Friedrich Engels an Friedrich Graeber, [Bremen 1839 April ca. 23]-Mai 1. Nach: Marx/Engels, Gesamtausgabe (MEGA¹), Abt. I, Bd. 2, Berlin 1930, S. 505-515. Traducción al español

Fritz Graeber. Ich beschäftige mich jetzt sehr mit Philosophie und kritischer Theologie. Wenn man 18 Jahr alt wird, Strauß, die Rationalisten und die Kirchenzeitung kennen lernt, so muß man entweder alles ohne Gedanken lesen oder anfangen, an seinem Wuppertaler Glauben zu zweifeln. Ich begreife nicht, wie die orthodoxen Prediger so orthodox sein können, da sich doch offenbare Widersprüche in der Bibel finden. Wie kann man die beiden Genealogien Josephs, des Mannes der Maria, die verschiedenen Angaben bei der Einsetzung des Abendmahls (dies ist mein Blut, dies ist das neue Testament in meinem Blut), bei den Besessenen (der erste erzählt, der Dämon fuhr bloß aus, der zweite, er fuhr in die Säue), die Angabe, Jesu Mutter sei ausgezogen, ihren Sohn zu suchen, den sie für wahnsinnig hielt, obwohl sie ihn wunderbar empfangen etc., mit der Treue, der wörtlichen Treue der Evangelisten reimen? Und nun die Abweichung beim Unser Vater, in der Reihenfolge der Wunder, die eigentümlich tiefe Auffassung des Johannes, wodurch aber die Form der Erzählung offenbar getrübt wird, wie da? Christi ipsissima verba, worauf die Orthodoxen pochen, lauten in jedem Evangelium anders. Vom alten Testament gar nicht zu reden. Aber in dem lieben Barmen wird einem das nicht gesagt, da wird man nach ganz andern Grundsätzen unterrichtet. Und worauf gründet sich die alte Orthodoxie? Auf nichts, als auf — den Schlendrian. Wo fordert die Bibel wörtlichen Glauben an ihre Lehre, an ihre Berichte? Wo sagt ein Apostel, daß alles was er erzählt, unmittelbare Inspiration ist? Das ist kein Gefangennehmen der Vernunft unter den Gehorsam Christi, was die Orthodoxen sagen, nein, das ist ein Töten des Göttlichen im Menschen, um es durch den toten Buchstaben zu ersetzen. Darum bin ich noch ein ebenso guter Supranaturalist wie vorher, aber das Orthodoxe habe ich abgelegt. So kann ich nun und nimmer glauben, daß ein Rationalist, der von ganzem Herzen das Gute so viel wie möglich zu tun sucht, ewig verdammt werden soll. Das widerspricht auch der Bibel selbst. Denn es steht geschrieben, daß um der Erbsünde willen keiner verdammt ist, sondern um seiner eignen Sünde willen; wenn nun einer der Erbsünde aus aller Kraft widersteht und tut, was er kann, so sind doch seine wirklichen Sünden nur notwendige Folge der Erbsünde, also können ihn die nicht verdammen. —

