Brief von Karl Marx an Friedrich Engels in Manchester, [London], 25. Februar 1859. Text nach MEGA¹ III/2, Berlin 1930, Nr. 570, S. 366-369, ohne den Apparat der Herausgeber. Traducción al español.

  1. Februar 1859.

Lieber Engels,

Ich schreibe Dir heut abend wieder, weil time presses. Ich bin moralisch sicher, daß Duncker, nach meinem Schreiben an Lassalle, die Broschüre nimmt. Das Jüdel Braun hat mir zwar nicht geschrieben, seit mein Manuskript angekommen ist, und das sind über vier Wochen. Einerseits war er beschäftigt mit der Herausgabe eines eignen unsterblichen „zündenden“ Werks (still ist das Jüdel, selbst sein Herakleitos, obgleich hunzschlecht geschrieben, better than anything the democrats could boast of), und dann wird er wahrscheinlich die letzte Korrektur bei meinem Wisch zu übernehmen haben. Zweitens hat er indirekt in meiner Analyse des Geldes einen furchtbaren Schlag auf den Kopf erhalten, der ihn etwas betäubt haben mag. Er hatte nämlich zum Heraklit folgende Anmerkung gemacht, die ich Dir wörtlich hersetze, trotz ihrer unendlichen Länge (Du mußt sie aber auch lesen):

„Wenn wir oben sagten, Heraklit habe in jenem Fragmente die wahrhafte nationalökonomische Natur und Funktion des Geldes angegeben (Heraklit sagt nämlich: πυρός τ’ ἀνταμείβεσθαι πάντα καὶ πῦρ ἁπάντων, ὥσπερ χρυσοῦ χρήματα, καὶ χρημάτων χρυσός), so ist es wohl überflüssig, zu bemerken, daß wir ihn selbst damit nicht zu einem Nationalökonomen machen und also auch weit entfernt nicht behaupten wollten, als habe er irgend eine der weiteren aus jenem Fragment folgenden Konsequenzen erfaßt. Aber obwohl diese Wissenschaft damals gar nicht existierte und existieren konnte, also auch nicht Gegenstand heraklitischen Denkens war, so ist doch richtig, daß Heraklit — eben weil er nie Reflexionsbestimmungen, sondern nur dem spekulativen Begriffe folgt —, in jenem Fragment das Wesen des Geldes in seiner wirklichen Tiefe und richtiger als viele modernen Ökonomen erkannt hat, und es ist vielleicht nicht ganz uninteressant und auch nicht so von der Sache abliegend, wie es zunächst scheinen könnte, zu sehen, wie sich aus einer bloßen Konsequenz jenes Gedanken die modernen Entdeckungen auf diesem Gebiet von selbst ergeben. (Notabene. L[assalle] kennt nicht die Laus von diesen Entdeckungen.)

Wenn Heraklit das Geld als Tauschmittel zum Gegensatz aller in den Tausch kommender reellen Produkte machte und es an diesen erst sein wirkliches Dasein (Ich unterstreiche, wo L[assalle] unterstrichen hat) haben läßt, so ist also das Geld als solches nicht selbst ein mit einem selbständigen, stofflichen Werte bekleidetes Produkt, nicht eine Ware neben andern Waren, wie die Saysche Schule (Schöne kontinentale delusion, daß es eine Saysche Schule gibt) noch bis heute das Metallgeld hartnäckig auffaßt, sondern es ist nur der ideelle Repräsentant der umlaufenden reellen Produkte, das Wertzeichen derselben, das nur sie bedeutet. Und das ist nur zum Teil eine aus dem Fragment entwickelte Folgerung, zum Teil nur der für Heraklit selbst darin vorhandene Gedanke.

Wenn aber alles Geld nur die ideelle Einheit oder der Wertausdruck aller realen umlaufenden Produkte ist und erst an diesen, die zugleich seinen Gegensatz bilden, sein wirkliches Dasein hat, so folgt aus der bloßen Konsequenz (Schöner Stil! Er folgt aus der „bloßen Folge“) dieses Gedankens, daß die Wertensumme oder der Reichtum eines Landes nur durch die Vermehrung der wirklichen Produkte, niemals aber durch die Vermehrung des Geldes vergrößert werden kann, da ja das Geld, statt auch nur irgend ein Moment des Reichtums und des Wertes (Jetzt haben wir Reichtum und Wert; vorhin Wertensumme oder Reichtum) selbst zu bilden, immer nur den in den Produkten gelegenen (auch eine schöne Gegend) und nur in ihnen wirklichen Wert als abstrakte Einheit ausdrückt. Es folgt somit der Irrtum des Handelsbilanzsystems. (Dies ist Ruges würdig). Es folgt ferner, daß alles Geld immer an Wert gleich allen umlaufenden Produkten ist, da es nur diese in die ideelle Werteinheit zusammenfaßt, somit nur deren Wert ausdrückt; daß somit durch Vergrößerung oder Verringerung der vorhandenen Geldsumme der Wert dieser gesamten Geldsumme niemals berührt wird und immer nur allen umlaufenden Produkten gleichbleibt; daß man streng genommen gar nicht von einem Werte alles Geldes verglichen mit dem Werte aller umlaufenden Produkte sprechen kann, weil in einer solchen Vergleichung der Wert des Geldes und der Wert der Produkte als zwei für sich selbständige Werte gesetzt werden, während nur ein Wert vorhanden ist, der in den sinnlichen Produkten konkret realisiert und im Gelde als abstrakte Werteinheit ausgedrückt, oder vielmehr der Wert selbst nichts als die aus den wirklichen Dingen, in denen er nicht als solcher vorhanden, herausabstrahierte Einheit ist, der im Gelde ihr besonderer Ausdruck gegeben ist; nicht also der Wert alles Geldes bloß dem Werte aller Produkte gleichbleibt, sondern, richtiger gesprochen, alles Geld nur der Wert aller umlaufenden Produkte ist. (Dieser doppelte Großdruck gehört dem Autor.) Es folgt somit hieraus, daß bei Vermehrung der Anzahl der Geldstücke, da der Wert der Summe gleichbleibt, immer nur der jedes einzelnen Geldstückes fallen und bei ihrer Verminderung ebenso wieder steigen muß. — Es folgt ferner, daß, da das Geld nur die unwirkliche Gedankenabstraktion des Wertes und den Gegensatz gegen die wirklichen Produkte und Stoffe darstellt, das Geld als solches gar keine Wirklichkeit an sich selbst zu haben, d.h. aus keinem wirklich wertvollen Stoffe zu bestehen braucht, sondern ebensogut Papiergeld sein kann und gerade dann seinem Begriffe am entsprechendsten ist. Alle diese und viele andere erst seit Ricardos Untersuchungen auf einem ganz andern Wege gewonnenen und noch lange nicht allgemein adoptierten Resultate ergeben sich schon durch die bloße Konsequenz jenes von Heraklit erkannten spekulativen Begriffs.“

