Karl Bittel, «Die Internationale Genossenschaftskonferenz in Moskau», Internationale Presse-Korrespondenz (deutsche Ausgabe), 2. Jg., Nr. 225, 25. November 1922, S. 1630-1631 (archive.org). Ein Protokoll der Konferenz ist nicht frei zugänglich; dieser Bericht eines Delegierten und Referenten ist die ausführlichste frei zugängliche zeitgenössische Darstellung. Traducción al español
Die Internationale Genossenschaftskonferenz in Moskau
Dem Vierten Weltkongreß der Kommunistischen Internationale ging die erste Internationale Konferenz kommunistischer Genossenschafter in Moskau vom 1. bis 6. November 1922 voraus. Ihre Hauptaufgabe war eine klare grundsätzliche Einstellung für das klassenbewußte Proletariat zur Genossenschaftsfrage zu finden und die Rolle der Genossenschaftsbewegung in den verschiedenen Phasen der Arbeiterbewegung aufzuzeigen. Insbesondere war es eine dringende Notwendigkeit auf Grund der internationalen Erfahrungen die taktische Linie zu bestimmen, die für die systematische Genossenschaftsarbeit der Kommunisten innerhalb der Genossenschaften Geltung haben soll. Diese Aufgaben hat die Konferenz vollauf erfüllt.
Die Zweite Internationale hat es bis heute noch nicht fertig gebracht, für die Genossenschaften eine andere Einstellung als platten Opportunismus zu finden, nachdem ihr Versuch auf ihrem 8. Kongreß (Kopenhagen 1910) mit einem reformistischen Kompromiß gescheitert war. Nirgendwo ist der Bankrott des Sozialreformismus offenkundiger als in der Genossenschaftspraxis der Sozialdemokraten, insbesondere während und nach dem Krieg.
Bereits der III. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale (Moskau 1921) hatte mit seinen Genossenschaftsthesen an Stelle der seichten theoretischen Grundlagen sozialdemokratischer Genossenschaftsarbeit ein marxistisches Fundament für die kommunistische Genossenschaftsarbeit geschaffen.
Die Hauptreferate der Genossenschaftskonferenz in Moskau behandelten das Thema „Genossenschaft und Kommunismus“ in grundsätzlicher (Referent Chintschuk, Rußland) und taktischer (Referent Bittel, Deutschland) Beziehung und rollten zusammen mit der sich jeweils anschließenden reichen Diskussion eine Unzahl von Fragenkomplexen auf, um sie zur Lösung zu bringen. In der wesentlichsten Frage bestand Einmütigkeit bei den Delegierten aller Länder, daß es nämlich im Rahmen des proletarischen Klassenkampfes eine „Genossenschaftsbewegung an sich“ nicht gibt. Daß also vom Klassenkampfstandpunkt der sogenannte „reine Genossenschaftssozialismus“ aufs allerentschiedenste bekämpft werden muß. Denn für den klassenbewußten Proletarier existiert nur eine einzige Klassenkampfbewegung, und gibt es nur eine proletarische Gesamtpolitik, die organisatorisch und taktisch ihre gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen Auswirkungen hat. Das erfordert die engste Kampfgemeinschaft von Partei, Gewerkschaft und Genossenschaft. Das ergibt für uns Kommunisten die Eingliederung der Genossenschaftsarbeit in die Parteiarbeit und die vollkommene Unterstellung der Genossenschaftsarbeit unter die Parteidisziplin.
Der Bericht der auf dem III. Weltkongreß geschaffenen Kooperativsektion bei der Komintern (Sekretär Kramaroff), sowie die Berichte aus den einzelnen Ländern zeigten, daß die III. Internationale noch viel zu sehr vor dem Beginn der Durchführung ihrer Beschlüsse vom Juni 1921 steht. Von Sowjetrußland (Berichterstatter Genosse Kanter) konnte natürlicherweise von der erfolgreichsten Arbeit berichtet werden. In Bulgarien (Ormanoff, Sofia) ist eine kommunistische Riesengenossenschaft aufgebaut worden. In Deutschland (Bittel) ist die Durchsetzung der alten Genossenschaften mit fraktionellen Zellen am gründlichsten und erfolgreichsten in Angriff genommen, in Frankreich (Henriet) sind einzelne Genossen tätig gewesen, während die KPF. vollkommen versagt hat, in Italien (Tasca) wird die Genossenschaftsbewegung durch die Faszisten geradeso gewürgt wie durch die Weißen Banden in Ungarn und Polen, in der Schweiz, Oesterreich und den nördlichen Ländern sind Ansätze zu einer systematischen Genossenschaftsarbeit zu verzeichnen. Ueber die erfolgreiche Arbeit in der Tschechoslowakei fiel der Bericht aus, da die Delegation nicht rechtzeitig ankam, in England liegt die Arbeit noch völlig im argen.
Als Resultat wurde ein Organisationsstatut für die praktische Arbeit aufgestellt. Die Parole heißt nun: mit aller Energie muß jetzt unbedingt an die Durchführung der Genossenschaftsbeschlüsse des III. Weltkongresses gegangen werden, die hoffentlich der IV. Weltkongreß nachdrücklichst unterstreicht.
Ohne Zweifel war ein besonderes wertvolles Ergebnis der ersten Konferenz die persönliche Fühlungnahme derjenigen Kommunisten, die in den verschiedenen Ländern an der Spitze der Genossenschaftsarbeit stehen, insbesondere mit den russischen Genossen, die kommunistische Genossenschaftsarbeit in großem Maßstabe leisten. Das größte Ergebnis aber war für alle Delegierten die eigene Kenntnisnahme des — von den Menschewisten so sehr gepriesenen — Zerstörungswerks der Bolschewisten an der „Genossenschaftsbewegung“ Immer wieder kehrte Staunen und Bewunderung, was für ein kolossales Genossenschaftswerk die Kommunisten in wenigen Jahren aufgebaut haben, das alle westeuropäischen Leistungen der Konsumvereine weit in den Schatten stellt.
Die Genossenschaftskonferenz wechselte Begrüßungen mit der Komintern (Sinowjew), der Profintern (Losowsky), mit der Roten Armee (Trotzki), mit Lenin und schließlich mit dem IV Weltkongreß. Sie gab ein Manifest an die Werktätigen aller Länder und stellte Richtlinien für die kommunistische Genossenschaftsarbeit auf, für die sie auch ein Organisationsstatut festsetzte. Schließlich wurden die 15 Mitglieder der Kooperativsektion gewählt, ein Präsidium (Chintschuk, Meschtscherjakoff, Kramaroff, Kaminsky, Bittel, Henriet und Tasca) und zwei Sekretäre (Chintschuk und Kramaroff).
Es ist gewiß, daß diese erste internationale Genossenschaftskonferenz einen leuchtenden Punkt darstellt, auf dem Weg, den die Genossenschaften zusammen mit der gesamten Arbeiterbewegung vom Reformismus zur Revolution gehen. Der rote Sowjetstern mit Hammer und Sichel ist auch für die Genossenschaften das Banner, unter dem sie über die kapitalistische Wirtschaft siegen werden.