Den 24. April. Ha, ha, ha! Weißt Du, wer den Aufsatz im Telegraphen gemacht hat? Schreiber dieses ist der Verfasser, aber ich rate Dir, nichts davon zu sagen, ich käme in höllische Schwulitäten. Kohl, Ball und Hermann kenne ich fast nur aus Rezensionen W. Blanks und Strückers, die ich fast wörtlich abgeschrieben habe; daß Kohl aber kohlt und Hermann ein schwachmatischer Pietist ist, weiß ich aus eigner Anhörung. Der D. ist der Kontorjüngling Dürholt bei Wittensteins in Unterbarmen. Übrigens tu ich mir was drauf zu gut, daß ich darin nichts gesagt habe, was ich nicht beweisen kann. Eins nur ärgert mich: daß ich den Stier nicht bedeutend genug dargestellt, er ist als Theologe nicht zu verachten. Bewunderst Du aber nicht meine Kenntnis der Charaktere, besonders Krummachers, Dörings (was über dessen Predigt gesagt, hat mir P. Jonghaus erzählt), und der Literatur? Die Bemerkungen über Freiligrath müssen wohl gut sein, sonst hätte sie Gutzkow gestrichen. Der Stil ist übrigens hundeschlecht. — Der Aufsatz scheint übrigens Sensation gemacht zu haben — ich verpflichte Euch fünf auf Euer Ehrenwort, niemanden zu sagen, daß ich der Verfasser bin. Kapiert? Was das Schimpfen betrifft, so habe ich das meistens auf Dich und Wilhelm gehäuft, weil ich die Briefe an Euch grade vor mir liegen hatte, als mich die Lust zu schimpfen überkam. Besonders soll F. Plümacher nicht erfahren, daß ich den Aufsatz gemacht habe. Was der Ball übrigens für ein Kerl ist! Karfreitag soll er predigen, hat keine Lust zu studieren und lernt deshalb eine Predigt auswendig, die er im Menschenfreund findet, und hält sie. Krummacher ist in der Kirche, ihm kommt die Predigt bekannt vor, und endlich fällt ihm ein, daß er selbst die Predigt Karfreitag 1832 gehalten hat. Andre Leute, die die Predigt gelesen haben, erkennen sie auch, Ball wird zur Rede gestellt und muß bekennen. Signum est, Ballum non tantum abhorrere a Kr[ummachero], ut Tu quidem dixisti. Für die ausführliche Rezension des Faust bin ich Dir sehr verbunden. Die Bearbeitung des Stücks ist wohl die elende Raupachsche, dieser Hundsfott mischt sich in alles und verdirbt nicht nur den Schiller, indem er dessen Bilder und Gedanken in seinen Tragödien abdrischt, sondern auch den Goethe dadurch, daß er ihn malträtiert. Daß meine Poemata einen reißenden Abgang haben werden, ist zu bezweifeln, aber daß sie einen scheißenden Abgang haben werden, ist eher möglich, denn sie gehen in Makulatur und Arschwische über. Dein Rotgeschriebenes konnte ich nicht lesen, werde also weder 5 Sgr. noch Zigarren schicken. Du wirst dieses Mal entweder die Canzone oder ein Stück der begonnenen, aber unvollendeten Komödie bekommen. Jetzt muß ich gleich in die Singstunde gehen, adieu.

Den 27. April.

Fragmente einer Tragikomödie:
Der gehörnte Siegfried.

I.
Palast des Königs Sieghard.
Ratsversammlung.

Sieghard:
So seid ihr Treuen versammelt wieder,
Als Unsres Reiches starke Glieder
Um Unsern hohen Königsthron.
Ihr alle — doch es fehlt Unser Sohn!
Der streift wohl wieder fern im Wald,
Wird nie verständig, ist schon so alt,
Statt hier in Unsrem Rat zu sitzen,
Wo Wir vom Morgen zum Abend schwitzen,
Statt hier der Greise Wort zu hören,
Soll ihn der Vögel Geschrei belehren;
Statt hier der Weisheit nachzujagen,
Will er sich mit den Bären schlagen;
Und spricht er mit Unsrer Majestät,
Verlangt er Krieg nur früh und spät.
Wir hätten ihm längst schon nachgegeben,
Hätt’ Uns Gott in seiner Weisheit eben
Nicht solche Erkenntnis zugeteilt,
Daß Unser Verstand sich nicht übereilt.
Wie sollte ganz verderben das Land,
Hätte seinen Willen solch ein Fant!

Ein Rat:
Eure Majestät spricht, wie immerdar,
Gar weise und trifft die Sach’ aufs Haar.
Jedennoch, mit meines Königs Urlaub,
Sag ich, was ich in meiner Einfalt glaub.
Des Menschen Weis’ ist mannigfalt.
Der Knab’ ist achtzehn Jahr erst alt,
Ihm steht der Sinn nach Jagd und Streit,
Die Weisheit kommt auch mit der Zeit.
Denn Jugendmut rennt frei hinaus,
Die Weisheit bleibet still zu Haus;
Der Jugendmut wird endlich zahm,
Und seine stolze Kraft wird lahm,
Dann kehrt zur Weisheit er zurück,
Und find’t daheim bei ihr sein Glück.
Drum laßt den Jungen bald ausreiten,
Mit Drachen und mit Riesen streiten;
Gar rasch ereilt ihn das Alter doch,
Das und das Leben, diese lehren
Ihm beide wohl die Weisheit noch,
Dann wird er gern ihren Worten hören.

