Unvollendete Erzählung, geschrieben in Barmen, wahrscheinlich Anfang 1837. Die Handschrift war 1930 im Besitz der Familie Engels in Engelskirchen. Die Fußnoten stammen von Engels. Text nach Karl Marx/Friedrich Engels, Historisch-kritische Gesamtausgabe, Erste Abteilung, Band 2, Berlin 1930, S. 466–477, ohne den Apparat der Herausgeber. Traducción al español.

Es war an einem Wintermorgen des Jahres 1820, als auf der Insel Koluri, dem alten Salamis, dem Schauplatze athenischer Tapferkeit, ein Schiff eben im Begriff war, abzusegeln. — Es war dies ein griechischer Kauffahrer, der, stark bemannt, Mastix, Gummi Arabicum, etc., vorzüglich aber Damaszenerklingen, Zedernholz und feine asiatische Gewebe nach Athen gebracht hatte. —

Am Ufer war alles in Bewegung. Unter den arbeitenden Matrosen ging der Kapitän herum, alles ordnend. Da flüsterte ein Matrose einem andern auf Italienisch zu:

„Philippo, siehst du dort jenen jungen Menschen stehen? Das ist der neue Passagier, den der Kapitän gestern abend engagiert hat; er will ihn unter uns aufnehmen, oder, wenn er nicht will, ihn ins Meer versenken, denn nach Stambul, wohin er will, soll er nicht!“

„Aber,“ sagte Philippo „was ist das denn für ein Mensch?“ „Das weiß ich selbst nicht, der Kapitän wird’s aber wohl wissen.“ Da erscholl ein Schuß vom Schiffe, und alle gingen zu den Booten. Der Kapitän ging in die Schaluppe und rief: „Junger Mensch — he, was träumt Ihr denn? — Kommt doch! Wir wollen abfahren!“ Der junge Mensch, an den diese Rede gerichtet war, und der bisher hatte schweigend an einer Säule gestanden, blickte auf: „Ach ja,“ rief er, „ich komme“, und schritt schnell auf das Boot zu. Er stieg ein, und mit raschem Ruderschlag wurde das Fahrzeug vom Ufer abgetrieben. Bald ist das Schiff erreicht, und nach der Lösung einer Kanone sammeln sich die Bootsleute auf dem Schiff, und bald wurde der Anker emporgewunden, die Segel gespannt, und rasch, wie ein riesiger Schwan, flog die Brigg hinüber über die bläuliche See.

Der Kapitän aber, der bisher die Arbeiten der Leute geleitet hat, tritt nun heran zu dem blühenden Jüngling, der trauernd, wie immer vorher, an des Schiffes Galerie sich lehnte und düster dorthin schaute, wo die Bergspitzen des Hymettos immer mehr in der Ferne verschwanden.

„Junger Mensch“, redete er ihn an, „kommt doch einmal mit mir in die Kajüte, ich will Euch etwas sagen.“

„Gern“, antwortete jener und folgte dem voranschreitenden Manne.

Unten angekommen, ließ ihn der Hauptmann sich setzen, und, nachdem er aus einer Flasche Chiosweins ihm und sich einen Becher eingeschenkt hatte, sprach er:

„Hört einmal, ich will Euch einen Vorschlag machen. Doch wie heißt Ihr? Und wo seid Ihr her?“

„Leon Papon heiße ich und bin von Athinai. Und Ihr?“ „Capitanos Leonidas Spezziotis (von Spezzia). Doch hört! Ihr haltet uns wohl für ehrliche Kaufleute? Nein, das sind wir nicht! Sehet unser Geschütz, offen und verborgen, unsre Munition, unsre Waffenkammer an, und Ihr sehet leicht, daß wir solches Krämerhandwerk nur zum Scheine treiben. Ihr sollt aber sehen, daß wir andre, bessre Leute sind, nämlich echte Hellenen, Leute, die noch die Freiheit zu schätzen wissen, — kurz, Korsaren, wie uns die Ungläubigen, für die wir ein scharfes Schwert sind, zu titulieren pflegen. Und nun wollte ich Euch, denn wahrlich Ihr gefallt mir und erinnert mich sehr an einen lieben Sohn, den mir die Ungläubigen voriges Jahr vor meinen Augen erschossen haben, wollte ich Euch den Vorschlag machen, unter uns zu treten und mitzukämpfen für die Freiheit der Hellenen, und den Ungläubigen zu schaden, auf die man wohl den homerischen Vers:

