung auf 3 Delegirte), Argentinien. Abwesend waren die norwegischen und italienischen Delegirten. Der Abstimmung enthielten sich: Belgien, Holland und Oesterreich.
Eine Ergänzung zu der Resolution:
Hier folgt im Protokoll der Wortlaut der Ergänzung; siehe Dritte Frage. Mittel und Wege, um die Forderungen des Arbeiterschutzes zu verwirklichen.
wird einstimmig angenommen.
Der Congreß schritt nun zur Abstimmung über die wichtigste der Resolutionen, welche sich auf die Arbeiterschutz-Gesetzgebung bezieht. Dieselbe war aus einer Verschmelzung der Anträge Bebel und Guesde entstanden, und in einzelnen Punkten von Morris, Keir Hardie, Scherrer etc. modifizirt worden.
Die Resolution lautet:
Hier folgt im Protokoll der Wortlaut der Resolution über die erste und zweite Frage; siehe Erste und zweite Frage. Internationale Arbeiterschutzgesetzgebung.
Bürger Lavigne bringt darauf im Namen des Nationalverbandes der französischen Syndikatskammern und Corporativgruppen einen Antrag über eine große Manifestation ein, welche den Beschlüssen des Congresses zur Durchführung verhelfen soll. Der Antrag lautet:
Hier folgt im Protokoll der Wortlaut der Resolution; siehe Internationale Kundgebung zum 1. Mai 1890.
Auf Antrag der Belgier wird nach Nationalitäten abgestimmt. Für die Resolution sind alle Nationalitäten mit Ausnahme der Belgier und Russen, von denen erstere ihr Votum später begründen wollen, und letztere nur deßhalb sich enthalten, weil in Rußland seine derartige Kundgebung unmöglich sei.
Es wird nun noch folgende Resolution angenommen:
Hier folgt im Protokoll der Wortlaut der Resolution; siehe Resolution über den Sitz der Executiv-Commission.
Man schreitet nun zur Diskussion, welche einzelnen Delegirten ermöglichen soll, ihre Voten zu begründen, oder auch noch neue Zusätze und Verbesserungen der Resolutionen herbeizuführen.
Bürger Volders protestirt im Namen der Belgier gegen das Verfahren des Ausschusses, vor der Diskussion abstimmen zu lassen. Es macht aus ihn den Eindruck, als habe man die Debatten ersticken wollen. Der Redner hatte es bis zuletzt für unmöglich gehalten, daß man zuerst abstimmen und dann diskutiren würde. Obgleich die Belgier im Prinzip für die eingebrachten Resolutionen sind, haben sie sich der Abstimmung enthalten, um gegen das Verfahren des Ausschusses zu protestiren. Anstatt daß der Congreß frei diskutiren konnte, hat man Dogmen aufgestellt und zur Abstimmung gebracht. Er hofft, daß der nächste internationale Congreß demokratischer gehalten sein werde.
Bürger Deville erwidert, daß der Ausschuß Volders nichts zu antworten habe, da er nicht aus eigener Machtvollkommenheit gehandelt, sondern nur die vom Congreß getroffenen Entscheidungen und Anordnungen ausführt.
Bürger Körner protestirt gegen die mangelhafte Geschäftsführung des Ausschusses. Die Beschlüsse hätten vor der Abstimmung gedruckt vorgelegt werden müssen, damit Jeder genau wußte, wofür er stimmte. Er persönlich hat sich der Abstimmung enthalten, weil er die verlesenen Resolutionen nicht verstehen konnte.
Bürger Liebknecht findet es überflüssig, den Ausschuß zu vertheidigen. Wer den Verhandlungen beigewohnt, habe auch die Schwierigkeiten der Leitung gesehen. Was die Abstimmung vor der Diskussion anbetrifft, so war dieselbe durchaus nicht unpraktisch, wie behauptet worden, da es sich um Fragen handelte, über welche sich jeder Delegirte seit Langem klar war. Redner ist überzeugt, daß kein Einziger zum Congreß gekommen, um sich hier über die auf der Tagesordnung stehenden Fragen belehren zu lassen; Jeder brachte ein festes Programm schon mit. Die Abstimmung vor der Diskussion ward aber geradezu zur Nothwendigkeit in anbetracht der vorgeschrittenen Zeit, und wenn man darauf halten wollte, daß der Congreß nicht ohne Beschlüsse auseinanderginge. Die Diskussionen würden sich bei einem anderen Modus bis in’s Unendliche verschleppt haben. Wenn man nach der Abstimmung noch in Diskussionen eintritt, so kann dies nur zu dem Zwecke geschehen, Gelegenheit zur Begründung abweichender Voten zu geben.
Was die Leitung des Congresses anbetrifft, so darf man nicht die ungeheuren Schwierigkeiten vergessen, mit denen der Ausschuß schon allein wegen der verschiedenen Sprachen zu kämpfen gehabt. Man kennt die Schwierigkeiten, die mit der Leitung eines nationalen Parteitages verknüpft sind; für einen internationalen Congreß mit drei offiziellen Sprachen sind dieselben mindestens verdreifacht.