Siegfried (tritt ein):
O Wald, muß ich dich lassen
Mit deinen Bäumen frisch?
In dir ist besser prassen,
Als an des Königs Tisch;
Wo wohnt das Wild mit Freuden,
Als in dem Waldestal?
Das grüne Laubdach neiden
Die goldnen Hall’n zumal.
Ich seh’s, Herr Vater, Ihr wollt schelten,
Daß ich so lang umhergeschweift;
Muß ich es immer denn entgelten,
Wenn mir zu schnell der Eber läuft?
Nicht jagen soll ich, auch nicht streiten,
So gebt ein Roß mir und ein Schwert;
Dann mag ich in die Fremde reiten,
Wie ich’s so oft von Euch begehrt!

Sieghard:
Steht dir der Sinn noch stets danach?
Wann willst du endlich weise werden?
So lang dein Übermut so jach,
Wirst du dich nimmer klug gebärden.
Und weil es doch das beste Mittel,
Den Willen dir zu geben frei,
So geh, ein derber Riesenknittel
Weckt dich schon aus der Träumerei.
Nimm Schwert und Roß dir, zieh hinaus,
Kehr bald und klüger in Unser Haus.

Siegfried:
Habt ihr’s gehört? Ein Schwert, ein Roß!
Was frag’ ich da nach Helm und Brünne?
Was frag’ ich nach der Knappen Troß?
Allein mit meinem kühnen Sinne!
Der wilde Bergstrom gießt sich brausend
Allein durch Waldesschlucht voran,
Die Fichten stürzen vor ihm sausend,
So wühlt er selbst sich eine Bahn,
Und wie der Bergstrom will ich sein,
Die Bahn mir brechend ganz allein.

Rat:
Nicht gräm’ sich drob Eu’r Majestät,
Wenn der junge Held von hinnen geht;
Der Bergstrom auch kommt einst zu Tal,
Dann kracht nicht mehr der Bäume Fall,
Dann fließt er durch die Eb’ne still,
Macht fruchtbar rings die Lande,
Der Wellen Wüten wird ein Spiel,
Endlich verrinnend im Sande.

Siegfried:
Was soll ich länger weilen
Hier in dem alten Schloß?
Da hängt ein Schwert am Pfeiler,
Und draußen wiehert ein Roß;
Komm her von deiner Säule,
Du altes, blankes Schwert,
Daß ich von hinnen eile —
Leb wohl, mein Vater wert! (Ab.)

II.
Schmiede im Wald.
Siegfried tritt ein.
— — — — — — — —
Der Meister tritt ein.
— — — — — — — —

Meister:
Ihr seid hier in der großen Schmiede,
Wo man die schönen Novellen macht,
Die in Almanachen, samt manchem Liede
Entfalten ihre hehre Pracht.
Journale werden hier gehämmert,
Kritik und Poesie vereinend,
Vom Morgen, bis der Abend dämmert,
Seht Ihr die Glut der Esse scheinend.
Doch geht — genießt erst Speis und Wein —
Lehrbursch, führ den Herrn da hinein.
(Siegfried mit dem Lehrburschen ab.)

Meister:
Wohlan zur Arbeit, ihr Gesellen,
Ich steh’ euch wirkend stets zur Seite;
Schlagt auf dem Amboß die Novellen,
Daß sie recht gehen in die Breite!
Durchglüht die Lieder in der Essen,
Daß sie das Feu’r recht in sich fressen;
Werft alles dann auf einen Kloß,
Des Publikums Magen ist gar groß.
Und habt ihr nicht des Eisens genug,
Dafür weiß Rat der Meister klug;
Drei Helden von Scott, drei Frau’n von Goethen,
Ein Ritter von Fouqué, grimm und stählern,
Mehr sind wahrhaftig nicht von Nöten
Zu den Novellen von zwölf Erzählern!
Für Lieder sind Uhlands Poesien
Ein ganzes Floskelmagazin.
Drum schwingt den Hammer mit aller Kraft,
Der beste ist, wer das meiste schafft!

Siegfried (kommt wieder):
Dank Meister, für den guten Wein,
Ich trank zwölf Maß davon hinein.

