Text nach Marx/Engels, Historisch-kritische Gesamtausgabe (MEGA¹), Abt. I, Bd. 1, 2. Halbband, Berlin 1929, S. 3-58, ohne den Apparat der Herausgeber. Reinschrift von Marx’ Hand, seinem Vater 1837 zum Geburtstag geschenkt; zuerst in der MEGA¹ veröffentlicht. Traducción al español.
Gedichte
meinem
teuren Vater zu seinem Geburtstage 1837,
als schwaches Zeichen ewiger Liebe
K. H. Marx. Berlin.
Inhalt. Gedichte:
An den Vater.
Zauberharfe. Ballade.
Sehnsucht. Romanze.
Nachtliebe. Romanze.
Sirenengesang. Ballade.
Der Wassergreis. Ballade.
Erste Elegie aus den Büchern der Trauer des Ovid. Frei übersetzt.
Die Wahnsinnige. Ballade.
Blumenkönig. Phantastische Ballade.
Erwachen.
Des Verzweiflenden Gebet.
Lucinde. Ballade.
Weltgericht. Scherz.
Die beiden Harfensängerinnen. Ballade.
Epigramme auf Hegel.
Epigramme auf die Deutschen und Pustkuchen.
Auf einen Kahlkopf.
Harmonie.
Die Zerrissne. Ballade.
Menschenstolz.
Oulanem. Trauerspiel. Erster Akt.
Lied an die Sterne.
Lied eines Schiffers auf der See.
Das bleiche Mädchen. Ballade.
Waldquell.
Spielmann. Ballade.
Drei Lichtlein.
Entführung. Ballade.
Epigramme und Xenien.
Gesucht.
Gefunden.
Sonett.
Wechselgespräch. Ballade.
Seefels.
Männerl und Trommerl. Märlein.
Spaziergang.
Zauberschiff. Ballade.
Mondmann.
Nachtgedanken. Dithyrambe.
Traumbild. Dithyrambe.
Anhang: Einige Kapitel aus „Scorpion und Felix“. Humoristischer Roman.
Widmung. An den Vater
I. Schöpfung
Ferne zog auf leichten Wellen
Unerschaff’ner Schöpfergeist,
Welten wogen, Leben quellen,
Ewigkeit sein Auge kreist.
Seiner Blicke allbeseelend Walten
Brennt sich magischfester in Gestalten.
Räume beben, Zeiten wallen,
Betend um sein Antlitz hin,
Fluten branden, Sphären schallen,
Und die gold’nen Sterne ziehn.
Segnend winkt sein Vaterhaupt Gewährung,
Liebend zieht sich um das All Verklärung.
Leis in selbstempfund’nen Schranken
Drängt sich Ew’ges sinnend fort,
Bis die heil’gen Urgedanken
Form verhüllt und Dichtungswort.
Da ertönt’s, wie fern von Donnerleiern,
Wie ein ahndungsvolles Schöpferfeiern:
„Sterne ziehn und strahlen milder,
Welten ruhn in Urbergs Last,
Meines Geistes sel’ge Bilder,
Seid vom Geiste neu erfaßt.
Wenn die Busen wogend zu euch schlagen,
Sollt ihr liebend-fromm die Deutung sagen.
„Nur der Liebe seid erschlossen,
Ihr des Ew’gen ew’ger Sitz,
Wie ich mild in euch ergossen,
Schlag’ aus euch mein Seelenblitz.
«Harmonie kann nur das Gleiche finden,
Seelen können nur die Seele binden.»
„Aus mir brannten eure Geister,
Zu Gebilden deutungshehr,
Rückwärts kehrt ihr zu dem Meister,
Seid nun keine Bilder mehr,
Von des Menschen Liebblick heiß umfangen,
Ihr in ihm und er in mir vergangen!“
II. Dichtung
Schöpferähnlich strömten Flammen
Rieselnd mir aus Deiner Brust,
Hochweit schlugen sie zusammen,
Und ich nährt’ sie in der Brust.
Strahlend stand Dein Bild, wie Aeolsklingen,
Deckt die Gluten sanft mit Liebesschwingen.
Rauschen hört’ ich’s, sah es blinken,
Ferne Himmel zogen hin,
Tauchten auf, hinabzusinken,
Sanken, höher aufzufliehn.
Als der innre Kampf sich nun geschlichtet,
Blickt’ ich Schmerz und Lust im Lied verdichtet.
Schmiegend an der Formen Milde,
Steht die Seele festgebannt,
Aus mir schwollen die Gebilde,
Aus Dir waren sie entbrannt.
Geistig lösen sie die Liebesglieder,
Sprühn sie voll im Schöpferbusen wieder.
Waldquell
Hatt’ mich verlor’n in Blütenhain,
Sprang silberhell ein Waldquell drein,
Im Murmelfall, von oben
Stehn Lorbeerbäum’ gehoben.
Die sehn ihn lang hinüberfliehn,
Die sehn ihn stets am Fuße ziehn,
Brennt fort im duft’gen Schatten,
Mögt’ sich dem Luftmeer gatten.
Doch wie er strebt vom harten Land,
Lautdonnernd stößt die Felsenwand,
Wälzt stumm in Schwindelweisen,
Die Flut zu Wolkenkreisen.
So wallt er fort durch Blumenhain,
Schlingt Todschmerz tief in sich hinein,
Dann wehn die Lorbeerbäume,
Von oben süße Träume.
Zauberharfe
Ballade
Es zieht gar seltsam sein Ohr entlang
Wie Harfenlust, wie Saitenklang,
Ruft wach den Sängermeister;
„Wie klopft die Brust so hoch, so bang,
Was schallt herüber für Gesang,
Als klagten Stern’ und Geister?“
Er rafft sich auf, er springt empor,
Streckt aus sein Haupt in Schattenflor,
Da sieht er’s golden streifen;
„Folg’ Sänger, Stufen auf und ab,
Hoch aus der Luft, tief in das Grab,
Kannst keine Saite greifen!“
Der Sänger sieht, wie’s groß sich rankt,
Dem Sänger tief die Seele schwankt,
Da hört er’s voller rauschen;
Er folget nach, es zieht ihn mit,
Trepp’ auf, Trepp’ ab, wie Geistesschritt,
Muß oft die Wege tauschen.
Da hält er still, da springt ein Tor,
Und brausend stürzt Gesang hervor,
Scheint ihn hinwegzutragen;
’Ne Leier spielt in gold’ner Pracht,
Als klängen aus ihr Tag und Nacht,
Von keinem angeschlagen.
Es greift ihn an, wie Weh, wie Lust,
Es schwillt ihm hoch, es klopft die Brust,
Nicht länger kann er’s hehlen;
„Die Zither spielt mein eigen Herz,
Das bin ich selbst, das ist mein Schmerz,
Das hallt aus meiner Seelen.“
Und trunken faßt er Ton und Griff,
’S klingt hoch, wie Quell vom Felsenriff,
’S klingt tief, wie Abgrundsbrausen.
Sein Blut tanzt wild, weit rauscht sein Sang,
Ihn faßt’s so selten wehmutsbang,
Sah nie mehr Licht da draußen.
Die Entführung
Ballade
Der Ritter steht am Eisentor,
Da blickt ’ne holde Maid hervor:
„Lieb Ritter, wie kann ich heruntersteigen?“
Und rings ist’s Nacht und die Lüfte schweigen.
„„Fang auf, ich werf’ in deine Hand
Der Rettung süßes Unterpfand,
Da oben kannst du es feste binden,
Und dich am Seil herunterwinden.““
„Ach Ritter, ach Ritter, ich flieh, wie ein Dieb,
Ach Ritter, was tu ich dem Trauten zulieb!“
„„Hold Traut, du nimmst ja nur, was dein eigen,
Wir ziehn, wir fliehen im Schattenreigen!““
„Ach Ritter, die Tiefe klafft mich an,
Micht faßt’s wie Schwindel, ich kann nicht nahn!“
„„Du willst nicht, sieh’ ich gäb’ mein Leben,
Du kannst vor leeren Schrecken beben!““
„Ach Ritter, du treibst ein gefährlich Spiel,
Bist meiner Sehnsucht golden Ziel!
So lebt denn wohl, ihr trauten Hallen,
Nicht länger darf mein Fuß euch durchwallen.
„Es zieht mich eine höh’re Macht,
Ihr Lieben alle, gute Nacht!“
Und nicht länger kann sie zagen und streiten,
Faßt an das Seil, herunterzugleiten.
Und wie sie die Mitte kaum erreicht,
Da irrt ihr Blick und die Wange bleicht,
Die Arme kann sich nicht länger halten,
Sie stürzt an die Brust der Todesgewalten.
„Ach Ritter, noch einmal halt mich warm,
Dann schwind’ ich selig in deinem Arm,
Laß mich in deinen Küssen verhauchen,
Dann muß ich in süße Vernichtung tauchen.“
Der Ritter hält sie bebend fest,
Der Ritter sie heiß an den Busen preßt,
Und wie die Seelen zusammen wehen,
Da faßt es ihn an, wie Todeswehen.
„Leb wohl, mein trauter, mein teurer Mann!“
„„O weile noch, daß ich dir folgen kann!““
Und über sie zuckt es, wie ewige Flammen,
Und beide brechen entseelt zusammen.
Sehnsucht
Romanze
„Was seufzt die Brust, was glüht der Blick,
Was brennen all’ die Venen,
Als drückt’ dich Nacht, als peitscht’ Geschick,
Hinab in Sturm dein Sehnen?“
„„Zeig’ mir das Aug’, wie Glockenklang,
Gefaßt in Regenbogen,
Wo’s strömt wie Glut, wo perlt Gesang,
Wo Stern’ herüberwogen!
„„Mir träumt’ davon, mir träumt’ so schwer,
Kannst nimmer wohl es deuten,
Mein Kopf ist hohl, mein Herz ist leer,
Will mir ein Grab bereiten!““
„Was träumst du her, was träumst du hin,
Was zieht’s nach fernen Landen?
Hier braust die Flut, hier wogt Gewinn,
Hier glüht’s in Liebesbanden.“
„„Hier wogt es nicht, hier glüht es nicht,
Schon seh’ ich’s fernher blinken,
Micht brennt die Lust, mich blendet Licht,
Muß schier heruntersinken.““
Hoch blickt er, bis das Aug’ ersprüht,
Da zucken alle Glieder,
Die Sehnen schwelln, das Herz erglüht,
Entgeistert sinkt er nieder.
Wiener Affentheater in Berlin
I
„Ei sagt, das Publikum drängt sich wütend fort!
Gewiß ein Talma da, ein Musenort!“
Bitt’ Freund, man liebt nicht scharfe Waffen,
Komödie ist’s, gespielt von — Affen.
II
Ich saß und blickt’ in guter Ruh,
Dem reinen Spiel der Bestien zu,
Natur, die war nicht zu vermissen,
Hätt’n nur noch solln an die Wände ———.
Da fühlt’ ich mich plötzlich am Mantel gepackt:
„Denkt euch, der Streich war ganz vertrackt,
Ein Fräulein ist in Ohnmacht fallen,
Stürzt toll ’nem Affen an Brust und Krallen,
Sie schlug ihr Aug’, sie sprach so bang,
O! tiefer Ahndungsseelendrang,
O! Harmonie, o Geisterpein,
Der Affe spielt’ mir ins Herz hinein,
Ich fühle mich magnetisch fortgetrieben,
Der Affe spielt’ mich selbst, ich mußt’ ihn lieben,
O! sprich, wie kömmst du mich doch für,
Der Hauch versagt, das Auge schwindelt mir.“
Armida von Ritter Gluck
I
Wollt’ auch einmal recht genießen,
Ließ mich keinen Heller verdrießen,
Warf mich in den Frack beim Lampenschein,
Ging gradeswegs in die erste Loge hinein.
