Friedrich Engels an Friedrich Graeber, [Bremen] 1839 8.-9. April. Nach: Marx/Engels, Gesamtausgabe (MEGA¹), Abt. I, Bd. 2, Berlin 1930, S. 502-504. Traducción al español
den 8. (nisi erro) April 1839.
Teuerster Fritz!
Dieser Brief — ja Du denkst wohl, Du würdest Dich bedeutend daran amüsieren, nein, dieses weniger. Du, der Du mich nicht nur durch langes Wartenlassen, sondern auch durch die Entweihung der heiligsten Geheimnisse, die je dem menschlichen Genius verborgen blieben, die Visionen, betrübt, geärgert, erzürnt hast, Du mußt eine absonderliche Strafe haben, Du sollst gelangweilt werden, und womit? mit einem Aufsatz, und worüber? über den vielbesagten Hammel: Literatur der Gegenwart.
Was hatten wir vor 1830? Theodor Hell und Konsorten, Willibald Alexis, einen alten Goethe und einen alten Tieck, c’est tout. Da tritt die Julirevolution, seit dem Befreiungskriege die schönste Äußerung des Volkswillens, wie ein Donnerschlag herein. Goethe stirbt, Tieck verkommt immer mehr, Hell schläft ein, Wolfgang Menzel fährt fort, Schusterkritiken zu schreiben, aber ein neuer Geist steht auf in der Literatur; als Dichter vor allen Grün und Lenau; Rückert bekommt einen neuen Schwung, Immermann bekommt Bedeutung, Platen desgleichen, aber das ist nicht genug: Heine und Börne waren schon vor der Julirevolution abgeschlossene Charaktere, aber jetzt erst bekommen sie Bedeutung, und auf ihnen fußt ein neues Geschlecht, das die Literaturen und das Leben aller Völker sich zunutze macht, voran Gutzkow. Gutzkow war 1830 noch Student, arbeitete zuerst für Menzel am Literaturblatt, aber nicht lange; ihre Ansichten stimmten nicht, Menzel wurde flegelhaft, Gutzkow schrieb die berüchtigte Wally (Zweiflerin) und Menzel verschrie das Buch mit gräßlichem Spektakel, indem er dem Gutzkow die von der Wally ausgesprochenen Ansichten als seine eignen vorwarf, und bewirkte wahrhaftig, daß das unschuldige Buch verboten wurde. An Gutzkow schloß sich der freilich unbedeutende Mundt an, der Geldverdienens halber allerlei Unternehmungen anfing, worin er cum suibus noch Aufsätze von andern gab. Beurmann kam bald hinzu, ein scharfsinniger Kerl und feiner Beobachter, ferner Ludolf Wienbarg, F. Gustav Kühne, und Wienbarg erfand für fünf dieser Schriftsteller (nisi erro, anno 1835) den Namen: junges Deutschland. Gegenüber stand der Menzel, der besser zu Hause geblieben wäre, sintemal ihn Gutzkow ebendeswegen zu Tode geschlagen hat, dann die Evangelische Kirchenzeitung, die in jeder Allegorie eine Abgötterei und in jeder Äußerung der Sinnlichkeit eine der Erbsünde findet, (heißt der Hengstenberg vielleicht so lucus a non lucendo, d.h. ist er ein Wallach, Kastrat, Eunuch?). Diese Edlen klagten das junge Deutschland an, sie wollten die Emanzipation der Frauen und die Restauration des Fleisches, nebenbei wollten sie ein paar Königreiche stürzen und Papst und Kaiser in einer Person werden. Von allen diesen Angriffen war bloß der von Emanzipation der Frauen (im Goetheschen Sinne) gegründet, und ließ sich auch nur auf Gutzkow anwenden, der ihn später desavouiert (als übermütige Jugendübereilung) hat. Durch das Zusammenhalten bildeten sich ihre Zwecke schärfer aus; es waren die „Ideen der Zeit“, die in ihnen zum Bewußtsein kamen. Diese Ideen des Jahrhunderts (so sprachen Kühne und Mundt) sind nicht etwa demagogischer oder antichristlicher Art, wie sie verschrien werden, sondern sie basieren auf dem Naturrechte eines jeden Menschen und erstrecken sich auf alles, was in den jetzigen Verhältnissen diesem widerspricht. So gehört zu diesen Ideen: vor allem die Teilnahme des Volks an der Staatsverwaltung, also das Konstitutionelle, ferner die Judenemanzipation, Abschaffung alles Religionszwanges, aller Adelsaristokratie usw. Wer kann was dagegen haben? Die Evangelische Kirchenzeitung und Menzel haben es auf dem Gewissen, daß sie die Ehre des jungen Deutschlands so verschrien haben. Schon 1836, 37 war unter diesen, durch Einheit der Absicht, nicht aber durch besondre Assoziation verbundenen Schriftstellern, die Idee klar und bestimmt; durch ihre tüchtigen