Friedrich Engels an seine Schwester Marie in Mannheim, Bremen 1841, 18. Februar. Nach: Marx/Engels, Gesamtausgabe (MEGA¹), Abt. I, Bd. 2, Berlin 1930, S. 608-610. Traducción al español

Liebe Marie!

Diesmal sollst Du einen recht schweren Brief bekommen. Ich wollte Dir erst sogar auf Pappdeckel schreiben, damit Du recht viel Porto zu blechen hättest, konnte aber leider kein planiertes Stück bekommen und muß nun auf das schwerste Papier schreiben, das in unsrem Papiermagazin aufzufinden war. Wenn Du nicht weißt, was Paukstunde ist, so zeugt das, daß Du in der Kultur schmählich zurückgeblieben bist; daß Du es aber aus der beigefügten Zeichnung nicht gesehen hast, zeugt auch von natürlicher Beschränktheit, und man sieht, daß nicht nur der Hopfen der Bildung, sondern auch das Malz des Mutterwitzes an Dir verloren ist. In Eurem schlechten Deutsch bedeutet Paukstunde so viel wie Fechtstunde. Ich habe mir jetzt auch ein paar Schläger und Handschuhe angestiegen, die einzigen Handschuhe, die ich habe, denn mit Glacé etc. gebe ich mich nicht ab.

Bei dem Stabat mater dolorosa etc. fällt mir ein, sieh doch einmal zu, ob dieses Ding von Pergolese komponiert ist. Ist es das, so schaffe mir womöglich eine Abschrift der Partitur, wenn Instrumente dabei sind, die brauch ich nicht, bloß die Singstimmen. Ist es aber von Palestrina oder von einem andren, so brauch ich’s nicht. Übermorgen führen wir den Paulus von Mendelssohn auf, das beste Oratorium, das seit Händels Tode geschrieben worden ist. Du wirst es kennen. Ins Theater geh ich sehr selten, da das hiesige schändlich schlecht ist, und nur, wenn ein neues Stück oder eine gute Oper, die ich noch nicht kenne, gegeben wird, geh ich zuweilen hin. —

