Text nach: Manifest, Richtlinien, Beschlüsse des Ersten Kongresses. Aufrufe und offene Schreiben des Exekutivkomitees bis zum Zweiten Kongreß (Bibliothek der Kommunistischen Internationale, I), Verlag der Kommunistischen Internationale, Auslieferungsstelle für Deutschland: Carl Hoym Nachf. L. Cahnbley, Hamburg 1920, S. 1–72 (archive.org). Deutsche Fassung der Kongreßausgabe; zur Sprache, in der die einzelnen Texte entworfen wurden, siehe die Übersetzung. · Traducción al español
Manifest der Kommunistischen Internationale an das Proletariat der ganzen Welt
Dreiundsiebzig Jahre sind verflossen, seit die Kommunistische Partei der Welt ihr Programm in Form eines Manifestes, von den größten Lehrmeistern der proletarischen Revolution, Karl Marx und Friedrich Engels, geschrieben, verkündet hat. Schon zu jener Zeit war der Kommunismus, der kaum in die Arena des Kampfes getreten war, von Hetze, Lüge, Hass und Verfolgung der besitzenden Klassen, welche mit Recht in ihm ihren Todfeind ahnten, umstellt. Im Lauf dieser sieben Jahrzehnte ging die Entwicklung des Kommunismus schwere Wege: Stürme des Aufstiegs, aber auch Perioden des Niedergangs; Erfolge, aber auch harte Niederlagen. Im Grunde ging die Entwicklung doch den Weg, der ihr im Manifest der Kommunistischen Partei vorgezeigt war. Die Epoche des letzten, entscheidenden Gefechts ist später eingetreten, als die Apostel der sozialen Revolution es erwartet und gewünscht haben. Aber sie ist eingetreten. Wir Kommunisten, die Vertreter des revolutionären Proletariats verschiedener Länder Europas, Amerikas und Asiens, die wir uns in dem Sowjet-Moskau versammelt haben, fühlen und betrachten uns als Nachfolger und Vollbringer der Sache, deren Programm vor 72 Jahren verkündet wurde. Unsere Aufgabe besteht darin, die revolutionäre Erfahrung der Arbeiterklasse zusammenzufassen, die Bewegung von den zersetzenden Beimischungen des Opportunismus und Sozialpatriotismus zu reinigen, die Kräfte aller wirklich revolutionären Parteien des Weltproletariats zu sammeln und dadurch den Sieg der Kommunistischen Revolution in der ganzen Welt zu erleichtern und zu beschleunigen.
Jetzt, da Europa mit Trümmern und rauchenden Ruinen bedeckt ist, sind die verruchtesten Brandstifter damit beschäftigt, die Schuldigen am Kriege zu suchen. Hinter ihnen stehen ihre Professoren, Parlamentarier, Journalisten, Sozialpatrioten und andere politische Zuhälter der Bourgeoisie.
Im Lauf einer langen Reihe von Jahren hat der Sozialismus die Unvermeidlichkeit des imperialistischen Krieges vorausgesagt, hat er die Ursache dieses Krieges in der unersättlichen Habsucht der besitzenden Klassen beider Hauptlager und aller kapitalistischen Länder überhaupt, erblickt. Zwei Jahre vor Kriegsausbruch haben die verantwortlichen sozialistischen Führer aller Länder auf dem Basler Kongreß den Imperialismus als Urheber des künftigen Krieges gebrandmarkt und haben der Bourgeoisie gedroht, sie durch die sozialistische Revolution — als Vergeltung des Proletariats für die Verbrechen des Militarismus — heimzusuchen. Jetzt, nach der Erfahrung der fünf Jahre, nachdem die Geschichte die räuberischen Gelüste Deutschlands aufgedeckt, die nicht weniger verbrecherischen Taten der Ententestaaten enthüllt hat, fahren die Staatssozialisten der Ententeländer fort, zusammen mit ihren Regierungen den gestürzten deutschen Kaiser immer und immer wieder zu entlarven. Noch mehr, die deutschen Sozialpatrioten, welche im August 1914 das diplomatische Weißbuch des Hohenzollern als heiligstes Evangelium der Völker erklärt haben, klagen jetzt in gemeiner Liebedienerei zusammen mit den Sozialisten der Ententeländer die gestürzte deutsche Monarchie, welcher sie früher wie Sklaven gedient haben, als Hauptschuldige an. Auf diese Weise hoffen sie, ihre eigene Schuld vergessen zu machen und das Wohlwollen der Sieger zu verdienen. Aber neben den gestürzten Dynastien der Romanow, Hohenzollern und Habsburger und den kapitalistischen Cliquen dieser Länder, erscheinen die regierenden Klassen Frankreichs, Englands, Italiens und der Vereinigten Staaten im Lichte der sich abrollenden Ereignisse und der diplomatischen Enthüllungen, in ihrer unermeßlichen Niedertracht.
Die englische Diplomatie hat bis zum Augenblick der Entfachung des Krieges mit geheimnisvoll heruntergelassenem Visier dagestanden. Die Regierung der City hütete sich, ihre Absicht, auf Seite der Entente am Kriege teilzunehmen, unzweideutig kundzugeben, um die Berliner Regierung vom Kriege nicht abzuschrecken. In London wollte man den Krieg. Daher hat man sich dort so verhalten, daß Berlin und Wien zur selben Zeit auf die Neutralität Englands hofften, wo man in Paris und Petrograd fest auf Englands Eingreifen baute.
Der von dem Gang der jahrzehntelangen Entwicklung vorbereitete Krieg wurde durch die direkte und bewußte Provokation Großbritanniens entfesselt. Die Regierung Englands kalkulierte, Rußland und Frankreich nur so weit Unterstützung zu gewähren, bis sie sich völlig erschöpft hatten und auch gleichzeitig der Todfeind Deutschland lahmgelegt war. Aber die Macht der deutschen Militärmaschine erwies sich als zu schrecklich und verlangte nicht nur ein zum Schein unternommenes, sondern ein wirkliches Eingreifen Englands in den Krieg. Die Rolle des lachenden Dritten, auf welche nach alter Tradition Großbritannien Anspruch hatte, ist den Vereinigten Staaten zugefallen. Mit der englischen Blockade, welche die Spekulationen der amerikanischen Börse mit dem Blute Europas einseitig einengte, hat sich die Regierung Washingtons desto leichter abgefunden, als die Länder der Entente die amerikanische Bourgeoisie für die Verletzung des „internationalen Rechts“ mit fetten Profiten entschädigten. Aber das ungeheure militärische Uebergewicht Deutschlands hat die Regierung Washingtons dazu bewegt, aus dem Zustand der scheinbaren Neutralität herauszutreten. Die Vereinigten Staaten übernahmen Europa gegenüber jene Rolle, welche England dem Kontinent gegenüber in früheren Kriegen gespielt und im letzten zu spielen versucht hat. Nämlich, das eine Lager mit Hilfe des anderen zu schwächen, sich in die militärischen Operationen nur soweit einzumischen, um sich alle Vorteile der Lage zu sichern. Der Einsatz Wilsons war, den Methoden der amerikanischen Lotterie gemäß, nicht groß, aber er war der letzte, und damit sicherte er sich den Gewinn.
Die Widersprüche der kapitalistischen Ordnung sind durch den Krieg für die Menschheit zu tierischen Qualen des Hungers und der Kälte, zu Epidemien, zu moralischer Verwilderung geworden. Dadurch ist auch der akademische Streit im Sozialismus über die Verelendungstheorie und über das Aushöhlen des Kapitalismus durch den Sozialismus endgültig entschieden. Statistiker und Pedanten der Theorie der Ausgleichung der Widersprüche haben sich im Lauf von Jahrzehnten bemüht, aus allen Weltenden wirkliche und scheinbare Tatsachen heranzuzerren, welche von der Vergrößerung des Wohlstandes verschiedener Gruppen und Kategorien der Arbeiterklasse zeugten. Man nahm an, die Verelendungstheorie sei zu Grabe getragen unter dem verächtlichen Gepfiff der Eunuchen der bürgerlichen Katheder und der Bonzen des sozialistischen Opportunismus. Heute steht die Verelendung vor uns, nicht nur die soziale, sondern auch die physiologische, die biologische, in ihrer ganzen erschütternden Wirklichkeit.
Die Katastrophe des imperialistischen Krieges hat alle Eroberungen des gewerkschaftlichen und parlamentarischen Kampfes glatt weggefegt. Und dieser Krieg ist in demselben Maße aus den inneren Tendenzen des Kapitalismus hervorgegangen, wie auch jene wirtschaftlichen Abmachungen und parlamentarischen Kompromisse, welche er in Blut und Schmutz begraben hat.
Das Finanzkapital, das die Menschheit in den Abgrund des Krieges geworfen, hat selbst im Lauf des Krieges katastrophale Veränderungen erlitten. Die Abhängigkeit des Papiergeldes von der materiellen Grundlage der Produktion war vollends gestört. Immer mehr seine Bedeutung als Mittel und Regulator des kapitalistischen Warenumlaufs verlierend, verwandelte sich das Papiergeld zum Mittel der Requisition, des Raubes, überhaupt der militärisch-wirtschaftlichen Vergewaltigung. Die völlige Ausartung des Papiergeldes spiegelt die allgemeine Todeskrise des kapitalistischen Warenaustausches wider. Wenn der freie Wettbewerb als Regulator der Produktion und der Verteilung in den Hauptgebieten der Wirtschaft von dem System der Trusts und Monopole noch in den dem Kriege vorangegangenen Jahrzehnten verdrängt wurde, so erwies sich durch den Gang des Krieges die regulierende Rolle den Händen der ökonomischen Vereinigungen entrissen und direkt der militärischen Staatsmacht ausgeliefert. Die Verteilung der Rohstoffe, die Ausnutzung des Petroleums von Baku oder Rumänien, der Donezkohle, des ukrainischen Getreides, das Schicksal der deutschen Lokomotiven, Eisenbahnwagen, Automobile, die Versorgung des hungernden Europa mit Brot und Fleisch — all diese Grundfragen des wirtschaftlichen Lebens der Welt werden nicht durch den freien Wettbewerb, nicht durch Kombinationen nationaler und internationaler Trusts und Konsortien geregelt, sondern durch direkte Anwendung von militärischer Gewalt im Interesse ihrer weiteren Erhaltung. Hat die völlige Unterordnung der Staatsmacht unter die Gewalt des Finanzkapitals die Menschheit zur imperialistischen Schlachtbank geführt, so hat das Finanzkapital durch diese Massenabschlachtung nicht nur den Staat, sondern auch sich selbst vollends militarisiert und ist nicht mehr fähig, seine wesentlichen ökonomischen Funktionen anders als mittels Blut und Eisen zu erfüllen.
Die Opportunisten, die vor dem Weltkrieg die Arbeiter zur Mäßigkeit im Namen des allmählichen Ueberganges zum Sozialismus aufforderten, die während des Krieges Klassendemut im Namen des Burgfriedens und der Vaterlandsverteidigung verlangten, fordern wiederum vom Proletariat Selbstverleugnung zur Ueberwindung der entsetzlichen Folgen des Krieges. Fände diese Predigt bei den Arbeitermassen Gehör, so würde die kapitalistische Entwicklung auf den Knochen mehrerer Generationen in neuer, noch konzentrierterer und ungeheuerlicherer Form ihre Wiederaufrichtung feiern, mit der Aussicht eines neuen, unausbleiblichen Weltkrieges. Zum Glück für die Menschheit ist dies nicht mehr möglich.
Die Verstaatlichung des wirtschaftlichen Lebens, gegen welche der kapitalistische Liberalismus sich so sträubte, ist zur Tatsache geworden. Nicht nur zum freien Wettbewerb, sondern auch zur Herrschaft der Trusts, Syndikate und anderer wirtschaftlicher Ungetüme, gibt es keine Rückkehr. Die Frage besteht einzig darin, wer künftig der Träger der verstaatlichten Produktion sein wird: der imperialistische Staat, oder der Staat des siegreichen Proletariats?
Mit anderen Worten: soll die gesamte werktätige Menschheit zum leibeigenen Frondiener einer siegesgekrönten Weltclique werden, die unter dem Namen des Völkerbundes mit Hilfe eines „internationalen“ Heeres und einer „internationalen“ Flotte hier plündert und würgt, dort einen Brocken zuwirft, überall jedoch das Proletariat in Fesseln schlägt mit dem einzigen Ziel, die eigene Herrschaft zu erhalten — oder wird die Arbeiterklasse Europas und der fortgeschrittenen Länder der anderen Weltteile selbst die zerrüttete und zerstörte Volkswirtschaft in die Hand nehmen, um deren Wiederaufbau auf sozialistischer Grundlage sicherzustellen.
Die Epoche der gegenwärtigen Krise abzukürzen ist möglich nur durch die Mittel der proletarischen Diktatur, die nicht in die Vergangenheit Rückschau hält, weder erbliche Privilegien noch Eigentumsrechte berücksichtigt, sondern von der Notwendigkeit der Rettung der hungernden Massen ausgeht, zu diesem Zweck alle Mittel und Kräfte mobil macht, die allgemeine Arbeitspflicht einführt, das Regime der Arbeitsdisziplin einsetzt, um auf diesem Wege im Lauf von einigen Jahren nicht allein die klaffenden Wunden zu heilen, die der Krieg geschlagen hat, sondern auch die Menschheit auf eine neue ungeahnte Höhe zu erheben.
Der nationale Staat, der der kapitalistischen Entwicklung einen mächtigen Impuls gegeben hat, ist für die Fortentwicklung der Produktivkräfte zu eng geworden. Umso unhaltbarer wurde die Lage der unter den Großmächten Europas und anderer Weltteile verstreuten kleinen Staaten. Diese Kleinstaaten, die zu verschiedenen Zeiten als Bruchstücke von großen Staaten, als Scheidemünze zur Bezahlung verschiedener Dienstleistungen, als strategische Puffer entstanden sind, haben ihre Dynastien, ihre herrschenden Banden, ihre imperialistischen Ansprüche, ihre diplomatischen Machenschaften. Ihre illusorische Unabhängigkeit hatte bis zum Krieg dieselbe Stütze wie das europäische Gleichgewicht: den ununterbrochenen Gegensatz zwischen den beiden imperialistischen Lagern. Der Krieg hat dieses Gleichgewicht gestört. Indem der Krieg anfänglich Deutschland ein gewaltiges Uebergewicht verlieh, zwang er die Kleinstaaten, Heil und Rettung in der Großmut des deutschen Militarismus zu suchen. Nachdem Deutschland geschlagen wurde, wandte sich die Bourgeoisie der Kleinstaaten gemeinsam mit ihren patriotischen „Sozialisten“ dem siegreichen Imperialismus der Alliierten zu und begann in den heuchlerischen Punkten des Wilsonschen Programms Sicherungen für ihr weiteres selbständiges Fortbestehen zu suchen. Gleichzeitig ist die Zahl der Kleinstaaten gestiegen: aus dem Bestand der österreichischungarischen Monarchie, aus den Teilen des Zarenreiches, sonderten sich neue Staatswesen ab, die, kaum in die Welt gesetzt, sich gegenseitig wegen der staatlichen Grenzen an die Kehle springen. Unterdessen bereiten die alliierten Imperialisten solche Kombinationen von neuen und alten Kleinstaaten vor, um sie durch die Haftpflicht gegenseitigen Hasses und allgemeiner Ohnmacht zu binden.
Die kleinen und schwachen Völker unterdrückend und vergewaltigend, sie dem Hunger und der Erniedrigung preisgebend, hören die Ententeimperialisten nicht auf, genau wie dies unlängst noch die Imperialisten der Zentralmächte taten, vom Selbstbestimmungsrecht der Völker zu sprechen, welches nunmehr in Europa, wie in den übrigen Weltteilen, vollständig zertreten daliegt.
Den kleinen Völkern eine freie Existenzmöglichkeit zu sichern, vermag nur die proletarische Revolution, welche die Produktivkräfte aller Länder aus der Enge der Nationalstaaten befreit, die Völker im engsten wirtschaftlichen Zusammenarbeiten auf der Grundlage eines allgemeinen Wirtschaftsplanes vereinigt und auch dem kleinsten und schwächsten Volk die Möglichkeit gibt, frei und unabhängig die Angelegenheiten seiner nationalen Kultur zu führen, ohne Schaden für die vereinigte und zentralisierte Wirtschaft Europas und der ganzen Welt.
Der letzte Krieg, der nicht zuletzt ein Krieg wegen der Kolonien gewesen, war gleichzeitig ein Krieg mit Hilfe der Kolonien. In nie dagewesenem Umfang wurde die Bevölkerung der Kolonien in den europäischen Krieg hineingezogen. Inder, Neger, Araber, Madagassen kämpften auf dem europäischen Festlande — wofür? — für ihr Recht, auch weiterhin Knechte Englands und Frankreichs zu bleiben. Niemals zeigte sich die kapitalistische Herrschaft schamloser, nie wurde das Problem der kolonialen Sklaverei in solcher Schärfe aufgerollt, wie jetzt.