Gewiß wäre es gut gewesen, hätte man die Resolutionen gedruckt vorlegen können, aber man bedenke, daß die hiesigen Socialisten weder ein Organ noch eine Druckerei zur Verfügung haben, und daß es trotz aller Bemühungen unmöglich war, eine Druckerei zu finden, welche sofort für uns arbeiten wollte.
Der amerikanische Delegirte Bush bringt daraus noch eine Resolution ein, folgendermaßen lautend:
Hier folgt im Protokoll der Wortlaut der Resolution; siehe Resolution über die Eroberung der politischen Macht und das Wahlrecht.
Diese Resolution wird mit allen gegen eine Stimme angenommen.
Bürger Werner (Berlin) erklärt, daß es gegen das demokratische Prinzip verstoße, ohne vorhergegangene Diskusssion abzustimmen. Nachdem der Congreß drei Tage mit Formalitätsfragen verloren, habe man jetzt keine Zeit mehr, die auf der Tagesordnung stehenden Fragen eingehend zu behandeln, und man habe die Abstimmung mit Hochdruck betrieben.
Bürger Dumortier, Vertreter der Maschinenbauer von Lyon, erklärt, daß er gegen den Beschluß des Congresses sei, weil er nicht der Conferenz von Bern zustimmen könne, welche von einer Bourgeois-Regierung zusammenberufen worden sei.
Die 4 französischen Delegirten, welche sich der Abstimmung über die Resolution betreffend die dritte Frage enthalten haben, erklären, daß sie durch ihre Abstention den Schein vermeiden wollten, als haben sie Vertrauen zu irgend einer Regierung.
Die zwei spanischen Delegirten Mesa und Iglesias und ein ungarischer Delegirter fordern durch einen Antrag, daß der Ausschuß des Congresses einen die verschiedenen Länder repräsentirenden Centralausschuß ernenne, welcher die internationale Verständigung der einzelnen Arbeiterorganisationen und Parteien aufrecht zu erhalten habe.
Bürger Vaillant erklärt, daß die Annahme dieses Antrags mit Rücksicht auf die Gesetze vieler Länder unmöglich sei, und der Antrag wird in der Folge auch zurückgezogen.
Bürger Kranz, Delegirter des jüdischen socialistischen Arbeitervereins zu London, verlangt als Zusatz zur Bebel-Guesde’schen Resolution die Abschaffung der Zwischenunternehmer (Faktoren, „Schwitzer“ im „Schwitzersystem“ – sweating system). Der Redner hat gerade in London Gelegenheit gehabt, das System und seine beklagenswerthen Folgen für die Arbeiter kennen zu lernen.
Der Zusatz wird vom Ausschuß und vom Congreß einstimmig angenommen. (S. k. in der Resolution zur ersten und zweiten Frage.)
Bürger Seitz (Berlin) protestirt gegen die Angriffe auf den Ausschuß. Er begreift vollkommen die großen Schwierigkeiten mit denen derselbe zu kämpfen hat. Es ist richtig, daß man zuletzt geeilt hat, allein es war durch die Situation geboten. Jedermann war über die auf der Tagesordnung stehenden Fragen klar, und außerdem weiß man, daß man dem Ausschuß vollständig vertrauen kann.
Bürger Liebknecht dankt für die Erklärung, obgleich dieselbe nicht nöthig gewesen, da der Ausschuß sich nicht zu vertheidigen braucht.
Bürger Chretien (Marseille) erklärt, daß er mit voller Ueberzeugung gestimmt hat, da er weiß, daß die geforderten Maßregeln thatsächlich die Lage der Arbeiter verbessern werden. Gewiß wäre eine ausführliche Diskussion wünschenswerth gewesen, allein in Anbetracht der kurzen Zeit hat der Ausschuß gut gehandelt, zuerst abstimmen zulassen.
Bürger Lenz beantragt im Namen der Kellner und Limonadiers einen Zusatz zu der Resolution Bebel-Guesde, in welchem die Abschaffung der privaten Stellenvermittlungs-Bureaus gefordert wird.
Der Antrag wird einstimmig angenommen. (§. k. in der Resolution zur ersten und zweiten Frage.)
Bürger Tressaud (Marseille) erklärt, daß voraussichtlich die Manifestation vom 1. Mai 1890 wirkungslos bleiben werde. Man müsse dieselbe also durch einen Generalstreik – grêve générale – unterstützen. Der Congreß soll aber „als Anfang der socialen Revolution den Generalstreik beschließen.“
Der Redner stellt einen dahin zielenden Antrag, der mit ironischen Zwischenrufen aufgenommen wird.
