Text nach der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA¹), I. Abteilung, Band 2 (Berlin 1930), S. 147-154, ohne den Apparat der Herausgeber. Geschrieben im Juli 1840; zuerst erschienen im „Morgenblatt für gebildete Leser“ (Stuttgart), Nr. 196-200, 17.-21. August 1841. Traducción al español.
Bremen, Juli
Um sechs Uhr morgens sollte der „Roland“ abfahren. Ich stand an den Räderkasten angelehnt und sah unter der Menschenschar, die sich an Bord des Dampfschiffs drängte, nach Bekannten umher. Denn heute war eine sonntägliche Lustfahrt nach Bremerhafen veranstaltet, und zwar zu herabgesetzten Preisen, wobei denn jeder die Gelegenheit benutzte, der See ein wenig näher zu kommen und einige große Schiffe zu sehen. Es war mir merkwürdig, daß die Gewinnsucht, die sonst fortwährend auf eine Geldaristokratie hinarbeitet, hier auch einmal der Demokratie einige Konzessionen machte. Die Preiserniedrigung machte den Unbemitteltern die Teilnahme möglich, und dazu war der Unterschied zwischen erster und zweiter Kajüte aufgehoben, was in Bremen, wo die „höheren Stände“ nichts mehr scheuen, als gemischte Gesellschaft, sehr viel sagen will. So wurde denn das Dampfschiff auch sehr voll. Echte „Bremer Borger“, die in ihrem Leben nicht aus dem Gebiet der freien Hansestadt herausgekommen waren und nun ihrer Familie den Hafen zeigen wollten, bildeten den Kern der Gesellschaft; Küper, Auswanderer, Handwerksgesellen waren ebenfalls in Masse da; hier und dort stand ein Mann der Börse, der, zur guten Gesellschaft gehörend, sich von der Menge absonderte, und überall sah man die Bauern auf dem Schachbrett einer Handelsstadt, die immer vorgeschoben werden, die Comptoiristen, welche sich wieder in Kommis, erste Lehrlinge und Jüngste scheiden. Der Kommis dünkt sich schon eine wichtige Person; er hat nur einen Schritt bis zur Selbständigkeit; er ist das Faktotum seiner Firma, er kennt die Verhältnisse seines Hauses durch und durch, er ist mit dem Stande des Marktes vertraut und auf der Börse drängen sich die Makler um ihn. Der erste Lehrling hält sich nicht viel geringer; er steht zwar mit dem Prinzipal nicht auf demselben Fuße, wie der Kommis, doch weiß er einen Makler und namentlich einen Küper oder Kahnschiffer schon ganz vortrefflich abzufertigen, und trägt in Abwesenheit des Prinzipals und Kommis das Bewußtsein zur Schau, daß er jetzt die Firma vertritt und der Kredit eines ganzen Hauses von seinem Benehmen abhängt. Der Jüngste dagegen ist ein unglückliches Geschöpf; er vertritt das Handlungshaus höchstens gegen den Arbeiter, der die Güter verpackt, oder den Briefträger, in dessen Rayon das Comptoir liegt. Er muß nicht nur sämtliche Handlungsbriefe und Wechsel kopieren, Rechnungen austragen und bezahlen, sondern überhaupt völlig den Laufburschen machen, die Briefe zur Post bringen, Pakete schnüren, Kisten zeichnen und die Briefe von der Post holen. Man kann jeden Mittag das Postlokal gedrängt voll von diesen „Jüngsten“ sehen, welche die Hamburger Post abwarten. Und was das schlimmste ist, jedes Versehen, das auf dem Comptoir vorfällt, muß sich der Jüngste geduldig zuschieben lassen; denn es gehört mit zu seinem Beruf, der Sündenbock eines ganzen Comptoirs zu sein. Diese drei Klassen sondern sich auch in Gesellschaft streng voneinander: die Jüngsten, deren Kinderschuhe meist noch nicht ganz vertreten sind, gefallen sich in lautem Lachen und viel Lärmen um nichts; die ersten Lehrlinge sprechen eifrig über den jüngsten großen Einkauf, den ein Zuckerhändler gemacht hat, und jeder hat seine Vermutungen darüber; die Kommis lächeln über Witze, die nicht ans Tageslicht kommen, und wissen bezeichnende Dinge von den anwesenden Damen zu sagen.