Meister:
(Verfluchter Kerl!) Mich freut es sehr,
Daß Euch mein Rheinwein hat gefallen;
Beliebt’s Euch nun, so tretet her,
Ich mach’ Euch bekannt mit den Arbeitern allen.
Hier dieser ist der allerbeste,
Macht liederliche und ehrenfeste
Erzählungen, wie ich’s verlange,
Läßt sich loben vom großen Wolfgange
Menzel, der in Stuttgart sitzt,
Sein Name ist: Herr von Tromlitz.
Der andre hier ist fast so gut,
Ist auch von adeligem Blut,
Das ist von Wachsmann das große C,
Einen beßren ich hier nirgends seh;
Kein Almanach kann existieren,
In dem man ihn nicht tut verspüren,
Der wirft Novellen zu Dutzenden
Ins Angesicht dem Publikum dem stutzenden,
Arbeitet im Schweiß seines Angesichts,
Und was am meisten sagen will,
Für Poesie tat er noch nichts,
Für Geschmacksentnervung unendlich viel.
Denn Geschmack, vor dem bin ich sehr bang,
Nur der bringt uns den Untergang.
Da ist ein dritter, Robert Heller,
Sein Stil ist poliert, wie ein zinnerner Teller,
Für Silber hält’s das Publikum,
Wir lassen es gerne also dumm.
Zwar macht er nicht so viel wie die beiden
Und hascht auch wohl nach Charakteristik,
Doch hat er jetzt — er kann sie nicht leiden,
Aufs Maul gegeben eins der Mystik.
Ihr wißt, die vier Evangelisten
Waren nur dumme Pietisten,
Die hat er ein wenig vorgenommen,
Sie entkleidet des Ehrwürd’gen und Frommen,
Präpariert zum Teetischgenuß —
Lest seine Schwestern des Lazarus.
Auch weiß er gar anmutig zu kosen,
Mehr findet Ihr in seinen Klatschrosen.
Hier ist die unterhaltende
Gelehrsamkeit: der haarspaltende
Friedrich Nork, der größte Poet,
Der je gelebt, seit die Welt steht.
Der dichtet und lügt die schönsten Sachen,
Beweist Euch aus des Orients Sprachen,
Daß Ihr ein Esel, Elias die Sonne,
Denn der Orient ist aller Sprachen Bronne.
Doch Verstand — den findet bei ihm Ihr nie,
Noch tüchtiges Wissen und Etymologie.
Hier ist der wackre Herloßsohn,
Der wohl verdiente einen Thron,
Ein Novellist und Lyriker,
Des Unsinns Panegyriker,
Besonders seinen Kometenstern
Lesen die Dummen gar zu gern.
Jetzt kommen, unter Winklers Leitung,
Die Herren von der Abendzeitung;
Thuringus, Faber, von Großcreutz,
Schon in den Namen welch ein Reiz!
Doch was soll ich sie alle loben?
Das Publikum, welches etwas verschroben,
Hat sie schon längst in den Himmel geschoben,
Bis zu den Sternen sie erhoben.
Noch einige sind grade abwesend,
Im Walde dürres Brennholz lesend;
Vom Lehrlingsschwarm gar nichts zu sagen,
Die noch zu schwach auf den Amboß schlagen,
Doch, hoff’ ich, werden alle gut,
Haben sie nur einen Tropfen Novellistenblut.

Siegfried:
Doch sagt mir, Meister, wie Ihr nur heißt?

Meister:
Ich fühl den sächsischen Literaturgeist
Verkörpert in meiner Wenigkeit.
Doch wollt Ihr sehn, was ich vermag,
Seht meiner Arme Sehnigkeit,
Und meinen kräftigen Hammerschlag.
Ich glaub’, Ihr hämmert auch nicht schlecht;
Wollt Ihr beitreten meinen Gesellen?

Siegfried:
Topp, Meister, ’s wär mir eben recht,
Dien Euch wie ein andrer Schmiedeknecht.

Meister:
Ich geb Euch zur Lehr bei Theodor Hellen.
Hämmer zur Probe die zwei Novellen.

Siegfried:
Ha, wenn mit meinen Fäusten
Die Eichen ich zerbrach,
Und wenn vor meinem dreisten
Angriff der Bär erlag,
Konnt ich zur Erde ringen
Den Stier in seiner Brunst,
Wie sollt’ ich den Hammer nicht schwingen
Zur edlen Schmiedekunst?
Lehrlingswerk will ich treiben
Nicht einen Augenblick;
Gesell will ich nicht bleiben,
Hier ist mein Meisterstück!
Gebt mir die Eisenstangen,
Ein Hieb — sie sind entzwei!
Zu Staub sie all’ zersprangen,
Das Schmieden ist vorbei!