Bürger Liebknecht spricht kurz gegen den Antrag. Redner führt aus, daß der Generalstreik ein Ding der Unmöglichkeit sei, da er eine so starke und einheitliche Organisation der Arbeiter voraussetze, wie sie zur Zeit noch nicht existire und in der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt nicht existiren könne. Die englischen Arbeiter waren Ende der Dreißiger und Anfangs der Vierziger Jahre trefflich organisirt, weit besser, als es die Franzosen jetzt sind, und doch scheiterten ihre großen Streiks, sowie andere Versuche einer allgemeinen Arbeitseinstellung. Haben die Arbeiter aber erst einmal eine so starke Organisation, um einen Generalstreik durchsetzen zu können, so werden sie sich hoffentlich nicht mit einem solchen begnügen, sondern einen besseren Gebrauch von ihrer Organisation machen. Dann sind sie die Herren der Welt. Und die Arbeit dann einzustellen, wäre erst recht eine grenzenlose Thorheit.
Bürger Tressaud bemerkt, daß seine Resolution nur auf die Länder Geltung haben sollte, wo es möglich wäre, Etwas durch einen Generalsstreik zu erreichen.
Zwei Delegirte unterstützen seinen Antrag.
Es läuft ein Antrag auf Schluß der Debatte ein; derselbe wird von mehreren Delegirten bekämpft, unter anderen von Dormoy (französische Provinz), welcher findet, daß die Vertreter aus der Provinz bis jetzt nur wenig das Wort gehabt, und daß es wichtig sei, wenn sie so wichtigen Fragen gegenüber zeigen könnten, daß sie nicht auf einem anarchistischen oder unklaren, sondern auf dem korrekt socialistischen Standpunkt stehen.
Der Schluß der Debatte über den Generalstreik wird beschlossen, und Tressaud’s Antrag mit sehr großer Majorität verworfen.
Es kommen hierauf zwei Anträge über eine allgemeine Amnestie aller wegen politischer Vergehen und im Zusammenhang mit der Arbeiter: bewegung verurtheilten Personen zur Abstimmung.
Bürger Liebknecht erklärt, daß angesichts des Kampfes, in welchem die deutsche Sozialdemokratie mit der Regierung steht, es ihrerseits eine Feigheit wäre, für einen Gnadenakt zu stimmen.
Der Antrag auf Amnestie bezw. auf Agitation für Amnestie wird angenommen. Die deutschen Delegirten enthalten sich der Abstimmung.
Bürger Faure ist von 7 englischen und 1 italienischen Delegirten beauftragt gegen den Anschluß Merlino’s und seiner Freunde zu protestiren.
Ein französischer Delegirter erklärt den Protest für begründet; er fordert den Congreß auf, dies durch ein Votum anzuerkennen und dann zur Tagesordnung überzugehen.
Bürger Palmgreen will nicht protestiren, er konstatirt nur, daß Unregelmäßigkeiten vorgefallen, allein diese waren natürlich und unvermeidlich; sie zeigen nur, daß der Congreß socialistisch und nicht parlamentarisch war. Der Ausschuß hat seine Pflicht durchaus gethan, er war mit Arbeit überlastet und konnte unmöglich mehr Ordnung halten, als er gethan. Er konnte doch nicht Gendarmen ausstellen, welche auf peinliche Beobachtung aller Beschlüsse und Maßregeln hielten.
Der Redner ist zufrieden, daß der Congreß nicht zu parlamentarisch verlaufen ist. Der Congreß hat seinen Zweck erfüllt, wir haben unter einander Fühlung gewonnen und gesehen, daß die Arbeiter überall das gleiche Ziel anstreben.
Bürger Besset erklärt, daß er Mandat hatte, für die Manifestation und den Generalstreik einzutreten. Da der Congreß den letzteren verworfen zieht er sich zurück.
Bürger Vollmar theilt mit, daß die Niederlegung der Kränze auf den Gräbern der Communarden, sowie Börne’s und Heine’s Sonntag früh 10 Uhr stattfinden.
Bürger Lenz stellt fest, daß alle Delegirten einig gewesen seien über das zu erreichende Ziel: die Emanzipation der Menschheit. Es frage sich aber nun, wie man dieselbe verwirkliche? Er seinerseits ist überzeugt, nur durch eine sociale Revolution.
Es macht sich allgemein der Wunsch auf Schluß des Congresses bemerkbar.
Bürger Cipriani erklärt im Namen seiner italienischen Mitdelegirten, daß dieselben nicht vom Congresse abwesend waren, ihm aber nur als Zuschauer beiwohnten, da ihr Mandat, eine Vereinigung beider Congresse herbeizuführen, nicht zu erfüllen gewesen sei.
Der Vorsitzende Deville zeigt an, daß von den Deutschen, Amerikanern und Engländern ein Antrag auf Schluß des Congress es eingelaufen sei, da dieser seine Tagesordnung erledigt habe.
Der Antrag wird mit großer Majorität angenommen.
Der Vorsitzende Deville „Ich erkläre den Congreß, der seine Tagesordnung nun erledigt hat, für geschlossen. Der Congreß ist gefchlossen! Vive la Révolution sociale!“
Von deutscher Seite ertönt der Ruf: Hoch die Socialdemokratie! Hoch die Internationale Socialdemokratie! Und minutenlang mischen sich brausend in französischer und deutscher Sprache die Rufe: vive la République sociale! Vive la Révolution sociale! Die deutschen Delegirten stimmen die Arbeitermarseillaise an, und die Franzosen singen mit. Man drückt sich begeistert die Hände.