Seit meinem letzten Briefe haben wir hier eine schöne Überschwemmung gehabt. Das Wasser stand bei Treviranus zwölf bis vierzehn Zoll hoch in meiner Stube, und ich mußte zum Alten flüchten, der mich mit gewohnter Güte beinahe vierzehn Tage beherbergte. Da aber ging der Tanz erst recht los. Das Wasser stand anderthalb Fuß vor dem Hause, und damit es nicht in den Keller käme, der eine Luke hat, mauerten wir diese mit Kuhmist zu. Aber das maliziöse Wasser lief nun aus dem Keller des Nachbars in unsren durch die Wand, und damit unsre schönen Rumfässer und Kartoffeln und vor allem der wohlassortierte Weinkeller des Alten nicht ersoff, mußten wir Tag und Nacht pumpen, vier Nächte hintereinander, die ich alle vier durchgepumpt habe. Wilhelm Leupold und ich blieben gewöhnlich zusammen auf, setzten uns hinter den Tisch aufs Sofa, auf dem Tisch einige Flaschen Wein, Wurst und ein großes Stück vom edelsten Hamburger Rauchfleisch. Dabei wurde geraucht, geschwatzt und alle halbe Stunden gepumpt. Es war sehr ergötzlich. Um fünf Uhr Morgens kam dann der Alte und löste einen von uns ab. Bei dieser Überschwemmung sind rührende Dinge vorgefallen. In einem Hause vor der Stadt, das bis an die Fenster des untersten Stocks voll Wasser stand, sahen die Leute plötzlich eine ungeheure Masse Ratten anschwimmen, die durch die Fenster hineinkamen und das ganze Haus besetzten. In diesem Hause waren außerdem lauter rattenscheue Frauenzimmer, gar kein Mann, so daß die zarten Damen sich trotz ihrer Angst entschließen mußten, mit Säbeln, Stöcken etc. auf die wilde Horde loszugehen. In einem Hause, das ganz an der Weser liegt, saßen eben die Comptoiristen beim Frühstück, als eine große Eisscholle herabgetrieben kam, die Wand durchstieß und den unbescheidenen Kopf ins Zimmer steckte, worauf denn gleich eine gute Portion Wasser nachfolgte. Jetzt will ich Dir auch eine Neuigkeit mitteilen. Du erinnerst Dich, daß ich Dir einmal sehr geheimnisvoll von einem großen Mittagessen schrieb, welches im Kgl. sächsischen Konsulat gegeben wurde und wobei große Geheimnisse vorfielen. Jetzt kann ich Dir sagen, daß die Person, welcher dieses Mittagessen zu Ehren gegeben wurde, die dame souveraine des pensées, die donna amada mais que la vida von meinem zweiten Prinzipal, dem oben erwähnten Wilhelm Leupold war. Er hat mir während der Überschwemmung seine Ostern erfolgende öffentliche Verlobung offiziell angezeigt, und ich will, im Glauben an Deine Verschwiegenheit, Dir dieses mitteilen, schwatzen aber darfst Du noch nicht davon, denn es wird erst mit Ostern publik. Du siehst, wie sehr ich Dir vertraue, denn wenn Du davon sprichst, so könnte es in drei Tagen sich bis hieher nach Bremen fortgepflanzt haben, da es überall schwatzhafte Frauenzimmer gibt. Und dann käm’ ich in eine schöne Patsche. — Die Braut W. L[eupold]s heißt Therese Meyer, Tochter vom Stockmeyer in Hamburg. Stockmeyer heißt dieser aber, weil er eine Fabrik von Spazierstöcken hat, wodurch er sich schweres Geld erworben hat. Sie trägt, d.h. nicht die Fabrik, sondern Therese, einen blauen Spenzer und ein helles Kleid, ist siebzehn Jahre alt und so mager wie Du, wenn Du indessen in Mannheim nicht zugenommen hast. Sie ist noch nicht einmal konfirmiert, ist das nicht schrecklich?

Heute hab ich mir meinen Schnurrbart wieder abgeschnitten und die jugendliche Leiche unter schweren Klagen begraben. Ich sehe aus wie ein Weib, es ist schändlich; und wenn ich gewußt hätt, daß ich ohne Bart so schändlich ausseh, so hätt’ ich ihn gewiß nicht heruntergehauen. Als ich mit der Schere vor dem Spiegel stand und die rechte Seite fortgesäbelt hatte, kam der Alte aufs Comptoir und mußte laut lachen, als er mich mit dem halben Schnurrbart sah. Jetzt lass ich ihn aber wieder wachsen. denn ich kann mich ja nirgends sehen lassen. In der Singakademie war ich der Einzige mit einem Schnurrbart und hab mich immer über die Philister amüsiert, die sich gar nicht genug wunderten, daß ich die Frechheit haben konnte, so unrasiert in anständige Gesellschaft zu gehen. Den Damen hat’s übrigens doch sehr gefallen und meinem Alten auch. Gestern Abend noch im Konzert standen sechs jugendliche Stutzer um mich herum, alle im Frack mit Glacéhandschuhen, ich stellte mich zwischen sie im gewöhnlichen Rock, ohne Handschuh. Die Kerls haben den ganzen Abend über mich und meine borstige Oberlippe glossiert. Das Schönste ist, vor einem Vierteljahr kannte mich kein Mensch hier, und jetzt kennt mich alle Welt, bloß wegen dem Schnurrbart. O über die Philister!

Br., 18. Februar 1841.
Dein Friedrich.

[Auf der Adreßseite]
Fräulein Marie Engels im großherzoglichen Institut
zu Mannheim.

[Poststempel] Bremen 19. Febr. Mannheim 23. Febr.