Theodor Hell:
Gemach! gemach, was soll das heißen?
Gleich schlag ich Euch, wie Ihr das Eisen!

Siegfried:
Was hast du noch zu schwatzen?
Was tust du so entrüstet?
Da liegst du schon am Boden,
Steh auf, wenn’s dich gelüstet!

Theodor Hell:
Ach Hülfe, Hülfe!

Meister:
Junger Gesell,
Was schlagt Ihr mir die andern Knechte?
Marsch, schert Euch flugs mir von der Stell’,
Sonst zieh ich Euch über die Ohren das Fell!

Siegfried:
Du wärst mir dazu wahrlich der Rechte!
(Wirft ihn nieder.)

Meister:
O weh, o weh! etc.

Siegfried wird in den Wald geschickt, erschlägt den Drachen und, zurückgekehrt, den Meister, jagt die Gesellen auseinander und geht weg. —

III.
Im Walde.

Siegfried:
Jetzt hör ich wieder, wie in den Hagen
Zwei Männer auf einander schlagen.
Da kommen sie her — ’s ist wahrlich zum Lachen,
Da wird keiner den andern verstummen machen!
Dachte, es kämen zwei Riesen mit Kraft,
Die stärksten Fichten ihr Lanzenschaft,
Da kommen zwei dürre Professoren,
Werfen sich Bücher an die Ohren.
(Leo und Michelet kommen.)

Leo:
Komm an, du Hund von Hegeling!

Michelet:
Pietist, bist mir wahrlich zu gering!

Leo:
Da hast du die Bibel an den Kopf!

Michelet:
Und du den Hegel, verhallerter Tropf!

Leo:
Ich werf dir den Hegel, du Läst’rer, zurück!

Michelet:
Und ich dir die Bibel ins Genick!

Leo:
Was willst du noch? Du bist ja längst tot?

Michelet:
Das bist du, burschikoser Zelot!

Siegfried:
Was ist von eurem Streit der Grund?

Leo:
Der Hegeling, der lästerliche Mund,
Will die Bibel in Verachtung bringen,
Da muß man wohl auf ihn eindringen!

Michelet:
Das lügt der ungehobelte Flegel,
Er will nicht respektieren den Hegel!

Siegfried:
Aber ihr warft euch ja gegenseitig
Mit den Büchern, um die ihr streitig?

Leo:
’S ist einerlei, er ist kein Christ.

Michelet:
So gut und besser, wie du einer bist.
Er schwatzt von Dingen, die er nicht versteht.

Siegfried:
Was wollt ihr denn? Eurer Wege geht!
Wer hat den Streit denn angefangen?

Leo:
Das tat ich, ich rühm es ohne Bangen.
Ich habe für Gott und mit Gott gestritten.

Siegfried:
Da hast du auf lahmem Pferde geritten.
Der wird das Christentum nicht töten,
Du wirst es nicht retten aus den Nöten,
Laß ihn doch auf seine Art gewähren,
Steht es dir doch frei, was andres zu lehren!
Und laß nicht unsern Herrgott entgelten
Dein blindes Toben, dein tolles Schelten!
Nun geh du hierhin, du dahin,
Und schlagt euch das Streiten aus dem Sinn!
(Leo und M[ichelet] zu verschiedenen Seiten ab.)

Siegfried:
Solche Wut hab’ ich nie gesehn,
Und sind doch friedliche, gelehrte Männer,
Wie sie so toll aufeinander gehn,
Der edlen Wissenschaften Kenner! —
Jetzt aber plagt mich der Hunger wieder,
Ich will drum gehn ins Tal hernieder,
Ob ich wohl find’ ein Haus oder Schloß,
Wo ich labe meine Glieder,
Sonst schafft mir Beute wohl mein Geschoß. —

So weit. Die Stücke der Handlung habe ich ausgelassen, bloß die Einleitung und die Satirika abgeschrieben. Dies ist das letzte, jetzt sollte der König von Bayern hergenommen werden, aber da stockt’s. Die Abrundung und Verwicklung fehlt dem Ding. — Bitte Wurm, die Gedichte an den Musenalmanach zu besorgen, ich muß jetzt schließen, die Post geht ab.

Dein
Friedr. Engels.
den 1. Mai 39.