Daher eine Reihe offener Aufstände und revolutionäre Gärung in allen Kolonien. In Europa selbst erinnerte Irland in blutigen Straßenkämpfen daran, daß es noch immer ein geknechtetes Land ist und sich als solches fühlt. Auf Madagaskar, in Anam und in anderen Ländern haben die Truppen der bürgerlichen Republik während des Krieges mehr als einen Aufstand der Kolonialsklaven zu unterdrücken gehabt. In Indien ist die revolutionäre Bewegung auch nicht einen Tag zum Stillstand gekommen und in der letzten Zeit kam es zu dem größten Arbeiterstreik in Asien, auf welchen die Regierung Großbritanniens mit der Arbeit der Panzerautomobile in Bombay antwortete.
Auf solche Weise wurde die Kolonialfrage in ihrem ganzen Umfang nicht nur an dem grünen Tisch des Diplomatenkongresses in Paris, sondern auch in den Kolonien selbst auf die Tagesordnung gestellt. Das Programm Wilsons bezweckt im besten Fall nur eine Aenderung des Firmenschildes der Kolonialsklaverei. Die Befreiung der Kolonien ist nur zusammen mit der Befreiung der Arbeiterklasse der Metropolen möglich. Die Arbeiter und Bauern nicht nur von Anam, Algier, Bengalien, sondern auch von Persien und Armenien bekommen die Möglichkeit einer selbständigen Existenz erst dann, wenn die Arbeiter Englands und Frankreichs Lloyd George und Clemenceau gestürzt und die Staatsmacht in ihre Hände genommen haben. In weiter entwickelten Kolonien geht der Kampf schon jetzt nicht bloß unter dem Banner der nationalen Befreiung, sondern nimmt gleich einen offen ausgesprochenen sozialen Charakter an. Wenn das kapitalistische Europa die rückständigen Weltteile zwangsweise in den kapitalistischen Strudel hineingezogen hat, so wird das sozialistische Europa den befreiten Kolonien zu Hilfe kommen mit seiner Technik, seiner Organisation, seinem geistigen Einfluß, um deren Uebergang zur planmäßig organisierten sozialistischen Wirtschaft zu erleichtern.
Kolonialsklaven Afrikas und Asiens! Die Stunde der proletarischen Diktatur in Europa wird auch die Stunde Eurer Befreiung sein!
Die gesamte bürgerliche Welt klagt die Kommunisten der Vernichtung der Freiheiten und der politischen Demokratie an. Das ist nicht wahr. Zur Herrschaft gelangt, stellt das Proletariat nur die volle Unmöglichkeit fest, die Methoden der bürgerlichen Demokratie anzuwenden, und schafft Bedingungen und Formen einer neuen höheren Arbeiterdemokratie. Der ganze Gang der kapitalistischen Entwicklung untergrub, besonders in der letzten imperialistischen Epoche, die politische Demokratie nicht nur dadurch, daß er die Nationen in zwei unversöhnliche Klassen spaltete, sondern auch dadurch, daß er die zahlreichen kleinbürgerlichen und halbproletarischen Schichten, ebenso wie die Unterschichten des Proletariats, zu bleibender wirtschaftlicher Verkümmerung und politischer Ohnmacht verurteilt.
Die Arbeiterklasse derjenigen Länder, in denen die historische Entwicklung ihr dazu die Möglichkeit gegeben hat, hat das Regime der politischen Demokratie zur Organisation des Kampfes gegen das Kapital ausgenützt. Dasselbe wird auch ferner in jenen Ländern geschehen, wo die Vorbedingungen einer Arbeiterrevolution noch nicht herangereift sind. Aber die breiten Zwischenschichten auf dem flachen Lande wie in den Städten werden durch den Kapitalismus in ihrer historischen Entwicklung gehemmt und bleiben um ganze Epochen zurück. Der nicht über seine Kirchturmspitze hinaussehende badische und bayerische Bauer, der durch die großkapitalistische Weinverfälschung zugrunde gerichtete französische kleine Weinbauer, der durch Bankiers und Abgeordnete ausgeplünderte und betrogene amerikanische Kleinfarmer, all diese durch den Kapitalismus von der großen Straße der Entwicklung abgedrängten sozialen Schichten, werden auf dem Papier durch das Regime der politischen Demokratie zur Verwaltung des Staates berufen. In Wirklichkeit aber fällt in allen wichtigen Fragen, welche die Geschicke der Völker bestimmen, die Finanzoligarchie ihre Entscheidungen hinter dem Rücken der parlamentarischen Demokratie. So war es vor allem in der Kriegsfrage, dasselbe spielt sich jetzt in der Frage des Friedens ab.
Wenn es die Finanzoligarchie für nützlich hält, ihre Gewalttaten durch parlamentarische Abstimmungen zu decken, stehen dem bürgerlichen Staat zur Erreichung der erforderlichen Ziele alle von früheren Jahrhunderten der Klassenherrschaft geerbten und durch die Wunder der kapitalistischen Technik vervielfachten Mittel zur Verfügung: Lüge, Demagogie, Hetze, Verleumdung, Bestechung und Terror.
An das Proletariat die Forderung stellen, daß es im letzten Kampf mit dem Kapitalismus, in dem es sich um Leben und Tod handelt, lammfromm den Forderungen der bürgerlichen Demokratie folge, hieße, von einem Menschen, der gegen Räuber sein Leben und seine Existenz verteidigt, die Befolgung der künstlichen, bedingten Regeln des französischen Ringkampfes zu verlangen, die von seinem Feinde festgestellt, aber von ihm nicht befolgt werden.
Im Reich der Zerstörung, wo nicht nur die Produktions- und Verkehrsmittel, sondern auch die Institutionen der politischen Demokratie blutige Trümmer darstellen, muß das Proletariat seinen eigenen Apparat schaffen, der vor allem als Bindemittel für die Arbeiterklasse dient und ihr die Möglichkeit eines revolutionären Eingreifens in die weitere Entwicklung der Menschheit sichert. Dieser Apparat sind die Arbeiterräte. Die alten Parteien, die alten Gewerkschaften haben sich in der Person ihrer Führer unfähig erwiesen, die von der neuen Epoche gestellten Aufgaben zu verstehen, geschweige denn diese auszuführen. Das Proletariat schuf eine neue Form des Apparats, der die gesamte Arbeiterschaft umfaßt, unabhängig von Beruf und politischer Reife, einen elastischen Apparat, der fähig ist, sich immerwährend zu erneuern, zu erweitern, immer neue und neue Schichten in seine Sphäre hineinzuziehen, seine Türen den dem Proletariat nahestehenden arbeitenden Schichten der Stadt und des flachen Landes zu öffnen. Diese unersetzliche Organisation der Selbstverwaltung der Arbeiterklasse, ihres Kampfes und in Zukunft auch der Eroberung der Staatsmacht ist durch die Erfahrung verschiedener Länder erprobt und stellt die größte Errungenschaft und die mächtigste Waffe des Proletariats unserer Zeit dar.
In allen Ländern, wo die Massen zum Denken erwacht sind, werden auch fernerhin Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte gebildet. Die Räte zu befestigen, ihre Autorität zu heben, sie dem Staatsapparat der Bourgeoisie entgegenzustellen — das ist jetzt die Hauptaufgabe der klassenbewußten und ehrlichen Arbeiter aller Länder. Mittels der Räte vermag die Arbeiterklasse sich vor der Zersetzung zu retten, die durch die Höllenqualen des Krieges, des Hungers, durch die Gewalttaten der Besitzenden und den Verrat der ehemaligen Führer in ihre Mitte hineingetragen wird. Mittels der Räte wird die Arbeiterklasse am sichersten und leichtesten in all den Ländern zur Macht gelangen, wo die Räte die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung um sich vereinigen. Mittels der Räte wird die zur Macht gelangte Arbeiterklasse alle Gebiete des ökonomischen und kulturellen Lebens verwalten, wie dies zur Zeit in Rußland schon der Fall ist.
Der Zusammenbruch des imperialistischen Staates, vom zaristischen bis zum allerdemokratischsten, geht gleichzeitig mit dem Zusammenbruch des imperialistischen Militärsystems vor sich. Die vom Imperialismus mobilisierten Millionenarmeen konnten nur solange standhalten, als das Proletariat gehorsam unter dem Joch der Bourgeoisie verblieb. Der Zerfall der nationalen Einheit bedeutet auch einen unausbleiblichen Zerfall der Armee. So geschah es zuerst in Rußland, dann in Oesterreich-Ungarn und Deutschland. Dasselbe ist auch in anderen imperialistischen Staaten zu erwarten. Der Aufstand des Bauern gegen den Gutsbesitzer, des Arbeiters gegen den Kapitalisten, beider gegen die monarchistische oder „demokratische“ Bureaukratie führt unvermeidlich zum Aufstand des Soldaten gegen das Kommando und im weiteren auch zu einer scharfen Spaltung zwischen den proletarischen und bürgerlichen Elementen des Heeres. Der imperialistische Krieg, der eine Nation der anderen entgegenstellte, ging und geht in den Bürgerkrieg über, der eine Klasse der anderen gegenüberstellt.
Das Gezeter der bürgerlichen Welt gegen den Bürgerkrieg und den roten Terror ist die ungeheuerlichste Heuchelei, die die Geschichte der politischen Kämpfe bisher aufzuweisen hat. Es würde keinen Bürgerkrieg geben, wenn nicht die Cliquen der Ausbeuter, die die Menschheit an den Rand des Verderbens gebracht haben, jedem Vorwärtsschreiten der arbeitenden Massen entgegengewirkt hätten, wenn sie nicht Verschwörungen und Morde angezettelt und bewaffnete Hilfe von außen angerufen hätten, um ihre räuberischen Vorrechte aufrecht zu erhalten oder wiederherzustellen.
Der Bürgerkrieg wird der Arbeiterklasse von ihren Erzfeinden aufgezwungen. Die Arbeiterklasse muß Schlag mit Schlag beantworten, wenn sie sich nicht von sich selbst und von ihrer Zukunft, die zugleich die Zukunft der ganzen Menschheit ist, lossagen will. Die kommunistischen Parteien, die den Bürgerkrieg nie künstlich heraufbeschwören, streben danach, seine Dauer nach Möglichkeit zu verkürzen — falls er zur eisernen Notwendigkeit geworden, — die Zahl seiner Opfer zu verringern und vor allem dem Proletariat den Sieg zu sichern. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit der rechtzeitigen Entwaffnung der Bourgeoisie, der Bewaffnung der Arbeiter, der Bildung einer kommunistischen Armee als Beschützerin der Macht des Proletariats und der Unantastbarkeit seines sozialistischen Aufbaus. Eine solche ist die Rote Armee Sowjetrusslands, welche zum Schutz der Errungenschaften der Arbeiterklasse gegen jeden Ueberfall von innen und von außen entstanden ist. Die Rätearmee ist untrennbar von dem Rätestaat.
Im Bewußtsein des weltgeschichtlichen Charakters ihrer Aufgaben haben die aufgeklärten Arbeiter schon bei den ersten Schritten ihrer organisierten sozialistischen Bewegung nach einer internationalen Vereinigung gestrebt. Der Grundstein zu derselben wurde 1864 in London in der Ersten Internationale gelegt. Der Deutsch-Französische Krieg, aus dem das Deutschland der Hohenzollern erwachsen ist, untergrub die Erste Internationale, indem er gleichzeitig zu der Entwicklung der nationalen Arbeiterparteien Anstoß gab. Schon im Jahre 1889 vereinigten sich diese Parteien auf dem Kongreß in Paris und schufen die Organisation der Zweiten Internationale. Aber der Schwerpunkt der Arbeiterbewegung lag in dieser Periode gänzlich auf nationalem Boden, im Rahmen der nationalen Staaten, auf der Grundlage der nationalen Industrie, auf dem Gebiet des nationalen Parlamentarismus. Jahrzehnte organisatorischer und reformatorischer Arbeit schufen eine Generation von Führern, die in ihrer Mehrheit das Programm der sozialen Revolution in Worten anerkannten, in Wirklichkeit aber es verleugneten und in Reformismus und Anpassung an den bürgerlichen Staat versumpften. Der opportunistische Charakter der leitenden Parteien der Zweiten Internationale entpuppte sich endgültig und führte zum größten Zusammenbruch der Weltgeschichte im Moment, als der Lauf der Ereignisse von den Arbeiterparteien revolutionäre Kampfmethoden verlangte. Wenn der Krieg von 1870 der Ersten Internationale einen Schlag versetzte, indem er die Tatsache aufdeckte, daß hinter dem sozialrevolutionären Programm noch keine geschlossene Macht der Massen stand, so tötete der Krieg von 1914 die Zweite Internationale, indem er zeigte, daß über den zusammengeschweißten Arbeitermassen Parteien stehen, die sich in untertänige Organe des bürgerlichen Staates verwandelten.
Dies bezieht sich nicht nur auf die Sozialpatrioten, die heute offen in das Lager der Bourgeoisie übergegangen und zu ihren bevorzugten Vertrauenspersonen und zuverläßlichen Henkern der Arbeiterklasse geworden sind, sondern auch auf das verschwommene, unbeständige, sozialistische Zentrum, das heute bemüht ist, die Zweite Internationale, d.h. die Beschränktheit, den Opportunismus und die revolutionäre Machtlosigkeit ihrer leitenden Elite zu erneuern. Die Unabhängige Partei Deutschlands, die heutige Mehrheit der Sozialistischen Partei Frankreichs, die Gruppe der Menschewiki in Rußland, die Unabhängige Arbeiterpartei Englands und andere ähnliche Gruppen versuchen tatsächlich den Platz auszufüllen, den die alten offiziellen Parteien der Zweiten Internationale vor dem Kriege eingenommen haben, indem sie, wie früher, mit Ideen des Kompromisses und der Einigung auftreten, auf diese Weise mit allen Mitteln die Energie des Proletariats paralysieren, die Krise in die-Länge ziehen und somit das Elend Europas noch vergrößern. Der Kampf gegen das sozialistische Zentrum ist die notwendige Vorbedingung des erfolgreichen Kampfes gegen den Imperialismus.
Indem wir die Halbheit, Lügenhaftigkeit und Fäulnis der überlebten offiziellen sozialistischen Parteien verwerfen, fühlen wir, die in der Dritten Internationale vereinigten Kommunisten, uns als die direkten Fortsetzer der heroischen Anstrengungen und des Märtyrertums einer langen Reihe revolutionärer Generationen, von Babeuf bis Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg.
Wenn die Erste Internationale die künftige Entwicklung vorausgesehen und ihre Wege vorgezeichnet, wenn die Zweite Internationale Millionen Proletarier gesammelt und organisiert hat, so ist die Dritte Internationale die Internationale der offenen Massenaktion, die Internationale der revolutionären Verwirklichung, die Internationale der Tat.
Die sozialistische Kritik hat die bürgerliche Weltordnung genügend gebrandmarkt. Die Aufgabe der internationalen kommunistischen Partei besteht darin, diese Ordnung umzustürzen und an ihrer Stelle das Gebäude der sozialistischen Ordnung zu errichten.
Wir fordern die Arbeiter und Arbeiterinnen aller Länder auf, sich unter dem kommunistischen Banner zu vereinigen, unter dessen Zeichen die ersten großen Siege bereits erfochten sind.
Proletarier aller Länder! Im Kampf gegen die imperialistische Barbarei, gegen die Monarchie, gegen die privilegierten Stände, gegen den bürgerlichen Staat und das bürgerliche Eigentum, gegen alle Arten und Formen der sozialen und nationalen Bedrückung — vereinigt euch!
Unter dem Banner der Arbeiterräte, des revolutionären Kampfes für die Macht und die Diktatur des Proletariats, unter dem Banner der Dritten Internationale, Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Das Manifest ist am 6. März 1919 in Moskau unterzeichnet von den Vertretern: Deutschlands Max Albert. Rußlands N. Lenin. Deutsch-Oesterreichs K. Gruber. Ungarns A. Rudnyanszky. Schwedens Otto Grimlund. der Schweiz Fritz Platten. der Vereinigten Staaten Nordamerikas B. Reinstein. der Balkanföderation C. Rakowski. Polens J. Unschlicht (Jurowski). Finnlands Yrjö Sirola. der Ukraine Skrypnik. Lettlands K. Gailis. Estlands Hans Pögelmann. Armeniens Hoaikuni. der deutschen Wolgakolonisten G. Klinger. der Ostvölker Rußlands Jalymow. der französischen Zimmerwalder Linken Henri Guilbeaux.
Richtlinien der Kommunistischen Internationale
Die Widersprüche des kapitalistischen Weltsystems, die in seinem Schosse verborgen waren, äußerten sich mit kolossaler Kraft in einer riesigen Explosion — im großen imperialistischen Weltkriege.
Der Kapitalismus versuchte seine eigene Anarchie zu überwinden durch Organisierung der Produktion. Anstatt zahlreicher konkurrierender Unternehmer bildeten sich mächtige Kapitalistenverbände (Syndikate, Kartelle, Trusts), das Bankkapital vereinigte sich mit dem Industriekapital ; das ganze ökonomische Leben wurde von der finanzkapitalistischen Oligarchie beherrscht, die durch ihre Organisation auf Grund dieser Macht zur ausschließlichen Herrschaft gelangte. Anstatt des freien Wettbewerbs entstand das Monopol. Der einzelne Kapitalist wird zum Verbandkapitalisten. Wahnsinnige Anarchie wird durch Organisation ersetzt.
