Geschrieben 1837 in Berlin; zuerst veröffentlicht in der Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abteilung, Bd. 1, 2. Halbband (Berlin 1929), S. 76-89. Text nach dieser Ausgabe, ohne den Apparat der Herausgeber. Traducción al español.
Erstes Buch
10. Kapitel
Es folgt hier, wie wir im vorigen Kapitel versprachen, der Beweis, daß besagte Summe von 25 Talern dem lieben Gott persönlich zugehöre.
Sie sind herrenlos! Erhabener Gedanken, keines Menschen Macht besitzt sie, doch die hehre Macht, die über Wolken segelt, umspannt das All, also auch besagte 25 Taler, sie streift mit ihren Fittigen, die aus Tag und Nacht, aus Sonne und Sternen, aus Riesenbergen und endlosen Sandflächen gewebt sind, die da klingen wie Harmonien, wie das Rauschen des Wasserfalls, wo die Hand des Irdischen nicht mehr hinreicht, also auch an besagte 25 Taler, und — doch ich kann nicht weiter, mein Innerstes ist aufgeregt, ich blicke in das All und in mich und auf besagte 25 Taler, welcher Stoff in diesen drei Worten, ihr Standpunkt ist Unendlichkeit, sie klingen wie Engelstöne, sie erinnern an das letzte Gericht und den Fiskus, denn — es war Grethe, die Köchin, welche Scorpion, aufgeregt von den Erzählungen seines Freundes Felix, hingerissen von seiner flammenreichen Melodie, überwältigt von seinem frischjugendlichen Gefühle, an sein Herz drückt, eine Fee in ihr ahnend.
Ich schließe daher, daß Feen Bärte tragen, denn Magdalene Grethe, nicht die reuige Magdalene, sie prangte gleich einem ehrenfesten Krieger mit Backen- und Schnauzbart, die sanften Backen schmiegten sich kräuselnd an das schöngeformte Kinn, das gleich einem Felsen auf einsamem Meere, die Menschen erblicken ihn aber von weitem, aus der platten Wassersuppschüssel des Gesichts gigantisch und stolz seiner Erhabenheit sich bewußt, hervorragte, die Lüfte durchschneidend, Götter bewegend, Menschen erschütternd.
Die Göttin der Phantasie schien von einer bärtigen Schönheit geträumt und sich in den zauberischen Gefilden ihres weitschweifigen Antlitzes verloren zu haben und, als sie erwachte, da war es Grethe selbst, die geträumt hatte, und Schreckliches, sie sei die große Buhle von Babylon, die Offenbarung Johannis und der Zorn Gottes, er habe ein spitziges Stoppelfeld auf der von zarten Wellenlinien durchfurchten Haut hervorsprießen lassen, damit ihre Schönheit nicht zur Sünde reize und ihre Jugend geschützt sei, wie die Rose durch Dornen, damit die Welt
erkenne
und nicht für sie entbrenne.
12. Kapitel
„Ein Pferd, ein Pferd, ein Königreich für’s Pferd“ sprach Richard der Dritte,
„Ein Mann, ein Mann, mich selbst für einen Mann“ sprach Grethe.
16. Kapitel
„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort und das Wort ward Fleisch und wohnete unter uns und wir sahn seine Herrlichkeit.“
Unschuldiger, schöner Gedanke! Doch die Ideenassoziationen führten Grethen weiter, sie glaubte, das Wort wohne in den Schenkeln, wie Thersites bei Shakespeare, daß Ajax Kaldaunen in seinem Kopf und sein Verstand in seinem Bauche, sie, Grethe, nicht Ajax, überzeugt sich und erfaßt es, wie das Wort Fleisch geworden, sie sah in den Schenkeln seinen symbolischen Ausdruck, sie erblickte ihre Herrlichkeit und beschloß — sie zu waschen.
19. Kapitel
Sie hatte aber große blaue Augen, und blaue Augen sind trivial, wie das Wasser der Spree.
Eine dumme, sehnsüchtige Unschuld spricht aus ihnen hervor, eine Unschuld, welche sich selbst bedauert, eine wäss’rige Unschuld, wenn das Feuer ihr naht, geht sie auf in grauem Dampf, und weiter liegt nichts hinter diesen Augen, ihre ganze Welt ist blau, ihre Seele ein Blaufärber, aber braune Augen, — sie sind ein idealisches Reich, eine unendliche, geistvolle Nachtwelt schlummert in ihnen, Seelenblitze schlagen aus ihnen empor und ihre Blicke klingen, wie die Lieder Mignons, wie ein fernes, zartes Glutenland, welches ein reicher Gott bewohnt, der in seiner eignen Tiefe schwelgt und, in dem All seines Daseins versunken, Unendlichkeit ausstrahlt und Unendlichkeit leidet. Wir fühlen uns gebunden, wie durch Zauberbann, wir möchten das melodiereiche, tiefe, seelenvolle Wesen an unsere Brust pressen und den Geist aus seinen Augen saugen und Lieder aus seinen Blicken machen.
Wir lieben die üppigbewegte Welt, die sich uns erschließt, wir sehn im Hintergrunde riesenhohe Sonnengedanken, wir ahnen ein dämonisches Leiden, und zartbewegte Gestalten führen vor uns den Reihentanz, winken uns zu und treten scheu, wie die Grazie, zurück, sobald sie erkannt sind.