Ἔσσεται ἦμαρ, ὅτ’ ἄν ποτ’ ὀλώλῃ Ἴλιος ἱρή,
Καὶ Πρίαμος, καὶ λάος ἐϋμμελίω Πριάμοιο1

anwenden könnte. Seid Ihr aber nicht gewillt, dies zu tun, so mag ich für die Folgen nicht stehen; denn mein Volk, wenn es erfährt, was für Mitteilungen ich Euch gemacht habe, wird sicherlich Euren Tod fordern, und mein guter Wille wird unterdrückt werden.“

„Was sagt Ihr? Korsaren? Ich unter Euch treten? Auf der Stelle! Ich soll mich rächen können an des Vaters Mördern! O, gerne, gerne will ich in Eure Reihen treten, will mit Wut die Moslemim bekämpfen, will sie schlachten wie das Vieh!“

„Topp! Leon, so gefällst Du mir! Laß uns auch auf das neue Bündnis eine Flasche Chioswein trinken!“ Und frisch schenkte der alte Zecher ein und ermahnte seinen mäßigern Genossen oft durch ein lustiges: „So trink doch, Leon!“, bis die Flasche geleert war.

Jetzt ging er mit seinem neuen Genossen durch das Schiff und zeigte ihm den Vorrat. Erst gingen sie in die Rüstkammer. Da hingen prächtige Kleider von aller Art, die enge Matrosenjacke, der weite Kaftan, der hohe Hut, die kleine griechische Mütze, der breite Turban, die enge Frankenhose und die weiten Beinkleider des Türken, die buntgestickte persische Weste, die ungrische Husarenjacke, der russische Pelzrock, paradierten alle durcheinander in großen Schränken. Die Wände waren bedeckt von Waffen aller Völker, alle Schießgewehre vom kleinen Terzerol bis zur dreiläufigen schweren Muskete, allerlei Schwerter, die Damaszenerklinge, der spanische Stoßdegen, das breite deutsche Schwert, der kurze italische Dolch, das krumme Handschar, hingen sorgfältig sortiert an ihren Plätzen. In den Ecken standen Lanzenbehälter, so daß aller Raum im Zimmer benutzt war. Hierauf ging’s in die Pulverkammer. Acht große Fässer, jedes mit hundert Pfund Pulver, und vier kleine zu 80 Pfund standen da; in drei Fässern lagen Bomben, in zwei größeren Granaten; die Schränke an den Seiten waren voll von Krügen und Töpfen, deren Inhalt Pulver mit Bleistücken, Steinen, Eisenstücken vermengt war. Nun gingen sie in den Raum, wo Leonidas ihm mehrere Säcke voll Kanonenkugeln zeigte. Wieder gingen sie hinauf zu den Kanonen. Da standen an jeder Seite zwölf Kanonen von schwerem Kaliber; auf der Schanze noch zwei Achtundvierzigpfünder. Überall dazwischen standen Drehbassen, im ganzen an dreißig Stück Geschütze. In der Kajüte, wohin sie zurückgingen, zeigte Leonidas dem Leon drei Kisten voll Flinten, Kugeln und zwei voll allerlei Schrot.

„Ist unser Schiff nicht in gutem Zustande?“ redete er er ihn an. „Herrlich“, antwortete jener, „es könnte nicht besser sein. Doch erlaubt, daß ich mich jetzt auf dem Deck etwas weiter umsehe!“

Er ging hinauf. Doch nicht lange, so fand er ihn wieder an der Galerie stehen. Eben waren sie am Vorgebirge Kolonai, dem alten Sunium, und düster sah wieder Leon nach den eben verschwindenden Spitzen des Hymettos sich um, da redete ihn also Leonidas an:

„Nun, Bursch, warum so trübe, komm mit mir auf die Schanze und erzähle von Deinem früheren Leben!“