Aber im gleichen Maße, wie die Anarchie der kapitalistischen Organisation in einzelnen Ländern ersetzt wird, werden die Gegensätze, der Konkurrenzkampf, die Anarchie in der Weltwirtschaft immer schärfer. Der Kampf zwischen den größten organisierten Raubstaaten führte mit eiserner Notwendigkeit zum ungeheuren imperialistischen Weltkrieg. Profitgier trieb das Weltkapital zum Kampf für neue Absatzmärkte, neue Anlagesphären des Kapitals, neue Rohstoffquellen, billige Arbeitskraft der kolonialen Sklaven. Die imperialistischen Staaten, die die ganze Welt unter sich aufgeteilt und die vielen Millionen der afrikanischen, asiatischen, australischen, amerikanischen Proletarier und Bauern in Arbeitsvieh verwandelt hatten, mußten früher oder später in dem gewaltigen Zusammenstoß die wirkliche anarchische Natur des Kapitals zeigen. So entstand das größte Verbrechen, der räuberische Weltkrieg.
Der Kapitalismus versuchte auch seine widerspruchsvolle soziale Struktur zu überwinden. Die bürgerliche Gesellschaft ist eine Klassengesellschaft. Das Kapital der größten „zivilisierten“ Staaten wollte die sozialen Gegensätze vertuschen. Auf Kosten der beraubten kolonialen Völker korrumpierte das Kapital seine Lohnsklaven, schuf die Interessengemeinschaft zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern gegenüber den unterdrückten Kolonien — gelben, schwarzen, roten Kolonialvölkern — fesselte die europäische und amerikanische Arbeiterschaft an das imperialistische „Vaterland“.
Aber dieselbe Methode der permanenten Korrumpierung, mit der der Patriotismus der Arbeiterklasse und ihre geistige Unterwerfung geschaffen wurde, hatte sich durch den Krieg in ihren Gegensatz verwandelt. Physische Vernichtung, vollständige Versklavung des Proletariats, ungeheurer Druck, Verelendung und Entartung, der Welthunger — das war der letzte Lohn für den Burgfrieden. Er brach zusammen. Der imperialistische Krieg verwandelte sich in den Bürgerkrieg.
Die neue Epoche ist geboren! Die Epoche der Auflösung des Kapitalismus, seiner inneren Zersetzung, die Epoche der kommunistischen Revolution des Proletariats.
Das imperialistische System bricht zusammen. Gärung in den Kolonien, Gärung unter den früher unselbständigen kleinen Nationen, Aufstände des Proletariats, siegreiche proletarische Revolution in einigen Ländern, Auflösung der imperialistischen Armeen, vollständige Unfähigkeit der herrschenden Klassen, die Geschicke der Völker weiter zu leiten — so ist das Bild der jetzigen Zustände in der ganzen Welt.
Der Menschheit, deren ganze Kultur jetzt in Trümmern liegt, droht die Gefahr vollständiger Vernichtung. Es gibt nur eine Kraft, die sie retten kann, und diese Kraft ist das Proletariat. Die alte kapitalistische „Ordnung“ existiert nicht mehr, sie kann nicht mehr bestehen. Das Endresultat der kapitalistischen Produktionsweise ist das Chaos. Und dieses Chaos kann nur die größte produktive Klasse überwinden: die Arbeiterklasse. Sie muß eine wirkliche Ordnung schaffen, die kommunistische Ordnung. Sie muß die Herrschaft des Kapitals brechen, die Kriege unmöglich machen, die Grenzen der Staaten vernichten, die ganze Welt in eine für sich selbst arbeitende Gemeinschaft verwandeln, die Verbrüderung und Befreiung der Völker verwirklichen.
Dagegen rüstet sich das Weltkapital zum letzten Kampf. Unter dem Deckmantel des „Völkerbundes“ und einem pazifistischen Phrasenschwall macht es die letzten Anstrengungen, die spontan zerfallenden Teile des kapitalistischen Systems wieder zusammenzukleben und seine Kräfte gegen die immer wachsende proletarische Revolution zu richten.
Diese neue ungeheuere Verschwörung der Kapitalistenklasse muß das Proletariat mit der Eroberung der politischen Macht beantworten, diese Macht gegen seine Klassenfeinde richten und als Hebel der ökonomischen Umwälzung in Bewegung setzen. Der endgültige Sieg des Proletariats der Welt bedeutet den Anfang der wirklichen Geschichte der befreiten Menschheit.
1. Die Eroberung der politischen Macht
Die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat bedeutet die Vernichtung der politischen Macht der Bourgeoisie. Das stärkste Machtmittel der Bourgeoisie ist der bürgerliche Staatsapparat mit seinem kapitalistischen Heer unter Führung bürgerlich-junkerlicher Offiziere, seiner Polizei und Gendarmerie, seinen Kerkermeistern und Richtern, seinen Pfaffen, Staatsbeamten usw. Die Eroberung der politischen Macht bedeutet nicht nur einen Personenwechsel in Ministerien, sondern die Vernichtung des feindlichen Staatsapparats, die Eroberung der wirklichen Kraft, die Entwaffnung der Bourgeoisie, der gegenrevolutionären Offiziere, der weißen Garde und die Bewaffnung des Proletariats, der revolutionären Soldaten, der roten Arbeitergarde; die Beseitigung aller bürgerlichen Richter und die Organisation des proletarischen Gerichts; die Aufhebung der Herrschaft der reaktionären Staatsbeamten und die Schaffung neuer Verwaltungsorgane des Proletariats. Der Sieg des Proletariats liegt in der Desorganisation der feindlichen, der Organisation der proletarischen Macht; er besteht in der Zertrümmerung des bürgerlichen, im Aufbau des proletarischen Staatsapparates. Nur nachdem das Proletariat den Sieg errungen, den Widerstand des Bürgertums gebrochen hat, kann es seine früheren Gegner der neuen Ordnung nützlich machen, indem es sie unter seine Kontrolle stellt und allmählich zur Arbeit des kommunistischen Aufbaus heranzieht.
2. Die Demokratie und die Diktatur
Der proletarische Staat ist wie jeder Staat ein Unterdrückungsapparat, aber er richtet sich gegen die Feinde der Arbeiterklasse. Sein Zweck ist, den Widerstand der Ausbeuter, die im Verzweiflungskampf alle Mittel anwenden, um die Revolution im Blute zu ersticken, zu brechen, ihn unmöglich zu machen. Die Diktatur des Proletariats, die diesem offen die bevorzugte Stellung in der Gesellschaft gibt, ist anderseits eine provisorische Einrichtung. In dem Maße, in dem der Widerstand der Bourgeoisie gebrochen, diese enteignet und allmählich zu einer arbeitenden Schicht wird, verschwindet die proletarische Diktatur, der Staat stirbt ab und mit ihm die Klassen selbst.
Die sogenannte Demokratie, d. h. die bürgerliche Demokratie, ist nichts anderes, als die versteckte Diktatur der Bourgeoisie. Der vielgepriesene allgemeine „Volkswille“ existiert ebenso wenig wie das einheitliche Volk. In Wirklichkeit existieren die Klassen mit gegensätzlichem, unvereinbarem Willen. Da aber die Bourgeoisie eine kleine Minderheit ist, so braucht sie diese Fiktion, die Vortäuschung des nationalen „Volkswillens“, um unter diesem gut klingenden Worte die Herrschaft über die werktätigen Klassen zu festigen und diesen ihren eigenen Klassenwillen aufzuzwingen. Demgegenüber übt das Proletariat, als übergroße Mehrheit der Bevölkerung, ganz offen die Klassengewalt seiner Massenorganisation, seiner Räte aus, um die Vorrechte der Bourgeoisie zu beseitigen und den Uebergang zur klassenlosen, kommunistischen Gesellschaft zu sichern.
In der bürgerlichen Demokratie liegt das Hauptgewicht in den rein formellen Deklarationen der Rechte und Freiheiten, die aber gerade für das arbeitende Volk, für die Proletarier und Halbproletarier, die keine materiellen Mittel haben, unerreichbar sind, während die Bourgeoisie ihre materiellen Mittel ausnützt, um durch ihre Presse und ihre Organisationen das Volk zu belügen und zu betrügen. Demgegenüber legt das Rätesystem, dieser neue Typus der Staatsgewalt, das Hauptgewicht darauf, dem Proletariat die Möglichkeit zu geben, seine Rechte und Freiheiten zu verwirklichen. Die Rätemacht gibt die besten Paläste, Häuser, Druckereien, Papiervorräte usw. dem Volk für seine Presse, seine Versammlungen, Vereine. Und nur damit wird die wirkliche proletarische Demokratie erst möglich.
Die bürgerliche Demokratie mit ihrem parlamentarischen System täuscht nur durch Worte den Massen den Anteil an der Staatsverwaltung vor. In der Tat sind die Massen und ihre Organisationen von der wirklichen Macht und von der wirklichen Staatsverwaltung vollständig ferngehalten. Im Rätesystem verwalten die Massenorganisationen und durch sie die Massen selbst, indem die Räte die immer wachsende Menge der Arbeiter zur Staatsverwaltung heranziehen; nur dadurch wird allmählich das ganze werktätige Volk an der wirklichen Staatsverwaltung beteiligt. Das Rätesystem stützt sich also auf die Massenorganisationen des Proletariats, auf die Räte selbst, die revolutionären Gewerkschaften, Genossenschaften usw.
Die bürgerliche Demokratie und das parlamentarische System verschärfen durch Teilung in gesetzgebende und vollziehende Macht, durch unwiderrufliche parlamentarische Mandate die Trennung der Massen vom Staate. Dem gegenüber verbindet das Abberufungsrecht im Rätesystem, die Vereinigung der gesetzgebenden und vollziehenden Macht, die Eigenschaft der Räte als arbeitende Kollegien, die Massen mit den Verwaltungsorganen. Diese Verbindung wird auch gefördert dadurch, daß im Rätesystem die Wahlen selbst nicht nach den künstlichen territorialen Bezirken, sondern nach den Produktionseinheiten stattfinden.
So verwirklicht das Rätesystem die wahre proletarische Demokratie, die Demokratie für und innerhalb des Proletariats gegen die Bourgeoisie. Das industrielle Proletariat wird in diesem System bevorzugt als die führende, bestorganisierte, politisch reifste Klasse, unter deren Hegemonie die Halbproletarier und die Kleinbauern auf dem flachen Lande allmählich gehoben werden. Diese provisorischen Vorrechte des industriellen Proletariats müssen ausgenutzt werden, um die ärmeren kleinbürgerlichen Massen auf dem Lande dem Einfluß der ländlichen Großbauern und der Bourgeoisie zu entziehen und sie zu Mitarbeitern am kommunistischen Bau zu organisieren und zu erziehen.
3. Enteignung der Bourgeoisie und Sozialisierung der Produktion
Die Auflösung der kapitalistischen Ordnung und der kapitalistischen Arbeitsdisziplin macht unter den gegebenen Klassenverhältnissen die Wiederherstellung der Produktion auf früherer Basis unmöglich. Lohnkämpfe der Arbeiter bringen — auch wenn sie erfolgreich sind — nicht die erhoffte Hebung ihrer Lebenslage, da der sprunghaft sich erhöhende Kaufpreis aller Bedarfsgüter jeden Erfolg illusorisch macht. Die Lebenslage der Arbeiter kann nur dann gehoben werden, wenn nicht die Bourgeoisie, sondern das Proletariat selbst die Produktion beherrscht. Die gewaltigen Lohnkämpfe der Arbeiter in allen Ländern, in denen deutlich die verzweifelte Lage zum Ausdruck kommt durch ihre elementare Wucht und Tendenz der Verallgemeinerung, verunmöglichen die Fortführung der kapitalistischen Produktion. Um die Produktivkräfte der Wirtschaft zu heben, um den Widerstand der Bourgeoisie, die die Agonie der alten Gesellschaft verlängert und damit zur Gefahr der vollständigen Ruinierung des Wirtschaftslebens führt, möglichst sofort zu brechen, muß die proletarische Diktatur die Enteignung der Großbourgeoisie und des Junkertums durchführen und die Mittel der Produktion und des Verkehrs in gemeinsames Eigentum des proletarischen Staates verwandeln.
Der Kommunismus wird jetzt aus den Trümmern des Kapitalismus geboren, die Geschichte gibt der Menschheit keinen anderen Ausweg. Die Opportunisten, welche die utopische Forderung des Wiederaufbaus der kapitalistischen Wirtschaft stellen, um die Sozialisierung zu verschieben, verlängern nur den Auflösungsprozeß und führen zur direkten Gefahr des völligen Unterganges. Die kommunistische Revolution ist in derselben Zeit das beste und einzige Mittel, womit die wichtigste gesellschaftliche Produktivkraft — das Proletariat — und mit ihm die Gesellschaft selbst, erhalten werden können.
Proletarische Diktatur bringt keineswegs irgendwelche Aufteilung der Produktions- und Verkehrsmittel mit sich; umgekehrt, ihr Zweck besteht darin, die Produktion einem einheitlichen Plane unterzuordnen.
Als die ersten Schritte zur Sozialisierung der gesamten Wirtschaft sind zu erwähnen: die Sozialisierung des Apparats der Großbanken, die jetzt die Produktion leiten; die Eroberung aller wirtschaftlichen staatskapitalistischen Organe durch ihre Uebernahme seitens der Staatsmacht des Proletariats; die Uebernahme aller kommunalen Unternehmungen; die Sozialisierung der syndizierten und vertrusteten Produktionszweige, sowie auch solcher Produktionsbranchen, in denen die Konzentration und Zentralisation des Kapitals dies technisch erlaubt; die Sozialisierung der landwirtschaftlichen Güter und deren Verwandlung in gesellschaftlich geleitete landwirtschaftliche Betriebe.
Was die kleineren Betriebe betrifft, so muß das Proletariat sie allmählich vereinigen, je nach ihrer Größe.
Dabei ist ausdrücklich zu betonen, daß das Kleineigentum keineswegs enteignet werden wird, und daß die Eigentümer, die keine Lohnarbeit ausbeuten, auch keinen Gewaltmaßregeln ausgesetzt werden. Diese Schicht wird allmählich in die sozialistische Organisation hineingezogen durch das Beispiel, durch die Praxis, die ihm die Vorzüge der neuen Ordnung zeigen wird, der Ordnung, die das Kleinbauerntum und das städtische Kleinbürgertum von dem wirtschaftlichen Druck des Wucherkapitals und Junkertums, von Steuerlast (insbesondere durch Annullierung der Staatsschulden usw.) befreien wird.
Die Aufgabe der proletarischen Diktatur auf ökonomischem Gebiet kann nur in dem Verhältnis gelöst werden, in dem das Proletariat imstande sein wird, die zentralisierten Verwaltungsorgane der Produktion zu schaffen und die Arbeiterverwaltung zu verwirklichen. Dabei muß es notwendigerweise diejenigen seiner Massenorganisationen ausnützen, welche am engsten mit dem Produktionsprozeß verwachsen sind.
Auf dem Gebiet der Verteilung muß die proletarische Diktatur den Handel durch die richtige Verteilung der Produkte ersetzen; auf dem Wege dazu sind folgende Maßnahmen zu erwähnen: die Sozialisierung der Großhandelsgeschäfte, die Uebernahme aller bürgerlich-staatlichen, sowie auch munizipalen Verteilungsapparate durch das Proletariat, die Kontrolle über die großen Konsumvereinigungen, deren Organisation in der Uebergangsepoche noch eine große wirtschaftliche Rolle spielen wird; die allmähliche Zentralisation aller dieser Organe und deren Verwandlung in ein einheitliches Ganzes, das die Verteilung der Produkte rationell betreibt.
Wie auf dem Gebiet der Produktion, so auch auf dem Gebiet der Verteilung sind alle qualifizierten Techniker und Fachleute auszunutzen, wenn ihr politischer Widerstand gebrochen ist und sie schon fähig sind, sich nicht dem Kapital, sondern dem neuen Produktionssystem einzuordnen.
Das Proletariat wird sie nicht unterdrücken, sondern ihnen erst die Möglichkeit geben, die intensivste schöpferische Arbeit zu entwickeln. Die proletarische Diktatur wird die Trennung der physischen und geistigen Arbeit, die der Kapitalismus entwickelt hat, durch ihre Kooperation ersetzen und auf diese Weise Wissenschaft und Arbeit vereinigen.
Neben der Enteignung der Fabriken, Bergwerke, Güter usw. muß das Proletariat auch die Ausbeutung der Bevölkerung durch die kapitalistischen Hausbesitzer abschaffen, die großen Häuser in die Hände der örtlichen Arbeiterräte geben, die Arbeiterschaft in die bürgerlichen Häuser übersiedeln usw.
Während dieser großen Umwälzungsperiode muß die Rätemacht ununterbrochen den ganzen Verwaltungsapparat immer zentralisierter aufbauen, andererseits aber immer weitere Schicht des werktätigen Volkes zur unmittelbaren Verwaltung heranziehen.
4. Der Weg zum Siege
Die revolutionäre Epoche fordert vom Proletariat die Anwendung solcher Kampfmittel, die seine ganze Energie konzentrieren, nämlich der Methode der Massenaktionen und als ihre logische Folge — direkte Zusammenstöße mit der bürgerlichen Staatsmaschine in offenem Kampf. Diesem Ziele müssen alle anderen Methoden, z.B. revolutionäre Ausnutzung des bürgerlichen Parlamentarismus, untergeordnet sein.