21. Kapitel
Philologische Grübeleien
Felix riß sich nicht gar sanft aus den Umarmungen seines Freundes los, denn er ahnte nicht dessen tiefe, gefühlvolle Natur und war eben mit der Fortsetzung — seiner Verdauung beschäftigt, der wir jetzt ein für allemal gebieten, den Schlußstein ihres großartigen Wirkens zu setzen, da sie uns in der Handlung aufhält.
So dachte auch Merten, denn ein heftiger Schlag, den Felix fühlte, war von seiner breiten historischen Hand geschlagen worden.
Der Name Merten erinnert an Karl Martel, und Felix glaubte sich wirklich von einem Hammer geliebkost, mit solcher Annehmlichkeit war die elektrische Erschütterung verbunden, die er verspürte.
Er riß die Augen auf, wankte und dachte an seine Sünden und das letzte Gericht.
Ich aber grübelte über die elektrische Materie, über den Galvanismus, über Franklins gelehrte Briefe an seine geometrische Freundin und über Merten, denn meine Neugierde ist höchst gespannt, zu entdecken, was dieser Namen verbergen mag.
Daß der Mann selbst in grader Linie von Martel abstamme, ist nicht zu bezweifeln: der Küster versicherte mir es, obgleich dieser Periode aller Wohlklang fehlt.
Das l verwandelt sich in ein n, und da Martel ein Engländer ist, wie jeder Geschichtskundige weiß, im Englischen aber das a oft wie das deutsche „eh“ lautet, welches mit „e“ in Merten zusammenfällt, so möchte Merten wohl eine andre Form von Martel sein.
Hiernach zu schließen, da bei den alten Deutschen der Name, wie aus mehreren Beiwörtern hervorgeht, als Krug, der Ritter, Raupach, der Hofrat, Hegel, der Zwerg, den Charakter seines Trägers ausdrückt, scheint Merten ein reicher, biederer Mann zu sein, obgleich er seines Gewerbs ein Schneider und in dieser Geschichte der Vater Scorpions ist.
Dieses letztere begründet eine neue Hypothese, denn teils weil er Schneider, teils weil sein Sohn Scorpion heißt, erhielt es viele Wahrscheinlichkeit, daß er von Mars, dem Kriegsgott, Genitiv Martis, griechischer Akkusativ Martin, Mertin, Merten, abstamme, denn das Handwerk des Kriegsgottes ist Schneiden, indem er Arm und Bein abschneidet und der Erde Glück zersägt.
Der Scorpion ist ferner ein giftiges, mit dem Blick tötendes Tier, dessen Wunden tötlich, dessen Augenblitz zerschmettert, eine schöne Allegorie für den Krieg, dessen Blick tötet, dessen Folgen dem Getroffnen Narben schlägt, die innerlich bluten, die nicht mehr zu heilen sind.
Da indessen Merten wenig heidnische Natur besaß, im Gegenteil sehr christlich gesinnt war, so scheint es noch wahrscheinlicher, daß er vom heiligen Martin abstamme, eine kleine Verwechslung der Vokale gibt Mirtan, das i lautet oft in der Sprache des gemeinen Volks wie e, z. B. „gib mer“ statt „gib mir“, und das a im Englischen, wie schon angedeutet, oft wie „eh“, was in der Folge der Zeit sich leicht zu e umgestaltet, besonders bei wachsender Kultur, so daß der Name Merten ganz natürlich entsteht und einen christlichen Schneider bedeutet.
Obgleich diese Ableitung durchaus wahrscheinlich und tief begründet ist, so können wir doch nicht umhin, noch einer andern zu gedenken, die sehr unsern Glauben an den heiligen Martin schwächt, der doch nur als Schutzpatron genommen werden könnte, da er nie, so viel wir wissen, verehlicht gewesen, also auch keinen männlichen Nachfolger besitzen konnte.
Dieser Zweifel scheint durch folgendes Faktum gehoben zu werden. Die ganze Mertensche Familie hatte die Eigenschaft mit dem Landpfarrer von Wakefield gemein, daß sie sobald wie möglich geheiratet, also frühzeitig und Geschlecht von Geschlecht im Myrthenkranze prangte, woraus auch allein, man müßte denn zu Wundern seine Zuflucht nehmen, zu erklären ist, daß Merten geboren wurde und in dieser Geschichte als Vater Scorpions erscheint.
„Myrthen“ müßte das „h“ verlieren, da bei der Schließung von Heiraten das „Eh“ hervortritt, also das „he“ wegfällt, woher dann aus „Myrthen“ „Myrten“ geworden.
„y“ ist ein griechisches „v“ und kein deutscher Buchstabe. Da nun, wie dargetan, die Mertensche Familie eine echtdeutsche Kernsippe war, und zugleich eine sehr christliche Schneiderfamilie, so mußte das ausländische, heidnische „y“ in ein deutsches „i“ sich verwandeln, und weil die Ehe das vorherrschende Element in derselben Familie, „i“ aber ein schrillender, auffahrender Vokal ist, obgleich die Mertenschen Ehen sehr sanft und gelind waren, so wurde es in ein „eh“ und später, damit die kühne Änderung nicht auffalle, in „e“ verwandelt, in dessen Kürze zugleich die Entschlossenheit bei Schließung der Ehe angedeutet ist, so daß „Myrthen“ in dem deutschen, vielsinnigen „Merten“ die höchste Form der Vollendung erreicht.