„Auf Wiedersehen!“ „Au revoir!“
Der Schluß der letzten Sitzung erfolgt 8½ Uhr Abends.
Sonntag, den 21. Juli
Den anderen Morgen – den 21. Juli – versügten sich die Delegirten nach dem Père Lachaise, wo die Communarden in der blutigen Maienwoche 1871 ihre letzte feste Position gehabt hatten, und wo die „heilige Schaar“, die dort kämpfte, auch den Tod gefunden hat. Der Riesenkranz, den die deutschen Delegirten am Sonntag auf das auf dem Friedhofe Père Lachaise befindliche Massengrab der 1871 gefallenen Communards niederlegten, bestand aus Immortellen; er hatte den Umfang eines großen Mühlrades und wurde abwechselnd von je 16 Mann getragen. Auf einer großen schwarzen Atlasschleife stand in goldenen Lettern die Inschrift. „Congrès international ouvrier socialiste de Paris 21. Juillet 1889 (Internationaler Arbeitercongreß von Paris, 21. Juli 1889.“) In einer langen Reihe von Ansprachen von Vertretern aller Nationen (u. A. Vaillant, Cipriani, Longuet, Liebknecht – letzterer deutsch und französisch) wurde das Andenken der „für die Sache des Proletariats Gefallenen“ gefeiert. Der Grundgedanke all’ dieser Reden war: „Die Kommune ist todt, es lebe die Kommune.“
Liebknecht hatte vorher am Grabe Ludwig Börne’s eine kurze Ansprache gehalten, in welcher er das Andenken „dieses Märtyrers der Freiheit und des Kosmopolitismus“ feierte. Alsdann wurde von den deutschen Delegirten ein prächtiger Kranz auf das Grab Börne’s niedergelegt. Nachdem die Delegirten noch dag Grab Blanqui’s ausgesucht hatten, begab sich ein Theil derselben nach dem Friedhofe Montmartre. Hoffmann (Halle a. S.) legte hier im Namen der deutschen Socialdemokraten einen schönen großen Kranz aus das Grab Heinrich Heine’s nieder. Der Kranz trug auf einer weißen Atlasschleife mit goldenen Lettern die Inschrift: „Henri Heine les socialistes Allemandes, 21. Juillet 1889“ (Heinrich Heine die deutschen Socialisten, 21. Juli 1889.) Hoffmann wies auf die Verdienste hin, die sich Heine um die Sache des Proletariats erworben habe.
Auf dem am Sonntag Abend in der Rue St. Mandé abgehaltenen Verbrüderung Bankett toastete Vaillant (Paris) auf die „Neue Internationale“, Liebknecht (Deutschland) auf die Verbrüderung der Völker durch den Socialismus und auf die Vereinigten Staaten der Welt und Palmgreen (Dänemark) aus die unverbrüchliche Solidarität aller Proletarier, ein Delegirter auf Südfrankreich auf die hilfsbereite Brüderlichkeit der Arbeiter aller Länder, die sich bei den verunglückten Bergarbeitern in St. Etienne so herrlich bewährt habe.
Nachdem noch gemeinschaftlich die Marseillaise gesungen worden, begann der Tanz, der die Anwesenden in fröhlichster Stimmung bis in die späte Nacht beisammen hielt. Der Morgen des 22. Juli war längst angebrochen, als die Delegirten unter Hochrufen auf die Kommune und die Socialdemokratie den Heimweg antraten.
Verzeichniß der Delegirten und der durch sie vertretenen Arbeiterparteien, Gruppen und Organisationen
Deutschland
Bebel, August; Becker, Carl; Bernstein, Ed.; Bock, Wilh.; Busenbender, A.; Bruhns, Jul.; Dieckmann, Ferdinand; Dietrich, Adam; Eckhardt, Daniel; Erhardt, F.; Ewald, F.; Fischer, Richard; Fleisch-mann, Emil; Frohme, Karl; Förster, H.; Geck, Ad.; Geyer, Friedr.: Glocke, Theodor; Grünberg, K.; Harm, Friedr.; Heine, Aug.; Hirsch, Friedr; Hillmer, Ernst; Hofmann, Franz ; Hoffmann, Adolf; Horn, Georg; Ihrer, E. (Bürgerin); Joest, F.; Junge, Herm.; Kaden, Aug.; Kersten, Alex.; Keßler, Gustav; Kirchnner, F. E.; Kloß, F.; Koenen, H.; Körner, W.; Kunert, Fritz; Legien, F.; Lehmann, Karl; Liebknecht, Wilh.; Lutz, Theod.; May, Ernst; Meister, Heinrich; Müller, Herm.; Molkenbuhr, Herm.; Paschky, A.; Pfannkuch, W.; Pfeiffer, Leonh.; Pfeiffer, Aug.; Pinkau, Karl; Reißhaus, Paul; Rödiger, Hugo; Schiemann, Paul; Schmidt, W.; Schneider, Frz.; Schreiber, Balduin; Schulze, K; Schumacher, L.; Schwarz, Theod.; Schwarz, F.; Schweitzer, W.; Schütz, Oscar; Segitz, Mart.; Seitz, Jul.; Sommer, Bruno; Stolle, W.; Strunz, Ant.; Ulrich, Carl; Vahrenholz,V.; v. Vollmar, G.; Wagner, Paul; Woldersky, Hugo; Wedde, Johannes; Wesch, W.; Wernau, Jul.; Weneger, Carl; Werner, Wilh.; Zenker, Theod.; Zetkin, Clara; Zwiener, Josef. Elsaß-Lothringen: Jaclard, Dr. B.