Die notwendige Voraussetzung eines solchen erfolgreichen Kampfes ist die Trennung nicht nur von den direkten Lakaien des Kapitals und den Henkern der kommunistischen Revolution, in welcher Rolle die rechten Sozialdemokraten erscheinen, sondern auch vom „Zentrum“ (Kautskyaner), das in den kritischsten Momenten das Proletariat verläßt, um mit seinen offenen Gegnern zu kokettieren.
Auf der anderen Seite ist ein Block mit denjenigen Elementen der revolutionären Arbeiterbewegung notwendig, welche, obgleich sie früher der sozialistischen Partei nicht angehörten, jetzt im großen und ganzen auf dem Standpunkt der proletarischen Diktatur in der Form der Rätemacht stehen, z. B. entsprechende Elemente des Syndikalismus.
Das Anwachsen der revolutionären Bewegung in allen Ländern, die Gefahr der Erstickung dieser Revolution durch das Bündnis der kapitalistischen Staaten, die Versuche der sozialverräterischen Parteien, sich miteinander zu einigen (die Bildung der gelben „Internationale“ in Bern), um dem Wilsonschen Bund Dienste zu leisten; endlich, die absolute Notwendigkeit in der Koordinierung der proletarischen Aktionen — alles das muß zur Gründung einer wirklich revolutionären und wirklich proletarischen kommunistischen Internationale führen.
Die Internationale, die den Interessen der internationalen Revolution die sogenannten nationalen Interessen unterordnet, wird die gegenseitige Hilfe des Proletariats der verschiedenen Länder verwirklichen, denn ohne wirtschaftliche und andere gegenseitige Hilfe wird das Proletariat nicht imstande sein, die neue Gesellschaft zu organisieren. Andererseits wird im Gegensatz zur gelben sozialpatriotischen Internationale der internationale proletarische Kommunismus die ausgebeuteten Kolonialvölker in ihren Kämpfen gegen den Imperialismus unterstützen, um den endgültigen Zusammenbruch des imperialistischen Weltsystems zu fördern.
Die kapitalistischen Verbrecher behaupteten am Anfang des Weltkrieges, sie verteidigten nur das gemeinsame Vaterland. Aber bald zeigte der deutsche Imperialismus durch seine blutigen Taten in Rußland, in der Ukraine, in Finnland seine wirkliche Raubnatur. Jetzt demaskieren sich die Ententestaaten selbst vor den zurückgebliebenen Schichten der Bevölkerung als Welträuber und Mörder des Proletariats. Zusammen mit der deutschen Bourgeoisie und den Sozialpatrioten, mit heuchlerischen Phrasen über den Frieden auf den Lippen, erdrosseln sie mittels ihrer Kriegsmaschinen und verdummten barbarischen Kolonialsoldaten die Revolution des europäischen Proletariats. Unbeschreiblich ist der weiße Terror der bürgerlichen Kannibalen. Unzählbar sind die Opfer der Arbeiterklasse. Seine besten — Liebknecht, Luxemburg — hat sie verloren.
Dagegen muß das Proletariat sich wehren, wehren um jeden Preis! Die Kommunistische Internationale ruft das ganze Weltproletariat zu diesem letzten Kampf auf. Waffe gegen Waffe! Gewalt gegen Gewalt!
Nieder mit der imperialistischen Verschwörung des Kapitals!
Es lebe die internationale Republik der proletarischen Räte!
Leitsätze über bürgerliche Demokratie und proletarische Diktatur
Das Wachstum der revolutionären Bewegung des Proletariats in allen Ländern hat bei der Bourgeoisie und ihren Agenten in den Arbeiterorganisationen krampfhafte Bemühungen hervorgerufen, um ideellpolitische Argumente für die Verteidigung der Herrschaft der Ausbeuter zu finden. Unter diesen Argumenten wird die Verwerfung der Diktatur und die Verteidigung der Demokratie besonders hervorgehoben. Die Verlogenheit und Heuchelei eines solchen Arguments, welches die kapitalistische Presse und die im Februar 1919 in Bern abgehaltene Konferenz der gelben Internationale auf tausend Arten wiederholt, ist aber jedem klar, der nicht Verrat an den Grundsätzen des Sozialismus üben will.
Vor allem operiert diese Beweisführung mit den Begriffen „Demokratie überhaupt“ und „Diktatur überhaupt“, ohne die Frage zu stellen, von welcher Klasse die Rede ist. Eine solche, außer oder über dem Klassenstandpunkt stehende, angeblich als Standpunkt des ganzen Volkes geltende Fragestellung ist eine direkte Verhöhnung der Grundlehre des Sozialismus, nämlich der Lehre vom Klassenkampf, welche in Worten anerkannt, in der Tat aber von Sozialisten vergessen wird, wenn sie in das Lager der Bourgeoisie übergegangen sind. Denn in keinem der zivilisierten kapitalistischen Länder existiert eine „Demokratie überhaupt“, sondern es existiert nur eine bürgerliche Demokratie, und es ist nicht die Rede von der „Diktatur überhaupt“, sondern von der Diktatur der bedrückten Klasse, d. h. des Proletariats, über die Bedrücker und Ausbeuter, d. h. die Bourgeoisie, zwecks Ueberwindung des Widerstandes, welchen die Ausbeuter im Kampf um ihre Herrschaft leisten.
Die Geschichte lehrt, daß noch nie eine bedrückte Klasse zur Macht gelangt ist und gelangen konnte, ohne eine Periode der Diktatur, d. h. der Eroberung der politischen Macht und der gewaltsamen Unterdrückung des verzweifeltsten, wildesten, vor keinem Verbrechen zurückschreckenden Widerstandes, welcher immer von den Ausbeutern geleistet wird, durchzumachen. Die Bourgeoisie, deren Herrschaft jetzt von Sozialisten verteidigt wird, welche sich gegen die „Diktatur überhaupt“ aussprechen, und für die „Demokratie überhaupt“ mit Leib und Seele eintreten, hat ihre Macht in den zivilisierten Ländern durch eine Reihe von Aufständen, Bürgerkriegen, durch gewaltsame Unterdrückung der Königsherrschaft, der Feudalen, Sklavenhalter und ihrer Restaurierungsversuche erobert. Tausend- und Millionenmal haben die Sozialisten aller Länder in ihren Büchern, Broschüren, in den Resolutionen ihrer Kongresse, in ihren Agitationsreden dem Volk den Klassencharakter dieser bürgerlichen Revolutionen auseinandergesetzt. Daher ist die jetzige Verteidigung der „bürgerlichen Demokratie“ in Reden über die „Demokratie überhaupt“ und das jetzige Gezeter gegen die Diktatur des Proletariats, im Geschrei über die „Diktatur überhaupt“, direkter Verrat am Sozialismus, tatsächlicher Uebergang ins Lager der Bourgeoisie. Leugnung des Rechts des Proletariats auf seine proletarische Revolution, eine Verteidigung des bürgerlichen Reformismus gerade in einem solchen historischen Augenblick, in welchem der bürgerliche Reformismus in der ganzen Welt zusammengebrochen ist, und in welchem der Krieg eine revolutionäre Situation geschaffen hat.
Alle Sozialisten haben, indem sie den Klassencharakter der bürgerlichen Demokratie, des bürgerlichen Parlamentarismus erklärt haben, den Gedanken ausgesprochen, der mit der größten wissenschaftlichen Genauigkeit von Marx und Engels durch die Worte ausgedrückt wurde, daß die meist demokratische bürgerliche Republik nichts anderes sei, als eine Maschine zur Unterdrückung der Arbeiterklasse durch die Bourgeoisie, der Masse der Werktätigen durch eine Handvoll Kapitalisten. Es gibt keinen einzigen Revolutionär und keinen einzigen Marxisten unter denen, die jetzt gegen die Diktatur ihr Geschrei erheben und für die Demokratie eintreten, der vor den Arbeitern nicht hoch und heilig geschworen hätte, daß er diese Grundwahrheit des Sozialismus anerkenne; jetzt aber, wo unter dem revolutionären Proletariat eine Gärung und Bewegung begonnen hat, welche darauf gerichtet ist, diese Maschine der Unterdrückung zu vernichten und die Diktatur des Proletariats zu erkämpfen, stellen diese Verräter des Sozialismus die Sache so dar, als ob die Bourgeoisie den Werktätigen die „reine Demokratie“ geschenkt hätte, als ob die Bourgeoisie auf Widerstand verzichte und gewillt sei, sich der Mehrheit der Werktätigen zu unterwerfen, als ob in der demokratischen Republik kein Staatsapparat zur Unterdrückung der Arbeit durch das Kapital da war und da sei.
Die Pariser Kommune, welche in Worten von allen gefeiert wird, die als Sozialisten gelten wollen, da sie wissen, daß die Arbeitermassen große und aufrichtige Sympathie für dieselbe haben, hat besonders deutlich die historische Bedingtheit und den begrenzten Wert des bürgerlichen Parlamentarismus und der bürgerlichen Demokratie bewiesen, welche im Vergleich zum Mittelalter höchst fortschrittliche Einrichtungen darstellen, in der Zeit der proletarischen Revolution aber unvermeidlich von Grund aus Veränderungen erheischen. Gerade Marx, der die historische Bedeutung der Kommune am meisten schätzte, hat in seiner Analyse derselben den ausbeuterischen Charakter der bürgerlichen Demokratie und des bürgerlichen Parlamentarismus nachgewiesen, bei welchen die unterdrückte Klasse das Recht erhält, einmal im Lauf mehrerer Jahre zu entscheiden, welcher Abgeordnete der besitzenden Klassen das Volk im Parlament ver- und zertreten wird. Gerade jetzt, wo die Rätebewegung, die die ganze Welt ergreift, vor aller Augen die Sache der Kommune weiterführt, vergessen die Verräter des Sozialismus die praktische Erfahrung und die konkreten Lehren der Pariser Kommune und wiederholen den alten bürgerlichen Plunder von der „Demokratie überhaupt“. Die Kommune war eine nichtparlamentarische Einrichtung.
Die Bedeutung der Kommune besteht weiter darin, daß sie den Versuch unternommen hat, den bürgerlichen Staatsapparat, den Beamten-, Gerichts-, Kriegs- und Polizeiapparat, zu zertrümmern und von Grund aus zu zerstören und ihn durch die sich selbst verwaltende Massenorganisation der Arbeiter, welche die Trennung der gesetzgebenden und vollziehenden Macht nicht kannte, zu ersetzen. Alle bürgerlich-demokratischen Republiken unserer Zeit, darunter die deutsche, welche von den Verrätern des Sozialismus unter Verhöhnung der Wahrheit als proletarische bezeichnet wird, behalten diesen bürgerlichen Staatsapparat bei. Das beweist immer und immer wieder klar und deutlich, daß das Geschrei zur Verteidigung der „Demokratie überhaupt“ nichts anderes vorstellt, als die Verteidigung der Bourgeoisie und ihrer Ausbeutungsvorrechte.
Die „Versammlungsfreiheit“ kann als Beispiel der Forderung der „reinen Demokratie“ angeführt werden. Jeder klassenbewußte Arbeiter, der mit seiner Klasse nicht gebrochen hat, versteht sofort, daß es ein Unding wäre, den Ausbeutern die Versammlungsfreiheit auch für jene Periode und Situation zu versprechen, wo dieselben Widerstand gegen ihren Sturz leisten und ihre Vorrechte verteidigen. Die Bourgeoisie hat, als sie revolutionär war, weder in England im Jahre 1649, noch in Frankreich im Jahre 1793, den Monarchisten und dem Adel die Versammlungsfreiheit gewährt, als diese fremdländische Truppen ins Land riefen und sich „versammelten“, um einen Restaurierungsversuch zu organisieren. Wenn die jetzige Bourgeoisie, die längst reaktionär geworden ist, vom Proletariat fordert, es solle im voraus garantieren, daß den Ausbeutern ohne Rücksicht darauf, welchen Widerstand die Kapitalisten ihrer Enteignung entgegensetzen werden, „Versammlungsfreiheit“ gewährt wird, so werden die Arbeiter über eine solche Heuchelei der Bourgeoisie nur lachen.
Anderseits wissen die Arbeiter sehr gut, daß die „Versammlungsfreiheit“ sogar in den meist demokratischen bürgerlichen Republiken eine leere Phrase ist, denn die Reichen haben die besten öffentlichen und privaten Gebäude zu ihrer Verfügung, haben auch genügend freie Zeit zu Versammlungen und genießen den Schutz des bürgerlichen Machtapparats. Die Stadt- und Dorfproletarier, sowie die Kleinbauern, d. h. die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung, hat weder das eine, noch das andere, noch das dritte. Solange sich dies so verhält, ist die „Gleichheit“, d. h. die „reine Demokratie“, ein Betrug. Um eine wirkliche Gleichheit zu erobern, um die Demokratie tatsächlich für die Werktätigen zu verwirklichen, muß man zuerst den Ausbeutern alle öffentlichen und privaten Prachtbauten wegnehmen, zuerst den Werktätigen Muße verschaffen, ist es nötig, daß die Freiheit ihrer Versammlung von bewaffneten Arbeitern und nicht von Söhnchen des Adels oder von Offizieren aus kapitalistischen Kreisen mit eingeschüchterten Soldaten verteidigt wird.
Erst nach einer solchen Aenderung kann man, ohne die Arbeiter, das werktätige Volk, die Armen zu verhöhnen, von Versammlungsfreiheit, von Gleichheit sprechen. Diese Aenderung aber kann niemand anders vollziehen, als die Vorhut des werktätigen Volkes, das Proletariat, welches die Ausbeuter, die Bourgeoisie, stürzt.
Die „Preßfreiheit“ ist auch eine der Hauptlosungen der „reinen Demokratie“. Dennoch wissen die Arbeiter und die Sozialisten aller Länder haben es millionenmal zugegeben, daß diese Freiheit Betrug ist, solange die besten Druckereien und die größten Vorräte an Papier sich in den Händen der Kapitalisten befinden, und solange die Macht des Kapitals über die Presse bestehen bleibt, jene Macht, welche sich in der ganzen Welt um so deutlicher und schärfer, um so zynischer äußert, je entwickelter der Demokratismus und das republikanische Regime sind, wie z. B. in Amerika. Um eine wirkliche Gleichheit und eine wirkliche Demokratie für die werktätigen Massen, für die Arbeiter und Bauern zu erobern, muß man zuerst den Kapitalisten die Möglichkeit nehmen, Schriftsteller in ihre Dienste zu stellen, Verlagsanstalten anzukaufen und Zeitungen zu bestechen. Und dazu ist es notwendig, das Joch des Kapitals abzuschütteln, die Ausbeuter zu stürzen und ihren Widerstand zu unterdrücken. Die Kapitalisten haben immer die Freiheit des Profits für die Reichen und die Freiheit der Arbeiter, vor Hunger zu sterben, als „Freiheit“ bezeichnet. Die Kapitalisten bezeichnen als Preßfreiheit, die Freiheit der Bestechung der Presse durch die Reichen, die Freiheit der Ausnützung des Reichtums zur Fabrikation und Verfälschung der sogenannten öffentlichen Meinung. Die Verteidiger der „reinen Demokratie“ zeigen sich wiederum in Wirklichkeit als die Verteidiger des schmutzigsten und verkäuflichsten Systems der Herrschaft der Reichen über die Aufklärungsmittel der Massen, als Betrüger des Volkes, die es mit schönklingenden, indes durch und durch verlogenen Phrasen ablenken von der konkreten historischen Aufgabe der Befreiung der Presse vom Kapital. Eine wirkliche Freiheit und Gleichheit wird die Ordnung sein, welche die Kommunisten errichten, und in welcher es keine Möglichkeit geben wird, sich auf fremde Kosten zu bereichern, keine objektive Möglichkeit, direkt oder indirekt die Presse der Macht des Geldes zu unterwerfen, wo nichts den Arbeiter (oder eine beliebig große Gruppe von Arbeitern) daran hindern wird, gleiches Recht auf Benutzung der der Gesellschaft gehörenden Druckereien und des Papiers zu besitzen und zu verwirklichen.
Die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts hat uns noch vor dem Kriege gezeigt, was in Wirklichkeit die vielgerühmte „reine Demokratie“ unter dem Kapitalismus darstellt. Die Marxisten haben immer behauptet: je entwickelter, je „reiner“ die Demokratie ist, desto unverhüllter, schärfer, schonungsloser gestaltet sich der Klassenkampf, desto reiner tritt der Druck des Kapitals und die Diktatur der Bourgeoisie hervor. Die Affäre Dreyfus in dem republikanischen Frankreich, die blutige Abrechnung der von Kapitalisten bewaffneten Söldnerheere mit streikenden Arbeitern in der freien und demokratischen Republik Amerika, diese und tausend ähnliche Tatsachen enthüllen die Wahrheit, welche die Bourgeoisie vergeblich zu verdecken sich bemüht, nämlich, daß in den meist demokratischen Republiken in Wirklichkeit der Terror und die Diktatur der Bourgeoisie herrschen und jedesmal offen zu Tage treten, wenn es den Ausbeutern dünkt, daß die Macht des Kapitals ins Wanken gerät.