Und Leon ging mit und erzählte folgendes: Ich bin jetzt bald sechzehn Jahr alt. Mein Vater war der Kaufmann Gregorios Papon; meine Mutter hieß Diane. Ich heiße Leon, meine Zwillingsschwester heißt Zoe und mein jüngerer Bruder Alexis. Es sind nun etwa drei Monate, da sah der Pascha von Athinai eine junge Sklavin, die mein Vater mit uns erzogen hatte. Gleich verlangte er sie, und als mein Vater sie ihm weigerte, da schwur er Rache und hat seinen Eid uns zum Verderben gehalten. Denn als wir einst abends ruhig zusammen saßen, und ich mit Selima, der Sklavin, Zoe und Alexis zur Kithara Lieder sangen, da kamen die Arnauten des Pascha herein, rissen unsren lieben Vater und Selima aus unsrer Mitte und führten sie hinweg; uns aber stießen sie aus, und ließen uns, aller Hülfsmittel beraubt, liegen. Wir gingen fort und gelangten endlich an den Ort, vors Tor, wo die alte Makedonierfeste stand. Dort kehrten wir zu mitleidigen Bauern ein, die uns Brot und etwas Fleisch gaben. Von dort gingen wir auf den Peiraios zu. Aber ach! meiner Schwester Kräfte hielten nicht mehr, und sie sank halbohnmächtig unter einem Olivenbaum nieder. Ich aber wollte in die Stadt zurückgehn und bei den Verwandten Hülfe suchen. Trotz der Mutter Bitten ging ich und fand, als ich an der Akropolis war und heransteigen wollte — stellt Euch meine Freude vor — meinen Vater. Wie froh ich ihm um den Hals fiel, wie ich mir unser Glück und der Mutter Freude vorstellte, das kann ich Euch nicht beschreiben. Ach! ich sollte nur zu bald enttäuscht werden! Denn kaum waren wir einige Schritte gegangen, als wir — den Anführer der Arnautenschar des Pascha kommen sahen. Dieser erkannte ihn, zog seinen Säbel und stürzte auf ihn los. Mein Vater faßte seinen Knotenstock, den er gefunden hatte, in die Rechte und blieb stehen, der Türk hieb zu und hieb den Stock entzwei; der Hieb fiel in des Vaters Schulter; nun jener hieb noch einmal und traf den wehrlosen Vater über den Kopf, daß er zu Boden sank. Ich ergriff den gefallenen Stock und warf ihn dem Türken durchs Gesicht; dieser wütend, hatte den Säbel fallen lassen, zog aber einen Hammer aus dem Gurt und schlug ihn mir vor den Kopf, daß ich besinnungslos hinfiel.

Als ich wieder zu mir kam, da lag mein Vater neben mir in den letzten Zügen. Er sagte: „Leon — mein Sohn — fliehe — fliehe von hier! Du bist nicht sicher! Ist die Mutter frei?“ Als ich’s bejahte, sagte er: „O geht nach Kuluri, und von dort nach Nauplia — dort hab’ ich Freunde!“ Ich fragte: „Vater, wie heißt dein Mörder?“ „Leon — er heißt — Mustapha — Bey — Gott sei — meiner armen — See—le gnäd—ig“, und mit diesen Worten verschied er. Ich umarmte die Leiche, rief, jammerte, schrie nach Hülfe — doch er blieb tot, und keiner kam zu Hülfe. Endlich erhob ich mich weinend, band mir des lieben Vaters Gürtel um, steckte den Säbel des Mörders hinein, und schwur, weder den Gürtel noch den Säbel abzulegen — bis das Blut meines Vaters durch Türkenblut gewaschen sei. Nun ging ich vor die Stadt — aber — o Jammer, die Lieben waren nicht mehr da! ein blutiger Dolch, der Mutter blutbefleckter Schleier und Alexis’ Mütze, die da lagen, bezeugten, daß auch hier Gewalt gebraucht sei. Dies ist die Mütze, die ich jetzt trage; dies der Dolch (er zeigte auf einen schönen türkischen Dolch im Gürtel), und den Schleier trage ich seit der Zeit auf meiner Brust, unter dem Chiton2.

Jetzt dachte ich erst an meine Wunde. Sie fing an mich zu schmerzen; ich fühlte hin und schob die Mütze zurück — da floß das Blut mir aufs neue über das Gesicht. Ich legte mich unter den Baum und band ein Tuch um den Kopf.

Ich schlief ein; und im Schlafe meinte ich den Vater zu sehen, wie er mir entgegentrat, frisch und blühend, und die Mutter an seiner Seite, und Zoe und Alexis bei ihnen und hätten mich emporgehoben, da wären die Türken gekommen, und des Vaters Mörder sei schreiend vor uns niedergestürzt — da erwachte ich, und lag auf einem Wagen — ein alter Mann stand vor mir und sagte, ich solle mich ruhig verhalten, und fuhr mich weg.

Er brachte mich nach St. Nikolaus, wo er mich heilte. Ich blieb vier Wochen bei ihm, dann gab er mir Geld, fuhr mich auf seinem eignen Boote nach Koluri. Dort trennte ich mich von ihm, und zum Andenken teilten wir einen Piaster. Hier blieb ich einige Tage, da keine Gelegenheit zur Abfahrt sich fand. Das Übrige wißt Ihr.

III.