Nach dieser Deduktion hätten wir den christlichen Schneider des heiligen Martins, den gediegenen Mut des Martels, die rasche Entschließung des Kriegsgottes Mars, mit dem Ehreichen verbunden, was aus den beiden e’s in „Merten“ hervorklingt, so daß diese Hypothese alle bisherigen in sich vereinigt und zugleich umstößt.
Anderer Meinung ist der Scholiast, der Kommentare zu dem alten Historiker, aus dem unsere Geschichte geschöpft, mit großem Fleiße und anhaltender Anstrengung niedergeschrieben.
Obgleich wir seiner Meinung nicht beitreten können, so verdient sie doch eine kritische Würdigung, da sie aus dem Geiste eines Mannes entsprungen, der mit einer ungeheuren Gelehrsamkeit eine große Fertigkeit im Rauchen verband, dessen Pergamente vom heiligen Tabaksdampfe umhüllt, also in einer pythischen Weihrauchsbegeisterung mit Orakeln gefüllt worden.
Er glaubt, daß „Merten“ von dem deutschen „Mehren“, das von „Meer“ herrühren müsse, weil die Mertenschen Ehen sich „gemehrt“, wie Sand am „Meere“, weil ferner in dem Begriffe eines Schneiders der Begriff eines „Mehrers“ verborgen liege, indem er aus Affen Menschen mache. Auf diese gründlichen, tiefsinnigen Forschungen hat er seine Hypothese gebaut.
Als ich sie las, ergriff’s mich wie schwindelndes Staunen, das Tabaksorakel riß mich hin, aber bald erwachte die kalte, unterscheidende Vernunft und warf folgende Gegengründe ein.
In dem Begriffe eines Mehrers, den ich besagtem Scholiasten in dem Begriffe eines Schneiders allenfalls einräumen kann, soll keinenfalls der Begriff eines Minderers eingeschlossen liegen, weil dieses ein contradictio in terminis, für die Damen, den Herrgott im Teufel, den Witz in einer Teegesellschaft, sie selbst aber als Philosophen setzte. Wenn aber aus „Mehrer“ „Merten“ geworden, so wäre das Wort offenbar um ein „h“ vermindert, also nicht vermehrt worden, was seiner formellen Natur als substantiell widersprechend erwiesen ist.
Also kann „Merten“ keinenfalls von „Mehren“ abstammen, und daß es aus Meer entsprungen, wird durch das Faktum widerlegt, daß die Mertenschen Familien nie ins Wasser gefallen, auch nie wankelmütig, sondern eine fromme Schneiderfamilie gewesen, was dem Begriff eines hochaufbrausenden Meeres widerspricht, aus welchen Gründen sich ergibt, daß besagter Autor, trotz seiner Unfehlbarkeit, geirrt und unsere Deduktion die einzig richtige ist.
Nach diesem Siege bin ich zu ermüdet, um weiter fortzufahren und will im Glück der Selbstzufriedenheit schwelgen, wovon, wie Winkelmann behauptet, ein Moment mehr wert ist, als das ganze Lob der Nachwelt, obgleich ich von diesem ebenso überzeugt bin, wie Plinius der Jüngere.
22. Kapitel
„Quocumque adspicias, nihil est nisi pontus et aer,
Fluctibus hic tumidis, nubibus ille minax.
Inter utrumque fremunt immani turbine venti:
Nescit, cui domino pareat, unda maris.
Rector in incerto est: nec quid fugiatve petatve
Invenit: ambiguis ars stupet ipsa malis.“
„Wo du auch immer hinblickst, du siehst Scorpion nur und Merten,
Jenen in Tränen geschwellt, diesen umnebelt vom Zorn.“
„Zwischen den beiden erdröhnt’s, wie unendlich hinbrausender Wortschwall,
Weiß nicht, wem es als Herrn, horche das flutende Meer.“
„Ich, der Rektor, ich schwatz’, und was ich lass’, was ich schreibe,
Find ich nicht, vor dem Skandal kriecht in den Ecken die Kunst.“
So erzählt Ovid in seinen libri tristium die traurige Geschichte, die als die folgende der vorherigen nachgeht. Man sieht, er wußte sich nicht mehr zu helfen, ich aber erzähle wie folgt: — —
23. Kapitel
Ovid saß zu Tomi, wohin ihn der Zorn des Gottes Augustus geschleudert, weil er mehr Genie als Verstand besaß.
Hier verwelkte unter den wilden Barbaren der zarte Dichter der Liebe, und die Liebe selbst hatte ihn gestürzt. Sein sinnendes Haupt stützte sich auf die Rechte, und sehnende Blicke schweiften nach dem entlegnen Latium. Des Sängers Herz war gebrochen, und doch mußte er noch hoffen und doch konnte seine Leier nicht verstummen und glühte in melodiereichen, süßberedten Liedern seine Sehnsucht und seinen Schmerz aus.
Um die Glieder des gebrechlichen Alten sauste der Nordwind, ihn mit unbekannten Schauern erfüllend, denn er hatte ja im heißen Südenlande geblüht, seine Phantasie hatte dort ihre üppigen, warmen Spiele mit Prachtgewanden geschmückt, und wo diese Kinder des Genies zu frei waren, da schlug die Grazie ihren göttlichen, leisverhüllenden Schleierkranz um die Schultern, daß die Falten weit umherwehten und warme Tautropfen regneten.