Der imperialistische Krieg 1914—1918 hat ein für allemal auch den rückständigen Arbeitern diesen wahren Charakter der bürgerlichen Demokratie sogar in den freiesten Republiken als Charakter der Diktatur der Bourgeoisie enthüllt. Zwecks Bereicherung von Gruppen deutscher und englischer Millionäre und Milliardäre wurden Dutzende von Millionen Menschen hingemordet, und in den freiesten Republiken ist die Militärdiktatur der Bourgeoisie aufgerichtet worden. Diese Militärdiktatur bleibt in den Ländern der Entente auch nach der Niederwerfung Deutschlands weiter bestehen. Gerade der Krieg hat den Werktätigen mehr als alles andere die Augen geöffnet, von der bürgerlichen Demokratie den falschen Schmuck heruntergerissen und dem Volk den ganzen Abgrund von Spekulation und Gewinnsucht während des Krieges und gelegentlich des Krieges gezeigt. Die Bourgeoisie hat diesen Krieg im Namen der Freiheit und Gleichheit geführt, im Namen der Freiheit und Gleichheit haben sich die Kriegslieferanten unerhört bereichert. Keinerlei Bemühungen der gelben Berner Internationale werden imstande sein, den jetzt endgültig entlarvten ausbeuterischen Charakter der bürgerlichen Freiheit, der bürgerlichen Gleichheit und der bürgerlichen Demokratie vor den Massen zu verheimlichen.
In dem kapitalistisch am meisten entwickelten Lande des Kontinents von Europa, nämlich in Deutschland, haben die ersten Monate der vollen republikanischen Freiheit, welche die Niederwerfung des imperialistischen Deutschland gebracht hat, den deutschen Arbeitern und der ganzen Welt gezeigt, worin der wirkliche Klasseninhalt der bürgerlich-demokratischen Republik besteht. Die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg sind Ereignisse von welthistorischer Bedeutung nicht nur deswegen, weil die besten Leute und Führer der wirklichen proletarischen Kommunistischen Internationale tragisch umgekommen sind, sondern auch deswegen, weil der Klassencharakter des ersten europäischen Staates — und man kann auch ohne Uebertreibung sagen, des ersten in der ganzen Welt — sich endgültig offenbart hat. Wenn die Verhafteten, d. h. unter den Schutz der Staatsmacht genommenen Leute, unbestraft von Offizieren und Kapitalisten unter einer Regierung von Sozialpatrioten ermordet werden konnten, so ist folgerichtig die demokratische Republik, in der sich dies ereignen konnte, eine Diktatur der Bourgeoisie. Leute, die ihrer Entrüstung über die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg Ausdruck geben, aber diese Wahrheit nicht verstehen, beweisen damit nur ihre Stumpfsinnigkeit oder ihre Heuchelei. In einer der freiesten und vorgeschrittensten Republiken der Welt, in der Republik Deutschland, besteht die „Freiheit“, unbestraft die verhafteten Führer des Proletariats zu erschlagen. Und das kann nicht anders sein, solange der Kapitalismus sich behauptet, da die Entwicklung des Demokratismus den Klassenkampf, der jetzt als Ergebnis und unter dem Einfluß des Krieges und seiner Folgen auf dem Siedepunkt angelangt ist, nicht abschwächt, sondern verschärft.
In der ganzen zivilisierten Welt finden jetzt Ausweisungen, Verfolgungen und Einkerkerungen der Bolschewiki statt, wie z.B. in einer der freiesten bürgerlichen Republiken, in der Schweiz, ferner in Amerika Bolschewikiprogroms und ähnliches. Vom Gesichtspunkt der Demokratie überhaupt oder der reinen Demokratie ist es einfach lächerlich, daß fortschrittliche, zivilisierte, demokratische, bis an die Zähne bewaffnete Länder sich vor der Anwesenheit von einigen Dutzend Leuten aus dem rückständigen, hungrigen, ruinierten Rußland, das in Millionen von Exemplaren bürgerlicher Blätter wild und verbrecherisch genannt wird, fürchten. Es ist klar, daß die gesellschaftliche Lage, welche einen so schreienden Widerspruch erzeugen konnte, in Wirklichkeit eine Diktatur der Bourgeoisie ist.
- Bei einer solchen Sachlage ist die Diktatur des Proletariats nicht nur völlig gerechtfertigt als Mittel zum Sturz der Ausbeuter und zur Unterdrückung ihres Widerstandes, sondern auch durchaus notwendig für die ganze Masse der Werktätigen als einziger Schutz gegen die Diktatur der Bourgeoisie, die zum Kriege geführt hat und neue Kriege vorbereitet.
Die Hauptsache, welche die Sozialisten nicht verstehen und was ihre theoretische Kurzsichtigkeit, ihre Abhängigkeit von den bürgerlichen Vorurteilen, ihren politischen Verrat am Proletariat darstellt, ist, daß in der kapitalistischen Gesellschaft bei einiger Verschärfung des ihr zugrunde liegenden Klassenkampfes es kein Mittelding geben kann außer Diktatur der Bourgeoisie oder Diktatur des Proletariats. Jeder Traum von irgend einem dritten ist eine reaktionäre Lamentation des Kleinbürgers. Davon zeugt die Erfahrung einer mehr als hundertjährigen Entwicklung der bürgerlichen Demokratie und der Arbeiterbewegung in allen fortgeschrittenen Ländern und besonders die Erfahrung der letzten fünf Jahre. Davon spricht auch die ganze Lehre der Nationalökonomie, der ganze Inhalt des Marxismus, welcher die wirtschaftliche Notwendigkeit der Diktatur der Bourgeoisie bei jeder Warenwirtschaft darlegt, der Diktatur, welche von niemand, als von der Klasse, die sich durch die Entwicklung des Kapitalismus selbst immer mehr entwickelt, vermehrt, zusammenschließt und kräftigt, nämlich von der Klasse der Proletarier, beseitigt werden kann.
Der zweite theoretische und politische Fehler der Sozialisten besteht darin, daß sie nicht verstehen, daß die Formen der Demokratie sich unvermeidlich im Lauf der Jahrtausende, angefangen von ihren Keimen im Altertum, zusammen mit der Ablösung einer herrschenden Klasse durch die andere geändert haben. In den Republiken des alten Griechenland, in den Städten des Mittelalters, in den fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten hat die Demokratie verschiedene Formen und verschiedene Ausdehnung. Es wäre die größte Albernheit, anzunehmen, daß die größte Revolution in der Geschichte der Menschheit, der erste Uebergang der Macht aus den Händen der Minderheit der Ausbeuter in die Hände der Mehrheit der Ausgebeuteten, sich im Rahmen der alten bürgerlichen parlamentarischen Demokratie ohne die größten Umwälzungen, ohne Schaffung neuer Formen der Demokratie, neuer Institutionen, neuer Bedingungen ihrer Anwendung usw. vollziehen kann.
Die Diktatur des Proletariats ist dadurch der Diktatur anderer Klassen ähnlich, daß sie, wie jede andere Diktatur, durch die Notwendigkeit hervorgerufen ist, mit Gewalt den Widerstand der Klasse, welche ihre politische Macht verliert, zu unterdrücken. Der grundlegende Unterschied der Diktatur des Proletariats von der Diktatur der anderen Klassen, von der Diktatur der Großgrundbesitzer im Mittelalter, von der Diktatur der Bourgeoisie in allen zivilisierten kapitalistischen Ländern, besteht darin, daß die Diktatur der Großgrundbesitzer und der Bourgeoisie eine gewaltsame Unterdrückung des Widerstandes der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung, nämlich der werktätigen Massen, war. Im Gegensatz dazu ist die Diktatur des Proletariats eine gewaltsame Unterdrückung des Widerstandes der Ausbeuter, d. h. der ausgesprochenen Minderheit der Bevölkerung, der Großgrundbesitzer und Kapitalisten.
Hieraus ergibt sich wiederum, daß die Diktatur des Proletariats, allgemein gesprochen, nicht nur eine Veränderung der Formen und Institutionen der Demokratie unvermeidlich mit sich bringen muß, sondern eine solche Veränderung derselben, welche eine von der Welt noch nie gesehene Ausdehnung der tatsächlichen Ausnutzung des Demokratismus seitens der vom Kapitalismus geknechteten, seitens der werktätigen Klassen, ergibt.
Und wirklich, die Form der Diktatur des Proletariats, welche tatsächlich schon ausgearbeitet ist, d. h. die Sowjetmacht in Rußland, das Rätesystem in Deutschland, die Shop- Stewards Committees und andere analoge Sowjetinstitutionen in anderen Ländern, alle diese verwirklichen und bedeuten für die werktätigen Klassen, d.h. für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, eine solche tatsächliche Möglichkeit, sich der demokratischen Rechte und Freiheiten zu bedienen, wie sie noch niemals auch nur annähernd, in den besten demokratischen bürgerlichen Republiken vorhanden war.
Das Wesen der Sowjetmacht besteht darin, daß die Massenorganisation gerade der Klassen, welche von den Kapitalisten unterdrückt wurden, d. h. der Arbeiter und Halbproletarier (der Bauern, die keine fremde Arbeit ausbeuten und die ständig zum Verkauf wenigstens eines Teils ihrer Arbeit gezwungen sind) die ständige und einzige Grundlage der ganzen Staatsmacht, des ganzen Staatsapparates ist. Gerade die Massen, welche sogar in den meist demokratischen bürgerlichen Republiken, wo sie dem Gesetze nach gleichberechtigt, in der Tat aber durch tausend Mittel und Kniffe von der Beteiligung an dem politischen Leben und von der Ausnutzung der demokratischen Rechte und Freiheiten ferngehalten waren, werden jetzt zur dauernden, unbehinderten und dabei entscheidenden Beteiligung an der demokratischen Verwaltung des Staates herangezogen.
Die Gleichheit der Bürger ohne Rücksicht auf Geschlecht, Konfession, Rasse, Nationalität, welche die bürgerliche Demokratie immer und überall versprochen, aber nirgends durchgeführt hat und infolge der Herrschaft des Kapitalismus nicht durchführen konnte, hat die Sowjetmacht oder die Diktatur des Proletariats auf einmal und voll verwirklicht, da nur die Macht der Arbeiter, die am Privateigentum an den Produktionsmitteln und am Kampf um ihre Teilung und Wiederverteilung nicht interessiert sind, dazu imstande ist.
Die alte, d.h. die bürgerliche Demokratie und der Parlamentarismus waren so organisiert, daß gerade die werktätigen Klassen dem Verwaltungsapparat am meisten entfremdet waren. Die Sowjetmacht, d. h. die Diktatur des Proletariats, ist dagegen so organisiert, daß sie die werktätigen Massen dem Verwaltungsapparat nähert. Dem gleichen Ziel dient auch die Vereinigung der gesetzgebenden und vollziehenden Macht bei der Sowjetorganisation des Staates und die Ersetzung der territorialen Wahlkreise durch Produktionseinheiten, wie Werke, Fabriken.
Das Heer war ein Apparat der Unterdrückung nicht nur unter der Monarchie; es blieb als solcher auch in allen bürgerlichen, sogar den meist demokratischen Republiken. Nur die Sowjetmacht, als einzige ständige Staatsorganisation gerade der durch die Kapitalisten unterdrückten Klassen, ist imstande, die Abhängigkeit des Militärs von der bürgerlichen Kommandogewalt aufzuheben und das Proletariat wirklich mit dem Militär zu verschmelzen, die Bewaffnung des Proletariats und die Entwaffnung der Bourgeoisie, ohne welche Vorbedingungen der Sieg des Sozialismus unmöglich ist, wirklich durchzuführen.
Die Sowjetorganisation des Staates ist darauf eingerichtet, daß das Proletariat, als Klasse, die am meisten durch den Kapitalismus konzentriert und aufgeklärt ist, die leitende Rolle im Staate inne hat. Die Erfahrung aller Revolutionen und aller Bewegungen der geknechteten Klassen, die Erfahrung der sozialistischen Weltbewegung lehrt uns, daß nur das Proletariat imstande ist, die verstreuten und rückständigen Schichten der werktätigen und ausgebeuteten Bevölkerung zu vereinigen und mit sich zu führen.
Nur die Sowjetorganisation des Staates ist imstande, auf einmal und vollständig den alten, d. h. den bürgerlichen Beamten- und Gerichtsapparat zu zerstören, der unter dem Kapitalismus sogar in den meist demokratischen Republiken bestehen blieb und bestehen bleiben mußte, indem er tatsächlich für die Arbeiter und die werktätigen Massen das größte Hindernis bei der Durchführung des Demokratismus wurde. Die Pariser Kommune hat den ersten welthistorischen Schritt auf diesem Wege getan, die Sowjetmacht den zweiten.
Die Vernichtung der Staatsmacht ist das Ziel, welches sich alle Sozialisten gestellt haben, unter ihnen und an ihrer Spitze Marx. Ohne Verwirklichung dieses Zieles ist der wahre Demokratismus, d. h. die Gleichheit und Freiheit, nicht erreichbar. Zu diesem Ziele aber führt praktisch nur die Sowjet- oder proletarische Demokratie, denn sie beginnt sofort, das völlige Absterben jeglichen Staates vorzubereiten, indem sie die Massenorganisationen des werktätigen Volkes zur dauernden und unbedingten Anteilnahme an der Staatsverwaltung heranzieht.
Der völlige Bankrott der Sozialisten, die sich in Bern versammelt haben, der völlige bei ihnen zu Tage tretende Mangel an Verständnis der neuen, d.h. der proletarischen Demokratie, ist besonders aus folgendem zu ersehen. Am 10. Februar 1919 hat Branting in Bern die internationale Konferenz der gelben Internationale für geschlossen erklärt. Am 11. Februar 1919 haben ihre Mitglieder in Berlin in der „Freiheit“ einen Aufruf der „Unabhängigen“ an das Proletariat veröffentlicht. In diesem Aufruf wird der bürgerliche Charakter der Regierung Scheidemanns zugegeben, ihr wird zum Vorwurf gemacht, daß sie den Wunsch hat, die Räte abzuschaffen, welche „Träger und Schützer der Revolution“ genannt werden, und der Vorschlag gemacht, die Räte zu legalisieren, ihnen staatliche Rechte zu verleihen, ihnen das Recht zu geben, die Beschlüsse der Nationalversammlung zu sistieren und die Angelegenheit einer allgemeinen Abstimmung zu überweisen.
Ein solcher Vorschlag ist ein völliger geistiger Bankrott der Theoretiker, die die Demokratie verteidigt und ihren bürgerlichen Charakter nicht verstanden haben. Der lächerliche Versuch, das System der Räte, d.h. der Diktatur des Proletariats, mit der Nationalversammlung, d.h. der Diktatur der Bourgeoisie, zu vereinigen, enthüllt endgültig die Geistesarmut der gelben Sozialisten und Sozialdemokraten und die reaktionäre Politik der Kleinbürger, sowie ihre feigen Konzessionen an die unaufhaltsam wachsenden Kräfte der neuen proletarischen Demokratie.
- Die Mehrheit der gelben Internationale in Bern, welche den Bolschewismus verurteilt, aber nicht gewagt hat, aus Furcht vor den Arbeitermassen formell für eine entsprechende Resolution zu stimmen, hat vom Klassenstandpunkt aus richtig gehandelt. Gerade diese Mehrheit ist völlig solidarisch mit den russischen Menschewiki, den Sozialrevolutionären und mit den Scheidemännern in Deutschland. Die russischen Menschewiki und Sozialrevolutionäre, welche über die Verfolgungen seitens der Bolschewiki klagen, bemühen sich, die Tatsache zu verheimlichen, daß diese Verfolgungen hervorgerufen sind durch die Teilnahme der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre am Bürgerkriege auf der Seite der Bourgeoisie gegen das Proletariat. Gerade so haben in Deutschland die Scheidemänner und ihre Partei schon eine gleiche Teilnahme am Bürgerkrieg auf Seiten der Bourgeoisie gegen die Arbeiter gezeigt.
Es ist daher völlig natürlich, daß die Mehrzahl der Teilnehmer an der Berner gelben Internationale sich für die Verurteilung der Bolschewiki ausgesprochen hat. Darin ist aber nicht die Verteidigung der „reinen Demokratie“, sondern die Selbstverteidigung von Leuten zum Ausdruck gekommen, welche fühlen, daß sie im Bürgerkrieg auf Seiten der Bourgeoisie gegen das Proletariat stehen.
Aus diesen Gründen muß man den Beschluß der Mehrheit der gelben Internationale vom Klassenstandpunkt aus als richtig bezeichnen. Das Proletariat soll aber die Wahrheit nicht fürchten, sondern ihr offen ins Gesicht schauen und hieraus alle politischen Folgerungen ziehen.
Auf Grund dieser Leitsätze und in Würdigung der Berichte der Delegierten aus den verschiedensten Ländern erklärt der Kongreß der Kommunistischen Internationale, daß die Hauptaufgabe der kommunistischen Parteien in den einzelnen Ländern, wo die Rätemacht noch nicht aufgerichtet ist, in folgendem besteht:
In der Aufklärung der breiten Massen der Arbeiterklasse über die historische Bedeutung der politischen und praktischen Notwendigkeit einer neuen proletarischen Demokratie, die an Stelle der bürgerlichen Demokratie und des Parlamentarismus gesetzt werden muss.
In der Ausbreitung und dem Aufbau der Räte in allen Gebieten der Industrie, unter dem Militär, in der Flotte, wie auch bei den Landarbeitern und Kleinbauern.
In der Eroberung einer sicheren, bewußten kommunistischen Mehrheit innerhalb der Räte.
