Friedrich Engels an seine Schwester Marie in Barmen, Bremen 1839, 10. April. Nach: Marx/Engels, Gesamtausgabe (MEGA¹), Abt. I, Bd. 2, Berlin 1930, S. 581-582. Traducción al español
Br., 10. April 1839.
Liebe Marie,
Pardon, daß ich so lange nicht geschrieben, ich will Dir jetzt auch was Schönes erzählen. Am Karfreitag starb der hiesige Bürgermeister Dr. Gröning Magnifizenz, und heut vor acht Tagen war die Wahl eines neuen; Herr Senator Dr. J. D. Noltenius Hochwohlgeboren erhielt die Stelle und wurden Freitag in einem langen Zuge aufgeführt. Vorangingen die acht Herrendiener, Leute, deren jeder Bürgermeister zwei zu seiner Bedienung hat, in weißen, porzellanenen, kurzen Pistolen und schönen Strümpfen, und in einem Frack von blutrosenroter Farbe, einen Degen an der Seite, und auf dem Kopf einen Bonapartehut; darauf folgten die Bürgermeister, vor allen Herr Dr. Smidt Magnifizenz, welcher der gescheiteste von allen und sogut wie König in Bremen ist; Herr Dr. Duntze, welcher bis an den Hals in den Pelz eingewickelt war und in die Senatsversammlung immer ein Thermometer mitbringt, dann die Senatoren, Prediger und Bürger, über 6—800 Mann, die alle in ein Haus oder mehrere gingen, wo geïst (nicht Geist) wurde; d. h. sie bekamen alle zusammen Makronen, Zigarren und Wein, aßen und pfropften sich alle Taschen voll. Die Jungens standen vor der Türe und lärmten, und wenn Einer heraus kam, riefen sie ihm nach: hêt îst, hêt îst! Das taten sie auch einmal dem Herrn Ältermann Hase, da wandte sich dieser majestätisch um und sagte: Ich bin der Herr Ältermann Hase! Da schrieen sie: Ollermann Hase hêt îst, Ollermann Hase hêt îst! und Du kannst Dir denken, wie diese Stütze des bremischen Staats die Stützen seines eignen Körpers in Bewegung setzte, um sich zu retten. Vorigen Samstag wurde ein neuer Senator gewählt an Dr. Noltenius’ Stelle, und Dr. Mohr erhielt die Ehre, dessen Iserei Montag abgehalten wurde. Dabei ist Gebrauch, daß einer der Verwandten des neuen Senators das Schwein trinken muß, d. h. er wird unter den Tisch getrunken, welche schwierige Aufgabe denn auch Herr H. A. Heineken, Makler, zur allgemeinen Zufriedenheit löste. Denn —
Des Lebens Überdruß mit Wehmut zu genießen
Ist Tugend und Begriff,
sagt ein großer Dichter. —
Marie: „Aber Friedrich, wie kannst Du mir nun wohl so dummes Zeug schreiben? Das paßt ja wie die Faust auf’s Auge!“ Friedrich: I can’t help it, die Seite muß noch voll — aha da fällt mich was ein. Vorigen Sonntag ritt ich mit Neviandt und Roth aus, da nimmt der N[eviandt] einen kleinen Engländer, so groß wie die Anna, mit; kaum sind wir vor der Stadt, da läßt sich der eine Reitpeitsche geben und haut auf’s Pferd, daß es vorn und hinten ausschlägt. Er bleibt ruhig drauf sitzen, das Tier springt nach allen Seiten, aber er fällt nicht herunter. Nun steigt er ab, um die Reitpeitsche, die er verloren, wiederzukriegen, und läßt, o großartige Dummheit, das Pferd ganz allein stehen, das sich auch wenig besinnt und gleich auskneift. Er dahinter, der Neviandt steigt ab und läuft ihm nach, kommt, aber unverrichteter Sache zurück, John und das Roß sind weg. Wir reiten nach Horn, packen uns einen, und sind kaum auf dem Rückwege, als Mr. John plein carrière hoch zu Roß ankommt. Es war unterwegs aufgehalten, er hatte es bestiegen, nach dem Stall geritten und sich eine neue Peitsche geholt. Nun reiten wir um; Nev[iandt] und ich hatten ziemlich wilde Pferde, und wie wir anfangen, ein wenig zu traben, schießt Mr. John ganz rasend im Galopp an mir vorbei. Mein Roß kriegt die Nücke und kneift ganz pompös aus. Ich merkte den Braten, ließ es ruhig laufen und versuchte nur dann und wann, es zu halten; aber wenn ich’s eben aus dem rasenden Jagen aushalte, keilte John an mir vorbei, und es war ärger wie vorher. Dazu schrie er immer, den Hut schwenkend: My horse runs better than yours, hurrah! Endlich stutzte sein Pferd vor einer Karre und blieb stehen, und siehe da, auch meine Norma hielt ein. Wenn die dummen Pferde nur wüßten, daß der Reiter es beim Auskneifen ganz pläsierlich hat, ich hatte wenigstens nicht die geringste Angst und konnte ganz gut fertig werden. Adieu
Dein
Friedrich.