Dies war ungefähr die Erzählung des jungen Papon. Gleich nahm ihn Leonidas bei der Hand, ging mit ihm zur Rüstkammer und ließ ihn sich seine Rüstung auswählen. Er nahm sich zur Kleidung eine leichte griechische Hose und einen kurzen blauen Rock. Zur Waffe nahm er eine kurze Doppelbüchse, zwei Paar Doppelterzerole und einen Hammer. Leonidas sagte: „Nun, so nimm Dir doch auch einen Säbel! Oder doch eine Scheide dazu.“ „Nein,“ sagte er, „von diesem Säbel trenne ich mich nicht! Auch bleibt er bloß, bis ich mir die Scheide selbst erobert habe.“ —

Mittlerweile fing es an zu dunkeln. Sie gelangten zur Insel Zea. Ohne zu landen, zogen sie doch alle Segel ein und ließen von der Spitze des Hauptmasts eine Rakete steigen. Sogleich näherte sich ein Boot mit einem Kreuz auf der Spitze. In diesem saßen sechs bewaffnete Männer, die das Boot hinten anbanden und aufstiegen. Leonidas stellte ihnen den neuen Kameraden vor, den sie herzlich bewillkommneten. Darauf sagte Leonidas:

„Nun, Stephano, was hast Du aufgespürt?“ Stephano: „Dort, am Hafen der Stadt liegt ein türkisches Kauffarteischiff, ich bin dort gewesen, in einen Krämer verkleidet. Aber Leonidas, wen glaubst Du, daß ich gesehen habe? Denke Dir, hier unser alter Kumpan, der Dukas, war als Sklave dort. Ich habe ihn in einer Kiste befreit. Das Schiff hat nur drei Kanonen, doch ist Mannschaft und Bewaffnung stark; es sind an dreißig Türken darauf. Jedoch habe ich zwei griechische Passagiere, die nach Athinai wollen, gewonnen. Sie wollen die Pulverkammer besetzen.“

Leonidas: „Ah, prächtig! Ihr bleibt hier, wartet ein wenig.“ Er eilte hinab in die Kajüte, kam wieder mit drei Flaschen Wein, und leerte sie mit Leon und den sechs neuen. Dabei sprach er:

„Unser sind jetzt — halt — Ihr sechs, auf dem Schiff zwanzig Mann, Leonidas, ich, sind 28, zwei Türken als Passagiere nach Serpho, wovon einer ein Janitschar — Notos!“

Der Gerufene kam. „Nimm Protos und Taras mit in die Kajüte, entwaffne die Türken und bring sie herauf.“ Er ging. Leonidas rief wieder: „Mykalis!“

„Hier!“ rief der Herbeieilende.

„Ladet das Geschütz sofort, setzt die Drehbassen instand, ladet drei mit Schrot und Kugeln, die andern mit Blei, Glas, Steinen und Eisen! Bringt sechzig Granaten, zwei Bomben und eine Kiste Kugeln herauf! Laß sich alle bewaffnen!“ Sein Befehl wurde vollzogen. „Und nun“, indem er sich an Leon wandte, „mein Sohn, jetzt bekommst Du Gelegenheit, Deinen ersten Kampf unter uns zu bestehen. Halte Dich wacker. Sobald das Schiff mit uns in Kampf gerät, hältst Du Dich zu mir, tust das, was ich tue. Wage nur nicht eher hinüberzuspringen wie ich; es könnte Dir leicht das Leben kosten.“

„Ja“, sprach Stephanos, „das weiß ich. Denke dir, Leon, da sprang ich mit zwei jungen Leuten wie Du aufs feindliche Schiff; die Feinde hieben den Haken ab, und da standen wir gefangen. Wir wehrten uns, allein nach dem Tode der beiden wurde ich durch die Menge fast erdrückt, erhielt einen scharfen Schlag auf den Kopf; die Narbe ist noch zu sehen, und wäre gewiß umgekommen, wenn unsre Leute nicht indes wieder geentert hätten.“

Jetzt kam Notos mit den beiden Türken, von denen einer den Arm in der Binde trug. Notos sprach zu Leonidas:

„Sieh, da habe ich sie. Sie haben sich verzweifelt gewehrt. Hier unser Janitschar hat dem armen Protos einen Schlag versetzt, daß er wohl schwerlich wird wieder aufkommen, dafür hat er aber auch von mir den Arm zerschlagen, während Taras den andern um den Leib faßte und zu Boden warf.“

„Ja“, sprach der Janitschar, „das ist eine Kunst, uns, die wir friedlich in der Kajüte saßen, zu überwältigen! Jedoch haben sie’s schwer entgolten, das tröstet mich.“

„O“, antwortete Leonidas, „an Eurer Tapferkeit habe ich nie gezweifelt. Doch sollt Ihr nicht ohne Lohn bleiben; wenn Ihr wollt, so setze ich Euch morgen früh auf Thermia aus; doch gebt Ihr mir jeder fünfzig Piaster Lösegeld.“ Sie waren es gerne zufrieden und ließen sich in die Kajüte, wo sie unter Notos Bewachung blieben, zurückführen, während Leonidas zu Protos ging, der in einer Matte lag. Er untersuchte die Wunde und sah, daß es ein Hieb mit einem Handschar, grade über den Schädel, der an einer Stelle verletzt war, sei. Die Wunde war tödlich; doch war noch Hoffnung da. Er legte ein Pflaster auf und ging mit Leon zu Bette. Letzterem wies er ein Lager neben sich an.