England
Mitcham-Zweig (Sozialistische Liga) – Cooper, T.; Norwich-Zweig (Soz. Lig.) Netlow , F.; Hammersmith-Zweig (Soc. Lig.) – Tarleton, H. B.; Rath der Soc.Lig. – Kitz, F. und Morris , W.; Yarmouth-Zweig (Soc. Lig.) – Tochati (Bürgerin); Manchester-Zweig (Soc. Lig.) – Ritson , John; North Kensington-Zweig (Soc. Lig.) – Lyne; Ost-London (Soc. Lig) – Schack, G. G. (Bürgerin); Internationaler Arbeiter-Club – West, W.; Hammersmith radikaler Club – Tochati; Bloombury Socialisten – Dard; Walsall Socialisten – Draken; New Road radikaler Club – Halliday; Ost-Finsbury radikaler Club – Aveling, E; Hoxton Arbeiterbund – Donald, K.; Schottische Arbeiterpartei – Gibry, O; Ayrshire Bergarbeiter – Hardie, Keir; Sheffield Socialisten – J. E. Carpenter; Wahlarbeit-Association (Electoral Labor Association) – Cunninghame Graham, Mitglied des Parlaments.
Argentinien
Socialistische Gruppe von Buenos-Aires – Peyret, Alexander.
Oesterreich
Wien: Pokony, R.; Popp, Jul.; Kralik, Emil; Dr. Adler, Viktor; Brünn: Hybes; Prag: Korber, Wilh.; Jägerndorf: Franz, Joseph; Nordböhmem: Dietel, Hermamn; Althanns; Tschechische Sektion der slavischen Liga – Habrowsky, Georg.
Belgien
Cooperative Arbeitergesellschaft von Gent – Anseele; Metallarbeiter von Gent – Vanderhaegen; Propagandistischer Cirkel von Brüssel – Maes, T.; Baumwollspinner von Gent – Seifers, J.; Leinenspinner von Gent – Bairt, C.; Weber von Gent – Toucairt; Propagandistischer Cirkel von Gent – Stautemas; Arbeitervereinigung von Brüssel – Cäsar de Paepe; Mekaniker des Centrums – Selvars; Generalrath der belgischen Arbeiterpartei – Volders, Jean; Baumwollspinner von Gent – Hardyn; Federaiion von Antwerpen – Goetschalck; Genossenschaft „Werke“, – Mortelmans; Borinage,— Deffuisseau.
Bulgarien
Vereinigung der bulgarischen Studenten in Brüssel – Many.
Dänemark
Socialistische Partei von Dänemark – Christensen, P., Meyer, A. C.; Socialistische Vereinigungen von Amare und Oesterbro, Bildhauer-Gewerkschaft von Kopenhagen, deutscher und schwedischer Cirkel von Kopenhagen – Petersen, Nicolai L.
Spanien
Socialistische Arbeiterpartei – Iglesias, Pablo; Redaktion des Socialista – Mesa, Jose.
Vereinigte Staaten von Nord-Amerika
Socialistische Arbeiterpartei – Busche; Vereinigte deutsche Gewerkschaften von New-York – Kirchner, F. E.; Vereinigte jüdische Gewerkschaften von New-York – Miller, L. L.; Vereinigte jüdische Gewerkschaften von New-York, – J. Barsky; Vereinigter Bruderbund Iowa – Ahles, Carl.
Finnland
Finn, Nicolaus.
Holland
Socialistische Partei von Holland – Fortuyn, J. A.; Bliegen, W. H.; Helsdinger W. P. G.; Domela-Nieuwenhuis.
Ungarn
Ungarische Arbeiterpartei – Fränkel, Leo; Ihrlinger, A; Schuhmacher von Budapest – Popp, R.