Das Dampfschiff fuhr ab. Obwohl die Bremer ein solches Schauspiel alle Tage sehen können, so mußte die bremische Neugier sich dennoch in einer ungeheuern Menschenmasse betätigen, die von jedem Ufervorsprung unserer Abfahrt zusah. — Das Wetter war eben nicht günstig; es war zwar derselbe alte, eherne Himmel, von dem Homer erzählt, aber die uns zugewandte Seite, welche die ewigen Götter nicht alle Tage putzen lassen, war mit bedeutendem Rost überlaufen. Mehr als einmal löschte ein Regentropfen zischend meine Zigarre aus. Die Dandys, welche ihre Makintoshröcke bisher über dem Arm trugen, sahen sich veranlaßt, sie anzuziehen, und die Damen spannten die Regenschirme auf. — Die Ausfahrt aus Bremen ist, von der Weser gesehen, sehr hübsch: links die Neustadt mit ihrem langen, baumbepflanzten „Deich“, rechts die Anlagen des Walls, die sich hier bis an die Weser erstrecken und von einer kolossalen Windmühle gekrönt werden. Dann aber kommt die bremische Wüste, rechts und links Weidengebüsch, sumpfige Wiesen, Kartoffelpflanzungen und eine Masse Braunkohlfelder. Braunkohl ist das Lieblingsgericht der Bremer.
Auf dem Räderkasten stand, trotz des starken Regens und des scharfen Windes, ein langer Assekuranzmaklergehülfe und unterhielt sich in plattdeutscher Sprache mit dem Kapitän, der ruhig seinen Kaffee trank. Dann eilte er wieder hinunter zu einer Gesellschaft von Kaufleuten zweiten Ranges, um ihnen Bericht über die wichtigen Äußerungen des Kapitäns abzustatten. Die Kommis und ersten Lehrlinge rissen sich fast um diese angesehene Persönlichkeit, aber er kehrte sich nicht an sie, denn heute sprach er nur mit etablierten Häusern. Jetzt stürmte er eilig vom Räderkasten herunter und brachte die Nachricht: „in einer Viertelstunde sind wir in Vegesack.“ „Vegesack!“ wiederholten erfreut alle Zuhörer; denn Vegesack ist die Oase der bremischen Wüste, in Vegesack gibt’s Berge von sechzig Fuß Höhe, und der Bremer spricht wohl von der „Vegesacker Schweiz“. Vegesack liegt nun auch ganz hübsch, oder wie man hier sagt, „niedlich“, oder „süß“, wobei man denn an die letzte, mit Vorteil verkaufte Partie gelben Havannazucker denkt. Der Flecken selbst bietet der Weser eine anmutige Front dar; ehe man hinkommt, sieht man eine Menge Schiffsrümpfe in der Weser liegen, teils ausgediente, teils hier neugebaute. Die Lesum fließt hier in die Weser und bildet mit ihren Hügeln ebenfalls ganz „niedliche“ Ufer, die sogar romantisch sein sollen, wie mich der Schulmeister von Grohn, einem Dorfe bei Vegesack, auf Ehre versicherte. Gleich hinter Vegesack versucht das Sandmeer wirklich, bedeutende Wellen zu schlagen, und senkt sich ziemlich steil in die Weser hinein. Hier liegen die Villen der Bremer Aristokraten, deren Anlagen das Weserufer eine kleine Strecke hin wirklich sehr verschönern. Dann freilich kommt wieder die alte Langeweile. — Ich ging unter das Verdeck und fand in einem kleinen Nebenzimmer der Kajüte eine Schar „erster Lehrlinge“, welche alle Segel aufspannte, um drei hübsche Schneiderstöchter gebührend zu unterhalten; vor der Türe drängte sich eine Schar „Jüngster“, die dem Geschwätz der ersten Lehrlinge gespannt zuhörten; hinter ihnen stand der garde d’honneur der Damen, ein alter Hausfreund, den das Unwesen zu einem ärgerlichen Brummen veranlaßte. Mich langweilte das Gespräch, und so ging ich wieder hinauf und stellte mich auf den Räderkasten. Nichts ist schöner, als so über einer Menge Menschen zu stehen, dem Gedränge zuzuschauen und das Gewirr von Worten zu hören, das ohne Zusammenhang von unten heraufschallt. Man fühlt den frischen Hauch des Windes frischer dort oben, und der Regen, den man freilich auch frischer zu genießen hat, ist wenigstens besser, als die Tropfen, die einem ein Philister mit seinem Schirme in die Kravatte gießt.