O! Gott! wie übel ward das vergolten,
Hab’ nie mich selber mehr ausgescholten.
’Nem Fräulein sollt’ ich den Text hinhalten,
Ich murmelt’: „die Hand tät mir erkalten!“
Sie fragt’: „warum ich nicht Handschuh trüg’?“
Ich sagt’: „weil es mir in die Nerven schlüg’!“
Dann tät sich mir Brust und Nacken entfalten,
Sie bat mich, den Shawl recht fest zu halten,
Ich sagt’ ihr: „Feuer sei nicht bereit,
Und rohes Fleisch erreg’ mir Übelkeit!“
Sie rief: „Ist das Ballet nicht schön gewesen?“
„Gott, sprach ich, was gibts im Intelligenzblatt zu lesen?“
II
Dann sank ich in die Töne stumm,
Sie lächelte höhnisch: „Der Kerl ist dumm!“
Nachtliebe
Romanze
Zieht sie krampfhaft ans Herz,
Schaut so dunkel ins Auge:
„Viel Lieb’ brennt dich Schmerz,
Bebst, bebst meinem Hauche?
„Hast getrunken die Seele,
Mein, mein deine Glut,
Glänz’, mein Juwele,
Glänz’, glänz’ Jugendblut!“
„„Holder schaust so bleich,
Sprichst so wunderselten,
Sieh’, wie sangesreich
Ziehn am Himmel Welten!““
„Ziehn, ziehn, Liebchen, ziehen,
Sprühn Sterne, sprühn,
Hinauf, hinauf dann entfliehen,
Seelen zusammenglühn.“
Spricht dann leise flüsternd,
Schaut gar hohl umher,
Blicke, Flammen knisternd
Glühn sein Auge leer.
„Liebchen hast Gift getrunken,
Mußt fort mit mir gehn,
Hat längst die Nacht gewunken,
Kann den Tag nicht mehr sehn!“
Preßt sie krampfhaft ans Herz,
Tod in Brust und Hauche,
Sticht sie tiefinnerer Schmerz,
Öffnet nie mehr ihr Auge.
Verdingung
Madame. Nun sagt, was haltet ihr euch dann aus?
Magd. Das andre versteht sich, doch eins vor allen,
Mit meiner Gesippschaft nicht zu verfallen,
Bitt’ ich einmal im Mond mir — Theevisit ins Haus.
Sentimentale Seelen
Sie weinen! ach! der Metzger schlachtet ein Kalb!
Erst brüllte die Bestie noch, jetzt ist sie falb!
Sie lachen! Himmel, wie närrisch in seiner Art,
Natur, Natur! Ein Hund trägt keinen Bart!
Was sprudelt ihr hoch, als wärt ihr gesonnt?
Wir hören, wie Bileams Esel gar sprechen konnt!
Neumodische Romantik
Das Kind, das, wie ihr wißt, an Goethe schrieb,
Und ihm weismachen wollt’, er hab’ sie lieb,
Das Kind war einst im Theater zugegen,
’Ne Uniform tut sich bewegen.
Er blickt zu ihr gar freundlich lächelnd hin:
„Bettina wünscht, mein Herr, in ihrem Sinn,
Das Lockenhaupt an sie zu lehnen,
Gefaßt von wundersamem Sehnen.“
Die Uniform erwidert gar trocken drauf:
„Bettina laß dem Willen seinen Lauf!“
„Recht, spricht sie, weißt du wohl, mein Mäuschen,
Auf meinem Kopf gibts keine Läuschen?“
An die Sonne der Wahrheit (F. Quednow)
Lampenlichter, Sternenflimmer,
Herzenstiefe, Schönheitsschimmer,
Seelenhuld und weiße Haut,
Nimmer zeigst du sie in Klarheit,
Hältst dich drum für Sonnenwahrheit,
Einen Bräutigam hat jede Braut.
Und der Sonne Wahrheit magst du heißen,
Ist’s doch wahr, daß Sonnen — Schatten schmeißen.
Auf einen Ritterheroen
Und wo man ihn auch immer packt und greift,
Heros und Ritter ineinander schweift,
Des Tags spricht er modern vom Tanzen,
Nachts zehren ihn antike Wanzen.
Meiner Nachbarin jenseits
Da drüben guckt die wieder her,
Bei Gott, ich trag’s nicht länger mehr.
Ein kleiner Mann, ein gelbes Haus,
’Ne lange Frau, ein dürrer Graus,
Damit die Phantasien nicht fliehn,
Muß ich das Rouleau — niederziehn.
Sirenensang
Ballade
Die Welle rauscht gelinde,
Und spielet mit dem Winde,
Und hüpfet hoch hinauf;
Da sieht man’s beben, schweben,
Sich neigen und sich heben,
Das ist Sirenenlauf.
Sie schlagen voll die Leier,
In hehrer Himmelsfeier,
In süßen Melodien;
Sie wissen alle Ferne,
Die Erde und die Sterne
In ihren Sang zu ziehn.
Er faßt so tief, so selten,
Man kann den Ton nicht schelten,
Der Gluten weiterhaucht,
Als suchten Allgewalten,
Den Lauscher fest zu halten,
Bis Flut ihn untertaucht.
Es scheint zu schwelln, zu sprießen,
’Ne Welt aus Wogen fließen,
Geheimnisvoll und hehr,
Wie wenn in Wassertiefen
Die Götter alle schliefen,
Im dunkelblauen Meer.
Da naht auf Kahn und Wellen,
Die wonnig um ihn schwellen,
Ein Sänger hoch und mild;
Er blickt so frei, so offen,
Wie Liebe und wie Hoffen
Verklärt sich Sang und Bild.
Die Leier herrscht die Tiefen,
Najaden, die da schliefen,
Sie leihn ihr trunken Ohr,
Und alle Wogen klingen
Vor seinem Spiel und Singen,
Und tanzen hoch empor.
Und horch’, da hallt’s gleich Sehnen,
Gleich fernen Zaubertönen
Von der Sirenen Sang;
Den Jüngling zu bestricken,
Die Göttlichen sich schmücken,
In Schönheit und in Klang:
„Jüngling, schwebe und spiele,
Herrsche das horchende Meer,
Treibt dich wohl nach hohem Ziele,
Busen schwillt dir hehr!
„Hier, in üpp’gen Wasserhallen
Tönt allein der Sang.
Wie die Fluten niederfallen,
Hebet sich der Klang;
„Tragen ihn spielend und treiben ihn weiter,
Daß er wirbelnd flieht,
Blick verklärt sich sehnendheiter,
Himmel niederzieht.
„Komm in unsre Geisterkränze,
Zauber lernt dein Herz.
Horch nur auf die Wogentänze,
Klingt wie Liebesschmerz.
„Welten sind der Flut entstiegen,
Geister trug das Meer,
Durfte schon die Hohen wiegen,
Und das All war leer.
„Wie die Himmel niederschauen,
Und der Sterne Glanz,
In die Wogen, in die blauen,
In der Welle Tanz,
„Wie die Tropfen zitternd beben,
Welten stolz umhülln,
So entsteigt der Geister Leben,
Die die Wogen fülln.
„Treibt es dich das All zu kennen,
Auszuglühn Gesang,
In dem Himmelsschein zu brennen,
Rührt dich Saitenklang.
Steige nur zu uns hernieder,
Reich’ uns deine Hand,
Geistig werden deine Glieder,
Blickst das tiefe Land.“
Sie heben sich, sie steigen,
Die Locke wallt in Reigen,
Das Haupt auf Äther ruht,
Und ihre Blicke glühen,
Und ihre Leiern sprühen
Und brennen durch die Flut.
Den Jüngling faßt’s, wie Wähnen,
Es stürzen ihm die Tränen,
Es klopft die volle Brust.
Er kann den Blick nicht trennen,
Er muß für sie entbrennen,
Vergehn in heißer Lust.
Tief scheint sein Herz zu sinnen,
Will Fassung sich gewinnen,
Dann hebt es sich empor,
Blickt auf in stolzer Haltung,
In kühner Gottgestaltung,
Und laut erklingt’s zum Ohr:
„In euren kalten Gründen
Kann Hohes sich nicht künden,
Da brennt kein ew’ger Gott;
Ihr prangt, mich zu bestricken,
Wollt nimmer mich beglücken,
Und euer Sang ist Spott.
„Es fehlt euch Busens Pochen,
Des Herzens heißes Kochen,
Der Seele hoher Flug;
In meiner Brust, da walten,
Die Götter all’ und schalten,
Und nimmer sinn’ ich Trug.
„Mich könnt ihr nimmer fassen,
Mein Lieben nicht, mein Hassen,
Und meine Sehnsuchtsglut;
Sie schlägt wie Blitz nach oben,
Von zarter Kraft gehoben,
In Melodienflut.“
Und die Sirenen sinken,
Vor seinem Drohn und Blinken,
In lichten Tränenquelln;
Es zieht sie mit von dannen,
Doch ach! die Fluten bannen,
Und hüllen sie in Welln.
Philisterverwunderung
„Ich weiß nicht, wie jemand mit sich zerfallen kann,
Knöpft zu den Rock, ihr werd’t nicht bestohlen, Mann!“
Mathematikerweisheit
I
Wir haben alles auf Zeichen gebracht,
Aus unsrer Vernunft ein Rechenexempel gemacht,
Ist Gott ein Punkt, so ist er kein Cylinder,
Steht ihr auf dem Kopf, so sitzt ihr nicht auf dem ———.“
II
Ist a der Geliebte, ist b die Liebhaberin,
So setz’ ich meinen Kopf zum Pfande hin,
Stellt ihr auch α+β in einen Reihn,
So wird das gar ein Liebespaar sein.
III
Mit Strichen die Welt gemessen,
Haben nie den Geist herausgefressen,
Mit a und b die Zwiste abgemacht,
So wär’ das Gericht — — um Sporteln gebracht.
Der Wassergreis
Ballade
1
Wasser rauscht so seltsam dort,
Kreist sich in Wellen fort,
Glaubt wohl! es fühle nicht,
Wie sich die Woge bricht,
Kalt sei’s im Herzen, kalt in dem Sinn,
Rausche nur, rausche nur hin.
2
Doch in den Wellen, im Abgrund heiß,
Sitzt gar ein alternder Greis,
Tanzt auf, tanzt ab, wenn der Mond sich zeigt,
Wenn Sternlein aus Wolken steigt.
Springt gar seltsam und ringt gar sehr,
Will trinken das Bächlein leer.
3
Wellen sind ja die Mörder sein,
Zehren und nagen des Alten Gebein,
Grinzt ihm eisig durch Mark und Glied,
Wenn er die Wogen so springen sieht,
Schneid’t gar ein bängliches Wehgesicht,
Bis Sonnenglanz Mondtanz verbricht.
4
Wasser rauscht dann so seltsam dort,
Kreist sich in Wellen fort,
Glaubt wohl, es fühle nicht,
Wie sich die Woge bricht,
Kalt sei’s im Herzen, kalt in dem Sinn,
Rausche nur, rausche nur hin.