„Bald Asche, armer Dichter!“ und eine Träne rollte über die Wange des Greisen, als — Mertens gewaltige Baßstimme sich tiefbewegt gegen Scorpion vernehmen ließ. —
27. Kapitel
„Unwissenheit, grenzenlose Unwissenheit.“
„Weil (bezieht sich auf ein früheres Kapitel) seine Knie sich zu viel nach einer gewissen Seite hinbeugten!“, aber das bestimmte fehlt, das bestimmte, und wer mag es bestimmen, wer ergründen, welche Seite die rechte, welche die linke sei?
Sage du mir, Sterblicher, von wannen kömmt der Wind, oder trägt Gott eine Nase im Gesicht, und ich will dir sagen, was rechts und links sei.
Nichts, als relative Begriffe, es ist, um sich Narrheit, Raserei in der Weisheit zu trinken!
O! vergebens ist all unser Streben, Wahn unsere Sehnsucht, bis wir ergründet, was rechts und links sei, denn zur Linken wird er die Böcke stellen, zur Rechten aber die Schafe.
Dreht er sich um, nimmt er eine andere Richtung, weil ihm nachts geträumt, so stehn die Böcke rechts und die Frommen links nach unsren elenden Ansichten.
Darum bestimme mir, was rechts und links sei, und der ganze Knoten der Schöpfung ist gelöst, Acheronta movebo, ich deduziere dir genau, wohin deine Seele zu stehn kömmt, woher ich weiter schließe, auf welcher Stufe du jetzt stehst, denn jenes Urverhältnis erschiene meßbar, indem dein Standpunkt von Seiten des Herren bestimmt wäre, dein hiesiger aber kann nach der Dicke deines Kopfes abgemessen werden, ich schwindle, wenn ein Mephistopheles erschiene, ich würde Faust, denn es ist klar, wir alle, alle sind ein Faust, indem wir nicht wissen, welche Seite die rechte, welche die linke ist, unser Leben ist daher ein Zirkus, wir laufen umher, suchen nach den Seiten, bis wir auf den Sand fallen und der Gladiator, eben das Leben, uns umbringt, wir müssen einen neuen Erlöser haben, denn — peinigender Gedanke, du raubst mir Schlummer, du raubst meine Gesundheit, du tötest mich — wir können nicht die linke von der rechten Seite unterscheiden, wir wissen nicht, wo sie liegen ——
28. Kapitel
„Offenbar im Monde, im Mond liegen die Mondssteine, in der Brust der Weiber die Falschheit, im Meere Sand und auf der Erde Berge!“ erwiderte ein Mann, der an meine Tür klopfte, ohne zu warten, bis ich ihn hereinrief.
Rasch schob ich meine Papiere beiseite, sagte ihm, daß es mich sehr freue, ihn bisher nicht gekannt zu haben, weil mir so das Vergnügen erwüchse, ihn kennen zu lernen, daß er große Weisheit lehre, daß all meine Zweifel durch ihn beschwichtigt seien, allein, so schnell ich auch sprach, er sprach noch schneller, zischende Laute drängten sich zwischen seine Zähne hervor, der ganze Mann schien, wie ich mit Schauer bei näherer Durchsicht und Einsicht gewahrte, eine vertrocknete Eidechse, nichts als Eidechse, gekrochen aus moderndem Gemäuer.
Er war von untersetzter Größe, und seine Statur hatte viel Ähnlichkeit mit der meines Ofens. Seine Augen konnten eher grün als rot, und eher Stecknadeln als Blitze, er selbst aber eher ein Kobold als ein Mensch genannt werden.
Ein Genie! Das erkannte ich schnell und sicher, denn seine Nase war aus seinem Kopfe gesprungen, wie Pallas Athene aus dem Haupte des Allvater Zeus, woher ich mir auch ihre zarte Scharlachglut erklärte, die auf ätherische Abkunft hinwies, während das Haupt selbst haarlos genannt werden konnte, man müßte denn eine dicke Rinde Pomade, die mit andern Luft- und Urerzeugnissen auf dem Primitivgebirge wucherte, eine Kopfbedeckung nennen wollen.
Alles an ihm deutete auf Höhe und Tiefe, aber seine Gesichtsbildung schien einen Aktenmensch zu verraten, denn die Backen waren wie hohle, glatte Schüsseln und so vor Regen geschützt durch die gigantisch hervortretenden Knochen, daß man Papiere und Regierungsdekrete in sie hineinlegen konte.
Kurz, aus allem wird man sehen, daß er der Gott der Liebe selbst gewesen, wenn er sich nicht selbst geglichen, und daß sein Name hold klingt wie Liebe, wenn er nicht eher an einen Wachholderstrauch erinnert hätte.
Ich bat ihn, sich zu beruhigen, denn er behauptete, er sei ein Heros, worauf ich ihm bescheiden einwarf, die Heroen seien etwas besser gebaut gewesen, die Herolde dagegen hätten eine einfachere, minder kombinierte, wohlklingendere Stimme gehabt und die Hero endlich sei eine verklärte Schönheit, eine wahrhaft schöne Natur, in welcher Form und Seele ränge, sich allein die Vollendung zuzuschreiben, sie pässe also nicht für seine Liebe.