Endlich, nach verschiedenen uninteressanten hannöverschen und oldenburgischen Dörfern, wieder eine erfreuliche Abwechselung, der Freihafen Bracke, dessen Häuser und Bäume einen effektvollen Hintergrund zu den auf der Weser liegenden Schiffen bilden. Bis hieher kommen schon größere Seeschiffe, und von hier abwärts hat die Weser, wenn nicht durch Inseln zerrissen, schon eine ansehnliche Breite. — Nach kurzem Aufenthalt fuhr das Dampfschiff weiter, und in anderthalb Stunden waren wir nach beinahe sechsstündiger Fahrt am Ziele. Als das Fort von Bremerhafen vor uns auftauchte, zitierte ein Buchhändler von meiner Bekanntschaft Schiller, der Assekuranzmakler zitierte die Shipping and Mercantile Gazette, ein Kaufmann zitierte die letzte Nummer der Einfuhrliste. Mit einem prächtigen Bogen fuhr das Dampfboot in die Geest, einen kleinen Fluß, der sich bei Bremerhafen in die Weser ergießt. Aber die Passagiere drängten sich, trotz der Ermahnungen des Kapitäns, nach dem Vorderteil des Schiffs, die Ebbe hatte den niedrigsten Stand erreicht, und mit einem Ruck war Roland, der Repräsentant der bremischen Unabhängigkeit, auf den Sand geraten. Die Passagiere zerstreuten sich, die Maschine arbeitete rückwärts und Roland kam glücklich von der Sandbank.
Bremerhafen ist ein junger Ort. 1827 kaufte Bremen von Hannover einen kleinen Strich Landes, und ließ den Hafen mit ungeheuren Kosten dort erbauen. Allmählich zog eine ganze bremische Kolonie hinüber, und noch immer nimmt der Ort an Bevölkerung zu. Darum ist hier alles bremisch, von der Bauart der Häuser bis zu der plattdeutschen Sprache der Einwohner, und der Bremer vom alten Schlage, der sich vielleicht über die außerordentliche Steuer geärgert hat, mit deren Ertrag das Stückchen Land gekauft wurde, kann doch jetzt seine Freude nicht verhehlen, wenn er sieht, wie hier alles so schön, so zweckmäßig, so bremisch ist. — Von der Anfahrt der Dampfschiffe aus hat man gleich den besten Überblick über das Ganze. Ein schöner, breiter Quai, in dessen Mitte das kolossale Hafenhaus in mißlungenem antiken Stil hervorragt; der Hafen in seiner ganzen Länge, mit allen seinen Schiffen; links und jenseits desselben das von hannöverschen Soldaten besetzte kleine Fort, dessen Backsteinmauern nur zu deutlich zeigen, daß es bloß pro forma dasteht. Es ist darum auch ganz konsequent, daß man niemand ins Innere des Forts läßt, eine Erlaubnis, die bei jeder preußischen Festung leicht zu erlangen ist. — Wir gingen im Regen den Quai entlang. Hier und da bot eine Seitenstraße einen Blick in das Innere des Orts; alles rechtwinklig, die Straßen schnurgerade, die Häuser häufig noch im Bau begriffen. Diese moderne Anlage des Orts sticht allein gegen Bremen ab. Die Straßen waren bei dem schlechten Wetter und dem noch nicht beendigten Gottesdienst so still, wie in Bremen.