Italien
Allgemeiner Völkerbund (lateinische Sektion) mit seinen zahlreichen Gruppen, Sectionen in Italien, Spanien, Portugal und Rumänien und viele sonstigen Vereine etc. in Italien – Cipriani, Amilcare; Socialistische Federation von Predappio – A. Costa und Croce; Socialistisch-revolutonäre Partei der Romagna – Balducci, Piselli, Balducci; Socialistische Federation in Rom – Merlino; Socialistisch-anarchistischer Zirkel „Eisen und Feuer“ in Alexandrien, Egypten – Pichi, C.; Arbeitergesellschaft „Emancipation“ in Zürich (Schweiz) – Bertoja, Merlinari, E.; Socialistischer Cirkel, „Emanzipation der Arbeit“, von Livorno – Cini, F., Foraboschi, Ezio.
Norwegen
Norwegische socialistische Partei – Jeppesen, Carl; Arbeiterfederation von Christiana – Olsen, J., Bergenen, C.
Polen
Socialsftisch-revolutionäre Gruppe Oswiata in New-York – Dasrynski, Felix; Organisation der Walka Klas – Jankowska, Marie; Central-Comité der socialistisch-revolutionären Arbeiterpartei etc. – Mendelson, Stanislaus; Slavische Liga (polnische Section) – Winiarski, Leon.
Rumänien
Buchdrucker von Bukarest und ihr Organ Gutenberg etc. – Many, Voinov, D.; Arbeiter-Cirkel von Bukarest und socialdemokratische rumänische Studenten von Paris – Racovitza; Sattlervereinigung zu Bukarest – Procopin; Cirkel der rumänischen Arbeiter – Seulesco, A.
Russland
Der „Socialist“, Gesellschaft der russischen Arbeiter von Paris etc. – Lawroff; Verein der socialdemokratischen Russen – Plechanow; Drei Gruppen, welche dem Programm des „Volkswille“ anhängen – Beck; Internationaler Club für die Belehrung der Arbeiter von London – Krantz, Philipp; Union der israelitischen Handwerker von New-York – Barsky, Miller, Louis.
Schweden
Schwedische socialistische Partei und skandinavischer SocialistensVerein in Paris – Palmgreen, C., Allard, O.
Schweiz
Schweizerische sozialdemokratische Partei – Schrag L.; Bund der schweizerischen Fachvereine – Merk, A.; Grütli-Verein. – Brandt, P; Vogelsanger, J; GrütliSektion, Canton Baselland – Gschwind, S.; Grütli-Sektion von Neuchatel – Houst, H.
Frankreich
Gewerkschaft der Lastträger von Cette – Affre, Antoine; Socialistisches Comité von Figeac – Antraigues; Federation der socialistischen Arbeiter von Alais und anderer Gruppen – Araud, Chauvet; Departements-Comité der socialistischen Republikaner der Rhone – Archain, Baudin, C.; Gewerkschaft der Näherinnen von Bordeaux – Arrécot, Leon; Gewerkschaft der Eisenformer von Lille – Aussens, Louis; Gruppe L’Egalité, socialistischer Studiencirkel von Bacalan (Bordeaux) – Anscot, Charles; Union der Lastträger von Cette – Balmain; Gewerkschaft der Bergarbeiter des Nordens und des Pas de Calais – Basly; Gewerkschaft der Kappenmacher von Troyes – Barisse, G.; Federation der Gewerkschaften der Arbeiter von Vierzon etc. – Baudin; Gewerkschaft der Weber und verwandten Berufsgenossen von Lagreslez (Loire) – Beluze; Union der Gewerkschaften von Bézieres etc. – Besset; Lyoner Gruppe der Arbeiterpartei und anderer Gruppen – Vessy-Placet; Gewerkschaft der Metallarbeiter von Troyes etc., – Pischler Ch.; Lyoner Federation von 54 Gewerschaften, – Blache, Farjat, Gabriel, Perronin; Gewerkschaft der Kutscher und Kondukteure von Cette – Bonnet, Etienne; Gruppe: „Weder Gott noch Herr“ von Lyon – Bonnotte; Socialistische Union von Toulouse – Bousquet; Gewerkschaft der vereinigten Arbeiter von la Celle (Allier) etc. – Bonvin; Socialistischer Cirkel von Beauvais etc. – Bouchard, Adolf; Gewerkschaft der Gyps-Maurer von Cette – Bressac, Marc.; Centralcomitee der socialistisch-revolutionären Jugend von Lyon etc. – Breuillé, Duplat; „Anarchistische Action“ von Rheims – Brunet; Gewerkschaft der Bergarbeiter von Carmaux – Calvignac; Bäcker von Bordeaux – Carla, Charles; Gruppe der Plänkler von Bordeanx (Arbeiterpartei) etc.; Caradec, J., Gewerkschaft der Fadennudelnmacher von Nizza – Carlin, G.; Gewerkschaft der Färber von Roanne – Chabas, Julien; Die Solidarität, die Avantgarde, von Bordeaux (Arbeiter-Partei) – Chirac (im Gefängniß zu St. Pelagie); Union der Gewerkschaften von Marseille – Chretien, Tressaud, Gillet, Gentil, Louis, Issalène; Weber von Thizy (Rhone), Corget; Cirkel des republikanisch-radikalen Comitees der Seyne (Var) etc. – Cluseret; Republikanischer Cirkel der Arbeiter von Montluçon – Courtignon; Junge Anarchisten von St. Quentin – Conrtois; Kunsttischler von Cette – Crassous; Gruppe von Petit Courgain etc. – Delcluze, A.; Union der Gewerkschaften etc. von Toulouse – Delmas, Alph.; Lokalrath der Roanner Föderation etc. – Delorrme, Louis, Desseigne, Gay-Simon, Meunier, Guill., Parraud, Jean, Vergne; Federation der Arbeiterpartei des Nordens, 74 Gruppen und Gewerkschaften – Delory, G., Lepers, A.; Union der Weber und verwandten Berufsgenossenschaften von Tarare – Demangé, Bost; Föderative Union der Arbeiter-Gewerkschaften von Castres etc. – Denis; Gewerkschaft der Zimmerleute und Holzschneider von Cette – Desmazes; Gewerkschaft der vereinigten Arbeiter von Montluçon – Dormoy, J.; Socialistisches Comitee von Amiens (A.