Er aber warf dagegen ein, daß’s’s er’r’r einen starken Knochenbau besitze, daß er einen S’S’Schatten habe, so gut und noch besser wie andre Menschen, indem er mehr S’S’Schatten als Licht werfe, daß’s’s also sein Gemahl in seinem Schatten sich abkühlen, gedeihen und selbst ein S’S’Schatten werden könne, daß ich ein r’r’r’rüder Mensch sei, dabei ein Lumpengenie und ein Dummkopf, daß’s’s er Engelbert heiße, und der N’Name klinge besser’r’r, wie S’Scorpion, daß’s’s’s ich mich getäuscht im 19ten Kapitel, indem blaue Augen s’s’schöner seien’n’n’n als braune, daß’s’s’s Taubenaugen die geistreichsten und er selbst, wenn auch keine Taube, doch wenigstens ein Tauber für die Vernunft, dabei l’l’liebe er das Majorat und besitze einen Waschschrank.
„S’S’Sie soll meiner’r’r R’Rechten angetraut werden, und du laß’s’s deine Forschungen über rechts und links, gegenüber wohnt sie und weder rechts, noch links.“
Die Türe war zugeklappt, eine Himmelserscheinung trat aus meiner Seele, das hold klingende Gespräch hatte geendet, aber wie Geisterstimme rauschte es durch das Schlüsselloch: „Klingholz, Klingholz!“
29. Kapitel
Ich saß sinnend da, legte Locke, Fichte und Kant beiseite, ergab mich tiefer Forschung, zu finden, wie ein Waschschrank mit dem Majorat zusammenhängen möge, als es mich wie ein Blitz durchfuhr und Gedanke auf Gedanke tönend meinen Blick verklärte und eine Lichtgestaltung vor mein Auge trat.
Das Majorat ist der Waschschrank der Aristokratie, denn ein Waschschrank ist nur, um zu waschen. Die Wäsche bleicht aber, leiht also bleichen Glanz dem Gewaschenen. Ebenso versilbert das Majorat den ältesten Sohn des Hauses, leiht ihm also bleiche Silberfarbe, während es den andern Mitgliedern die bleiche romantische Farbe der Not aufdrückt.
Wer in Flüssen badet, der wirft sich entgegen dem brausenden Elemente, bekämpft dessen Wut und ringt mit kräftigen Armen; allein, wer im Waschschrank sitzt, bleibt eingeschlossen und betrachtet die Ecken der Mauern.
Der Gewöhnliche, d.h. der nicht Majoratsherrliche, kämpft mit dem tobenden Leben, stürzt sich hinein in das schwellende Meer und raubt prometheischer Rechte Perlen aus seiner Tiefe, herrlich tritt ihm die innere Gestaltung der Idee vor das Auge, und kühner schafft er, aber der Majoratsherr läßt nur die Tropfen auf sich fallen, fürchtet die Glieder zu verrenken und setzt sich daher in einen Waschschrank.
Gefunden Stein der Weisen, gefunden!
30. Kapitel
Ein Epopee kann daher in unsern Tagen nicht gedichtet werden, wie sich aus den zwei eben angestellten Untersuchungen ergibt.
Fürs erste stellen wir nämlich gründliche Betrachtungen über die rechte und linke Seite an, ziehn also diesen poetischen Ausdrücken ihr poetisches Gewand ab, wie Apollo dem Marsyas die Haut und machen sie zur Zweifelsgestaltung, zu dem ungestalten Pavian, der Augen hat, um nicht zu sehn und ein umgekehrter Argus ist; dieser hatte hundert Augen, um Verlornes zu entdecken, er, der grämliche Himmelsstürmer, der Zweifel, besitzt hundert Augen, um Gesehnes ungesehn zu machen.
Die Seite, der Ort ist aber ein Hauptkriterium der epischen Poesie, und sobald es keine Seiten mehr gibt, wie bei uns nachgewiesener Weise geschieht, kann sie erst aus ihrem Todesschlummer sich erheben, wenn Trompetenschall Jericho erweckt.
Ferner haben wir den Stein der Weisen gefunden, alle zeigen leider auf den Stein und sie ——
31. Kapitel
Sie lagen auf dem Boden, Scorpion und Merten, denn die überirdische Erscheinung (bezieht sich auf ein früheres Kapitel) hatte ihre Nerven so erschüttert, daß die Kohäsionskraft ihrer Glieder in dem Chaos der Expansion, die wie der Embryo sich noch nicht aus den Weltverhältnissen zur besonderen Form losgerissen hat, aufgelöst wurde, so daß ihre Nase bis zum Nabel und ihr Kopf auf die Erde sank.
Merten blutete dickes Blut, es war viel Eisenstoff in demselben enthalten, wieviel vermag ich nicht zu bestimmen, weil es mit der Chemie im ganzen noch schlecht bestellt ist.
Die organische Chemie vorzüglich wird täglich kombinierter durch Vereinfachung, insofern täglich neue Ursubstanzen entdeckt werden, die das gemein haben mit den Bischöfen, daß sie Namen von Ländern tragen, die den Ungläubigen gehören und in partibus infidelium liegen, Namen, die ferner so lang sind, wie der Titel eines Mitgliedes vieler gelehrten 10 Gesellschaften und der deutschen Reichsfürsten, Namen, die die Freigeister unter den Namen vorstellen, weil sie sich an keine Sprache binden.
Überhaupt ist die organische Chemie ein Ketzer, das Leben durch toten Prozeß erklären zu wollen! Gefrevelt am Leben, als wenn ich die Liebe aus der Algebra entwickelte.