An die Mediziner
Verdammt Philistermedizinerpack,
Die ganze Welt ist euch ein Knochensack,
Habt ihr mit Wasserstoff das Blut gekühlt,
Und auch nur erst den Puls in Gang gefühlt,
Dann glaubt ihr, nun habe ich alles gegeben,
Man könne doch ganz gemächlich leben,
Der Herrgott sei ein Witzkopf gewesen,
Daß er so sehr in der Anatomie belesen,
Und jede Blume sei ein brauchbar Instrument,
Wenn ihr sie zu Kräuterbrühe erst brennt.
Mediziner-Psychologie
Wer des Abends Nudeln und Klöse verschluckt,
Der wird des Nachts — von Träumen gedruckt.
Mediziner-Metaphysik
Es hat nie einen Geist gegeben,
Denn auch Ochsen können leben,
Die Seele ist eitel Phantasie,
Man kann sie im Magen nicht finden,
Und wär sie irgendwo nur zu ergründen,
’ne jede Pille trieb’ sie wohl herbei,
So daß in ganzen Strömen
Die Geister aus den Leibern kämen.
Mediziner-Anthropologie
Der Mensch, der kann’s lange treiben,
Gewöhnt er sich den Unterleib einzureiben,
So daß kein Zug, kein Wind,
Den Durchgang zu ihm findt!
Der Mensch kann auch sein Ziel erreichen,
Will er nicht von der Diäte weichen,
Und die Kultur fängt alsda an,
Wo man zuerst — zu purgieren begann.
Mediziner-Ethik
Auf Reisen müßt’ mehre Hemden tragen,
Damit der Schweiß nicht kann zurückeschlagen
Hüt’ euch vor solcher Leidenschaft,
Die Grimmen in Bauch und Därmen schafft.
Laßt eure Augen nie dahin schweifen,
Wo Flammen ihnen ans Leben greifen,
Mischt gehörig Wasser und Wein,
Gießt in den Kaffee Milch hinein,
Vergeßt nicht, uns rufen zu lassen,
Wollt’ ihr euch für das Jenseits fassen.
Erste Elegie aus Ovids Büchern der Trauer, frei übersetzt
1
Kleines Büchlein, du darfst eilen
Hin zum frohen Siegersitz,
Und ich kann den Weg nicht teilen,
Denn mich traf des Jovis Blitz.
2
Geh! in dürftigen Gewanden,
Trag’ des Herren Trauerkleid.
Schmucklos, wie es ziemt Verbannten,
Wie’s gebeut der Sturm der Zeit.
3
Purpurn soll kein Schleier prangen,
Um dich in Violenblut,
Sehnsucht ach! und leer Verlangen
Schmückt nicht hohe Freudenglut.
4
Birg den Namen, schamhaft schweigend,
Dufte nicht von Zedersaft,
Und kein Silberbuckel neigend,
Stör’ das Schwarz’ am krummen Schaft.
5
Glückbeseelte Schrift erwählet
Solcher Zierde selt’ne Pracht,
Nur mein Schmerz sei dir vermählet,
Und der Trauer dunkle Nacht.
6
Zotticht rauh magst du erscheinen,
Wie in wildgelöstem Haar,
Und nicht glättend soll sich einen
Bimsstein zart und wunderbar.
7
Ist dein bleiches Antlitz trüber,
Trüber noch durch mich befleckt,
Ach, die Zähre rann hinüber,
Bis sie heiß dich zugedeckt!
8
Geh’ mein Buch und grüß die Räume,
Grüß den heilig teuren Ort,
Dorthin tragen mich die Träume,
Phantasie und Zauberwort.
9
Wenn vielleicht Erinnrungsahnen
Manchen faßt, der dich erblickt,
Wenn dich Fragen stürmisch mahnen
Nach dem Herrn, der dich geschickt;
10
Daß ich lebe, darfst du sagen,
Daß gerettet, sage nicht,
Selber, daß die Pulse schlagen,
Gnade sei es, Wohltat nicht.
11
Und wer mehr will, gib dich leise,
Stillbehutsam ihm dahin,
Daß nicht unbedachter Weise,
Strafbar Wort und Laut entfliehn.
12
Mancher wird dich höhnend schelten,
Wird erneuen mein Vergehn,
Du auch für Verbrecher gelten,
Mußt beschämt zu Boden sehn.
13
Kränkt dich Vorwurf und Verdammen,
Hör’ sie stillgelassen an,
Feuer löschen nicht die Flammen,
Das Vergehn nicht Täuschungswahn.
14
Doch du wirst auch manchen finden,
Der in Seufzern zu dir spricht,
Zähren werden hold erblinden
Seines Auges Sehnsuchtslicht.
15
Und aus seiner Brust wird’s tönen,
Leis in vollem Liebesdrang:
„Könnt’ er Cäsarn doch versöhnen,
Mildern, ach!, der Strafe Zwang.“
16
Und wer immer freundlich redet:
„Daß der Gott besänftigt sei!“
Sieh! mein Busen für ihn betet:
„Donner zieht an ihm vorbei!“
17
Möcht’ sein Wunsch sich doch gestalten,
Dürft’ ich sterben in dem Sitz,
Den die Götter inne halten,
Mög’ erkalten Cäsars Blitz!
18
Wenn du so den Gruß entsendet,
Wirst du selbst wohl angeklagt,
Daß nicht süße Form gespendet,
Daß mein Geist nicht aufwärts ragt.
19
Doch der Richter muß erkennen,
Welche Zeit die Tat gebar,
Wird man sie erwägend nennen,
Bist du sicher vor Gefahr;
20
Denn der Dichtung Zauberfülle
Strömt aus frohbewegter Brust,
Ach, und dunkle Nebelhülle
Deckt die Schläfe, bannt die Lust.
21
Und die Lieder alle trauern,
Daß der Sänger streng gebannt,
Sturm und Meer und Winter schauern
Um das Haupt, ihm unbekannt!
22
Furcht darf nimmer eisig fassen,
Soll der Prachtgesang entglühn,
Und ich weine, dumpf verlassen,
Seh’ das Mordschwert schon entsprühn.
23
Was ich immer jetzt gegeben,
Staunen flößt’s dem Bill’gen ein,
Und er wird mein Wort erheben,
Wird gedenken meiner Pein.
24
Gib’ mir selbst den Maeoniden, (Homer)
Stürz’ ihn so in Unglücksschar,
Hin die Zauberkraft, geschieden,
Blickt sein Auge die Gefahr.
25
Doch mein Buch, nur hingegangen,
Sorglos um der Fama Wort,
Und sei nicht von Scham umfangen,
Wirft der Leser rauh dich fort.
26
Nicht des Glückes weiche Wellen
Tragen so mich liebehold,
Daß nach Lob die Geister schwellen,
Daß ich werbe Sangessold.
27
Als noch Lust mich süß gebettet,
Schlug Begeist’rung rieselnd auf,
An des Ruhmes Wahn gekettet,
An des Namens Weltenlauf.
28
Wenn jetzt noch die Zither klinget,
Wenn nicht ausgeflammt der Drang,
Dann genug mein Herz erringet,
Denn mich stürzte der Gesang.
29
Geh’ nun, geh’, dir ist’s verliehen,
Schau für mich du Romes Pracht,
Dürft’ ich jetzt statt deiner ziehen,
Mild von einem Gott bewacht!
30
Glaub’ nicht, daß ein Unbekannter
Du betrittst die große Stadt,
Daß ein spurlos nicht genannter,
Du dem Volke dich genaht!
31
Fehlt dir Titel auch und Zeugen,
Deine Farbe nennt dich schon,
Wolltest du mich selbst verschweigen,
Ach, du sprächst dir selber Hohn.
32
Heimlich trete in die Pforte,
Daß dich nicht mein Lied verletzt,
Nicht mehr singt es Liebesworte,
Die das trunkne Herz ergetzt!
33
Wer dich schnöde von sich weiset,
Weil mein Mühen dich gebar,
Dich Verführer finster heißet,
Üppig schwellend von Gefahr;
34
Sag ihm: „lies nur meinen Namen,
Süße Liebe lehr’ ich nicht,
Ach! die strengen Götter kamen,
Hielten schon ihr Hochgericht!“
35
Woll’ nicht zu der Halle steigen,
Die zum Himmel stolz sich wagt,
Nicht dich Cäsars Meuten zeigen,
Wo die Säule höher ragt;
36
Jene hochgeweihten Sitze
Kennen deinen Herren nicht,
Von der Burg entlodern Blitze,
Traf mein Haupt das Hochgericht!
37
Götter bergen zwar die Hallen,
Groß und gnadenreich und mild,
Doch, wenn Stürme ihm entwallen,
Fürchten wir des Lenzes Bild!
38
Ach! die Taube bebt erschrocken
Vor dem Zephir, der sich regt,
Küßt sie noch die Wunde trocken,
Die der Habicht blutend schlägt.
39
Und wenn aus des Wolfes Zähnen
Ängstlich sich das Lamm entwand,
Wagt es nur sich hinzulehnen
An des Pferges nied’re Wand!
40
Phaeton würd’ nimmer schwirren,
Lebt’ er, zu des Äthers Höhn,
Nicht die Rosse töricht schürren,
Die der Stolze sich ersehn.
41
Und ich fürcht’ des Jovis Waffen,
Flieh’ vor seinem Flammenmeer,
Wenn die Himmel donnernd klaffen,
Glaub’ ich, treffe mich sein Speer.
42
Welcher Argoler auch immer,
Cypharischem Strand entsprang,
Seine Segel lenkt er nimmer,
Zu Euböas Flutendrang.
43
Und mein Kahn, vom Sturm gesenket,
Wagt der Stätte nicht zu nahn,
Zaghaft weg von ihr gelenket,
Kreist er fernwärts seine Bahn.
44
Drum mein Buch, mit klugen Sinnen,
Siehe dich bedachtsam vor,
Woll’ nicht höh’ren Ruhm gewinnen,
Leiht die Masse dir ihr Ohr.
45
Icarus, als er vermessen
Hoch sich mit dem Flügel schwang,
Seinem Nam’ ward nicht vergessen,
Den des Meeres Welle sang.
46
Ob die Ruder kühn zu treiben,
Ob die Segel mild zu schwelln,
Laß es ferner Stunde bleiben,
Laß es Zeit und Ort erhelln.
47
Wenn die Stirne frei verkläret,
Wenn sein Antlitz Milde haucht,
Wenn der Zorn, den er genähret,
Stumm gebrochen untertaucht;
48
Wenn dich, das von Furcht erbleichet,
Das zu nahen nicht gewagt,
Freundeswort und Hand ihm reichet,
Geh’ hinzu, das Dunkel tagt.
49
Milder schlägt des Schicksals Stunde,
Sel’ger du, als der dich schuf,
Sanfter brennt die heiße Wunde,
Und es tönt der Gnade Ruf.
50
Denn die Wunde kann nur stillen,
Der sie selber zürnend schlug,
Wie Telephus von Achillen,
So den Schmerz, wie Lind’rung trug.
51
Sieh’ nur, daß du Gift nicht spendest,
Wenn du Rettung zugedacht;
Hoffnung! Luftgebild, du wendest
Vor der Furcht dich bang in Nacht!
52
Ha! verhüte, daß nicht stürmend,
Zorn, der leise schlief, erwacht,
Neues Unheil auf mich türmend,
Das du töricht aufgefacht.
53
Doch wirst du beglückt empfangen
In der Muse Heiligtum,
Darfst du in dem Hause prangen,
Wo sich Schrift vermählt und Ruhm.
54
Angereiht wirst du erblicken,
Dort gelehnt der Brüder Schar,
Die ich zeugt’ im Hochentzücken,
Wenn der Tag geschieden war.