-P.) – Ducerf; Mechaniker von Lyon – Dumortier; Gruppe „La Vigie“ von Bordeaux (A.-P.), Gewerkschafts-Union der eingeschriebenen Seeleute – Dupon; Gewerkschaft der Seeleute und Fischer von Cette – Esquillan, Felix; Revolutionäres Central-Comitee von Lyon – Farjat, Adrien; Havre’sche Liga der vereinigten Arbeiter – Faure, Sebastien; Comitee der socialistischen Arbeiter von Nanterre – Feline, Louis; Socialistischer Verein von Narbonne – Ferroul; Gewerkschaft der vereinigten Arbeiter von Bezenet (Allier) etc.. – Fréjac, Raoul; Comitee der Arbeiterpartei von Vauban-Chanzy (Calais) etc. – Fuchs; Gewerkschaft der Zimmerleute von St. Quentin – Gadrop, Leon; Tabakarbeiter von Marseille – Gros; Arbeitergruppe der Freidenker von Marseille, das „Radicale Algier“ – Guesde, Jules; Cirkel der Avantgarde von Limoges – Hummec, Aristide; Gruppe „la Mouche“ des III. Arrond. von Lyon – Jaquet; Gewerkschaft der Metallarbeiter von Cette – Jeannot, Louis; Gewerkschaft der Zimmerleute (Calais) – Jude, Henri; Gewerkschaft der Möbelarbeiter von Cours (Rhone) – Lachize; Gewerkschaft deir Bergleute des Aveyron (Decazeville) – Laconche, Ant.; Nationale Arbeiterliga (Bordeaux) – Lafitte; Wählerunion des III. Arondissement von Lyon – Landrin; Gewerkschaft der Weber von St. Quentin – Langrand; Union der socialistischen Arbeiter von Pantin – Lapierre; Gewerkschaft der Verwaltungsbeamten des Handels und der Industrie (Bordeaux) – Lavau; Central-Comitee der socialistischen Gruppen etc, Savigne; Central-Comitee der socialistischen Republikaner des Cher (Bourges) – Lebeau, Louis; Preichoux, Gilbert; Gewerkschaft der Weber von Amiens – Lefebvre; Gewerkschaft der Metallarbeiter etc. von Comentry (A.-P.) – Letang, S.; Gewerkschaft der Feilenhauer von l’Arnay-le-Duc (Cote-d’Or) – Levitre, Jul.; Arbeiterunion von Tulle – Malaurie, Marc.; Revolutionäre socialistisches Commitee von St. Ouen – Maquaire; Comitee von Mâçon – Marmonnier; les Égaltaires des III Kantons von Reims, revolutionäre Gruppe des III. Kanton von Lyon – Michel, Joseph; Gewerkschaft der Weber von Mardore (Rhone) – Moncorge, Emil; Kristallschneider der Seine und Seine et Ouse (Aubervilliers) – Moffer; Gewerkschaft der vereinigten Weber von Annonay (Ardèche) etc. – Neveu, Henri; Gewerkschaft der Bergarbeiter der Loire (Saint-Etienne) – Ottin, Ant.; Gewerkschaft der Lastträger, Sektion Choisy-le-Roi – Paulet; Föderation der socialistischen Grnppen der Arbeiterpartei (Reims) etc. – Pédron; Stadtrath von St. Ouen – Pernin, Maire; Gruppe „Weder Gott noch Herr“ (Lyon) – Perreux, Alex.; Union der Arbeitergewerkschaften von Nantes etc. – Piron, Joseph, Rigaud; Freidenker von Ardèche (Annonay) – Place, Henri; Gewerkschaft der Fleischer von Saint Fargeau etc – Poilblanc, Elie; Gewerkschaft der Spinner von Vienne – Poncet; Die Schildwache (la Sentinelle) von Saint Quentin etc. – Renard, Victor; Lyoner Schuhmacher – Richerand; Revolutionäres Central-Comitee der 3 Kantone von Grenoble – Robesto; Gewerkschaft der vereinigten Arbeiter der Heime-Lohne und des Puy-de-Dôme (Saint Florine) – Reuget; Die Unabhängigen von Annonay – Rouillon; Union der 20 Gewerkschaften von Bordeaux etc. – Roux; Bergarbeiter von der Rhonemündung (Marseille) – Sabathier; Gewerkschaft der Metallarbeiter von Calais – Salembier; Fischer von Sette – Sauvaire; Gruppe der socialen Studien von Lormont (Gironde) – Sciota; Gewerkschaft der Buchdrucker von Cette, Sénégas; Gewerkschaft von Lérouville (Meuse) – Sieffert; Sammtweber von Arbresle (Rhone) etc., Sol, Louis; Socialistische Federation der Haute Vienne (Limoges) – Soulat, Henri; Föderales socialistisches Comitee von Allier (Montluçon), – Tissier; Revolutionäre socialistische Union (Marseille) – Tressaud; Socialistisch-revolutionäre Gruppe von St. Amand (Cher) etc. etc. – Vaillant; Gewerkschaft der Faßbinder und Weinabzier von Cette – Ballat, Pierre; Socialistische Gruppe von Orleans – Viard; Union der Socialistischen Arbeiter von Lyon – Vimenet, Jean; Union der socialistischen Freidenker von Boulogne-sur-Seine – Macherey; Socialistische Gruppe der Deputirtenkammer Boyer, Camelinat.