Das Ganze beruht offenbar auf der Lehre vom Prozeß, die noch nicht gehörig ausgearbeitet ist und es nie werden kann, weil sie sich auf das Kartenspiel, ein Spiel des baren Zufalles, stützt, in welchem der Aß eine Hauptperson ist.
Der Aß hat aber die ganze neuere Jurisprudenz begründet, denn Irnerius hatte eines Abends sein Spiel verloren, er kam grade aus einer Damengesellschaft, und war fein gekleidet, trug einen blauen Frack, neue Schuhe mit langen Schnallen und eine seidene karmoisinrote Weste, als er sich hinsetzte und eine dissertatio über das As schrieb, welches ihn dann weitertrieb, so daß er anfing römisches Recht zu lehren.
Das römische Recht schließt aber alles ein, auch die Lehre vom Prozeß, auch die Chemie, — denn es ist der Microcosmus, der sich vom Macrocosmus losgerissen, wie Pacius dargetan hat.
Die vier Bücher der Institutionen sind die vier Elemente, die sieben Bücher der Pandekten die sieben Planeten und die zwölf Bücher des Kodex die zwölf Zeichen des Tierkreises.
Kein Geist ist aber hineingetreten in das Ganze, sondern es war Grethe, die Köchin, welche zum Abendessen rief.
Scorpion und Merten hatten in heftiger Aufregung die Augen zugehalten und so Grethe für eine Fee versehn. Als sie sich von ihrem spanischen Schrecken, datiert von der letzten Niederlage und dem Siege des Don Carlos, erholt, stürzte sich Merten auf Scorpion und stieg empor, wie eine Eiche, denn O wird der Moses sagen, der Mensch soll die Sterne ansehn und nicht zur Erde schauen, Scorpion aber ergriff die Hand seines Vaters und gab seinem Körper eine gefährliche Lage, indem er ihn auf zwei Füße stellte.
35. Kapitel
„Bei Gott! der Schneider Merten ist ein guter Helfer, er läßt sich aber auch teuer bezahlen!“
„Vere! beatus Martinus bonus est in auxilio, sed carus in negotio!“ rief Klodwig aus nach der Schlacht bei Poitiers, als ihm die Geistlichen zu Tours erklärten, daß Merten seine Reithose zurechtgeschnitten, mit welcher er den mutigen Klepper ritt, der ihm den Sieg errang, und als sie zweihundert Goldgulden für diesen Dienst Mertens verlangten.
Das Ganze verhält sich aber so — — — — — — — — — — — — — — — —
36. Kapitel
Sie saßen bei Tische, Merten an der Spitze, zu seiner Rechten Scorpion, zu seiner Linken Felix, der Altgesell, tiefer unten, indem eine gewisse Lücke zwischen den Principes und dem Plebs blieb, die untergeordneten Glieder in Mertens Staatskörper, gewöhnlich Gesellen benamst.
Die Lücke, welche kein menschliches Wesen einnehmen durfte, hielt nicht der Geist Banquos inne, sondern der Hund Mertens, der täglich das Tischgebet sprechen mußte, denn Merten, der die Humaniora bebaut, behauptete, sein Bonifacius, so hieß der Hund, sei ein und dieselbe Person mit dem heiligen Bonifacius, dem Apostel der Deutschen, indem er sich auf eine Stelle bezog, worin dieser meldet, er sei ein bellender Hund. (Siehe epist. 105, S. 145. Ed. Seraria.) Er hielt daher mit abergläubischer Verehrung auf diesen Hund, dessen Platz bei weitem der eleganteste war, eine zarte karmoisinrote Decke vom feinsten Kasimir, gepolstert wie ein üppiges Sofa, getragen von kunstvoll durcheinandergeschlungenen Federn, war der Sessel seines Bonifacius, seidene Quasten hingen herab; und sobald die Sitzung aufgehoben war, wurde derselbe an den einsamen Ort eines abgelegnen Alkoven getragen, welcher derselbe zu sein scheint, den Boileau in seinem patrie beschreibt als Ruhetempel des Probstes.
Bonifacius war nicht an seinem Platze, die Lücke stand offen und die Wangen Mertens entfärbten sich. „Wo ist Bonifacius?“ rief er aus tiefgepreßtem Herzen, und der ganze Tisch geriet in sichtbare Bewegung. „Wo ist Bonifacius?“ fragte Merten noch einmal, und wie fuhr er erschrocken zusammen, wie bebte jedes Glied seines Körpers, wie sträubte sich sein Haar, als er hörte, Bonifacius sei abwesend.
Alles sprang auf, ihn zu suchen, er selbst schien ganz von der gewöhnlichen Gemütsruhe verlassen, er klingelte, Grethe trat herein, ihr Herz ahnte Böses, sie glaubte ——
„He Grethe, wo ist Bonifacius?“ und sie beruhigte sich sichtbar, und er stolperte mit den Armen über das Licht, so daß das Dunkel alle umhüllte und eine unheilsschwangere, gewittervolle Nacht hereinbrach.