55
Alle tragen stolz und offen
Ihren Namen, siegbewußt,
An der Stirne, gleich wie Hoffen
Prangt er und wie Dichtungslust.
56
Drei nur zögern fern gesellet,
Rings vom Dunkel eingehüllt,
(ars amandi) Liebeskunst sie üppig schwellet
Und den Busen Scherz erfüllt.
57
Flieh’ sie oder ruf’ vermessen
Fluch und Unheils schwang’ren Rat,
Oedips frevelndes Vergessen,
Telegons verruchte Tat!
58
Sänge, neulich kaum gerissen
Aus der Flamme jähem Tod,
Lassen dich Verwandlung wissen, (Metamorphose)
Und der Welten Geistgebot.
59
Zu verwandelt fremden Wesen,
Melde, wie mein Wort gebeut,
Sei mein Schicksal auserlesen,
Und es hab’ die Form erneut.
60
Denn wie anders saugt’ ich Gluten
Von des Glückes Purpurmund,
Wo die Tränen jetzt umfluten,
Schlossen Götter ihren Bund!
61
Wenn mich deine Blicke fragen,
Vieles möcht’ ich noch bestelln,
Doch die schlanken Horen schlagen
Weiter ihre raschen Welln.
62
Wollt’ ich alles mit dir senden,
Was den Busen stürmisch faßt,
Ach! ich könnte nimmer enden,
Und den Träger beugt die Last.
63
Lang der Weg! drum Büchlein eile,
Denn der Erde fernstes Land,
Ist’s, was ich mit Scythen teile,
Land vom Lande weggewandt!
Schluß-Sonett an Jenny
Eines muß ich Dir, mein Kind, noch sagen,
Fröhlich schließt mein Abschiedssang den Reihn,
Denn die letzten Silberwellen schlagen,
Sich in Jennys Hauche Klang zu leihn,
So wird kühn durch Felsensprung und Ragen,
Lauf durch Flutenfall und Hain,
Fort der Stundenlauf des Lebens schlagen,
Zur Vollendung sich in Dir zu weihn.
Kühn gehüllt in weiten Glutgewanden,
Lichtverklärt das stolzgehob’ne Herz,
Herrschend losgesagt von Zwang und Banden,
Tret’ ich festen Schritt’s durch weite Räume,
Schmett’re vor Dein Antlitz hin den Schmerz,
Und zum Lebensbaum entsprühn die Träume!
Die Wahnsinnige
Ballade
Es tanzt ’ne Frau im Mondesschein,
Die glänzt gar weit in die Nacht hinein,
Ihr Kleid, das wallt, ihr Aug’, das blitzt,
Wie wenn Demant an Felsen sitzt.
„Blau Meer, komm’ hergegangen,
Laß dich holdsüß umfangen,
Kränz’ mir das Haupt mit Weiden,
Mußt’ schön grünblau mich kleiden!
„Ich bring’ zart Gold und rot Gestein,
Drin springt und tanzt das Herzblut mein,
Ein Trauter trug’s an warmer Brust,
Hat in die Flut hinweg gemußt.
„Will Melodien dir singen,
Muß Wind und Woge springen,
Hochauf will Tanz ich schlagen,
Muß Wind und Woge klagen!“
Faßt’ einen Weidbaum mit der Hand,
Schlang drum grünblau ein Liebesband,
Begann ihn seltsam anzusehn,
Hieß ihn behutsam seitwärts gehn.
„Nun leih’ mir deine Schwingen,
Tief Meer hinabzuklingen,
Hast Mutter nicht empfunden,
Wie Sohn gar schön umwunden?“
So trieb sie’s nächtig hin und her,
Schmückt jede Weid’ am grünen Meer,
Schwingt dann sich stolz hinab, hinauf,
Hat nun vollbracht den Zauberlauf.
Zwei Lieder an Jenny
Gesucht
Lied
Macht’ auf mich, ließ nicht länger binden;
„Wo willst du hin?“ „„’Ne Welt zu finden!““
„Gibts hier nicht schwanke Fluren viel,
Hier unten Wogen, droben Sternenspiel?“
„„Glaub’ Tor, nicht jenseits führt mein Wallen,
Ob schlagen Fels, ob Äther hallen,
Sie binden stumm den kranken Fuß,
Zur Fessel wird ihr Liebegruß.
„„Die Welt soll aus mir selbst entsteigen,
Zu meiner Brust, aus ihr sich neigen,
Ihr Flutensprung mein Lebensstrom,
Mein Seelenhauch ihr Ätherdom.““
Wohl wallt’ ich fern, wohl kehrt’ ich wieder,
Wohl trug ich Welten auf und nieder,
Wohl sprangen Stern’ und Sonne drein,
Da zuckte Blitz, sie sanken ein.
Gefunden
Lied
Was schlingt das Buschwerk Wirbeltänze,
Was walln zur Ferse Maienkränze,
Was wölbt der Himmel seinen Saal,
Was strebt zum Wolkenberg das Tal?
Rausch’ ich entgegen mein Gefieder,
Verhallend schlägt’s am Felsen nieder,
Vermählt sich Aug’ und Sternenlicht?
Ich wälz’ den Blick, er bebt, er bricht.
So rollt denn fort, ihr Lebenswogen,
Stürzt weiter, reißet ein die Bogen,
Von Freiheit golden angehaucht,
Wenn ihr aus Nichts entgeistert taucht,
Noch einmal zuckt der Blick vermessen,
Er blitzt, sich selig zu vergessen,
Wo hätt’ er Welten suchen solln?
Er war in dir zur Welt geschwolln.
Blumenkönig
Phantastische Ballade
„Männlein im Sonnenschein,
Willst Blumen, Blumenkönig sein?
Hast gar einen hohen Mut,
Färb’ uns mit rosrotem Blut!“
„„Blümchen hell und Blümchen bleich,
Habt getrunken mein Blut, habt getrunken,
Nun gebt, nun gebt mir mein Königreich,
Laßt in den Kelch, in den Kelch mich tunken!““
„Männlein, dein Blut war gar schön,
Laß uns tief Herzlein jetzt sehn,
Willst Blumen, Blumenkönig sein?
Muß glänzen dein Herz im Sonnenschein!“
„„Herz mein, Herz mein pocht mir gar sehr,
Strahlt fein durch die Augen, die beiden,
Herz mein geb’ ich euch nimmermehr,
Kann sonst den Blick ja nicht weiden!““
„Männlein, wir springen hier,
All’ in den Busen dir,
Laß glänzen dein Herz im Sonnenschein,
Sollst unser Blumenkönig sein!“
Männlein zuckt und Männlein denkt,
Hat die Brust sich rosrot zerrissen:
„„Da habt ihr, da habt ihr mein Herz geschenkt,
Nun laßt mich Kron’ und Szepter nicht missen!““
„Männlein im Sonnenschein,
Kannst nicht der Blumenkönig sein,
Blut, rosrot Blut kannst nicht sprühn,
Herzlein, tief Herzlein muß uns jetzt glühn.“
Männlein riß sich die Augen aus,
Fing an, mit den Händen zu schaben,
Baut’ sich tiefstill ein Totenhaus,
Da liegt er, da liegt er begraben.
Seefels
Schroff wallt auf die Marmorsäule,
Zackengipfel sägt die Luft,
Modergift und Lebensfäule.
Brauet tief unten her die Gruft.
Eisern klammert seine Glieder,
Hochgeschwolln der Fels hernieder.
Jahre wirft er weit die Gluten,
Von dem wahnverzerrten Hirn,
Jahre stößt er Meeres Fluten,
Toller sie im Kreis zu wirrn.
Mühvoll Moos bebt herbstlich graue Locken,
Grinzend pralln es blutig Kieselflocken.
Mitternächtig strömen Laute
Wahnruf aus dem Marmorschoß,
Als wenn tausendjährig Leben taute
Und Erinnrung heulte los.
Wagt des Wandrers Schritt hinanzulauschen,
Steinern muß er fort zur Seeflut rauschen.
Erwachen
I
Bricht dein strahlendes Auge
Entzückt und bebend,
Wie wallender Saitenton,
Der gebannt an der Lyra
Sinnend geschlummert,
Empor durch den Schleier
Urheiliger Nacht,
Dann blitzen von oben
Ewige Sterne
Liebend hinein,
II
Du versinkest bebend,
Es klopft dein Busen,
Du schaust unendliche
Ewige Welten,
Über dir, unter dir,
Unerfaßbar, unendbar,
Schwebend im Reihentanz
Rastloser Ewigkeit,
Und ein Atom
Versinkst du im Weltall.
III
Dein Erwachen
Ist unendliches Aufgehn,
Dein Aufgehn
Ewiger Fall.
IV
Schlägt deiner Seele
Rieselnde Flamme
In die eigene Tiefe,
In den Busen zurück,
Dann taucht unabgrenzbar,
Von Geistern gehoben,
Getragen von süßem
Schwellendem Zauberton,
Der Seele Geheimnis
Empor aus der Seele
Dämonischem Abgrund.
V
Dein Untersinken
Ist unendliches Aufgehn,
Dein unendliches Aufgehn,
Ist mit bebenden Lippen,
Vom Äther geröteter,
Flammender, ewiger
Liebkuß der Gottheit.
Nachtgedanken
Dithyrambe
Seh’ da oben die Wolke ziehn,
Adlerfittig braust um die Flanken,
Sturmwärts rauscht sie, daß Funken sprühn,
Rollt von Morgen her Nachtgedanken.
Aufblitzt Gedanken, riesenschwer,
Stößt Fluchschwindel an Ätherbogen,
Blut springt das Auge, schreckenhehr,
Himmelsgebälk umspeien die Wogen.
Still um das Schläfenpaar, ruhegroß,
Gürtet Äther Fackelbrande,
Rüstung prallt, Urdunkel im Schoß,
Stürzt, heult Wolke Wehschrei zum Lande.
Des Verzweiflenden Gebet
„Hat ein Gott mir alles hingerissen,
Fortgewälzt in Schicksalsfluch und Joch,
Seine Welten — alles — alles missen!
Eins blieb, die Rache blieb mir doch!
„An mir selber will ich stolz mich rächen,
An dem Wesen, das da oben thront,
Meine Kraft sei Flickwerk nur von Schwächen,
Und mein Gutes selbst sei unbelohnt!
„Einen Thron will ich mir auferbauen,
Kalt und riesig soll sein Gipfel sein,
Bollwerk sei ihm übermenschlich Grauen,
Und sein Marschall sei die düst’re Pein!
„Wer hinaufschaut mit gesundem Auge,
Kehre totenbleich und stumm zurück,
Angepackt von blindem Todeshauche,
Grabe selbst die Grube sich sein Glück.
„Und des Höchsten Blitze sollen prallen
Von dem hohen, eisernen Gebäu,
Bricht er meine Mauern, meine Hallen,
Trotzend baut die Ewigkeit sie neu.“
Drei Lichtlein
Drei fromme Lichtlein flackern fern,
Sie glühn zusamm’n, wie Augenstern,
Wohl braust der Sturm, wohl rauscht der Wind,
Die Lichtlein nie verloschen sind.
Das eine süß nach oben strebt,
Bis Funke licht zum Himmel bebt,
Sein Äuglein blinkt so gar vertraut;
Als hätt’s Allvater selbst geschaut.
Das andre schaut zu Erdenhalln,
Lauscht weit, wie Siegesklänge schalln,
Dann kehrt’s sich nach den Schwestern um,
Scheint gar begeistert ahnungsstumm.