Mitten in der Nacht wurden sie geweckt. Stephanos stand vor ihnen.

„Geschwind steht auf, im Norden zeigt sich ein Segel. Man kann es an der Laterne erkennen“. Im Augenblick waren beide gewaffnet. Leonidas öffnete einen Schrank und gab Leon einen Beutel mit Kugeln, einen mit Schrot, und ein großes schönes Pulverhorn. Er selbst versah sich auch mit Munition, und beide begaben sich aufs Deck.

„Mykalis,“ sprach der Hauptmann, „wo sind die Kugeldrehbassen?“

Als sie gezeigt waren, stellte er sich an eine, an die andre Leon, und an die dritte Stephanon.

Die Mannschaft sammelte sich auf dem Deck. Leonidas ließ sie sich sammeln und überzählte sie. Es waren ihrer, sich mitgerechnet, sechsundwanzig. Er ließ Noton ablösen, dieser kam und stellte sich an den einen Achtundvierzigpfünder, an den andern Mykalis. Die Drehbassen waren nahe dabei.

Alle Augen waren nach der Laterne gerichtet. Man kam ihr näher. Jetzt verlosch sie, und man mußte in der Richtung fortsteuern, die man genommen hatte. Einige Male erschien sie zwar wieder, doch zuletzt verlor man sie ganz.

Es wurde Tag. Das Meer war mit Nebeln bedeckt. Nach und nach verloren sich diese. Da rief Stephanos, der auf dem Mast saß: „Ich sehe das Schiff! Es ist dasselbe, wo ich im Hafen zu Zea war.“

Jetzt sah es auch Leonidas durchs Fernrohr. Stephano kam herab. Gleich wurden alle Segel beigesetzt, es zu erreichen, und bald war es allen sichtbar. Man zog die türkische Flagge auf und näherte sich ihm. Nach etwa drei Stunden war man ihm so nahe, daß nur noch wenig an der Schußweite fehlte. Da ließ Leonidas die türkische Flagge abnehmen und die schwarz und rote mit dem weißen Kreuze aufziehen. Das türkische Schiff aber hatte sich früher schon nordwestlich gewendet und setzte nun alle Segel bei, um Makronisi zu erreichen. Doch bald war ihm Leonidas nahe, und gleich fuhr auf seinen Befehl eine Kugel durchs feindliche Takelwerk. Die Türken antworteten sogleich, zogen sich aber zurück. Da rief Leonidas: „Her Mykalis mit Deinen fünfzehn, geh und rudre, was Du kannst! Wir müssen es haben! Notos! Du gehst ans Vorderteil und feuerst auf den Feind!, wenn wir auf halber Schußweite sind! Taras mit seinen fünf bleibt hier.“

Schneller flog das Schiff. Näher und näher kamen sie ihrer Beute. Leonidas unterdessen befahl:

„Du, Taras, gehst, sobald Mykalis wiederkommt, an die rechte Seite zum Geschütz; Stephanos sorgt für das Geschütz am Hinterteil; Leon bleibt bei mir!“

Da feuerte Notos aus seinem Zwölfpfünder, da knallten noch fünf Geschütze — und ein Segel des Feindes stürzte mit des Mastes Spitze herab und hing an den Tauen! Ein Freudenausruf erfolgte auf der Stelle; das Geschütz feuerte noch einmal, und das Bugspriet des Schiffes wurde zerschmettert. Die Türken konnten nicht entfliehen. Das Schiff kam näher, und schnell brannte Leonidas und Leon seine Bassen los. Mehrere Leute fielen; jedoch hatten die Schüsse nur wenig genützt. Mykalis kam zurück; man kam den Türken ganz nah, rechts und links flogen Salven; die Türken feuerten aber auch tapfer; da gab Leonidas eine volle Salve und rückte dicht an den Feind. Die Drehbassen knallten; das Deck des Feindes wurde leerer, da enterte der Grieche. Mykalis und sein Trupp, Leonidas und Leon standen an den Haken; sie feuerten mit den Flinten unter den Feind, zogen den Haken an, und ein Augenblick — da stand Mykalis und Leon bei dem Feinde. Leon zog ein Pistol und schoß den ersten nieder; sein Säbel blitzte hier — blitzte dort — und ein Türke stürzte über den andern. Da fällt Mykalis; doch Leonidas ist da, die Hellenen drängen vor; es entspinnt sich ein wütender Kampf, doch die Griechen, die noch auf ihrem Schiff waren, feuern mutig darauf los, und nach kurzer Zeit strecken einige Türken die Waffen. Da stürzt ein riesiger Arnaut aufs Deck, schwingt seinen Säbel und schreit:

„Wie, Moslemim, Ihr wollt Euch von den Ungläubigen schlachten lassen? Ergreift Eure Säbel und haut die Hunde nieder!“

Er springt vor und haut einen Hellenen nieder. „Wo ist der Anführer?“ ruft er. „Hier“, schreit Leonidas und dringt vor. Sie kämpfen. Leonidas hält sich kalt bei den schweren wütenden Hieben seines Feindes. Dieser, in blinder, toller Wut, rennt voran, schlägt zu und trifft auch seinen Gegner auf den linken Arm. Da faßt dieser sein breites Schwert mit Kraft und zerschlägt des Feindes Säbel, schlägt noch einmal, und das Blut dringt aus des Türken Brust. Doch ein andrer Türke rennt auf jenen ein und versetzt ihm einen Hieb quer übers Gesicht, daß er fällt. Leon sieht ihn fallen, schlägt den Mörder tot, hält den Feind zurück, und nun streckt dieser die Waffen.

Doch der verwundete Anführer landet eben auf seinem Boote mit zehn Mann auf Makronisi.

Jetzt übersieht er den Kampfplatz. Zwölf Türken lagen tot da, Acht waren verwundet; zehn streckten die Waffen, und zehn waren entkommen.

Doch auch vier Griechen lagen tot da; Mykalis lag im Sterben; Notos hatte einen Schuß im Schenkel; der Hauptmann hatte den Hieb, und noch drei andre waren leicht verwundet. Auch Leon hatte einen Streifschuß am Kopf und eine Schmarre am linken Arm.

Stephano trat zu ihm. „Du hast Dich brav gehalten, Leon; doch sollst Du zu Leonidas kommen. Was, Du blutest ja?“

„Ach, es ist nichts, nur wenig. Daß der verwünschte Arnaut uns entkommen ist, das ärgert mich am meisten. Ich hätte ihn gerne vollends erschlagen.“

Er ging zu Leonidas. Dieser sagte: „Leon, ich übertrage Dir hiermit Notos Kommando bis zu seiner Genesung. Stephanos ist Oberbefehlshaber, bis ich mein Amt wieder antreten kann. Geh einmal zu Mykalis, wie’s ihm geht.“

Er gehorchte. „Er ist sehr schwach; er hat einen Schuß in die Brust und einen Bruch in den Schenkel. Doch hat Taras noch Hoffnung.“

Stephano kam zurück. „Das Schiff hat Baumwolle für Athinai und Munition für Nauplia geladen. Auch Datteln, Kokosnüsse, Feigen und allerlei Vorräte in Überfluß, um sie gelegentlich zu verkaufen.“

„Bring alles herüber, was von Wert im Schiff ist, und laß nach dem Hafen Raphti steuern,“ sprach Leonidas. „Leon, geh’ mit Stephano hinüber. Ihr fragt die Gefangenen aus; Du notierst alle ihre Aussagen.“

Er ging. Die Aussagen der Gefangenen waren etwa folgende: Das Schiff sei ein Kauffahrer und gehöre einem Kaufmann zu Ismir3, Murad. Sein Bruder Ali habe das Schiff befehligt und sei eben der, den Leon verwundet hatte. Sie seien bis S. gefahren, wo sie die Nachricht erhalten hätten, es seien Korsaren in dieser Gegend. Deshalb hätten sie gestern abend noch zehn Mann nach Athinai genommen. Da hätten sie das Schiff gesehen und seien überfallen worden. Auf die Frage, wo die griechischen Passagiere seien, sagten sie, einer sei in die See gestürzt, und den andern habe Ali erschlagen, als das Korsarenschiff erkannt worden sei.

Nun wurde das Schiff durchsucht. Außer den schon angegebenen Vorräten fand man viele Waffen und Munition, auch Tuch und Kleidungsstücke. Das beste aber waren drei Säcke mit Gold, in jedem 5000 Piaster. Diese wurden in die Kajüte des griechischen Schiffs gebracht.

Zwischen Sunium und der argolischen Halbinsel liegt ein kleines Eiland4, felsig und unbewohnt, dorthin fuhr Leonidas. Man landete am folgenden Morgen. Da man aber vor Ali und den Türken, die gewiß den Pascha von Eyribos oder Athen dazu vermögen würden, ein Schiff gegen die Räuber zu senden, so setzte man hier die Türken aus, gab ihnen einigen Mundvorrat, zwei Säbel und eine Flinte mit Munition, damit sie sich durch Jagd der Hasen und dgl., die viel auf solchen Inseln sind, ernähren könnten.