37. Kapitel
David Hume behauptete, dieses Kapitel sei der locus communis des früheren und zwar behauptete er dies, eh’ ich es noch geschrieben hatte. Sein Beweis war folgender: Indem dieses Kapitel ist, ist das frühere nicht, sondern dieses hat das frühere, aus dem es hervorgegangen, zwar nicht als Ursache und Folge, denn die bezweifelte er, verdrängt. Jeder Riese, also auch jedes Kapitel von zwanzig Zeilen, setzt aber einen Zwerg, jedes Genie einen ledernen Philister, jeder Aufruhr der Meere Schlamm und, sobald die ersten verschwinden, beginnen die letzteren, nehmen Platz am Tische und strecken gewaltsam ihre langen Beine aus.
Die ersteren sind zu groß für diese Welt, drum werden sie hinausgeworfen. Die letzteren dagegen schlagen Wurzeln in ihr und bleiben, wie man sich denn aus Tatsachen überzeugen kann, denn der Champagner läßt einen bleibenden, widerlichen Beischmack, der Held Cäsar den Schauspieler Oktavian, der Kaiser Napoleon den Bürgerkönig Ludwig Philipp, der Philosoph Kant den Ritter Krug, der Dichter Schiller den Hofrat Raupach, der Himmel Leibnitz die Schulstube Wolf, der Hund Bonifacius dieses Kapitel.
So schlagen die Basen als Bodensatz nieder, aber der Geist verraucht.
38. Kapitel
Der letzte Satz von den Basen war ein abstrakter Begriff, also kein Frauenzimmer, denn ein abstrakter Begriff und ein Frauenzimmer, wie verschieden sind sie nicht? ruft Adelung aus. Ich aber behaupte das Gegenteil und werde es gründlich nachweisen, allein nicht in diesem Kapitel, sondern in einem Buche, das aus gar keinen Kapiteln besteht, welches ich zu schreiben gedenke, sobald ich mich von der heiligen Dreieinigkeit überzeugt.
39. Kapitel
Wer einen anschaulichen und keinen abstrakten Begriff von derselben, ich meine nicht die griechische Helena, auch nicht die römische Lukretia, sondern die heilige Dreieinigkeit, zu erlangen wünscht, dem kann ich nicht besser raten, als Nichts zu träumen, bis er nicht eingeschlafen ist, sondern im Gegenteil, zu wachen im Herren und diesen Satz zu untersuchen, denn in ihm liegt der anschauliche Begriff. Steigen wir zu seiner Höhe, von unserem jetzigen Standpunkte um Stufen entfernt, wie eine Wolke drüber hingelagert, so tritt uns das gigantische „Nicht“ entgegen, lassen wir uns hinab zu seiner Mitte, so erschrecken wir vor dem riesenhaften „Nichts“ und senken wir uns in seine Tiefe, so versöhnen sich beide wieder harmonisch in dem mit aufrechtstehender, kühner Flammenschrift entgegenspringenden „Nicht“.
„Nicht“ — „Nichts“ — „nicht“
das ist der anschauliche Begriff der Dreieinigkeit, aber den abstrakten, wer möchte ihn ergründen, denn: „Wer führt hinauf zum Himmel und hinab?“ „Wer faßt den Wind in seine Hände?“ „Wer bindet die Wasser in sein Kleid?“ „Wer hat alle Erden der Welt gestellt?“ „Wie heißt er und wie heißet sein Sohn? Weißest du das?“ sagt Salomon der Weise.
40. Kapitel
„Ich weiß es nicht, wo er ist, aber das ist gewiß, ein Schädel ist ein Schädel!“ rief Merten. Ängstlich beugte er sich herab, um im Dunkel zu erkennen, wessen Haupt seine Hand berührte, als er wie vernichtet zurückfuhr, denn die Augen ——
41. Kapitel
Jawohl! die Augen!
Sie sind ein Magnet und ziehen Eisen an, weswegen wir uns denn auch zu den Damen, aber nicht zum Himmel gezogen fühlen, denn die 5 Damen sehn aus zwei Augen, der Himmel nur aus einem.
42. Kapitel
„Ich beweise ihm das Gegenteil!“ sprach eine unsichtbare Stimme zu mir, und als ich nach der Stimme hinblickte, da erblickte ich — sie werden es nicht glauben, allein ich versichere, ich beschwöre, es ist so, — da erblickte ich —, doch werden sie nicht böse, erschrecken sie nicht, denn es betrifft weder ihre Ehegenossin, noch ihre Verdauung —, da erblickte ich mich selber, denn ich selbst hatte mich zum Gegenbeweis erboten.
„Ha! ich bin ein Doppelgänger!“ durchfuhr es mich, und Hoffmanns Elixiere des Teufels ——
43. Kapitel
— Lagen vor mir auf dem Tische, als ich grade nachgrübelte, warum der ewige Jude ein geborner Berliner und kein Spanier ist; doch ich sehe, es fällt zusammen mit dem Gegenbeweis, den ich zu liefern, weswegen wir, der Präzision halb — keines von beiden tun wollen, sondern uns mit der Bemerkung begnügen, daß der Himmel in den Augen der Damen, die Augen der Damen aber nicht am Himmel liegen, woraus sich ergibt, daß uns nicht sowohl die Augen, als vielmehr der Himmel anzieht, denn die Augen erblicken wir nicht, sondern nur den Himmel in ihnen. Zögen uns die Augen und nicht der Himmel an, dann würden wir uns zum Himmel und nicht zu den Damen gezogen fühlen, denn der Himmel hat nicht ein Auge, wie oben bemerkt, sondern gar keines, aber er selbst ist nichts als ein unendlicher Liebesblick der Gottheit, aber das milde, melodiereiche Auge des Lichtgeistes, und ein Auge kann kein Auge haben.