Das letzte Lichtlein golden winkt,
Die Flamme strömt, das Ganze sinkt,
Es tauchen ihm ins Herz die Welln,
Zum Blütenbaum emporzuschwelln.
Dann flackern wohl drei Lichtlein fern,
Empor aus Wechsel Augenstern,
Dann braust der Sturm, dann rauscht der Wind.
Zwei Seel’n in einer glücklich sind.
Mondmann
Siehst angehaucht von Sternenglanz,
Wallt’s bebend auf und nieder,
Da schlägt der Mondmann seinen Tanz,
Da schüttelt er die Glieder.
Leis tränend blinkt der Himmelstau,
Im Lockenhaar verschlungen,
Dann tröpfelt’s nieder auf die Au,
Bis Blüten draus geklungen.
Das perlt nun dort, das sprießt nun fort,
In bleich und gold’nen Flöckchen,
Das kündet wohl dem Erdenort
Den Schmerz aus Blumenglöckchen.
Denn ob der Mondmann freundlich winkt,
Birgt tief doch Wehmutssehnen,
Er mögt’ zum Strahl, der niedersinkt,
Ans Sonnenherz sich lehnen.
Schon harrt er viele Jahre lang,
Lauscht fern, wie Sphären steigen,
Das schwillt die Brust so liederbang,
Das taut in Blumenreigen.
So kleidt’ sein Schmerz den Erdenhain,
Bis rings die Fluren klingen,
Dann fesselt wohl süßeig’ner Schein,
Er rauscht versöhnt die Schwingen.
Lucinde
Ballade
Freudig wogten rings die Reihen,
Leben schien mit Lust vermählt,
Und dem Glücke sich zu weihen,
Hielt sich jeder auserwählt.
Höher blitzt das Rot der Wangen,
Rascher flieht des Herzens Lauf,
Und ein sehnendes Verlangen,
Trägt zu Himmeln kühn hinauf.
Bruderkuß und Herzenseinung
Schließet alle in den Kreis,
Nicht mehr trennen Stand und Meinung,
Liebe herrscht und ihr Geheiß.
Doch, ’s ist nur ein nichtig Träumen,
Das das warme Herz umfängt,
Das aus Staub und Erdenräumen
Sich zum Äther wogend drängt.
Götter können nimmer schauen,
Daß der Ird’sche sich vergißt,
Daß er selig im Vertrauen
Himmel mit dem Erdengeist durchmißt.
Und es schleicht mit Dolch und Schneide
Durch die Reihn ein trüber Gast,
Seine Brust entbrennt von Neide,
Hohn sein armes Herz erfaßt;
Denn sie war ihm Lieb’ und Leben,
Die im Brautkranz heute prangt,
Hatte schon das Wort gegeben,
Und das Herz, das er verlangt.
Ruhig war er hingegangen,
Zu erkämpfen hohes Gut,
Götter krönten sein Verlangen,
Und es siegten Tat und Mut.
Und er kehret ruhmbekränzet
Zu der stillen Stadt zurück,
Wo sein schönstes Kleinod glänzet,
Wo ihn Sehnen ruft und Glück.
Schon erschauet er die Zinnen,
Seine Brust erträgt es kaum,
Alles darf er jetzt gewinnen,
Und zum Wesen wird der Traum.
Eilend stürzt er zu der Schwelle,
Zu dem vielgeliebten Haus,
Es erglänzt in Lampenhelle,
Gäste wogen ein und aus;
Doch den Gast, den Ungestümen,
Hält ein Diener hemmend auf:
„Fremdling, willst das Dach erklimmen,
Wohin stürmt dein blinder Lauf?“
„Mensch! ich frage nach Lucinden!“
Und der Diener staunend schaut:
„Heute kann die jeder finden,
Denn Lucinde, sie ist Braut.“
Und der Fremde steht betroffen,
Der Athletenhohe wankt,
Stier reißt er das Auge offen,
Bis er zu der Pforte schwankt.
„Festlich mußt du hier erscheinen,
An dem frohgeschmückten Ort,
Willst du dich den Gästen einen!“
Schallt des Dieners rauhes Wort.
Stolzverbissen kehrt er eilend,
Auf dem wohlbekannten Weg,
Wut und Schmerz den Busen teilend,
Halten Geist und Auge weg.
Und er stürzt mit Sturmesschritten
Zu der eig’nen Wohnung hin,
Und vor seinen Stoß’ und Tritten,
Tür’ und Riegel offen fliehn.
Raubt der Dienerin die Leuchte,
Wehrt der Hand, die zitternd trägt,
Angstschweiß deckt die Stirn, die feuchte,
Die der Arme stumm sich schlägt.
Einen Mantel läßt er prangen,
Purpurn von der Schulter walln,
Schmücket sich mit gold’nen Spangen,
Läßt das Haar herunter falln.
An des Busens Heiligtume
Preßt er goldverziert ein Schwert,
Schwang es einst zu hohem Ruhme,
Seiner, der Geliebten wert.
Rückwärts trägt auf Windesflügeln
Ihn sein Lauf zum frohen Sitz,
Ach! er kann sein Herz nicht zügeln,
Seine Blicke rolln Vernichtungsblitz.
Bebend tritt er in die Pforte,
In das helle Festgemach,
Parzen sprechen Fluch und Worte
Ihrem Opfer zischend nach.
Stumm gebeugt naht er und traurend,
Stolzgehüllt in Prachttalar,
Alle Gäste packt es schaurend,
Allen scheint er wunderbar.
Wie ein Geist scheint er zu schreiten,
Einsam durch den vollen Saal,
Doch die Paare weitergleiten,
Und es schäumt der Festpokal.
Mögen auch die Reihen schwellen,
Nur Lucinde glänzt hervor,
Und in üppig vollen Wellen
Strömt die Brust aus leichtem Flor.
Jeden faßt ein still Verlangen,
Faßt’s mit tiefer Allgewalt,
Alle Blicke sehnend hangen
An der schwebenden Gestalt.
Und das Aug’, voll Geistesregung,
Lacht in unbewölktem Glanz,
Und in Grazienbewegung,
Führt sie fort den bunten Tanz.
Schwebet leicht an ihm vorüber,
Der nicht von der Stelle weicht,
Und ihr Glutenblick wird trüber,
Und die Purpurwange bleicht.
Und der Schar will sie sich mischen,
Von dem Fremdling abgewandt,
Da erschallt ein höhnend Zischen,
Und ein Gott hält sie gebannt.
Und er mißt sie, groß und strenge,
Wagt es, finster ihr zu nahn,
Und versteinert steht die Menge,
Und sie blickt sich fragend an.
Doch Lucindens Hauch und Kehle
Scheint von Göttern zugepreßt,
Nach Erholung ringt die Seele,
An der Zofe hält sie fest.
„Ha! so muß ich treulos finden,
Dich die längst mir angetraut,
Dich meineidig, dich Lucinden,
Dich als eines andern Braut?“
Und die Menge will ihn fassen,
Schaut sein Tun am frohen Ort,
Doch er schleudert weg die Massen,
Und wie Donner tönt sein Wort.
„Keiner wage mich zu stören!“
Und die finst’ren Augen grolln,
Und sie müssen auf ihn hören,
Und dem Schmerz ein Opfer zolln.
„Nimmer will ich sie verletzen,
Fürchtet nimmer für ihr Heil,
Schauspiel soll sie nur ergetzen,
Gastlich geb’ ich ihr’s zu Teil!
„Magst nur rasch dich weiterschwingen,
Ganz der frohen Lust geweiht,
Magst den Buhlen nur umschlingen,
Bald bist du von mir befreit!
„Auch ich werde heut begehen
Einer Hochzeit bunte Pracht,
Hab’ mich anders umgesehen,
Meine Braut ist Dolch und Nacht.
„Doch noch einmal laß mich saugen,
Wollust aus dem Blick und Glut.
So! nun sah ich deine Augen,
Und du schauest jetzt mein Blut.“
Rasch durchbohren ihn die Klingen,
Die er lange schon gezückt,
Und die Lebensfäden springen,
Und die Nacht sein Auge drückt.
Dumpf und krachend stürzt er nieder,
Jede Muskel bricht entzwei,
Tod umhüllet Pracht der Glieder,
Und kein Gott erweckt ihn neu.
Und Lucinde stumm ergreifet,
Dolch und Schneide, zitternd schnell,
Und das Eisen schon sie streifet,
Und es springt der Purpurquell.
Doch die Zofe rasch besonnen,
Bebend vor des Blutes Strahl,
Hat die Waffe schon gewonnen,
Reißt hinweg den scharfen Stahl.
Und Lucinde sinkt in Schmerzen,
Trauernd auf den Leichnam hin,
Saugt das Blut von seinem Herzen,
Und läßt ihres in es ziehn.
Und die weiße Gaz’bedeckung,
Die den schlanken Leib umschließt,
Färbet sich in Blutbefleckung,
Die sich sprudelnd drüber gießt.
Und sie bleibet lange hangen,
Klammernd an dem teuren Mann,
Und er lebte, wenn Verlangen,
Einen Toten neu beseelen kann.
Hebet dann sich bleich und blutend,
Von dem Mann, den sie erkor,
Und die Menge, murmelnd, flutend,
Schreckt entsetzt und bang empor.
Eine Göttin, selbst sich richtend,
Dem Verderben auserwählt,
Hebet sie den Blick vernichtend
Zu dem Mann, der ihr vermählt.
Und ein Lächeln, eisig, höhnend,
Ziehet um den bleichen Mund,
Und ein Angstschrei, dumpf und stöhnend,
Tut den Wahn entsetzlich kund.
Und zerstiebet sind die Reigen,
Alles fliehet ohne Wahl,
Und die lauten Zymbeln schweigen,
Und verödet ist der Saal.
Wechselgespräch an …
Ein Sänger steht da, festgeschmückt,
Die Zither warm an das Herz gedrückt,
Die Saiten greift er begeistert;
„Was klingst du mein Spiel, was tönst du Gesang,
Was schwillst du, Zither, wie Seelendrang,
Wie eigen von Gluten gemeistert?“
„„Glaubst Sänger wohl, ich fasse nicht,
Den Seelenkampf, das Busenlicht,
Die Bilder, die aufwärts streben?
Sie schimmern rein, wie Sternenland,
Sie brausen hoch, wie Flutenbrand,
Die deuten ein höher Leben.
„„Ich ahnt’ es wohl, ich fühlt’ es tief,
Wenn klangentsprüht dein Wort mich rief,
Du schlugst nicht selber die Saiten:
Es war ein Hauch aus süß’rem Mund,
Hoch stieg er, tief aus Herzensgrund,
Lehrt zart die Leier dich streiten.
„„Dann sprüht’ ein Antlitz wunderhold,
In Sang gefaßt, in Lockengold,
Das blitzte selt’ne Weisen;
Ihr Herz schlug voll, ihr Aug’ brannt’ hehr,
Du sankst in Traum, du warst nicht mehr,
Dann mußt’ ich feiern und preisen.
„„Ihr Bild sank stumm in mich hinein,
Stieg aus mir auf, wie Blütenschein,
Als wär’ es in Tönen zerronnen;
Doch sprich, es sinkt, es taucht empor,
Und dennoch schleiert Wolkenflor
Dir alle Stern und Sonnen!““
„Ach Zither! Zaubervoll Geschick,
Wie Springbrunn rieselt auf dein Glück,
Umgrünt von Maienkränzen:
Ihr Hauch beseelt, ihr Auge winkt,
Dein Ton erbebt, dein Leben blinkt,
Und rollt in Sphärentänzen.