Man wollte abfahren — da fehlte Leon. Er war auf die Jagd gegangen; man suchte — da hörte man einen Schuß, eilte in der Richtung und — Leon lag dort in seinem Blute, neben ihm ein erschossener Türke, und ein andrer, mit dem blutigen Säbel Leons in der Hand, stand dabei. Stephano, der am ersten da war, sprang herzu und griff den Türken an. Nach kurzem Gefecht schlug er dem Feinde den Säbel aus der Hand, riß ihn zu Boden und schlug ihm den Kopf ab.

Nun kamen noch mehrere, Leon wurde auf eine Bahre von Zweigen gelegt und heimgetragen. Da fand denn Taras, der die Wunde untersuchte, daß ihm der Türk einen Hieb über den Kopf, einen über den Schenkel und einen leichten Streifhieb über den Arm versetzt hatte.

Endlich kam der Verwundete zu sich. „Wo ist mein Säbel?“ war seine erste Frage. Als man ihm ihn zeigte, sagte er: „Wo ist der Türk, der mich schlug?“

„Ich habe ihn erschlagen,“ sagte Stephano. „Aber halte Dich ruhig, Du bist gefährlich verwundet!“

Die Wunde über den Kopf war gefährlich; der Transport auf dem Schiffe hätte nur schaden können, deshalb wurde beschlossen, die Türken einzufangen und sie an der Küste von Morea auszusetzen; dagegen Leon, Mykalis, der auch noch gefährlich war, Notos und Leonidas hierzulassen und zu ihrer Pflege drei Leute. Nach einigen Wochen wollte Stephanos sie wieder einnehmen. Die Türken wurden wieder zusammengebracht, nur einer fehlte noch; doch da sie in der Ferne ein türkisches Schiff gewahrten, ging das Korsarenschiff mit Stephanos unter Segel. Doch blieben außer den Verwundeten und Taras mit seinen beiden Gehülfen noch fünf da, die das türkische Schiff nach Epina schaffen sollten und am folgenden Tag abfuhren.

Leon besserte sich zusehends. Nach sechs Tagen konnte er schon vom Lager aufstehen und etwas herumgehen. Auch Mykalis trat in der folgenden Woche wieder vor die Türe der kleinen Hütte, die sie erbaut hatten. Leonidas und Notos waren schon fast wieder heil, und oft auf der Jagd gewesen. Einst kam Notos zurück und sagte:

„Ich habe einen Türken gesehen. Er lief aber schnell weg. Laßt uns uns nur hüten.“

Am folgenden Tage ging er wieder mit Leonidas auf die Jagd. Sie trafen eine wilde Ziege. Sie trennten sich. Notos strich durch die Wälder — da fällt ein Schuß, Notos fällt, und der Türke, mit einer Pistole in der Linken und einem Dolch in der Rechten, stürzt hervor, bückt sich, schwingt den Dolch, da erhebt sich der Verwundete, zieht ein Pistol und schießt den Moslem nieder. Bald kamen alle Griechen zusammen. Der Türk war tot, sein Schuß war Notos in die Brust gefahren, doch hatte der Griff seines Dolchs den Schuß matt gemacht und war nicht gefährlich.

Notos wurde nach Hause getragen und litt noch eine Woche, ehe er wieder aufstehen konnte. Dann waren alle heil; aber der Mundvorrat war auf, und die Insel nährte durch Jagd nur schwach.

Vier Wochen waren sie nun auf der Insel, da kam Stephano und holte sie ab. Er hatte das türkische Schiff an einen englischen Kaufmann zu Thessalonich für 10000 Piaster verkauft; ebenso einem andern die Baumwolle für 4000 Piaster. Das Korsarenschiff war neu ausgerüstet, drei Kanonen neu, die Munition dreifach, Flinten und andre Waffe in Überfluß da. Auch waren die gut belohnten Räuber in besserem Zustande. Jetzt fuhr das Schiff nach Candia zu. Als nun Milo ihnen im Gesichte lag, zeigte sich ein, nach seiner Bauart, türkisches Schiff. Gleich fällt Leonidas hinterher und verfolgt es bis in den Busen von Milo. Dort liegen mehrere kleine Inseln, die den Busen schließen. Hier flieht das Schiff unter die Kanonen des Docks vom Hafen. Nun zeigt sich, daß es eine ägyptische Galeere ist. Es entspinnt sich ein wütender Kampf. Die Griechen feuern tapfer; aber da fährt ein türkisches Schiff in den Busen und greift — ein kleines Kriegsschiff — die Hellenen im Rücken an. Da entert Leonidas die Türken — schickt Stephanon herüber, und nach kurzem Kampfe ist das Schiff erobert.