Schriften verschafften sie sich Anerkennung bei den andren meist jämmerlichen Literaten und zogen alle jungen Talente an sich. Ihre Dichter sind Anast[asius] Grün und Karl Beck; ihre Kritiker vor allen Gutzkow, Kühne, Laube, und unter den jüngeren Ludwig Wihl, Levin Schücking etc.; dazu versuchen sie sich im Roman, Drama etc. In der neuesten Zeit ist zwar Streit ausgebrochen zwischen Gutzkow und Mundt nebst Kühne und Laube; sie haben beide Anhänger, Gutzkow die jüngeren, Wihl, Schücking etc., Mundt von den jüngeren nur ein paar; Beurmann hält sich ziemlich neutral, so der junge, sehr talentvolle Dingelstedt, neigen aber sehr zu Gutzkow hin. Mundt hat durch den Streit allen seinen Kredit verloren; der des Kühne ist bedeutend gesunken, weil er so gemein ist, alles, was Gutzkow schreibt, herunterzumachen; Gutzkow dagegen nimmt sich sehr nobel und hält sich meist nur über die große Liebe zwischen Mundt und Kühne, die sich gegenseitig loben, auf. Daß G[utzkow] ein ganz ausgezeichnet ehrenwerter Kerl ist, beweist sein letzter Aufsatz im Jahrbuch der Literatur. —
Außer dem jungen Deutschland haben wir nur wenig Aktives. Die schwäbische Schule war schon seit 1820 nur passiv; die Östreicher — Zedlitz und Grillparzer interessieren wenig, weil sie so fremdartig dichten (Z[edlitz] spanisch, Gr[illparzer] antik), unter den Lyrikern ist Lenau schon hinneigend zum jungen D[eutschland] trotz seiner kirchlichen Stoffe, Frankl ein gemütlicher Uhland en miniature, K. E. Ebert ist ganz verböhmt; die Sachsen — Hell, Heller, Herloßsohn, Morvell, Wachsmann, Tromlitz — ach du mein Gott, da fehlt der Witz; die Marteauer und Berliner (wozu Du nicht gehörst) sind niederträchtig, die Rheinländer — Lewald ist bei weitem der beste der Unterhaltungsschriftsteller; seine Europa läßt sich lesen, aber die Rezensionen drin sind gräßlich — Hub, Schnetzler und Konsorten nicht viel wert, Freiligrath wendet sich noch einmal dem jungen Deutschland zu, das sollst Du sehen, Duller auch, wenn er nicht vorher schon verkommt, und Rückert, der steht wie der alte Vater da und breitet seine Hände segnend über alle.
Den 9. April. Das ist dieser rührende Aufsatz. Was soll ich armer Teufel nun anfangen? Für meinen eignen Kopf fortochsen? Hab keine Lust. Loyal werden? Pfui Teufel! Mich an die sächsische Mittelmäßigkeit halten — ugittugitt (o Gott o Gott, hiesiger Ausruf des Ekels). Also ich muß ein junger Deutscher werden, oder vielmehr ich bin es schon mit Leib und Seele. Ich kann des Nachts nicht schlafen vor lauter Ideen des Jahrhunderts; wenn ich an der Post stehe und auf das preußische Wappen blicke, packt mich der Geist der Freiheit; jedesmal wenn ich in ein Journal sehe, spüre ich nach Fortschreiten der Freiheit; in meine Poemata schleichen sie sich und verspotten die Obskuranten in Mönchskapuze und im Hermelin. Aber von ihren Floskeln: Weltschmerz, welthistorisch, Schmerz des Judentums etc. halte ich mich fern, denn die sind jetzt schon veraltet. Und das sage ich Dir, Fritz, so Du einmal Pastor wirst, Du magst so orthodox werden, wie Du willst, aber wirst Du mir ein Pietist, der aufs junge Deutschland schimpft, die Evangelische Kirchenzeitung zum Orakel nimmt, wahrlich, ich sage Dir, Du hast’s mit mir zu tun. Du mußt Pastor werden zu Gemarke und den verdammten, schwindsüchtigen, ofenhöckerigen Pietismus wegjagen, den der Krummacher zur Blüte gebracht hat. Da werden sie Dich freilich einen Ketzer schelten, aber laß mal einen kommen und Dir aus Bibel oder Vernunft beweisen, daß Du Unrecht hast. Der Blank ist indessen ein verruchter Rationalist, schmeißt das ganze Christentum über den Haufen, was soll daraus werden? Na, ein Pietist bin ich nie gewesen, ein Mystiker eine Zeitlang, aber das sind tempi passati; jetzt bin ich ein ehrlicher, gegen andre sehr liberaler Supernaturalist. Wie lange ich das bleibe, weiß ich nicht, doch hoffe ich es zu bleiben, wenn auch bald mehr, bald weniger zum Rationalismus hinneigend. Das muß sich alles entscheiden. Adios, Friderice, schreib rascher und viel.
Do hêst de mî dubbelt. Tuus
Friedrich Engels. Friedrich Engels.