„Du saugst sie ein, du strömst die Lust,
Dann schlägt’s verhallend aus der Brust,
Und deine Geister schweigen;
Dir ward der Traum, das Leben dir,
Ich ringe fern, du perlst in ihr,
Schwebst hoch und ich muß neigen!“
„„Wohl Sänger, wiegt mich Blütentraum,
Doch faß’ ich auch in Himmelssaum,
Und bind’ in gold’nen Sternen;
Es klingt das Spiel, das Leben weint,
Das Spiel klingt fort, die Sonne scheint,
Es sprühn in eins die Fernen.““
Weltgericht
Scherz
Ach! vor jenem Totenleben,
Vor der Heil’gen Preisgesang,
Muß mein Haar sich sträubend beben,
Ist mir in der Seele bang.
Denn, wenn alles abgeschnitten,
Aufgehört der Kräfte Spiel;
Und versunken, was wir litten,
Und erreicht das letzte Ziel,
Soll’n wir Gott, den ew’gen loben,
Hallelujah ewig schrein,
Haben nie genug erhoben,
Kennen nicht mehr Lust und Pein.
Ha! mir schaudert vor der Stufe,
Die zu der Vollendung trägt,
Und ich schaud’re vor dem Rufe,
Wenn er mir ans Sterbbett schlägt.
Einen Himmel kann’s nur geben,
Und der eine ist besetzt,
Muß mit alten Weibern leben,
Die der Zahn der Zeit gewetzt.
Ihre Körper liegen unten,
Schutt und Moder obendrauf,
Und die Seelen jetzt, die bunten,
Hüpfen wirr im Spinnenlauf.
Alle sind so dünn und mager,
Recht ätherisch und recht fein,
Leiber war’n wohl nie so hager,
Schnürten sie auch tüchtig ein.
Doch ich störe keck die Feier,
Heule rasend Lob und Preis,
Und der Herrgott hört den Schreier,
Und ihm wird’s im Kopfe heiß.
Und er winkt dem ersten Engel,
Winkt dem langen Gabriel,
Der erfaßt den lauten Bengel,
Expediert ihn schnell.
Seht! Das alles träumt’ mir heute,
Von dem letzten Reichsgericht,
Darum zürnt nicht, gute Leute,
Denn der Träumer sündigt nicht.
Die beiden Harfensängerinnen
Ballade
„Was treibt dich her zu diesem Schlosse,
Zu hauchen tiefen Glutgesang?
Weilt dir daselbst ein Liebgenosse,
Zieht er dich her im Seelendrang?“
„„Kennst du ihn, der seelenvoll hier wohnet,
Fragst mich, ob ich ihm entbrannt,
Hat sein Anblick Irdische belohnet,
Die die Sehnsucht hergesandt?
„„Nimmer hab’ ich ihn im Glanz geschauet,
Doch der Edelsteine Glühn,
Die das Prachtgebäude stolz erbauet,
Mußten wohl mich herwärts ziehn!
„„Denn es ist, als wär’ ich hier geboren,
Hier mein heimatliches Land,
Ach! es steht vom milden Süd’ erkoren,
Ist den Gluten zugewandt.
„„Hier erklingen meine Lieder freier,
Schwillet höher meine Brust,
Tönt das süße Spiel der gold’nen Leier
Wie von selbst in Wehmutslust.
„„Und ich kenne nicht den hohen Meister,
Der ans Herz gewaltig schlägt,
Kenne nicht die zarten Himmelsgeister,
Die das Schloß im Schoße trägt.
„„Und vergeblich ist mein heißes Sehnen,
Nimmer öffnet sich die Pforte hold,
An die Pfeiler muß ich trostlos lehnen,
Muß hier singen Minnesold!““
Und sie schüttelt ihre schwarzen Locken,
Strömt sich aus in Tränenflut,
Und die andre küßt die Wange trocken,
Preßt sie heiß an Busens Glut!
„Mich ziehen auch geheime Bande
Zu diesem heil’gen Göttersitz,
Ich sucht’ ihn wallend durch die Lande,
Und fernher schlug’s in mich, wie Blitz.
„Doch sollen bange Tränen fließen,
Wofür der heiße Wehmutstau,
Wir dürfen ja das Bild genießen,
Und hüpfen auf der Blumenau!
„Der Busen darf uns voller glühen,
Die Wehmut darf uns süßer nahn,
Die Blicke dürfen heller sprühen,
Bald ist das Schönste hier getan!
„Drum laß’ uns eine Hütte zielen,
Drin klinge unser Weihgesang,
Die mag der süße West umspielen,
Geheimnisvoll im Geisterdrang!“
Sie weilten hier noch lange Tage,
Und Abends klingt ihr Saitenspiel,
Das lockt mit holder Wehmutsklage,
Der Vögelein und Blüten viel.
Und einst, vom Schlummer tief durchdrungen,
Im süßen Bett von weichem Moos,
Die Arm’ um zarten Leib geschlungen,
Erschien ein Dämon wundergroß.
Der trug sie hoch auf gold’nen Schwingen,
Wo’s sie, wie Zauberfessel band,
Und Töne wunderlich erklingen,
Wo einst die stille Hütte stand.
Epigramme
I
In seinem Sessel, behaglich dumm,
Sitzt schweigend das deutsche Publikum.
Braust der Sturm herüber, hinüber,
Wölkt sich der Himmel düster und trüber,
Zischen die Blitze schlängelnd hin,
Das rührt es nicht in seinem Sinn.
Doch wenn sich die Sonne hervorbegegnet,
Die Lüfte säuseln, der Sturm sich leget,
Dann hebt’s sich und macht ein Geschrei,
Und schreibt ein Buch: „der Lärm sei vorbei.“
Fängt an darüber zu phantasieren,
Will dem Ding auf den Grundstoff spüren,
Glaubt, das sei doch nicht die rechte Art,
Der Himmel spaße auch ganz apart,
Müsse das All systematischer treiben,
Erst an dem Kopf, dann an den Füßen reiben,
Gebärd’t sich nun gar, wie ein Kind,
Sucht nach Dingen, die vermodert sind,
Hätt’ indessen die Gegenwart sollen erfassen,
Und Erd’ und Himmel laufen lassen,
Gingen ja doch ihren gewöhnlichen Gang,
Und die Welle braust ruhig den Fels entlang.
II. Hegel. Epigramme
1
Weil ich das Höchste entdeckt und die Tiefe sinnend gefunden,
Bin ich grob, wie ein Gott, hüll’ mich in Dunkel, wie er.
Lange forscht’ ich und trieb auf dem wogenden Meer der Gedanken,
Und da fand ich das Wort, halt’ am Gefundenen fest.
2
Worte lehr’ ich, gemischt in dämonisch verwirrtem Getriebe,
Jeder denke sich dann, was ihm zu denken beliebt.
Wenigstens ist er nimmer geengt durch fesselnde Schranken,
Denn wie aus brausender Flut, stürzend vom ragenden Fels,
Sich der Dichter ersinnt der Geliebten Wort und Gedanken,
Und was er sinnet, erkennt, und was er fühlet, ersinnt,
Kann ein jeder sich saugen der Weisheit labenden Nektar,
Alles sag’ ich euch ja, weil ich ein Nichts euch gesagt!“
3
Kant und Fichte gern zum Äther schweifen,
Suchten dort ein fernes Land,
Doch ich such’ nur tüchtig zu begreifen,
Was ich — auf der Straße fand!
4
Verzeiht uns Epigrammendingen,
Wenn wir fatale Weisen singen,
Wir haben uns nach Hegel einstudiert,
Auf sein’ Ästhetik noch nicht — — —.
abgeführt.
III
Hatten die Deutschen sich einmal aufgemacht,
Es gar bis zum Völkersiege gebracht,
Und als das nun vorübergewesen,
Da konnt’ man an allen Ecken lesen:
„Es seien gar wunderbar Dinge geschehn,
Man werde bald auf drei Beinen gehn.“
Das tät nun alle gewaltig grämen,
Begannen sich vor sich selber zu schämen,
„Sei doch zu vieles auf einmal geschehn,
Man müsse nun wieder hübsch stille gehn,
Das andre könnt’ man in Bücher binden,
Und Käufer würden wohl leicht sich finden.“
IV
Zieht ihnen die Sterne selbst herunter,
Bald glühn sie zu bleich, bald zu munter;
Die Sonne brennt bald das Aug’ zu sehr,
Bald kömmt sie zu weit aus der Ferne her.
V
So war an dem Schiller auszusetzen,
Er könne nicht menschlich genug ergetzen,
Er treibe die Dinge auch gar zu hoch,
Und zieh’ nicht gehörig am Werkeltagsjoch.
Er spiele wohl sehr mit Donner und Blitz,
Doch fehle ihm gänzlich der Straßenwitz.
VI
Der Goethe aber, der sei zu schön,
Tut lieber die Venus, als Lumpen sehn,
Er tät’ es zwar brav von unten greifen,
Doch müßt’ man gezwungen zur Höhe schweifen,
Gäb’ den Dingen gar eine zu hehre Gestalt,
Fehle drum gänzlich der Seelenhalt,
Der Schiller sei doch rechter gewesen,
Da konnt’ man Ideen in Lettern lesen,
Man konnt’ doch sagen, sie seien gedruckt,
Hat man auch die Tiefe nicht recht durchguckt.
VII. Auf einen gewissen Kahlkopf
Wie gleich dem glanzgebornen Blitze,
Entsprüht aus fernem Wolkensitze,
Pallas Athene, hehr im Siegesdrang,
Aus Zeus gedankenvollem Haupte sprang,
So ist sie ihm, von Lust durchdrungen,
An seinen Kopf hinangesprungen,
Und hat er’s in der Tiefe nicht ersiegt,
So weiß er sicher, daß es auf ihm liegt.
VIII. Pustkuchen (falschen Wanderjahren)
1
Schiller, meint er, sei leidlich gewesen,
Hätt’ er nur mehr in der Bibel gelesen,
Seine Glocke sei gar ein trefflich Gedicht
Enthielt es nur noch die Auferstehungsgeschicht’,
Und wie auf einem Eselein,
Christus zog in die Stadt hinein,
Auch sollt’ er dem Wallnstein hinzu noch fügen,
Von Davids Sieg und Philisterzügen.
2
Goethe sei für Frauen ein Grauen,
Denn er passe nicht grad’ für alte Frauen,
Er habe ja nur die Natur ergriffen,
Sie nicht mit Moral zurechtgeschliffen,
Hätt’ Luthers Katechete sollen studieren,
Daraus dann Verse fabrizieren.
Zwar das Schöne hat er manchmal gedacht,
Doch vergaß er zu sagen: „Gott hab’ es gemacht.“
3
Gar absonderlich Trachten,
Den Goethe so hoch zu achten,
Wie nieder war doch sein ganzes Streben,
Hat er zu Predigten Text je gegeben?
Zeigt nur in ihm was von festen Kernen,
Woraus für Bauer und Schulmann zu lernen, —
So fehlt ihm des Genius Götterstempel,
Er löste nicht einmal — ein Rechenexempel.
4
Hört nun, wie das Ganze vom Faust entsprungen,
Der Dichter hat falsch es vorgesungen.
Der Faust, der hatte der Schulden zu viel,
War liederlich, trieb das Hazardspiel,
Und wie er keine Hülfe von oben gesehn,
Da wollt’ er schmählich zu Grunde gehn,
Darum ihn nun ängstlich Gefühl überkam,
Von Hölle und Verzweiflungsgram.