Unterdessen aber fuhr eine Salve des Forts in das griechische Schiff und es sinkt. Da wird es eilend an das Ufer auf eine Sandbank gelenkt, wo es auch strandet. Aber die Leute steigen aufs türkische eroberte Schiff, drängen die Galeere heftig, entern sie. Leon springt hinüber, ihm folgen andre; Stephanos sogleich auch, und er greift an. Leon immer voraus, badet sein Schwert im Blute der Moslemim; rasend schlägt er zu, Stephanos folgt ihm, und sie dringen weit vor. Da bekommt Leon den feindlichen Anführer, einen riesigen Egyptier, vor sich. Er ficht mit ihm, keiner kann den andern überwinden; endlich versetzt Leon seinem Gegner hurtig einen Hieb über den linken Arm; da zieht dieser ein Pistol, schießt, trifft aber statt Leons einen andern Hellenen, und fällt um unter den Hieben seines tapfern Gegners. Mit seinem Fall ist das Schiff erobert. Die wenigen Türken strecken die Waffen und werden ans Land gesetzt, wo Taras als Unterhändler in türkischer Kleidung aufs Fort geht, um über die Wiederherstellung des Schiffs zu unterhandeln. Der habsüchtige Pascha wird gegen ein Geschenk von dreihundert Piastern gewonnen, schickt aber heimlich ein Boot nach Siphanto hin, wo sich einige Schiffe der türkischen Flotte befanden. Es fand sie, und sogleich segelten alle drei hinzu. Notos und Taras waren auf ihrem Boote vor den Busen hinausgefahren, da erblickten sie die Schiffe und brachten Leonidas die Nachricht. Dieser ließ schnell seine Leute zum Teil auf die türkischen Schiffe, wohin er Munition für Kleingewehr und einige Kanonen bringen ließ; die meisten aber ließ er auf sein Schiff gehen, wohin auch etwa dreißig neuangeworbene Burschen von Milo gingen. Leon, der die kleine Kriegsbrigg befehligte, legte sich an den Eingang des Hafens. Nun kommen die Türken. Ein Schiff segelt zuerst hinein. Da gibt Leon diesem eine volle Salve in den Bug, dreht das Schiff, entert und kommt mit der ganzen Mannschaft herüber. Aber von der andern Seite legt das folgende Schiff an, sendet seine Mannschaft, und es entsteht ein wütender Kampf. Leon kämpft tapfer. Mancher Türke fällt unter seinen Streichen, aber auch mancher tapfre Hellene mußte unter den Schwertern der Türken sein Leben aushauchen, und das Glück neigt sich auf die Seite der Barbaren, die aber auch in dreifacher Zahl da waren. Da sieht Leon den Mörder seines Vaters. Wut erfaßt ihn, als er den großen Arnauten sieht, der eben einen alten Hellenen niederschlägt. „Hunkiar!“ (Mörder) ruft er, „wende Dich gegen Jünglinge!“ Gleich auch wendet er sich und kämpft, an Kraft dem Hellenen doppelt überlegen, aber zurückstehend gegen dessen Wut. Sie kämpfen wütend. Schlag fällt auf Schlag. — Da entfällt dem Türken der Säbel, als Leon ihm einen Hieb über die Hand gibt. Doch er reißt den wohlbekannten Hammer aus dem Gurt und schlägt rasend vor Wut und Schmerz auf Leon zu, und bald sitzt des Hammers breite Fläche auf Leons hoher Stirne zum zweiten Male, und Leon fällt unter beständigen schweren Streichen des Türken.

„Der ist zur Hölle!“ ruft er. Nun an die andern; doch diese sind fast alle schon tot, und nur wenige sind, der Waffen beraubt, gefangen.

Unterdessen aber waren die beiden andern Schiffe in den Hafen gefahren und verfolgten Leonidas, der sich mit seiner ganzen Mannschaft und dem Gelde auf die Galeere warf und, den Verfolgungen der Feinde entgehend, glücklich aus dem Hafen ins hohe Meer kam und nach Belo Paulo segelte, wo er sich Nachricht von Leon und den übrigen verschaffen wollte.

  1. Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilios hinsinkt,
    Priamos auch, und das Volk des lanzenschwingenden Königs. ↩

  2. Leibrock. Das Unterkleid der Griechen: κίτων oder Κίθων. ↩

  3. Smyrna ↩

  4. San Giorgio di Asparra genannt ↩