Text nach der Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abteilung, Band 2 (Berlin 1930, S. 45-46), ohne den textkritischen Apparat der Herausgeber. Erstdruck: Telegraph für Deutschland (Hamburg), November 1839, Nr. 178, S. 1420-1422. Traducción al español.
Es sind seit einiger Zeit Klagen laut geworden, bittere Klagen über die trostlose Kraft der Skepsis; hier und da schaute man trübe auf das niedergerissene Gebäude des alten Glaubens, bang harrend, daß die Wolken zerreißen möchten, die den Himmel der Zukunft bedecken. Mit einem ähnlichen, wehmütigen Gefühle lege ich die „Lieder eines heimgegangenen Freundes“ aus der Hand; es sind Lieder eines Toten, eines echten Wuppertaler Christen, an die glückliche Zeit erinnernd, wo man selbst noch kindlich glauben konnte an eine Lehre, deren Widersprüche man sich jetzt an den Fingern abzählen kann, wo man von heiligem Eifer glühte gegen religiöse Freisinnigkeit — einem Eifer, über den man jetzt lächelt oder errötet. — Der Druckort schon zeigt, daß man diese Verse nicht nach dem gewöhnlichen Maßstabe beurteilen darf, daß hier keine blendenden Gedanken, kein fesselloser Schwung eines freien Geistes zu finden sind; ja es wäre unbillig, etwas anderes zu verlangen als Produkte des Pietismus. Der einzig richtige Maßstab, den man an diese Gedichte legen darf, ist durch die frühere Wuppertaler Literatur gegeben, an der ich meinen Unmut schon hinlänglich ausgelassen habe, um nun auch einmal von andrem Gesichtspunkte eines ihrer Erzeugnisse beurteilen zu dürfen. Und da ist unverkennbar, daß in diesem Buche ein Fortschritt sich zeigt. Die Gedichte — die von einem, wenn auch nicht ungebildeten Laien herzurühren scheinen — stehen den Gedanken nach zum wenigsten gleich mit denen der Prediger Döring und Pol, ja zuweilen ist ein leiser Hauch von Romantik, soviel sich davon an die calvinistische Lehre anhängen läßt, nicht zu verkennen. Was die Form betrifft, sind sie aber unstreitig das Beste, was das Wuppertal bis jetzt hervorgebracht hat; neue oder seltene Reime sind oft nicht ohne Geschicklichkeit angebracht; ja bis zum Distichon und zur freien Ode hat sich der Verfasser erhoben, welche Formen ihm aber zu hoch waren. Krummachers Einfluß ist unverkennbar; seine Redensarten und Bilder sind überall benutzt; wenn der Dichter aber singt:
Pilger: Arme Schäflein von Christi Herde,
Ich seh’ ja nichts von seiner Zierde
An Dir, o Schäflein, so still.
Schäflein: Gedrückt ein Weilchen, dann hoch erhöht
Das Schäflein im Paradiese steht.
Pilger, schweige, und werd’ ein Lämmlein,
Die still Gebeugten geh’n zum engen Tor ein,
Drum schweig’ und bete und werd’ ein Lämmlein,
so ist das keine Nachahmung Krummachers, sondern schon er selbst! Dagegen finden sich einzelne Stellen dieser Gedichte, die durch die Wahrheit der Empfindung wirklich rührend sind — ach, man kann nur nie vergessen, daß diese Empfindung größtenteils krankhaft ist! Und doch zeigt es sich auch hier, wie stärkend und tröstend eine wirklich zur Herzenssache gewordene Religion, selbst in ihren traurigsten Extremen, überall wirkt.
Lieber Leser, verzeihe mir, daß ich Dir ein Buch vorführte, das unendlich wenig Interesse für Dich haben kann; Du bist nicht im Wuppertale geboren, Du standest vielleicht nie auf den Bergen und sahst nie die beiden Städte zu Deinen Füßen; aber Du hast auch eine Heimat und kehrst vielleicht mit derselben Liebe wie ich zu ihren unbedeutenden Erscheinungen zurück, wenn Du Deinen Zorn gegen ihre Verkehrtheiten ausgelassen hast. —
S. Oswald1
Verfasser der „Briefe aus dem Wuppertal“, die der Telegraph unlängst mitteilte, und die niemand harmloser aufgenommen hat als F. W. Krummacher. — Anm. d. Red. ↩