Ich habe natürlich nicht die geringste Rücksicht auf diese talmudistische Weisheit genommen, aber den Ricardo sehr heruntergemacht wegen seiner Geldtheorie, die, nebenbei bemerkt, nicht von ihm, sondern von Hume und Montesquieu stammt. So mag Lassalle sich dadurch persönlich betroffen fühlen. An sich war nichts dabei, denn in der Schrift gegen Proudhon nahm ich selbst Ricardos Theorie an. Aber Jüdel Braun hatte mir einen sehr lächerlichen Brief geschrieben, worin er sagte, er „interessiere sich für das baldige Erscheinen meiner Schrift, obgleich er selbst ein großes nationalökonomisches Werk unter der Hand habe,“ er „setze zwei Jahre dafür aus“. Wenn ich ihm aber „zu viel Neues wegnähme, würde er vielleicht die ganze Sache aufgeben“. Well! Ich antwortete darauf, daß keine Rivalität zu fürchten, da in dieser „neuen“ Wissenschaft Platz für ihn und mich und noch ein Dutzend andrer sei. Aus meiner Darstellung des Geldes muß er nun sehn, entweder daß ich gar nichts von der Sache weiß, obgleich dann mit mir die ganze Geschichte der Geldtheorien sündigt, oder daß er ein Esel ist, der mit ein paar abstrakten Phrasen, wie „abstrakte Einheit“ und dergleichen, sich anmaßt über empirische Dinge zu urteilen, die man studieren muß, und lange into the bargain, um über sie mitsprechen zu können. Aus diesem Grunde mag er mir nicht ganz grün im innersten Herzenswinkel sein in diesem Momente. Aber, und das ist der Punkt, wo ich hinaus wollte, Lassalle hat erstens wirklich zu viel Interesse „an der Sache“ und zweitens ist er zu sehr „Ephraim Gescheit“, um nicht coûte que coûte mit uns zu halten, was er wegen seines Krakeels mit den Düsseldorfern um so nötiger hat. Zugleich hat ihn sein Aufenthalt in Berlin überzeugt, daß mit der Bourgeoispartei für einen energischen Kerl wie ihn nichts anzufangen ist.

Also bei klugem management gehört uns der Mann mit Haut und Haar, so viele „zündende“ Bocksprünge er immer machen und so sehr er den Heraklit dafür, daß er der kurzgefaßteste Philosoph war, mit dem längsten Kommentar züchtigen mag. Aus demselben Grund bin ich sicher, daß er Deine Broschüre dem Duncker aufzwingen wird en cas de besoin. Übrigens habe ich den Brief an ihn so eingerichtet, daß er ihn ganz dem Duncker zeigen kann. Er ist in der Tat für D[uncker], nicht für L[assalle] geschrieben, obgleich Ephraim das trotz seiner Gescheitheit kaum merken wird.

Ich betrachte also als sicher, daß D[uncker] die Broschüre nimmt, und so ist das Wesentliche nur, daß Du sofort an das Machen derselben gehst, denn dies ist wie ein Zeitungsartikel. Es ist keine Zeit dabei zu verlieren. Aus demselben Grunde, wegen der unmittelbaren Wirkung, denke ich, daß Du nicht über vier bis fünf Bogen (wenn so viel nötig) herausgehn mußt. Von der Mitarbeit an der Tribune betrachte Dich (wenn nicht irgend ein Kriegsereignis, was nicht wahrscheinlich, Deiner Broschüre vorherkommt) daher als ganz dispensiert, bis Du die Sache fertig hast. Das Vernünftigste wäre, wenn Du plötzlich krank würdest und vom Comptoir wegbliebst, um die Sache in einem Zug hinzuschreiben.

Amicus Engels Senior, amicus Ermen (Gotofredus!), sed magis amicum τὸ φρονεῖν,

„φεῦ, φεῦ, φρονεῖν ὡς δεινόν, ἔνθα μὴ τέλη
λύει φρονοῦντι“.

Letztres mag Dein Alter Dir sagen, wie Teiresios dem König Ödipus, worauf Du ihm aber antworten wirst, daß er

„ἐν τοῖς κέρδεσι
μόνον δέδορκε, τὴν τέχνην δ’ ἔφυ τυφλός“.

Salut.

Dein K. M.