Beschluß über die Stellung zu den sozialistischen Strömungen und der Berner Konferenz
I.
Bereits im Jahre 1907 auf dem internationalen sozialistischen Kongreß in Stuttgart, als die Zweite Internationale an die Frage der Kolonialpolitik und der imperialistischen Kriege herantrat, stellte es sich heraus, daß mehr als die Hälfte der Zweiten Internationale und der größte Teil ihrer Führer in diesen Fragen den Ansichten der Bourgeoisie viel näher stand, als dem kommunistischen Standpunkt von Marx und Engels.
Trotzdem nahm der Stuttgarter Kongreß eine von den Vertretern des revolutionären Flügels, N. Lenin und Rosa Luxemburg, beantragte Aenderung an, die wie folgt lautete:
„Falls doch ein Krieg ausbricht, sind die Sozialisten verpflichtet, sich zu seiner schnellsten Beendigung einzumischen und mit allen Mitteln die durch den Krieg hervorgerufene wirtschaftliche und politische Krisis zur Aufrüttelung des Volkes zu benutzen und damit den Fall der kapitalistischen Herrschaft zu beschleunigen.“
Auf dem Basler Kongreß im November 1912, der zur Zeit des Balkankrieges einberufen war, erklärte die Zweite Internationale:
„Die bürgerlichen Regierungen mögen nicht vergessen, daß der deutsch-französische Krieg den revolutionären Aufstand der Kommune hervorrief, und daß der russisch-japanische Krieg die revolutionären Kräfte Rußlands in Bewegung setzte. Die Proletarier halten es für ein Verbrechen, zugunsten kapitalistischen Gewinns, dynastischen Wetteifers und des Aufblühens diplomatischer Verträge auf einander zu schießen.“
Noch Ende Juli und Anfang August 1914, vierundzwanzig Stunden vor dem Beginn des Weltkrieges, fuhren die maßgebenden Organe und Institutionen der Zweiten Internationale fort, den herannahenden Krieg als das größte Verbrechen der Bourgeoisie zu verurteilen. Die sich auf jene Tage beziehenden Erklärungen der führenden Parteien der Zweiten Internationale bilden die beredteste Anklageschrift gegen die Führer der Zweiten Internationale.
Mit dem ersten Schuß, der auf den Feldern der imperialistischen Massenschlächterei fiel, verrieten die Hauptparteien der Zweiten Internationale die Arbeiterklasse und gingen unter dem Mantel der „Vaterlandsverteidigung“ eine jede auf die Seite „ihrer“ Bourgeoisie über. Scheidemann und Ebert in Deutschland, Thomas und Renaudel in Frankreich, Henderson und Hyndmann in England, Vandervelde und de Brouckere in Belgien, Renner und Pernerstorfer in Oesterreich. Plechanow und Rubanowitsch in Rußland, Branting und seine Partei in Schweden, Gompers und seine Gesinnungsgenossen in Amerika, Mussalini und Konsorten in Italien forderten das Proletariat auf, „Burgfrieden“ mit der Bourgeoisie „ihres“ Landes zu schließen, auf den Krieg gegen den Krieg zu verzichten und tatsächlich Kanonenfutter für die Imperialisten zu werden.
Dies war der Augenblick, wo die Zweite Internationale endgültig bankrott wurde und umkam.
Die Bourgeoisie der reichsten Länder erhielt dank dem allgemeinen Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung die Möglichkeit, durch kleine Almosen aus ihren riesigen Gewinnen die Spitze der Arbeiterklasse, die Arbeiteraristokratie, zu bestechen und zu verführen. Die kleinbürgerlichen „Mitläufer“ des Sozialismus strömten in die Reihen der offiziellen sozialdemokratischen Parteien und veränderten allmählich den Kurs ihrer Politik nach der Seite der Bourgeoisie hin. Aus den Leitern der friedlichen parlamentarischen Arbeiterbewegung, den Führern der Gewerkschaften, den Schriftführern, Redakteuren und Beamten der Sozialdemokratie bildete sich eine ganze Kaste einer Arbeiterbürokratie, die ihre eigenen selbstsüchtigen Gruppeninteressen besaß und in Wirklichkeit dem Sozialismus feindlich war.
Dank allen diesen Umständen entartete die offizielle Sozialdemokratie in eine antisozialistische und chauvinistische Partei.
Schon im Schoße der Zweiten Internationale zeigten sich drei Grundrichtungen. Im Lauf des Krieges bis zum Beginn der proletarischen Revolution in Europa traten die Umrisse dieser drei Richtungen mit vollster Deutlichkeit hervor:
- Die sozialchauvinistische Strömung (Strömung der „Mehrheit“), deren typische Vertreter die deutschen Sozialdemokraten sind, die jetzt mit der deutschen Bourgeoisie die Macht teilen und zu Mördern der Führer der Kommunistischen Internationale, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, geworden sind.
Die Sozialchauvinisten haben sich jetzt vollständig als Klassenfeinde des Proletariats erwiesen und verfolgen dasjenige Programm der „Liquidation“ des Krieges, das die Bourgeoisie ihnen vorgesagt hat: Abwälzung des Hauptteils der Steuern auf die werktätigen Massen, Unantastbarkeit des Privateigentums, Belassung der Armee in den Händen der Bourgeoisie, Auflösung der überall entstehenden Arbeiterräte, Belassung der politischen Gewalt in den Händen der Bourgeoisie, bürgerliche „Demokratie“ gegen Sozialismus.
Wie scharf auch die Kommunisten bisher gegen die „Sozialdemokraten der Mehrheit“ gekämpft haben mögen, den Arbeitern ist doch nicht die ganze Gefahr klar geworden, welche dem internationalen Proletariat von diesen Verrätern droht. Allen Werktätigen die Augen über das Judaswerk der Sozialchauvinisten zu öffnen und diese gegenrevolutionäre Partei mit bewaffneter Hand unschädlich zu machen, ist eine der wichtigsten Aufgaben der internationalen proletarischen Revolution.
- Die „Zentrumsströmung“ (Sozialpazifisten, Kautskyaner, Unabhängige). Diese Strömung begann sich noch vor dem Krieg, hauptsächlich in Deutschland, zu bilden. Am Anfang des Krieges deckte sich das „Zentrum“ fast überall in seinen Grundrissen mit den Sozialchauvinisten. Der theoretische Führer des „Zentrums“, Kautsky, trat mit einer Verteidigung der Politik auf, welche die deutschen und französischen Sozialchauvinisten verfolgten. Die Internationale sei nur ein „Friedensinstrument“. „Kampf um den Frieden“, „Klassenkampf — während des Friedens“, so lautete die Parole Kautskys.
Das „Zentrum“ besteht vom Beginn des Krieges an auf „Einheit“ mit den Sozialchauvinisten. Nach der Ermordung von Liebknecht und Rosa Luxemburg predigt das „Zentrum“ weiterhin die gleiche „Einheit“, d.h. die Einheit der kommunistischen Arbeiter mit den Mördern der kommunistischen Führer, Liebknecht und Rosa Luxemburg.
Bereits zu Anfang des Krieges begann das „Zentrum“ (Kautsky, Viktor Adler, Turati, Macdonald) „gegenseitige Amnestie“ zu predigen, welche für die Führer der sozialchauvinistischen Parteien Deutschlands und Oesterreichs einerseits und Frankreichs und Englands andererseits gelten sollte. Diese Amnestie predigt das „Zentrum“ auch heute noch nach Beendigung des Krieges und verhindert dadurch die Arbeiter, sich die Ursachen des Zusammenbruchs der Zweiten Internationale klarzumachen.
Das „Zentrum“ hat seine Vertreter nach Bern zur internationalen Konferenz der Kompromißlersozialisten entsandt und dadurch die Täuschung der Arbeiter durch die Scheidemann und Renaudel erleichtert.
Es ist unbedingt erforderlich, die revolutionärsten Elemente vom „Zentrum“ abzuspalten, was nur durch schonungslose Kritik und Bloßstellung der Führer des „Zentrums“ zu erreichen ist. Der organisatorische Bruch mit dem „Zentrum“ ist eine absolute historische Notwendigkeit. Es ist Aufgabe der Kommunisten eines jeden einzelnen Landes, den Augenblick dieses Bruches je nach der Entwicklungsstufe, welche die Bewegung bei ihnen erreicht hat, zu bestimmen.
- Kommunisten. In der Zweiten Internationale, wo diese Richtung die kommunistisch-marxistischen Ansichten über den Krieg und die Aufgaben des Proletariats verteidigte (Stuttgart 1907. Resolution Lenin-Luxemburg), blieb sie in der Minderheit. Die „linksradikale“ Gruppe (spätere Spartakusgruppe) in Deutschland, die Partei der Bolschewiki in Rußland, die „Tribunisten“ in Holland, die Jugendorganisation in Schweden, der linke Flügel der Jugendinternationale in einer Reihe von Ländern, bildeten den ersten Kern der neuen Internationale.
Getreu den Interessen der Arbeiterklasse, verkündete diese Richtung vom Anfang des Krieges an die Losung: Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg. Diese Richtung hat sich jetzt als Dritte Internationale konstituiert.
II.
Die Berner Sozialistenkonferenz vom Februar 1919 war ein Versuch der Galvanisierung des Leichnams der Zweiten Internationale.
Die Zusammensetzung der Berner Konferenz zeigt offensichtlich, daß das revolutionäre Proletariat der Welt mit dieser Konferenz nichts gemein hat.
Das siegreiche Proletariat Rußlands, das heroische Proletariat Deutschlands, das italienische Proletariat, der kommunistische Teil des Proletariats Oesterreichs und Ungarns, das Proletariat der Schweiz, die Arbeiterklasse Bulgariens, Rumäniens, Serbiens, die linksstehenden Arbeiterparteien Schwedens, Norwegens, Finnlands, das ukrainische, lettische, polnische Proletariat, der beste Teil des organisierten Proletariats Englands, die internationale Jugend und die Fraueninternationale haben sich demonstrativ geweigert, an der Berner Konferenz der Sozialpatrioten teilzunehmen.
Diejenigen Teilnehmer der Berner Konferenz, die noch einigen Kontakt mit der wirklichen Arbeiterbewegung unserer Zeit haben, bildeten eine Oppositionsgruppe, die wenigstens in der Hauptfrage: Beurteilung der russischen Revolution, dem Treiben der Sozialpatrioten entgegentrat. Die Erklärung des französischen Genossen Loriot, der die Mehrheit der Berner Konferenz als Handlanger der Bourgeoisie geißelte, ist die wirkliche Meinung aller klassenbewußten Arbeiter der ganzen Welt.
In der sogenannten „Schuldfrage“ bewegte sich die Berner Konferenz immer im Rahmen der bürgerlichen Ideologie. Die deutschen und französischen Sozialpatrioten warfen sich gegenseitig dieselben Beschuldigungen vor, die die deutschen und französischen Bourgeois einander entgegengeschleudert hatten. Die Berner Konferenz verlor sich in kleinliche Einzelheiten über diesen oder jenen Schritt der betreffenden bürgerlichen Minister vor dem Kriege und wollte nicht einsehen, daß der Kapitalismus, das Finanzkapital beider Koalitionen und ihre sozialpatriotischen Lakaien die Hauptschuldigen des Krieges sind. Die Berner Sozialpatriotenmehrheit wollte den Hauptschuldigen des Krieges herausfinden. !Ein Blick in den Spiegel, und sie hätten sich alle als Schuldige erkennen können.
Was die Berner Konferenz zur Territorialfrage erklärt hat, ist voll von Zweideutigkeiten. Diese Zweideutigkeit ist das, was die Bourgeoisie braucht. Der reaktionärste Vertreter der imperialistischen Bourgeoisie, Herr Clemenceau, hat die Verdienste der Berner Sozialpatriotenkonferenz gegenüber der imperialistischen Reaktion anerkannt, indem er eine Delegation der Berner Konferenz empfangen und ihr vorgeschlagen hat, an allen betreffenden Kommissionen der Pariser Imperialistenkonferenz teilzunehmen.
In der Kolonialfrage kam deutlich zum Ausdruck, daß die Berner Konferenz im Fahrwasser jener liberal-bürgerlichen Kolonialpolitiker schwamm, die die Ausbeutung und Knechtung der Kolonien durch die imperialistische Bourgeoisie gerechtfertigt finden und sie nur mit humanitär-philanthropischen Phrasen zu verkleistern suchen. Die deutschen Sozialpatrioten forderten die weitere Zugehörigkeit der deutschen Kolonien zum Deutschen Reich, d. h. die weitere Ausbeutung der betreffenden Kolonien durch das deutsche Kapital. Die dabei zutage getretenen Differenzen beweisen, daß die Sozialpatrioten der Entente auf demselben Standpunkt des Sklavenhalters stehen und die weitere Knechtung der französischen und englischen Kolonien durch das heimische Kapital als selbstverständlich betrachten. Damit zeigte die Berner Konferenz, daß sie die Parole „Weg von den Kolonien“ gründlich vergessen hat.
In der Beurteilung des „Völkerbundes“ zeigte die Berner Konferenz, daß sie in die Fußtapfen jener bürgerlichen Elemente trat, die durch den trügerischen Schein des sogenannten „Völkerbundes“ die in der ganzen Welt wachsende proletarische Revolution bannen wollten. Statt das Treiben der Alliiertenkonferenz in Paris als eine Schacherbande mit Völker- und Wirtschaftsgebieten zu entlarven, sekundierte die Berner Konferenz ihr, indem sie sich zum Instrument derselben herabwürdigte.
Die unterwürfige Haltung der Konferenz, die die Frage der Arbeiterschutzgesetzgebung einer bürgerlichen Regierungskonferenz in Paris zu lösen überlassen hat, zeigt, daß die Sozialpatrioten sich bewußt für die Erhaltung der kapitalistischen Lohnsklaverei ausgesprochen haben und mit kleinlichen Reformen die Arbeiterklasse abspeisen zu lassen bereit sind.
Die durch die Politik der Bourgeoisie inspirierten Versuche, die Berner Konferenz zu einer Beschlußfassung zu bringen, in der eine eventuelle Intervention in Rußland durch die Zweite Internationale Deckung finden würde, wurde erst durch die Bemühungen der Opposition zu Fall gebracht. In diesem Erfolg der Berner Opposition über die ausgesprochen chauvinistischen Elemente sehen wir den indirekten Beweis dafür, daß das Proletariat Westeuropas mit der russischen proletarischen Revolution sympathisiert und gegen die imperialistische Bourgeoisie zu kämpfen bereit ist.
Die Furcht, die diese Lakaien der Bourgeoisie vor der unvermeidlichen Ausbreitung der Arbeiterräte haben, ist erkennbar an dem ängstlichen Vermeiden, 'sich mit dieser welthistorischen Erscheinung auch nur im leisesten zu beschäftigen.
Die Arbeiterräte sind die wichtigste Erscheinung seit der Pariser Kommune. Durch die Tatsache, daß die Berner Konferenz diese Frage ignoriert hat, hat sie ihre geistige Armut, ihren theoretischen Bankrott öffentlich bekundet.
Der Kongreß der Kommunistischen Internationale betrachtet die „Internationale“, die die Berner Konferenz aufzurichten versucht, als eine gelbe, streikbrecherische Internationale, die nur ein Werkzeug der Bourgeoisie ist und bleibt.
Der Kongreß fordert die Arbeiter aller Länder auf, den entschiedensten Kampf gegen die gelbe Internationale aufzunehmen und die breitesten Massen des Volkes vor dieser Lug- und Truginternationale zu bewahren.
Leitsätze über die internationale Lage und die Politik der Entente
Die Erfahrungen des Weltkrieges haben die imperialistische Politik der bürgerlichen „Demokratien“ als die Kampfespolitik der Großmächte entlarvt, die eine Aufteilung der Welt und eine Befestigung der ökonomischen und politischen Diktatur des Finanzkapitals über die ausgebeuteten und unterdrückten Massen erstrebt. Die Vernichtung und Verkrüppelung von Millionen Menschen, die Verelendung und Versklavung des Proletariats, die unerhörte Bereicherung der oberen Schichten der Bourgeoisie an den Kriegslieferungen, Anleihen usw., der Triumph der militärischen Reaktion in allen Ländern — all das begann, die Illusionen der Vaterlandsverteidigung, des Burgfriedens und der „Demokratie“ zu zerstören. Die „Friedenspolitik“ deckt die wahren Bestrebungen der Imperialisten aller Länder auf und führt diese Entlarvung bis ans Ende.
Der Friede von Brest-Litowsk und die Bloßstellung des deutschen Imperialismus
Der Friede von Brest-Litowsk und nachher auch der von Bukarest haben den räuberischen und reaktionären Charakter des Imperialismus der Zentralmächte offenbart. Die Sieger haben vom wehrlosen Rußland Kontributionen und Annexionen erzwungen. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker haben sie zum Deckmantel einer annexionistischen Politik gemacht, indem sie Vasallenstaaten schufen, deren reaktionäre Regierungen die Raubpolitik förderten und die revolutionäre Bewegung der werktätigen Massen unterdrückten. Der deutsche Imperialismus, der im internationalen Kampf nicht den vollen Sieg davongetragen hatte, besaß zu jener Zeit nicht die Möglichkeit, vollkommen aufrichtig seine wahren Absichten zu zeigen. Er mußte notgedrungen mit Sowjetrußland in einem Scheinfrieden leben und seine räuberische und reaktionäre Politik mit heuchlerischen Phrasen bemänteln.