Ich ging auf eine große Fregatte, deren Verdeck voll Auswanderer stand, die dem Aufwinden der „Jölle“ zusahen. Jölle heißt hier jeder Nachen, der einen Kiel hat und sich dadurch zum Dienst auf der See eignet. Die Leute waren noch fröhlich; sie hatten noch nicht die letzten Schollen des heimischen Bodens betreten. Aber ich habe gesehen, wie nahe es ihnen geht, wenn sie wirklich die deutsche Erde für immer verlassen, wenn das Schiff, mit allen Passagieren an Bord, langsam aus dem Hafen auf die Rhede legt und von da in die offene See hineinsegelt. Es sind fast lauter treue, deutsche Gesichter, ohne Falsch, mit kräftigen Armen, und man braucht nur einen Augenblick unter ihnen zu verweilen, nur die Herzlichkeit zu sehen, mit der sie sich begegnen, um zu erkennen, daß es wahrlich nicht die Schlechtesten sind, die ihr Vaterland verlassen, um sich im Lande der Dollars und der Urwälder anzusiedeln. Der Spruch: Bleibe im Lande und nähre dich redlich, scheint wie für die Deutschen gemacht, und doch ist es nicht so; wer sich redlich nähren will, geht, wenigstens sehr häufig, nach Amerika. Und es ist bei weitem nicht immer Nahrungslosigkeit, geschweige denn Habsucht, was diese Leute in die Ferne treibt; es ist die schwankende Stellung des deutschen Bauern zwischen Leibeigenschaft und Unabhängigkeit, es ist die Erbuntertänigkeit und das Schalten und Walten der Patrimonialgerichte, was dem Landmann sein Essen versäuert und den Schlaf unruhig macht, bis er sich entschließt, sein Vaterland zu verlassen. — Es waren Sachsen, die mit diesem Schiffe hinübergingen. Wir stiegen die Treppe hinab, um das Innere des Schiffes zu betrachten. Die Kajüte war außerordentlich elegant und komfortabel eingerichtet; ein kleines, viereckiges Zimmer, alles elegant, wie in einem Salon der Aristokratie, Mahagoni mit Gold verziert. Vor der Kajüte waren in kleinen niedlichen Zimmerchen die Schlafstätten der Passagiere; daneben schlug aus einer offenen Tür der Schinkenduft der Speisekammer uns entgegen. Wir mußten wieder auf Verdeck, um eine andere Treppe hinab ins Zwischendeck zu gelangen. „Da unten aber ist’s fürchterlich,“ zitierten alle meine Begleiter, als wir wieder hinaufstiegen. Da unten lag die Canaille, die nicht Geld genug hat, um neunzig Taler an eine Überfahrt in der Kajüte zu wenden, das Volk, vor dem man den Hut nicht zieht, dessen Sitten man hier als gemein, dort als ungebildet bezeichnet, die Plebs, die nichts hat, die aber das Beste ist, was ein König in seinem Reiche haben kann, und die namentlich in Amerika das deutsche Prinzip allein aufrecht hält. Die Deutschen in den Städten sind es, die den Amerikanern ihre jämmerliche Verachtung gegen unsere Nationalität beigebracht haben. Der deutsche Kaufmann macht sich eine Ehre daraus, seine Deutschheit wegzuwerfen und ein kompletter Yankeeaffe zu werden. Dieses Zwittergeschöpf ist glücklich, wenn man ihm den Deutschen nicht mehr anmerkt, spricht englisch auch mit seinen Landsleuten, und wenn er wieder nach Deutschland kommt, spielt er erst recht den Yankee. Man hört oft in den Straßen Bremens englisch sprechen, aber man würde sich sehr irren, wenn man jeden, der englisch spricht, für einen Briten oder Yankee halten wollte; wenn diese nach Deutschland kommen, so sprechen sie immer deutsch, um unsere schwere Sprache zu lernen; jene Leute sind immer in Amerika gewesene Deutsche. Der deutsche Bauer allein ist es, vielleicht noch der Handwerker in den Seestädten, der mit eiserner Festigkeit an seiner volksmäßigen Sitte und Sprache klebt, der, durch die Urwälder, die Alleghanygebirge und die großen Ströme von den Yankees geschieden, mitten in den Vereinigten Staaten ein neues, freies Deutschland erbaut; in Kentucky, Ohio und im Westen von Pensylvania sind nur die Städte englisch, während auf dem Lande alles deutsch spricht. Und der Deutsche hat in seinem neuen Vaterlande neue Tugenden gelernt, ohne die alten zu verlieren. Der deutsche Korporationsgeist hat sich hier zu einem ausgebildeten Geiste der politischen, freien Genossenschaft entwickelt, er drängt die Regierung tagtäglich um Einführung der deutschen Sprache als Gerichtssprache in den deutschen Counties, er schafft eine deutsche Zeitung nach der andern, die alle einem besonnenen, ruhigen Streben nach Entwicklung der vorliegenden Freiheitselemente huldigen, und was das beste Zeichen seiner Macht ist, er hat die durch alle Staaten verbreitete Partei der „Native Americans“ hervorgerufen, welche die Einwanderung hindern und dem Eingewanderten die Erlangung des Bürgerrechts erschweren wollen.