Da dacht’ er über Leben und Sterben,
An Wissen und Tun und Verderben,
Und sprach gar vieles darüber hin
In dunkelmystischem Sinn.
Konnt’ das nun nicht der Dichter zieren,
Erzählen, wie Schulden zum Teufel führen,
Wie, wer sich um den Kredit gebracht,
Gar leicht sein Seelenheil vermacht?
5
Der Faust, der wagt am Ostertag zu denken,
So braucht er sich nicht erst dem Teufel zu schenken, —
Wer an solchen Tagen zu denken wagt,
Der ist von selbst der Hölle versagt.
6
Auch ist die Wahrscheinlichkeit ganz verletzt,
Durft ihn die Polizei sonst dulden?
Hätt’ sie ihn nicht ins Gefängnis gesetzt?
Er flog ja fort und bezahlt nicht die Schulden!
7
Den Faust, den kann nur das Laster erheben,
Er will ja nur für sich selber leben,
Er wagte zu zweiflen an Gott und Welt,
Vergaß, daß Moses gelungen sie hält.
Die dumme Grethe, die mußt’ ihn lieben,
Statt ihm ins Gewissen recht zu schieben,
Wie er dem Teufel verfallen sei,
Und der jüngste Tag käme bald herbei.
8
Die „schöne Seele“, die könnt man noch nutzen,
Doch müßt’ man sie erst mit Brill’ und Nonnenkapp’ stutzen.
„Was Gott tut, das ist wohlgetan!“
So fängt der wahre Dichter an.
Schlußepigramm an den pustenden Meister
So knete deine Kuchen nur zurecht,
Dann bleibst du immer noch ein Bäckersknecht.
Wer wollte auch von dir verlangen,
Du solltest dich an Goethen hangen?
Er hat ja selbst dein Handwerk nicht gekannt,
Wie käm’ er zu Genie dann und Verstand?
Harmonie
Kennst du das süße Zauberbild,
Wo Seelen ineinander fließen,
In einem Hauche sich ergießen,
Melodisch voll und freundlich mild?
Sie glühen auf in einer Purpurrose,
Und bergen sich verschämt im weichen Moose.
Und walle weit durch Flur und Land,
Das Zauberbild wirst du nicht finden,
Kein Talisman vermag’s zu binden,
Nicht kündet’s Strahl und Sonnenbrand.
Es ist in ihrem Scheine nicht entsprossen,
Hat keine Erdennahrung je genossen.
Drum bleibt es ewig prangend stehn,
Ob schwingt die Zeit den raschen Flügel,
Apollo faßt der Rosse Zügel,
Und Welten stumm im Nichts vergehn,
In sich hat’s eine Kraft sich selbst erzeuget,
Die keine Welt, die selbst kein Gott ihm beuget.
Es ähnelt wohl dem Zitherklang,
Gespielt auf einer ew’gen Leier,
In stetem Glühen, steter Feier,
In hohem, sehnsuchtsvollem Drang,
O! horch den Saiten, die in dir erschallen,
Zu suchen wird dein Fuß nicht weiter wallen.
Die Zerrissne
Ballade
I
Sie steht im Prachtgewande,
Vom Purpurkleid geziert,
Im zarten Atlasbande,
Das sich im Busen verliert.
Und spielend in den Locken
Ein Rosenkranz ihr ruht,
Die einen, gleich Schnee’sflocken,
Die andern, wie Feuer und Blut.
Doch nimmer der Rose Flammen,
In ihrem Antlitz spielt,
Sie sinket gebeugt zusammen,
Wie ein Wild, das der Pfeil erzielt.
Sie blickt so bleich und so bebend,
Im vollen Demantenschein,
Das Blut, von der Wange strebend,
Es schlägt ins Herz hinein.
„Schon wieder mußt’ ich eilen,
Zu stürzen in leere Lust,
Die Schritte schwebend teilen,
Gepreßt in tiefer Brust.
„Mir schlägt ein ander Verlangen,
Durch der Seele wogend Meer,
Als mich an Pracht zu hangen,
So kalt, so liebeleer.
„Ich weiß mir’s nicht zu erklären,
Was in dem Busen brennt,
Der Himmel kann’s nur gewähren,
Kein irdischer Laut es nennt.
„Ich möcht’ so gerne sterben,
Im Schmerze untergehn,
Den Himmel zu erwerben,
Und schöner Land zu sehn!“
Sie schlägt den Blick mit Tränen
Hinauf zum Himmelslicht,
Und ihres Busens Wähnen
In stummen Seufzern spricht.
Dann legt sie leis sich nieder,
Und spricht ein tief Gebet,
Und Schlaf umhüllt die Glieder,
Und ein Engel über ihr steht.
II
Und Jahre zogen hinüber:
Die Wangen fielen ein,
Sie wurde still und trüber.
Sank mehr in sich hinein.
Vergebens sucht sie zu kämpfen,
Zu stillen den tiefen Schmerz,
Die Riesengewalten zu dämpfen,
Es springt das volle Herz.
Einst lag sie wieder versunken,
Im Bette ohne Rast,
Schien schon im Nichts ertrunken,
Vom Schlage tief erfaßt.
Der Blick ist aufgerissen,
Er schaut so hohl und irr,
Scheint nicht mehr von sich zu wissen,
Sie redet geisterwirr.
Und aus dem Auge quillet
Ein Blutstrom ohne Wahl,
Da scheint der Schmerz gestillet,
Da blitzt es wie Geistesstrahl.
„Ich seh’ den Himmel offen,
Mich faßt’s so selten an,
Zum Wesen wird mein Hoffen,
Ich darf den Sternen nahn!“
So bebt’s von den Lippen, den bleichen,
So hallt die Seele aus,
Die zarten Geister weichen,
Und fliehn zum Ätherhaus.
Da trieb sie ein tiefes Streben,
Dort zog sie’s, wie Zauberband,
Zu kalt war ihr das Leben,
Zu arm das Erdenland.
Männerl und Trommerl
Märlein
Ei Trommerl is kei Männerl und es Männerl is kei Trumm,
Die Trommerl ist gar zu klug und das Männerl is gar dumm.
Die Trommerl is gebunden und ’s Männerl is gestellt,
Und die Trommerl bleibt sitzen, wenn’s Männerl auch fällt.
Und ’s wütend Männerl, das schlägt sie und ’s klein Trommerl, das klingt,
Und ’s lustig Trommerl, das klappert und es Männerl, das springt.
Und ’s Männerl schneidt Gesichter und ’s Trommerl lacht es aus,
Da ruft’s ganz entsetzlich, das Männerl durch das Haus:
„Ha! Trommerl, He! Trommerl, was lachst da, was klapperst so hohl,
Du treibst mir de Narrn und schneidst mer Fratzen wohl!
„Verwünschtes Trommerl, das grinzt de, das treibst de mer zur Schand’!
Was klapperst, wenn i schlag’ und was hängst da, wo i band!
„Hab ich drum dich aus dem Holzstamm zu ’ner Trommerl raufgebracht,
Daß de ’s treibst so für dich, als hättst’s dich schön selber gemacht!
„Sollst tanze, wenn i schlag’ und schlage, wenn i sing’,
Sollst weine, wenn i lach’ und lache, wenn i spring’!“
Das Männerl, das grinzt auf de Trommerl in der Wut,
Und donnernd zerschlägt er’s und de Trommerl springt Blut.
Und ’s Trommerl hat kei Männerl und es Männerl hat kei Trumm,
Und ’s Männerl geht ins Kloster und es Männerl wird frumm.
Menschenstolz
Als ich diese stolzen Hallen
Schaute und der Häuser Riesenlast,
Und der Menschen stürmisch Wallen,
Und die unruhvolle Fieberhast;
Fühlte ich der Pulse Schlagen,
Und der Seele stolze Riesenglut,
Sollen dich die Wellen tragen,
Hin ins Leben und in Meeresflut?
Soll ich staunen vor den Massen,
Die zum Himmel keck sich aufgetürmt?
Soll mich dieses Leben fassen,
Das dem Ungefähr entgegenstürmt?
Nein! ihr armen Zwerggiganten,
Und du kaltes, steinern Ungetüm,
Schaut den Blick, den weggewandten,
Ihn durchglüht der Seele Ungestüm.
Er durcheilet rings die Kreise,
Flieht durch sie mit raschem Forschersinn,
Und die Sehnsucht klingt, die heiße,
Höhnend durch die weiten Hallen hin.
Wenn ihr alle stürzet, sinket,
Gibt’s nur eine Scherbenwelt,
Ob die kalte Pracht uns blinket,
Ob Ruin sich dumpf entgegenstellt!
Keine Grenze ist gezogen,
Keine harte, arme Scholle bannt,
Und wir segeln durch die Wogen,
Und wir wallen fort in fernes Land.
Keines mag uns festzuhalten,
Schließet unser Hoffen ein,
Es enteilen die Gestalten,
Und es bleibt des Busens Lust und Pein.
Diese weiten Ungeheuer
Sind nur ängstlich aufgerafft,
Fühlen nie das Liebesfeuer,
Das aus leerem Nichts sie schafft.
Keine Riesensäule hebet
Aus sich selbst in eins sich siegend auf,
Dürftig Stein an Stein gewebet,
Formen arm den bangen Schneckenlauf.
Doch die Seele fasset Alle,
Ist nur eine hohe Riesenglut,
Selber noch in ihrem Falle,
Reißt sie Sonnen in Vernichtungsflut.
Aus sich selber hebt sie siegend
Auf sich zu des Himmels Sitz,
Götter in der Tiefe wiegend,
Und in ihrem Auge Donnrers Blitz.
Und ihr schwindelt nicht vor Stegen,
Wo der Gottgedanke geht,
Wagt ihn an der Brust zu pflegen,
Eig’ne Größe ist ihr Hochgebet.
Muß sie in sich selbst verzehren,
In der eig’nen Größe untergehn,
Dann tönt’s, wo Vulkanen gären,
Und Dämonen weinend um sie stehn.
Trotzend will sie unterliegen,
Einen Thron erbaun für Riesenhohn,
Und ihr Fallen selbst ist Siegen,
Und ihr stolz Verschmähen Heldenlohn.
Doch wenn Wechselglut sich bindet,
Wenn zwei Seelen ineinander wehn,
Eine leis der andern kündet,
Nicht so einsam mehr durch’s All zu gehn,
Hört man’s laut durch Welten tönen,
Mild wie voller Äolsharfenklang,
Hoch im Strahl des Ewigschönen
Glühn zusammen Wunsch und Seelendrang.
Jenny! Darf ich kühn es sagen,
Daß die Seelen liebend wir getauscht,
Daß in eins sie glühend schlagen,
Daß ein Strom durch ihre Wellen rauscht,
Dann werf’ ich den Handschuh höhnend
Einer Welt ins breite Angesicht,
Und die Riesenzwergin stürze stöhnend,
Meine Glut erdrückt ihr Trümmer nicht.
Götterähnlich darf ich wandeln,
Siegreich ziehn durch ihr Ruinenreich,
Jedes Wort ist Glut und Handeln,
Meine Brust dem Schöpferbusen gleich.
Spaziergang
„Was blickst du hin zur Felsenwand,
Was murmelt deine Lippe?“
„„Die Sonne schimmert Abendbrand,
Küßt scheidend noch die Klippe.““
„Und dieses sahst du wohl noch nicht,
Heut’ stieg zum erstenmale
Vom Mittag her das Purpurlicht,
Und sinkt hinab zum Tale?“
„„Wohl sah ich’s einst, wohl schlug die Glut,
Sich fern in Purpurfalten,
Bis scheidend noch ihr Auge ruht,
Sie sehnend festzuhalten.