Paris
Adam, Ferdinand; Ambourg; Andrieux; Anquetil; Baju; Pellegrie; Baudet; Bedier; Besse; Boicervoise; Boulé; Besseguet; Bureau, Jacques; Calmel; Camescasse; Charreron; Chauvièreç Granger; Vajllant; Ciret, Louis; Comaille; Combomoreil; Courbet; Dangers; Delmas; Delacôte; Dereure; Desgrosjean; Deville; Dimnet, Nicolas; Dubois; Dubucq; Duprès; Guillon, G.; Lafargue, Paul; Léveillé; Feline, George; Gaiffe; Geiler; Gerbaud; Geba; Gouzon; Grenier; Guillot-Poupardin; Kahn; Hertaud; Hinart; Jannot; Lacher; Lacoste, Maximilien; Lainé; Laurençon; Lecomte, Eugen; Lentz; Lepage; Lepeut; L’Homme; Ligneul; Luß; Mercier; Marchat; Messer; Monceau; Montant; Patricot; Policon; Reinert; Rigal (Bürgerin); Rouanet; Weber; Rousseau; Roussel; Siguret; Stievenard; Troquet; Valette, Bürgerin; Weil, Lucien; Daumas, Humbert; Longuet.
Diese Liste, welche für den 15. Juli richtig war, ist durch das Hinzukommen neuer Delegirten in den folgenden Tagen antiquirt worden, so daß sie ein ungenügendes Bild gibt. S. darüber weiter hinten. ↩
Diese beiden Deutsch-Amerikaner sind in der von Vollmar gegebenen Aufzählung von 81 Deutschen nicht mit eingerechnet, sondern in obiger Liste den Amerikanern zugezählt. ↩
Als die Gefahr des Boulangismus in Frankreich auftauchte, gründeten die bürgerlichen Republikaner eine Gesellschaft der „Menschenrechte“, der alle Vertheidiger der Republik beitreten sollten. Die Possibilisten traten dem republikanischen Bourgeois-Mischmasch bei und wurden damit ofiziell Schleppträger der bürgerlichen Parteien und des RegierungsOpportunismus. Die „Gesellschaft der Menschenrechte“ wurde in der Rue Cadet gegründet – daher die Bezeichnung „Cadettisten“, „cadettistisch“ u. s. w. für die französischen Regierungsparteien. ↩
Socialdemokratische Vereinigung – Name einer englischen Parteigruppe. ↩
Soll heißen: Die Erde – das dunkle (unter die Menschen zu vertheilende) Ackerland. ↩
Von dem Fluch: by Jingo (sprich: bei dschingoh), Kreuzsapperment! den die englischen Chauvinisten besonders gern im Mund führen. Der Chauvinist heißt in England Jingoist (sprich: Dschingoist). ↩
Herrschaft des Reichtums ↩
Die Zahl ist nach den neuesten zuverlässigen Berichten beträchtlich geringer – höchstens 600,000. ↩
1 Gulden = 1 Mk. 68 Pfg. ↩
Das Wort kommt vom französischen état, der Staat, und ist von den „Anarchisten“ zur Bezeichnung alles nicht auf „Vernichtung“ des „Staats“ Hinauslaufenden angefertigt worden. ↩
Ein Pronunciamento nennt man in Spanien einen Aufstandsversuch, mit obligater Proklamierung einer anderen Regierung. ↩
Die Devise der Republik lautet bekanntlich: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! ↩
Leider auch in anderen Ländern ↩
Das Wortspiel ist französisch – Parlament heißt auf französisch: parlement. ↩
travail de forçiats – Arbeit von Galeerensträflingen. ↩