„Dort unten aber ist’s fürchterlich.“ Um das ganze Zwischendeck läuft eine Reihe Betten herum, mehrere nebeneinander und je zwei übereinander. Eine drückende Luft herrscht hier, wo Männer, Weiber und Kinder wie die Pflastersteine auf der Straße aneinander gepackt liegen, Kranke neben Gesunden, alles zusammen. Man stolpert jeden Augenblick über einen Haufen Kleider, Geräte u. dgl.; hier schreien kleine Kinder, dort hebt sich ein Kopf aus einem Bette. Es ist ein trauriger Anblick; und wie mag es erst sein, wenn ein anhaltender Sturm alles übereinander wirft und die Wellen übers Verdeck jagt, so daß die Luke, die allein noch frische Luft hereinläßt, nicht geöffnet werden kann! Und auf den bremischen Schiffen ist alles noch am menschlichsten eingerichtet. Wie es den meisten ergeht, die über Havre gehen, ist bekannt. Wir besuchten nach diesem noch ein anderes, amerikanisches Schiff; es wurde gerade gekocht, und als eine deutsche Frau, die dabeistand, die schlechten Speisen und die noch schlechtere Zubereitung sah, sagte sie unter bittern Tränen: wenn sie das gewußt hätte, wäre sie lieber zu Hause geblieben.
Wir gingen in den Gasthof zurück. Die Primadonna unseres Theaters saß mit ihrem Gemahl, dem ultimo uomo desselben, und mehreren andern Schauspielern in einem Winkel; die übrige Gesellschaft war sehr unbedeutend, und so griff ich nach einigen Drucksachen, die auf dem Tische lagen, und von denen ein Jahresbericht über den bremischen Handel das Interessanteste war. Ich ergriff ihn und las folgende Stellen: „Kaffee im Sommer und Herbst gefragt, bis gegen den Winter flauere Zustände aufkamen. Zucker genoß fortwährender Abnahme, jedoch kam die eigentliche Idee dafür erst mit den größern Zufuhren.“ Was soll ein armer Literat dazu sagen, wenn er sieht, wie die Ausdrucksweise nicht nur der modernen Belletristik, sondern auch der Philosophie den Stil der Mäkler durchdringt! Zustände und Ideen in einem Handelsbericht — wer hätte das erwartet! Ich schlug um und fand die Bezeichnung: „Superfein mittel gut ordinär reeller Domingo-Kaffee.“ Ich fragte den anwesenden Kommis eines der ersten Bremer Rheder, was diese superfeine Bezeichnung sagen wolle. Er antwortete: „Sehen Sie diese Probe an, die ich eben von einer für uns angekommenen Ladung gezogen habe; darauf wird jene Benennung ungefähr passen.“ Da fand ich denn, daß superfein mittel gut ordinär reeller Domingo-Kaffee ein Kaffee von der Insel Hayti ist, von blaßgraugrüner Farbe, und wovon das Pfund aus fünfzehn Lot guten, zehn Lot schwarzen Bohnen und sieben Lot Staub, Steinchen und anderem Unrat besteht. Ich ließ mich so noch in mehrere Mysterien des Hermes einweihen, und vertrieb mir damit die Zeit bis gegen Mittag, wo wir ein sehr mittelmäßiges Mahl einnahmen, und durch die Glocke dann wieder aufs Dampfboot gerufen wurden. Der Regen ließ endlich nach, und kaum hatte das Schiff aus der Geest „gelegt“, so brachen die Wolken auseinander und die Sonnenstrahlen fielen licht und wärmend auf unsere noch immer feuchten Kleider. Zu allgemeiner Verwunderung aber fuhr