„„Wir wallten still, die Klippe schlug,
Von ihrem Schritt’ gemeistert,
Leis küßt’ der Wind das Busentuch,
Sanft spricht ihr Aug’ begeistert.
„„Ich lispelt’ Seufzer, liebekrank,
Sie bebte glutumroset,
Ich preßt’ ihr Herz, die Sonne sank,
Von Sternen weggekoset.
„„Das zieht den Blick zur Felsenwand,
Das murmelt meine Lippe,
Sie winkt mir fern, wie Abendbrand,
Sie neigt sich von der Klippe.““
Lied an die Sterne
Es tanzen eure Reigen
In Schimmer und in Strahl,
Und eure Bilder steigen,
Und schwellen ohne Zahl.
Hier bricht die schönste Seele,
Hier springt das vollste Herz,
Und gleich ’nem Goldjuwele
Umfaßt es Todesschmerz.
Es hebt zu euch die Augen,
Mit dunkler Allgewalt,
Will kindlich Hoffnung saugen,
Und Ewigkeitsgehalt.
Doch ach! ihr glänzt nur immer,
In ruh’gem Ätherschein,
Und Götter werfen nimmer
Die Glut in euch hinein.
Ihr seid nur Truggebilde,
Von Strahlen flammt’s Gesicht,
Doch Herzensglut und Milde,
Und Seele habt ihr nicht.
Und euer Schein ist Höhnen,
Für Tat und Schmerz und Drang,
An euch zerschellt das Sehnen,
Und Busens Flammensang.
Wir müssen Leid ergrauen,
Verzweiflend untergehn,
Und dann zum Hohn schauen,
Daß Erd’ und Himmel stehn.
Daß, wenn wir auch erzittern,
’Ne Welt in uns ertrinkt,
Kein Baumstamm muß zersplittern,
Kein Stern heruntersinkt.
Sonst lägt ihr all’ begraben
Im tiefen blauen Meer,
Würd’t keine Strahlen haben,
Und längst kein Feuer mehr.
Dann sprächt ihr stumm die Wahrheit,
Und lögt nicht tote Pracht,
Und prangtet nicht in Klarheit,
Und ringsum wär’ es Nacht.
Traumbild
Dithyrambe
Aus den Träumen mögt’ ich schmeicheln
Leis ein Bild in duftgewebtes Netz,
Müßt’ ich schon die Kreise schlingen,
Aus den eig’nen Lockenringen,
Müßt’ ich Herzblut nachtumflutet quelln,
Glutbild fortzuziehn aus Traumeswelln,
Bild, das auf und niederwoget,
Äolstöne, Liebesschöne rauscht.
Schwellen würd’ es, golden blinken,
Größer wölbte sich das enge Haus,
Meine Locken wallten ringend,
Himmelsweib mit Schwarz umschlingend,
Fort zu Perlenliedern rollt mein Blut,
Strömend um des Marmornackens Glut.
Und die Lampe flackert Sonnen,
Himmelswölbung flutete mein Herz.
Niederbebten rings die Räume,
Doch zum Riesenheld emporgeschwolln,
In dem Blicke mächtig hehre Feier,
Weltgroß war mir Sturmesleier,
Höher schlug im Donnersang mein Herz,
Sonnen seine Liebe, Fels sein Schmerz,
Stolzdemütig sänk’ ich nieder,
Stolzvermessen rauscht’ ich an die Brust.
Lied eines Schiffers auf der See
„Ihr möget spielen, ihr möget schlagen,
Und hüpfen um meinen Kahn,
Ihr müßt ihn zum Ziele tragen,
Ihr seid mir untertan!
„Da unten ihr blauen Wogen,
Da ruht mein Bruder klein,
Ihr habt ihn hinabgezogen,
Und zehrt nun sein Gebein.
„Ich selber war noch ein Knabe,
Verwegen löst er das Schiff,
Greift nach dem Ruderstabe,
Und sank vom sandigen Riff.
„Da schwur ich tief im Herzen,
Bei den Wellen blau und naß,
An euch zu rächen die Schmerzen,
Euch zu peitschen ohn’ Unterlaß.
„Und treulich hab’ ich gehalten
Der Seele Schwur und Wort,
Ich geißle euch stets, ihr Kalten,
Bin selten am trockenen Ort.
„So oft die Tiefe erbrauset,
Die Glocke zittert vom Turm,
Und dumpf Orkan ersauset,
Und es rast in Wut der Sturm,
„Dann treibt’s mich weg vom Bette,
Von meinem sichern Sitz,
Von der still und warmen Stätte,
Zu segeln in Sturm und Blitz.
„Und ich kämpfe mit Wind und Wellen,
Und bete zu Gott, dem Herrn,
Und laß die Segel schwellen,
Und halt’ mich an sichern Stern.
„Dann sammeln sich die Kräfte,
Voll Feuer und kühner Lust,
Und in dem Todgeschäfte,
Ertönt der Sang aus der Brust.
„Ihr möget spielen, ihr möget schlagen,
Und hüpfen um meinen Kahn,
Ihr müßt ihn zum Ziele tragen,
Ihr seid mir untertan.“
Zauberschiff
Romanze
Flieht Schifflein ohn’ Segel und Leuchte,
Flieht Erdkreis um ohn’ Rast,
Der Mond blinkt ’nab ins Feuchte,
Verwittert steht der Mast.
Ein Steurer finster es lenket,
Fließt durch die Wange kein Blut,
Sein Hirn kein Gedanken denket,
Sein Auge schießt kein’ Glut.
Da branden wohl rings die Wellen,
Da stößt’s in Klippenbank,
Das Schifflein schwankt, ohn’ zu schellen.
Taucht auf, wie’s niedersank.
Bis eine Meerflut quillet
Im blut’gen Wellenbad,
Zuckt Steurers Herz und schwillet,
Das zeugt wohl böse Tat.
Dann heulen drunter, drüber,
Die Geister Rachgeschrei,
Dem Steurer wird’s düster und trüber,
Das Schifflein schießt vorbei.
Wohl schaut es ferne Lande,
Wohl grüßt es Bucht und Küst’,
Dann blinkt’s im Spiegelbrande,
Bis Flut es niederküßt.
Das bleiche Mädchen
Ballade
Das Mägdlein steht da so bleich,
So still und verschlossen,
Die Seele, engelweich,
Ist trüb und verdrossen.
Da blitzt kein Strahl hinein,
Da treiben die Wogen,
Da spielen Liebe und Pein,
Die sich wechselnd betrogen.
Sie war so fromm, so mild,
Dem Himmel ergeben,
Der Unschuld seliges Bild,
Das Grazien weben.
Da kam ein Ritter hehr,
Auf prunkendem Rosse,
Im Auge ein Liebemeer,
Und Glutgeschosse.
Das traf so tief in die Brust,
Doch er zog von dannen,
Hinstürmend in Kriegeslust,
Nichts mag ihn zu bannen.
Und die stille Ruhe geflohn,
Der Himmel gesunken,
Das Herz des Jammers Thron,
Und sehnsuchtstrunken.
Und wie es ein Abend ist,
Da wirft sie sich nieder,
Hin vor den heiligen Christ,
Und betet wieder.
Doch zwischen seine Gestalt
Ein andrer sich dränget,
Der faßt sie mit Allgewalt,
Wie sie’s Herz auch zwänget.
„Bist doch das Liebchen mein,
Und für stets mein eigen,
Dem Himmel magst du zum Schein,
Die Seele zeigen.“
Da ergreift es sie graus,
Wie Eisesbeben,
Sie stürmt entsetzt hinaus,
Von Dunkel umgeben.
Sie ringt die Lilienhand,
Und bricht in Tränen:
„So ist die Brust entbrannt,
Und das Herz voll Sehnen!
„So ist der Himmel geraubt,
So bin ich verloren,
Der Geist, der an Gott geglaubt,
Ist der Hölle erkoren.
„Doch ach! er war so groß,
So gottgestaltig,
Das Auge so bodenlos,
So tief und gewaltig.
„Und hat mich nicht gesehn,
Keinen Blick mir gespendet,
Und läßt mich trostlos vergehn,
Bis die Seele endet.
„’Ne andre umschlingt sein Arm,
Und darf ihn pressen,
Und ahnt nicht meinen Harm,
So unermessen.
„Wie gern gäb’ ich Seelenheil,
Und all mein Hoffen,
Würd’ mir sein Blick zu Teil,
Wär’ sein Herz mir offen!
„Wie kalt muß der Himmel sein,
Den er nicht durchsprühet,
Ein Land voll Leid und Pein,
Und schmerzdurchglühet.
„Hier rauschet Welle und Flut,
Die mögen kühlen,
Des Herzens rasende Glut,
Und des Busens Fühlen.“
Und sie wirft sich mit Macht
In die sprudelnden Wogen,
Und in düstere, kalte Nacht
Wird sie fortgezogen.
Und das Herz, das so heiß empfand,
Darf nicht weiter pochen,
Und der Blick, ein Glutenland,
Ist stumm und gebrochen.
Und die Lippe, so süß und mild,
Ist entfärbt und gebleichet,
Und ihr schlankes Ätherbild,
Im Nichts entweichet.
Und es fällt kein wundes Laub
Von den Zweigen nieder,
Die Erde, der Himmel sind taub,
Erwecken nicht wieder.
Und die Welle rauscht ruhig fort,
Durch Tal und Klippen,
Am harten, felsigen Ort
Zerschmettern die Rippen.
Und den Ritter, hehr und groß,
’Ne Buhle umschlinget,
Und von Glück und Liebeslos
Die Zither klinget!
Spielmann
Spielmann streicht die Geigen,
Die lichtbraun Haare neigen,
Trägt einen Säbel an der Seit’,
Trägt ein zerrissen gefaltet Kleid.
„Spielmann, Spielmann, was streichst du so sehr,
Spielmann, was blickst du so wild umher,
Was kreist sich das Blut, was springen die Wogen,
Zerreißt dir ja deinen Bogen.“
„„Was geig’ ich Mensch! was brausen Wellen,
Daß donnernd sie am Fels zerschellen,
Daß’s Auge erblind’t, daß der Busen springt,
Daß die Seele hinab zur Hölle klingt!““
„Spielmann, zerreibst dir’s Herz mit Spott,
Die Kunst, die lieh dir ein lichter Gott,
Sollst ziehn, sollst sprühn auf Klangeswellen,
Zum Sternentanz hinanzuschwellen!“
„„Was, was! Ich stech’, stech’ ohne Fehle,
Blutschwarz den Säbel in deine Seele,
Fort aus dem Haus, fort aus dem Blick,
Willst Kindlein spielen um dein Genick?
„„Gott kennt sie nicht, Gott acht’t nicht die Kunst,
Die stieß in den Kopf aus Höllendunst,
Bis das Hirn vernarrt, bis das Herz verwandelt,
Die hab’ ich lebendig vom Schwarzen erhandelt!
„„Der schlägt mir den Takt, der kreidet die Zeichen,
Muß voller, toller den Todmarsch streichen,
Muß spielen dunkel, muß spielen licht,
Bis Herz durch Sait’ und Bogen bricht.““
Spielmann streicht die Geigen,
Die lichtbraun Haare neigen,
Trägt einen Säbel an der Seit’,
Trägt ein zerrissen gefaltet Kleid.