Die Ententemächte aber ließen, sobald sie den Weltsieg davongetragen hatten, nunmehr die Masken fallen und offenbarten vor aller Augen das wahre Gesicht des Weltimperialismus.
Der Sieg der Entente und die Staatengruppierung
Der Sieg der Entente hat die sogenannten zivilisierten Länder der Welt in folgende Gruppen geteilt: die erste der Gruppen bilden die Machthaber der kapitalistischen Welt, die triumphierenden imperialistischen Großmächte (England, Amerika, Frankreich, Japan, Italien). Ihnen stehen die Länder des besiegten Imperialismus gegenüber, durch den Krieg gebrochen und durch den Beginn der proletarischen Revolution in ihrem Gefüge erschüttert (Deutschland, Oesterreich- Ungarn mit ihren gewesenen Vasallen). Die Vasallenstaaten der Ententemächte bilden die dritte Gruppe. Sie besteht aus kleinen kapitalistischen Staaten, die auf Seiten der Entente am Krieg teilgenommen haben (Belgien, Serbien, Portugal usw.), und auch aus den jüngst geschaffenen „nationalen“ Republiken und Pufferstaaten (Tschechoslowakische Republik, Polen, russische gegenrevolutionäre Republiken usw.). Die neutralen Staaten, nähern sich ihrer Lage nach den Vasallenstaaten, erleiden aber einen starken politischen und wirtschaftlichen Druck, der zuweilen ihre Lage derjenigen der besiegten Staaten ähnlich macht. Die sozialistische Republik Rußland ist ein Arbeiter- und Bauernstaat, der außerhalb der kapitalistischen Welt steht und eine ungeheure soziale Gefahr für den siegreichen Imperialismus darstellt, die Gefahr des Scheiterns aller Resultate des Sieges unter dem Ansturm der Weltrevolution.
Die „Friedenspolitik“ des Ententeimperialismus und dessen Selbstentlarvung
Die „Friedenspolitik“ der fünf Machthaber der Welt war und ist, soweit wir sie im allgemeinen betrachten, die Politik einer ständigen Selbstentlarvung.
Allen Phrasen über ihre „demokratische auswärtige Politik“ zum Trotz, bietet sie den völligen Triumph der Geheimdiplomatie, die über das Schicksal der Welt auf dem Wege von Abmachungen zwischen den Bevollmächtigten der Finanztrusts, hinter dem Rücken und auf Kosten der Millionen von Werktätigen aller Länder entscheidet. Alle wesentlichen Fragen werden ausnahmslos vom Pariser Ausschuß der fünf Großmächte bei geschlossenen Türen in Abwesenheit der Vertreter der Besiegten, der Neutralen und sogar der Vasallenstaaten entschieden.
Die Notwendigkeit von Annexionen und Kontributionen wird in den Reden von Lloyd-George, Clemenceau, Sonnino u.a. offen proklamiert und begründet.
Ungeachtet der verlogenen Phrasen über den „Krieg für die allgemeine Abrüstung“ wird die Notwendigkeit weiterer Rüstungen und insbesondere die Aufrechterhaltung der britischen Seemacht zum Zweck des sogenannten „Schutzes der Freiheit der Meere“ offen kundgegeben.
Das von der Entente proklamierte Selbstbestimmungsrecht der Völker wird öffentlich mit Füßen getreten und durch Aufteilung der strittigen Gebiete unter den machthabenden Staaten und deren Vasallen ersetzt.
Elsaß-Lothringen ist ohne Befragung der Bevölkerung an Frankreich angegliedert worden, Irland, Aegypten, Indien besitzen nicht das Recht der Selbstbestimmung, der südslavische Staat und die tschecho-slowakische Republik sind durch Anwendung von bewaffneter Macht gegründet worden, um die Aufteilung der europäischen und asiatischen Türkei wird schamlos gefeilscht, die Aufteilung der deutschen Kolonien hat tatsächlich schon begonnen usw.
Die Politik der Kontributionen ist bis zu einem Grad völliger Ausplünderung der Besiegten getrieben worden. Den Besiegten werden nicht nur Rechnungen von vielen Milliarden vorgewiesen, ihnen werden nicht allein alle Kriegsmittel weggenommen, die Ententeländer nehmen ihnen auch die Lokomotiven, Eisenbahnwagen, Schiffe, landwirtschaftlichen Geräte, Goldvorräte usw. Dazu kommt noch, daß die Kriegsgefangenen zu Sklaven der Sieger gemacht werden sollen. Es werden Entwürfe einer Zwangsarbeitspflicht für die deutschen Arbeiter erörtert. Die verbündeten Mächte haben die Absicht, sie zu verelenden und zu hungrigen Sklaven des Ententekapitals zu machen.
Die Politik einer extremen nationalen Menschenverhetzung findet ihren Ausdruck in der fortwährenden Hetze gegen die besiegten Nationen von Seiten der Ententepresse und der Okkupationsbehörden, sowie in der Hungerblockade, die die Völker Deutschlands und Oesterreichs zum Aussterben verurteilt. Diese Politik führt zu Pogroms gegen die Deutschen, die von den Helfershelfern der Entente — den tschechischen und polnischen Chauvinisten — veranstaltet werden, wie auch zu Judenpogroms, die alle Heldentaten des russischen Zarismus übertreffen.
Die „demokratischen“ Staaten der Entente treiben eine Politik äußerster Reaktion.
Die Reaktion triumphiert sowohl im Innern der Ententeländer selbst, von denen Frankreich zu den schlimmsten Zeiten Napoleons III. zurückgekehrt ist, wie auch in der ganzen kapitalistischen Welt, die sich unter dem Einfluß der Entente befindet. Die Verbündeten erwürgen die Revolution in den okkupierten Gebieten Deutschlands, Ungarns, Bulgariens u. a., sie hetzen die bürgerlich-opportunistischen Regierungen der besiegten Länder gegen die revolutionären Arbeiter, indem sie ihnen mit Entziehung der Nahrungsmittel drohen. Die Verbündeten haben erklärt, sie würden alle deutschen Schiffe, die es wagen, die rote Fahne der Revolution zu hissen, senken; sie haben abgelehnt, die deutschen Räte anzuerkennen; sie haben in den okkupierten Gebieten Deutschlands den Achtstundentag abgeschafft. Von der Unterstützung der reaktionären Politik in den neutralen Ländern und deren Förderung in den Vasallenstaaten (das Regime Paderewskis in Polen) ganz abgesehen, hetzten die Alliierten die reaktionären Elemente dieser Länder (in Finnland, Polen, Schweden usw.) gegen das revolutionäre Rußland und fordern das Eingreifen der deutschen bewaffneten Kräfte.
Gegensätze unter den Ententestaaten
Unter den Großmächten, welche die kapitalistische Welt beherrschen, offenbart sich, trotz der Gleichheit der Grundlinien ihrer imperialistischen Politik, eine Reihe tiefer Gegensätze.
Diese Gegensätze konzentrieren sich hauptsächlich um das Friedensprogramm des amerikanischen Finanzkapitals (das sogenannte Programm Wilsons). Die wichtigsten Punkte dieses Programms sind: „Freiheit der Meere“, „Völkerbund“ und „Internationalisierung der Kolonien“. Die Losung „Freiheit der Meere“ — vom heuchlerischen Deckmantel entblößt — bedeutet tatsächlich die Abschaffung der militärischen Vorherrschaft einzelner Großmächte (in erster Linie Englands) zur See und die Eröffnung aller Seewege für den amerikanischen Handel. Der „Völkerbund“ bedeutet, daß den europäischen Großmächten (in erster Linie Frankreich) das Recht der unmittelbaren Annexion der schwachen Staaten und Völker verweigert wird. Die „Internationalisierung der Kolonien“ stellt dieselbe Regel den Kolonialgebieten gegenüber fest.
Dieses Programm ist bedingt durch folgende Tatsachen: das amerikanische Kapital besitzt nicht die größte Flotte der Welt; es hat keine Möglichkeit, direkte Annexionen in Europa zu machen, und darum trachtet es nach der Ausbeutung der schwachen Staaten und Völker durch Handelsverkehr und Kapitalanlagen. Darum will es die anderen Mächte zwingen, ein Syndikat der Staatentrusts zu gründen, unter ihnen die Anteile an der Weltausbeutung „gerecht“ zu verteilen und den Kampf zwischen den Staatentrusts in einen nur ökonomischen Kampf zu verwandeln. Auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Ausbeutung wird das amerikanische hochentwickelte Finanzkapital eine tatsächliche Hegemonie erringen und kann sich dadurch die ökonomische und politische Vorherrschaft der Welt sichern.
Die „Freiheit der Meere“ steht in schroffem Gegensatz zu den Interessen Englands, Japans, teilweise auch Italiens (im Adriatischen Meere). Der „Völkerbund“ und die „Internationalisierung der Kolonien“ widersprechen in entschiedener Weise den Interessen Frankreichs und Japans — in geringem Maße den Interessen aller übrigen imperialistischen Mächte. Die Politik der Imperialisten Frankreichs, wo die Industrie schwach entwickelt ist und wo die Produktivkräfte durch den Krieg vollständig zertrümmert sind, ist auf die Erhaltung des kapitalistischen Regimes mit verzweifeltsten Mitteln gerichtet; solche Mittel sind: barbarische Ausplünderung Deutschlands, direkte Unterwerfung und räuberische Ausbeutung der Vasallenstaaten (Entwürfe eines Donaubundes, eines südslavischen Staats) und gewaltsame Erpressung der Schulden, welche der russische Zarismus bei dem französischen Shylok gemacht hat. Frankreich, Italien (in abgeänderter Form ist das auch für Japan gültig) als Kontinentalländer sind auch imstande, eine Politik direkter Annexionen zu treiben.
Indem die Großmächte im Widerspruch zu den Interessen Amerikas stehen, stehen sie gleichzeitig im Gegensatz zu einander. England befürchtet eine Stärkung Frankreichs auf dem Festlande, es besitzt in Kleinasien und Afrika Interessen, welche den Interessen Frankreichs widersprechen. Italiens Interessen auf der Balkanhalbinsel und in Tirol sind im Gegensatz zu den französischen Interessen. Japan streitet mit Englisch-Australien um die Inseln des Stillen Ozeans usw.
Gruppierungen und Richtungen innerhalb der Entente
Diese Gegensätze zwischen den Großmächten machen verschiedene Gruppierungen innerhalb der Entente möglich. Zwei Hauptkombinationen haben sich bisher angedeutet: die französisch-englisch-Japanische Kombination, welche sich gegen Amerika und Italien richtet, und die englisch-amerikanische, welche gegen die übrigen Großmächte auftritt.
Die erste Kombination war bis zu Anfang Januar 1919 vorherrschend, solange sich der Präsident Wilson von seiner Forderung der Aufhebung der englischen Seeherrschaft noch nicht losgesagt hatte. Die Entwicklung der revolutionären Arbeiter- und Soldatenbewegung in England, welche zu einer Verständigung zwischen den Imperialisten verschiedener Länder, zur Liquidation des russischen Abenteuers und zur Beschleunigung des Friedensschlusses treibt, hat Englands Neigung zu dieser Kombination verstärkt. Sie wird vorherrschend seit 1919. Der englisch-amerikanische Block tritt gegen die Priorität Frankreichs in der Ausplünderung von Deutschland und gegen die übertriebene Intensität dieser Ausplünderung auf. Er setzt den übertriebenen annexionistischen Forderungen Frankreichs, Italiens und Japans gewisse Schranken. Er verhindert, daß die neugegründeten Vasallenstaaten ihnen direkt unterworfen werden. In der russischen Frage ist die englisch-amerikanische Kombination friedlicher gestimmt: sie will freie Hand bekommen, um die Weltaufteilung zu vollenden, die europäische Revolution zu ersticken und dann auch die russische Revolution zu unterdrücken.
Diesen beiden Kombinationen der Mächte entsprechen zwei Richtungen im Innern der Großmächte selbst, eine extrem-annexionistische und eine gemäßigtere, von denen letztere die Kombination Wilson-Lloyd George unterstüzt.
Der „Völkerbund“
Angesichts der in den Kreisen der Entente selbst zur Geltung gekommenen unversöhnlichen Gegensätze wird der Völkerbund — sollte er auf dem Papier zustande kommen — nur die Rolle einer heiligen Allianz der Kapitalisten zur Unterdrückung der Arbeiterrevolution spielen. Die Propagierung des „Völkerbundes“ ist das beste Mittel, das revolutionäre Bewußtsein der Arbeiterklasse zu verwirren. Anstatt der Losung einer Internationale der revolutionären Arbeiterrepubliken wird die Losung einer internationalen Vereinigung scheinbarer Demokratien, die durch eine Koalition des Proletariats mit den bürgerlichen Klassen erreicht werden soll, gestellt.
Der „Völkerbund“ ist eine trügerische Losung, mittels deren die Sozialverräter im Auftrag des internationalen Kapitals die Kräfte des Proletariats spalten und die imperialistische Gegenrevolution fördern.
Die revolutionären Proletarier aller Länder der Welt müssen gegen die Idee des Wilsonschen „Völkerbundes“ einen unversöhnlichen Kampf führen und gegen den Eintritt in diesen Bund des Raubes, der Ausbeutung und der imperialistischen Gegenrevolution ihren Protest erheben.
Auswärtige und innere Politik in den besiegten Ländern
Die militärische Zerschmetterung und der innere Zusammenbruch des österreichischen und deutschen Imperialismus haben in den Zentralstaaten während der ersten Periode der Revolution die Herrschaft des bürgerlich-sozialopportunistischen Regimes herbeigeführt. Hinter dem Schild der Demokratie und des Sozialismus beschützen und restaurieren die Sozialverräter Deutschlands die ökonomische Herrschaft und die politische Diktatur der Bourgeoisie. In ihrer auswärtigen Politik erstreben sie die Wiederherstellung des deutschen Imperialismus, indem sie die Zurückerstattung der Kolonien und die Aufnahme Deutschlands in den räuberischen Völkerbund fordern. Je mehr sich die Banden der weißen Garde in Deutschland verstärken und im Lager der Entente der Zersetzungsprozeß fortschreitet, wachsen auch die Großmachttendenzen der Bourgeoisie und der Sozialverräter. Zugleich untergräbt die bürgerlich -sozialopportunistische Regierung auch die internationale Solidarität des Proletariats und trennt die deutschen Arbeiter von den anderen brüderlichen Arbeitern, indem sie die gegenrevolutionären Aufträge der Verbündeten erfüllt, insbesondere der Entente zuliebe die deutschen Arbeiter gegen die russische Arbeiterrevolution hetzt. Die Politik der Bourgeoisie und der Sozialopportunisten in Oesterreich und Ungarn wiederholt in abgeschwächter Form die Politik des bürgerlich-opportunistischen Blocks in Deutschland.
Die Vasallenstaaten der Entente
In den Vasallenstaaten und in den neuerdings von der Entente geschaffenen Republiken (Tschechien, Südslavien, dazu gehören auch Polen, Finnland usw.), geht die Politik der Entente darauf aus, auf die herrschenden Klassen und die Sozialnationalisten gestützt, Mittelpunkte einer nationalen gegenrevolutionären Bewegung zu schaffen. Diese Bewegung soll gegen die Besiegten gerichtet sein, soll die Kräfte der neu entstandenen Staaten im Gleichgewicht halten und sie der Entente unterwerfen, soll die sich im Schoß der neuen „nationalen“ Republiken entwickelnden revolutionären Bewegungen hemmen und schließlich die weiße Garde zum Kampf gegen die internationale, insbesondere aber die russische Revolution liefern.
Was Belgien, Portugal, Griechenland und andere kleine, mit der Entente verbündete Länder anbetrifft, so wird deren Politik gänzlich durch die Politik der großen Räuber bestimmt, denen sie vollkommen unterworfen sind und um deren Hilfe sie sich zur Erlangung kleiner Annexionen und Kriegsentschädigungen bewerben.
Die neutralen Staaten
Die neutralen Staaten geraten in die Lage von nicht bevorzugten Vasallen des Ententeimperialismus, denen gegenüber die Entente in schwächerer Form dieselben Methoden wie gegenüber den Besiegten anwendet. Die begünstigteren neutralen Staaten stellen den Gegnern der Entente verschiedene Forderungen (Dänemarks Ansprüche auf Flensburg, der schweizerische Vorschlag einer Internationalisierung des Rheins usw.) Gleichzeitig führen sie die gegenrevolutionären Aufträge der Entente aus (Ausweisung der russischen Gesandtschaften, Werbung der weißen Garde in den skandinavischen Ländern usw.). Andere wieder sind der Gefahr der territorialen Zergliederung ausgesetzt. (Entwurf einer Angliederung der holländischen Provinz Limburg an Belgien und einer Internationalisierung der Scheldemündung).