Das Schlußresultat unserer Untersuchung ist daher, daß wir uns zu den Damen und nicht zum Himmel gezogen fühlen, weil in ihm wir die Augen der Damen nicht sehen, aber wohl den Himmel in ihnen; daß wir uns also sozusagen zu den Augen hingezogen fühlen, weil es keine Augen sind, und weil Ahasverus, der ewige, ein geborener Berliner ist, denn er ist alt und kränklich und hat viele Länder und Augen gesehen, aber er fühlt sich noch immer nicht zum Himmel, wohl aber zu den Damen gezogen, und zwei Magnete gibt es nur, ein Himmel ohne Augen und ein Auge ohne Himmel.
Der eine liegt über uns und zieht nach oben, der andere unter uns und zieht in die Tiefen. Den Ahasverus aber zieht es gewaltig nach unten, würde er sonst ewig in Erdenlanden wallen? und wallte er ewig in den Erdenlanden, wenn er nicht ein geborner Berliner und an Sandflächen gewohnt wäre?
44. Kapitel
Zweites Fragment aus Haltos Brieftasche
Wir kamen zu einem Landhause, es war schöne, dunkelblaue Nacht. Du hingst an meinem Arm und wolltest dich losmachen, aber ich ließ dich nicht, meine Hand band dich, wie du mein Herz gebunden, und du ließest dich halten.
Ich murmelte Worte voll Sehnsucht und sprach das Höchste und Schönste, was ein Sterblicher sagen konnte, denn ich sagte garnichts, ich war innerlich in mich versenkt, ich sah ein Reich aufsteigen, dessen Äther so leicht und doch so schwer wogte, und in dem Äther stand ein göttliches Bild, die Schönheit selber, wie ich sie einst in tiefen Phantasieträumen geahnt, aber nicht erkannt hatte, sie funkelte Geistesblitze, lächelte, und du warst das Bild.
Ich staunte vor mir selbst, denn ich war groß geworden durch meine Liebe, riesenhaft; ich sah ein unendliches Meer, aber keine Fluten brausten mehr in ihm, es hatte Tiefe und Ewigkeit gewonnen, seine Fläche war Kristall und in seinem dunklen Abgrund waren bebende, goldne Sterne angeheftet, die sangen Liebeslieder, die strahlten Glut von sich und das Meer selbst war warm!
Wäre der Weg das Leben gewesen!
Ich küßte deine süße, weiche Hand, ich sprach von Liebe und von dir. Ein leichter Nebel schwebte über unsrem Haupte, sein Herz brach, er weinte eine große Träne, sie fiel zwischen uns, wir aber fühlten die Träne und schwiegen. ——
47. Kapitel
„Entweder ist es Bonifacius oder ein Beinkleid!“ schrie Merten, „Licht, sag’ ich, Licht!“ und es ward Licht. „Bei Gott, es ist kein Beinkleid, sondern Bonifacius ist es, hier hingelagert, im finstren Winkel, und seine Augen glühn in einem düstern Feuer, doch was muß ich sehn?“ „Er blutet!“ und stumm stürzte er nieder. Die Gesellen betrachteten zuerst den Hund und dann ihren Herrn. Endlich riß sich dieser gewaltsam vom Boden. „Was gafft ihr Esel? Seht ihr nicht, daß der heilige Bonifacius verletzt ist? Ich werde strenge Nachforschungen anstellen und wehe, dreimal wehe dem Schuldigen; doch nun schnell, tragt ihn in seinen Sessel, ruft den Hausarzt, bringt Essig und lauwarmes Wasser und vergeßt nicht den Schulmeister Vitus zu rufen! Sein Wort vermag viel auf Bonifacius!“ So kurz gedrängt folgten die Befehle. Nach allen Seiten hin stürzten sie zur Türe hinaus, Merten betrachtete Bonifacius genauer, dessen Augen noch immer keinen milderen Glanz annahmen, und lange schüttelte er das Haupt.
„Uns steht ein Unglück bevor, ein großes Unglück! Ruft einen Geistlichen!“
48. Kapitel
Merten sprang einigemal verzweifelnd auf, als noch immer keiner der Helfer erscheinen wollte.
„Armer Bonifacius! Doch, wie wäre es, wenn ich selber wagte, vorläufig die Kur zu übernehmen? Du bist überhaupt erhitzt, das Blut strömt aus deinem Munde, du willst nicht essen, ich sehe gewaltsame Anstrengungen in deinem Unterleibe vorgehen, ich begreife dich, Bonifacius, ich begreife dich!“ und Grethe trat mit lauwarmem Wasser und Essig herein.
„Grethe! Seit wieviel Tagen hat Bonifacius Mangel an Öffnung? Habe ich dir nicht vorgeschrieben, ihm wenigstens jede Woche einmal ein lavement angedeihn zu lassen, doch ich sehe, ich werde künftighin selbst Geschäfte von solcher Wichtigkeit übernehmen müssen! Bringe Öl, Salz, Kleie, Honig und ein Klystier!“
„Armer Bonifacius! Deine heiligen Gedanken und Betrachtungen verstopfen dich, seitdem du sie nicht mehr in Rede und Schrift von dir geben kannst!“
„O! du bewunderungswürdiges Opfer von Ideentiefe, o du fromme Verstopfung!“