das Schiff nicht stromaufwärts, sondern die Rhede hinab, wo ein stolzer Dreimaster eben geankert hatte. Wir waren kaum in die Mitte der Strömung gekommen, als die Wellen größer wurden und das Schiff merklich zu schwanken anfing. Wer, der jemals auf der See war, fühlt sein Herz nicht höher schlagen, wenn er dieses Zeichen von der Nähe des Meeres spürt! Man glaubt einen Augenblick, es gehe wieder hinaus in die freie rauschende See, zu dem tiefklaren Grün der Wogen, mitten hinein in das wunderbare Licht, das Sonne, Himmelblau und Meer vereint erzeugen; man beginnt unwillkürlich wieder, die Bewegung des Schiffs balancierend mitzumachen. Die Damen waren indes anderer Meinung, sahen sich erschrocken an und wurden bleich, während das Dampfboot „in a gallant style“, wie die Engländer sagen, einen Halbkreis um das neu angekommene Schiff beschrieb und den Kapitän desselben aufnahm. Der Assekuranzmäklergehülfe erklärte eben einigen Herrn, die sich vergebens am Bug nach dem Namen des Schiffs umgesehen hatten, daß dieses laut seiner Flaggennummer die Maria, Kapitän Ruyter, und laut der Lloydsliste unter dem und dem Tage von Trinidad de Cuba gesegelt sei, als der Kapitän die Treppe des Dampfboots heraufstieg. Unser Assekuranzmäkler ging ihm entgegen, schüttelte ihm mit Protektormiene die Hand und erkundigte sich nach seiner Überfahrt, nach der Ladung, und verführte überhaupt einen langen plattdeutschen Diskurs mit ihm, während ich den Schmeicheleien zuhörte, die der Buchhändler an die halb naiven, halb koketten Schneiderstöchter verschwendete.
Die Sonne ging in voller Glorie unter. Eine glühende Kugel hing sie in einem Netze von Wolkenstreifen, dessen Fäden schon zu brennen schienen, so daß man jeden Augenblick hätte erwarten sollen: jetzt, jetzt hat sie das Netz durchgebrannt und fällt zischend in den Strom! Aber ruhig sank sie hinter eine Baumgruppe, die Mosis feurigem Dornbusche glich. Wahrlich, hier wie dort spricht Gott mit lauter Stimme! Doch das heisere Gekrächz eines Bremer Oppositionsmannes bemühte sich, ihn zu überschreien; der kluge Mann plagte sich, seinem Nachbar zu beweisen, wie es weit klüger gewesen wäre, statt den Bremerhafen zu bauen, das Fahrwasser der Weser auch für größere Schiffe auszutiefen. Leider geht hier die Opposition nur zu oft mehr aus einem Neide gegen die Macht der Patrizier hervor, als aus dem Bewußtsein, daß die Aristokratie dem vernünftigen Staate widerstrebe; und dabei ist sie so beschränkt, daß ebenso schwer mit ihr über die bremischen Angelegenheiten zu sprechen ist, wie mit den strengen Anhängern des Senats. — Beide Parteien überzeugen einen immer mehr, daß so kleine Staaten, wie Bremen, sich überlebt haben, und selbst in einem mächtigen Staatenverbande ein nach außen hin gedrücktes und nach innen phlegmatisch-alterschwaches Leben führen müssen. — Jetzt waren wir dicht an Bremen. Der lange Ansgariuskirchturm, an den sich unsere „kirchlichen Wirren“ knüpften, stieg aus Moor und Heide auf, und bald waren wir an den hohen Warenlagern, welche die rechte Weserseite einfassen.