Die Entente und Sowjetrußland
In Bezug auf Sowjetrußland tritt der räuberische, menschenfeindliche und reaktionäre Charakter des Ententeimperialismus am deutlichsten hervor. Vom Beginn der Novemberrevolution an haben die Ententemächte sich auf die Seite der gegenrevolutionären Parteien und Regierungen Rußlands gestellt. Mit Hilfe der bürgerlichen Gegenrevolutionäre haben sie Sibirien, den Ural, die Küsten des europäischen Rußland, den Kaukasus und einen Teil von Turkestan annektiert. Aus den annektierten Gebieten entwenden sie Rohstoffe (Holz, Naphtha, Manganerze u. a) Mit Hilfe der besoldeten tschechoslowakischen Banden haben sie den Goldvorrat des russischen Reiches geraubt. Unter Leitung des englischen Diplomaten Lockhart bereiteten englische und französische Spione die Sprengung der Brücken, Zerstörung der Eisenbahnen vor und versuchten, die Versorgung mit Lebensmitteln zu verhindern. Die Entente unterstützte die reaktionären Generäle Denikin, Koltschak und Krassnow, die in Rostow, Jusowka, Noworossisk, Omsk usw. Tausende von Arbeitern und Bauern gehängt und erschossen haben, mit Geld, Waffen und militärischer Hilfe. In den Reden von Clemenceau und Pichon hat die Entente offen das Prinzip der „ökonomischen Einkreisung“, also der Aushungerung und der Vernichtung der revolutionären Arbeiter- und Bauernrepublik proklamiert und den Banden von Denikin, Koltschak und Krassnow „technische Unterstützung“ versprochen. Die Entente hat die wiederholten Friedensangebote der Sowjetmacht abgelehnt.
Am 23. Januar 1919 haben die Ententemächte, unter denen die gemäßigtere Tendenz sich zeitweilig verstärkte, an alle russischen Regierungen den Vorschlag gerichtet, Vertreter auf die Prinzeninseln zu senden. Dieser Vorschlag enthielt zweifellos auch eine provokatorische Absicht gegenüber der Sowjetregierung. Obwohl die Entente am 4. Februar eine zustimmende Antwort von der Sowjetregierung erhielt, in der letztere sich sogar bereit erklärte, auf Annexionen, Kontributionen, Konzessionen einzugehen, um die russischen Arbeiter und Bauern von dem ihnen durch die Entente aufgezwungenen Krieg zu befreien, ließ die Entente auch dies Friedensangebot Sowjetrußlands ohne Antwort.
Dies bestätigt, daß die annexionistisch-reaktionären Tendenzen in den Reihen der Ententeimperialisten auf festem Boden stehen. Sie bedrohen die sozialistische Republik mit neuen Annexionen und gegenrevolutionären Ueberfällen.
Die „Friedenspolitik“ der Entente enthüllt hier endgültig vor dem internationalen Proletariat das Wesen des Ententeimperialismus und des Imperialismus im allgemeinen. Gleichzeitig beweist sie, daß die imperialistischen Regierungen unfähig sind, einen „gerechten“ und „gerechten und dauernden“ Frieden zu schließen, und daß das Finanzkapital nicht imstande ist, die zerstörte Volkswirtschaft wiederherzustellen. Die weitere Herrschaft des Finanzkapitals würde entweder zur völligen Vernichtung der zivilisierten Gesellschaft oder zu einer Steigerung der Ausbeutung, der Versklavung, der politischen Reaktion, der Rüstungspolitik und schließlich zu neuen vernichtenden Kriegen führen.
Resolution über den weißen Terror
Das kapitalistische System war von Anfang an ein System des Raubes und Massenmordes. Die Schrecken der ursprünglichen Akkumulation, die Kolonialpolitik, welche mit Bibel, Syphilis und Branntwein auch schonungslose Ausrottung ganzer Stämme und Völker mit sich führte; Elend, Hungertod, Erschöpfung und vorzeitiger Untergang unzähliger Millionen von ausgebeuteten Proletariern; blutige Unterdrückung der Arbeiterklasse, wenn sie sich gegen ihre Ausbeuter erhob; endlich das riesige ungeheuere Gemetzel, das die Weltproduktion in eine Produktion von Menschenkadavern verwandelt — das ist das Bild der kapitalistischen Ordnung. Gleich mit dem Beginn des Krieges haben die herrschenden Klassen, die auf den Schlachtfeldern mehr als zehn Millionen Menschen gemordet, noch viel mehr verkrüppelt hatten, auch im Innern ihrer Länder das Regime der blutigen Diktatur eingesetzt. Die russische zaristische Regierung erschoß und hängte die Arbeiter, organisierte Judenpogroms, rottete alles Lebendige im Lande aus. Die österreichische Monarchie ertränkte den Aufstand der ukrainischen und tschechischen Bauern und Arbeiter in Blut. Die englische Bourgeoisie schlachtete die besten Vertreter des irländischen Volkes.. Der deutsche Imperialismus wütete im Innern seines Landes, und die revolutionären Matrosen waren die ersten Todesopfer dieser Bestie. In Frankreich knallte man die russischen Soldaten nieder, die nicht willig waren, die Profite der französischen Bankiers zu verteidigen. In Amerika lynchte die Bourgeoisie die Internationalisten, verurteilte Hunderte von den besten Leuten des Proletariats zu 20 Jahren Zuchthaus, schoß die Arbeiter wegen der Streiks nieder.
Als der imperialistische Krieg anfing, sich in Bürgerkrieg zu verwandeln und vor den herrschenden Klassen, diesen größten Verbrechern, welche die Geschichte der Menschheit gekannt, die Gefahr des Untergangs ihres Blutregimes ganz nahe stand, wurde ihre Bestialität noch grausamer.
Im Kampf für die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Ordnung wendet sich die Bourgeoisie zu den unerhörtesten Methoden, vor denen alle Grausamkeiten des Mittelalters, der Inquisition, des Kolonialraubes erblassen.
Die bürgerliche Klasse, die, am Rande ihres Grabes stehend, jetzt die wichtigste Produktivkraft der menschlichen Gesellschaft — das Proletariat — physisch vernichtet, hat sich durch diesen weißen Terror in ihrer abscheulichen Nacktheit bloßgestellt.
Die russischen Generäle, diese lebendige Verkörperung des Zarenregimes, schossen und schießen auch jetzt massenhaft Arbeiter nieder und zwar mit direkter oder indirekter Unterstützung der Sozialverräter. Während der Herrschaft der Sozialrevolutionäre und Menschewiki in Rußland füllten Tausende von Arbeitern und Bauern die Gefängnisse, und die Generäle rotteten für Ungehorsam ganze Regimenter aus. Jetzt haben Krassnow und Denikin, die die wohlwollende Unterstützung der Ententemächte genießen, viele Tausende von Arbeitern gemordet und aufgehängt, „jeden Zehnten“ niedergeschossen; sie ließen sogar die Kadaver der Aufgehängten zur Terrorisierung der noch übrig Gebliebenen drei Tage am Galgen hängen. Im Ural und Wolgagebiet schnitten die tschechoslowakisch - weißgardistischen Banden den Gefangenen die Beine und Hände ab, ließen sie in der Wolga ertränken, sie lebendig in die Erde einscharren. In Sibirien schlugen die Generäle Tausende von Kommunisten nieder, vernichteten unzählige Mengen von Arbeitern und Bauern.
Die deutschen und österreichischen Bourgeois und Sozialverräter haben ihre Kannibalennatur zur Genüge gezeigt, als sie in der Ukraine auf transportablen eisernen Galgen die von ihnen ausgeraubten Arbeiter und Bauern, die Kommunisten, ihre eigenen Landeskinder, unsere österreichischen und deutschen Genossen hängten. In Finnland, diesem Lande des bürgerlichen Demokratismus, haben sie den finnischen Bourgeois geholfen, 13 — 14000 Proletarier zu füsilieren und mehr als 15000 in den Gefängnissen zu Tode zu quälen.
In Helsingfors trieben sie Frauen und Kinder als Schutz gegen Maschinengewehrfeuer vor sich her. Durch ihre Unterstützung wurden den finnischen Weißgardisten und ihren schwedischen Helfershelfern die blutigsten Orgien gegen das besiegte finnische Proletariat möglich gemacht. In Tammerfors zwang man zum Tode verurteilte Frauen und Kinder, ihre Gräber selbst zu graben, in Wiborg machte man Tausende von russischen Männern, Frauen und Kindern nieder.
Im Innern ihres Landes haben deutsche Bourgeois und deutsche Sozialdemokraten durch die blutige Unterdrückung des kommunistischen Arbeiteraufstandes, durch die bestialische Ermordung Liebknechts und Rosa Luxemburgs, durch Mord und Vernichtung der spartakistischen Arbeiter, die äußerste Stufe der reaktionären Wut erklommen. Der Massen- und Individualterror der Weißen — das ist die Fahne, unter welcher die Bourgeoisie marschiert.
Dasselbe Bild ist auch in anderen Ländern zu beobachten. In der demokratischen Schweiz ist alles bereit zur Hinrichtung der Arbeiter, falls sie es wagen sollten, das kapitalistische Gesetz zu verletzen. In Amerika sind Zuchthaus, Lynchgericht und der elektrische Stuhl auserwählte Symbole der Demokratie und der Freiheit.
In Ungarn und in England, in Böhmen und in Polen — überall dasselbe. Die bürgerlichen Mörder schrecken vor keinen Schandtaten zurück. Sie entflammen zur Befestigung ihrer Herrschaft den Chauvinismus und organisieren (z.B. die ukrainische bürgerliche Demokratie, mit dem Menschewik Petljura, die polnische mit dem Sozialpatrioten Pilsudski an der Spitze usw.) ungeheure Judenpogroms, die weit über die von den Zarenpolizisten organisierten hinausgehen. Und wenn das polnische reaktionäre und „sozialistische“ Gesindel die Vertreter des russischen Roten Kreuzes ermordete, so ist das nur ein Tropfen im Meere von Verbrechen und Greueltaten des untergehenden bürgerlichen Kannibalismus. Der „Völkerbund“, der laut der Erklärung seiner Schöpfer den Frieden bringen soll, schreitet mit blutigem Krieg gegen das Proletariat aller Länder vor. Die Ententemächte, die ihre Herrschaft retten wollen, bahnen mit schwarzen Truppen den Weg zu unglaublich brutalem Terror.
Indem der erste Kongreß der Kommunistischen Internationale über die kapitalistischen Mörder und ihre sozialdemokratischen Helfershelfer den Fluch ausspricht, ruft er die Arbeiter aller Länder auf, alle ihre Kräfte anzuspannen, um dem Mord und Raubsystem durch die Niederwerfung der Macht des kapitalistischen Regimes für immer ein Ende zu machen.
Beschluß über die Notwendigkeit der Heranziehung von Arbeiterinnen zum Kampf für den Sozialismus
Der Kongreß der Kommunistischen Internationale stellt fest, daß sowohl der Erfolg aller von ihm aufgestellten Aufgaben, wie auch der endgültige Sieg des Weltproletariats und die vollständige Abschaffung der kapitalistischen Ordnung, nur durch den engverbundenen, gemeinsamen Kampf der Frauen und Männer der Arbeiterklasse gesichert werden können.
Die kolossal anwachsende Verwendung der Frauenkraft in allen Zweigen der Volkswirtschaft, die Tatsache, daß nicht weniger als die Hälfte aller Werte der Welt von Frauen: händen produziert werden, andererseits die Anerkennung der wichtigen Rolle, die die proletarischen Frauen beim Aufbau der neuen kommunistischen Gesellschaftsordnung spielen, insbesondere beim Uebergang zum kommunistischen Haushalt, bei der Reform des Familienwesens und der Durchführung der sozialistischen gesellschaftlichen Erziehung der Kinder, deren Aufgabe es ist, arbeitsfähige, vom Geist der Solidarität erfüllte Bürger der Räterepubliken heranzubilden — alles das macht es zur dringenden Aufgabe aller an die kommunistische Internationale angeschlossenen Parteien, mit aller Kraft und Energie für die Gewinnung der proletarischen Frauen für die Parteien einzutreten und alle Mittel anzuwenden, um die Arbeiterinnen im Sinne der neuen Gesellschaftsformen und der kommunistischen Ethik im Sozial- und Familienwesen zu erziehen.
Die Diktatur des Proletariats kann nur unter regem und aktivem Anteil der Frauen der Arbeiterklasse verwirklicht und behauptet werden.
Antrag zur Konstituierung der III. Internationale
Die Vertreter der Kommunistischen Partei Deutsch-Oesterreichs, der linken Sozialdemokratischen Partei Schwedens, der Sozialdemokratischen Revolutionären Arbeiterföderation des Balkan, der Kommunistischen Partei Ungarns beantragen die Gründung der Kommunistischen Internationale.
Die Notwendigkeit des Kampfes um die Diktatur des Proletariats erfordert eine einheitliche, geschlossene, internationale Organisation aller kommunistischen Elemente, die auf diesem Boden stehen.
Die Gründung einer solchen Zentrale wird umsomehr zur Pflicht, als augenblicklich in Bern und später möglicherweise auch an anderen Orten der Versuch gemacht wird, die alte opportunistische Internationale wieder herzustellen und alle unklaren, unentschiedenen Elemente des Proletariats wieder zu sammeln. Deshalb ist es notwendig, eine scharfe Scheidung zwischen den revolutionären proletarischen und den sozialverräterischen Elementen herbeizuführen.
Würde die Dritte Internationale durch die in Moskau tagende Konferenz nicht begründet, so könnte der Eindruck entstehen, daß die kommunistischen Parteien uneins seien, was unsere Lage schwächen und die Verwirrung in den schwankenden Elementen des Proletariats aller Länder vergrößern würde.
Die Konstituierung der Dritten Internationale ist deshalb ein unbedingtes geschichtliches Gebot und muß durch die in Moskau tagende Internationale Kommunistische Konferenz zur Tat werden.
Beschluß der Internationalen Kommunistischen Konferenz in Moskau über Konstituierung der Kommunistischen Internationale (4. März 1919)
Die Internationale Kommunistische Konferenz beschließt, sich als Dritte Internationale zu konstituieren und sich als Kommunistische Internationale zu bezeichnen. Das Stimmverhältnis bleibt dasselbe. Alle Parteien, Organisationen und Gruppen behalten das Recht, innerhalb 8 Monaten endgültig ihren Beitritt zur Dritten Internationale zu erklären.
Beschluß des Kongresses der Kommunistischen Internationale in Moskau in der Organisationsfrage
Um ohne Aufschub die Tätigkeit aufnehmen zu können, wählt der Kongreß sofort die notwendigen Organe, in der Ansicht, daß die endgültige Verfassung der Kommunistischen Internationale auf Vorschlag des Bureaus vom nächsten Kongreß gegeben werden soll.
Die Leitung der Kommunistischen Internationale wird einem Exekutivkommitee übertragen. Dieses setzt sich zusammen aus je einem Vertreter der kommunistischen Parteien der bedeutendsten Länder. In das erste Exekutivkomitee sollen die Parteien: Rußlands, Deutschlands, Deutsch-Oesterreichs, Ungarns, der Balkanföderation, der Schweiz, Skandinaviens sofort ihre Vertreter entsenden.
Parteien von Ländern, die vor dem Zweiten Kongreß der Kommunistischen Internationale ihren Beitritt erklären, erhalten einen Sitz im Exekutivkomitee.
Bis zur Ankunft der Vertreter aus dem Ausland übernehmen die Genossen des Landes, in dem das Exekutivkomitee seinen Sitz hat, die Last der Arbeit.
Das Exekutivkomitee wählt ein Bureau von 5 Personen.
Erklärung der Teilnehmer von Zimmerwald auf dem Kongreß der Kommunistischen Internationale in Moskau
Die Zimmerwalder und Kienthaler Konferenzen hatten zu der Zeit Bedeutung, wo es wichtig war, alle diejenigen Elemente des Proletariats zu vereinigen, welche bereit waren, in dieser oder jener Form gegen das imperialistische Morden zu protestieren. Aber in die Zimmerwalder Vereinigung sind, zusammen mit ganz entschieden kommunistischen Elementen, auch Elemente des „Zentrums“, pazifistische und schwankende Elemente eingetreten. Diese Elemente des Zentrums, wie das die Berner Konferenz zeigte, verbinden sich jetzt mit den Sozialpatrioten zum Kampf gegen das revolutionäre Proletariat und nutzen auf diese Weise Zimmerwald im Interesse der Reaktion aus.
Zu gleicher Zeit ist die kommunistische Strömung in einer ganzen Reihe von Ländern erstarkt, und der Kampf mit den Elementen des Zentrums, die die Entwicklung der sozialen Revolution hemmen, ist eine der dringendsten Aufgaben des revolutionären Proletariats geworden.
Die Zimmerwalder Vereinigung hat sich überlebt. Alles was wirklich revolutionär in der Zimmerwalder Vereinigung war, geht in die Kommunistische Internationale über.
Die unterzeichneten Teilnehmer von Zimmerwald erklären, daß sie die Zimmerwaldorganisation als liquidiert betrachten, und ersuchen das Bureau der Zimmerwalder Konferenz, alle seine Dokumente dem Exekutivkomitee der III. Internationale zu übergeben.
C. Rakowski, N. Lenin, G. Sinowjew, L. Trotzki, Fritz Platten.
Beschluß über die Zimmerwalder Vereinigung
Nachdem der erste Kongreß der Kommunistischen Internationale die Ausführungen des Sekretärs des Zimmerwalder I. S. K., Genossin Balabanoff, und die Erklärung der Teilnehmer der Zimmerwalder Vereinigung, der Genossen Rakowski, Platten, Lenin, Trotzki, Sinowjew entgegengenommen hat, beschließt er: die Zimmerwalder Vereinigung als liquidiert zu betrachten.